Königliche Hoheit

Thomas Mann · Kapitel 9 von 11 · Teil 3/4

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Königliche Hoheit

Imma

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

Winter in Szene gegangen, und Imma Spoelmann widersprach dem Urteil Klaus

Heinrichs, widersprach ihm auf jeden Fall, gerade als schiene es ihr schimpflich,

nicht zu widersprechen, setzte ihn matt im Handumdrehen mit der lustigen

Übermacht ihrer Zunge, und ihre großen schwarzen Augen in dem perlblassen

Gesichtchen schimmerten vor Freude am guten Wort, während Herr Spoelmann,

schräg zurückgelehnt, die breite Zigarette zwischen den rasierten Lippen und

blinzelnd vor ihrem Rauch, seine Tochter mit zärtlichem Wohlgefallen

betrachtete.

Mehr als einmal empfand Klaus Heinrich in seinem Gesicht die kleine

schmerzliche Verzerrung, die er damals in dem der guten Schwester-Oberin gesehen, und dennoch glaubte er deutlich zu erkennen, daß es nicht Imma

Spoelmanns Meinung war, zu verletzen, daß sie den andern nicht als gedemütigt

betrachtete, wenn er ihr nicht Widerpart zu halten vermochte, daß sie vielmehr

seine armen Antworten gelten ließ, als sei sie der Ansicht, daß er die Wehr des

Witzes nicht nötig habe – nur sie. Aber wie das und warum? Er mußte an

Überbein denken bei manchen von ihren Scharfzüngigkeiten, an den

wortgewandt rodomontierenden Doktor Überbein, der ein Malheur von Geburt

war und unter Bedingungen aufgewachsen, die er die guten nannte. Eine elende

Jugend, Einsamkeit und Ausgeschlossenheit vom Glücke, von der Bummelei des

Glücks, man setzte kein Fett an dabei, man kannte kein Behagen und sah sich

scharf und klar auf seine Fähigkeiten angewiesen, was sicher ein Vorteil vor

denen war, die »es nicht nötig hatten«. Aber Imma Spoelmann saß weich in

ihrem rotgoldenen Kleide am Tische im Saal, in lässiger Haltung, mit launisch

verwöhnten Mienen, saß in üppiger Sicherheit, während ihre Rede scharf ging

wie dort, wo es gilt, wo Helligkeit, Härte und wachsamer Witz zum Leben

geboten sind. Warum doch? Klaus Heinrich bemühte sich innig, das zu

ergründen, während man über Ozeandampfer und Theaterstücke sprach.

Aufrecht, in unbedingt beherrschter Haltung und ohne sich bequeme

Abspannung zu erlauben, saß er am Tisch, indem er seine linke Hand verbarg,

und manchmal traf ihn ein schief gehässiger Blick aus den Augen der Gräfin

Löwenjoul.

Ein Diener erschien und überreichte Herrn Spoelmann auf silberner Platte ein

Telegramm. Herr Spoelmann riß es ärgerlich auf, durchlas es blinzelnd, den Rest

einer Zigarette im Mundwinkel, und warf es auf die Platte zurück mit der kurzen

Anordnung: »Mister Phlebs«. Hierauf zündete er sich verdrießlich eine neue

Zigarette an. Fräulein Spoelmann sagte: »Das ist, trotz gemessener ärztlicher

Vorschrift, die fünfte Zigarette, die du heute nachmittag rauchst. Ich verhehle dir

nicht, daß die zügellose Leidenschaft, mit der du dich dem Laster überläßt,

deinen grauen Haaren nicht wohlansteht.«

Man sah, daß Herr Spoelmann zu lachen versuchte, und dann sah man, daß es

ihm nicht gelang, daß er den starken und scharfen Klang der Worte nicht ertrug

und das Blut ihm zu Kopfe fuhr.

»Schweig!« knarrte er bitterböse. »Du denkst immer, daß im Scherze alles zu

sagen erlaubt ist. Aber ich verbitte mir deine Keckheiten, du Schwätzerin!«

Klaus Heinrich blickte erschüttert auf Imma, die groß und erschreckt in ihres

Vaters jähzorniges Antlitz sah und dann traurig das dunkle Köpfchen senkte.

Gewiß, sie hatte sich ergötzt an den düster großen und fremden Worten, die sie

spöttisch handhabte, hatte Heiterkeit zu erregen erwartet und war nun zufällig so

übel angelaufen. »Väterchen, aber kleines Väterchen!« sagte sie bittend und ging hin, Herrn Spoelmann die hitzige Wange zu streicheln. »Ach was,« murrte er

noch, »du bist auch nicht größer.« Aber dann ließ er sich schmeicheln, bot ihr

die Glatze zum Kusse dar und gab sich zufrieden. Klaus Heinrich erinnerte an

die Gläser, als der Friede hergestellt war, und so verließ man den Teetisch und

begab sich hinüber in den anstoßenden Sammlungssaal, mit Ausnahme der

Gräfin Löwenjoul, die sich mit tiefer Verbeugung zurückzog. Herr Spoelmann

ließ nebenan die elektrischen Kerzen der Lüster erglühen.

Schöne Schränke im Geschmacke des ganzen Schlosses, bauchig und mit

gewölbten Glastüren, umstanden abwechselnd mit seidenen Prunkstühlen das

ganze Gemach, und sie enthielten Herrn Spoelmanns Kunstgläsersammlung. Ja,

das war offenbar die lückenloseste Sammlung beider Welten, und das Glas, das

Klaus Heinrich erworben, war freilich nur ein bescheidenes Beispielchen daraus.

Sie begann in einem Winkel des Saales mit den frühesten Luxuserzeugnissen des

Gewerbezweiges, mit heidnisch bemalten Funden aus den Kulturen der Urzeit,

setzte sich fort über die Kunstprodukte des Morgen- und Abendlandes und aller

Zeitabschnitte, wies umkränzte, verschnörkelte und reichgestaltete Vasen und

Kelche aus den Bläsereien Venedigs und kostbare Stücke aus böhmischen Hütten

auf, deutsche Humpen, bilderreiche Zunft- und Kurfürstengläser, untermischt

mit fratzenhaften Tiergestaltungen und Scherzgebilden, große Kristallpokale, die

an das Glück von Edenhall im Liede erinnerten, und in deren Schliffen das Licht

sich prunkend brach, Rubingläser, die glühten gleich dem Heiligen Gral, und

edelste Beispiele endlich für den neuesten Aufschwung der Kunst, überzarte

Glasblüten auf unendlich gebrechlichen Stielen und Ziergläser im modischen

Formengeschmack, die mittels des Dampfes verflüchtigter Edelmetalle mit

schillerndem Farbenschmelz überzogen waren. Zu dritt und gefolgt von

Perceval, der ebenfalls zuschaute, ging man langsam auf Teppichen um den Saal,

und Herr Spoelmann erklärte mit knarrender Stimme die Herkunft einzelner

Stücke, indem er sie mit seiner mageren, von der ungestärkten Manschette

halbbedeckten Hand behutsam von den Sammetborden nahm und gegen das

Glühlicht hielt.

Klaus Heinrich hatte Übung im Besichtigen, in Erkundigungen und höchst

anerkennenden Äußerungen, und darum war er imstande, zu gleicher Zeit über

Imma Spoelmanns Redeweise nachzudenken, ihre seltsame Redeweise, die ihn

schmerzlich beschäftigte. Was sie nicht alles sagte mit ihren vorgeschobenen

Lippen! Was für Worte sie leichthin im Munde führte! »Leidenschaft«, »Laster«,

wie kam sie dazu, sie zu beherrschen und sich ihrer so keck zu bedienen? Hatte

die Gräfin Löwenjoul, die auf verwirrte Art ebenfalls von solchen Dingen redete

und offenbar schreckliche Einblicke getan hatte, sie nicht als vollkommen

unwissend bezeichnet? Das war zweifellos zutreffend, denn war sie nicht ein Sonderfall von Geburt wie er, aufgewachsen in Reinheit und Feinheit,

ausgeschlossen von dem Treiben der Leute und unteilhaft der wilden Dinge, die

im wirklichen Leben jenen düster großen Wörtern entsprachen? Aber der Wörter

hatte sie sich bemächtigt und führte sie in geschliffener Rede daher, indem sie

sich darüber lustig machte. Ja, so war es: dies scharfe und süße Geschöpf in

seinem rotgoldenen Kleide, es lebte in Redensarten, es kannte vom Leben nicht

mehr als die Worte, es spielte mit den ernstesten und furchtbarsten wie mit

bunten Steinen und begriff nicht, wenn es Ärgernis damit erregte! – Klaus

Heinrichs Herz war voller Mitgefühl, während er dies bedachte.

Es war fast sieben Uhr, als er bat, nach seinem Wagen zu schicken – etwas

beunruhigt über sein langes Verweilen in Hinsicht auf den Hof und das

Publikum. Sein Aufbruch rief einen neuen furchtbaren Anfall Percevals, des

Colliehundes, hervor. Jede Veränderung oder Unterbrechung eines Zustandes

schien das edle Tier um sein seelisches Gleichgewicht zu bringen. Bebend, mit

rasendem Gebell und jeder Beschwichtigung unzugänglich, stürmte er durch die

Gemächer, die Vorhalle und die Treppe auf und nieder, so daß die

Abschiedsworte im Lärm erstarben. Der Butler erwies dem Prinzen die

Honneurs bis hinunter in den Flur mit den Götterbildern. Herr Spoelmann

begleitete ihn keineswegs. Fräulein Spoelmann machte den Satz verständlich:

»Ich halte mich versichert, daß der Aufenthalt im Schoße unserer Familie Sie

mit Entzücken erfüllt hat, Prinz.« Und es war ungewiß, ob ihr Spott der

Redensart »im Schoße unserer Familie« oder der Sache selber galt. Jedenfalls

wußte Klaus Heinrich ihr fast nichts zu erwidern. In einen Winkel seines Coupés

gelehnt, ein wenig wund und zerschlagen, aber auch erfrischt von der

ungewohnten Behandlung, die ihm widerfahren, fuhr er heim, durch den dunklen

Stadtgarten nach Eremitage, kehrte zurück in seine enthaltsamen Empirestuben,

woselbst er mit den Herren von Schulenburg-Tressen und Braunbart-

Schellendorf zu Abend speiste. Am folgenden Tage las er den Vermerk des

»Eilboten«. Er lautete einfach dahin, daß gestern Seine Königliche Hoheit Prinz

Klaus Heinrich auf Schloß Delphinenort den Tee genommen und die berühmte

Kunstgläsersammlung des Herrn Spoelmann in Augenschein genommen habe.

Und Klaus Heinrich fuhr fort, sein unsachliches Leben zu führen und seinen

hohen Beruf zu üben. Er sprach seine gnädigen Worte, vollführte seine

Handbewegungen, repräsentierte bei Hofe und auf dem Ballfest beim

Konseilpräsidenten, erteilte Freiaudienzen, frühstückte in der

Offiziersspeiseanstalt der Leibgrenadiere, zeigte sich im Hoftheater und schenkte

dieser und jener Ortschaft des Landes seine festliche Anwesenheit. Lächelnd und

mit geschlossenen Absätzen waltete er der Form und tat in unbedingt gefaßter

Haltung seine schwierige Pflicht, obwohl er zu dieser Zeit über so manches nachzudenken hatte, über den hitzigen Herrn Spoelmann, die verwirrte Gräfin

Löwenjoul, den tollen Percy und namentlich auch über Imma, die Tochter des

Hauses. Manche Frage, die sein erster Besuch in »Delphinenort« ihm

aufgegeben, war er jetzt noch nicht zu beantworten in der Lage, sondern erhielt

die Lösung erst im weiteren Laufe des Verkehrs mit dem Hause Spoelmann, den

er unter angespannter und schließlich fieberhafter Teilnahme der Öffentlichkeit

aufrechterhielt, und der seine nächste Fortsetzung damit fand, daß der Prinz

eines Tages in aller Morgenfrühe zum Erstaunen der Herrschaft, der

Dienerschaft und seiner selbst, ja, gewissermaßen willenlos und wie vom

Schicksal ergriffen, allein und zu Pferd auf »Delphinenort« erschien, um das

Fräulein, das er obendrein in seinen mathematischen Studien störte, zu einem

Spazierritt abzuholen.

Die Macht des Winters war früh gebrochen in diesem auf immer

denkwürdigen Jahr. Nachdem der Januar mild vergangen, setzte schon Mitte

Februar mit Vogelsang, Sonnengold und süßen Lüften ein Vorfrühling ein, und

als Klaus Heinrich am Morgen des ersten von diesen hoffnungsvollen Tagen auf

Schloß Eremitage in seinem alten und geräumigen Mahagonibett erwachte, von

dessen einem Pfosten die kugelförmige Bekrönung abgebrochen und

verlorengegangen war, fühlte er sich wie von starker Hand berührt und

unwiderstehlich zu frischen Taten aufgefordert.

Er zog die Klingel nach Neumann (denn es gab nur Klingelzüge auf

Eremitage) und erteilte Weisung, daß binnen einer Stunde Florian gesattelt sein

möge. Ob auch für den Lakaien ein Pferd bereitgemacht werden solle? Nein,

nicht nötig; Klaus Heinrich erklärte, allein reiten zu wollen. Dann gab er sich zur

morgendlichen Herstellung in Neumanns gewissenhafte Hände, frühstückte

drunten im Gartenzimmer mit Ungeduld und stieg am Fuße der kleinen Terrasse

zu Pferde. Die gespornten Reitstiefel in den Steigbügeln, in der braun

behandschuhten Rechten die gelbledernen Zügel und die Linke unter dem

offenen Mantel in die Hüfte gestemmt, ritt er im Schritt durch den zarten

Morgen, indem er über sich im noch nackten Gezweig die Vögel suchte, deren

Zwitschern er hörte. Er ritt durch den öffentlichen Teil seines Parks, durch den

Stadtgarten und den Grund von »Delphinenort«. Halb zehn Uhr kam er an. Die

Überraschung war groß.

Am Hauptportal übergab er Florian einem englischen Stallknecht. Der Butler,

der in Hausstandsgeschäften quer durch die Halle mit dem Mosaikfußboden

kam, stand still und entgeistert, als er Klaus Heinrich gewahrte. Auf die Frage,

die der Prinz mit heller und gleichsam übermütiger Stimme nach den Damen tat,

antwortete er überhaupt nicht, sondern wandte sich ratlos der Marmortreppe zu,

blickte stumm von Klaus Heinrich hinauf zu ihrer Höhe; denn dort stand Herr Spoelmann.

Wie es schien, so hatte er kürzlich sein Frühstück beendet und befand sich in

behaglicher Laune. Er hielt die Hände in die Hosentaschen versenkt, wobei er

den Hausflaus, den er trug, von der Sammetweste zurückraffte, und der bläuliche

Rauch der Zigarette zwischen seinen Lippen machte ihn blinzeln. »Na, junger

Prinz?« sagte er und schaute hinunter …

Klaus Heinrich eilte salutierend auf dem roten Läufer die Stufen hinan. Ihm

war, als ob nur durch Schnelligkeit und sozusagen im Sturm das Ungeheuerliche

der Lage zu bewältigen sei.

»Sie werden erstaunt sein, Herr Spoelmann,« sagte er – »zu dieser Stunde …«

Er war außer Atem und erschrak sehr darüber: so wenig war er dieses Zustandes

gewohnt.

Herr Spoelmann antwortete ihm durch Miene und Schultergebärde, daß er sich

zu fassen wisse, immerhin aber auf eine Erklärung begierig sei.

»Es handelt sich um eine Verabredung …« sagte Klaus Heinrich. Er stand

zwei Stufen unter dem Milliardär und sprach zu ihm hinauf. »Eine Verabredung

zum Spazierritt zwischen Fräulein Imma und mir … Ich habe versprochen, den

Damen die Fasanerie oder den Hofjäger zu zeigen … Fräulein Imma kennt fast

nichts von der Umgegend, wie sie mir gesagt hat. Am ersten schönen Tage war

vereinbart … Nun ist es so schön heute … Es ist natürlich Ihre Zustimmung

erforderlich …«

Herr Spoelmann hob die Schultern und machte einen Mund dazu, als wollte er

sagen: »Zustimmung – wieso?«

»Meine Tochter ist erwachsen«, sagte er. »Ich pflege ihr nicht dreinzureden.

Reitet sie, so reitet sie. Aber ich glaube, sie hat keine Zeit. Müssen sich selbst

erkundigen. Da drinnen sitzt sie.« Und Herr Spoelmann wies, indem er

beiseitetrat, mit dem Kinn nach der Teppichtür, durch die Klaus Heinrich schon

einmal geschritten war.

»Danke!« sagte Klaus Heinrich. »Ja, dann gehe ich selbst.« Und er erstieg

vollends die Treppe, schlug mit entschlossener Bewegung den gewirkten

Vorhang auseinander und stieg die Stufen hinab in den durchsonnten, von

Pflanzenduft erfüllten Wintergarten.

Vor dem rieselnden Brunnen und dem Wasserbecken mit den künstlich

gefiederten Enten saß Imma Spoelmann, indem sie dem Eintretenden fast völlig

den Rücken zuwandte, über ein Tischchen gebeugt. Ihr Haar war aufgelöst.

Blauschwarz und glänzend floß es zu beiden Seiten von ihrem Scheitel hinab,

verhüllte ihren Oberkörper und ließ nichts erkennen, als einen Schatten von dem

stumpfen und kindlichen Viertelsprofil ihres Gesichtchens, das bleich wie

Elfenbein gegen die Finsternis des Haares erschien. So eingehüllt gab sie sich ihren Studien hin, bearbeitete die Aufzeichnungen eines neben ihr liegenden

Kollegheftes, indem sie die Lippen auf den schmalen Rücken ihrer Linken

gesenkt hielt und mit durchgedrücktem Zeigefinger den Füllfederhalter führte.

Auch die Gräfin war anwesend, ebenfalls mit Schreiben beschäftigt. Sie saß in

einiger Entfernung unter der Palmengruppe, wo Klaus Heinrich zuerst mit ihr

geplaudert, und schrieb aufrecht, mit zur Seite geneigtem Kopfe, auf Briefbogen,

von denen ein Häuflein, dicht bekritzelt, neben ihr lag. Das Klirren von Klaus

Heinrichs Sporen ließ sie aufsehen. Sie blickte ihn zwei Sekunden lang, den

langen, spindelförmigen Federhalter in der Hand, mit gekniffenen Augen an;

dann erhob sie sich zur Verbeugung. »Imma«, sagte sie. »Seine Königliche

Hoheit Prinz Klaus Heinrich ist da.«

Fräulein Spoelmann wandte sich rasch auf ihrem Korbsessel, schüttelte ihr

Haar zurück und sah den Eindringling mit großen, erschrockenen Augen an,

ohne zu sprechen, bis Klaus Heinrich mit militärischem Gruß den Damen einen

guten Morgen geboten hatte. Dann sagte sie mit ihrer gebrochenen Stimme:

»Auch Ihnen guten Morgen, Prinz. Sie kommen aber zu spät zum ersten

Frühstück. Wir sind längst fertig.«

Klaus Heinrich lachte.

»Nun, es ist gut,« sagte er, »daß beide Teile gefrühstückt haben. Denn so

können wir ja ungesäumt reiten.«

»Reiten?«

»Ja, unserer Verabredung gemäß.«

»Unserer Verabredung?«

»Nein, Sie dürfen das nicht vergessen haben!« sagte er bittend. »Habe ich

nicht versprochen, Ihnen die Umgegend zu zeigen? Wollten wir nicht zusammen

reiten bei schönem Wetter? Nun, der Tag ist herrlich. Sehen Sie hinaus …«

»Der Tag ist nicht übel,« sagte sie, »aber Sie finde ich stürmisch, Prinz. Ich

kann mich erinnern, daß etwas von Reiten in Aussicht genommen wurde – aber

doch nicht in so nahe? Wie wäre es denn wenigstens mit einer kleinen

Benachrichtigung, einer Anfrage gewesen, wenn Euere Hoheit das Wort

genehmigen? Sie werden mir einräumen, daß ich so nicht wohl in die Umgegend

reiten kann.«

Und sie stand auf, um ihr Morgenkleid zu zeigen, das aus einem taillenlosen

Fluß von schillernder Seide und einem offenen grünsamtenen Jäckchen bestand.

»Nein,« sagte er, »leider, das können Sie leider nicht. Aber ich warte hier,

während die Damen sich umkleiden. Es ist ja früh …«

»Ausnehmend früh. Aber zweitens ging ich eben ein wenig meiner harmlosen

Beschäftigung nach, wie Sie sahen. Ich habe um elf Uhr Kolleg.«

»Nein,« rief er, »heute dürfen Sie keine Algebra treiben, Fräulein Imma, oder im luftleeren Raume spielen, wie Sie es nennen! Sehen Sie doch die Sonne!…

Darf ich …?« Und er trat zum Tischchen und nahm das Kollegheft zur Hand.

Was er sah, war sinnverwirrend. In einer krausen, kindlich dick aufgetragenen

Schrift, die Imma Spoelmanns besondere Federhaltung erkennen ließ, bedeckte

ein phantastischer Hokuspokus, ein Hexensabbat verschränkter Runen die

Seiten. Griechische Schriftzeichen waren mit lateinischen und mit Ziffern in

verschiedener Höhe verkoppelt, mit Kreuzen und Strichen durchsetzt, ober- und

unterhalb wagrechter Linien bruchartig aufgereiht, durch andere Linien zeltartig

überdacht, durch Doppelstrichelchen gleichgewertet, durch runde Klammern zu

großen Formelmassen vereinigt. Einzelne Buchstaben, wie Schildwachen

vorgeschoben, waren rechts oberhalb der umklammerten Gruppen ausgesetzt.

Kabbalistische Male, vollständig unverständlich dem Laiensinn, umfaßten mit

ihren Armen Buchstaben und Zahlen, während Zahlenbrüche ihnen

voranstanden und Zahlen und Buchstaben ihnen zu Häupten und Füßen

schwebten. Sonderbare Silben, Abkürzungen geheimnisvoller Worte, waren

überall eingestreut, und zwischen den nekromantischen Kolonnen standen

geschriebene Sätze und Bemerkungen in täglicher Sprache, deren Sinn

gleichwohl so hoch über allen menschlichen Dingen war, daß man sie lesen

konnte, ohne mehr davon zu verstehen als von einem Zaubergemurmel.

Klaus Heinrich sah auf zu der kleinen Gestalt, die in schillerndem Kleide,

behangen von den schwarzen Gardinen ihres Haares, neben ihm stand und in

deren fremdartigem Köpfchen dies alles Sinn und hohes, spielendes Leben hatte.

Er sagte: »Und über diesen gottlosen Künsten wollen Sie den schönen Vormittag

versäumen?«

Sie blickte ihn eine Weile befremdet, mit großen, redenden Augen an. Dann

erwiderte sie mit vorgeschobenen Lippen: »Es scheint, daß Euere Hoheit sich

schadlos halten will für den Mangel an Verständnis, der hier neulich in Hinsicht

auf Ihren eigenen Beruf zum Ausdruck kam.«

»Nein,« sagte er, »nein, nicht so! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihrem

Studium die höchste Ehrfurcht entgegenbringe. Es ängstigt mich, das gebe ich

zu, ich habe niemals etwas davon begriffen. Und auch das gebe ich zu, daß ich

es heute ein wenig verabscheue, weil es uns soll hindern dürfen, zu reiten …«

»Oh, ich bin es nicht allein, die Sie aus ihrer Tätigkeit reißen, Prinz! Da ist

drittens die Gräfin. Sie schrieb. Sie zeichnet ihre Lebenserinnerungen auf, nicht

für die Welt, aber für den engeren Gebrauch, und ich will mich verbürgen, daß

ein Werk daraus wird, woraus sowohl Sie, Prinz, wie ich, viel Neues werden

lernen können.«

»Ich bin dessen ganz sicher. Aber ebenso sicher bin ich, daß die Frau Gräfin

nicht fähig ist, Ihnen, Fräulein Imma, eine Bitte abzuschlagen.«

»Und mein Vater? Wir sind beim vierten Bedenken. Sie kennen den Tigersinn

meines Vaters. Wird er seine Einwilligung geben?«

»Er hat sie gegeben. ›Reitet sie, so reitet sie‹, das sind seine Worte …«

»Sie haben sich seiner im voraus versichert? Nun fange ich an, Ihre Umsicht

zu bewundern, Prinz. Sie sind wie ein Feldherr vorgegangen, obgleich Sie nicht

wirklich Soldat sind, sondern nur zum Schein, wie Sie uns neulich erzählten.

Aber es ist noch ein fünfter Gegenstand da, und der ist ausschlaggebend. Es wird

regnen.«

»Nein, das ist hinfällig, was Sie da sagen. Der Himmel strahlt …«

»Es wird regnen. Die Luft ist viel zu weich. Ich habe es festgestellt, als wir

vorm Frühstück im Quellengarten waren. Kommen Sie zum Barometer, wenn

Sie mir nicht glauben. In der Halle hängt es …«

Wirklich traten sie hinaus in die Teppichhalle, wo neben dem Marmorkamin

ein großes Wetterglas hing. Auch die Gräfin schloß sich an. Klaus Heinrich

sagte: »Es ist gestiegen.«

»Euere Hoheit belieben sich zu irren«, antwortete Fräulein Spoelmann. »Die

Parallaxe täuscht Sie.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Die Parallaxe führt Sie irre.«

»Ich weiß nicht, was das ist, Fräulein Imma. Es ist wie mit den Adirondacks.

Ich habe nicht viel gelernt, das hängt mit meiner Art von Dasein zusammen. Sie

müssen Nachsicht haben.«

»Oh, ich bitte um gnädigste Entschuldigung. Ich hätte mich erinnern müssen,

daß man volkstümlich mit Euerer Hoheit zu reden hat. Sie stehen schief vor dem

Zeiger, darum scheint er Ihnen gestiegen. Wenn Sie sich entschließen würden,

genau davor zu treten, so würden Sie sehen, daß der schwarze keineswegs über

den goldenen hinausgegangen, sondern sogar ein bißchen zurückgewichen

ist …«

»Ich glaube wahrhaftig, Sie haben recht«, sagte Klaus Heinrich betrübt. »Und

also ist der Luftdruck doch höher, als ich dachte!«

»Er ist niedriger, als Sie dachten.«

»Wenn das Quecksilber gefallen ist?«

»Das Quecksilber fällt bei niedrigem Druck und nicht bei hohem, Königliche

Hoheit.«

»Nun verstehe ich gar nichts mehr.«

»Ich glaube, Prinz, Sie übertreiben Ihre Unwissenheit in scherzhafter Weise,

um die Grenzen derselben zu verwischen. Aber da der Luftdruck so hoch ist, daß

das Quecksilber fällt, was freilich auf eine schwere Verirrung der Natur deutet,

so wollen wir denn reiten, Gräfin – was meinen Sie? Ich will es nicht verantworten, den Prinzen wieder heimzuschicken, da er einmal gekommen ist.

Er möge sich da drinnen gedulden, bis wir fertig sind …«

Als Imma Spoelmann und die Gräfin in den Wintergarten zurückkehrten,

waren sie zum Reiten gekleidet, Imma in ein geschlossenes schwarzes Wollkleid

mit Brusttaschen und einem Dreispitz aus schwarzem Filz dazu, die Gräfin in

schwarzes Tuch mit einem gestärkten Herren-Vorhemd und hohem Hut. Sie

gingen miteinander die Treppe hinunter, durch die Mosaikhalle, und traten ins

Freie hinaus, wo zwischen dem Säulenportal und dem großen Bassin zwei

Stallknechte mit den Pferden warteten. Sie saßen aber noch nicht im Sattel, als

mit einem hohen und jaulenden Geheul, das der Ausdruck seiner äußersten

Leidenschaft war, Perceval, der Colliehund, geifernd und an wütender

Schnellkraft einer Windsbraut gleich, aus dem Schlosse brauste und um die

Pferde, die unruhig die Köpfe warfen, einen tobenden Drehtanz zu vollführen

begann.

»Da haben wir's«, sagte Imma im Lärm und klopfte der scheuenden Fatme

den Hals. »Es war ihm nicht zu verheimlichen. Im letzten Augenblick hat er

alles entdeckt. Nun kommt er mit, und zwar nicht ohne Aufhebens von der

Sache zu machen. Stehen wir ab von unserem Beginnen, Prinz?«

Aber obgleich Klaus Heinrich verstand, daß man ebensogut den Bedienten mit

einer silbernen Drommete sich hätte können voranreiten lassen, damit er durch

sein Getön die Teilnahme der Öffentlichkeit an diesem Ausritt erzwinge, so sagte

er doch trotzig und froh, daß Perceval nur mitkommen möge; er gehöre dazu und

müsse auch seinerseits die Umgegend kennenlernen.

»Wohin nun also?« fragte Imma, als es im Schritt durch die breite

Kastanienzufahrt ging. Sie ritt zwischen Klaus Heinrich und der Gräfin. Perceval

lärmte voran.

Der englische Reitknecht, mit Rosettenhut und gelben Stulpen, folgte in

gemessener Entfernung.

»Der Hofjäger ist hübsch,« antwortete Klaus Heinrich, »aber zur Fasanerie ist

es ein bißchen weiter, und wir haben ja Zeit bis zum Frühstück. Ich würde den

Damen das Schloß gern zeigen. Ich habe da als Knabe drei Jahre verlebt. Es war

ein Konvikt, wissen Sie, mit Lehrern und Mitschülern. Ich habe dort meinen

Freund Überbein kennengelernt, Doktor Überbein, meinen liebsten Lehrer.«

»Sie haben einen Freund?« fragte Fräulein Spoelmann gewissermaßen

erstaunt und sah ihn an. »Von dem müssen Sie mir einmal erzählen«, fügte sie

hinzu. »Und auf Schloß Fasanerie sind Sie erzogen worden? Dann müssen wir es

sehen, denn das ist offenbar auch Ihre Überzeugung. Trab!« sagte sie, da man in

einen erdigen Reitweg eingelenkt war. »Da liegt Ihre Einsiedelei, mein Prinz …

Entenfutter ist auf Ihrem Teiche in hinlänglichen Mengen vorhanden … Ich denke, wir lassen den Quellengarten hübsch seitwärts liegen, wenn es sich

machen läßt.«

Klaus Heinrich war es zufrieden, und so verließen sie die Parkgegend und

trabten querfeldein, um die Landstraße zu gewinnen, die in nordwestlicher

Richtung zu dem gesetzten Ziele führte. Im Stadtgarten waren sie von einigen

Spaziergängern begrüßt und bestaunt worden, wofür Klaus Heinrich, die Hand

am Mützenschirme, Imma Spoelmann mit ernsthaften und ein wenig befangenen

Neigungen ihres schwarzbleichen Köpfchens im Dreispitz gedankt hatte. Nun

waren sie im Freien und brauchten keiner Begegnungen mehr gewärtig zu sein.

Auf der Chaussee zog dann und wann ein bäuerliches Fuhrwerk dahin, oder ein

Radfahrer arbeitete sich gebückt des Weges. Aber sie hielten sich zuseiten der

Straße im Wiesengelände, wo es sich sanfter und freier ritt. Perceval tänzelte

rückwärts vor den Pferden her, beständig in Unrast und fiebriger Erwartung,

beständig in drehender, trippelnder, wedelnder Bewegung – sein Atem flog,

seine Zunge hing lang aus dem geifernden Rachen, und manchmal löste die

unvernünftige Qual seiner Nerven sich in kurzen, seufzerartigen Schreien. Später

toste er im Weiten, verfolgte mit aufgerichteten Ohren in hohen und kurzen

Sprüngen irgendein Lebewesen am Boden und setzte in wilder Jagd einem

flüchtigen Hasen nach, während sein ausgelassenes Gebell unter dem offenen

Himmel verhallte.

Man sprach von Fatme, die Klaus Heinrich zum erstenmal aus solcher Nähe

sah und herzlich bewunderte. Auf ihrem langen, muskulösen Hals trug Fatme

hoffärtig nickend einen kleinen Kopf mit feurig schielenden Augen; sie hatte die

zierlichen Beine des arabischen Typs und einen wallenden Silberschweif. Weiß

wie der Mondstrahl, war sie weiß gesattelt und gegürtet und mit weißem Leder

gezäumt. Florian, ein etwas schläfriger Brauner mit kurzem Rücken, gestutzter

Mähne und gelben Fesselbinden, erschien hausbacken wie ein Esel neben der

vornehmen Fremden, obgleich er sorgfältig gehalten war. Die Gräfin Löwenjoul

ritt eine große Falbe namens Isabeau. Sie saß vortrefflich zu Pferde, unterstützt

von ihrer hohen und straffen Gestalt; aber ihren kleinen Kopf im Herrenhut hielt

sie zur Seite geneigt, und ihre Lider waren zwinkernd zusammengezogen. Klaus

Heinrich richtete hinter Fräulein Spoelmanns Rücken das Wort an sie, indem er

sich im Sattel rückwärts bog; aber sie antwortete nicht, fuhr vielmehr fort, mit

halbgeschlossenen Augen und einem madonnenhaften Ausdruck kurz vor sich

hinzublicken, und Imma sagte: »Lassen wir die Gräfin, Prinz, sie ist zerstreut.«

»Ich will nicht hoffen,« sagte er, »daß die Frau Gräfin sich uns widerwillig

angeschlossen hat.« Und er war aufrichtig bestürzt, als Imma Spoelmann

gelassen antwortete: »Die Wahrheit zu sagen, das könnte sein.«

»Ihrer Aufzeichnungen wegen?« fragte er.

»Ach, die Aufzeichnungen. Die sind so dringlich nicht und mehr ein

Zeitvertreib – obgleich ich mir unterderhand manches Lehrreiche davon

verspreche. Aber ich will Ihnen nicht verschweigen, Prinz, daß die Gräfin nicht

sonderlich gut auf Sie zu sprechen ist. Sie hat sich mir gegenüber in diesem

Sinne geäußert. Sie seien hart und streng, sagte sie, und hätten erkältend auf sie

gewirkt.«

Klaus Heinrich war errötet.

»Ich weiß wohl,« sagte er leise, indem er auf seine Zügel niederblickte, »daß

ich nicht erwärmend wirke, Fräulein Imma, oder doch höchstens von weitem …

Auch das hängt mit meiner Art von Dasein zusammen, wie ich sagte. Aber ich

bin mir nicht bewußt, gegen die Gräfin hart und streng gewesen zu sein.«

»Nicht mit Worten wahrscheinlich«, erwiderte sie. »Aber Sie haben ihr nicht

erlaubt, sich ein bißchen gehen zu lassen, haben ihr nicht die Wohltat gegönnt,

ein wenig zu schwatzen, – darum ist sie Ihnen gram –, und ich weiß auch wohl,

wie Sie das gemacht haben, wie Sie es der Armen schwer gemacht und sie

erkältet haben – sehr wohl«, wiederholte sie und wandte sich ab.

Klaus Heinrich schwieg. Er hielt seine linke Hand in die Hüfte gestemmt, und

seine Augen waren müde.

»Sie wissen es?« sagte er dann. »Und also wirke ich wohl auch auf Sie

erkältend, Fräulein Imma?«

»Ich ermahne Sie,« antwortete sie, ohne sich zu besinnen, mit ihrer

gebrochenen Stimme und wandte mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin

und her, »die Wirkung, die Sie auf mich ausüben, auf keine Weise zu

überschätzen, Prinz.« Und plötzlich ließ sie Fatme zum Galopp ansetzen und

flog in solcher Geschwindigkeit über das Blachfeld dahin und der dunklen

Masse des fernen Kiefernwaldes entgegen, daß weder die Gräfin noch Klaus

Heinrich sich bei ihr zu halten vermochten. Erst am Rande des Gehölzes, durch

welches auch die Landstraße lief, machte sie halt und wandte ihr Tier, um den

Nachsetzenden mit spöttischer Miene entgegenzusehen.

Gräfin Löwenjoul auf der großen Isabeau war die erste, die sich zu der

Flüchtigen fand. Dann kam Florian, schnaubend und tief verdutzt über die

ungewohnte Zumutung. Man lachte und atmete rasch, während man in den

hallenden Wald hineinritt. Die Gräfin war wach geworden und plauderte lebhaft,

mit frischen, vornehmen Bewegungen und ihre weißen Zähne zeigend.

Scherzend redete sie auf Perceval hinab, dessen Inneres durch den Gewaltritt

aufs neue zerrissen war und der sich wütend vor den Pferden zwischen den

Stämmen drehte.

»Königliche Hoheit«, sagte sie, »sollten ihn springen sehen … voltigieren …

Er nimmt Gräben und Bäche von sechs Meter Breite, und zwar mit einer Schönheit und Leichtigkeit, daß es entzückend ist. Aber nur eigenwillig,

wohlgemerkt, aus freien Stücken, denn eher, glaube ich, ließe er sich

totschlagen, als daß er sich irgendwelcher Dressur unterzöge und befohlene

Kunststücke ausführte. Er hat, möchte ich sagen, die Dressur und Zucht in sich

selbst, von Geburt, und wenn er ungebärdig ist, so ist er doch niemals roh. Das

ist ein Freiherr, ein Edelmann, wohlgeboren und vom strengsten Charakter. Oh,

er ist stolz, er scheint wohl toll, aber er weiß sich zu beherrschen. Niemand hat

ihn im Schmerze je schreien hören, sei es bei Verletzungen oder bei

Züchtigungen. Auch nimmt er nur Nahrung, wenn er Hunger hat, und

verschmäht im anderen Falle die leckersten Bissen. Morgens erhält er Rahm …

man muß ihn nähren. Er verzehrt sich von innen, er ist mager unter seinem

seidenen Fell, daß man alle Rippen fühlt, und man muß leider gewärtigen, daß er

nicht alt werden, sondern frühzeitig der Schwindsucht zum Opfer fallen wird …

Das Gesindel verfolgt ihn, es drängt sich an ihn und hat es auf ihn abgesehen auf

allen Gassen; aber wild und ohne sich gemein zu machen, entspringt er, und nur

wenn man zu Feindseligkeiten übergeht, so teilt er mit seinen prächtigen Zähnen

Bisse aus, an die der Pöbel sich erinnern mag. Soviel Ritterlichkeit im Bunde mit

soviel Reinheit ist liebenswert.«

Imma stimmte dem zu mit Worten, die das Wirklichste und zweifellos

Ernsteste waren, was Klaus Heinrich bisher aus ihrem Munde vernommen.

»Ja,« sagte sie, »Percy, du bist mein guter Freund, ich werde immer zu dir

halten. Jemand, ein Kundiger, hat ihn für geisteskrank erklärt, das komme bei

edlen Hunden nicht selten vor, und hat uns geraten, ihn töten zu lassen, weil er

unmöglich sei und uns jeden Tag zur Verzweiflung bringen werde. Aber ich lasse

mir meinen Percy nicht nehmen. Er ist unmöglich, ja, und manches Mal schwer

zu ertragen; aber bei alledem ist er rührend und brav und hat meine volle

Zuneigung.«

Hierauf sprach auch die Gräfin noch dies und das über des Collies Natur, aber

es wurde bald wirr und sonderbar, was sie sagte, ging in ein Selbstgespräch mit

lebhaftem und elegantem Gestenspiel über; und nachdem sie zuletzt einen

gekniffenen Blick zu Klaus Heinrich hinübergesandt, verfiel sie aufs neue in

Abwesenheit.

Klaus Heinrich fühlte sich froh und getröstet, sei es durch den scharfen Ritt –

bei dem er sich übrigens weidlich hatte zusammennehmen müssen, da er zwar

gut und ansprechend zu Pferde saß, aber eigentlich, schon seiner linken Hand

wegen, kein sehr sicherer Reiter war –, sei es aus anderem Grunde. Als sie das

Nadelgehölz verlassen hatten und auf der stillen Landstraße zwischen Wiesen

und gefurchten Äckern hin und dann und wann an einem Bauerngehöft, einer

ländlichen Wirtschaft vorüber, im Schritt der nächsten Waldung entgegenritten, fragte er gedämpft: »Wollen Sie nicht Ihr Versprechen einlösen und mir von der

Gräfin erzählen, Fräulein Imma? Wie ist sie Ihre Gesellschaftsdame geworden?«

»Sie ist meine Freundin,« antwortete sie, »und in gewisser Weise auch meine

Lehrerin, obgleich sie erst zu uns kam, als ich schon erwachsen war. Das war vor

drei Jahren, in Neuyork, und die Gräfin war damals in schrecklicher Lebenslage.

Sie war am Verhungern«, sagte Imma Spoelmann, und indem sie es sagte,

richtete sie ihre großen, schwarzen Augen mit einem forschenden und entsetzten

Ausdruck auf Klaus Heinrich.

»Wirklich am Verhungern?« fragte er und erwiderte ihren Blick … »Bitte,

erzählen Sie weiter!«

»Ja, das sagte ich auch, damals, als sie zu uns kam, und obgleich ich natürlich

wohl sah, daß ihr Verstand nicht in Ordnung war, so machte sie doch so großen

Eindruck auf mich, daß ich meinen Vater veranlaßte, sie mir zur Gesellschaft zu

geben.«

»Wie kam sie nach Amerika? – Ist sie Gräfin von Geburt?« fragte Klaus

Heinrich.

»Nicht Gräfin, aber von Adel und in guten und sanften Verhältnissen

aufgewachsen, behütet und geschützt vor allen Winden, wie sie mir erzählte,

schon weil sie von Kind auf innerlich zart und verletzlich und

schonungsbedürftig gewesen sei. Aber dann ging sie ihre Ehe ein mit dem

Grafen Löwenjoul, Offizier, Reiterhauptmann – und das war ein etwas

eigenartiger Aristokrat, ihren Erzählungen nach – nicht ganz mustergültig, um

mich gelinde auszudrücken.«

»Wie mag er gewesen sein …« fragte Klaus Heinrich.

»Ja, Prinz, genau kann ich es Ihnen nicht sagen. Sie müssen in Erwägung

ziehen, daß die Gräfin eine etwas dunkle Art zu erzählen hat. Aber ihren

Andeutungen nach zu urteilen, muß er ein so wilder und schamloser Mensch

gewesen sein, wie man es sich nur schwerlich vorzustellen vermag, so ein

Wüstling, wissen Sie …«

»Ja, ich weiß«, sagte Klaus Heinrich; »was man einen Bruder Liederlich

nennt, einen lockeren Zeisig oder Lebemann, von dieser Art.«

»Gut, sagen wir Lebemann – aber in der ausschweifendsten und

grenzenlosesten Bedeutung, denn nach den Andeutungen der Gräfin zu

schließen, gibt es überhaupt keine Grenzen in dieser Richtung …«

»Nein, den Eindruck habe ich auch«, sagte Klaus Heinrich. »Ich habe mehrere

Leute dieses Schlages gekannt – verfluchte Kerle, wie man wohl sagt. Von

einem ist mir zu Ohren gekommen, daß er in seinem Automobil, und zwar in

voller Fahrt, Liebesverhältnisse anzuknüpfen pflegt.«

»Haben Sie das von Ihrem Freunde Überbein?«

»Nein, von anderer Seite. Überbein würde es nicht für passend halten, mich

solche Einblicke tun zu lassen.«

»Dann muß er ein unnützer Freund sein, Prinz.«

»Wenn ich Ihnen mehr von ihm erzähle, Fräulein Imma, so werden Sie ihn

schätzen lernen. Aber bitte, fahren Sie fort!«

»Nun, ich weiß nicht, ob Löwenjoul es machte wie Ihr Lebemann. Jedenfalls

trieb er es arg …«

»Ich kann mir denken, daß er spielte und trank.«

»Allerdings, das ist anzunehmen. Und außerdem knüpfte er natürlich auch

Liebesverhältnisse an, wie Sie sagen, betrog die Gräfin mit lasterhaften Weibern,

von denen es überall sehr viele gibt – anfangs hinter ihrem Rücken und dann

nicht einmal mehr hinter ihrem Rücken, sondern frech und offen und ohne

Mitleid mit ihrem Kummer.«

»Sagen Sie mir aber: warum war sie die Ehe mit ihm eingegangen?«

»Das hatte sie gegen den Willen ihrer Eltern getan, weil sie verliebt in ihn

war, wie sie mir sagte. Denn erstens war er ein schöner Mann, als sie ihn

kennenlernte – später verkam er auch äußerlich. Aber zweitens ging ihm der Ruf

eines Lebemannes voraus, und das muß, ihren Äußerungen nach, eine gewisse,

unwiderstehliche Anziehung auf sie ausgeübt haben, denn obgleich sie so

behütet und geschützt gewesen war, ist sie in dem Entschlusse, das Leben mit

ihm zu teilen, nicht zu erschüttern gewesen. Wenn man darüber nachdenkt, so

kann man es verstehen.«

»Ja,« sagte er, »ich kann es verstehen. Sie wollte gleichsam stöbern, wollte

alles kennenlernen. Und da wehte ihr nun tüchtig der Wind um die Nase.«

»So kann man sagen. Wiewohl der Ausdruck mir etwas zu lustig scheint für

das, was sie kennenlernte. Ihr Mann mißhandelte sie.«

»Wollen Sie sagen, daß er sie schlug?«

»Ja, er mißhandelte sie körperlich. Aber nun kommt etwas, Prinz, wovon auch

Sie noch nicht gehört haben werden. Sie hat mir zu verstehen gegeben, daß er sie nicht nur im Zorn mißhandelte, nicht nur in Wut und Streit, sondern auch ohne

solche Veranlassung, lediglich zu seinem Vergnügen, das heißt dergestalt, daß

die Mißhandlungen abscheulichen Liebkosungen gleichkamen.«

Klaus Heinrich schwieg. Sie waren beide sehr ernst. Endlich fragte er: »Hatte

die Gräfin Kinder?«

»Ja, zwei. Sie starben ganz früh, beide in den ersten Wochen, und das ist wohl

das Schwerste gewesen, was die Gräfin erlebte. Ihren Andeutungen zufolge ist

es nämlich die Schuld der lasterhaften Weiber gewesen, mit denen ihr Mann sie

betrog, daß die Kinder gleich wieder sterben mußten.«

Sie schwiegen wieder, mit grübelnden Augen.

»Nebenbei«, fuhr Imma Spoelmann fort, »vergeudete er im Spiel und mit den

Weibern ihre Mitgift, die ansehnlich gewesen war, und nach dem Tode ihrer

Eltern auch ihr ganzes Erbe. Verwandte von ihr halfen ihm noch einmal aus, als

er nahe daran war, seiner Schulden wegen den Dienst quittieren zu müssen. Aber

dann kam eine Geschichte, etwas ganz Ausschreitendes und Anstößiges, worein

er verwickelt war und was ihn vollends aus dem Sattel hob.«

»Was mag das gewesen sein?« fragte Klaus Heinrich.

»Ich kann es Ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, Prinz. Aber nach allem, was

die Gräfin darüber verlauten läßt, war es ein Ärgernis der äußersten Art – wir

kamen ja schon überein, daß es überhaupt keine Grenzen gibt in dieser

Richtung.«

»Und da ging er nach Amerika?«

»Erraten, Prinz. Ich kann nicht umhin, Ihren Scharfsinn zu bewundern.«

»Ach, Fräulein Imma, erzählen Sie weiter! Ich habe nie so etwas gehört wie

die Geschichte der Gräfin …«

»Das hatte ich auch nicht; und darum können Sie sich denken, welchen

Eindruck sie auf mich machte, als sie zu uns kam. Graf Löwenjoul also, dem die

Polizei auf den Fersen war, ward flüchtig nach Amerika, unter Hinterlassung

bedeutender Schulden natürlich. Und die Gräfin begleitete ihn.«

»Sie ging mit ihm? Warum?«

»Weil sie ihm immer noch anhing, trotz allem – sie tut es heute noch –, und

weil sie auf alle Fälle an seinem Leben teilhaben wollte. Er aber nahm sie wohl

mit, weil er eher auf Unterstützung von seiten ihrer Verwandten zu rechnen

hatte, solange sie bei ihm war. Die Verwandten schickten ihnen denn auch

einmal noch eine Summe Geldes über den Ozean, aber dann nie mehr – sie

zogen endgültig die Hand von ihnen; und als Graf Löwenjoul sah, daß seine Frau

ihm nichts mehr nütze war, da verließ er sie dennoch – ließ sie vollständig allein

im Elend zurück und machte sich fort.«

»Ich wußte es,« sagte Klaus Heinrich, »ich habe es mir gedacht. So geht es zu.« Imma Spoelmann aber fuhr fort: »Da saß sie denn nun, von allen Mitteln

entblößt und ohne Hilfe, und da sie nicht gelernt hatte, sich ihren Unterhalt zu

verdienen, so war sie ohne Erbarmen der Not und dem Hunger überantwortet.

Nun soll aber das Leben dort drüben noch um vieles härter und schnöder sein als

hier bei Ihnen, und andererseits ist in Betracht zu ziehen, wie zart und verletzlich

sie immer gewesen und wie schonungslos ihr viele Jahre hindurch mitgespielt

worden war. Kurzum, sie war den Eindrücken, die sie fortwährend vom Leben

empfing, in keiner Weise gewachsen. Und da geschah die Wohltat an ihr.«

»Ja! Welche Wohltat? Sie hat auch zu mir davon gesprochen. Was war es mit

der Wohltat, Fräulein Imma?«

»Die Wohltat bestand darin, daß sich ihr Geist verwirrte, daß im äußersten

Jammer etwas in ihr übersprang – diesen Ausdruck hat sie mir gegenüber

verwendet –, daß sie sich nicht mehr mit klarem und nüchternem Verstande

aufrecht zu halten und dem Leben Widerpart zu leisten brauchte, sondern

sozusagen die Erlaubnis erhielt, sich gehen zu lassen, sich einige Abspannung zu

gönnen und ein bißchen zu schwatzen. Mit einem Worte, die Wohltat war, daß

sie wunderlich wurde.«

»Ich hatte allerdings den Eindruck,« sagte Klaus Heinrich, »daß die Frau

Gräfin sich gehen ließ, als sie schwatzte.«

»So verhält es sich, Prinz. Sie weiß es ganz gut, wenn sie schwatzt, und

lächelt wohl zwischendurch oder läßt einfließen, daß sie ja niemandem weh

damit tue. Die Wunderlichkeit ist eine wohltuende Verwirrung, deren sie

gewissermaßen Herr ist, und die sie sich erlaubt. Es ist, wenn Sie wollen, ein

Mangel an …«

»An Haltung«, sagte Klaus Heinrich und blickte auf seine Zügel nieder.

»Gut, an Haltung«, wiederholte sie und sah ihn an. »Es scheint, daß besagter

Mangel nicht Ihre Billigung findet, Prinz.«

»Ich bin allerdings der Meinung,« antwortete er leise, »daß es nicht erlaubt ist,

sich gehen zu lassen und es sich bequem zu machen, sondern daß es unter allen

Umständen geboten ist, Haltung zu wahren.«

»Euere Hoheit«, erwiderte sie, »bekunden eine löbliche Sittenstrenge.« Damit

schob sie die Lippen vor, und indem sie ihr schwarzbleiches Köpfchen im

Dreispitz hin und her wandte, fügte sie mit ihrer gebrochenen Stimme hinzu:

»Jetzt werde ich Euerer Hoheit etwas sagen, und ich bitte, es wohl zu beachten.

Wenn Euere Erhabenheit nicht gesonnen sind, ein wenig Mitleid und Nachsicht

und Milde zu üben, so werde ich mich des Vergnügens Ihrer erlauchten

Gesellschaft ein für allemal entschlagen müssen.«

Er senkte den Kopf, und sie ritten eine Weile schweigend.

»Wollen Sie nicht weiter erzählen, wie die Gräfin zu Ihnen kam?« fragte er endlich.

»Nein, das will ich nicht«, sagte sie und blickte geradeaus. Aber da er so

herzlich bat, beendete sie ihre Erzählung und sagte: »Nun, das war einfach

genug. Die Gräfin kam und meldete sich in der Fünften Avenue, da sie gehört

hatte, daß man eine deutsche Gesellschaftsdame für mich suchte. Und obgleich

sich noch fünfzig andere Damen meldeten, so fiel doch meine Wahl – denn ich

hatte zu wählen – sofort auf sie, so sehr war ich nach unserer ersten Unterredung

für sie eingenommen. Sie war wunderlich, das sah ich wohl; aber sie war es

lediglich aus überguter Kenntnis des Elends und der Schlechtigkeit, das ging aus

jedem ihrer Worte hervor, und was mich betrifft, so war ich von jeher ein wenig

allein und abgesondert gewesen und vollständig ununterrichtet geblieben, wenn

ich von meinen Universitätsstudien absehe …«

»Nicht wahr, Sie waren von jeher ein wenig allein und abgesondert?«

wiederholte Klaus Heinrich, und Freude klang aus seiner Stimme.

»So sagte ich. Es war ein einigermaßen langweiliges und einfältiges Leben,

das ich führte und eigentlich noch führe, denn es hat sich ja nicht vieles geändert

und ist im ganzen überall dasselbe. Es gab Gesellschaften mit Kunststernen und

Bälle, und manchmal ging es sehr rasch im geschlossenen Automobil zum

Opernhaus, woselbst ich in einer der kleinen flachen Logen über dem Parterre

saß, um so recht in ganzer Figur gesehen werden zu können, for show, wie man

drüben sagt. Das brachte meine Stellung so mit sich.«

» For show?«

»Ja, for show, das ist die Verpflichtung, sich zur Schau zu stellen, keine

Mauern gegen die Leute zu ziehen, sondern sie in die Gärten und über den Rasen

und auf die Terrasse sehen zu lassen, wo man sitzt und Tee trinkt. Meinem Vater,

Mister Spoelmann, war es im höchsten Grade zuwider. Aber unsere Stellung

brachte es mit sich.«

»Und wie lebten Sie sonst, Fräulein Imma?«

»Nun, im Frühjahr ging man in die Adirondacks auf das Schloß und im

Sommer auf das Schloß in Newport an der See. Es fanden natürlich

Gartenpartien und Blumenkorsos und Tennisturniere statt, und man ritt spazieren

und fuhr Four in hand oder im Automobil, und die Leute blieben stehen und

gafften, weil man Samuel Spoelmanns Tochter war. Und manche schimpften

auch hinter mir drein.«

»Sie schimpften?!«

»Ja, sie hatten wohl ihre Beweggründe dazu. Jedenfalls war es ein etwas

vorgeschobenes und der Erörterung ausgesetztes Dasein, das wir führten.«

»Und zwischendurch«, sagte er, »spielten Sie in den Lüften, nicht wahr, oder

schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend …«

»So tat ich. Euere Hoheit erfreuen sich eines überaus offenen Kopfes. Aber

nach alldem können Sie sich nun denken, wie außerordentlich willkommen mir

die Gräfin war, als sie sich in der Fünften Avenue vorstellte. Sie äußerte sich

nicht eben sehr deutlich, sondern vielmehr auf geheimnisvolle Weise, und die

Grenze, wo sie zu schwatzen beginnt, ist nicht immer ganz klar ersichtlich. Aber

das scheint mir eben recht und lehrreich, denn es gibt eine gute Vorstellung von

der Grenzenlosigkeit des Elends und der Schlechtigkeit in der Welt. Nicht wahr,

Sie beneiden mich um die Gräfin?«

»Nun, beneiden … Sie scheinen anzunehmen, Fräulein Imma, daß ich niemals

irgendeinen Einblick getan habe.«

»Haben Sie Einblicke getan?«

»Vielleicht doch den einen oder den andern. Zum Beispiel sind mir von

unseren Lakaien Dinge zu Ohren gekommen, von denen Sie sich schwerlich

etwas träumen lassen.«

»Sind die Lakaien so schlimm?«

»Schlimm? Nichtswürdig sind sie, das ist das Wort für sie. Erstens treiben sie

Durchstecherei und schleichendes Wesen und lassen sich von den Lieferanten

bezahlen …«

»Nun, Prinz, das ist vergleichsweise harmlos.«

»Ja, ja, mit den Einblicken der Gräfin kann es sich wohl nicht messen …«

Sie fielen in Trab, verließen beim Wegweiser die gemächlich steigende und

fallende Landstraße, die sie zwischen Nadelwäldern hin verfolgt hatten, und

lenkten in den sandigen, ein wenig hohlen und auf seinen erhöhten Rändern von

Brombeersträuchern eingefaßten Richtweg ein, der in das buschige

Wiesengelände von Schloß Fasanerie mündete. Klaus Heinrich war zu Hause in

diesem Gebiet; er streckte den Arm darüber hin, den rechten, um seinen

Begleiterinnen alles zu zeigen, obgleich nicht viel Sehenswürdiges vorhanden

war. Dort lag das Schloß, verschlossen und stumm, mit seinem Schindeldach und

seinen Blitzableitern am Rande des Waldes. Dort abseits war das

Fasanengehege, nach welchem das Ganze seinen Namen hatte, und hier

Stavenüters Wirtsgarten, wo er zuweilen mit Raoul Überbein gesessen hatte.

Über den feuchten Wiesen schien mild die Vorfrühlingssonne und tauchte die

fernen umgrenzenden Wälder in zarten Schmelz.

Sie hielten nebeneinander auf ihren Tieren vorm Wirtsgarten, und Imma

Spoelmann prüfte das Schloß mit den Augen, dies nüchterne Landhaus, das

Schloß Fasanerie benannt war.

»Von sinnverwirrendem Prunk«, sagte sie mit gerümpften Lippen, »scheint

Ihre Jugend nicht umgeben gewesen zu sein.«

»Nein,« lachte er, »an dem Schloß ist nichts zu sehen. Innen ist es wie außen. Kein Vergleich mit Delphinenort, selbst bevor Sie es wiederherstellten …«

»Nun wollen wir einkehren«, sagte sie. »Nicht wahr, Gräfin, auf einem

Ausflug muß man einkehren. Abgesessen, Prinz! Ich habe Durst und will sehen,

was Ihr Stavenüter zu trinken hat.«

Da stand Herr Stavenüter, in grüner Latzschürze und die Hosen in

Schmierstiefeln, verbeugte sich, indem er sein gesticktes Käppchen mit beiden

Händen an die Brust drückte, und lachte vor Bewegung, so daß man sein

vollständig nacktes Zahnfleisch sah.

»Königliche Hoheit!« sagte er, Glück in der Stimme, »tun Königliche Hoheit

mir auch einmal wieder die Ehre an? Und das gnädige Fräulein!« setzte er mit

andächtiger Stimme hinzu; denn er kannte Samuel Spoelmanns Tochter sehr

wohl und hatte so eifrig wie einer im Großherzogtum die Zeitungsnotizen

gelesen, die Prinz Klaus Heinrichs und Immas Namen zusammen nannten. Er

war der Gräfin beim Absteigen behilflich, da Klaus Heinrich, zuerst aus dem

Sattel, sich dem Fräulein widmete, und rief nach einem Knecht, der zusammen

mit dem Spoelmannschen Livrierten die Pferde besorgte. Aber hierauf hielt

Klaus Heinrich Begrüßung und Empfang, wie er es gewohnt war. In

geschlossener Haltung richtete er einige formelhafte Fragen an den dienernden

Herrn Stavenüter, erkundigte sich auf gewinnende Art nach seiner Gesundheit,

nach dem Stande seiner Geschäfte und nahm die Antworten mit dem lebhaften

Kopfnicken scheinbar sachlicher Beteiligung entgegen. Imma Spoelmann, ihre

Reitgerte mit beiden Händen hin und her biegend, sah diesem kunstreichen und

kalten Auftritt mit ernsten und glänzend forschenden Augen zu. »Ich erlaube

mir, in Erinnerung zu bringen, daß ich Durst leide«, sagte sie endlich scharf und

verstimmt, und so trat man denn in den Garten und beratschlagte, ob man das

Wirtszimmer aufsuchen müsse. Es sei noch zu feucht unter den Bäumen, meinte

Klaus Heinrich; aber Imma bestand darauf, im Freien zu sitzen, und wählte

selber einen der schmalen und langen Trinktische mit Bänken zu beiden Seiten,

den Herr Stavenüter mit einem weißen Tuche zu decken sich beeilte.

»Limonade!« sagte er. »Das ist das Beste für den Durst und reine Ware! Kein

Gesudel, Königliche Hoheit und Sie, meine Damen, sondern gezuckerte

Natursäfte und das Bekömmlichste von allem!«

Man mußte den Glaskugelpfropfen durch den Flaschenhals stoßen; und

während die hohen Gäste das Getränk kosteten, verweilte Herr Stavenüter sich

noch ein wenig am Tische, um ihnen mit Plaudern aufzuwarten. Er war längst

Witwer, und seine drei Kinder, die ehemals hier unter den Blättern das Lied vom

gemeinsamen Menschentum gesungen und sich dabei mit den Fingern

geschneuzt hatten, waren nun ebenfalls außer Hause, der Sohn als Soldat in der

Stadt und von den Töchtern die eine verheiratet mit einem benachbarten Ökonomen, die andere als Magd in städtischem Hause, weil es sie zum Höheren

gezogen hatte. So schaltete Herr Stavenüter allein in dieser Abgeschiedenheit,

und zwar in dreifacher Eigenschaft, als Pächter der Schloßwirtschaft, Kastellan

und Fasanenmeister, zufrieden mit seinem Lose. Bald, wenn die Witterung sich

ferner so anließ, kam wieder die Zeit der Radfahrer und Spaziergänger, die

Sonntags den Garten füllten. Dann blühte das Geschäft. Und ob die hohen

Herrschaften denn nicht vielleicht die Fasanerie in Augenschein nehmen

wollten?

Ja, das wollten sie, später, und so zog Herr Stavenüter sich vorläufig mit

Anstand zurück, nachdem er eine Schale mit Milch für Perceval neben den Tisch

gestellt.

Der Collie war unterwegs in sumpfiges Wasser geraten und sah aus wie der

Teufel. Seine Beine waren dünn vor Nässe – und die weißen Teile seines

zerzausten Felles beschmutzt. Sein geifernd geöffnetes Maul, mit dem er die

Erde nach Feldmäusen durchwühlt, war geschwärzt bis in den Schlund, und

schwarzrot, an der Spitze sich dreieckig verbreiternd, hing seine triefende

Greifenzunge daraus hervor. Hastig erquickte er sich aus der Schale und ließ sich

hierauf mit flackernd arbeitenden Flanken neben seiner Herrin zu Boden fallen,

Weiter: Teil 4 von 4