Kreuz und Quer: Erster Band
Zweites Kapitel. Der Besuch.
Z w e i t e s K a p i t e l .
Der Besuch.
Am nächsten Morgen um elf Uhr saß Trautenau wieder an seiner Staffelei, aber er hatte das Bild, das er am vorigen Tag darauf gehabt, heruntergeworfen und die Leinwand zu einem neuen Gemälde aufgespannt. Mußte er Frank nicht Recht geben? – War es nicht Wahnsinn, da noch eine Hoffnung zu nähren, wo jede Aussicht schon in sich selber zusammenschwand? Ja, sah er auch nur selbst die Möglichkeit voraus, sich der Geliebten zu nahen? denn unter welchem Vorwand konnte er sich bei ihr melden lassen? – Als Retter in den Alpen? Wenn er die Sache ruhig überdachte, so war nicht mehr Gefahr dabei gewesen, als wenn er die fremde Dame über eine gewöhnliche Wiese hinüber geführt hätte – und gab ihm das überhaupt ein Recht sich bei ihr einzuführen? – Wahrlich nicht, ja er mußte erwarten, daß er als zudringlicher Fremder abgewiesen wurde; und eine solche Demüthigung wäre nur verdiente Strafe für seinen Uebermuth gewesen.
Was ging ihn des reichen Mannes Tochter an – sie war ihm so »unerreichbar wie die Sterne« und er mochte sich wohl an ihrem Glanz erfreuen, aber durfte auch weiter nicht die Hand nach ihr ausstrecken.
Er hatte sich heute Morgen eine recht prosaische Arbeit hervorgesucht. Es war das Portrait eines benachbarten Gewürzkrämers, der das Bild seiner neu verlobten Tochter als Hochzeitsgeschenk bestimmt hatte. Das Original erfreute sich dabei eines nicht allein alltäglichen, sondern sogar gemeinen Gesichts, mit einer rothen Nase und niederer, von struppigen Haaren eingedämmten Stirn, eines Paars dünner Lippen und sogar noch Blatternarben. Das war eine Physiognomie, wie der Maler sie jetzt brauchte, und er beschloß deshalb auch ganz besonderen Fleiß auf die mit großen unächten Steinen besetzte Tuchnadel, auf die goldene Kette und das gestickte Vorhemdchen zu wenden.
Aber die Staffelei stand so, daß er, wenn er nur zwei Schritte davon zurücktrat, gerade darüber hin den Kopf des teuflischen Majors erkennen konnte, der fast wie höhnisch, und jedenfalls mit einem ganz abscheulichen Ausdruck nach ihm herüber grinste, und der arme Gewürzkrämer kam dabei am Schlimmsten weg. Unwillkürlich arbeitete ihm Ernst mit ein paar Pinselstrichen auch im Gesicht herum, so daß er der Carrikatur dahinter täuschend ähnlich wurde.
Noch war er damit beschäftigt und schon auf dem besten Weg das vor ihm stehende Bild total zu verderben, als man plötzlich ziemlich herzhaft an die Thür pochte und Trautenau, der gerade wieder von seinem Portrait zurückgetreten war, um einen besseren Ueberblick zu gewinnen, sah, daß sich auf sein barsches »Herein« die Thür öffnete und ein Officier – sein eigenes Wandgemälde, wie es leibte und lebte, nur in etwas anderem Costüm, auf der Schwelle stand. –
»Habe ich das Vergnügen Herrn Portraitmaler Trautenau zu sprechen?« sagte der Fremde artig.
»Mein Name ist Trautenau,« erwiederte der junge Mann, in dem Moment doch etwas verlegen, denn er hatte keine Ahnung gehabt, daß sich das Original seines Teufels so bald einstellen würde.
»Mein Name ist von Reuhenfels,« erwiderte der Officier, – »Major, und Sie sind mir als ein so vortrefflicher Portraitmaler in der Stadt genannt, daß ich Sie ersuchen möchte, das Bild einer Dame in Lebensgröße zu übernehmen.«
»Einer Dame?« fragte Ernst, dem bei den Worten alles Blut in seinen Adern zum Herzen zurückströmte.
»Ja, mein Herr. Würden Sie vielleicht im Stande sein, ein solches Gemälde rasch in Angriff zu nehmen, und sobald als möglich fördern zu können? Es ist das Bild meiner Braut.«
Ernst wollte antworten, brachte jedoch kein Wort über die Lippen; die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Aber er fühlte auch, daß er, gerade vor diesem Menschen, nicht wie ein Schulknabe dastehen dürfe, und sich gewaltsam zusammenraffend, sagte er endlich:
»Ich denke wohl, Herr Major – wie heißt die Dame?«
»Fräulein Joulard – Sie werden sie wohl kaum kennen – Sie ist ein reizender Vorwurf für ein Bild – eine imposante, prachtvolle Gestalt – ein wahres Meisterstück der Schöpfung. Und wann können Sie damit beginnen? Meine Braut hat sich bereit erklärt, von morgen an dem Bild sitzen zu wollen, und zwar täglich eine Stunde von 12-1 Uhr, acht Tage lang. Wären Sie im Stande das Gemälde in der Zeit zu vollenden?«
»Zu untermalen jedenfalls; ich würde aber dann später noch um einige Sitzungen bitten müssen.«
»Hm, das wird schwer halten; sie hat einen kleinen Trotzkopf, so schön er ist, und wenn sie sich da einmal etwas hineinsetzt – alle Teufel,« unterbrach er sich aber plötzlich lachend, als sein im Atelier umherschweifender Blick auf das riesige diabolische Bild fiel – »Sie haben sich ja da im wahren Sinn des Wortes den Teufel an die Wand gemalt – famos – ganz ausgezeichnet – Hahahahaha.«
Trautenau fühlte wie er über und über roth im Gesicht wurde, und doch auch hatte die Sache wieder etwas unendlich Komisches, daß sich der Major über sein eigenes Bild amüsirte, ohne anscheinend eine Ahnung zu haben, daß es eben sein eigenes sein sollte.
»Verfluchte Idee,« lachte der Major aber noch immer weiter – »und ein Schurz von Wein- und Kartenblättern – famos allegorisch – ja wohl sind das die Attribute des Teufels, lieber Freund, und das Herz, das er mit den Krallen zerbricht, ergänzt die dritte Kraft im Bunde. Ganz ausgezeichnete Idee das – ganz ausgezeichnet. Sie haben Phantasie, mein junger Künstler, und der Teufel dort ist ein wahres Meisterstück.«
»Sie sind zu gütig, Herr Major,« entgegnete Trautenau, bei dem das Humoristische der Situation die Oberhand gewann, »also er gefällt Ihnen wirklich?«
»Ausgezeichnet, sage ich Ihnen – und die Epauletten – höhere Charge natürlich in seiner Beelzebubschen Majestät Armee; wundervoll! – Aber ich muß fort. Also bitte sich morgen früh um zwölf Uhr im Joulardschen Hôtel – wissen Sie wo Joulard wohnt?«
»Ja wohl.«
»Gut – also dort mit Allem was Sie brauchen, einzufinden. Ein kleines Atelier werden Sie auch da antreffen, indem die junge Dame selber viel Sinn für die Kunst hat, und auch zuweilen malt. Und dann noch eins – der Preis – ich glaube, daß Sie sich später darüber mit Herrn Joulard in für Sie sehr befriedigender Weise verständigen werden. Sie laufen dabei keine Gefahr. Also Sie kommen?«
»Ich werde mich pünktlich einfinden.«
»Und noch eine Bitte, bester Freund – könnten Sie nicht für mich eine kleine Skizze – und wenn es nur Aquarell ist – von diesem famosen Teufel machen – aber eine ganz treue Copie, wie? Sie würden mich unendlich verbinden.«
Trautenau sah ihn erstaunt an. War denn der Mann wirklich im Ernst und so ganz verblendet, daß er nicht einmal sein eigenes Portrait erkannte? Aber unwillkürlich lachte er doch auch über die merkwürdige Bitte desselben, und in einem Anfall von wildem Humor rief er aus:
»Sie sollen eine Copie bekommen, Herr Major, verlassen Sie sich darauf – eine treue Copie – und vielleicht schon in nächster Zeit.«
»Sie sind unendlich liebenswürdig, Herr Trautenau,« versicherte der Officier – »also unser Geschäft wäre soweit abgemacht – habe die Ehre,« und militairisch grüßend verließ er das Zimmer, während Trautenau wie in einem wachen Traum mitten in dem kleinen Gemach stehen blieb und ihm nachstarrte.
Konnte denn das auch Wirklichkeit sein? Der Major – sein Major, den er dort als diabolisches Eigenthum an der Wand besaß, war zu ihm gekommen, hatte das Bild betrachtet und sich darüber gefreut, und ihn selber zu Clemence, zu der Geliebten bestellt, um diese zu malen, um ihr Stunden lang in die guten, seelenvollen Augen zu sehen und ihrer zauberholden Stimme zu lauschen? Er vermochte das Riesige des Gedankens und der Consequenzen noch nicht zu fassen, und starrte noch immer, wie in einer Verzückung nach der Thür, als sich diese wieder rasch öffnete und Frank eintrat.
»Weißt Du wer eben hier im Hause war?« – rief er – »ich begegnete ihm unten in der Thür« –
»Der Teufel!« sagte Ernst.
»Er war doch nicht bei Dir?« fragte Frank rasch.
»Allerdings, und hat sich eine Copie von dem Wandgemälde bestellt.«
»Du willst mich zum Besten haben.«
»Ja, mehr als das – ich soll Clemence malen.«
»Und dazu hat Dich der Major aufgefordert?«
»Allerdings.«
»Und er hat wirklich das Wandgemälde dort gesehen?«
»Gewiß hat er, und war entzückt davon.«
»Ohne die Aehnlichkeit zu bemerken?«
»Er hat sich wenigstens Nichts merken lassen, mich jedoch wahrhaftig um eine Copie gebeten, die ich ihm auch versprochen.«
»Du willst dem Major eine Copie von dem Teufel da machen?«
»Gewiß will ich – und weshalb nicht?«
»Nun, mir kann's recht sein,« sagte der junge Maler, »wenn es ihn eben freut. Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt, – und gute Freunde werden ihn schon darauf aufmerksam machen, – wird er wüthend werden.«
»Und was weiter?« fragte Ernst trotzig. »Wenn er glaubt, daß ich ihm auch nur den Raum eines Schrittes weiche, so irrt er sich gewaltig.«
Frank lachte. »Wenn ich nur in dem Moment, wo er hinter die Aehnlichkeit kommt, bei ihm sein könnte, – was für ein prachtvoll dummes Gesicht er dann machen wird. Aber zu solchen Aufführungen bekommt man nie ein Billet. Uebrigens kam ich eben her, um Dir zu sagen, daß ich mich selber noch gestern und heute nach dem Major erkundigt und allerdings alles Das bestätigt gehört habe, was Du über ihn gesagt. Er scheint selbst bei seinem Regiment sehr schlecht angeschrieben, obgleich die Officiere natürlich nichts Nachtheiliges über ihn äußern werden.«
»Siehst Du, daß ich recht hatte.«
»Aber das ändert deshalb an der Sache nichts. Du selber stehst dabei der jungen Dame so fern als je, und wenn Du wirklich aufgefordert bist, sie zu malen, Ernst, so weisest Du, wenn Du auf meinen Rath nur das geringste Gewicht legst, den Auftrag rund ab.«
»Ich habe schon zugesagt.«
»Eine Ausrede läßt sich finden. Du brauchst den Verdienst auch nicht so nothwendig, denn was Du zum Leben bedarfst, werfen Dir eben so leicht andere Arbeiten ab.«
»Und sogar ihrem Begegnen soll ich feige ausweichen?« fragte Ernst trotzig, – »glaubst Du, daß ich mich vor der Dame fürchte?«
»Ich fürchte nur, daß Du einen dummen Streich machst, und um Dir die Folgen desselben zu ersparen, habe ich Dich gebeten, ihr auszuweichen.«
»Ich bin kein Kind mehr.«
»Nein, Du wärst alt genug, um selber zu wissen, was Du zu thun hast, aber – nimm mir's nicht übel, Ernst, – schon diese tolle Liebe, oder vielmehr der Glaube, daß Du sie liebst, denn Du kannst dies nach einem so flüchtigen Begegnen noch gar nicht wissen, spricht für Dein – kindliches Gemüth. In Dir steckt weit mehr Romantik, als Dir gut und zuträglich ist, und ohne daß Du es selber merkst, geht Dir einmal das Herz mit dem Verstand durch und läßt Dich dann in irgend einer unangenehmen Situation rettungslos sitzen. Denk' an mich.«
»Du hättest Schulmeister werden sollen, Frank,« sagte Trautenau lächelnd, »denn Du sprichst wirklich wie ein Buch, und wenn ich Dich nicht so genau kennte, würde ich Dich jetzt für einen furchtbaren Philister halten.«
»Ich gestehe Dir zu, daß ich jetzt vernünftiger spreche, als ich gewöhnlich denke,« erwiderte Frank – »ich setze mich auch selbst in Erstaunen, aber sei überzeugt, daß es mir nicht an praktischem Sinn fehlt, und nur die Sorge, Dich in eine peinliche – und doppelt peinliche, weil selbstverschuldete Lage gebracht zu sehen, läßt mich so zu Dir reden. Malst Du das junge bildhübsche Mädchen, in das Du bis über die Ohren verliebt zu sein selbst eingestehst, so läuft die Sache auch nicht so glatt ab, und ich fürchte, Du – ruinirst Dir ein groß Stück Leinwand um gar Nichts.«
»Ich kann nicht mehr ablehnen, was ich einmal angenommen habe.«
»Bah, wenn Du ernstlich wolltest, wäre Nichts leichter als das. – Ich will Dir einen Vorschlag machen: Wir wollen tauschen – ich habe das lebensgroße Bild des Grafen Stirnheld zu malen bekommen, und zwar nur durch Protection, denn meinen bescheidenen Verdiensten kann ich das kaum zumessen. Uebernimm Du die Arbeit. Was wir für beide Bilder bekommen legen wir dann zusammen und theilen.«
»Du bist ein Thor – durch das Bild des Grafen erhältst Du, wenn es Dir gelingt, Zutritt in alle aristokratischen Cirkel der Stadt.«
»Ich möchte Dich aus Joulard's Haus entfernt halten.«
»Ich danke Dir, Frank,« rief Trautenau, indem er ihm die Hand reichte und die seine herzlich schüttelte – »ich wußte vorher, daß Du es wirklich gut mit mir meinst, und Du hast mir dadurch einen neuen Beweis Deiner Liebe und Treue gegeben, aber – es bleibt dabei. Ich male Clemence und werde Dir zeigen, daß ich kein kindischer Thor mehr bin, der irgend einen unüberlegten Streich ausführt, ohne die Folgen zu bedenken. Liebt Clemence wirklich den Major, gut, so habe ich kein Recht, zwischen ein paar Seelen zu treten, die sich einander angehören wollen.«
»Und wie willst Du erfahren, ob sie ihn oder ob sie ihn nicht liebt, wenn sie Dir täglich ein oder zwei Stunden, und dann doch auch jedenfalls in Gesellschaft irgend einer Begleiterin sitzt?«
»Das überlaß mir,« meinte Ernst, »die Liebe sieht scharf und einen Plan habe ich mir überhaupt nicht entworfen, kann es auch gar nicht. Der Augenblick muß das bestimmen, aber ich verspreche Dir, mein kaltes Blut zu wahren – mehr kann ich nicht thun.«
»Gut, Du willst einmal Deinem Kopf folgen, und und ich kann Dir da nicht weiter helfen. Aber was hast Du denn da für eine Carrikatur auf der Staffelei. Der alte Spießbürger sieht ja ebenfalls genau so aus wie Dein Teufel da an der Wand. Ist die Aehnlichkeit zufällig?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete Ernst, indem er die beiden Bilder mit einander verglich – »wahrhaftig Du hast Recht. Ich glaube aber fast, ich habe meinem wackeren Gewürzhändler da Unrecht gethan. Nun er kommt morgen Nachmittag zu mir, und da werde ich wohl wieder in seine normalen Züge hineinfallen. Heute mag er sich so behelfen. Was ich Dich noch fragen wollte: Kennst Du Clemencens Vater persönlich?«
»Den Herrn Joulard? vom Ansehen ja – weiter nicht. Vorhin begegnete er mir auf der Straße und rannte mich fast über den Haufen, so in Gedanken vertieft war er. Der hat immer den Kopf voll von Speculationen – eine reine Rechenmaschine.«
»Ich denke, er ist sehr reich. Speculirt er denn da noch immer?«
»Das können die Börsenleute ebensowenig lassen, wie wir das Malen; es ist ihre zweite Natur geworden, und ich glaube sie würden sich zu Tode langweilen wenn sie sich nicht alle Tage wenigstens einmal eine Stunde über das Fallen oder Steigen ihrer Papiere ängstigen müßten. Das läßt uns ruhiger, nicht wahr Ernst?«
»Du magst Recht haben – ich wenigstens kenne, außer einer Banknote, kein einziges Werthpapier von Angesicht zu Angesicht. Schadet auch Nichts. Mit dem Geld kommen die Sorgen, und so lange wir haben was wir brauchen, sind wir am zufriedensten.«
»Was willst Du aber mit dem Carton machen?«