Diesseits, Erzählungen
Sturm
und nahm am Gespräche teil als ein zufällig herein verschlagener Fremder.
Gegen Mitternacht, nachdem auch ich einen Becher oder zwei über den Durst
genossen hatte, gab es einen Streit. Um eine Bagatelle, die ich schon am andern
Tag vergessen habe, ging es los, hitzige Worte klangen, und drei, vier
halbberauschte Männer schrieen zornig auf mich ein. Da hatte ich genug und
stand auf.
„Danke meine Herren, an Händeln liegt mir nichts. Übrigens sollte der Herr
da sich nicht so unnötig erhitzen, er hat ja ein Leberleiden.“
„Woher wissen Sie das?“ rief er noch barsch, aber verblüfft.
„Ich sehe es Ihnen an, ich bin Arzt. Sie sind fünfundvierzig Jahre alt, nicht
wahr?“
„Stimmt.“
„Und haben vor etwa zehn Jahren eine schwere Lungenentzündung
durchgemacht?“
„Herrgott, ja. An was sehen Sie denn das?“
„Ja, das sieht man eben, wenn man geübt ist. Also gute Nacht, ihr Herren!“
Sie grüßten alle ganz höflich, der Leberleidende machte sogar eine
Verbeugung. Ich hätte ihm auch noch seinen Vor- und Zunamen und den seiner
Frau sagen können, ich kannte ihn so gut und hatte früher manches
Feierabendgespräch mit ihm gehabt.
In meiner Schlafkammer wusch ich mir das heiße Gesicht, schaute vom
Fenster über die Dächer weg auf den blassen See hinüber und ging dann zu Bett.
Eine Zeitlang hörte ich noch dem langsam abnehmenden Festlärmen zu, dann
übernahm mich die Müdigkeit und ich schlief bis zum Morgen.
Sturm
Am verstürmten Himmel trieben zerfaserte Wolkenbänder, grau und lila, und
ein heftiger Wind empfing mich, als ich am nächsten Vormittag nicht zu früh
meine Weiterreise antrat. Bald war ich oben auf dem Hügelkamm und sah das
Städtchen, das Schloß, die Kirche und den kleinen Bootshafen eng und
spielzeughaft lustig am Gestade unter mir liegen. Schnurrige Geschichten aus
der Zeit meines früheren Hierseins fielen mir ein und machten mich lachen. Das
konnte ich brauchen, denn je näher ich dem Ziel meiner Wanderung rückte,
desto befangener und schwüler wurde mir, ohne daß ich es mir gestehen mochte,
das Herz.
Das Gehen in der kühlen sausenden Luft tat mir wohl. Ich hörte dem
ungestümen Winde zu und sah im Vorwärtsschreiten auf dem Gratsteig mit
aufregender Wonne die Landschaft weiter und gewaltiger werden. Von Nordost
her hellte der Himmel auf, dorthinüber war die Aussicht frei und zeigte lange,
bläuliche Gebirgszüge in großartiger Ordnung aufgebaut.
Wunderlich, wie aus diesem Halbkreis wild und wirr geschichteter Bergzüge,
die wie eine erstarrte Sintflut oder Titanenschlacht aussehen, plötzlich ein klares,
vernünftig und sogar elegant konstruiertes System wird, sobald man sie als
Wasserspeicher für die Tieflande ansieht! Ein Naturforscher hat mich einmal
darauf hingewiesen. Freilich kann ich nur für Minuten auf seine Art betrachten,
dann fließt die Ordnung wieder ins Chaos zusammen und ich mag nicht glauben,
dieses Gebirge sei so zackig und jenes so mild gewellt, nur damit die Leute in
der und jener Stadt auch Trink- und Waschwasser haben.
Der Wind nahm zu, je höher ich kam. Er sang herbstlich toll, mit Stöhnen und
mit Lachen, fabelhafte Leidenschaften andeutend, neben denen unsere nur
Kindereien wären. Er schrie mir niegehörte, urweltliche Worte ins Ohr, wie
Namen alter Götter. Er strich über den ganzen Himmel hinweg die irrenden
Wolkentrümmer zu parallelen Streifen aus, in deren gleicher Linie etwas
widerwillig Gebändigtes lag und unter welchen die Berge sich zu bücken
schienen.
Dem Brausen der Lüfte und dem Anblick der weiten Bergländer wich die leise
Befangenheit und Bänglichkeit meiner Seele. Daß ich einem Wiedersehen mit
meiner Jugendzeit und einem Kreise noch ungewisser Erregungen entgegenging,
war nicht mehr so wichtig und beherrschend, seit Weg und Wetter mir lebendig
geworden waren.
Bald nach Mittag stand ich ausruhend auf dem höchsten Punkte des
Höhenweges und mein Blick flog suchend und bestürzt über das ungeheuer
ausgebreitete Land hinweg. Grüne Berge standen da, und weiter entfernt blaue
Waldberge und gelbe Felsberge, tausendfach gefaltete Hügelgelände, dahinter
das Hochgebirg mit jähen Steinzacken und milden, bleichen Schneepyramiden.
Zu Füßen in seiner ganzen Fläche der große See, meerblau mit weißen
Wellenschäumen, zwei vereinzelte flüchtige Segel darauf, geduckt hingleitend,
an den grün und braunen Ufern lodernd gelbe Weinberge, farbige Wälder, blanke
Landstraßen, Bauerndörfer in Obstbäumen, kahlere Fischerdörfer, hell und
dunkel getürmte Städte. Über alles weg bräunliche Wolken fegend, dazwischen
Stücke eines tief klaren, grünblau und opalfarben durchleuchteten Himmels,
Sonnenstrahlen fächerförmig aufs Gewölk gemalt. Alles bewegt, auch die
Bergreihen wie hinflutend und die ungleich beleuchteten Alpengipfel jäh, unstet
und springend.