Kreuz und Quer: Erster Band
Zehntes Kapitel. Die Entführung.
Damit schienen die Anderen einverstanden und trennten sich jetzt erst wieder in der Stadt, um nachher aufs Neue hier zusammenzutreffen. Hinter den grünen Vorhängen der Fenster hatte sie aber der Oberkellner aufmerksam beobachtet, und rieb sich sehr bedenklich die Hände:
»Alle Teufel,« murmelte er dabei, »das ist, hol mich Dieser und Jener, Polizei; den Einen kenne ich; das ist der geheime französische Agent, der sich hier immer in Wiesbaden aufhält, und genau so thut, als ob er sich um keinen Menschen auf Gottes Welt bekümmerte – und ob der Halunke nicht Alles weiß was vorgeht – Einer mußte ein Fremder sein, aber der dritte war ja unser liebenswürdiger Meier – die rechte Hand vom Polizeidirector. Sollten die denn hinter dem Baron her sein? – wäre nicht übel, so ein vornehmer Herr. Wenn man ihm nur wenigstens einen Wink geben könnte, aber weiß der Henker wo der jetzt steckt. – Oder hat er vielleicht gar selber Wind bekommen? – Na dann können sie schnüffeln, denn der ist von klein auf in der Welt gewesen und weiß Bescheid.« – Und mit diesen Gedanken ging er, sich wieder vergnügt die Hände reibend, an seine gewöhnliche Morgenbeschäftigung – d. h. er setzte sich vor das große Hauptbuch und kratzte sich hinter den Ohren.
Z e h n t e s K a p i t e l .
Die Entführung.
So ängstlich sich Clemence gezeigt, als sie an dem Morgen den Gatten verließ, so daß sie nur zitternd auf den Bahnhof eilte und dort der furchtbaren Aufregung, in welcher sie sich befand, kaum Herr werden konnte, so plötzlich war jede, auch die letzte Angst von ihr genommen, als sich der Zug in Bewegung setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher. Trotzdem versäumte sie keine nur irgend mögliche Vorsicht, und da sie recht gut wußte, daß man sie in Bieberich, besonders an dem Mainzer Schalter kannte, ging sie selber dorthin um Billete zu lösen, während Trautenau die wirklichen Billete nach St. Goarshausen nahm. Die List wäre auch vollständig geglückt, wenn eben nicht Reuhenfels zufälliger Weise den Herrn von Plauen auf dem Bahnhof angetroffen hätte, der ihn freilich, ohne es zu wissen, auf die rechte Fährte setzte.
Indessen verfolgten die Flüchtigen ahnungslos ihren Weg, und erreichten nach einer kurzen aber reizenden Fahrt das ziemlich große Dorf St. Goarshausen, einen der schönsten Punkte am ganzen Rhein.
Trautenau war selig; er durfte neben der Geliebten sitzen, ihre Hand halten, ihr in die guten Augen sehen und ihrer silberreinen Stimme lauschen, ja da noch zwei Fremde, ein Herr und eine junge Dame im Coupé wenn auch an der anderen Seite saßen, wehte ihn sogar, als sie sich flüsternd zu ihm überbog, ihr warmer Athem an. Er hörte auch kaum was sie sprach; es war ihm genug in ihrer Nähe zu sein. Aber wie das Alles enden würde! Wie hätte er in diesem seligen Augenblick der Gegenwart nur an die Zukunft denken mögen oder können. Er war auch mit Allem einverstanden, was sie ihm vorschlug, daß sie jetzt erst einmal in St. Goarshausen, einem kleinen unbedeutenden Ort, ein paar Tage still liegen wollten, um Reuhenfels, der jedenfalls schon auf der Verfolgung begriffen sei, von ihrer Spur abzubringen. Gewiß suchte er sie auf den größeren Stationen, und hatte auch wohl Freunde veranlaßt, ihn dabei zu unterstützen, damit er sowohl den Norden als Süden im Auge behalten konnte. Waren aber erst einmal ein paar Tage vergangen, so mußte er sie natürlich fern glauben, und dann gelang es ihnen leicht, mit irgend einem Nachtzug von hier aus die französische Grenze zu erreichen.
Clemence schien auch in St. Goarshausen bekannt, denn sie beorderte augenblicklich, wie sie nun dort anhielten, ein paar Träger, um ihre Sachen in das goldene Roß hinauf zu schaffen. Es war das auch keines der ersten Hôtels dicht am Rhein, wo allerdings ein reger Fremdenverkehr statt fand, sondern lag etwas abseits vom Strom mitten in der Stadt und schien in früherer Zeit – gerade dem Gemeindehaus gegenüber, den behäbigen Bewohnern des kleinen Orts zum Mittelpunkt ihrer Versammlungen und Casinos gedient zu haben. Jetzt freilich, wo der Verkehr einen ganz anderen Aufschwung genommen und von verwöhnten Fremden weit größere Ansprüche gemacht wurden, hatten sich neue sogenannte Hôtels, fast nur mit englischen Namen, unmittelbar an's Ufer des Rheines gesetzt, und im goldenen Roß kehrten nur noch die alten spießbürgerlichen Honoratioren ein, denen die Fremden ein Dorn im Auge waren, und die ungestört von ausländischem »Kauderwälsch« einen »guten« Schoppen trinken wollten.
Für ihren Zweck lag der Platz aber in der That vortrefflich, denn hierher kam so leicht Niemand der Durchreisenden und wenn sie sich nicht draußen zeigten, hätten sie vielleicht einen Monat lang still und unbeachtet dort leben können.
Clemence übernahm aber hier ohne Weiteres die Leitung ihrer inneren Angelegenheiten. Sie bestellte zwei Zimmer, eins für sich und Jeannette, ihre Kammerfrau, eins für den Herrn, und befahl dem aufwartenden Mädchen – denn einen Kellner schien es im goldenen Roß gar nicht zu geben – ihnen das Frühstück heraufzubringen, das sie gemeinschaftlich verzehren wollten.
Trautenau war damit nicht ganz einverstanden; er hätte so gerne einmal eine Unterredung mit Clemence unter vier Augen gehabt – so Vieles war es ja, was sie noch besprechen mußten. Aber Clemence schien das gerade vermeiden zu wollen, und so freundlich, ja herzlich sie sich gegen ihn zeigte, wich sie, für jetzt wenigstens, geschickt einer solchen aus. Trautenau selber entschuldigte sie aber darin – es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie sich anders gezeigt – unweiblich wenigstens, wo ihr die Neuheit dieser Situation doch noch immer die Seele beklemmen mußte. Morgen, wo sie eine Nacht Zeit gehabt, um ruhiger darüber nachzudenken, würde das anders – besser werden, und er beschloß deshalb auch, sie in dieser Zeit ganz sich selber zu überlassen.
Jeannette war dabei das wahre Muster einer Kammerzofe und arrangirte alles Nöthige so leicht und schnell, daß sich die Damen wenigstens in unglaublich kurzer Zeit vollständig eingerichtet hatten. Das Frühstück verlief ziemlich ruhig und einsylbig, denn Jeder war noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und der ernste, fast verzweifelte Schritt, den sie gethan, rechtfertigte das auch vollkommen. Trautenau war allerdings fest entschlossen, Clemence bis nach Paris und zu ihrem Vater zu begleiten, wie aber sollte er dort dem Mann, den er überdieß nicht achten konnte, als Entführer seiner Tochter und zugleich als Bewerber um ihre Hand entgegentreten? Der Gedanke peinigte ihn, wenn auch nicht in Clemencens Gegenwart, denn sobald er die lieben, so wunderbar schönen Züge der verführerischen Frau sah, und in diese Augen blickte, die manchmal ihn fast traurig anschauten und nur scheu den Boden suchten, wenn er ihnen begegnete, vergaß er alles Andere – vergaß er sich selbst. Aber als er wieder allein auf seinem Zimmer war, gingen ihm diese Dinge – und noch viele andere – wieder und wieder durch den Kopf, die er denn nicht so leicht abschütteln konnte.
Er konnte das Bild nicht aus seiner Erinnerung zwingen, wie er Clemence zum ersten Mal in Wiesbaden gesehen: an jenem grünen Tisch in der Spielhölle, den hübschen schlankgewachsenen Franzosen hinter ihrem Stuhl. – Er konnte den Blick nicht vergessen, den sie ihm einmal – gerade als sein Auge zufällig auf ihr haftete, zugeworfen – aber wenn ihr Mann sie nun gezwungen hätte, dem Spiel beizuwohnen? und es gab eigentlich nichts Natürlicheres, denn er konnte die junge Frau in einem solchen Badeort doch nicht den ganzen Abend allein, und sich selber überlassen. – Aber der Blick – dieser eine Blick. – Doch wie ungerecht war sein Verdacht, denn wenn sie zu jenem auch nur in der geringsten freundlichen Beziehung stand, so hätte sie doch wahrlich auch ihn um seinen Beistand bei ihrer Flucht gebeten, und sich nicht an den vollkommen Fremden gewandt. – Fremden? – nein, sie hielt ihn nicht für fremd – sie wußte ja ihren eigenen lieben Worten nach – wie lange er sie schon im Herzen getragen, und da sie das wußte und gerade ihn zu ihrer Hülfe wählte, mußte sie ihm doch auch ein klein wenig gut sein, oder sie würde es nicht gethan haben. Wie gern hätte er sich auch mit ihr ausgesprochen; aber die verwünschte Kammerzofe ging ihr nicht von der Seite. Und was für ein durchtriebenes kokettes Frauenzimmer das war. Bildhübsch in der That, mit einem kleinen kecken Stumpfnäschen und großen klugen und dunklen Augen; die aber hatte sie auch eben überall, und weshalb flüsterte sie nur immer so viel und geheimnißvoll mit Clemence? – Die Person hatte sie doch hoffentlich nicht zu ihrer Vertrauten gemacht? – es war ihm das ein peinlicher Gedanke. Aber er sah auch recht gut ein, daß sie eine weibliche Begleitung haben mußte und für die kurze Zeit mochte es denn ja auch gehen.
Der Aufenthalt in dem engen dumpfen und noch recht altväterlich gebauten Hause wurde ihm zuletzt drückend, und er beschloß, einen Spaziergang nach der Ruine hinauf zu machen. Gar zu gern hätte er Clemence um ihre Begleitung gebeten; aber er wagte es nicht. Es war heute der erste Tag, und er mußte ihr den ungestört lassen, um sich vollkommen auszuruhen. Sie blieben ja auch jedenfalls morgen noch hier, und dann erfüllte sie gewiß seinen Wunsch. Dann konnte er Alles, Alles mit ihr besprechen, was ihm auf dem Herzen lag und es war vielleicht sogar besser, daß das erst morgen geschah; er fühlte sich dann auch selber mehr mit sich im Reinen. Der morgende Tag sollte deshalb sein Schicksal entscheiden. Er that es auch wirklich.
Langsam stieg er den ziemlich steilen Pfad empor, der hinauf zu der alten prachtvollen Ruine führte – aber er traf zu viel Menschen unterwegs – Kinder aller Nationen, die hier zusammenkamen, um an den Wundern des Rheines zu schwelgen und den vortrefflichen Wein dazu zu trinken. Er fühlte sich heute wahrlich nicht in der Stimmung, unter ihnen zu verkehren und schlug sich seitab in die Büsche, wo er einen Platz suchte, auf dem er ungestört ausruhen und mit dem Rhein und der alten Ruine Rheinfels vor sich das prachtvolle Bild in voller Ruhe genießen konnte.
So lag er lange und träumend dicht versteckt im Gehölz, und wenn manchmal einzelne Gruppen von Spaziergängern in dem weiter oben hinlaufenden Pfad stehen blieben um die Aussicht zu genießen, so konnte er deutlich hören, was sie mit einander sprachen, ohne von ihnen dabei gesehen zu werden. Aber was interessirten ihn diese Unterhaltungen. Die Leute sprachen sich mit schaalen Phrasen über die Schönheit der Gegend aus oder zeigten sich von da oben aus die Stellen, wo guter Wein zu haben war. Einmal erzählten sie auch von der Eisenbahn, daß der letzte, von Mainz kommende Zug entgleist und dicht vor Rüdesheim liegen geblieben sei, so daß die Bahn verstopft wäre und man nicht wisse, ob sie heute noch wieder frei würde – dann gingen sie weiter und bedauerten noch dabei, daß sie nun wahrscheinlich das »Frankfurter Journal« nicht erhielten.
Der Zug entgleist? – aber was kümmerte ihn das? Es konnte höchstens nur zu ihren Gunsten sein, da dadurch die Verbindung mit den südlicher gelegenen Uferplätzen, wenn auch nicht abgeschnitten, doch jedenfalls erschwert wurde. – Aber die Zeit verging, er wußte gar nicht wie lange er schon gelegen und die Sonne neigte sich wieder den Bergen zu. Durfte er denn auch seine Schützlinge so lang allein lassen? Konnte er wissen, was indessen da unten vorfiel? Wenn nun der Zufall sein Spiel doch hatte. Er sprang, erschreckt von dem Gedanken, auf, und eilte, so rasch er konnte, in die Stadt zurück, um sich wenigstens darüber erst einmal zu beruhigen. Aber die Befürchtung war glücklicherweise grundlos gewesen, denn er fand dort Alles noch gerade so, wie er es verlassen hatte, nur, daß die Damen, wie es schien, mit dem Essen auf ihn gewartet hatten.
»Aber Monsieur,« rief ihn die Kammerzofe an, die ihm auf der Treppe begegnete – »wo bleiben Sie so lange? Wir haben gewartet und gewartet und Monsieur vielleicht indessen in aller Ruhe oben in der Stadt dinirt. Wir sind so hungrig, daß wir es kaum noch aushalten können.«
»Das bedaure ich in der That unendlich« rief Trautenau bestürzt, aber doch auch im Stillen erfreut, daß Clemence seinetwegen gewartet hatte. »Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, ich wäre gewiß eine Stunde früher gekommen. Haben Sie das Essen schon bestellt?«
»Gewiß, das Mädchen hat Ordre es sofort zu bringen, sowie wir die Nachricht Ihrer Ankunft erhielten. Ich werde sie gleich rufen. Bitte gehn Sie nur hinauf zur gnädigen Frau.«
Am liebsten hätte er das freilich gethan, aber er mußte doch erst hinüber in sein Zimmer, um sich von der Hitze und dem Staub seines langen Spazierganges zu säubern, und als er das beendet, fand er Jeannette schon wieder bei ihrer Herrin, und das dralle Mädchen aus dem Wirthshaus eben emsig beschäftigt die bestellten Speisen aufzutragen. Wie er sich aber nun gegen Clemence seines langen Ausbleibens wegen entschuldigen wollte, unterbrach sie ihn freundlich und lächelte:
»Aber Sie sollen ja doch nicht unser Sclave sein, lieber Trautenau, wenn wir Sie zu unserm Ritter ausgewählt haben. Wir haben hier Nichts zu versäumen und der Abend bleibt uns ja so noch immer, um hier am offenen Fenster ein paar Stunden zu plaudern, oder vielleicht auch einen kleinen Spaziergang im Mondenschein am Rhein zu machen. – Aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«
Trautenau's Augen leuchteten. So herzlich hatte Clemence noch nie zu ihm gesprochen, selbst nicht als sie ihn um seine Hülfe bat – aber die Kammerjungfer war ihm im Weg; er hätte ihr so gern eben so geantwortet; in deren Gegenwart ging das nicht, denn wenn sie sich auch hie und da im Zimmer zu thun machte, wußte er doch recht gut, daß sie trotzdem jedes Wort bewachte, auf jeden Blick selbst paßte. Vielleicht erhielt er aber am Abend bei dem versprochenen Spaziergang Gelegenheit ihr zu sagen, wie glücklich sie ihn dadurch gemacht, und jetzt deshalb nur mit ein paar höflichen Worten erwidernd, setzte er sich mit den Damen zu Tisch.
Es war in der That spät geworden und die Sonne selbst schon untergegangen. Trautenau mußte aber während des Essens von seinem Spaziergang erzählen und that das in so lebendiger Weise, daß Clemence ihm gespannt und aufmerksam lauschte.
Da klopfte Jemand draußen laut und deutlich zwei Mal an die Thür und Jeannette fuhr entsetzt von ihrem Stuhl empor – Niemand antwortete – noch einmal klopfte es, als Trautenau, der sich den augenscheinlichen Schrecken auch in Clemencens Zügen nicht erklären konnte, ärgerlich über die Störung »Herein« rief. In dem Augenblick öffnete sich die Thür und in dem Dämmerlicht des Abends erkannte die kleine Gesellschaft den Major, der höhnisch lächelnd, mit triumphirendem Blick die überraschte Gruppe mit den Augen überflog.
»Ich störe doch nicht?« sagte er endlich mit seiner trockenen, aber unheimlich klingenden Stimme, denn die erregte Leidenschaft lauerte dahinter – »sollte mir wirklich leid thun Madame – et Monsieur aussi – da finde ich ja die ganze kleine Gesellschaft gemüthlich bei einander.«
»Herr von Reuhenfels,« stammelte Trautenau, der entsetzt von seinem Stuhl aufgesprungen war.
»Kuno!« hauchte Clemence und war bleich auf ihren Stuhl zurückgesunken. Selbst Jeannette wechselte die Farbe, obgleich sie für sich selber wenig oder nichts zu fürchten hatte. Reuhenfels schien sich aber an dem Schrecken, den seine Erscheinung unter den Flüchtigen verbreitete, mit fast teuflischer Schadenfreude zu weiden und selbst in der Ueberraschung des Augenblicks drängte sich Trautenau der Gedanke auf, daß der Major noch nie im Leben dem Bilde, das er an jener Wand entworfen, so ähnlich gewesen wäre, wie in diesem Augenblick.
Aber die Stille dauerte nicht lange. Haß und Rache, die in des betrogenen Gatten Augen blitzten, mußten endlich zum Ausbruch kommen und mit vor Wuth heiserer Stimme sagte er endlich:
»Also dahin ist es mit Ihnen gekommen, Madame, und mein Verdacht, den ich als gutmüthiger Thor selber einzuschläfern suchte, war doch begründet? Aber Sie sollen diesen nichtswürdigen Undank bereuen – bitter bereuen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, und daß ich mein Wort halte, wissen Sie, sollte ich denken – gut genug. Und nun zu Ihnen mein Herr, der Sie es gewagt haben, in das Heiligthum einer glücklichen Ehe die frevle Hand zu stecken. Ich weiß nicht, ob Sie ein Mann von Ehre sind – was ich bis jetzt davon gesehen habe, spricht wenigstens nicht dafür – wenn dem so ist, so folgen Sie mir in ein anderes Zimmer, daß wir das Nöthige dort besprechen können.«
»Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Major,« rief Trautenau, dessen Antlitz bei den beleidigenden Worten alles Blut verlassen hatte – »wo und wann Sie wollen und werde Ihnen beweisen, daß Sie gerade der Letzte sein dürfen, einen rechtschaffenen Mann an seine Ehre zu mahnen. Weitere Worte, glaube ich, werden wohl fortan unnöthig sein.«
»Ich glaube es auch,« zischte der Major in Haß und Bosheit, denn die Anspielung des jungen Mannes auf sein vergangenes Leben war zu deutlich gewesen um sie mißzuverstehen. »Folgen Sie mir, und Sie, Madame, werden dies Zimmer nicht verlassen, bis ich zurückkehre, um Ihnen meine weiteren Befehle kund zu thun.«
»Mein Herr!« rief jetzt Clemence erzürnt von ihrem Stuhl emporfahrend – Reuhenfels würdigte sie aber keines weiteren Blicks. »Ich weiß, daß Sie gehorchen werden,« sagte er tückisch und verließ das Zimmer, während Trautenau seinen Hut ergriff, um ihm zu folgen. So aber und ohne ein Wort des Abschieds konnte er Clemence nicht verlassen. Bewegt und zitternd vor Aufregung schritt er auf sie zu und ergriff ihre Hand.
»Fürchten Sie Nichts, Clemence,« sagte er leise und rasch – »so lange ich lebe haben Sie einen Freund, der Sie nicht verlassen soll.«
»Er wird Sie tödten,« hauchte Clemence – »er trifft mit der Pistole eine Schwalbe im Flug.«
»Ich selber bin nicht ungeübt darin,« erwiederte Trautenau trotzig, »ich schieße rasch und sicher. Noch ist es möglich, Ihnen Ihre volle Freiheit wieder zu geben.«
»Und für mich wollen Sie in den Tod gehen,« bat das junge schöne Weib, jetzt wirklich furchtbar ergriffen, »ach, ich habe es nicht um Sie verdient!« und Thränen glänzten dabei in ihren Augen.
»Jetzt komme was da wolle!« rief Trautenau jubelnd aus, denn diese Thränen waren ihm der erste Beweis ihrer Liebe – »Du weinst um mich, Clemence, und so möcht' ich sterben. Aber es lebt ein Gott! er wird mir nicht die höchste Seligkeit des Lebens zeigen, um mich dann nur verzweifelnd von der Erde zu nehmen. Lebe wohl, auf baldiges frohes Wiedersehen.« – Sie stürmisch in die Arme pressend, drückte er den ersten Kuß auf ihre Lippen, und wie er jetzt zur Thür hinauseilte, wäre er dem Bajonnetangriff eines ganzen Bataillons mit nackter Brust jauchzend entgegen gerannt.
Draußen empfing ihn der Major mit eisiger Kälte.
»Ist es gefällig?« sagte er, und öffnete eine Thür, die in einen jetzt leer stehenden düsteren Saal hineinführte. »Es ist allerdings schon etwas dunkel, aber zu dem, was wir zu reden haben, brauchen wir wohl kein Licht.«
Trautenau folgte ihm, und die Thür hinter sich zudrückend, fuhr der Major mit halblauter und jetzt vollkommen leidenschaftloser Stimme fort:
»Ich habe diesen Augenblick lange herbeigesehnt, denn von dem Moment an, wo ich entdeckte, welchen frechen Scherz Sie sich mit mir erlaubt, schwor ich es mir zu, daß unser erstes Begegnen auch unser letztes sein sollte. In Wiesbaden entschlüpften Sie mir freilich. – Sie wissen selber am Besten wie, jetzt hoffe ich aber, daß wir unser Geschäft mit einander erledigen, ehe wir uns trennen, denn ich möchte Ihnen doch gern eine Erläuterung dazu geben, was es heißt, »den Teufel an die Wand malen.«
»Ich sehe dieser Erläuterung mit großer Ruhe entgegen, Herr Major,« erwiderte Trautenau kalt. »Ich werde Ihnen dann auch beweisen können, daß ich Ihnen in Wiesbaden nicht »entschlüpft« bin, wie Sie sich auszudrücken belieben, sondern nur, um eine Frau von der teuflischen Tyrannei –«
»Halten Sie ein, mein Herr,« unterbrach ihn gebieterisch der Major, »wir wollen nicht mit Worten, sondern mit Waffen fechten. Heute Abend ist es freilich dafür zu dunkel – ich konnte leider nicht früher eintreffen, da der Zug entgleiste und ich das nächste Dampfboot benutzen mußte, um heute Abend noch den Ort hier zu erreichen. Da auch kein Zug vor morgen früh neun Uhr von hier wieder stromauf gehen kann, bleibt es sich gleich, und wir können das Tageslicht abwarten, um unsern – wie ich jetzt vermuthen muß – beiderseitigen Wunsch zu erfüllen. Sind Sie am anderen Ufer bekannt?«