Diesseits, Erzählungen

Hermann Hesse · Kapitel 6 von 14

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Diesseits, Erzählungen

Eine Fußreise im Herbst

Seeüberfahrt

 

Ein sehr kühler Abend, feucht, ungastlich und früh dunkelnd. Auf einem steilen

Sträßlein, zum Teil lehmiger Hohlweg, war ich vom Berge herabgestiegen und

stand am Seeufer allein und fröstelnd. Nebel rauchte jenseits von den Hügeln,

der Regen hatte sich erschöpft und es fielen nur noch einzelne Tropfen, kraftlos

und vom Winde vertrieben.

Am Strande lag ein flaches Boot halb auf den Kies gezogen. Es war gut im

Stande, sauber gemalt, kein Wasser am Boden, und die Ruder schienen ganz neu

zu sein. Daneben stand eine Wartehütte aus Tannenbrettern, unverschlossen und

leer. Am Türpfosten hing ein altes messingenes Horn, mit einer dünnen Kette

befestigt. Ich blies hinein. Ein zäher, unwilliger Ton kam heraus und flog träge

dahin. Ich blies noch einmal, länger und stärker. Dann setzte ich mich ins Boot

und wartete, ob jemand käme.

Der See war nur leicht bewegt. Ganz kleine Wellen schlugen mit

schwächlichem Klatschen an die dünnen Bootwände. Mich fror ein wenig und

ich wickelte mich fest in meinen weiten, regenfeuchten Mantel, steckte die

Hände unter die Achseln und betrachtete die Seefläche.

Eine kleine Insel, dem Anscheine nach nur ein stattlicher Felsen, ragte in der

Seemitte schwärzlich aus dem bleifarbenen Wasser. Ich würde, wenn sie mein

wäre, einen Turm darauf bauen lassen, mit wenigen Zimmern und quadratischem

Grundriß. Ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Eßzimmer und eine

Bibliothek.

Dann würde ich einen Wärter hineinsetzen, der müßte alles in Ordnung halten

und jede Nacht im obersten Zimmer Licht brennen. Ich aber würde weiterreisen

und wüßte nun zu jeder Zeit eine Zuflucht und Ruhestätte auf mich warten. In

fernen Städten würde ich jungen Frauen von meinem Turm im See erzählen.

„Ist auch ein Garten dabei?“ würde vielleicht eine fragen. Und ich: „Ich weiß

nicht mehr, ich war so lange nimmer dort. Wollen Sie, daß wir hinreisen?“

Sie würde mir mit dem Finger drohen und lachen, und der Blick ihrer

hellbraunen Augen würde sich plötzlich verändern. Möglich auch, daß ihre

Augen blau sind oder schwarz, und ihr Gesicht und Nacken bräunlich, und ihr

Kleid dunkelrot mit Pelzbesätzen.

Wenn es nur nicht so kühl gewesen wäre! Eine unangenehme Verdrießlichkeit

wuchs in mir herauf.

Was geht mich die schwarze Felseninsel an? Sie ist lächerlich klein, wenig besser als ein Vogeldreck, und man könnte auf ihr überhaupt nicht bauen. Wozu

auch, bitte? Und was liegt daran, ob eine junge Frau, die ich mir erdenke und der

ich möglicherweise, falls sie wirklich existierte, mein Turmschloß zeigen würde,

falls ich eines hätte — ob diese junge Frau blond ist oder braun und ob ihr Kleid

einen Pelzbesatz hat oder Spitzen oder gewöhnliche Litzen? Wären mir Litzen

etwa nicht gut genug?

Gott bewahre, ich gab den Pelzbesatz, den Turm und die Insel preis, rein um

des Friedens willen. Meine Verdrießlichkeit kassierte die Bilder mürrisch,

schwieg und nahm zu statt ab.

„Bitte,“ fragte sie nach einer Weile wieder, „wozu sitzest du eigentlich hier, an

einem weltfremden Ort, in der Nässe am Strand und frierst?“

Da knirschte der Kies, und eine tiefe Stimme rief mich an. Es war der

Fährmann.

„Lang gewartet?“ fragte er, während ich ihm das Boot ins Wasser schieben

half.

„Gerade lang genug, scheint mir. Jetzt also los!“

Wir hängten zwei Paar Ruder ein, stießen ab, drehten und probierten den Takt

aus, dann arbeiteten wir schweigend mit starken Schlägen. Mit dem Erwarmen

der Glieder und mit der flotten, taktfesten Bewegung kam ein anderer Geist in

mir auf und machte dem fröstelnd trägen Unmut ein rasches Ende.

Der Schiffsmann war graubärtig, groß und mager. Ich kannte ihn, er hatte

mich vor Jahren mehrmals gerudert; doch erkannte er mich nicht wieder.

Wir hatten eine halbe Stunde zu rudern, und während wir unterwegs waren,

ward es vollends Nacht. Mein linkes Ruder rieb in seiner Öse bei jedem Zuge

mit rostig knarrendem Ton, unter dem Vorderteil des Bootes schlug das

schwache Gewoge unregelmäßig mit hohlem Geräusch an den Schiffsboden. Ich

hatte zuerst den Mantel, dann auch noch die Jacke ausgezogen und neben mich

gelegt, und als wir uns dem jenseitigen Ufer näherten, war ich in einen leichten

Schweiß geraten.

Jetzt spielten vom Strande her Lichter auf dem dunkeln Wasser, zuckten

springend in gebrochenen Linien und blendeten mehr als sie leuchteten. Wir

stießen ans Land, der Fährmann warf seine Bootskette um einen dicken Pfahl.

Aus dem schwarzen Torbogen trat der Zöllner mit einer Laterne. Ich gab dem

Schiffsmann seinen kleinen Lohn, ließ den Zöllner an meinem Mantel

schnuppern und zog mir die Hemdärmel unter der Jacke zurecht.

Im Augenblick, da ich wegging, fiel mir der vergessene Name des Schiffers

wieder ein. „Gut Nacht, Hans Leutwin,“ rief ich ihm zu und ging davon,

während er, die Hand vorm Auge, mir erstaunt und brummend nachglotzte.