Königliche Hoheit

Thomas Mann · Kapitel 9 von 11 · Teil 4/4

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Königliche Hoheit

Imma

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

flach auf die Seite, den Kopf mit ruhelechzendem Ausdruck zurückgeworfen.

Klaus Heinrich nannte es unverantwortbar, daß Imma hier nach dem Ritt so

ohne Umhüllung sich der trügerischen Frühlingsluft preisgäbe. »Nehmen Sie

meinen Mantel!« sagte er. »Bei Gott, ich brauche ihn nicht. Mir ist warm, und

mein Rock ist über der Brust wattiert!« Sie wollte nichts wissen von seinem

Vorschlag; aber da er fortfuhr, sie inständig zu bitten, so willigte sie ein und ließ

sich seinen grauen Militärmantel mit den Schulterabzeichen eines Majors um die

Schultern legen. So eingehüllt stützte sie ihr schwarzbleiches, mit dem Dreispitz

bedecktes Köpfchen in die hohle Hand und sah ihm zu, wie er den Arm nach

dem Schlosse ausstreckte und von dem Leben erzählte, das er hier einst geführt.

Dort zu ebener Erde, wo man die hohen Fenster sah, war das Speisezimmer

gewesen, dort der Schulsaal und dort oben Klaus Heinrichs Zimmer mit dem

Gipstorso auf dem Kachelofen. Und er berichtete von Professor Kürtchen und

seinem taktvollen Meldesystem beim Unterricht, von der Hauptmännin

Amelung, den adeligen »Fasanen«, die alles für »Schweinerei« erklärt hatten,

und namentlich von Raoul Überbein, seinem Freunde, auf welchen

zurückzukommen Imma Spoelmann ihn mehrmals ermunterte.

Er sprach von des Doktors dunkler Herkunft und von der Abfindungssumme;

von dem Kinde im Moor oder Sumpf und der Rettungsmedaille; von Überbeins

tapferer und ehrgeiziger Laufbahn, zurückgelegt unter jenen harten und streng

auf die Leistung weisenden Bedingungen, die er die guten zu nennen pflegte, und von seinem Bündnis mit Doktor Sammet, den Imma kannte. Er schilderte

sein wenig einnehmendes Äußeres und begründete mit frohen Worten die

Neigung, die ihn dennoch von Anbeginn zu diesem Lehrer gezogen, indem er

sein Verhalten gegen ihn, Klaus Heinrich, beschrieb – diese väterliche und

herzlich schwadronierende Kameradschaftlichkeit, die sich von dem Gehaben

aller übrigen Leute so strikt unterschieden hatte –, ließ auch, so gut es ihm

gelingen wollte, dies und das von Überbeins Lebensaspekten einfließen und gab

schließlich seinem Kummer darüber Ausdruck, daß der Doktor bei seinen

Mitbürgern sich keiner wahren Beliebtheit zu erfreuen scheine.

»Das glaube ich«, sagte Imma.

Er war erstaunt und fragte, warum sie es glaube.

»Weil ich gewiß bin,« antwortete sie und wandte ihr Köpfchen hin und her,

»daß dieser Überbein mit all seinen aufgeräumten Redereien ein unseliger

Mensch ist. Er steht wohl da und prahlt; aber er hat gar keinen Rückhalt, Prinz,

und darum wird er ein schlechtes Ende nehmen.«

Klaus Heinrich blieb eine Weile bestürzt und nachdenklich über diese Worte.

Dann wandte er sich der Gräfin zu, die lächelnd aus einer Abwesenheit zu sich

kam, und sagte ihr eine Artigkeit über ihre Reitkunst, wofür sie mit frischen und

ritterlichen Worten dankte. Er äußerte, man merke wohl, daß sie beizeiten auf

einem Pferderücken zu sitzen gelernt habe, und sie bestätigte, daß allerdings die

Stunden in der Reitbahn einen wesentlichen Bestandteil ihrer Erziehung

ausgemacht hätten. Sie sprach klar und munter; aber allmählich, fast unmerklich,

schweifte sie vom gangbaren Wege ab, erzählte etwas Sonderbares von kühnen

Ritten, die sie als Leutnant im letzten Feldzuge ausgeführt, und kam völlig

unvermutet auf die unbeschreiblich liederliche Frau eines Feldwebels bei den

Leibgrenadieren zu sprechen, die diese Nacht in ihrem Zimmer gewesen, ihr in

der erbarmungslosesten Weise die Brust zerkratzt und Reden dazu geführt habe,

welche wiederzugeben sie ablehnen müsse. Klaus Heinrich fragte leise, ob denn

nicht Tür und Fenster verschlossen gewesen wären. »Allerdings, aber die

Scheibe ist ja da!« antwortete sie hastig. Und da sie bei dieser Entgegnung auf

der einen Seite ihres Gesichtes blaß, auf der anderen rot wurde, so willigte er

nickend und mit sanften Worten darein. Ja, indem er die Augen niederschlug, bot

er ihr an, sie einstweilen ein wenig »Frau Meier« zu nennen, ein Vorschlag, den

sie mit Eifer und Eile annahm, nicht ohne ein vertrauliches Lächeln übrigens,

einen Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes hatte. Sie brachen

auf zur Besichtigung der Fasanerie, nachdem Klaus Heinrich seinen Mantel

zurückerhalten; und als sie den Garten verließen, sagte Imma Spoelmann: »So

war es recht, Prinz. Sie machen Fortschritte.« Ein Lob, das ihm die Wangen

färbte, ja, ihm ohne Vergleich mehr Freude bereitete als der schönste Zeitungsbericht über die erhebende Wirkung seiner festlichen Person, den

Geheimrat Schustermann ihm hätte vorlegen können.

Herr Stavenüter geleitete seine Gäste in das von Palisaden umfriedigte

Gehege, wo in Wiese und Busch die sechs oder sieben Fasanenfamilien ein

versorgtes und bürgerliches Leben führten, und sie sahen dem Benehmen der

bunten, rotäugigen und steifgeschwänzten Vögel zu, besichtigten das

Bruthäuschen und wohnten einer Fütterung bei, die Herr Stavenüter am Fuß

einer schönen, einzeln stehenden Fichte zu ihrem Vergnügen vornahm, worauf

Klaus Heinrich ihm seine vollste Anerkennung des Gesehenen zum Ausdruck

brachte. Imma Spoelmann betrachtete ihn mit großen und dunkel forschenden

Augen bei Erledigung dieser Förmlichkeit. Dann stieg man vorm Wirtsgarten zu

Pferde und trat, während Perceval sich vor den Pferden mit rasendem Geheul um

sich selber schwang, den Heimweg an.

Auf diesem Heimwege aber sollte Klaus Heinrich gesprächsweise noch einen

nicht unbedeutsamen Fingerzeig über Imma Spoelmanns Natur und Charakter

erhalten, eine mittelbare Erläuterung gewisser Seiten ihrer Persönlichkeit, die

ihm Stoff zu anhaltendem Nachdenken gab.

Bald nämlich, nachdem man den brombeerbewachsenen Hohlweg verlassen

hatte und wieder auf der sanft gewellten Landstraße dahinritt, kam Klaus

Heinrich auf einen Punkt zurück, der bei seinem ersten Besuch auf

»Delphinenort« in der Unterhaltung am Teetisch seltsam kurz berührt worden

war und nicht aufgehört hatte, ihn unbestimmt zu beunruhigen.

»Lassen Sie mich übrigens«, sagte er, »eine Frage tun, Fräulein Imma. Sie

brauchen sie nicht zu beantworten, wenn es Ihnen nicht gefällig ist.«

»Wir werden sehen«, antwortete sie.

»Vor vier Wochen,« fing er an, »als ich zum erstenmal das Vergnügen hatte,

mit Herrn Spoelmann, Ihrem Vater, zu plaudern, richtete ich eine Frage an ihn,

die er so kurz und abbrechend beantwortete, daß ich fürchten muß, einen

Mißgriff oder falschen Schritt damit getan zu haben.«

»Was fragten Sie?«

»Ich fragte, ob es ihm nicht schwer geworden sei, Amerika zu verlassen.«

»Ja, sehen Sie, Prinz, das war nun wieder so recht eine Frage, die Ihnen

ähnlich sieht, eine ausgemachte Prinzenfrage. Wären Sie auf dem Gebiete der

Denklehre ein wenig beschlagener, so hätten Sie sich wohl stillschweigend mit

dem Vernunftbeschluß begnügt, daß, wenn mein Vater Amerika nicht leicht und

gern verlassen hätte, er es schlechterdings überhaupt nicht verlassen hätte.«

»Das mag wahr sein, Fräulein Imma, verzeihen Sie, ich denke nicht sehr

genau. Aber wenn ich mit meiner Frage mich keines andern Fehltritts als nur

eines Denkfehlers schuldig gemacht habe, so will ich wahrhaftig zufrieden sein. Können Sie mich soweit beruhigen?«

»Nun denn, Prinz, nein, nicht einmal soweit«, sagte sie und sah ihn plötzlich

mit ihren großen, schwarzglänzenden Augen an.

»Sehen Sie? Sehen Sie? Aber was für eine Bewandtnis hat es damit, Fräulein

Imma? Lassen Sie mich nun wissen, was hier zu wissen ist. Sie sind es unserer

Freundschaft schuldig!«

»Sind wir Freunde?«

»Ich dachte«, sagte er bittend …

»Nun, nun, Geduld! Ich wußte es nicht. Ich lasse mich gern belehren. Um aber

auf meinen Vater zurückzukommen, so hat er sich in der Tat über Ihre Frage

geärgert – er ärgert sich leicht und hatte Gelegenheit, sich ungewöhnliche Übung

in dieser Gemütsbewegung zu erwerben. Die Sache ist die, daß die öffentliche

Stimmung und Meinung uns nicht sonderlich günstig war in Amerika. Umtriebe

sind da im Gange … ich bemerke, daß ich über die Einzelheiten nicht

unterrichtet bin, aber eine eifrige politische Tätigkeit findet statt zu dem Zwecke,

die große Menge, wissen Sie, die vielen Leute, die es nicht getroffen hat, gegen

uns aufzuwiegeln, und daraus sind gesetzliche Anfeindungen und beständige

Widerwärtigkeiten entstanden, die meinem Vater das Leben dort drüben verleidet

haben. Sie wissen wohl, Prinz, daß nicht er es war, der unsere Lage geschaffen

hat, sondern mein garstiger Großvater mit seinem Paradise-Nugget und seiner

Blockhead-Farm. Mein Vater kann gar nichts dafür, er hat sein Schicksal geerbt

und hat nicht leicht daran getragen, denn er ist eher scheu und zart von Natur

und hätte am liebsten immer nur Orgel gespielt und Gläser gesammelt, ja, ich

glaube, daß der Haß, in dem wir schließlich infolge der Umtriebe lebten, so daß

zuweilen das Volk hinter mir drein schimpfte, wenn ich im Automobil

vorüberfuhr – daß der Haß ihm ganz eigentlich seine Nierensteine eingebracht

hat, das ist sehr möglich.«

»Ich bin Ihrem Herrn Vater von Herzen zugetan«, sagte Klaus Heinrich mit

Nachdruck.

»Das möchte ich mir ausgebeten haben, Prinz, im Falle, daß wir Freunde sein

wollen. Aber dann kam noch ein anderes hinzu, das alles verschärfte und unsere

Stellung dort drüben ein wenig schwierig machte, und das hing mit unserer

Abstammung zusammen.«

»Mit Ihrer Abstammung?«

»Ja, Prinz, wir sind keine adeligen Fasanen, wir stammen leider weder von

Washington noch von den ersten Einwanderern ab …«

»Nein, denn Sie sind ja Deutsche.«

»O ja, aber da ist trotzdem nicht alles in Ordnung. Haben Sie doch die

Herablassung, mich einmal genau zu betrachten. Finden Sie es etwa ehrenhaft, so blauschwarzes, strähniges Haar zu haben, das immer fällt, wohin es nicht

soll?«

»Gott weiß, daß Sie wunderschönes Haar haben, Fräulein Imma!« sagte Klaus

Heinrich. »Auch ist mir wohlbekannt, daß Sie zum Teile südlicher Abstammung

sind, denn Ihr Herr Großvater hat sich ja in Bolivia vermählt oder in dieser

Gegend, wie ich gelesen habe.«

»Das tat er. Aber hier liegt der Haken, Prinz. Ich bin eine Quinterone.«

»Was sind Sie?«

»Eine Quinterone.«

»Das gehört zu den Adirondacks und der Parallaxe, Fräulein Imma. Ich weiß

nicht, was es ist. Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich nicht viel gelernt habe.«

»Nun, das war so. Mein Großvater, unbedenklich wie er in allen Stücken war,

heiratete dort unten eine Dame mit indianischem Blut.«

»Mit indianischem?«

»Jawohl. Besagte Dame nämlich stammte im dritten Gliede von Indianern ab,

sie war die Tochter eines Weißen und einer Halbindianerin und also Terzerone,

wie man es nennt – oh, sie soll erstaunlich schön gewesen sein! –, und sie wurde

meine Großmutter. Die Enkel solcher Großmütter aber werden Quinteronen

genannt. So liegen die Dinge.«

»Ja, das ist merkwürdig. Aber sagten Sie nicht, daß es auf das Verhalten der

Leute Ihnen gegenüber von Einfluß gewesen sei?«

»Ach, Prinz, Sie wissen gar nichts. Sie müssen aber wissen, daß indianisches

Blut dort drüben einen schweren Makel bedeutet – einen solchen Makel, daß

Freundschaften und Liebesbündnisse mit Schimpf und Schande

auseinandergehen, wenn eine derartige Abstammung des einen Teiles ans Licht

der Sonnen kommt. Nun steht es ja so arg nicht mit uns, denn bei Quarteronen –

in Gottes Namen, da ist der Schade nicht mehr so groß, und ein Quinterone

gehört im ganzen schon fast zu den Makellosen. Aber mit uns, die wir so sehr

dem Gerede ausgesetzt waren, war es natürlich etwas anderes, und mehrmals,

wenn hinter mir drein geschimpft wurde, habe ich zu hören bekommen, daß ich

eine Farbige sei. Kurz, es blieb eine Beeinträchtigung, eine Erschwerung, und

sonderte uns selbst von den wenigen ab, die sich übrigens ungefähr in der

gleichen Lebenslage befanden – blieb immer etwas, was zu verstecken oder zu

vertreten war. Mein Großvater hatte es vertreten, er war der Mann dazu und hatte

gewußt, was er tat; auch war er ja reinen Bluts, und nur seine schöne Frau trug

den Makel. Aber mein Vater war ihr Sohn, und ärgerlich und leicht gereizt, wie

er ist, hat er es von Jugend auf nur schwer ertragen, bestaunt und gehaßt und

verachtet zu gleicher Zeit zu sein, halb Weltwunder und halb infam, wie er zu

sagen pflegte, und hatte Amerika in jeder Beziehung satt. Das ist die Geschichte, Prinz,« sagte Imma Spoelmann, »und nun wissen Sie es, warum mein Vater sich

ärgerte über Ihre scharfsinnige Frage.«

Klaus Heinrich sagte ihr Dank für die Aufklärung, ja, noch vor dem Portal

von »Delphinenort«, als er sich – es war Lunchzeit geworden –, die Hand an der

Mütze, von den Damen verabschiedete, wiederholte er seinen Dank für das, was

sie ihm gesagt, und ritt dann schrittweise heim, um über die Ergebnisse des

Vormittags nachzudenken.

Imma Spoelmann saß weich in ihrem rotgoldenen Kleide am Tische im Saal,

in lässiger Haltung, mit launisch verwöhnten Mienen, saß in üppiger Sicherheit,

während ihre Rede scharf ging wie dort, wo es gilt, wo Helligkeit, Härte und

wachsamer Witz zum Leben geboten sind. Warum doch? Klaus Heinrich begriff

es nun, und Tag für Tag war er beschäftigt, es besser in seinem Herzen zu

begreifen. Bestaunt, gehaßt und verachtet zu gleicher Zeit, halb Weltwunder und

halb infam, so hatte sie gelebt, und das hatte die Dornen in ihre Rede gebracht,

jene Schärfe und spöttische Helligkeit, die Abwehr war, wenn sie Angriff schien,

und die eine schmerzliche Verzerrung auf den Gesichtern derer hervorrief,

welche die Wehr des Witzes nicht nötig gehabt hatten. Sie hatte ihn zu Mitleid

und Milde angehalten gegenüber der armen Gräfin, wenn sie sich gehen ließ;

aber ihr selbst tat Mitleid und Milderung not, weil sie einsam war und es schwer

hatte – gleich ihm. Eine Erinnerung beschäftigte ihn zu gleicher Zeit mit diesen

Erwägungen, eine alte, peinvolle Erinnerung, die den Büfettraum des

»Bürgergartens« zum Schauplatz hatte und mit einem Bowlendeckel endigte …

»Kleine Schwester!« sagte er bei sich selbst, indem er sich hastig ab davon

wandte. »Kleine Schwester!« – Hauptsächlich aber sann er darauf, wie das

Zusammensein mit Imma Spoelmann in kürzester Frist zu erneuern sei.

Das geschah bald und wiederholt unter verschiedenen Umständen. Der

Februar ging zu Ende, es kamen der ahnungsvolle März, der wetterwendische

April, der zärtliche Mai. Und all diese Zeit verkehrte Klaus Heinrich auf Schloß

Delphinenort, wohl wöchentlich einmal, vormittags oder nachmittags, und

eigentlich beständig in dem unverantwortlichen Zustande, in welchem er an

jenem Februarmorgen bei Spoelmanns erschienen war, willenlos sozusagen und

wie vom Schicksal ergriffen. Die benachbarte Lage der Schlösser begünstigte

den Verkehr, die kurze Parkstrecke von »Eremitage« nach »Delphinenort« war

zu Pferd oder mit dem Dogcart ohne bedeutendes Aufsehen zurückzulegen; und

wenn bei vorschreitender Jahreszeit infolge größerer Belebtheit der Umgebung

es schwerer und schwerer wurde, ohne Aufmerken des Publikums miteinander

spazierenzureiten, so ist des Prinzen innere Verfassung während dieses

Zeitabschnittes als eine vollkommene Gleichgültigkeit und blinde

Rücksichtslosigkeit in bezug auf die Welt, auf Hof, Stadt und Land zu denken. Die Teilnahme der Öffentlichkeit begann erst später in seinem Sinnen und

Trachten eine – dann freilich wichtige und beglückende Rolle zu spielen.

Er hatte nach dem ersten Ritt sich nicht von den Damen verabschiedet, ohne

einen neuen Ausflug ins Auge zu fassen, wogegen Imma Spoelmann, indem sie

mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin und her gewandt, nichts

Ernstliches einzuwenden gehabt hatte. So kehrte er wieder, und man ritt zum

»Hofjäger«, einer am nördlichen Rande des Stadtgartens gelegenen

Waldwirtschaft, kehrte er abermals wieder, und man ritt zu einem dritten

Ausflugsziel, das ebenfalls ohne Berührung der Stadt zu erreichen war. Dann, als

der Frühling die Residenzler ins Freie lockte und die Wirtsgarten sich füllten,

bevorzugte man einen abgelegenen und eigenartigen Weg, der eigentlich kein

Weg, sondern ein Damm oder Wiesenrand mit blumiger Böschung war, der zur

Seite eines geschwind strömenden Wasserarmes sich langhin in nördlicher

Richtung erstreckte. Man gelangte am ungestörtesten dahin, indem man die

Rückseite des Parkes von Schloß »Eremitage« entlang und über die Flußaue am

Rande des nördlichen Stadtgartens bis zur Höhe des »Hofjägers« ritt, dann aber

nicht – bei der Schleuse – auf der hölzernen Brücke den Flußarm überschritt,

sondern diesseits seinem Laufe folgte. Rechts blieb das Gehöft der Wirtschaft

zurück, und Mittelholz zog sich hin, soweit sie kamen. Links dehnten sich

Wiesen aus, die weiß und bunt waren von Schierling und Pustblumen, von

Butter- und Glockenblumen, Klee, Margueriten und auch Vergißmeinnicht; der

Kirchturm eines Dorfes ragte zwischen Äckern hervor, und fern lief die

Landstraße mit ihrem Verkehr, vor dem sie in Sicherheit waren. Später aber

traten auch linker Hand Weiden und Haselnußstauden der Böschung nahe, die

Aussicht verhindernd, und nun ritten sie, vollends geschützt und abgeschieden,

zu zweien meistens und gefolgt von der Gräfin, weil der Weg schmal war, ritten

plaudernd und schweigend, während Perceval mit angezogenen Vorderbeinen

hin und her über das Wasser setzte oder drunten ein Bad nahm und mit hastigem

Schlappen seinen Durst stillte. Sie kehrten auf demselben Wege zurück, auf dem

sie gekommen.

Wenn aber vermöge des niedrigen Luftdrucks das Quecksilber fiel, wenn es

folglich regnete und Klaus Heinrich dennoch ein Wiedersehen mit Imma

Spoelmann für notwendig erachtete, so stellte er sich auf seinem Dogcart um die

Teestunde in Delphinenort ein, und man blieb im Schlosse. Nur zwei- oder

dreimal erschien auch Herr Spoelmann am Teetisch. Sein Leiden nahm zu in

dieser Zeit, und manchen Tag war er genötigt, mit warmen Breiumschlägen im

Bette zu liegen. Kam er, so sagte er: »Na, junger Prinz«, tauchte mit seiner

mageren, von der weichen Manschette halb bedeckten Hand einen

Krankenzwieback in seinen Tee, warf hier und da ein knarrendes Wort in die Unterhaltung ein und bot schließlich dem Gast seine goldene Zigarettendose dar,

worauf er mit Doktor Watercloose, der stumm und lächelnd am Tische gesessen

hatte, den Gartensaal wieder verließ. Übrigens geschah es auch bei sonnigem

Wetter, daß man es vorzog, sich auf den Park zu beschränken und auf dem

wohlgeebneten und von einem Netz durchquerten Platze unterhalb der Terrasse

sich mit dem Ballspiel zu unterhalten. Ja, einmal wurde sogar eine rasche Fahrt

in einem der Spoelmannschen Automobile weit über Schloß Fasanerie hinaus

unternommen.

Eines Tages fragte Klaus Heinrich: »Ist es wahr, Fräulein Imma, was ich

gelesen habe, daß Ihr Herr Vater täglich so entsetzlich viele Briefe und

Bittgesuche bekommt?«

Da erzählte sie ihm von den Kollekten und Subskriptionslisten, die ohne

Unterlaß in »Delphinenort« einliefen und auch nach Möglichkeit

Berücksichtigung fänden, von den Stößen von Bettelschreiben aus Europa und

Amerika, die mit jeder Post eingeliefert, durch die Herren Phlebs und Slippers

gesichtet und Herrn Spoelmann in einer Auswahl vorgelegt würden. Zuweilen,

sagte sie, mache sie sich das Vergnügen, die Stöße durchzusehen und die

Adressen zu lesen, denn diese seien nicht selten phantastischer Art. Die

bedürftigen oder spekulativen Absender nämlich suchten einander schon auf den

Umschlägen in Kurialien und Wohldienerei zu überbieten, und alle erdenklichen

Titulaturen und Rangesbezeichnungen seien in seltsamen Mischungen auf den

Briefen zu finden. Ein Bittsteller aber habe kürzlich jeden Wettbewerb

geschlagen, indem er seinem Schreiben die Aufschrift gegeben habe: »Seiner

Königlichen Hoheit Herrn Samuel Spoelmann«. Übrigens habe er nicht mehr

erhalten als die anderen …

Ein andermal kam er mit gesenkter Stimme auf die »Eulenkammer« im Alten

Schlosse zu sprechen und vertraute ihr an, daß neuerdings wieder Lärm darin

beobachtet worden sei, was auf entscheidende Ereignisse in seiner, Klaus

Heinrichs, Familie deute. Da lachte Imma Spoelmann und klärte ihn

wissenschaftlich auf, indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin

und her wandte, wie sie ihn über die Geheimnisse des Barometers aufgeklärt

hatte. Das sei Unsinn, sagte sie, und es möge sich etwa so verhalten, daß ein Teil

der Polterkammer ellipsoidenartig geformt sei, und eine zweite Ellipsoidenfläche

von ähnlicher Krümmung und mit einer Lärmquelle im Brennpunkt sich

irgendwo draußen befände, woher es dann komme, daß innerhalb des

Spukzimmers Rumoren hörbar sei, das in der nächsten Umgebung nicht

vernommen werden könne. Klaus Heinrich war ziemlich niedergeschlagen über

diese Auslegung und wollte von dem allgemeinen Glauben an den

Zusammenhang zwischen dem Gepolter und den Schicksalen seines Hauses nur ungern lassen.

So unterhielten sie sich, und auch die Gräfin nahm teil, auf verständige und

auch auf verwirrte Art, da Klaus Heinrich sich redlich Mühe gab, sie nicht durch

sein Wesen zu ernüchtern und zu erkälten, sondern sie »Frau Meier« nannte,

sobald sie dessen zu ihrer Sicherheit vor den Nachstellungen der lasterhaften

Weiber zu bedürfen glaubte. Er erzählte den Damen von seinem unsachlichen

Leben, von den schönen Trinksitzungen der Korpsbrüder, den militärischen

Liebesmählern und seiner Bildungsreise, von seinen Angehörigen, seiner

ehemals so herrlichen Mutter, die er dann und wann in »Segenhaus« besuchte,

wo sie traurigen Hof hielt, von Albrecht und Ditlinde; Imma Spoelmann

erwiderte mit einigen Nachträgen über ihre prachtvolle und sonderbare Jugend,

und die Gräfin ließ manchmal ein dunkles Wort über die Schrecken und

Geheimnisse des Lebens einfließen, worauf die beiden mit ernsten, ja

andächtigen Mienen horchten.

Eine Art Spiel trieben sie gern: es war das Erraten von Daseinsformen, das

ungefähre Einschätzen der Menschen, die sie etwa sahen, in die Abteilungen der

bürgerlichen Welt, soweit ihre Wissenschaft reichte – eine fremde und begierige

Beobachtung der Passanten aus der Entfernung, vom Pferde herab oder von der

Spoelmannschen Terrasse. Was für junge Leute mochten wohl diese sein? Was

mochten sie treiben? Wohin gehören? Es waren wohl keine Handelsschüler,

sondern vielleicht der Technik Beflossene oder angehende Forstmänner,

gewissen Merkmalen nach, auch wohl von der landwirtschaftlichen Hochschule,

ein wenig rauhe, aber tüchtige Burschen jedenfalls, die ihren redlichen Weg

schon machen würden. Aber die Kleine, Unordentliche, die hier

vorüberschlenderte, war wohl so etwas wie eine Fabrikarbeiterin oder

Nähmamsell. Solche Mädchen pflegten einen Liebhaber aus ähnlicher Sphäre zu

haben, der sie Sonntags in einen Kaffeegarten führte. Und sie teilten einander

mit, was sie sonst etwa noch von den Leuten wußten, sprachen mit Anerkennung

davon und fühlten sich mehr als durch Laufen und Ballschlagen erwärmt durch

diesen Zeitvertreib.

Was die rasche Automobilfahrt betraf, so erklärte Imma Spoelmann im Laufe

derselben, daß sie Klaus Heinrich eigentlich nur dazu eingeladen habe, um ihm

den Chauffeur zu zeigen, der sie fuhr, einen jungen, in braunes Leder gehüllten

Amerikaner, von dem sie behauptete, daß er dem Prinzen ähnlich sähe. Klaus

Heinrich versetzte lachend, daß die Rückansicht des Fahrers ihn nicht befähige,

hierüber zu urteilen, und forderte die Gräfin auf, ihre Stimme abzugeben. Diese,

nachdem sie die Ähnlichkeit eine Zeitlang mit höfischer Entrüstung geleugnet,

ließ sich, von Imma gedrängt, schließlich mit einem gekniffenen Seitenblick auf

Klaus Heinrich herbei, sie zu bejahen. Dann erzählte Fräulein Spoelmann, der ernste, nüchterne und geschickte junge Mann sei ursprünglich im persönlichen

Dienste ihres Vaters gestanden, den er täglich von der Fünften Avenue zum

Broadway und andere Wege gefahren habe. Herr Spoelmann aber habe auf

außerordentliche Fahrgeschwindigkeit, die fast der eines Eilzuges

gleichgekommen sei, gehalten, und der ungeheuren Anspannung, die

solcherweise bei dem Getümmel von Neuyork von dem Wagenlenker gefordert

worden, sei dieser auf die Dauer nicht gewachsen gewesen. Zwar habe sich

niemals ein Unfall ereignet; der junge Mann habe durchgehalten und mit

gewaltiger Aufmerksamkeit seine todesgefährliche Pflicht getan. Endlich aber

sei es wiederholt geschehen, daß man ihn am Ziele der Fahrt ohnmächtig vom

Sitz habe heben müssen, und da habe es sich gezeigt, in welcher übermäßigen

Anstrengung er täglich gelebt habe. Um ihn nicht entlassen zu müssen, habe

Herr Spoelmann ihn zum Leibchauffeur seiner Tochter ernannt, welchen

leichteren Dienst er auch an dem neuen Aufenthaltsort zu versehen fortfahre. Die

Ähnlichkeit zwischen Klaus Heinrich und ihm habe Imma festgestellt, als sie

den Prinzen zum ersten Male gesehen. Es sei natürlich keine Ähnlichkeit der

Züge, wohl aber eine solche des Ausdrucks. Die Gräfin habe sie zugegeben …

Klaus Heinrich sagte, daß er durchaus nichts gegen die Ähnlichkeit einzuwenden

habe, da der heldenmütige junge Mann seine volle Sympathie besitze. Sie

sprachen dann noch mehreres von dem schweren und angespannten Dasein eines

Chauffeurs, ohne daß die Gräfin Löwenjoul sich weiter an diesem Gespräche

beteiligte. Sie schwatzte nicht auf dieser Fahrt, sondern sagte später mit frischen

Bewegungen einige richtige und klare Dinge.

Übrigens schien Herrn Spoelmanns Schnelligkeitsbedürfnis in gewissem

Grade auf seine Tochter übergegangen zu sein, denn jenen ausgelassenen Galopp

des ersten gemeinsamen Ausflugs wiederholte sie bei jeder neuen Gelegenheit;

und da Klaus Heinrich, durch ihren Spott erhitzt, dem verstörten und von

Mißbilligung erfüllten Florian das Äußerste zumutete, um nicht

zurückzubleiben, so erhielten diese Gewaltritte jedesmal einen kampfartigen

Charakter, wurden zu Wettrennen, die Imma Spoelmann stets auf unvermutete

und launenhafte Weise vom Zaune brach. Mehrere dieser Kämpfe entspannen

sich an jener einsamen, am Wasser hinlaufenden Wiesenböschung, und einer

besonders war langwierig und erbittert. Er schloß sich an ein kurzes Gespräch

über Klaus Heinrichs Popularität, das von Imma Spoelmann ebenso unvermittelt

eröffnet wie abgebrochen wurde. Sie fragte plötzlich: »Habe ich recht gehört,

Prinz, daß Sie so ungemein beliebt sind bei der Bevölkerung? Daß alle Herzen

Ihnen zuschlagen?«

Er antwortete: »Man sagt so. Irgendwelche Eigenschaften, die keine Vorzüge

zu sein brauchen, mögen der Grund sein. Übrigens weiß ich durchaus nicht, ob ich es glauben oder mich gar darüber freuen soll. Ich zweifle, ob es für mich

spräche. Mein Bruder, der Großherzog, meint geradezu, die Popularität sei eine

Schweinerei.«

»Ja, der Großherzog muß ein stolzer Mann sein; ich achte ihn sehr. Da stehen

Sie dann im Dunst, und alles liebt Sie … go on!« rief sie plötzlich, ein scharfer

Schlag mit der weißledernen Gerte traf Fatme, die aufzuckte, und die Jagd

begann.

Sie dauerte lange. Noch nie hatten sie den Wasserlauf so weithin verfolgt.

Links hatte sich längst die Aussicht geschlossen. Erdklumpen und Grasbüschel

stoben unter den Hufen auf. Die Gräfin war bald zurückgeblieben. Als sie

endlich die Pferde zügelten, zitterte Florian, der sein Letztes getan hatte, und sie

selbst waren bleich und atmeten schwer. Der Rückweg verlief schweigsam. –

Am Nachmittag vor seinem diesjährigen Geburtstag sah Klaus Heinrich Raoul

Überbein bei sich auf »Eremitage«. Der Doktor kam, um seine Gratulation

darzubringen, da er morgen durch Arbeit verhindert sein würde. Sie gingen auf

den Kieswegen im rückwärtigen Teil des Parkes umher, der Oberlehrer in

Gehrock und weißer Binde, Klaus Heinrich in seiner Litewka. Das Gras stand

reif zur Mahd unter der schrägen Nachmittagssonne, die Linden blühten. In

einem Winkel, dicht an der Hecke, die den Grund von unschönen Vorstadtwiesen

trennte, war ein kleiner, morscher Borkentempel gelegen.

Klaus Heinrich sprach von seinem Verkehr auf »Delphinenort«, da dieser

Gegenstand ihm am nächsten lag; er erzählte anschaulich davon, ohne dem

Doktor tatsächliche Neuigkeiten mitteilen zu können, denn dieser zeigte sich auf

dem laufenden. Woher er das sei? – Oh, aus verschiedenen Quellen. Überbein

habe nichts vor anderen voraus. – Und also kümmere man sich in der Residenz

um diese Dinge? – »Nein, behüte, Klaus Heinrich, niemand denkt daran. Weder

an die Ritte, noch an die Teevisiten, noch an die Automobilfahrt. Dergleichen

vermag natürlich keine Zunge in Bewegung zu setzen.« – »Aber wir sind so

vorsichtig!« – »Wir ist prächtig, Klaus Heinrich, und das mit der Vorsicht auch. –

Übrigens läßt Exzellenz von Knobelsdorff sich genau über Ihre Taten Bericht

erstatten.« – »Knobelsdorff? – Knobelsdorff?« Klaus Heinrich schwieg. – »Und

wie stellt sich Baron Knobelsdorff zu den Berichten?« fragte er dann. Nun, der

alte Herr habe ja noch nicht Veranlassung genommen, in die Entwicklung der

Dinge einzugreifen. – Aber die Öffentlichkeit? Die Leute? – Ja, die Leute hielten

natürlich den Atem an. – »Und Sie, Sie selbst, lieber Doktor Überbein?!« – »Ich

warte auf den Bowlendeckel«, erwiderte der Doktor.

»Nein!« rief Klaus Heinrich mit freudiger Stimme. »Nein, es wird nichts aus

dem Bowlendeckel, Doktor Überbein, denn ich bin glücklich, glücklich, was da

auch kommen möge – verstehen Sie das? Sie haben mich gelehrt, daß das Glück nicht meine Sache sei, und haben mich bei den Ohren wieder zu mir selbst

gebracht, als ich es dennoch damit versuchte, und ich war Ihnen unaussprechlich

dankbar dafür, denn es war schrecklich, schrecklich, und ich vergesse es nicht.

Aber dies hier ist kein Ausflug in den Tanzsaal des Bürgergartens, wovon man

gedemütigt und Übelkeit im Herzen zurückkehrt, es ist keine Verirrung und

Entgleisung und Erniedrigung. Sehen Sie denn nicht, daß die, von der wir reden,

daß sie weder in den Bürgergarten gehört, noch zu den adeligen Fasanen, noch

irgendwohin sonst in der Welt als zu mir – daß sie eine Prinzessin ist, Doktor

Überbein, und meinesgleichen, und daß also von Bowlendeckeln gar nicht die

Rede sein kann? Sie haben mich gelehrt, daß es liederlich sei, zu behaupten, daß

wir alle nur Menschen seien, und innerlich hoffnungslos für mich, so zu tun, als

ob es so sei, und ein verbotenes Glück, das mit Schande enden müsse. Aber dies

hier ist nicht das liederliche und verbotene Glück. Es ist zum ersten Male das

erlaubte und innerlich hoffnungsvolle und glückselige Glück, Doktor Überbein,

dem ich mich guten Muts überlassen darf, was da auch kommen mag …«

»Adieu, Prinz Klaus Heinrich«, sagte Doktor Überbein, ohne übrigens schon

aufzubrechen. Vielmehr fuhr er fort, die Hände auf dem Rücken und den roten

Bart auf die Brust gesenkt, an Klaus Heinrichs linker Seite dahinzuwandeln.

»Nein«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, nicht adieu, Doktor Überbein – das ist

es ja eben! Ich will Ihr Freund bleiben, der Sie es immer so schwer gehabt haben

und so stolz auf Schicksal und Strammheit halten und mich ebenfalls stolz

machten dadurch, daß Sie mich als Kameraden behandelten. Ich will nun, wo ich

das Glück gefunden habe, nicht bequemeren Sinnes werden, sondern Ihnen treu

bleiben und mir und meinem hohen Beruf …«

»Wird nicht gegeben«, sagte Doktor Überbein auf lateinisch und schüttelte

seinen häßlichen Kopf mit den abstehenden, spitz zulaufenden Ohren.

»Doch, Doktor Überbein, ich bin nun ganz sicher, daß es das gibt, beides

zusammen. Und Sie, Sie sollten nicht so kaltsinnig und abweisend neben mir

hergehen, wo ich so glücklich bin und obendrein der Vorabend meines

Geburtstags ist. Sagen Sie mir … Sie haben so viele Einblicke getan und sich in

jeder Weise den Wind um die Nase wehen lassen – aber haben Sie denn niemals

Erfahrungen gemacht in dieser Richtung … Sie wissen schon … Sind Sie gar

niemals ergriffen worden, wie ich es nun bin?«

»Hm«, sagte Doktor Überbein und kniff die Lippen zusammen, daß sein roter

Bart sich hob und Muskelballen sich an seinen Wangen bildeten. »Das könnte

wohl dennoch so unterderhand sich einmal ereignet haben.«

»Sehen Sie? Sehen Sie? Und nun erzählen Sie mir's, Doktor Überbein! Heute

müssen Sie mir's erzählen!«

Und da es eine ernste und still besonnte, auch vom Dufte der Lindenblüten erfüllte Stunde war, so gab Raoul Überbein Auskunft über einen Zwischenfall

seiner Laufbahn, dessen er in früheren Berichten niemals erwähnt hatte, und der

gleichwohl vielleicht von entscheidender Bedeutung für sein Leben gewesen

war. Er hatte sich abgespielt zu jener frühen Zeit, als Überbein die kleinen

Strolche unterrichtet und nebenbei für sich selbst gearbeitet, sich den Leibgurt

enger gezogen und fetten Bürgerkindern Privatstunden erteilt hatte, um sich

Bücher kaufen zu können. Immer die Hände auf dem Rücken und den Bart auf

der Brust, erzählte der Doktor in kurz angebundenem und scharfem Tone davon,

indem er zwischen den einzelnen Sätzen fest die Lippen zusammenpreßte.

Damals hatte das Schicksal ihn unaussprechlich fest mit einem Weibe

verbunden, einer schönen, weißen Frau, welche die Gattin eines edelsinnigen

und achtenswerten Mannes und Mutter dreier Kinder war. Er war als Präzeptor

der Kinder in das Haus gekommen, war aber später häufiger Tischgast und

Hausfreund geworden, und auch mit dem Manne hatte er herzliche

Empfindungen getauscht. Das zwischen dem jungen Lehrer und der weißen Frau

war lange unbewußt und länger noch stumm und unterhalb aller Worte

geblieben; aber es war im Schweigen erstarkt und übermächtig geworden, und in

einer Abendstunde, als der Gatte sich in Geschäften verweilt hatte, einer heißen,

süßen, gefährlichen Stunde, da war es in Flammen ausgebrochen und hätte sie

fast betäubt. So hatte denn nun ihr Verlangen geschrien nach dem Glück, dem

gewaltigen Glück ihrer Vereinigung; allein hie und da, bemerkte Doktor

Überbein, kamen in der Welt anständige Handlungen vor. Sie waren sich zu

schade gewesen, sagte er, um den gemeinen und lächerlichen Weg des Betruges

einzuschlagen; und vor den arglosen Gatten »hinzutreten«, wie man wohl sagt,

und sein Leben zu zerstören, indem sie mit dem Rechte der Leidenschaft die

Freiheit von ihm forderten, war gleichfalls nicht ganz nach ihrem Geschmack

gewesen. Kurz, um der Kinder, um des guten und edlen Mannes willen, den sie

hochschätzten, hatten sie Verzicht geleistet und einander entsagt. Ja, dergleichen

kam vor, aber es war natürlich erforderlich, ein bißchen die Zähne

zusammenzubeißen. Überbein kam noch immer zuweilen in das Haus der

weißen Frau. Er speiste dort zu Abend, wenn seine Zeit es erlaubte, spielte eine

Partie Kasino mit den Freunden, küßte der Hausfrau die Hand und sagte gute

Nacht!… Aber nachdem er dies erzählt hatte, sagte er das letzte, sagte es noch

kürzer und schärfer als das vorige, während sich noch öfter die Muskelballen an

seinen Mundwinkeln bildeten. Damals nämlich, als er und die weiße Frau

Verzicht geleistet hatten, damals hatte Überbein dem Glücke, der »Bummelei des

Glücks«, wie er es seitdem nannte, endgültig und auf immer Valet gesagt. Da er

die weiße Frau nicht gewinnen konnte oder wollte, hatte er sich zugeschworen,

ihr Ehre zu machen und dem, was ihn mit ihr verband, indem er es weit brachte und sich groß machte auf dem Felde der Arbeit – hatte sein Leben auf die

Leistung gestellt, auf sie allein, und war geworden, wie er war. – Das war das

Geheimnis, war wenigstens ein Beitrag zur Lösung des Rätsels von Überbeins

Ungemütlichkeit, Überheblichkeit und Streberei. Klaus Heinrich sah mit

Bangen, wie außerordentlich grün sein Gesicht war, als er sich mit tiefer

Verbeugung verabschiedete und dabei sagte: »Grüßen Sie die kleine Imma,

Klaus Heinrich!«

Am nächsten Morgen nahm der Prinz im Gelben Zimmer die Glückwünsche

des Schloßpersonals und später diejenigen der Herren von Braunbart-

Schellendorf und von Schulenburg-Tressen entgegen. Im Laufe des Vormittags

fuhren die Mitglieder des großherzoglichen Hauses zur Gratulation auf

»Eremitage« vor, und um ein Uhr begab sich Klaus Heinrich in seiner Chaise

zum Familienfrühstück bei dem Fürsten und der Fürstin zu Ried-Hohenried,

unterwegs vom Publikum ungewöhnlich beifällig begrüßt. Die Grimmburger

waren vollzählig versammelt in dem zierlichen Palais an der Albrechtsstraße.

Auch der Großherzog kam im Gehrock, grüßte alle mit dem schmalen Haupt,

indem er mit der Unterlippe leicht an der oberen sog, und trank Milch mit

Mineralwasser vermischt zu den Speisen. Fast unmittelbar nach beendetem

Frühstück zog er sich zurück. Prinz Lambert war ohne seine Gemahlin

erschienen. Der alte Ballettfreund war gefärbt, ausgehöhlt, schlottricht und besaß

eine Grabesstimme. Er wurde von den Verwandten bis zu einem gewissen Grade

übersehen.

Unter Tafel drehte sich das Gespräch eine Weile um höfische

Angelegenheiten, dann um das Gedeihen der kleinen Prinzessin Philippine und

später fast ausschließlich um die großgewerblichen Unternehmungen des Fürsten

Philipp. Der zarte kleine Herr erzählte von seinen Brauereien, Fabriken und

Mühlen und namentlich von seinen Torfstechereien, er schilderte

Verbesserungen in den Betrieben, sprach in Ziffern von Anlagen und

Erträgnissen, und seine Wangen röteten sich, während die Verwandten seiner

Frau ihm mit neugierigen, wohlwollenden oder spöttischen Mienen lauschten.

Als in dem großen Blumensalon der Kaffee genommen wurde, trat die Fürstin

mit ihrem vergoldeten Täßchen an ihren Bruder heran und sagte: »Du hast uns

aber vernachlässigt in letzter Zeit, Klaus Heinrich.«

Ditlindens herzförmiges Gesicht mit den Grimmburger Wangenknochen war

nicht ganz so durchsichtig mehr, es hatte ein wenig mehr Farbe gewonnen seit

der Geburt ihres Töchterchens, und ihr Haupt schien weniger schwer an der Last

ihrer aschblonden Flechten zu tragen.

»Habe ich euch vernachlässigt?« fragte er. »Ja, verzeih, Ditlinde, es mag wohl

sein. Aber ich war so sehr in Anspruch genommen, und dann wußte ich ja, daß auch du es bist, denn nun hast du ja nicht mehr nur deine Blumen zu warten.«

»Ja, die Blumen sind aus der Herrschaft verdrängt, sie machen mir nicht viele

Gedanken mehr. Es ist nun ein schöneres Leben und Blühen, das mir zu schaffen

macht, und ich glaube, ich habe so rote Backen davon bekommen wie mein

guter Philipp von seinem Torf (von dem er während des ganzen Frühstücks

gesprochen hat, was ich nicht loben will, aber es ist seine Leidenschaft). Und da

ich so wohlbeschäftigt und ausgefüllt war, so bin ich dir auch nicht gram

gewesen, daß du dich nicht sehen ließest und deine eigenen Wege gingst, wenn

sie mir auch ein bißchen verwunderlich waren …«

»Kennst du denn meine Wege, Ditlind?«

»Ja, leider nicht von dir. Aber Jettchen Isenschnibbe hat mich auf dem

laufenden gehalten – du weißt, sie ist stets unterrichtet –, und anfangs war ich

heftig erschrocken, das leugne ich nicht. Aber schließlich wohnen sie ja auf

›Delphinenort‹, und er hat einen Leibarzt, und Philipp meint auch, in ihrer Art

seien sie ebenbürtig. Ich glaube, ich habe mich früher absprechend über sie

geäußert, Klaus Heinrich, habe etwas von ›Vogel Roch‹ gesagt, wenn ich mich

recht erinnere, und einen Scherz mit dem Worte ›Steuersubjekt‹ gemacht. Aber

wenn du die Leute deiner Freundschaft wert achtest, so habe ich mich eben geirrt

und nehme diese Äußerungen natürlich zurück und will versuchen, fortan anders

über sie zu denken, das verspreche ich dir … Du hast immer gern gestöbert,«

fuhr sie fort, als er ihr lächelnd die Hand geküßt hatte, »und ich mußte mit, und

mein Kleid (weißt du noch? das rotsamtne), das hatte die Kosten zu tragen. Nun

stöberst du allein, und Gott gebe, daß du nichts Häßliches dabei erfährst, Klaus

Heinrich.«

»Ach, Ditlind, ich glaube eigentlich, daß es immer schön ist, was man erfährt,

ob gut, ob schlimm, aber es ist gut, was ich erfahre …«

Um halb fünf Uhr verließ der Prinz aufs neue Schloß »Eremitage«, und zwar

auf seinem Dogcart, den er selbst kutschierte, Rücken an Rücken mit einem

Lakaien. Es war warm, und Klaus Heinrich trug weiße Beinkleider zum

zweireihigen Überrock. Nach beiden Seiten grüßend, fuhr er abermals zur Stadt,

genauer zum Alten Schloß, ließ aber das Albrechtstor liegen und nahm seine

Einfahrt in den Komplex durch einen Nebentorweg, legte zwei Höfe zurück und

hielt in demjenigen mit dem Rosenstock.

Alles war still und steinern hier; die Treppentürme mit ihren schrägen

Fenstern, schmiedeeisernen Balustraden und schönen Skulpturen ragten in den

Ecken empor, und in Licht und Schatten stand das verschiedenartige Bauwerk

umher, teils grau und verwittert, teils neueren Ansehens, mit Giebeln und

kastenartigen Ausladungen, mit offenen Loggien, Einblicken durch weite

Bogenfenster in gewölbte Hallen und gedrungenen Säulengängen. In der Mitte aber, in seinem umgitterten Beet, stand der Rosenstock und blühte, so sehr hatte

das Jahr ihn begünstigt.

Klaus Heinrich gab die Zügel dem Diener, ging hin und betrachtete die

dunkelroten Rosen. Sie waren außerordentlich schön – voll und sammetähnlich,

edel gebildet und wahre Kunstwerke der Natur. Mehrere waren schon ganz

erschlossen.

»Bitte, rufen Sie Hesekiel«, sagte Klaus Heinrich zu einem schnurrbärtigen

Türhüter, der, die Hand am Dreispitz, herangetreten war.

Hesekiel kam, der Hüter des Rosenstocks. Es war ein Greis von siebzig

Jahren, in einer Gärtnerschürze, mit Triefaugen und gebeugtem Rücken.

»Haben Sie eine Schere bei sich, Hesekiel?« fragte Klaus Heinrich laut. »Ich

möchte eine Rose haben.« Und Hesekiel zog eine Gartenschere aus der

beutelartigen Tasche seiner Schürze.

»Die hier,« sagte Klaus Heinrich, »das ist die schönste.« Und mit zitternden

Händen durchschnitt der Alte den dornigen Stengel.

»Ich will sie besprengen, Königliche Hoheit«, sagte er und begab sich mit

schlürfenden Schritten in einen Winkel des Hofes zum Wasserhahn.

Schimmernde Tropfen hafteten, als er zurückkehrte, auf den Blättern der Rose

wie auf dem Gefieder von Wasservögeln.

»Danke, Hesekiel«, sagte Klaus Heinrich und nahm die Rose. »Immer bei

Kräften? Hier!« Und er gab dem Greise ein Geldstück und bestieg den Dogcart,

fuhr, die Rose neben sich auf dem Sitz, über die Höfe und kehrte nach der

Meinung aller, die ihn sahen, vom Alten Schloß, wo er wahrscheinlich eine

Unterredung mit dem Großherzog gehabt hatte, nach »Eremitage« zurück.

Er fuhr aber von dort durch den Stadtgarten nach »Delphinenort«. Der

Himmel hatte sich verdunkelt, große Tropfen fielen schon auf die Blätter nieder,

und in der Ferne donnerte es.

Die Damen saßen beim Tee, als Klaus Heinrich, von dem bauchigen Butler

geführt, in der Galerie erschien und die Stufen zum Gartensalon hinabschritt.

Herr Spoelmann war, wie gewöhnlich in letzter Zeit, nicht anwesend. Er lag mit

Breiumschlägen. Perceval, der in schneckenförmiger Pose neben Immas Stuhle

lag, schlug mehrmals grüßend mit dem Schweif auf den Teppich. Die

Vergoldung der Möbel war stumpf, denn hinter der Glastür lag der Park im

Wetterschatten.

Klaus Heinrich tauschte einen Händedruck mit der Tochter des Hauses und

küßte der Gräfin die Hand, indem er sie gleichzeitig sanft aus der höfischen

Verbeugung emporhob, in die sie ihrer Gewohnheit nach versunken war. »Da ist

es nun Sommer«, sagte er zu Imma Spoelmann und bot ihr die Rose. Er hatte ihr

noch niemals Blumen gebracht.

»Welche Ritterlichkeit!« sagte sie. »Danke, Prinz! Und sie ist schön!« fuhr sie

in aufrichtiger Bewunderung fort (während sie sonst nie etwas lobte) und umfing

das herrliche Blumenhaupt, dessen tauige Blätter an den Rändern köstlich gerollt

waren, mit ihren schmalen und schmucklosen Händen. »Gibt es so schöne Rosen

hier? Woher haben Sie sie?« Und sie neigte durstig ihr schwarzbleiches

Köpfchen darüber.

Ihre Augen waren voller Schrecken, als sie es wieder hob. –

»Sie duftet nicht!« sagte sie, und ein Ausdruck von Ekel erschien um ihren

Mund. »Warten Sie … Doch, sie riecht nach Moder!« sagte sie. »Was bringen

Sie mir, Prinz?« Und ihre übergroßen schwarzen Augen in dem perlblassen

Gesichtchen schienen vor fragendem Entsetzen zu glühen.

»Ja,« sagte er, »verzeihen Sie, das ist unsere Art von Rosen. Sie ist von dem

Stock in einem der Höfe des Alten Schlosses. Haben Sie niemals davon gehört?

Es hat seine Bewandtnis damit. Das Volk sagt, daß sie eines Tages aufs

lieblichste zu duften beginnen werden.«

Sie schien ihm nicht zuzuhören. »Es ist, als hätte sie keine Seele«, sagte sie

und betrachtete die Rose. »Aber sie ist vollkommen schön, das muß man ihr

lassen … Nun, das ist ein fragwürdiges Naturspiel, Prinz. Aber haben Sie

jedenfalls Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und wenn sie aus dem Schloß Ihrer

Väter stammt, so muß man ihr Reverenz erweisen.«

Sie stellte die Rose in ein Wasserglas neben ihr Gedeck. Ein

Schwanverbrämter brachte dem Prinzen Tasse und Teller. Und sie plauderten

beim Tee über den verwunschenen Rosenstock und dann über gewohnte

Gegenstände, über das Hoftheater, über ihre Pferde, über allerlei nichtige

Streitfragen, in welchen Imma Spoelmann ihm widersprach, geschliffene

Redensarten in Anführungsstrichen daherführte, indem sie sich über sie lustig

machte, ihn mattsetzte in erlesener Schriftrede, die sie mit ihrer gebrochenen

Stimme hervorsprudelte, während sie launisch ihr Köpfchen dabei drehte. Später

wurde ein gewichtiger, in weißes Papier verpackter Ballen gebracht, eine

Sendung des Buchbinders für Fräulein Spoelmann, enthaltend eine Anzahl von

Werken, die sie in schöne und dauerhafte Gewänder hatte kleiden lassen. Sie

öffnete das Paket, und alle drei sahen nach, ob der Handwerker gute Arbeit getan

habe.

Es waren fast lauter gelehrte Bücher, entweder solche, die inwendig so

zauberhaft aussahen wie Imma Spoelmanns Kollegheft, oder solche, die sich mit

wissenschaftlicher Seelenkunde, scharfsinnigen Zergliederungen der inneren

Vorgänge befaßten; und sie waren aufs kostbarste ausgestattet, mit Pergament

und gepreßtem Leder, mit Golddruck, ausgesuchten Papieren und seidenen

Bandzeichen. Imma Spoelmann zeigte sich leidlich zufrieden mit der Lieferung, aber Klaus Heinrich, der niemals so reiche Bände gesehen hatte, war des Lobes

voll.

»Nun werden sie also aufgestellt?« fragte er … »Zu den anderen oben? Sie

haben wohl viele Bücher? Und sind alle so schön wie diese? Lassen Sie mich

zusehen, wie Sie sie einreihen! Ich kann nicht fahren, das Wetter steht immer

noch da und droht meinen weißen Hosen. Ich weiß überhaupt nicht, wie Sie

wohnen auf Delphinenort, ich war nie in Ihrem Studio. Wollen Sie mir Ihre

Bücher zeigen?«

»Das hängt von der Gräfin ab«, sagte sie und war damit beschäftigt, die neuen

Bände aufeinanderzustapeln. »Gräfin, der Prinz wünscht meine Bücher zu sehen.

Darf ich Sie bitten, sich hierzu zu äußern?«

Gräfin Löwenjoul saß in Abwesenheit. Den kleinen Kopf zur Schulter geneigt,

betrachtete sie Klaus Heinrich mit einem scharf gekniffenen, ja boshaften Blick

und ließ dann ihre Augen zu Imma Spoelmann hinübergleiten, während ihre

Miene sich veränderte und ein weicher, mitleidiger und besorgter Ausdruck

davon Besitz ergriff. Lächelnd kam sie zu sich und nestelte eine kleine Uhr aus

ihrem braunen, enganschließenden Kleide hervor.

»Um sieben Uhr«, sagte sie frisch, »erwartet Mister Spoelmann Sie, Imma,

damit Sie ihm vorlesen. Sie haben eine halbe Stunde, um den Wunsch Seiner

Königlichen Hoheit zu erfüllen.«

»Nun, so kommen Sie, Prinz, und besichtigen Sie mein Studio!« sagte Imma.

»Auch mögen Sie sich immerhin an der Überführung der Bücher beteiligen,

sofern Ihre Hoheit es zuläßt. Ich nehme die Hälfte …«

Aber Klaus Heinrich nahm alle Bücher. Er umfaßte sie mit beiden Armen,

obgleich der linke ihm wenig nütze war, und der Stapel reichte ihm über das

Kinn. So, rückwärts gebeugt und behutsam, um nichts zu verlieren, folgte er der

führenden Imma hinüber in den nach der Auffahrtsallee gelegenen Flügel, in

dessen Hauptgeschoß die Wohnungen Fräulein Spoelmanns und der Gräfin

Löwenjoul lagen.

In dem großen und wohnlichen Zimmer, das sie durch eine schwere Tür

betraten, ließ er seine Last auf die sechseckige Platte eines Ebenholztisches

nieder, der vor einem massigen, mit golddurchwirktem Stoff überkleideten Sofa

stand. Imma Spoelmanns Studio war nicht in dem geschichtlichen Stile des

Schlosses, sondern in neuerem Geschmack und übrigens ohne alle Zierlichkeit,

vielmehr mit großzügigem, herrenhaftem und zweckmäßigem Luxus

hergerichtet. Mit edlem Holze getäfelt bis hoch hinauf und geschmückt mit alten

Tonwaren, die rings unter der Decke auf den Gesimsen schimmerten, war es

ausgestattet mit morgenländischen Teppichen, einem Kamin mit

schwarzmarmornem Mantel, auf dessen Platte schöngeformte Vasen und eine goldene Stutzuhr standen, breiten, bordierten Sammetstühlen und Vorhängen aus

dem gewirkten Stoff des Sofabezuges. Der geräumige Schreibtisch stand vor

dem Bogenfenster, welches die Aussicht auf das große Brunnenbassin vorm

Schlosse bot. Eine Wand war mit Büchern bedeckt, aber die Hauptbibliothek

befand sich in dem anstoßenden, kleineren und ebenfalls mit Teppichen belegten

Raum, in den eine offene Schiebetür Einblick gewährte, und dessen Wände

durchaus und bis zur Decke hinauf mit Bücherborden umstellt waren.

»Nun, Prinz, dies ist meine Eremitage«, sagte Imma Spoelmann. »Sie gefällt

Ihnen, wie ich hoffe?«

»Doch, sie ist herrlich«, sagte er. Übrigens sah er sich gar nicht um, sondern

blickte unverwandt auf sie, die bei dem sechseckigen Tisch an dem Seitenpolster

des Sofas lehnte. Sie trug eines ihrer schönen Hauskleider, ein sommerliches

heute, aus einem blütenweißen, gefalteten Stoff, mit offenen Ärmeln und einer

gelben Stickerei auf der Brust. Die Haut ihrer Arme und ihres Halses erschien

bräunlich wie angerauchter Meerschaum gegen die Weiße des Kleides, ihre

übergroßen und glänzend ernsten Augen in dem seltsamen Kindergesichtchen

redeten eine fließende und unaufhaltsame Sprache, und eine glatte Strähne ihres

blauschwarzen Haares fiel seitwärts in ihre Stirn. Sie hatte Klaus Heinrichs Rose

in der Hand.

»Doch, sie ist herrlich«, sagte er, der vor ihr stand, und wußte nicht, was er

meinte. Seine blauen Augen, von den volkstümlichen Wangenknochen bedrängt,

waren trüb wie von Schmerz. »Sie haben so viele Bücher,« fügte er hinzu, »wie

meine Schwester Ditlinde Blumen hat.«

»Hat die Fürstin so viele Blumen?«

»Ja, aber neuerdings sind sie ihr weniger wert.«

»Nun wollen wir einräumen«, sagte sie und griff nach den Büchern.

»Nein, warten Sie«, sagte er mit schwerer Brust. »Ich habe Ihnen so viel zu

sagen, und unsere Zeit ist so kurz. Sie müssen wissen, daß heute mein

Geburtstag ist – darum kam ich und brachte Ihnen die Rose.«

»Oh,« sagte sie, »das ist bemerkenswert! Es ist Ihr Geburtstag heute? Nun, ich

bin sicher, daß Sie alle Glückwünsche mit dem Ihnen eigenen Anstand

entgegengenommen haben. Nehmen Sie auch den meinen! Es war hübsch, daß

Sie mir heute die Rose brachten, obgleich sie ihr Bedenkliches hat …« Und sie

versuchte noch einmal mit furchtsamem Ausdruck den Moderduft. »Wie alt

werden Sie heute, Prinz?«

»Siebenundzwanzig«, antwortete er. »Vor siebenundzwanzig Jahren wurde ich

auf der Grimmburg geboren. Ich habe es immer recht streng und einsam seitdem

gehabt.«

Sie schwieg. Und plötzlich sah er, wie ihr Blick, unter leicht verfinsterten Brauen, an seiner Seite suchte – ja, obwohl er, seiner Übung nach, ein wenig

schräg vor ihr stand und ihr die rechte Schulter zuwandte, konnte er nicht

verhindern, daß ihre Augen sich mit stillem Forschen auf seinen linken Arm, auf

die Hand hefteten, die er weit rückwärts in die Hüfte gestemmt hatte.

»Haben Sie das da seit Ihrer Geburt?« fragte sie leise.

Er erbleichte. Aber mit einem Laut, der wie ein Laut der Erlösung klang, sank

er vor ihr nieder, indem er die seltsame Gestalt mit beiden Armen umschlang. Da

lag er in seinen weißen Hosen und seinem blau und roten Rock mit den

Majorsraupen auf den schmalen Schultern.

»Kleine Schwester …«, sagte er. »Kleine Schwester …«

Sie antwortete mit vorgeschobenen Lippen: »Haltung, Prinz. Ich bin der

Meinung, daß es nicht erlaubt ist, sich gehen zu lassen, sondern daß man unter

allen Umständen Haltung bewahren muß.«

Aber hingegeben und mit blinden Augen, das Gesicht zu ihr emporgewandt,

sagte er nichts als: »Imma … kleine Imma …«

Da nahm sie seine Hand, die linke, verkümmerte, das Gebrechen, die

Hemmung bei seinem hohen Beruf, die er von Jugend auf mit Kunst und

Wachsinn zu verbergen gewöhnt war – nahm sie und küßte sie.