Diesseits, Erzählungen
Aus Kinderzeiten
Inhalt
Aus Kinderzeiten Seite 9
Die Marmorsäge „ 47
Heumond „ 109
Der Lateinschüler „ 185
Eine Fußreise im Herbst „ 253
Aus Kinderzeiten
Der ferne braune Wald hat seit wenigen Tagen einen heiteren Schimmer von
jungem Grün; am Lettensteg fand ich heute die erste halberschlossene
Primelblüte; am feuchten klaren Himmel träumen die sanften Aprilwolken und
die weiten, kaum gepflügten Äcker sind so glänzend braun und breiten sich der
lauen Luft so verlangend entgegen, als hätten sie Sehnsucht, zu empfangen und
zu treiben und ihre stummen Kräfte in tausend grünen Keimen und
aufstrebenden Halmen zu erproben, zu fühlen und wegzuschenken. Alles wartet,
alles bereitet sich vor, alles träumt und sproßt in einem feinen, zärtlich
drängenden Werdefieber — der Keim der Sonne, die Wolke dem Acker, das
junge Gras den Lüften entgegen. Von Jahr zu Jahr steh’ ich um diese Zeit mit
Ungeduld und Sehnsucht auf der Lauer, als müßte ein besonderer Augenblick
mir das Wunder der Neugeburt erschließen, als müsse es geschehen, daß ich
einmal, eine Stunde lang, die Offenbarung der Kraft und der Schönheit ganz
sähe und begriffe und miterlebte, wie das Leben lachend aus der Erde springt
und junge große Augen zum Lichte aufschlägt. Jahr für Jahr auch tönt und duftet
das Wunder an mir vorbei, geliebt und angebetet — und unverstanden; es ist da
und ich sah es nicht kommen, ich sah nicht die Hülle des Keimes brechen und
den zarten ersten Quell im Lichte zittern. Blumen stehen plötzlich allerorten,
Bäume glänzen mit lichtem Laube oder mit schaumig weißer Blust, und Vögel
werfen sich jubelnd in schönen Bogen durch die warme Bläue. Das Wunder ist
erfüllt, ob ich es auch nicht gesehen habe, Wälder wölben sich und ferne Gipfel
rufen, und es ist Zeit, Stiefel und Tasche, Angelstock und Ruderzeug zu rüsten
und sich mit allen Sinnen des jungen Jahres zu freuen, das jedesmal schöner ist
als es jemals war, und das jedesmal eiliger zu schreiten scheint. — Wie lang, wie
unerschöpflich lang ist ein Frühling vorzeiten gewesen, als ich noch ein Knabe
war!
Und wenn die Stunde es gönnt und mein Herz guter Dinge ist, leg ich mich
lang ins feuchte Gras oder klettere den nächsten tüchtigen Stamm hinan, wiege
mich im Geäste, rieche den Knospenduft und das frische Harz, sehe Zweigenetz
und Grün und Blau sich über mir verwirren und trete traumwandelnd als ein
stiller Gast in den seligen Garten meiner Knabenzeit. Das gelingt so selten und
ist so köstlich, einmal wieder sich dort hinüberzuschwingen und die klare
Morgenluft der ersten Jugend zu atmen und noch einmal, für Augenblicke, die
Welt so zu sehen wie sie aus Gottes Händen kam und wie wir alle sie in
Kinderzeiten gesehen haben, da in uns selber das Wunder der Kraft und der
Schönheit sich entfaltete.
Ich bin wahrlich heute und jeden Tag der Welt und meines Lebens froh, aber
auch ein Glücklicher kann sich den Glanz nicht völlig bewahren, den sein Auge
in Kinderzeiten über der Erde sah. Da stiegen die Bäume so freudig und trotzig
in die Lüfte, da sproß im Garten Narziß und Hyazinth so glanzvoll schön; und
die Menschen, die wir noch so wenig kannten, begegneten uns zart und gütig,
weil sie auf unserer glatten Stirn noch den Hauch des Göttlichen fühlten, von
dem wir nichts wußten und das uns ungewollt und ungewußt im Drang des
Wachsens abhanden kam. Was war ich für ein wilder und ungebändigter Bub,
wieviel Sorgen hat der Vater von klein auf um mich gehabt und wieviel Angst
und Seufzen die Mutter! — und doch lag auch auf meiner Stirne Gottes Glanz,
und was ich ansah, war schön und lebendig, und in meinen Gedanken und
Träumen, auch wenn sie gar nicht frommer Art waren, gingen Engel und
Wunder und Märchen geschwisterlich hin und wider. Das geht doch nicht ganz
verloren, und wenn einer seine Kindheit lieb hat und sich je und je bei ihr zu
Gaste ladet, den Staub von sich streift und sich ohne Gedanken wieder in ihre
Wildnisse verliert, der hört noch einmal Quellen reden und Wolken singen, sieht
das Licht der Sonne gütig sich zur Erde neigen und alle Dinge mit einem Duft
von Schönheit und Märchen umgeben. Und viel reicher und mächtiger und
schöner könnten wir alle sein, wenn wir häufiger auf jenen Pfaden gingen und
fester an dem goldenen Bande hielten, das uns mit der Kindheit und mit allen
Quellen unserer Kräfte zusammenhält.
Mir ist aus Kinderzeiten her mit dem Geruch des frischgepflügten
Ackerlandes und mit dem keimenden Grün der Wälder eine Erinnerung
verknüpft, die mich in jedem Frühling heimsucht und mich nötigt, jene
halbvergessene und unbegriffene Zeit für Stunden wieder zu leben. Auch jetzt
denke ich daran und will versuchen, wenn es möglich ist, davon zu erzählen.
In unserer Schlafkammer waren die Läden zu, und ich lag im Dunkel halbwach,
hörte meinen kleinen Bruder neben mir in festen, gleichen Zügen atmen und
wunderte mich wieder darüber, daß ich bei geschlossenen Augen statt des
schwarzen Dunkels lauter Farben sah, violette und trübdunkelrote Kreise, die
beständig weiter wurden und in die Finsternis zerflossen und beständig von
innen her quellend sich erneuerten, jeder von einem dünnen gelben Streifen
umrändert. Auch horchte ich auf den Wind, der von den Bergen her in lauen,
lässigen Stößen kam und weich in den großen Pappeln wühlte und sich zuzeiten
schwer gegen das ächzende Dach lehnte. Es tat mir wieder leid, daß Kinder
nachts nicht aufbleiben und hinausgehen oder wenigstens am Fenster sein dürfen, und ich dachte an eine Nacht, in der die Mutter vergessen hatte, die
Läden zu schließen.
Da war ich mitten in der Nacht aufgewacht und leise aufgestanden und mit
Zagen ans Fenster gegangen, und vor dem Fenster war es seltsam hell, gar nicht
schwarz und todesfinster, wie ich mir vorgestellt hatte. Es sah alles dumpf und
verwischt und traurig aus, große Wolken stöhnten über den ganzen Himmel, und
die bläulich-schwarzen Berge schienen mitzufluten, als hätten sie alle Angst und
strebten davon, um einem nahenden Unglück zu entrinnen. Die Pappeln
schliefen und sahen ganz matt aus wie etwas Totes oder Erloschenes, auf dem
Hof aber stand wie sonst die Bank und der Brunnentrog und der junge
Kastanienbaum, auch sie ein wenig müd und trüb. Ich wußte nicht, ob es kurz
oder lang war, daß ich im Fenster saß und in die bleiche verwandelte Welt
hinüberschaute; da fing in der Nähe ein Tier zu klagen an, ängstlich und
weinerlich. Es konnte ein Hund oder auch ein Schaf oder Kalb sein, das erwacht
war und im Dunkeln Angst verspürte. Sie faßte auch mich und ich floh in die
Kammer und in mein Bett zurück, ungewiß ob ich weinen sollte oder nicht. Aber
ehe ich dazu kam, war ich eingeschlafen.
Das alles lag jetzt wieder rätselhaft und lauernd draußen, hinter den
verschlossenen Läden, und es wäre so schön und gefährlich gewesen wieder
hinauszusehen. Ich stellte mir die trüben Bäume wieder vor, das müde,
ungewisse Licht, den verstummten Hof, die samt den Wolken fortfliehenden
Berge, die fahlen Streifen am Himmel und die bleiche, undeutlich in die graue
Weite verschimmernde Landstraße. Da schlich nun in einen großen, schwarzen
Mantel verhüllt ein Dieb, oder ein Mörder, oder war jemand verirrt und lief dort
hin und her, von der Nacht geängstigt und von Tieren verfolgt. Es war vielleicht
ein Knabe, so alt wie ich, der verloren gegangen oder fortgelaufen oder geraubt
worden oder ohne Eltern war, und wenn er auch Mut hatte, so konnte doch der
nächste Nachtgeist ihn umbringen oder der Wolf ihn holen. Vielleicht nahmen
ihn auch Räuber mit in den Wald, und er wurde selber ein Räuber, bekam ein
Schwert oder eine zweiläufige Pistole, einen großen Hut und hohe Reiterstiefel.
Von hier war es nur noch ein Schritt, ein willenloses Sichfallenlassen, und ich
stand im Träumeland und konnte alles mit Augen sehen und mit Händen
anfassen, was jetzt noch Erinnerung und Gedanke und Phantasie war.
Ich schlief aber nicht ein, denn in diesem Augenblick floß durch das
Schlüsselloch der Kammertür, aus der Schlafstube der Eltern her, ein dünner,
roter Lichtstrom zu mir herein, füllte die Dunkelheit mit einer schwachen
zitternden Ahnung von Licht und malte auf die plötzlich matt aufschimmernde
Tür des Kleiderkastens einen gelben, zackigen Fleck. Ich wußte, daß jetzt der
Vater ins Bett ging. Sachte hörte ich ihn in Strümpfen herumlaufen, und gleich darauf vernahm ich auch seine gedämpfte tiefe Stimme. Er sprach noch ein
wenig mit der Mutter.
„Schlafen die Kinder?“ hörte ich ihn fragen.
„Ja, schon lang,“ sagte die Mutter, und ich schämte mich, daß ich nun doch
wach war. Dann war es eine Weile still, aber das Licht brannte fort. Die Zeit
wurde mir lang, und der Schlummer wollte mir schon bis in die Augen steigen,
da fing die Mutter noch einmal an.
„Hast auch nach dem Brosi gefragt?“
„Ich hab’ ihn selber besucht,“ sagte der Vater. „Am Abend bin ich dort
gewesen. Der kann einem leid tun.“
„Geht’s denn so schlecht?“
„Ganz schlecht. Du wirst sehen, wenn’s Frühjahr kommt, wird es ihn
wegnehmen; das ist eine böse Jahreszeit. Ich meine als, er hat schon den Tod im
Gesicht.“
„Was denkst du,“ sagte die Mutter, „soll ich den Buben einmal hinschicken?
Es könnt’ vielleicht gut tun.“
„Wie du willst,“ meinte der Vater, „aber nötig ist’s nicht. Was versteht so ein
klein Kind davon?“
„Also gut Nacht.“
„Ja, gut Nacht.“
Das Licht ging aus, die Luft hörte auf zu zittern, Boden und Kastentür waren
wieder dunkel, und wenn ich die Augen zumachte, konnte ich wieder violette
und dunkelrote Ringe mit einem gelben Rand wogen und wachsen sehen.
Aber während die Eltern einschliefen und alles stille war, arbeitete meine
plötzlich erregte Seele mächtig in die Nacht hinein. Das halbverstandene
Gespräch war in sie gefallen wie eine Frucht in den Teich, und nun liefen
schnellwachsende Kreise eilig und ängstlich über sie hinweg und machten sie
vor banger Neugierde zittern.
Der Brosi, von dem die Eltern gesprochen hatten, war fast aus meinem
Gesichtskreis verloren gewesen, höchstens war er noch eine matte, beinahe
schon verglühte Erinnerung. Nun rang er sich, dessen Namen ich kaum mehr
gewußt hatte, langsam kämpfend empor und wurde wieder zu einem lebendigen
Bilde. Zuerst wußte ich nur, daß ich diesen Namen früher einmal oft gehört und
selber gerufen habe. Dann fiel ein Herbsttag mir ein, an dem ich von jemand
Äpfel geschenkt bekommen hatte. Da erinnerte ich mich, daß das Brosis Vater
gewesen sei, und da wußte ich plötzlich alles genau wieder, zuerst mit Freude,
dann mit Unbehagen — vielleicht weil ich mich schämte, so lang nicht mehr
daran gedacht zu haben.
Ich sah also einen hübschen Knaben, ein Jahr älter, aber nicht größer als ich, der hieß Brosi. Vielleicht vor einem Jahre war sein Vater unser Nachbar und der
Bub mein Kamerad geworden; doch reichte mein Gedächtnis nimmer dahin
zurück, und der Anfang unserer Freundschaft schien mir unendlich weit im
unermeßlichen Raum zu liegen. Ich sah ihn wieder deutlich: er trug eine
gestrickte blaue Wollenkappe mit zwei merkwürdigen Hörnern, und er hatte
immer Äpfel oder Schnitzbrot im Sack, und er hatte gewöhnlich einen Einfall
und ein Spiel und einen Vorschlag parat, wenn es anfangen wollte langweilig zu
werden. Er trug eine Weste, auch werktags, worum ich ihn sehr beneidete, und
früher hatte ich ihm fast gar keine Kraft zugetraut, aber da hieb er einmal den
Schmiedsbarzle vom Dorf, der ihn wegen seiner Hörnerkappe verhöhnte (und
die Kappe war von seiner Mutter gestrickt), jämmerlich durch, und dann hatte
ich eine Zeitlang Angst vor ihm, natürlich nur ein klein wenig, und er war ja
auch fast ein Jahr älter. Er besaß einen zahmen Raben, der hatte aber im Herbst
zu viel junge Kartoffeln ins Futter bekommen und war gestorben, und wir hatten
ihn beim Haftanger begraben. Der Sarg war eine Schachtel, aber sie war zu klein
und der Deckel ging nimmer drüber, und ich hielt eine Grabrede wie ein Pfarrer,
und als der Brosi dabei anfing zu weinen, mußte mein kleiner Bruder lachen; da
schlug ihn der Brosi, da schlug ich ihn wieder, der Kleine heulte und wir liefen
auseinander, und nachher kam Brosis Mutter zu uns herüber und sagte, es täte
ihm leid, und wenn wir morgen nachmittag zu ihr kommen wollten, so gäbe es
Kaffee und Hefenkranz, er sei schon im Ofen. Und bei dem Kaffee erzählte der
Brosi uns eine Geschichte, die fing mitten drin immer wieder von vorne an, und
obwohl ich die Geschichte nie behalten konnte, mußte ich doch lachen, so oft ich
daran dachte.
Das war aber nur der Anfang. Es fielen mir zu gleicher Zeit tausend
Erlebnisse ein, alle aus dem Sommer und Herbst, wo Brosi mein Kamerad
gewesen war, und alle hatte ich in den paar Monaten, seit er nimmer kam, so gut
wie vergessen. Nun drangen sie von allen Seiten her, wie Vögel, wenn man im
Winter Körner wirft, alle zugleich, ein ganzes Gewölk.
Es fiel mir der glänzende Herbsttag wieder ein, an dem des Dachtelbauers
Turmfalk aus der Remise durchgegangen war. Der beschnittene Flügel war ihm
gewachsen, das messingene Fußkettlein hatte er durchgerieben und den engen
finsteren Schuppen verlassen. Jetzt saß er dem Haus gegenüber ruhig auf einem
Apfelbaum, und wohl ein Dutzend Leute stand auf der Straße davor, schaute
hinauf und redete und machte Vorschläge. Da war uns Buben sonderbar
beklommen zumute, dem Brosi und mir, wie wir mit allen anderen Leuten
dastanden und den Vogel anschauten, der still im Baume saß und scharf und
kühn herabäugte. „Der kommt nicht wieder,“ rief einer. Aber der Knecht Gottlob
sagte: „Fliegen wann er noch könnt’, dann wär er schon lang über Berg und Tal.“ Der Falk probierte, ohne den Ast mit den Krallen loszulassen, mehrmals seine
großen Flügel; wir waren schrecklich aufgeregt, und ich wußte selber nicht, was
mich mehr freuen würde, wenn man ihn finge oder wenn er davonkäme.
Schließlich wurde vom Gottlob eine Leiter angelegt, der Dachtelbauer stieg
selber hinauf und streckte die Hand nach seinem Falken aus. Da ließ der Vogel
den Ast fahren und fing an, stark mit den Flügeln zu flattern. Da schlug uns
Knaben das Herz so laut, daß wir kaum atmen konnten; wir starrten bezaubert
auf den schönen, flügelschlagenden Vogel, und dann kam der herrliche
Augenblick, daß der Falk ein paar große Stöße tat, und wie er sah, daß er noch
fliegen konnte, stieg er langsam und stolz in großen Kreisen höher und höher in
die blaue Luft, bis er so klein wie eine Feldlerche war und still im flimmernden
Himmel verschwand. Wir aber, als die Leute schon lang verlaufen waren,
standen noch immer da, hatten die Köpfe nach oben gestreckt und suchten den
ganzen Himmel ab, und da tat der Brosi plötzlich einen hohen Freudensatz in die
Luft und schrie dem Vogel nach: „Flieg du, flieg du, jetzt bist du wieder frei.“
Auch an den Karrenschuppen des Nachbars mußte ich denken. In dem
hockten wir, wenn es so recht herunterregnete, im Halbdunkel
beisammengekauert, hörten dem Klingen und Tosen des Platzregens zu und
betrachteten den Hofboden, wo Bäche, Ströme und Seen entstanden und sich
ergossen und durchkreuzten und veränderten. Und einmal, als wir so hockten
und lauschten, fing der Brosi an und sagte: „Du, jetzt kommt die Sündflut, was
machen wir jetzt? Also alle Dörfer sind schon ertrunken, das Wasser geht jetzt
schon bis an den Wald.“ Da dachten wir uns alles aus, spähten im Hof umher,
horchten auf den schüttenden Regen und vernahmen darin das Brausen ferner
Wogen und Meeresströmungen. Ich sagte, wir müßten ein Floß aus vier oder
fünf Balken machen, das würde uns zwei schon tragen. Da schrie mich der Brosi
aber an: „So, und dein Vater und die Mutter, und mein Vater und meine Mutter,
und die Katz und dein Kleiner? Die nimmst nicht mit?“ Daran hatte ich in der
Aufregung und Gefahr freilich nicht gedacht, und ich log zur Entschuldigung:
„Ja, ich hab mir gedacht, die seien alle schon untergegangen.“ Er aber wurde
nachdenklich und traurig, weil er sich das deutlich vorstellte, und dann sagte er:
„Wir spielen jetzt was anderes.“
Und damals, als sein armer Rabe noch am Leben war und überall
herumhüpfte, hatten wir ihn einmal in unser Gartenhaus mitgenommen, wo er
auf den Querbalken gesetzt wurde und hin und her lief, weil er nicht herunter
konnte. Ich streckte ihm den Zeigefinger hin und sagte im Spaß: „Da, Jakob,
beiß!“ Da hackte er mich in den Finger. Es tat nicht besonders weh, aber ich war
zornig geworden und schlug nach ihm und wollte ihn strafen. Der Brosi packte
mich aber um den Leib und hielt mich fest, bis der Vogel, der in der Angst vom Balken heruntergeflügelt war, sich hinausgerettet hatte. „Laß mich los,“ schrie
ich, „er hat mich gebissen,“ und rang mit ihm.
„Du hast selber zu ihm gesagt: Jakob beiß!“ rief der Brosi und erklärte mir
deutlich, der Vogel sei ganz in seinem Recht gewesen. Ich war ärgerlich über
seine Schulmeisterei, sagte „meinetwegen“ und beschloß aber im stillen, mich
ein anderes Mal an dem Raben zu rächen.
Nachher, als Brosi schon aus dem Garten und halbwegs daheim war, rief er
mir noch einmal und kehrte um, und ich wartete auf ihn. Er kam her und sagte:
„Du, gelt du versprichst mir ganz gewiß, daß du dem Jakob nichts mehr tust?“
Und als ich keine Antwort gab und trotzig war, versprach er mir zwei große
Äpfel, und ich nahm an, und dann ging er heim.
Gleich darauf wurden auf dem frühesten Baum in seines Vaters Garten die
ersten Jakobiäpfel reif; da gab er mir die versprochenen zwei Äpfel von den
schönsten und größten. Ich schämte mich jetzt und wollte sie nicht gleich
annehmen, bis er sagte: „Nimm doch, es ist ja nicht mehr wegen dem Jakob; ich
hätt’ sie dir auch so gegeben, und dein Kleiner kriegt auch einen.“ Dann nahm
ich sie.
Aber einmal waren wir den ganzen Nachmittag auf dem Wiesenland
herumgesprungen und dann in den Wendelswald hineingegangen, wo unter dem
Gebüsch ein schönes weiches Moos wuchs. Wir waren müd und setzten uns auf
den Boden. Ein paar Fliegen sumsten über einem Pilz, und allerlei Vögel flogen;
von denen kannten wir einige, die meisten aber nicht; auch hörten wir einen
Specht fleißig klopfen, und es wurde uns ganz wohl und froh zumute, so daß wir
fast gar nichts zueinander sagten, und nur wenn einer etwas Besonderes entdeckt
hatte, deutete er dorthin und zeigte es dem andern. In dem überwölbten grünen
Raume floß ein grünes mildes Licht, während der Waldgrund in die Weite sich in
ahnungsvolle braune Dämmerung verlor. Was sich dort hinten regte,
Blättergeräusch oder Vogelschlag, das kam aus verzauberten Märchengründen
her, klang mit geheimnisvoll fremdem Ton und konnte viel bedeuten.
Weil es dem Brosi zu warm vom Laufen war, zog er seine Jacke aus und dann
auch noch die Weste, und legte sich ganz ins Moos hin. Da kam es, daß er sich
umdrehte und sein Hemd ging am Halse auf und ich erschrak mächtig, denn ich
sah über seine weiße Schulter eine lange rote Narbe hinlaufen. Gleich wollte ich
ihn ausfragen, wo denn die Narbe herkäme, und freute mich schon auf eine
rechte Unglücksgeschichte; aber wer weiß wie es kam, ich mochte auf einmal
doch nicht fragen und tat so, als hätte ich gar nichts gesehen. Jedoch zugleich tat
mir Brosi mit seiner großen Narbe furchtbar leid, sie hatte sicher schrecklich
geblutet und weh getan, und ich faßte in diesem Augenblick eine viel stärkere
Zärtlichkeit zu ihm als früher, konnte aber nichts sagen. Also gingen wir später miteinander aus dem Wald und kamen heim, dann holte ich in der Stube meine
beste Kugelbüchse aus einem dicken Stück Holderstamm, die hatte mir der
Knecht einmal gemacht, und ging wieder hinunter und schenkte sie dem Brosi.
Er meinte zuerst, es sei ein Spaß, dann aber wollte er sie nicht nehmen und legte
sogar die Hände auf den Rücken, und ich mußte ihm die Büchse in die Tasche
stecken.
Und eine Geschichte um die andere, alle kamen mir wieder. Auch die vom
Tannenwald, der stand auf der anderen Seite vom Bach, und einmal war ich mit
meinem Kameraden hinübergegangen, weil wir gern die Rehe gesehen hätten.
Wir traten in den weiten Raum, auf den glatten braunen Boden zwischen den
himmelhohen geraden Stämmen, aber so weit wir liefen, wir fanden kein
einziges Reh. Dafür sahen wir eine Menge große Felsenstücke zwischen den
bloßen Tannenwurzeln liegen, und fast alle diese Steine hatten Stellen, wo ein
schmales Büschelchen helles Moos auf ihnen wuchs, wie kleine grüne Male. Ich
wollte so ein Moosplätzchen abschälen, es war nicht viel größer als eine Hand.
Aber der Brosi sagte schnell: „Nein, laß es dran!“ Ich fragte warum, und er
erklärte mir: „Das ist, wenn ein Engel durch den Wald geht, dann sind das seine
Tritte; überall wo er hintritt, wächst gleich so ein Moosplatz in den Stein.“ Nun
fragte ich weiter, und wir vergaßen die Rehe und warteten, ob vielleicht gerade
ein Engel käme. Wir blieben stehen und paßten auf; im ganzen Wald war eine
Todesstille und auf dem braunen Boden fackelten helle Sonnenflecken, in der
Ferne gingen die senkrechten Stämme wie eine hohe rote Säulenwand
zusammen, in der Höhe stand hinter den dichten schwarzen Kronen der blaue
Himmel schön und ernst. Ein ganz schwaches kühles Wehen lief unhörbar hin
und wieder vorüber. Da wurden wir beide bang und feierlich, weil es so ruhig
und einsam war und weil vielleicht bald ein Engel kam, und wir gingen nach
einer Weile ganz still und schnell miteinander weg, an den vielen Steinen und
Stämmen vorbei und aus dem Wald hinaus. Als wir wieder auf der Wiese und
über dem Bach waren, sahen wir noch eine Zeitlang hinüber, dann liefen wir
schnell nach Haus.
Später hatte ich noch einmal mit dem Brosi Streit, dann versöhnten wir uns
wieder. Es ging schon gegen den Winter hin, da hieß es, der Brosi sei krank und
ob ich nicht zu ihm gehen wollte. Ich ging auch ein- oder zweimal, da lag er im
Bett und sagte fast gar nichts, und es war mir bang und langweilig, obgleich
seine Mutter mir eine halbe Orange schenkte. Und dann kam nichts mehr; ich
spielte mit meinem Bruder und mit dem Löhnersnikel oder mit den Mädchen,
und so ging eine lange, lange Zeit vorbei. Es fiel Schnee und schmolz wieder
und fiel noch einmal; der Bach fror zu, ging wieder auf und war braun und weiß
und machte eine Überschwemmung und brachte vom Obertal eine ertrunkene Sau und eine Menge Holz mit; es wurden kleine Hühner geboren und drei davon
starben hintereinander weg; mein Brüderlein wurde krank und wurde wieder
gesund; es war in den Scheuern gedroschen und in den Stuben gesponnen
worden, und jetzt wurden die Felder wieder gepflügt, alles ohne den Brosi. So
war er ferner und ferner geworden und am Ende verschwunden und von mir
vergessen worden — bis jetzt, bis auf diese Nacht, wo das rote Licht durchs
Schlüsselloch floß und ich den Vater zur Mutter sagen hörte: „Wenn’s Frühjahr
kommt, wird’s ihn wegnehmen.“
Unter vielen sich verwirrenden Erinnerungen und Gefühlen schlief ich ein,
und vielleicht wäre schon am nächsten Tage im Drang des Erlebens das kaum
erwachte Gedächtnis an den entschwundenen Spielgefährten wieder
untergesunken und wäre dann vielleicht nie mehr in der gleichen, frischen
Schönheit und Stärke zurückgekommen. Aber gleich beim Frühstück fragte mich
die Mutter: „Denkst du auch noch einmal an den Brosi, der immer mit euch
gespielt hat?“
Da rief ich „ja“, und sie fuhr fort mit ihrer guten Stimme: „Im Frühjahr, weißt
du, wäret ihr beide miteinander in die Schule gekommen, wenn er auch ein Jahr
älter ist. Aber jetzt ist er so krank, daß es vielleicht nichts damit sein wird. Willst
du einmal zu ihm gehen?“
Sie sagte das so ernsthaft und ich dachte an das, was ich in der Nacht den
Vater hatte sagen hören, und ich fühlte ein Grauen, aber zugleich eine angstvolle
Neugierde. Der Brosi sollte, nach des Vaters Worten, den Tod im Gesicht haben,
und das schien mir unsäglich grauenhaft und wunderbar.
Ich sagte wieder „ja“, und die Mutter schärfte mir ein: „Denk dran, daß er so
krank ist! Du kannst jetzt nicht mit ihm spielen und darfst kein Lärmen
verführen.“
Ich versprach alles und bemühte mich schon jetzt ganz still und bescheiden zu
sein, und noch am gleichen Morgen ging ich hinüber. Vor dem Hause, das ruhig
und ein wenig feierlich hinter seinen beiden kugelrund geschnittenen, kahlen
Kastanienbäumen im kühlen Vormittagslichte lag, blieb ich stehen und wartete
eine Weile, horchte in die Flur hinein und bekam fast Lust, wieder heimzulaufen.
Da faßte ich mir ein Herz, stieg schnell die drei roten Steinstufen hinauf und
durch die offenstehende Türhälfte, sah mich im Gehen um und klopfte an die
nächste Tür. Des Brosi Mutter war eine kleine, flinke und sanfte Frau, die kam
heraus und hob mich auf und gab mir einen Kuß, und dann fragte sie: „Hast du
zum Brosi kommen wollen?“
Es ging nicht lang, so stand sie im oberen Stockwerk vor einer weißen
Kammertür und hielt mich an der Hand. Auf diese ihre Hand, die mich zu den
dunkel vermuteten grauenhaften Wunderdingen führen sollte, sah ich nicht anders als auf die eines Engels oder eines Zauberers. Das Herz schlug mir
geängstigt und ungestüm wie ein Warner, und ich zögerte nach Kräften und
strebte zurück, so daß die Frau mich fast in die Stube ziehen mußte. Es war eine
große, helle und behaglich nette Kammer; ich stand verlegen und grausend an
der Tür und schaute auf das lichte Bett hin, bis die Frau mich hinzuführte. Da
drehte der Brosi sich zu uns herum.
Und ich blickte aufmerksam in sein Gesicht, das war schmal und spitzig, aber
den Tod konnte ich nicht darin sehen, sondern nur ein feines Licht, und in den
Augen etwas Ungewohntes, gütig Ernstes und Geduldiges, bei dessen Anblick
mir ähnlich ums Herz ward, wie bei jenem Stehen und Lauschen im
schweigenden Tannenwald, da ich in banger Neugierde den Atem anhielt und
Engelsschritte in meiner Nähe vorbeigehen spürte.
Der Brosi nickte ganz erfreut und heiter und streckte mir eine Hand hin, die
heiß und trocken und abgezehrt war. Seine Mutter streichelte ihn, nickte mir zu
und ging wieder aus der Stube; so stand ich allein an seinem kleinen hohen Bett
und sah ihn an, und eine Zeitlang sagten wir beide kein Wort.
„So, bist du’s denn noch?“ sagte dann der Brosi.
Und ich: „Ja, und du auch noch?“
Und er: „Hat dich deine Mutter geschickt?“
Ich nickte.
Er war müde und ließ jetzt den Kopf wieder auf das Kissen fallen. Ich wußte
gar nichts zu sagen, nagte an meiner Mützentroddel und sah ihn nur immer an,
und er mich, bis er lächelte und zum Scherz die Augen schloß.
Da schob er sich ein wenig auf die Seite, und wie er es tat, sah ich plötzlich
unter den Hemdknöpfen durch den Ritz etwas Rotes schimmern, das war die
große Narbe auf seiner Schulter, und als ich die gesehen hatte, mußte ich auf
einmal heulen.
„Ja, was hast du denn?“ fragte er gleich.
Ich konnte keine Antwort geben, weinte weiter und wischte mir die Backen
mit der rauhen Mütze ab, bis es weh tat.
„Sag’s doch. Warum weinst du?“
„Bloß weil du so krank bist,“ sagte ich jetzt. Aber das war nicht die
eigentliche Ursache. Es war nur eine Woge von heftiger und mitleidiger
Zärtlichkeit, wie ich sie schon früher einmal gespürt hatte, die quoll plötzlich in
mir auf und konnte sich nicht anders Luft machen.
„Das ist nicht so schlimm,“ sagte der Brosi.
„Wirst du bald wieder gesund?“
„Ja, vielleicht.“
„Wann denn?“
„Ich weiß nicht. Es dauert lang.“
Nach einer Zeit merkte ich auf einmal, daß er eingeschlafen war. Ich wartete
noch eine Weile, dann ging ich hinaus, die Stiege hinunter und wieder heim, wo
ich sehr froh war, daß die Mutter mich nicht ausfragte. Sie hatte wohl gesehen,
daß ich verändert war und etwas erlebt hatte, und sie strich mir nur übers Haar
und nickte, ohne etwas zu sagen.
Trotzdem kann es wohl sein, daß ich an jenem Tage noch sehr ausgelassen,
wild und ungattig war, sei es, daß ich mit meinem kleinen Bruder händelte oder
daß ich die Magd am Herd ärgerte oder im nassen Feld strolchte und besonders
schmutzig heimkam. Etwas Derartiges ist jedenfalls gewesen, denn ich weiß
noch gut, daß am selben Abend meine Mutter mich sehr zärtlich und ernst ansah
— mag sein, daß sie mich gern ohne Worte an heute morgen erinnert hätte. Ich
verstand sie auch wohl und fühlte Reue, und als sie das merkte, tat sie etwas
Besonderes. Sie gab mir von ihrem Ständer am Fenster einen kleinen
Tonscherben voll Erde, darin steckte eine schwärzliche Knolle, und diese hatte
schon ein paar spitzige, hellgrüne, saftige junge Blättlein getrieben. Es war eine
Hyazinthe. Die gab sie mir und sagte dazu: „Paß auf, das geb ich dir jetzt. Später
wird’s dann eine große rote Blume. Dort stell ich sie hin, und du mußt darauf
acht geben, man darf sie nicht anrühren und herumtragen, und jeden Tag muß
man sie zweimal gießen; wenn du es vergißt, sag ich dir’s schon. Wenn es aber
eine schöne Blume werden will, darfst du sie nehmen und dem Brosi hinbringen,
daß er eine Freude hat. Kannst du dran denken?“
Sie tat mich ins Bett, und ich dachte indessen mit Stolz an die Blume, deren
Wartung mir als ein ehrenvoll wichtiges Amt erschien, aber gleich am nächsten
Morgen vergaß ich das Begießen und die Mutter erinnerte mich dran. „Und was
ist denn mit dem Brosi seinem Blumenstock?“ fragte sie, und sie hat es in jenen
Tagen mehr als das eine Mal sagen müssen. Dennoch beschäftigte und beglückte
mich damals nichts so stark wie mein Blumenstock. Es standen noch genug
andere, auch größere und schönere, im Zimmer und im Garten, und Vater und
Mutter hatten sie mir oft gezeigt. Aber es war nun doch das erste Mal, daß ich
mit dem Herzen dabei war, ein solches kleines Wachstum mit anzuschauen, zu
erwünschen und zu pflegen und Sorge darum zu haben.
Ein paar Tage lang sah es mit dem Blümlein nicht erfreulich aus, es schien an
irgend einem Schaden zu leiden und nicht die rechten Kräfte zum Wachsen zu
finden. Als ich darüber zuerst betrübt und dann ungeduldig wurde, sagte die
Mutter einmal: „Siehst du, mit dem Blumenstock ist’s jetzt gerade so wie mit
dem Brosi, der so krank ist. Da muß man noch einmal so lieb und sorgsam sein
wie sonst.“
Dieser Vergleich war mir verständlich und brachte mich bald auf einen ganz neuen Gedanken, der mich nun völlig beherrschte. Ich fühlte jetzt einen
geheimen Zusammenhang zwischen der kleinen, mühsam strebenden Pflanze
und dem kranken Brosi, ja ich kam schließlich zu dem festen Glauben, wenn die
Hyazinthe gedeihe, müsse auch mein Kamerad wieder gesund werden. Käme sie
aber nicht davon, so würde er sterben, und ich trüge dann vielleicht, wenn ich
die Pflanze vernachlässigt hätte, mit Schuld daran. Als dieser Gedankenkreis in
mir fertig geworden war, hütete ich den Blumentopf mit Angst und Eifersucht
wie einen Schatz, in welchem besondere, nur mir bekannte und anvertraute
Zauberkräfte verschlossen wären.
Drei oder vier Tage nach meinem ersten Besuch — die Pflanze sah noch
ziemlich kümmerlich aus — ging ich wieder ins Nachbarhaus hinüber. Brosi
mußte ganz still liegen, und da ich nichts zu sagen hatte, stand ich nahe am Bett
und sah das nach oben gerichtete Gesicht des Kranken an, das zart und warm aus
weißen Betttüchern schaute. Er machte hin und wieder die Augen auf und
wieder zu, sonst bewegte er sich nicht, und ein klügerer und älterer Zuschauer
hätte vielleicht etwas davon gefühlt, daß des kleinen Brosi Seele schon unruhig
war und sich auf die Heimkehr besinnen wollte. Als gerade eine Angst vor der
Stille des Stübleins über mich kommen wollte, trat die Nachbarin herein und
holte mich freundlich und leisen Schrittes weg.
Das nächste Mal kam ich mit viel froherem Herzen, denn zu Hause trieb mein
Blumenstock mit neuer Lust und Kraft seine spitzigen freudigen Blätter heraus.
Diesmal war auch der Kranke sehr munter.
„Weißt du auch noch, wie der Jakob noch am Leben war?“ fragte er mich.
Und wir erinnerten uns an den Raben und sprachen von ihm, ahmten die drei
Wörtlein nach, die er hatte sagen können, und redeten mit Begierde und
Sehnsucht von einem grau und roten Papagei, der sich vorzeiten einmal hierher
verirrt haben sollte. Ich kam ins Plaudern, und während der Brosi bald wieder
ermüdete, hatte ich sein Kranksein für den Augenblick ganz vergessen. Ich
erzählte die Geschichte von jenem Papagei, die zu den Legenden unseres Hauses
gehörte. Ihr Glanzpunkt war der, daß ein alter Hofknecht den schönen Vogel auf
dem Dach des Schuppens sitzen sah, sogleich eine Leiter anlegte und ihn
einfangen wollte. Als er auf dem Dach erschien und sich dem Papagei vorsichtig
näherte, sagte dieser: „Guten Tag, mein Lieber!“ Da zog der Knecht seine Kappe
herunter und sagte: „Bitt um Vergebung, jetzt hätt ich fast gemeint, Ihr wäret ein
Vogeltier.“
Als ich das erzählt hatte, dachte ich, der Brosi müsse nun notwendig laut
hinauslachen. Da er es nicht gleich tat, sah ich ihn ganz verwundert an. Ich sah
ihn fein und herzlich lächeln, und seine Backen waren ein wenig röter als vorher,
aber er sagte nichts und lachte nicht laut.
Da kam es mir plötzlich vor, als sei er um viele Jahre älter als ich. Meine
Lustigkeit war im Augenblick erloschen, statt ihrer befiel mich Verwirrung und
Bangigkeit, denn ich empfand wohl, daß zwischen uns beiden jetzt etwas Neues
fremd und störend aufgewachsen sei.
Es surrte eine große Winterfliege durchs Zimmer und ich fragte, ob ich sie
fangen solle.
„Nein, laß sie doch!“ sagte der Brosi.
Auch das kam mir vor wie von einem Erwachsenen gesprochen. Befangen
ging ich fort.
Auf dem Heimweg empfand ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas von
der ahnungsvollen verschleierten Schönheit des Vorfrühlings, das ich erst um
Jahre später, ganz am Ende der Knabenzeiten, wieder gespürt habe.
Was er war und wie es kam, weiß ich nicht. Ich erinnere mich aber, daß ein
lauer Wind strich, daß feuchte dunkle Erdschollen am Rande der Äcker
aufragten und streifenweise blank erglänzten, und daß ein besonderer
Föhngeruch in der Luft war. Ich erinnerte mich auch dessen, daß ich eine
Melodie summen wollte und gleich wieder aufhörte, weil irgend etwas mich
bedrückte und still machte.
Dieser kurze Heimweg vom Nachbarhaus ist mir eine merkwürdig tiefe
Erinnerung. Ich weiß kaum etwas Einzelnes mehr davon; aber zuweilen, wenn es
mir gegönnt ist, mit geschlossenen Augen mich dahin zurückzufinden, meine ich
die Erde noch einmal mit Kindesaugen zu sehen — als Geschenk und Schöpfung
Gottes, im leise glühenden Träumen unberührter Schönheit, wie wir Alten sie
sonst nur aus den Werken der großen Künstler und Dichter kennen. Der Weg war
vielleicht nicht ganz zweihundert Schritt lang, aber es lebte und geschah auf ihm
und über ihm und an seinem Rande unendlich viel mehr als auf mancher ganzen
Reise, die ich später unternommen habe.
Es streckten kahle Obstbäume verschlungene und drohende Äste, und von den
feinen Zweigspitzen rotbraune und harzige Knospen in die Luft, über sie hinweg
ging Wind und schwärmende Wolkenflucht, unter ihnen quoll die nackte Erde in
der Frühlingsgärung. Es rann ein vollgeregneter Graben über und sandte einen
schmalen trüben Bach über die Straße, auf dem schwammen alte Birnenblätter
und braune Holzstückchen, und jedes von ihnen war ein Schiff, jagte dahin und
strandete, erlebte Lust und Pein und wechselnde Schicksale, und ich erlebte sie
mit.
Es hing unversehens vor meinen Augen ein dunkler Vogel in der Luft,
überschlug sich und flatterte taumelnd, stieß plötzlich einen langen schallenden
Triller aus und stob verglitzernd in die Höhen, und mein Herz flog staunend mit.
Ein leerer Lastwagen mit einem ledigen Beipferd kam gefahren, knarrte und rollte fort und fesselte noch bis zur nächsten Krümme meinen Blick, mit seinen
starken Rossen aus einer unbekannten Welt gekommen und in sie
verschwindend, flüchtige schöne Ahnungen aufregend und mit sich nehmend.
Das ist eine kleine Erinnerung, oder zwei und drei; aber wer will die
Erlebnisse, Erregungen und Freuden zählen, die ein Kind zwischen einem
Stundenschlag und dem andern an Steinen, Pflanzen, Vögeln, Lüften, Farben
und Schatten findet und sogleich wieder vergißt und doch mit hinübernimmt in
die Schicksale und Veränderungen der Jahre? Eine besondere Färbung der Luft
am Horizont, ein winziges Geräusch in Haus oder Garten oder Wald, der
Anblick eines Schmetterlings oder irgend ein flüchtig herwehender Geruch rührt
oft für Augenblicke ganze Wolken von Erinnerungen an jene frühen Zeiten in
mir auf. Sie sind nicht klar und einzeln erkennbar, aber sie tragen alle denselben
köstlichen Duft von damals, da zwischen mir und jedem Stein und Vogel und
Bach ein inniges Leben und Verbundensein vorhanden war, dessen Reste ich
eifersüchtig zu bewahren bemüht bin.
Mein Blumenstock richtete sich indessen auf, reckte die Blätter höher und
erstarkte zusehends. Mit ihm wuchs meine Freude und mein Glaube an die
Genesung meines Kameraden. Es kam auch der Tag, an welchem zwischen den
feisten Blättern eine runde rötliche Blütenknospe sich zu dehnen und
aufzurichten begann, und der Tag, an dem die Knospe sich spaltete und ein
heimliches Gekräusel schönroter Blütenblätter mit weißlichen Rändern sehen
ließ. Den Tag aber, an dem ich den Topf mit Stolz und freudiger Behutsamkeit
ins Nachbarhaus hinübertrug und dem Brosi übergab, habe ich völlig vergessen.
Daß der Kranke aber seine leise Freude daran hatte und ihn sich häufig zeigen
ließ, weiß ich noch wohl.
Dann war einmal ein heller Sonnentag; aus dem dunklen Ackerboden stachen
schon feine grüne Spitzen, die Wolken hatten Goldränder, und in den feuchten
Straßen, Hofräumen und Vorplätzen spiegelte ein sanfter reiner Himmel. Das
Bettlein des Brosi war näher zum Fenster gestellt worden, auf dessen Simsen die
rote Hyazinthe in der Sonne prunkte, den Kranken hatte man ein wenig
aufgerichtet und mit Kissen gestützt. Er sprach etwas mehr als sonst mit mir,
über seinen geschorenen blonden Kopf lief das warme Licht fröhlich und
glänzend und schien rot durch seine Ohren. Ich war sehr guter Dinge und sah
wohl, daß es nun schnell vollends gut mit ihm werden würde. Seine Mutter saß
dabei, und als es ihr genug schien, schenkte sie mir eine gelbe Winterbirne und
schickte mich heim. Noch auf der Stiege biß ich die Birne an, sie war weich und
honigsüß, und der Saft tropfte mir aufs Kinn und über die Hand. Den abgenagten
Butzen warf ich unterwegs in hohem Bogen feldüber.
Tags darauf regnete es was herunter mochte, ich mußte daheim bleiben und durfte mit sauber gewaschenen Händen in der Bilderbibel schwelgen, wo ich
schon viele Lieblinge hatte, am liebsten aber waren mir doch der Paradieslöwe,
die Kamele des Elieser und das Mosesknäblein im Schilf. Als es aber am
zweiten Tag in einem Strich fortregnete, wurde ich doch verdrießlich. Den
halben Vormittag starrte ich durchs Fenster auf den plätschernden Hof und
Kastanienbaum, dann kamen der Reihe nach alle meine Spiele dran, und als sie
fertig waren und es gegen Abend ging, bekam ich noch Streit mit meinem
Bruder. Das alte Lied: wir reizten einander, bis der Kleine mir ein arges
Schimpfwort sagte, da schlug ich ihn, und er floh heulend durch Stube, Öhrn,
Küche, Stiege und Kammer bis zur Mutter, der er sich in den Schoß warf und die
mich seufzend wegschickte. Bis der Vater heimkam, sich alles erzählen ließ,
mich abstrafte und mit den nötigen Ermahnungen ins Bett steckte, wo ich mir
namenlos unglücklich vorkam, aber bald unter noch rinnenden Tränen einschlief.
Als ich wieder, vermutlich am folgenden Morgen, in des Brosi Krankenstube
stand, hatte seine Mutter beständig den Finger am Mund und sah mich warnend
an, der Brosi aber lag mit geschlossenen Augen leise stöhnend da. Ich schaute
bang in sein Gesicht, es war bleich und vom Schmerz verzogen. Und als seine
Mutter meine Hand nahm und sie auf seine legte, machte er die Augen auf und
sah mich eine kleine Weile still an. Seine Augen waren groß und verändert, und
wie er mich ansah, war es ein fremder wunderlicher Blick wie aus einer weiten
Ferne her, als kenne er mich gar nicht und sei über mich verwundert, habe aber
zugleich andere und viel wichtigere Gedanken. Auf den Zehen schlich ich nach
kurzer Zeit, da die Nachbarin mahnte, wieder hinaus.
Am Nachmittag aber, während ihm auf seine Bitte die Mutter eine schöne
Geschichte erzählte, sank er in einen müden Schlummer, der bis an den Abend
dauerte und während dessen sein schwacher Herzschlag langsam einträumte und
erlosch.
Als ich ins Bett ging, wußte es meine Mutter schon. Doch sagte sie mir’s erst
am Morgen, nach der Milch. Darauf ging ich den ganzen Tag traumwandelnd
umher und stellte mir vor, daß der Brosi zu den Engeln gekommen und selber
einer geworden sei. Daß sein kleiner magerer Leib mit der Narbe auf der
Schulter noch drüben im Hause lag, wußte ich nicht, auch vom Begräbnis sah
und hörte ich nichts.
Meine Gedanken hatten viel Arbeit damit und es verging wohl eine Zeit, bis
der Gestorbene mir fern und unsichtbar wurde. Dann aber kam früh und
plötzlich der ganze Frühling, über die Berge flog es gelb und grün, im Garten
roch es nach jungem Wuchs, der Kastanienbaum tastete mit weich gerollten
Blättern aus den aufgesprungenen Knospenhüllen, und an allen Gräben lachten
auf fetten Stielen die goldgelben glänzenden Butterblumen.