Königliche Hoheit
Imma
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Begleiter trugen Helm und Pelzmantel. Klaus Heinrich sagte: »Ich erneuere zum
zweitenmal eine alte Bekanntschaft, lieber Herr Doktor. Sie waren anwesend, als
ich zur Welt kam. Und dann standen Sie am Sterbebett meines Vaters. Auch sind
Sie ja ein Freund meines Lehrers Überbein. Ich freue mich sehr.«
Doktor Sammet, in tätiger Sanftmut ergraut, verbeugte sich seitwärts
geneigten Kopfes, eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am
Oberkörper. Er stellte dem Prinzen die beiden jüngeren Ärzte und die Schwester-
Oberin vor und sagte dann: »Ich muß Euerer Königlichen Hoheit anzeigen, daß
der gnädige Besuch Euerer Königlichen Hoheit mit einem anderen Besuch
zusammentrifft. Ja. Wir erwarten Fräulein Spoelmann. Ihr Vater hat unsere
Anstalt in so großartiger Weise gefördert … Wir konnten die Vereinbarung nicht
wohl noch rückgängig machen. Die Schwester-Oberin wird das Fräulein
führen.«
Klaus Heinrich nahm freundlich von diesem Zusammentreffen Kenntnis. Er
tat hierauf eine Äußerung über die Tracht der Diakonissinnen, die er kleidsam
nannte, und erklärte dann, daß er begierig sei, einen Einblick in die segensreiche
Anstalt zu tun. Man begann den Rundgang. Die Oberin blieb mit drei
Schwestern in der Vorhalle zurück.
Alle Wände im Haus waren weiß getüncht, waren waschbar. Ja. Die Kräne der
Wasserleitungen waren sehr groß; man bewegte sie mit dem Ellenbogen, aus
Reinlichkeitsrücksichten. Und Spülstrahlapparate waren angebracht, für die
Milchflaschen. Man ging durch den Empfangsraum, der leer war bis auf ein paar
Betten außer Dienst und die Fahrräder der Ärzte. Im Ordinationszimmer,
nebenan, war außer dem Schreibtisch und dem Gestell mit den weißen Mänteln
der Ärzte noch eine Art Wickeltisch mit Wachstuchkissen, ein Operationstisch, ein Schrank mit Nährmitteln und eine muldenförmige Kinderwage zu sehen.
Klaus Heinrich verweilte bei den Nährmitteln, ließ sich die Zusammensetzung
der Präparate erklären. Doktor Sammet dachte bei sich, daß, wenn man den
Rundgang mit dieser Gründlichkeit fortsetzen wolle, empfindlich viel Zeit
verlorengehen werde.
Plötzlich gab es Geräusch auf der Straße. Ein Automobil fuhr tutend an und
bremste vorm Hause. Es wurde hoch gerufen, man hörte es deutlich im
Ordinationszimmer, wenn es auch wohl nur Kinder waren, die riefen. Klaus
Heinrich kümmerte sich nicht sehr um diese Vorgänge. Er betrachtete eine
Büchse mit Milchzucker, die übrigens nicht viel Merkwürdiges bot. »Scheinbar
kommt Besuch«, sagte er. »Oh, richtig, Sie sagten ja, daß welcher kommen
werde. Gehen wir weiter?«
Man begab sich in die Küche, die Milchküche, den großen, mit Kacheln
ausgelegten Raum für Milchmischung, den Aufbewahrungsort für Vollmilch,
Schleime und Buttermilch. Die täglichen Quanten standen auf reinlichen weißen
Tischen in kleinen Flaschen beisammen. Es herrschte ein säuerlich fader Geruch.
Klaus Heinrich wandte auch diesem Raum seine volle Aufmerksamkeit zu. Er
ging so weit, von der Buttermilch zu kosten und fand sie vorzüglich. Wie
müßten nicht die Kinder gedeihen, betonte er, bei einer solchen Buttermilch.
Während dieser Musterung öffnete sich die Tür, und Miß Spoelmann kam
zwischen der Schwester-Oberin und der Gräfin Löwenjoul herein, gefolgt von
den drei Diakonissinnen.
Heute bestanden Jacke, Mütze und Muff, die sie trug, aus dem herrlichsten
Zobel, und der Muff hing an einer goldenen, mit farbigen Edelsteinen besetzten
Kette. Übrigens zeigte ihr schwarzes Haar die Neigung, ihr in glatten Strähnen in
die Stirn zu fallen. Sie überflog den Raum mit einem großen Blick, ihre Augen
waren wirklich ganz ungebührlich groß im Verhältnis zu ihrem Gesichtchen; sie
beherrschten es wie bei einem Kätzchen – nur daß sie schwarz waren wie
Glanzkohle und diese fließende Sprache führten … Die Gräfin Löwenjoul, ein
Federhütchen auf ihrem kleinen Kopf und übrigens schlicht, knapp und nicht
ohne Vornehmheit gekleidet wie immer, lächelte abwesend.
»Die Milchküche,« sagte die Schwester-Oberin, »hier wird die Milch gekocht
für die Kinder.«
»Etwas Ähnliches ließ sich vermuten«, entgegnete Fräulein Spoelmann. Sie
sagte es äußerst rasch und obenhin, ohne englischen Einschlag übrigens, mit
vorgeschobenen Lippen und einem kleinen, hochmütigen Hin- und Herwenden
des Köpfchens. Ihre Stimme war doppelt; sie bestand aus einer tiefen und einer
hohen, mit einem Bruch in der Mitte.
Die Schwester-Oberin war ganz betreten. »Ja,« sagte sie, »man sieht es gleich.« Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung war in ihrem Gesicht zu
bemerken.
Die Sachlage war nicht einfach. Doktor Sammet suchte in Klaus Heinrichs
Miene nach Befehlen; allein da Klaus Heinrich wohl gewohnt war, innerhalb
feststehender Formen Dienst zu tun, nicht aber, neuartige und verwirrte
Umstände zu ordnen, so entstand eine Ratlosigkeit. Herr von Braunbart war im
Begriffe, vermittelnd einzutreten, und Fräulein Spoelmann, auf der anderen
Seite, schickte sich an, die Milchküche wieder zu verlassen, als der Prinz mit der
Rechten eine kleine verbindende Bewegung zwischen sich und dem jungen
Mädchen vollführte. Dies war das Zeichen für Doktor Sammet, auf Imma
Spoelmann zuzutreten.
»Doktor Sammet. Ja.« Er bitte um die Ehre, das gnädige Fräulein Seiner
Königlichen Hoheit vorstellen zu dürfen … »Fräulein Spoelmann, Königliche
Hoheit, Mister Spoelmanns Tochter, dem das Spital so viel verdankt.«
Mit geschlossenen Absätzen reichte Klaus Heinrich ihr die Hand im weißen
Militärhandschuh, und indem sie ihr schmales, mit braunem Rehleder
bekleidetes Händchen hineinlegte, gab sie der Bewegung des Händedrucks eine
wagerechte Richtung, machte ein englisches shake-hands daraus, wobei sie
gleichzeitig mit spröder Pagenanmut etwas wie einen Hofknicks andeutete, ohne
ihre großen Augensterne von Klaus Heinrichs Gesicht zu wenden. Er sagte etwas
sehr Gutes, nämlich: »Sie machen also auch dem Spital einen Besuch, gnädiges
Fräulein?«
Und rasch wie vorhin, mit vorgeschobenen Lippen und dem kleinen
hochmütigen Hin und Her des Kopfes, antwortete sie mit ihrer gebrochenen
Stimme: »Man kann nicht leugnen, daß manches für diese Annahme spricht.«
Unwillkürlich hob Herr von Braunbart abwehrend die Hand. Doktor Sammet
blickte still auf seine Uhrkette nieder, und einem der jungen Ärzte entschlüpfte
ein kurzer Laut durch die Nase, der nicht am Platze war. Man sah jetzt in Klaus
Heinrichs Gesicht die kleine schmerzliche Verzerrung. Er sagte: »Natürlich …
so werde ich also die Anstalt zusammen mit dem gnädigen Fräulein besichtigen
können … Herr Hauptmann von Braunbart, mein Adjutant«, fügte er rasch
hinzu, da er seine Bemerkung gleich der letzten würdig fand. Sie sagte dagegen:
»Frau Gräfin Löwenjoul.«
Die Gräfin verbeugte sich vornehm – mit einem rätselhaften Lächeln
übrigens, einem Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes hatte.
Als sie sich aber wieder aufrichtete und ihren so wunderlich entwichenen Blick
zu Klaus Heinrich zurückkehren ließ, der in gefaßter und militärisch
gesammelter Haltung vor ihr stand, da verschwand das Lächeln von ihrem
Gesicht, ein Ausdruck von Ernüchterung und Gram ergriff von ihren Zügen Besitz, und in derselben Sekunde war es, als ob in ihren ein wenig
verschwollenen grauen Augen etwas wie Haß gegen Klaus Heinrich aufzuckte
… Das war nur eine flüchtige Erscheinung. Klaus Heinrich fand nicht Zeit,
darauf achtzuhaben, und vergaß es alsbald. Die beiden jungen Ärzte gelangten
zur Vorstellung vor Imma Spoelmann. Und dann stimmte Klaus Heinrich dafür,
daß man den Rundgang wieder aufnähme.
Es ging die Treppe hinauf, ins erste Stockwerk. Klaus Heinrich und Imma
Spoelmann vorauf, geleitet von Doktor Sammet, dann die Gräfin Löwenjoul mit
Herrn von Braunbart und endlich die jungen Ärzte. Hier waren die größeren
Kinder – ja; im Alter bis zu vierzehn Jahren. Ein Vorraum mit Wäscheschränken
trennte die Säle für Mädchen und Knaben. In weißen Gitterbettchen, mit einem
Namensschild zu Häupten und einem Klapprahmen am Fußende, der Tabellen
mit Fieber- und Gewichtskurven zeigte, gewartet von Schwestern in weißen
Hauben, umgeben von Ordnung und Reinlichkeit, lagen die kranken Kinder, und
Husten erfüllte den Raum, während Klaus Heinrich und Imma Spoelmann
zwischen den Reihen dahinschritten.
Er hielt sich aus Höflichkeit zu ihrer Linken und lächelte, wie er es tat, wenn
er durch Ausstellungen geführt wurde, die Fronten von Veteranen, Turnern und
Ehrenkompanien musterte. Aber immer, wenn er den Kopf nach rechts wandte,
gewahrte er, daß Imma Spoelmann ihn betrachtete – begegnete er ihrem großen
schwarzen Blick, der prüfend, mit glänzend ernster Frage auf ihn gerichtet war.
Das war so seltsam, daß Klaus Heinrich nie etwas Seltsameres erlebt zu haben
glaubte als ihre Art, so ohne Rücksicht auf ihn und alle, ganz unverhohlen und
frei, ganz unbesorgt, ob jemand acht darauf habe, mit ihren großen Augen ihn zu
betrachten. Wenn Doktor Sammet an einem Bettchen verweilte, um den Fall zu
erklären, wie bei dem kleinen Mädchen, dessen gebrochenes, weiß verpacktes
Bein ganz senkrecht emporgebunden war, so hörte Fräulein Spoelmann ihm
aufmerksam zu, man sah es wohl; aber während sie lauschte, blickte sie nicht auf
den Redenden, sondern ihre Augen gingen zwischen Klaus Heinrich und dem
Kinde, das schmal und still, mit auf der Brust gekreuzten Händen aus seiner
Rückenlage zu ihnen emporblickte – zwischen dem Prinzen und diesem kleinen
Leidensfall, der ihnen gemeinsam erklärt wurde, hin und her, als beaufsichtige
sie Klaus Heinrichs Teilnahme oder als suche sie die Wirkung von Doktor
Sammets Worten in seiner Miene zu lesen – man wußte nicht recht, warum es
geschah. Ja, namentlich war es so bei dem Knaben mit dem Schuß durch den
Arm und bei dem, der aus dem Wasser gezogen worden: zwei traurigen Fällen,
wie Doktor Sammet bemerkte. »Eine Verbandschere, Schwester«, sagte er und
zeigte ihnen die Doppelwunde am Oberarm des Knaben, den Eintritt und Austritt
einer Revolverkugel. »Die Wunde«, sagte Doktor Sammet gedämpft zu seinen Gästen, indem er dem Bettchen den Rücken zuwandte, »die Wunde hat ihm sein
eigener Vater beigebracht, ja. Es ist gut abgelaufen bei diesem einen. Der Mann
hat seine Frau und drei seiner Kinder und sich selbst mit einem Revolver
erschossen. Er hat fehlgeschossen bei diesem Knaben …« Klaus Heinrich sah
auf die Doppelwunde. »Warum tat das der Mann?« fragte er scheu, und Doktor
Sammet antwortete: »In der Verzweiflung, Königliche Hoheit; es war Schande
und Not, was ihn dazu veranlaßte. Ja.« Er sagte nichts weiter; nur dies
Allgemeinste – ebenso wie bei dem Kleinen, der aus dem Wasser gezogen war,
einem zehnjährigen Knaben. »Er schnauft«, sagte Doktor Sammet. »Er hat noch
Wasser in seiner Lunge. Man hat ihn heute früh aus dem Fluß gefischt – ja.
Übrigens ist es wenig wahrscheinlich, daß er so recht eigentlich in das Wasser
gefallen ist. Mehrere Anzeichen sprechen dagegen. Er war von Hause entflohen.
Ja.« Er schwieg. Und wieder fand Klaus Heinrich, daß Fräulein Spoelmann ihn
anblickte, groß, schwarz und glänzend ernst – mit ihrem Blick, der den seinen
suchte, ihn dringlich aufzufordern schien, gemeinsam mit ihr die »traurigen
Fälle« zu durchdenken, Doktor Sammets Andeutungen im Geist zu
vervollständigen, bis zu den schrecklichen Wahrheiten vorzudringen, die durch
diese zwei kranken Kinderkörper zusammengefaßt und dargestellt wurden …
Ein kleines Mädchen weinte bitterlich, als der dampfende und zischende
Inhalierapparat zusammen mit einem Pappdeckel voll bunter Bilder an ihr
Bettchen gestellt wurde. Fräulein Spoelmann beugte sich zu der Kleinen nieder.
»Es tut nicht weh,« sagte sie und ahmte die Kindersprache nach, »kein bißchen.
Du mußt nicht weinen.« Und als sie sich wieder aufrichtete, fügte sie rasch hinzu
und rümpfte die Lippen: »Es steht zu vermuten, daß sie nicht sowohl über den
Apparat als über die Bilder weint.« Alle lachten. Der eine der jungen Assistenten
hob den Pappdeckel empor und lachte noch lauter, als er die Bilder betrachtete.
Man ging hinüber ins Laboratorium. Klaus Heinrich dachte im Gehen darüber
nach, wie seltsam Fräulein Spoelmann spottete. »Es steht zu vermuten«, hatte sie
gesagt, und »nicht sowohl«. Es war gewesen, als ob sie sich nicht nur über die
Bilder, sondern auch über die ausgesuchten und scharfen Redensarten lustig
machte, die sie mit rascher Gewandtheit benutzte. Und das war wohl der
unumschränkteste Spott, der sich denken ließ …
Das Laboratorium war der größte Raum des Hauses. Gläser, Retorten, Trichter
und Chemikalien standen auf den Borden, und es standen Präparate in Spiritus
darauf, die Doktor Sammet seinen Gästen in ruhigen und festen Worten erklärte.
Ein Kind war auf unerklärliche Weise erstickt: Hier war sein Kehlkopf, mit
pilzartigen Wucherungen statt der Stimmbänder. Ja. Dies hier im Glase war eine
krankhaft erweiterte Kinderniere; und dies waren entartete Knochen. Klaus
Heinrich und Fräulein Spoelmann sahen alles an, sie blickten zusammen in die Gläser, die Doktor Sammet gegen das Fenster hielt, und ihre Augen waren
andächtig, während um ihre Münder derselbe kleine Zug von Widerstand lag.
Sie blickten auch nacheinander in das Mikroskop, betrachteten, mit einem Auge
über die Linse gebeugt, eine böse Ausscheidung, eine blau gefärbte, auf ein
Glasplättchen gestrichene Materie, die neben den großen Flecken ganz kleine
Punkte zeigte: das waren Bazillen. Klaus Heinrich wollte Fräulein Spoelmann
zuerst an das Mikroskop treten lassen, aber sie wehrte ab, indem sie die Brauen
emporzog und einen Mund machte, als wollte sie mit übertriebener Betonung
»Oh, unter keiner Bedingung!« sagen. Da nahm er denn den Vortritt, denn er
fand, daß es wirklich einerlei sei, wer zuerst etwas so Ernstes und Furchtbares
wie Bazillen in Augenschein nahm. Und hierauf wurden sie hinaufgeführt, in
den zweiten Stock, zu den Säuglingen.
Sie lachten beide über das vielstimmige Geschrei, das ihnen schon auf der
Treppe entgegenscholl. Und dann gingen sie mit ihrem Gefolge im Saal
zwischen den Bettchen dahin, beugten sich nebeneinander über die kahlköpfigen
Geschöpfe, die mit geballten Fäustchen schliefen oder aus allen Kräften
schreiend ihre nackten Gaumen zeigten – hielten sich die Ohren zu und lachten
aufs neue. In einer Art Ofen, darin eine gleichmäßige Wärme erzeugt wurde, lag
eine Frühgeburt. Und Doktor Sammet zeigte den hohen Gästen ein grausig
leichenhaftes Armenkind mit häßlichen großen Händen, diesem Abzeichen einer
niederen und harten Geburt … Er nahm ein schreiendes Kind aus dem Bettchen,
und es verstummte sofort. Sachkundig stützte er den haltlosen Kopf in seine
hohle Hand und wies das rote, blinzelnde, mit kurzen Bewegungen sich
dehnende Wesen den beiden vor – Klaus Heinrich und Imma Spoelmann, die
nebeneinander standen und auf den Säugling niederblickten. Klaus Heinrich sah
mit geschlossenen Absätzen zu, wie Doktor Sammet das Kind in das Bettchen
zurücklegte; und als er sich wandte, traf er auf Imma Spoelmanns glänzend
forschende Augen, wie er es erwartet hatte.
Zuletzt traten sie an eines der drei Fenster des Saales und blickten hinaus über
die ärmliche Vorstadtgegend, hinunter auf die Straße, wo, umlagert von Kindern,
der braune Hofwagen und Immas prachtvolles, dunkelrot lackiertes Automobil
hintereinander hielten. Der Spoelmannsche Chauffeur, unförmig in seinem
Zottenpelz, saß tief zurückgelehnt, eine Hand am Steuer des gewaltigen
Fahrzeugs, und sah zu, wie sein Kamerad, der weiße Bediente, dort vorn am
Coupé ein Geplauder mit Klaus Heinrichs Kutscher in Gang zu halten suchte.
»Die Nachbarn«, sagte Doktor Sammet, der mit einer Hand die weiße
Tüllgardine zurückhielt, »sind zugleich die Eltern unserer Pfleglinge.
Sonnabends spät ziehen die betrunkenen Väter johlend vorüber. Ja.«
Sie standen und lauschten; aber Doktor Sammet sagte nichts mehr von den Vätern, und so brachen sie auf, denn nun hatten sie alles gesehen.
Der Zug, Klaus Heinrich und Imma voran, bewegte sich die Treppen hinunter,
und in der Vorhalle war auch das Schwesternkorps wieder versammelt. Es wurde
Abschied genommen, mit Absatzklappen und Honneurs, mit Verbeugungen und
Knicksen. Klaus Heinrich, in förmlicher Haltung vor Doktor Sammet, der ihm
mit seitwärts geneigtem Kopfe und die Hand an der Uhrkette zuhörte, äußerte
sich in einer feststehenden Redewendung höchst beifällig über das Gesehene,
während er fühlte, daß Imma Spoelmann ihre großen Augen dabei auf ihm ruhen
ließ. Er geleitete mit Herrn von Braunbart die Damen zum Automobil, als die
Verabschiedung von den Ärzten und den Schwestern beendet war. Während sie,
zwischen Kindern und Frauen, die Kinder auf den Armen hielten, das Trottoir
überschritten, und noch an dem breiten Trittbrett des Automobils unterhielten
sich Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann wie folgt.
»Es war mir eine große Freude, mit dem gnädigen Fräulein
zusammenzutreffen«, sagte er.
Sie antwortete hierauf nichts, sondern schob nur die Lippen vor, indem sie ein
wenig den Kopf hin und her wandte.
»Es war eine fesselnde Besichtigung«, sagte er wieder. »Man tat allerlei
Einblicke.«
Sie sah ihn an, groß und schwarz. Dann sagte sie rasch und obenhin, mit ihrer
gebrochenen Stimme: »O ja, bis zu einem gewissen Grade …«
Er verfiel auf die Frage: »Ich hoffe, es gefällt Ihnen auf Schloß Delphinenort,
gnädiges Fräulein?« Worauf sie mit vorgeschobenen Lippen erwiderte: »Oh,
warum nicht. Es ist ja eine ganz schickliche Unterkunft …«
»Gefällt es Ihnen besser dort als in Neuyork?« fragte er. Und sie antwortete:
»Ebensogut. Es ist ziemlich gleich. Es ist ziemlich überall dasselbe.«
Das war alles. Klaus Heinrich und, einen Schritt hinter ihm, Herr von
Braunbart standen, die Hand am Helm, als der Chauffeur ankurbelte und das
Automobil sich unter Erschütterungen in Bewegung setzte.
Es versteht sich, daß diese Begegnung nicht lange eine innere Angelegenheit
des Dorotheen-Spitales blieb, vielmehr noch am selben Tage in aller Munde war.
Der »Eilbote« veröffentlichte unter zart poetischer Überschrift eine ausführliche
Schilderung des Zusammentreffens, die, ohne in den Einzelheiten streng den
Tatsachen zu entsprechen, die Gemüter doch mächtig gefangennahm, ja
Kundgebungen einer so lebhaften Wißbegierde des Publikums hervorrief, daß
das wachsame Blatt sich veranlaßt sah, auf weitere Annäherungen zwischen den
Häusern Grimmburg und Spoelmann fortan ein Auge zu haben. Es war nicht
viel, was es melden konnte. Es vermerkte ein paarmal, daß Seine Königliche
Hoheit Prinz Klaus Heinrich, nach Schluß der Hoftheatervorstellung den Wandelgang der ersten Galerie durchschreitend, einen Augenblick vor der
Spoelmannschen Loge haltgemacht habe, um die Damen zu begrüßen. Und in
seinem Bericht über den kostümierten Wohltätigkeitsbasar, der Mitte Januar im
großen Rathaussaale stattfand – einer eleganten Veranstaltung, an der sich auf
inständige Einladung durch das Komitee Miß Spoelmann als Verkäuferin
beteiligte –, nahm keinen geringen Raum die Beschreibung jener Szene ein, wie
Prinz Klaus Heinrich bei dem Rundgang des Hofes vor der Bude angehalten
habe, in der Fräulein Spoelmann schaltete, wie er einen Gegenstand, eine Vase,
ein Kunstglas (denn Fräulein Spoelmann verkaufte Porzellan und Kunstgläser)
von ihr erworben und sich wohl acht oder zehn Minuten lang plaudernd vor dem
Verkaufsstande verweilt habe. Von dem Inhalt des Gespräches verlautbarte
nichts. Dennoch war es durchaus nicht ohne Ergebnis verlaufen.
Der Hof (mit Ausnahme Albrechts) war gegen Mittag im Rathaussaale
erschienen. Als Klaus Heinrich, das erstandene Kunstglas in Seidenpapier auf
den Knien, in seinem Coupé nach Eremitage zurückkehrte, hatte er sich in
Delphinenort angesagt, hatte er die Absicht kundgetan, sich das Schloß in
seinem neuen Zustande einmal anzusehen und bei dieser Gelegenheit Herrn
Spoelmanns Sammlung von Kunstgläsern in Augenschein zu nehmen. Denn
unter Miß Spoelmanns Waren hatten sich drei oder vier alte Gläser befunden, die
ihr Vater selbst aus seiner Kollektion für den Basar gestiftet hatte, und eines
davon hatte Klaus Heinrich gekauft.
Er sah sich wieder in dem Halbkreis von Menschen, die ihnen zusahen – allein
vor Imma Spoelmann und getrennt von ihr durch den Budentisch mit seinen
Kelchen, Karaffen, seinen weißen und farbigen Porzellangruppen. Er sah sie in
dem roten Phantasiegewande, das, aus einem Stück gearbeitet, ihre
wohlausgebildete und dennoch kindliche Gestalt umschloß, indem es ihre
bräunlichen Schultern und ihre Arme freiließ, die rund und fest waren und
dennoch vor dem Handgelenk wie die eines Kindes wurden. Er sah den goldenen
Schmuck, halb Kranz und halb Diadem, in der Schwärze ihres aufgelösten
Haares, das eine Neigung zeigte, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen,
ihre übergroßen und schwarzen, glänzend fragenden Augen in dem perlblassen
Gesichtchen, ihren vollen und weichen Mund, den sie mit verwöhnter
Geringschätzung vorschob, wenn sie sprach – und um sie herum in dem großen,
gewölbten Raum war Tannengeruch und wirrer Lärm, Musik, Gongschläge,
Gelächter und Marktschreierei gewesen.
Er hatte das Kunstglas, den alten, edlen Kelch mit seinem Schmuck von
silbernem Blattwerk bewundert, den sie ihm zum Kaufe angeboten, und sie hatte
gesagt, daß er aus ihres Vaters Sammlung stamme. – So herrliche Dinge besitze
also ihr Vater eine ganze Menge? – Allerdings. Und glaublicherweise seien es
nicht eben die besten Nummern, die ihr Vater für den Basar gestiftet habe. Sie
stehe nicht an, zu erklären, daß er viel schönere Gläser habe. – Die wünschte
Klaus Heinrich wohl sehen zu dürfen! – Nun, das würde sich gelegentlich ja
unschwer ermöglichen lassen, hatte Fräulein Spoelmann mit ihrer gebrochenen
Stimme geantwortet, indem sie die Lippen vorgeschoben und ihr Köpfchen ein
wenig hin und her gewandt hatte. Ihr Vater, hatte sie gemeint, werde durchaus
nicht dawider seien, die Früchte seines Sammelfleißes wieder einmal einem
verständnisvollen Beschauer vorzuführen. Um die Teestunde seien Spoelmanns
immer zu Hause.
Sie hatte die Sache sehr bürgerlich genommen, hatte aus der Ansage eine
Einladung gemacht und im leichtesten Tone gesprochen. Schließlich, auf Klaus
Heinrichs Frage, welchen Tag man in Aussicht nehmen solle, hatte sie geantwortet: »Welchen Sie wollen, Prinz. Wir werden uns jederzeit unsäglich
glücklich schätzen …«
»Unsäglich glücklich schätzen« – so sprach sie, so scharfzüngig und spöttisch
übertrieben, daß es fast weh tat und man nur mühsam gute Miene machte. Wie
sie die arme Schwester-Oberin verwirrt und verletzt hatte, neulich im Spital!
Aber bei alledem war etwas Kindliches in ihrer Sprechweise, ja, gewisse Laute
kamen heraus, wie Kinder sie bilden – nicht nur das eine Mal, als sie das kleine
Mädchen über den Dampfapparat getröstet hatte. Und so große Augen hatte sie
gemacht, als von den Vätern die Rede gewesen und den traurigen Fällen …
Am nächsten Tage nahm Klaus Heinrich seinen Tee auf Schloß Delphinenort
– am nächstfolgenden, den Tag darauf. Gelegentlich, hatte Imma Spoelmann
gesagt, möge er kommen. Aber der nächstfolgende Tag war ihm gelegen, und da
ihm die Sache dringlich schien, so fand er es nicht angebracht, sie auf die lange
Bank zu schieben.
Gegen fünf Uhr – es war schon dunkel – trug ihn sein Coupé über die
aufgeweichten Fahrwege des Stadtgartens, der kahl und menschenleer lag –
schon war es Spoelmannscher Besitz, wo er rollte –, Bogenlampen erhellten den
Park, das große, viereckige Brunnenbassin schimmerte trüb zwischen den
Bäumen, dahinter erhob sich das weißliche Schloß mit dem Säulenaufbau seines
Portals, seiner geräumigen Doppelrampe, die, zwischen seinen Flügeln
eingelagert, in flachem Aufstieg zur Beletage emporführte, seinen hohen, in
kleine Scheiben geteilten Fenstern, seinen römischen Büsten in den Nischen –
und als Klaus Heinrich durch die Auffahrtsallee von mächtigen Kastanien fuhr,
da sah er zu Füßen der Rampe den bordeauxroten Plüschmohren stehen und mit
aufgestütztem Stabe Ausschau halten …
Klaus Heinrich beschritt eine steinerne, hell erleuchtete und lind durchwärmte
Halle mit goldig schimmerndem Mosaikfußboden und weißen Götterbildern in
der Runde, schritt geradeaus, der marmornen, breitgeländrigen und mit rotem
Teppich belegten Freitreppe zu, auf welcher, mit zurückgezogenen Schultern und
hängenden Armen, bauchig und stolz, im Schmuck seines rasierten Doppelkinns,
der Spoelmannsche Haushofmeister herniederstieg, um den Gast zu empfangen.
Er geleitete ihn in den oberen, mit Bilderteppichen umkleideten und mit einem
Marmorkamin geschmückten Vorsaal, wo ein paar weißgoldene und
schwanverbrämte Bediente des Prinzen Mütze und Mantel in Empfang nahmen,
während der Haushofmeister in eigener Person seiner Herrschaft Meldung zu
machen ging … Zwischen dem Dienerpaar hindurch, das einen Teppich
beiseiteraffte, schritt Klaus Heinrich zwei oder drei Stufen hinab.
Pflanzengeruch umfing ihn, und er hörte das sanfte Plätschern fallenden
Wassers; in dem Augenblick aber, da hinter ihm der Teppich sich schloß, brach ein Gebell aus, so jäh und toll, daß Klaus Heinrich, einen Augenblick halb
betäubt, zu Füßen der Stufen haltmachte. Perceval, der Colliehund, hatte sich
ihm entgegengeworfen, und nichts glich seiner maßlosen Raserei. Er geiferte, er
litt, er wußte nicht, wie sich gebärden vor wütender Zerrissenheit seines Innern,
er wand sich, peitschte mit dem Schweif seine Flanken, stemmte die Vorderfüße
gegen den Boden und schwang sich in blinder Leidenschaft um sich selber,
indem er in Lärm und Tobsucht vergehen zu wollen schien. Eine Stimme – es
war nicht Immas Stimme – rief ihn zurück, und Klaus Heinrich sah sich in einem
Wintergarten, einem von schlanken marmornen Säulen gestützten gläsernen
Gewölbe, dessen Boden mit großen, quadratischen, spiegelnden Marmorfliesen
belegt war. Palmen aller Art erfüllten es, deren Schäfte und Fächer sich
manchmal bis dicht unter die gläserne Decke erhoben. Ein beetartiges
Blumenparterre, bestehend aus zahllosen, gleich den Steinen eines Mosaiks
aneinandergesetzten Blumentöpfen, breitete sich im starken Mondlicht der
Bogenlampen aus und erfüllte die Luft mit Wohlgeruch. Aus einem
schöngemeißelten Brunnen rieselten silberne Quellen in ein marmornes Becken,
und Enten von seltsam künstlich gefiederter Art schwammen auf der
durchleuchteten Wasserfläche. Ein steinerner Wandelgang mit Pfeilern und
Nischen nahm den Hintergrund ein. Es war die Gräfin Löwenjoul, die dem
Eintretenden entgegenkam und sich lächelnd verneigte.
»Königliche Hoheit wollen verzeihen«, sagte sie. »Unser Percy ist so heftig.
Und dann ist er jetzt so wenig an Besuch gewöhnt. Aber er tut niemandem
Böses. Darf ich Königliche Hoheit bitten … Fräulein Spoelmann wird sogleich
zurückkehren. Sie war eben noch hier. Sie wurde abgerufen. Ihr Vater schickte
nach ihr. Mister Spoelmann wird hocherfreut sein …«
Damit führte sie Klaus Heinrich zu einer Anordnung von Korbstühlen, die,
mit gestickten Leinwandkissen ausgestattet, vor einer Palmengruppe standen. Sie
sprach lebhaft und kräftigen Tons, den kleinen Kopf mit dem spärlichen
aschblonden Scheitel zur Seite geneigt und lächelnd ihre weißen Zähne zeigend.
Ihre Gestalt war entschieden vornehm in dem eng anschließenden braunen
Kleid, das sie trug, und wie sie mit munterem Händereiben Klaus Heinrich zu
den Stühlen geleitete, hatte sie die frischen und eleganten Bewegungen der
Offiziersfrau. Nur in ihren Augen, deren Lider sie blinzelnd zusammenzog, war
etwas wie Tücke und Mißtrauen, etwas Unverständliches. Sie nahmen Platz,
einander gegenüber an dem runden Gartentischchen, auf dem ein paar Bücher
lagen. Perceval, erschöpft von dem Anfall, den er erlitten, nahm auf dem
schmalen, blaßfarbigen und perlmutterartig schimmernden Teppich, darauf die
Möbel standen, eine schneckenförmige Ruhestellung ein. Sein schwarzseidiges
Fell war weiß an Pfoten, Brust und Schnauze. Er hatte eine weiße Halskrause, goldene Augen und einen Scheitel den ganzen Rücken entlang. Klaus Heinrich
begann ein Gespräch um des Gespräches willen, eine förmliche Unterhaltung
mit Scheingegenstand, wie er es nicht anders kannte.
»Ich wünschte wohl, Gräfin, daß ich nicht gar zu ungelegen käme. Ich bin
glücklich, mich wenigstens nicht als ganz unberechtigter Eindringling zu fühlen.
Ich weiß nicht, ob Fräulein Spoelmann Ihnen erzählt hat … Sie hatte die Güte,
mich zu einem Besuch zu ermutigen. Es handelte sich um die schönen Gläser,
die Herr Spoelmann so freigebig war, für den gestrigen Basar zu stiften. Fräulein
Spoelmann meinte, daß ihr Vater nichts dagegen haben werde, mir seine
Sammlung einmal zu zeigen. Da bin ich nun …«
Die Gräfin ließ es dahingestellt, ob Imma ihr von der Verabredung erzählt
habe. Sie sagte: »Dies ist die Teestunde des Hauses, Königliche Hoheit. Wie
könnten Königliche Hoheit ungelegen kommen? Selbst wenn, was ich nicht
hoffen will, Mister Spoelmann durch sein Befinden verhindert wäre, zu
erscheinen …«
»Oh, er ist leidend?« Eigentlich wünschte Klaus Heinrich ein wenig, daß Herr
Spoelmann verhindert sein möge. Er sah der Bekanntschaft mit unbestimmter
Besorgnis entgegen.
»Er war heute leidend, Königliche Hoheit. Er hatte leider Fieber, Schüttelfrost
und sogar eine kleine Ohnmachtsanwandlung. Vormittags war Doktor
Watercloose lange bei ihm. Er hat eine Morphiumeinspritzung vorgenommen. Es
handelt sich darum, ob nicht doch einmal eine Operation nötig werden wird.«
»Das tut mir leid«, sagte Klaus Heinrich aufrichtig. »Eine Operation. Das ist
schrecklich.« Und hierauf antwortete die Gräfin mit abirrenden Augen: »O ja.
Aber es gibt Schrecklicheres im Leben – viele Dinge, die viel schrecklicher sind
als dies.«
»Zweifellos«, sagte Klaus Heinrich. »Ich glaube es wohl.« Er fühlte seine
Einbildungskraft auf allgemeine und ungewisse Art angeregt durch die
Andeutung der Gräfin.
Sie sah ihn an, mit seitwärts geneigtem Kopfe, und ein Ausdruck von
Geringschätzung war in ihrem Gesicht. Dann entwichen ihre ein wenig
verschwollenen grauen Augen zur Seite, man wußte nicht, wohin, mit jenem
geheimnisvollen Lächeln, das Klaus Heinrich schon kannte, und das etwas
seltsam Lockendes hatte.
Er empfand die Notwendigkeit, das Gespräch wieder aufzunehmen.
»Leben Sie schon lange im Hause Spoelmann, Gräfin?« fragte er.
»Ziemlich lange«, antwortete sie, und man sah ihr an, daß sie zu rechnen
versuchte. »Ziemlich. Ich habe so vieles durchlebt, so viele Erfahrungen
gemacht, daß ich es auf den Tag genau natürlich nicht sagen kann. Aber kurz nach der Wohltat war es – bald nachdem mir die Wohltat zuteil geworden.«
»Die Wohltat?« fragte Klaus Heinrich.
»Allerdings«, sagte sie mit Bestimmtheit und sogar ein wenig gereizt. »Denn
die Wohltat geschah ja an mir, als es der Erfahrungen zu viele geworden waren
und der Bogen hätte springen müssen, um mich dieses Vergleiches zu bedienen.
Sie sind so jung,« fuhr sie fort, indem sie nachlässigerweise vergaß, ihn mit
seinem Titel anzureden, »so unwissend in betreff des Elends und der
Verworfenheit der Welt, daß Sie sich keinen Begriff davon machen können, was
ich habe erdulden müssen. In Amerika hatte ich einen Prozeß, zu dem viele
Generale erscheinen mußten. Dinge kamen an den Tag, denen mein Humor nicht
gewachsen war. Sämtliche Kasernen habe ich putzen müssen, ohne daß es mir
gelungen wäre, alle liederlichen Weiber hinauszubefördern. Sie versteckten sich
in den Schränken, einige auch unter der Diele, und so kommt es, daß sie
fortfahren, mich nachts über Gebühr zu martern. Ich würde mich ungesäumt auf
meine Schlösser in Burgund zurückziehen, wenn es nicht von oben
hineinregnete. Das wußten Spoelmanns, und darum war es so sehr
entgegenkommend von ihnen, mich vorläufig bei sich aufzunehmen, wobei es
meine einzige Aufgabe ist, die vollkommen unwissende Imma vor der Welt zu
warnen. Nur leidet selbstverständlich meine Gesundheit darunter, daß die Weiber
sich nachts auf meine Brust setzen und mich zwingen, ihren unanständigen
Fratzen zuzusehen. Und dies ist der Grund, weshalb ich bitte, mich einfach Frau
Meier zu nennen«, sagte sie flüsternd, indem sie sich vorbeugte und mit ihrer
Hand Klaus Heinrichs Arm berührte. »Die Wände haben Ohren, und es ist
unbedingt erforderlich, daß ich mein notgedrungen angenommenes Inkognito
wahre, um mich vor den Nachstellungen der lasterhaften Geschöpfe zu schützen.
Nicht wahr, Sie gehen auf meine Bitte ein? Nehmen Sie es doch als Scherz …
als eine Spielerei, die niemandem weh tut … Warum nicht …«
Sie verstummte.
Klaus Heinrich saß aufrecht und ohne irgendwelche Lässigkeit auf seinem
Korbstuhl ihr gegenüber und sah sie an. Er hatte, bevor er seine geradlinigen
Stuben verließ, unter Beihilfe seines Kammerdieners Neumann mit all der
Sorgfalt Toilette gemacht, die sein den Blicken ausgesetztes Dasein erheischte.
Sein Scheitel lief, über dem linken Auge ansetzend, schräg über den Kopf hin
genau durch den Wirbel, so daß dort oben weder Strähne noch Härchen sich
erheben konnten, und rechts war sein Haar in einem festen Hügel aus der Stirn
zurückgebürstet. In seinem Interimsuniformrock, dessen hoher Kragen und fester
Sitz eine beherrschte Haltung begünstigte, saß er, den silbern geflochtenen
Achselschmuck eines Majors auf seinen schmalen Schultern, leicht angelehnt,
doch ohne sich bequeme Abspannung zu erlauben, geordnet, gesammelt, den einen Fuß ein wenig vor dem anderen, und bedeckte seine linke Hand auf dem
Säbelgriff mit der rechten. Sein junges Gesicht war ein wenig müde von der
Unsachlichkeit, der Einsamkeit, Strenge und Schwierigkeit seines Lebens; allein
mit einem freundlichen, klaren und unbedingt gefaßten Ausdruck blickte er in
das der Gräfin.
Sie verstummte. Ernüchterung und Gram ergriffen von ihren Zügen Besitz,
und während es war, als ob in ihren übernächtigen grauen Augen etwas wie Haß
gegen Klaus Heinrich aufzuckte, verfärbte sie sich auf eine ganz besondere und
selten beobachtete Weise, indem nämlich die eine Hälfte ihres Gesichtes rot, die
andere blaß wurde. Mit gesenkten Lidern antwortete sie: »Ich bin seit drei Jahren
im Hause Spoelmann, Königliche Hoheit.«
Perceval schnellte empor. In einem tänzelnden, federnden, wedelnden Trabe
begab er sich seiner Herrin entgegen – denn Imma Spoelmann war eingetreten –,
richtete sich würdevoll auf und setzte ihr grüßend die Vorderpfoten auf die Brust.
Sein Rachen war weit geöffnet, und zwischen seinen prachtvollen weißen
Zähnen hing blutrot die Zunge hervor. Er glich einem Wappentier, wie er so
aufrecht vor ihr stand.
Sie war wunderbar gekleidet: in ein Hausgewand aus ziegelfarbener Rohseide
und mit offen herniederhängenden Ärmeln, dessen ganzes Bruststück aus einer
schweren Goldstickerei bestand. An einer Perlenkette lag ein großer, eiförmiger
Edelstein auf ihrem bloßen Halse, dessen Haut die Farbe angerauchten
Meerschaums hatte. Ihr blauschwarzes, seitwärts gescheiteltes und schlicht
geknotetes Haar zeigte eine Neigung, ihr in glatten Strähnen in Stirn und
Schläfen zu fallen. Während sie Percevals Greifenkopf mit ihren beiden
schmucklosen schmalen und schönen Kinderhänden umfaßt hielt, sagte sie in
sein Gesicht hinein: »So … so … guten Tag, mein Freund. Welch ein
Wiedersehen. Wir waren von Sehnsucht erfüllt, wir beiden, wir haben die
Qualen der Trennung ausgekostet. Guten Tag. Du magst nun immerhin dein
Lager wieder aufsuchen.« Und indem sie seine Füße von der Goldstickerei auf
ihrer Brust löste und zur Seite trat, machte sie, daß er sich auf seine vier Beine
niederließ.
»O Prinz«, sagte sie. »Willkommen in Delphinenort. Sie verabscheuen den
Wortbruch, wie ich sehe. Ich setze mich zu Ihnen. Wir werden benachrichtigt,
wenn wir Tee trinken können … Es ist zweifellos gegen alle Vorschrift, daß ich
habe warten lassen. Aber mein Vater schickte nach mir – und dann hatten Sie ja
Unterhaltung solange …« Ihre glänzenden Augen gingen ein wenig zweifelnd
zwischen Klaus Heinrich und der Gräfin hin und her.
»Doch,« sagte er, »die hatte ich.« Und dann stellte er eine Frage nach Mister
Spoelmanns Befinden, die leidlich zufriedenstellend beantwortet wurde. Herr Spoelmann werde beim Tee das Vergnügen haben, Klaus Heinrichs
Bekanntschaft zu machen, er lasse sich entschuldigen bis dahin … Was das für
ein hübsches Paar Pferde sei, das Klaus Heinrich vor seinem Coupé habe? Und
nun sprachen sie von ihren Pferden, von Klaus Heinrichs gutmütigem Braunen
Florian aus dem Hollerbrunner Hofgestüt, von Fräulein Spoelmanns arabischer
Milchschimmelstute namens Fatme, die Herr Spoelmann von einem Fürsten aus
dem Morgenlande zum Geschenk erhalten hatte, von ihren geschwinden
ungarischen Füchsen, die sie als Four-in-hand-Gespann benutzte … »Kennen
Sie die Umgegend?« fragte Klaus Heinrich. »Waren Sie beim Hofjäger? Im
Fasaneriegarten? Es gibt hübsche Ausflüge.« Nein, Fräulein Spoelmann war
hervorragend ungeschickt im Auffinden von neuen Wegen, und die Gräfin – nun,
sie war ihrer ganzen Natur nach nicht unternehmungslustig. So ritten sie immer
dieselben Wege im Stadtgarten. Das sei vielleicht langweilig, aber Fräulein
Spoelmann sei im ganzen nicht mit Abwechslung und Abenteuern verwöhnt. Da
sagte er denn, daß sie einmal zusammen reiten müßten, bei schönem Wetter, zum
Hofjäger oder nach Schloß Fasanerie, worauf sie mit vorgeschobenen Lippen
antwortete, daß man dergleichen ja immerhin in vorläufige Aussicht nehmen
könne. Dann kam der Haushofmeister und meldete ernst, daß der Teetisch bereit
sei.
Sie gingen durch die Teppichhalle mit dem Marmorkamin, geführt von dem
pomphaft schreitenden Butler, begleitet von dem tänzelnden Percy, gefolgt von
der Gräfin Löwenjoul.
»Hat die Gräfin vorhin ein bißchen geschwatzt?« fragte Imma im Gehen, ohne
ihre Stimme sonderlich in acht zu nehmen.
Klaus Heinrich erschrak und blickte zu Boden. »Aber sie kann uns ja hören!«
sagte er leise.
»Nein, sie hört uns nicht«, antwortete Imma. »Ich verstehe mich auf ihr
Gesicht. Wenn sie den Kopf so schräg hält und mit den Augen blinzelt, so ist sie
abwesend und tief in ihren Gedanken. Sie hat wohl ein bißchen geschwatzt
vorhin?«
»Vorübergehend«, sagte Klaus Heinrich. »Ich hatte den Eindruck, daß die
Frau Gräfin sich zeitweise gehen ließ.«
»Es ist ihr viel Schlimmes widerfahren.« Und Imma sah ihn an, so groß und
dunkel forschend, wie sie es im Dorotheen-Spital auf Schritt und Tritt getan
hatte. »Ich erzähle es ein andermal. Es ist eine Geschichte.«
»Ja«, sagte er. »Ein andermal. Das nächste Mal. Vielleicht unterwegs.«
»Unterwegs?«
»Ja, unterwegs zum Hofjäger oder zur Fasanerie.«
»Oh, ich vergaß Ihre Gewissenhaftigkeit, Prinz, was Verabredungen betrifft. Gut, also unterwegs. Hier geht es hinunter.«
Sie befanden sich an der Rückseite des Schlosses. Von einer mit großen
Gemälden behangenen Galerie, die sie durchquerten, leiteten teppichbelegte
Stufen in den weißgoldenen Gartensalon hinab, hinter dessen hoher Glastür die
Terrasse lag. Alles, der große Kristallüster, der von der Mitte der hohen, weiß
verschnörkelten Decke herabhing; die ebenmäßig aufgestellten Armstühle mit
goldenen Rahmen und Wirkbildbezügen; die schwer herabfallenden,
weißseidenen Vorhänge; die feierliche Stutzuhr und die Vasen und goldenen
Leuchter auf der weißmarmornen Kaminplatte vor dem hohen Wandspiegel; die
mächtigen löwenfüßigen, vergoldeten Kandelaber, die zu beiden Seiten der
Eingangsstufen emporragten: alles erinnerte Klaus Heinrich an das Alte Schloß,
an die Repräsentationsräume, in denen er von Kind auf Dienst zu tun gewohnt
war – nur daß die Kerzen hier Scheinkerzen waren, mit goldig strahlenden
Glühlampen an Stelle des Dochtes, und daß alles neu war und glänzend instand
bei Spoelmanns auf Schloß Delphinenort. Ein schwanverbrämter Bedienter legte
in einem Winkel des Zimmers die letzte Hand an den Teetisch; Klaus Heinrich
betrachtete den elektrisch geheizten Kessel, von dem er im »Eilboten« gelesen
hatte.
»Hat man Herrn Spoelmann benachrichtigt?« fragte die Tochter des Hauses …
Der Butler verneigte sich. »Dann soll nichts uns hindern,« sagte sie in ihrer
raschen und spöttisch redegewandten Art, »unsere Plätze einzunehmen und ohne
ihn zu beginnen. Kommen Sie, Gräfin! Ich würde Ihnen empfehlen, Prinz, sich
Ihrer Waffen zu entledigen, falls nicht Gründe, die sich meiner Einsicht
entziehen, dagegen sprechen …«
»Danke«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, es spricht gar nichts dagegen.« Und es
schmerzte ihn, daß er zu ungeübten Geistes war, um eine behendere Antwort zu
finden.
Der Bediente nahm seinen Säbel in Empfang und trug ihn durch die Galerie
davon. Sie saßen am Teetisch nieder, unter Beistand des Butlers, der die Lehnen
der Stühle hielt, die Stühle unter sie schob. Dann zog er sich auf die Höhe der
Stufen zurück, wo er in schmuckhafter Weise stehenblieb.
»Sie müssen wissen, Prinz,« sagte Fräulein Spoelmann, die das Wasser
aufgoß, »daß mein Vater keinen Tee trinkt, den ich nicht selbst bereitet habe. Er
mißtraut jedem Tee, der fertig in Tassen herumgereicht wird. Das ist bei uns
verpönt. Sie müssen sich dem anbequemen.«
»Oh, es ist schöner so,« sagte Klaus Heinrich, »viel behaglicher und
ungezwungener so am Familientisch …« Er brach ab und bedachte, warum bei
diesen Worten ein gehässiger Seitenblick aus den Augen der Gräfin Löwenjoul
ihn getroffen hatte. »Und Ihr Studium,« fragte er, »gnädiges Fräulein? Darf ich mich erkundigen? Mathematik, wie ich weiß. Es strengt Sie nicht an? Ist es nicht
furchtbar hart für den Kopf?«
»Gar nicht«, sagte sie. »Ich weiß nichts Hübscheres. Man spielt in den Lüften,
sozusagen, oder schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend jedenfalls. Man
hat es so kühl wie in den Adirondacks …«
»Wie wo?«
»Den Adirondacks. Das ist Geographie, mein Prinz. Ein Bergwald drüben mit
hübschen Seen. Wir haben ein Landhaus dort, für den Mai. Im Sommer waren
wir immer am Meer.«
»Auf jeden Fall«, sagte er, »kann ich für Ihren Eifer in den Studien Zeugnis
ablegen. Sie lassen sich nicht gern hindern, pünktlich in die Vorlesung zu
kommen. Ich habe noch nie gefragt, ob Sie eigentlich neulich zur Zeit
gekommen sind.«
»Neulich?«
»Ja, vor einigen Wochen. Nach dem Hindernis an der Hauptwache.«
»Großer Gott, Prinz, nun fangen auch Sie davon an. Diese Geschichte scheint
im Palast wie in der Hütte verbreitet zu sein. Hätte ich gewußt, welch Aufhebens
man davon machen würde, so wäre ich lieber dreimal um den Schloßplatz
gegangen. Sogar in der Zeitung hat es gestanden, wie man mir sagt. Und nun
hält natürlich die ganze Stadt mich für einen Teufel an Wildheit und Jähzorn.
Aber ich bin das friedfertigste Geschöpf von der Welt und lasse mich nur nicht
gern kommandieren. Bin ich ein Teufel, Gräfin? Ich verlange bündige Antwort.«
»Nein, Sie sind gut«, sagte die Gräfin Löwenjoul.
»Nun – gut, das ist wiederum zuviel gesagt, das geht zu weit nach der anderen
Seite, Gräfin …«
»Nein,« sagte Klaus Heinrich, »nein, nicht zu weit. Ich glaube der Gräfin ganz
fest …«
»Viel Ehre. Wie ist die Kunde von dem Abenteuer denn eigentlich zu Eurer
Hoheit gedrungen? Durch die Zeitung?«
»Ich war Augenzeuge«, sagte Klaus Heinrich.
»Augenzeuge?«
»Ja, gnädiges Fräulein. Ich stand zufällig am Fenster der Offizierswachtstube
und habe alles von Anfang bis zu Ende mit angesehen.«
Fräulein Spoelmann errötete. Es war kein Zweifel, daß die perlblasse Haut
ihres fremdartigen Gesichtchens sich dunkler färbte.
»Nun, Prinz, ich nehme an,« sagte sie, »daß Sie im Augenblick nichts
Besseres zu tun hatten.«
»Besseres?« rief er. »Aber es war ja so schön zu sehen! Ich gebe Ihnen mein
Wort, gnädiges Fräulein, daß ich nie in meinem Leben …«
Perceval, der mit anmutig gekreuzten Vorderpfoten neben Fräulein Spoelmann
lag, erhob das Haupt mit angespannt gesammelter Miene und schlug mit dem
Schweif den Teppich. Im selben Augenblick setzte der Butler sich in Bewegung.
Er lief, so schnell die Schwere seines Leibes es gestattete, die Stufen hinab zu
der hohen Seitentür, die sich dem Teetisch gegenüber befand, und raffte heftig
die weißseidene Portiere, indem er sein Doppelkinn mit machtvollem Ausdruck
in die Lüfte erhob. Samuel Spoelmann, der Milliardär, trat ein.
Er war zierlich gebaut und von eigenartiger Physiognomie. Aus seinem
glattrasierten Gesicht mit den hitzigen Wangen sprang die Nase ungewöhnlich
wagerecht hervor, und darüber lagen nahe beieinander seine kleinen Rundaugen,
die von metallisch unbestimmtem Blauschwarz waren, wie bei kleinen Kindern
und Tieren, und zerstreut und ärgerlich blickten. Der obere Teil seines Schädels
war kahl, aber am Hinterkopf und an den Schläfen besaß Herr Spoelmann
reichliches graues Haar, das auf eine bei uns nicht übliche Art gehalten war. Er
trug es weder kurz noch lang, sondern hochaufliegend, voll, nur im Nacken
abgeschnitten und um die Ohren rasiert. Sein Mund war klein und fein
geschnitten. Gekleidet in einen schwarzen Schoßrock mit samtener Weste, auf
der eine lange, dünne, altmodische Uhrkette lag, und weiche Lederschuhe an
seinen kurzen Füßchen, näherte er sich mit mißmutigem und beschäftigtem
Gesichtsausdruck rasch dem Teetisch; aber seine Miene erhellte sich, sie gewann
Weichheit und Freude, sobald er seiner Tochter ansichtig wurde. Imma war ihm
entgegengegangen.
»Guten Tag, verehrungswürdiges Väterchen«, sagte sie; und ihre bräunlichen
Kinderarme, von denen die offenen ziegelfarbenen Ärmel niederhingen, um
seinen Nacken schlingend, küßte sie ihn auf die Glatze, die er ihr darbot, indem
er den Kopf neigte.
»Dir dürfte nicht unbekannt sein,« fuhr sie fort, »daß Prinz Klaus Heinrich
heute mit uns den Tee nimmt?«
»Nein, freut mich, freut mich«, sagte Herr Spoelmann gleichsam eilig und mit
knarrender Stimme. »Bitte, sich nicht stören zu lassen!« sagte er ebenso. Und
indem er mit dem Prinzen, der in geschlossener Haltung am Tische stand, einen
Händedruck tauschte (Herrn Spoelmanns Hand war mager und von der
ungestärkten weißen Manschette halb bedeckt), nickte er mehrmals irgendwohin
nach der Seite. Dies war seine Art, Klaus Heinrich zu begrüßen. Er war fremd,
krank und ein Sonderling an Reichtum. Er war entschuldigt und alles Weiteren
entbunden – Klaus Heinrich sah es ein und bemühte sich redlich, seine innere
Verstörung zu überwinden. »… Sind ja zu Hause hier, gewissermaßen«, sagte
Herr Spoelmann noch, indem er die Anrede verschluckte, und vorübergehend
erschien ein boshafter Ausdruck um seine rasierten Lippen. Dann veranlaßte er durch sein Beispiel alle, sich wieder zu setzen. Es war der Stuhl zwischen Imma
und Klaus Heinrich, der Gräfin und der Verandatür gegenüber, den der Butler
unter ihn schob.
Da Herr Spoelmann keine Miene machte, sein Säumen zu entschuldigen, sagte
Klaus Heinrich: »Ich höre mit Bedauern, daß Sie heute zu leiden hatten, Herr
Spoelmann. Ich hoffe, es geht Ihnen besser?«
»Danke, besser, aber nicht gut«, antwortete Herr Spoelmann knarrend.
»Wieviel Löffel hast du genommen?« fragte er seine Tochter. Er meinte damit,
wieviel Tee sie in die Kanne geschüttet habe.
»Vier«, sagte sie. »Für jeden einen. Niemand soll sagen, daß ich mein greises
Väterchen dem Mangel aussetze.«
»Ach was«, antwortete Herr Spoelmann. »Ich bin nicht greis. Man sollte dir
die Zunge stutzen.« Und er nahm aus einer silbernen Büchse eine Art Zwieback,
die eigens für ihn da zu sein schien, zerbrach das Gebäck und tauchte es
ärgerlich in den goldfarbenen Tee, den er wie seine Tochter ohne Sahne und
Zucker trank.
Klaus Heinrich begann von neuem: »Ich sehe mit großer Spannung der
Besichtigung Ihrer Sammlung entgegen, Herr Spoelmann.«
»Richtig«, antwortete Herr Spoelmann. »Wollen meine Gläser ansehen. Sind
Liebhaber? Vielleicht auch Sammler?«
»Nein,« sagte Klaus Heinrich, »zum Sammeln bin ich bei aller Vorliebe noch
nicht gekommen.«
»Keine Zeit?« fragte Herr Spoelmann … »Ist der Offiziersdienst so
zeitraubend?«
Klaus Heinrich antwortete: »Ich tue nicht mehr Dienst, Herr Spoelmann. Ich
bin à la suite meines Regiments gestellt. Ich trage die Uniform, das ist alles.«
»Ach so, zum Schein«, sagte Herr Spoelmann knarrend. »Was tun denn den
ganzen Tag?«
Klaus Heinrich hatte aufgehört, Tee zu trinken, hatte alles von sich geschoben
bei diesem Gespräch, das seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Aufrecht saß
er da und verantwortete sich, während er fühlte, daß Imma Spoelmanns Blick
groß, schwarz und forschend auf ihm ruhte.
»Ich habe Pflichten bei Hofe, bei den Festen und Zeremonien. Ich habe auch
auf militärischem Gebiet zu repräsentieren, bei Rekrutenvereidigungen und
Fahnenweihen. Dann muß ich Empfänge abhalten, in Vertretung meines Bruders,
des Großherzogs. Und dann gibt es kleine dienstliche Reisen, in die Ortschaften
des Landes, zu Enthüllungen und Einweihungen und anderen öffentlichen
Feierlichkeiten.«
»Ach so«, sagte Herr Spoelmann. »Zeremonien, Feierlichkeiten. So für die Gaffer. Na, dafür fehlt mir jedes Verständnis. Ich sage Ihnen once for all, daß
ich nichts halte von Ihrem Beruf. That's my standpoint, sir.«
»Ich verstehe vollkommen«, sagte Klaus Heinrich. Er hielt sich aufrecht in
seinem Majorsrock und lächelte schmerzlich.
»Nun, es will ja wohl auch das geübt sein,« fuhr Herr Spoelmann ein wenig
sanfter fort, »geübt und gelernt, wie es scheint. Ich für meine Person werde
meiner Lebtage nicht aufhören, mich zu ärgern, wenn ich das Wundertier
abgeben muß …«
»Ich will hoffen,« sagte Klaus Heinrich, »daß unsere Bevölkerung es nicht an
Rücksicht fehlen läßt …«
»Danke, es geht«, antwortete Herr Spoelmann. »Die Leute sind wenigstens
gutmütig hier; es steht ihnen nicht gerade die Mordlust in den Augen
geschrieben, wenn sie glotzen.«
»Überhaupt würde ich mich freuen, zu hören, Herr Spoelmann« – und Klaus
Heinrich fühlte sich besser, seit das Gespräch sich gewandt hatte und das Fragen
an ihm war –, »daß es Ihnen trotz den ungewohnten Verhältnissen dauernd bei
uns gefällt.«
»Danke,« sagte Herr Spoelmann, »ich bin at ease. Und das Wasser ist ja nun
mal das einzige, das mir ein bißchen hilft.«
»Es ist Ihnen nicht schwer geworden, Amerika zu verlassen?«
Ein Blick streifte Klaus Heinrich, ein rascher und mißtrauischer Blick von
unten, den Klaus Heinrich nicht zu deuten wußte.
»Nein«, sagte Herr Spoelmann, scharf und knarrend. Das war alles, was er auf
die Frage antwortete, ob ihm der Abschied von Amerika nicht schwer geworden
sei.
Eine Pause trat ein. Die Gräfin Löwenjoul hielt ihren kleinen,
glattgescheitelten Kopf zur Seite geneigt und lächelte abwesend und
madonnenhaft. Fräulein Spoelmann betrachtete Klaus Heinrich unverwandt aus
großen, schwarzglänzenden Augen, als prüfe sie die Wirkung, die ihres Vaters
wunderliche Schroffheit auf den Gast hervorbringe – ja, Klaus Heinrich hatte
den Eindruck, daß sie mit Ruhe und Verständnis seines Aufbruchs und
Abschiedes auf Nimmerwiederkehren gewärtig sei. Er begegnete ihrem Blick
und blieb. Herr Spoelmann seinerseits zog eine goldene Dose hervor und
entnahm ihr eine breite Zigarette, die, nachdem er sie angezündet, einen
köstlichen Duft verbreitete.
»Mögen rauchen?« fragte er dann … Und da Klaus Heinrich fand, daß es
nicht mehr darauf ankomme, so bediente auch er sich, nach Herrn Spoelmann,
aus der dargebotenen Dose.
Es war dann, bevor man zur Besichtigung der Gläser schritt, noch von verschiedenen Gegenständen die Rede – hauptsächlich zwischen Klaus Heinrich
und Fräulein Spoelmann, denn die Gräfin war mit ihren Gedanken nicht
gegenwärtig, und Herr Spoelmann warf nur dann und wann ein knarrendes Wort
dazwischen –: vom hiesigen Hoftheater, von dem großen Schiff, auf welchem
Spoelmanns die Reise nach Europa zurückgelegt. Nein, nicht ihre Jacht hatten
sie dazu benutzt. Die hatte hauptsächlich dazu gedient, Herrn Spoelmann bei
Sommershitze, wenn Imma und die Gräfin in Newport waren und ihn die
Geschäfte an die Stadt fesselten, am Abend aufs Meer hinauszufahren, woselbst
er auf Deck die Nächte verbracht hatte. Jetzt lag sie wieder in Venedig. Aber
über den Ozean hatte ein Riesendampfer sie gebracht, ein schwimmendes Hotel
mit Konzertsälen und Sportplätzen. Fünf Stockwerke, sagte Fräulein Spoelmann,
habe er gehabt. »Von unten an gerechnet?« fragte Klaus Heinrich. Und sie
antwortete unverzüglich: »Allerdings. Von oben hatte er sechs.« Er ließ sich
verwirren, verstand gar nichts mehr und merkte lange nicht, daß er verspottet
wurde. Dann suchte er, sich zu erklären, seine einfältige Frage zu rechtfertigen,
darzutun, daß er gemeint habe, ob sie alles mitrechne, auch die Räume unter
Wasser, sozusagen die Kellerräume – kurz, zu beweisen, daß es ihm keineswegs
an Scharfsinn fehle, und stimmte schließlich in die Heiterkeit ein, die das
Ergebnis dieses Unternehmens war. Was das Hofschauspiel betraf, so fand
Fräulein Spoelmann, indem sie die Lippen rümpfte und ihr Köpfchen hin und
her wandte, daß der Vertreterin des naiven Faches eine Kur in Marienbad,
verbunden mit einem Kursus im Tanz- und Anstandsunterricht, nicht warm
genug empfohlen werden könne, während dem Heldendarsteller zu bedeuten sei,
daß man sich eines Organes von dem Wohllaut des seinen selbst im Privatleben
nur mit äußerster Zurückhaltung bedienen sollte … unbeschadet ihrer, des
Fräuleins Spoelmann hoher Achtung vor dem in Rede stehenden Kunstinstitut.
Klaus Heinrich lachte und staunte, ein kleines Weh im Herzen, über so viel
Behendigkeit. Wie gut sie sprach, wie scharf und blinkend sie die Worte fügte!
Man plauderte auch von Stücken, von Opern und Schauspielen, die diesen