Diesseits, Erzählungen

Hermann Hesse · Kapitel 8 von 14

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Diesseits, Erzählungen

Sturm

und nahm am Gespräche teil als ein zufällig herein verschlagener Fremder.

Gegen Mitternacht, nachdem auch ich einen Becher oder zwei über den Durst

genossen hatte, gab es einen Streit. Um eine Bagatelle, die ich schon am andern

Tag vergessen habe, ging es los, hitzige Worte klangen, und drei, vier

halbberauschte Männer schrieen zornig auf mich ein. Da hatte ich genug und

stand auf.

„Danke meine Herren, an Händeln liegt mir nichts. Übrigens sollte der Herr

da sich nicht so unnötig erhitzen, er hat ja ein Leberleiden.“

„Woher wissen Sie das?“ rief er noch barsch, aber verblüfft.

„Ich sehe es Ihnen an, ich bin Arzt. Sie sind fünfundvierzig Jahre alt, nicht

wahr?“

„Stimmt.“

„Und haben vor etwa zehn Jahren eine schwere Lungenentzündung

durchgemacht?“

„Herrgott, ja. An was sehen Sie denn das?“

„Ja, das sieht man eben, wenn man geübt ist. Also gute Nacht, ihr Herren!“

Sie grüßten alle ganz höflich, der Leberleidende machte sogar eine

Verbeugung. Ich hätte ihm auch noch seinen Vor- und Zunamen und den seiner

Frau sagen können, ich kannte ihn so gut und hatte früher manches

Feierabendgespräch mit ihm gehabt.

In meiner Schlafkammer wusch ich mir das heiße Gesicht, schaute vom

Fenster über die Dächer weg auf den blassen See hinüber und ging dann zu Bett.

Eine Zeitlang hörte ich noch dem langsam abnehmenden Festlärmen zu, dann

übernahm mich die Müdigkeit und ich schlief bis zum Morgen.

 

Sturm

 

Am verstürmten Himmel trieben zerfaserte Wolkenbänder, grau und lila, und

ein heftiger Wind empfing mich, als ich am nächsten Vormittag nicht zu früh

meine Weiterreise antrat. Bald war ich oben auf dem Hügelkamm und sah das

Städtchen, das Schloß, die Kirche und den kleinen Bootshafen eng und

spielzeughaft lustig am Gestade unter mir liegen. Schnurrige Geschichten aus

der Zeit meines früheren Hierseins fielen mir ein und machten mich lachen. Das

konnte ich brauchen, denn je näher ich dem Ziel meiner Wanderung rückte,

desto befangener und schwüler wurde mir, ohne daß ich es mir gestehen mochte,

das Herz.

Das Gehen in der kühlen sausenden Luft tat mir wohl. Ich hörte dem

ungestümen Winde zu und sah im Vorwärtsschreiten auf dem Gratsteig mit

aufregender Wonne die Landschaft weiter und gewaltiger werden. Von Nordost

her hellte der Himmel auf, dorthinüber war die Aussicht frei und zeigte lange,

bläuliche Gebirgszüge in großartiger Ordnung aufgebaut.

Wunderlich, wie aus diesem Halbkreis wild und wirr geschichteter Bergzüge,

die wie eine erstarrte Sintflut oder Titanenschlacht aussehen, plötzlich ein klares,

vernünftig und sogar elegant konstruiertes System wird, sobald man sie als

Wasserspeicher für die Tieflande ansieht! Ein Naturforscher hat mich einmal

darauf hingewiesen. Freilich kann ich nur für Minuten auf seine Art betrachten,

dann fließt die Ordnung wieder ins Chaos zusammen und ich mag nicht glauben,

dieses Gebirge sei so zackig und jenes so mild gewellt, nur damit die Leute in

der und jener Stadt auch Trink- und Waschwasser haben.

Der Wind nahm zu, je höher ich kam. Er sang herbstlich toll, mit Stöhnen und

mit Lachen, fabelhafte Leidenschaften andeutend, neben denen unsere nur

Kindereien wären. Er schrie mir niegehörte, urweltliche Worte ins Ohr, wie

Namen alter Götter. Er strich über den ganzen Himmel hinweg die irrenden

Wolkentrümmer zu parallelen Streifen aus, in deren gleicher Linie etwas

widerwillig Gebändigtes lag und unter welchen die Berge sich zu bücken

schienen.

Dem Brausen der Lüfte und dem Anblick der weiten Bergländer wich die leise

Befangenheit und Bänglichkeit meiner Seele. Daß ich einem Wiedersehen mit

meiner Jugendzeit und einem Kreise noch ungewisser Erregungen entgegenging,

war nicht mehr so wichtig und beherrschend, seit Weg und Wetter mir lebendig

geworden waren.

Bald nach Mittag stand ich ausruhend auf dem höchsten Punkte des

Höhenweges und mein Blick flog suchend und bestürzt über das ungeheuer

ausgebreitete Land hinweg. Grüne Berge standen da, und weiter entfernt blaue

Waldberge und gelbe Felsberge, tausendfach gefaltete Hügelgelände, dahinter

das Hochgebirg mit jähen Steinzacken und milden, bleichen Schneepyramiden.

Zu Füßen in seiner ganzen Fläche der große See, meerblau mit weißen

Wellenschäumen, zwei vereinzelte flüchtige Segel darauf, geduckt hingleitend,

an den grün und braunen Ufern lodernd gelbe Weinberge, farbige Wälder, blanke

Landstraßen, Bauerndörfer in Obstbäumen, kahlere Fischerdörfer, hell und

dunkel getürmte Städte. Über alles weg bräunliche Wolken fegend, dazwischen

Stücke eines tief klaren, grünblau und opalfarben durchleuchteten Himmels,

Sonnenstrahlen fächerförmig aufs Gewölk gemalt. Alles bewegt, auch die

Bergreihen wie hinflutend und die ungleich beleuchteten Alpengipfel jäh, unstet

und springend.