Kreuz und Quer: Erster Band
Sechstes Kapitel. In Wiesbaden.
»Der glücklichste Gedanke, den Du fassen konntest!« rief Ernst erfreut aus – »ich warte auf Dich und wenn Du eine volle Woche brauchst, um fertig zu werden. Oder kann ich Dir vielleicht helfen? Mir geschieht ein Gefallen damit, denn selbstständig kann ich doch noch Nichts arbeiten und möchte nicht die Zeit über ganz müssig liegen.«
»Desto rascher werden wir fertig,« entgegnete Frank lachend, »also dankbar angenommen, und hier in Deinem alten Atelier wird es Dir doppelt heimisch sein.«
S e c h s t e s K a p i t e l .
In Wiesbaden.
Die beiden jungen Leute gingen jetzt, dabei mit einander plaudernd und erzählend, frisch an die Arbeit, um einige Kleinigkeiten, die Frank noch versprochen hatte abzuliefern, in den nächsten Tagen zu beenden. Das wurde auch rascher erledigt, als sie selber geglaubt, denn in der gemeinschaftlichen Thätigkeit flogen ihnen die Stunden nur so dahin. Am dritten Abend waren sie auch schon zur Abreise fertig gerüstet, und um auch keinen Moment mehr zu versäumen, benutzten sie selbst den Nachtzug, daß der sie dem flachen Lande entführe, und nur erst einmal hinein in die Berge bringe.
Am anderen Abend schon wanderten sie Arm in Arm den wunderbar schönen Rhein entlang, und das Herz floß ihnen in lautem Jubel und fröhlichem Gesang über. Giebt es ja doch nur einen einzigen solchen Strom in der ganzen weiten Welt, und wem das Herz an diesen Ufern nicht aufgeht und wärmer, freudiger schlägt bei den Wundern, die sich dort seinem Blick öffnen – ei, der mag ruhig fortgehen und sich in der lüneburger Haide oder im berliner Sande begraben lassen – auf Erden ist er doch zu Nichts mehr nütze.
Das war eine frohe, glückliche Zeit, die sie dort verlebten, und selbst Ernst, der sonst mehr zur Schwermuth neigte und sich nie wohler fühlte, als wenn er allein und einsam seine Bahn wandelte, lebte neu auf in der wunderbar schönen Natur und der Gesellschaft des stets fröhlichen und heiteren Frank.
Mit ihren Mappen wanderten sie von Bingen zuerst durch die Berge hinüber bis Bacharach, in dessen Nachbarschaft sie sich eine Zeitlang aufhielten, dann kreuzten sie hinüber nach dem Lurleifelsen und nach St. Goarshausen, bis sie sich in St. Goar eine Zeitlang festsetzten, und dann langsam sich wieder am rechten Rheinufer bis zu der reizenden Mündung der Lahn hinunterzogen. Es war ein vollkommen zielloses Umherstreifen, aber deshalb gerade so anziehend, weil es ihnen auch keine Stunde im Tag einen Zwang auferlegte, und ihre Mappen und Skizzenbücher bereicherten sie dabei ungemein.
So hatten sie vier volle Wochen glücklich verlebt, als Frank zuerst an den Heimweg dachte, da er nach M– zurückkehren mußte, um einige versprochene Arbeiten in Angriff zu nehmen. Trautenau beabsichtigte noch nach Köln hinunter zu gehen und sich dort einige Zeit aufzuhalten. Er wollte sich aber wenigstens nicht so lange von dem Freund trennen, als dieser noch den Rhein bereiste und beschloß, ihn deshalb bis Mainz oder Castell zu begleiten und dann die schöne Fahrt wieder stromab bis Köln zu machen.
Aber auch diese Rückfahrt übereilten sie nicht, denn auf eine Woche kam es dabei nicht an, und manchen hübschen Punkt, den sie auf der Niederfahrt übergangen, berührten sie jetzt und holten das damals Versäumte ein.
So kamen sie auch nach Bieberich, und Frank, der noch nie eine Spielbank gesehen hatte, zeigte Lust einmal auf ein paar Stunden nach Wiesbaden hinüber zu fahren. Ernst natürlich schloß sich ihm an und da der Abend schon dämmerte, beschlossen sie, die Nacht dort zu bleiben und dann mit dem Frühzug, der Eine wieder in das innere Land zurück zu kehren, der Andere seine Reise nach Köln fortzusetzen.
Das war ein reges Leben in dem Ort, denn Wiesbaden kann wohl als das Paradies der Spielhöllen betrachtet werden. Die Promenaden waren dicht gedrängt voll geputzter Menschen und in den prachtvollen Spielsalons preßte sich um die grünen Tische Kopf an Kopf, so daß man nicht einmal in ihre Nähe gelangen konnte.
Allerdings standen dort auch eine Menge von Neugierigen umher, die nur eben sehen wollten was gesetzt wurde und wer es gewann. Die Meisten ließen sich aber doch – hier und da durch einen augenblicklichen Erfolg einzelner Spieler angelockt – verleiten, kleine Summen da oder dorthin zu setzen und erst wenn die erbarmungslosen Krücken der Croupiers das Geld, das sie vielleicht Gott weiß wie nothwendig für sich und ihre Familien gebraucht hätten, einstrichen, zogen sie sich leise und beschämt zurück und suchten sich unter die Menge zu verlieren. Aber Niemand achtete auf sie; das waren ja doch nur Eintagsfliegen, Motten, die um das Licht flatterten und sobald sie sich einmal die Flügel leicht versengt, untauglich für weiteren Gebrauch wurden.
Die hartnäckigeren Spieler, Stammgäste, wie man sie nennen könnte, hatten ihren Platz am Tische selbst, auf weich gepolsterten Stühlen, mit kleinen Täfelchen neben sich, auf denen sie die verschiedenen Chancen des Spiels notirten und sich dabei so gleichgültig als irgend möglich gegen Gewinn oder Verlust zu zeigen suchten.
Die beiden jungen Leute verstanden das Spiel gar nicht, und sie dachten noch weniger daran, »ihr Glück« zu versuchen, wie man das gewöhnlich nennt, wie es aber besser heißen sollte »ihr Geld dem grünen Tisch zu opfern.« Nur beobachten wollten sie, und dazu bekamen sie vortreffliche Gelegenheit in den verschiedenen Physiognomien der bei dem Spiel interessirten Menschen.
Wie sie noch so langsam, bald hier, bald dort umherschlenderten und sich leise ihre Bemerkungen mittheilten, fiel plötzlich in einem der anderen Säle ein Schuß, und was nicht unmittelbar an dem nächsten Tisch interessirt war, zog sich augenblicklich davon zurück, um zu sehen, was vorgegangen sei. Es kommt ja allerdings gar nicht so selten vor, daß ein armer Commis, der Geld für seinen Principal eincassirt, und hier in wenigen Stunden – vielleicht Minuten, Alles verloren hat, mit einer Kugel oder auf sonstiger Weise seinem Leben ein Ende macht. Aber es geschieht doch nicht oft, daß er einen solchen verzweifelten Entschluß gleich an Ort und Stelle ausführt, und ist sicher für die Bankhalter immer ein sehr unangenehmer Fall, da nachher zu viel darüber gesprochen und geschrieben wird.
Um so mehr wollten die Meisten aber auch Zeugen einer solchen Scene sein, und nur die wirklichen und leidenschaftlichen Spieler berührte es nicht. Was war es auch – ein werthloses Menschenleben, was hier eben, inmitten von Pracht und Haufen Goldes, geendet hatte – ein ekelhafter, unangenehmer Leichnam, den die Aufwärter nun so rasch als möglich entfernen, und das Blut vom Parket wegwaschen mußten. In zehn Minuten konnte das Alles beseitigt sein und es dauerte wirklich kaum so lange.
Die beiden jungen Freunde zogen sich ebenfalls und unwillkürlich jener Stelle zu, wo wieder einmal dieser »Fluch des Rheins«, das höllische Spiel, ein Opfer gefordert hatte. Aber es war nicht möglich rasch dahin zu gelangen, denn durch die von den Tischen plötzlich zurückpressenden Leute wurde der Raum für kurze Zeit vollkommen angefüllt. Langsam rückten sie aber trotzdem am Tische hin und wollten eben links abbiegen um eine freiere Stelle zu gewinnen, als Frank plötzlich seinen Arm fast krampfhaft festgehalten fühlte, und als er sich erstaunt nach der Seite umdrehte, sah er des Freundes Augen, dessen Antlitz aschenbleich geworden war, an einem Punkt des noch immer besetzten Tisches haften.
Da er gar nicht wußte, was er aus dem Benehmen Trautenau's machen sollte, folgte er seinem Blick, konnte aber nicht das geringste Auffällige entdecken. An dem Tische saßen die gewöhnlichen Gestalten, Herren und »Damen« – wenigstens elegant angezogene Frauenzimmer, sehr decolletirt und in oft höchst unnöthigem Putz für diese Gesellschaft, dabei meist ältliche Herren mit verlebten, aber leidenschaftlich erregten Gesichtern, mit aufgestellten Rollen von Gold und Silber vor sich, von denen sie dann und wann kleine Haufen, ohne sie zu zählen und nur nach dem Gefühl herunternahmen und auf irgend einen Punkt setzten, oder auch gewonnene Summen wieder sorgfältig neben die anderen häuften. Diese Leute hatte der Schuß im anderen Zimmer auch nicht gestört; was kümmerte sie irgend ein fremder, alberner Mensch, der nicht einmal Tact genug besaß, sein unbedeutendes Leben außerhalb der Spielsäle abzuschütteln. Es wäre nicht der Mühe werth gewesen, auch nur den Kopf nach ihm umzudrehen, viel weniger das »jeu« seinethalben zu vernachlässigen.
»Aber was hast Du nur?« flüsterte Frank jetzt dem Freund zu, »Du drückst mir ja blaue Flecke in den Arm.«
»Kennst Du den Herrn, der dort unten an dem Tisch sitzt, gleich hinter jener Dame, die den Kopf von uns abdreht?«
»Hinter jener Dame im weißen Kleid?«
»Ja.«
»Nein, den kenne ich nicht – kann mich wenigstens nicht auf das Gesicht besinnen.«
»Und hast es in Deinem eigenen Arbeitszimmer an der Wand?«
»Der Major? Unsinn – Du träumst.«
»Lehre mich das Gesicht kennen, das ich unzählige Male gezeichnet habe – jeder Zug desselben steht mir so fest im Gedächtniß, daß ich es mit geschlossenen Augen mit Kohle an die Wand malen könnte. Er ist es, beim ewigen Gott.«
»Und jene Dame?«
»Das kann nicht Clemence sein, es ist nicht möglich. Sie würde sich doch nicht zwischen diese Gesellschaft an den grünen Tisch setzen. Nein, sie scheint zu dem jungen Herrn zu gehören, der hinter ihrem Stuhl steht und fortwährend mit ihr flüstert. Beide pointiren wahrscheinlich zusammen.«
»Du mußt Dich irren, Ernst.«
»Glaube mir, eine Täuschung ist dieser Gestalt gegenüber nicht möglich. Ich habe mir nicht den Teufel an die Wand gemalt, daß ich ihn nicht wiedererkennen sollte, wo auch immer. Findest Du ihn denn noch nicht in den Zügen?«
»Er hat allerdings Aehnlichkeit mit dem Major,« sagte Frank, der ihn indessen aufmerksamer betrachtet hatte. »Er trägt nur den Bart ganz anders als früher und mehr in französischer Art; ich habe ihn auch anfangs für einen Franzosen gehalten. Du könntest wirklich Recht haben – doch was liegt daran. Er ist wahrscheinlich mit anderem Gesindel von Frankreich herüber gekommen und treibt sich hier eine Zeitlang in den Bädern herum. Laß ihn und komm – was interessirt uns der Mensch.«
»Wenn ich nur wenigstens einmal das Profil der Dame, die neben ihm sitzt, sehen könnte,« entgegnete Ernst, der noch immer zögerte, dem Freund zu folgen.
»So laß uns an die andere Seite hinüber gehen.«
»Ich möchte nicht von ihnen gesehen werden – wenigstens jetzt noch nicht – nicht bis ich mich näher überzeugt habe.«
Das Publikum fing schon wieder an zu dem Tisch zurückzukehren, so rasch hatte man da drüben, in dem anderen Zimmer, den Leichnam wie die letzten Spuren der fatalen Angelegenheit beseitigt. Das Spiel durfte unter keiner Bedingung gestört werden. Kein Mensch sprach mehr über den Selbstmord des Unglücklichen, wie denn überhaupt eine laute Unterhaltung im Heiligthum der grünen Tische gar nicht mehr geduldet wurde. Alles verkehrte in Flüstern mit einander.
Dadurch gruppirten sich die Zuschauer wieder fester um die eigentlichen Spieler, und Trautenau wie Frank konnten auch, unter deren Schutz, etwas näher an den entdeckten Major hinanrücken. Uebrigens war kaum Gefahr da, daß er sie bemerken würde, denn seine Augen wanderten für keinen Moment von dem Tisch selbst und dem darauf stehenden Golde ab. Was kümmert sich der Spieler um die Zuschauer.
Frank verstand allerdings das Spiel gar nicht, Trautenau dagegen hatte auf seinen verschiedenen Reisen schon öfter Gelegenheit gehabt es zu beobachten und zu verfolgen, und es konnte ihm bald nicht mehr entgehen, daß der Major ziemlich hoch und zwar nach einem bestimmten Plan spiele, während die Dame an seiner Seite, die aber noch immer den Kopf abgedreht hielt, bald da, bald dort pointirte und den hinter ihr stehenden jungen Mann dabei oft um Rath frug. Die Gestalt konnte aber nicht die Clemences sein. Sie schien allerdings von hoher, stattlicher Figur, kam Ernst aber weit stärker vor, als Clemence gewesen – auch die Contur der Wangen war voller als er sie gekannt. Nur das Haar glich dem ihrigen vollkommen und man hätte kaum glauben sollen, daß zwei Personen eine so ähnliche und wahrhaft prachtvolle Lockenfülle haben könnten. Aber sie war es trotzdem nicht; es ließ sich ja auch nicht denken, daß Clemence, das stolze, schöne Mädchen, so weit gesunken sein könne, um hier am grünen Tisch –
In dem Moment drehte sie den Kopf zur Seite – der bis jetzt hinter ihr stehende junge Herr hatte sie einen Augenblick verlassen, um zu einem anderen Spieler hinüber zu treten. Sie schien ihn zu suchen und ihr Blick streifte selbst Trautenau's Gestalt – wenn auch vollkommen gleichgültig, denn er trug nicht die bestimmten Formen, denen sie folgte.
»Beim ewigen Gott, sie ist es,« stöhnte da Ernst, indem er scheu und erschrocken einen Schritt zurücktrat – »Clemence!«
»Wahrhaftig? das ist allerdings merkwürdig,« sagte Frank, »und hier der Tisch wäre der letzte, hinter dem ich sie gesucht hätte. Sie scheint aber stärker geworden zu sein. Ah, da tritt auch ihr Courmacher wieder hinter ihren Stuhl. – Komm Ernst; ich glaube, wir haben genug gesehen, um nicht nach Weiterem zu verlangen. Die Dame scheint sich in ihrem neuem Beruf außerordentlich wohl zu fühlen.«
Trautenau erwiederte kein Wort; es schnürte ihm das Herz zusammen, der Athem wurde ihm schwer, und er drängte selber jetzt hinaus in's Freie, weil er den Anblick nicht länger ertragen konnte.
Das Interesse für die früher Geliebte war aber doch zu frisch und gewaltig geweckt worden, um es so rasch wieder abschütteln zu können, und da selbst Frank neugierig geworden war, zu erfahren, unter welchen Verhältnissen sich die beiden Gatten hier aufhielten, so ließen sie sich, in ihrem Hôtel angelangt, vor allen Dingen die Kurliste geben, um dort die Namen aufzusuchen und dadurch ihren Wohnort herauszubekommen.
Es dauerte allerdings einige Zeit, bis sie das alphabetisch geordnete und etwas voluminöse Actenstück durchstudirt hatten, aber den Namen Reuhenfels fanden sie nirgends angegeben – nicht in der alphabetischen Ordnung, nicht unter den einzelnen Hôtels. War er etwa hier in Wiesbaden ansässig? dann kam er allerdings nicht in die Kurliste. Aber auch im Adreßbuch stand er nicht. Da fiel, als Trautenau noch einmal die Kurliste aufschlug, sein Auge zufällig auf den Namen »Zu Berg« – Reuhenfels hatte ja – soviel erinnerte er sich, den Namen »zu Berg« bei dem eigenen. – Das mußte er jedenfalls sein und als Wohnung des »Baron und Gemahlin nebst Bedienung« war Hôtel Kompelt angegeben.
Also er reiste, wenn auch nicht unter falschem, doch jedenfalls verstellten Namen, und das schien erklärlich, denn er mochte Ursache haben, sich der Vergangenheit zu schämen. Auch der verschnittene Bart sprach dafür, der ihn allerdings so entstellte, daß ihn selbst Frank niemals unter demselben aufgefunden hätte.
Die beiden jungen Leute waren aber doch neugierig geworden, etwas mehr von den alten Bekannten zu hören. Besonders Frank, der recht gut wußte, daß man sich dafür in M– außerordentlich interessiren würde – und beschlossen deßhalb jedenfalls noch bis zum nächsten Mittag in Wiesbaden zu bleiben und Nachforschungen anzustellen, denn heute Abend war es dazu allerdings zu spät geworden.
Ernst aber konnte Clemences Bild, wie er sie an dem Spieltisch gesehen, nicht wieder aus dem Gedächtniß bringen. Wie hatten sie die wenigen Jahre verändert – wie gänzlich umgestaltet. Vermögenlos konnte sie allerdings nicht sein, denn sie prangte noch immer im höchsten Staat – aber wohin war der gute, liebe Ausdruck in ihren Zügen gekommen? wohin jene schüchterne Jungfräulichkeit, die er sonst darin zu finden geglaubt. Sie war wohl noch schön – oh so wunderbar schön wie je; aber mochte die Umgebung dabei die Schuld tragen, genug ihm machte es den Eindruck, als ob sie jene holde Weiblichkeit verloren habe, die gerade so bezaubernd auf das Männerherz wirkt und es fesselt. Auch ihr Blick, wenn sie ihn im Saal umherwarf, schien weit mehr keck und herausfordernd gewesen zu sein als er es gewünscht, und an dem Spieltisch sich wie zu Hause zu fühlen. Ja, er erinnerte sich jetzt sogar, daß sie eine kleine Geldkrücke in der Hand geführt und ein Blatt zum Controliren des Spiels neben sich gehabt, – ganz wie es alte Spieler gewöhnlich thun. Sie konnte doch nicht in den wenigen Jahren schon so tief gesunken sein.
Wie ihn die Gedanken quälten – und er grübelte und sorgte sich darüber, bis endlich die Müdigkeit seine Augen schloß.
Am andern Morgen war Ernst früh auf. In einem Badeort giebt es überhaupt wenig Langschläfer, denn schon die Kur erfordert viel Bewegung und die Damen wissen, daß sie in ihrem einfachen Morgenanzug oft ebenso hübsch, gewöhnlich aber in Wirklichkeit noch viel hübscher aussehen, als Nachmittags in allem Glanz einer Gesellschaftstoilette. Vor dem Kurhaus um den blitzenden Teich herum, in dem die Fontainen sprangen, ergingen sich denn auch schon eine Menge Damen, die, ihr Glas in der Hand, gewissenhaft ihre Promenade machten und dabei gar nicht so aussahen, als ob sie irgend wie nöthig hätten, ihrer Gesundheit wegen solch nichtswürdiges Wasser zu trinken. Aber die Form mußte beobachtet werden. Wenn sie auch nur ihres Vergnügens wegen, unter dem Vorwand von Nervenleiden, hierhergekommen waren und das eigentlich blos den Zweck hatte, eine reiche, dazu besonders angefertigte Garderobe zur Schau zu tragen, so durften sie sich doch der Kur nicht entziehen. Es hätte sonst der schmerzliche Fall eintreten können, daß ihnen der Gatte in der nächsten Saison die nothwendigen Reisespesen vorenthielt, und der Gedanke schon war furchtbar. Nein, da lieber Brunnen trinken.
Frank war zu Hause geblieben, um ein paar nothwendige Briefe zu schreiben, die, bei jetzt fest bestimmter Abreise seine Rückkunft daheim anzeigen sollten. Ernst dagegen machte vor allen Dingen einen Spaziergang nach dem Kurhaus, um dort erst einmal zu sehen, ob er Clemence nicht wieder begegnen könne. Die Musik spielte eben den unvermeidlichen Choral, um unmittelbar von demselben auf einen lustigen Schottischen überzuspringen; aber er suchte unter den dort auf und ab wandelnden Badegästen nach den lieben, bekannten Zügen der jungen Frau vergebens. Er konnte sie nirgends bemerken. Es gab allerdings in Wiesbaden auch noch andere Stellen, wo Brunnen getrunken, und zahllose, wo gebadet wurde, – möglicher Weise, daß sie sich dort irgendwo befand, aber dort hinaus konnte er sie in jeder Straße verfehlen, und er beschloß deshalb, ohne Weiteres in das von der Kurliste bezeichnete Hôtel zu gehen, um da womöglich einiges Nähere über das Ehepaar zu erfahren.
Clemence befand sich übrigens diesen Morgen nicht in dem gewöhnlichen Gedräng der Kurgäste, weder hier noch in einem anderen Theil der Stadt, sondern schritt nicht weit von der Stelle, wo das Grabmal der verstorbenen Herzogin steht, am Arm eines jungen, sehr elegant gekleideten Herrn – desselben, der gestern Abend hinter ihrem Stuhl am Spieltisch gestanden, – langsam durch das Gehölz. Beide schienen auch in ernster und eifriger Unterhaltung begriffen, in welche sie aber doch nicht genug vertieft waren, um nicht dann und wann wie scheu den Blick nach rechts und links zu werfen, als ob sie fürchteten beobachtet zu werden.
»Ich halte es beim Himmel nicht mehr aus, Armand,« sagte da die junge Frau. – »Er wird mit jedem Tage roher und unerträglicher – ein wahrer Teufel. Ach, jener Maler hatte Recht, der ihn in der Gestalt mit auf mein Bild brachte.«
»Nur noch eine kurze Zeit, Clemence, um meinetwillen,« bat da Armand. »Du weißt ja, daß ich meine Schwester hier nicht verlassen kann, und in acht Tagen spätestens, vielleicht schon früher, kommt ihr Gatte zurück. Dann sinnen wir auf Mittel und Wege, wie wir unsere Flucht bewerkstelligen.«
»Dann ist es zu spät,« sagte Clemence düster, »denn gestern Abend noch hat er mir erklärt, daß wir in den nächsten Tagen Wiesbaden verlassen werden.«
»Und wohin will er sich wenden?«
»Er weiß es noch nicht, oder würde es mir auch nie sagen, weil er unser Einverständniß ahnt, oder doch wenigstens Verdacht geschöpft hat. Er scheint auch nur von hier fortzugehen, um uns zu trennen.«
»So bald schon,« rief Armand erschreckt aus – »oh, ich kann Dich nicht verlieren, Clemence, ich würde elend mein ganzes Leben werden.«
»Aber, was läßt sich, was kann ich thun, um es zu verhindern? Ach, Alles Dir zu Liebe, Armand, sag' mir nur wie?«
»Du kannst mir schreiben wohin Ihr Euch gewandt, und ich folge Dir dann in wenigen Tagen nach.«
»Ich fürchte, ich fürchte,« stöhnte die arme Frau, »daß er beabsichtigt, mich weit hinweg zu führen. Irgend ein Vergehen muß ihn drücken – irgend etwas muß in der letzten Zeit geschehen sein, wovon ich keine Ahnung habe, denn verschiedene Anzeigen sprechen dafür. Nicht umsonst trägt er seinen Bart jetzt so, daß er ein ganz anderes Aussehen gewonnen hat. Dann fährt er oft, mitten in der Nacht, von schweren Träumen geschreckt, empor. Auch ein Revolver liegt fortwährend über seinem Kopfkissen, geladen im Bett, als ob er fürchte überfallen zu werden. Irgend etwas ist jedenfalls geschehen und er hat auch seitdem nirgends Ruhe mehr. Kaum sind wir acht Tage in einem Ort, so treibt es ihn wieder hinweg und in der letzten Zeit sprach er sogar manchmal von England und Amerika. Wenn er mich dort hinüber führt, bleibt mir ja Nichts übrig, als meinem elenden Leben in den Wellen ein Ende zu machen.«
»Clemence,« bat sie Armand.
»Wahrlich Armand, ich thäte es,« rief die junge leidenschaftliche Frau – »aber noch ist es nicht nöthig – noch bleibt mir ein Ausweg, wenn ich mich fest auf Dich verlassen kann.«
»Und zweifelst Du daran, Clemence?«
»Nein – dann bestimme mir nur einen Ort, wo ich Dich erwarten kann und ich reise morgen früh allein dahin ab. Ich gehe ja jeden Morgen, wie Kuno glaubt, zum Brunnentrinken. Die Bahn führt mich rasch fort von hier und dann –«
»Aber auf wen anders fiele dann sein Verdacht, als auf mich?« rief Armand, »und er würde mich nicht mehr aus den Augen lassen. Wie kannst Du auch allein reisen – es geht nicht.«
»Glaubst Du, daß ich mich fürchte?«
»Nein, aber die Spur einer einzelnen Dame, die überall auffällt, ist leicht verfolgt und wie gesagt, er hat hier so viele Späher, daß er mich augenblicklich würde beobachten lassen, und folgte ich Dir dann, so wäre unsere Flucht verrathen. Hast Du denn Niemanden hier, den Du genauer kennst – dem Du Dich anvertrauen könntest, um Reuhenfels wenigstens auf eine falsche Spur zu bringen? – Wir müssen sicher gehen oder Alles ist verloren!«
»Ich habe Niemanden,« sagte Clemence eintönig, »Niemanden, als jene frechen Spielgenossen Kuno's, die wohl zu einem Abenteuer geneigt wären, aber niemals einer armen unglücklichen Frau Schutz verleihen würden. Du kennst sie ja selber.«
»So will ich sehen, daß ich Jemanden finde,« sagte Armand nach einer kurzen Pause – »es muß sein – es muß, denn ich selber ertrüge dieses Leben nicht, wenn ich Dich in der Gewalt jenes Elenden länger wissen sollte.«
»Aber die Zeit drängt – denke Dir Armand, daß es vielleicht schon morgen zu spät ist.«
»Wo kann ich Dich heute Abend noch einen Augenblick sprechen?«
»An der zweiten Urne, wo wir uns im vorigen Jahr zum ersten Mal trafen,« sagte Clemence nach kurzem Bedenken – »wenn Kuno heute Abend in das Kurhaus geht, werde ich unter irgend einem Vorwand zurückbleiben. Es wird ihm nicht auffallen, denn ich habe es schon öfters gethan, weil mir der zu lange Aufenthalt unter den Gasflammen häufig Kopfschmerzen macht. Ich folge ihm dann gewöhnlich um acht Uhr – Du aber darfst im Saale nicht fehlen – halb acht Uhr nur suche einen Augenblick abzukommen; pünktlich zu der Zeit bin ich an der Urne, und werde auch heute Abend noch Alles packen, um jeden Augenblick bereit zu sein.«
»Ich danke es Dir mein ganzes Leben, Clemence,« sagte Armand herzlich – »doch noch eine Frage. Hast Du lange Nichts von Deinem Vater gehört? Zu ihm müssen wir, damit er das Band, das Dich an den rohen Burschen knüpft, wieder löse. Du sagtest mir ja selber, daß er mit Reuhenfels gebrochen habe.«
»Ja, sie haben sich, so eng sie früher auch befreundet schienen, veruneinigt. Was da vorgefallen ist, weiß ich nicht, aber harte Worte fielen zwischen Beiden, und ich durfte, als wir fortreisten, nicht einmal von dem Vater Abschied nehmen. Neuerdings schien sich wieder ein Verständniß anzubahnen. Wir waren bei ihm in Paris und Reuhenfels verkehrte viel geheim mit ihm, bis mein Vater eines Tages, ohne mir selber vorher ein Wort davon zu sagen, eine Reise machte. Er sandte mir nur durch Reuhenfels Botschaft, daß er vielleicht acht oder vierzehn Tage könne ferngehalten werden, und da mein Mann nicht so lange warten wollte, fuhren wir an den Rhein in die Bäder – zuerst nach Ems, dann nach Baden-Baden, jetzt hierher.«
»Aber Dein Vater ist jetzt doch jedenfalls wieder in Paris?«
»Ich weiß es nicht – ich habe seit der Zeit keine Nachricht bekommen, obgleich ich selber dreimal an ihn schrieb. Wir wechselten aber den Aufenthaltsort zu rasch, und ein Brief kann recht gut verloren gegangen sein. Ha! dort kommen Leute – verlaß mich jetzt Armand, wir dürfen nicht zusammen gesehen werden.«
»Also heute Abend halb acht Uhr.«
»An der zweiten Urne – oh, wenn der morgende Tag nur erst vorüber wäre,« seufzte sie.
Armand hatte sie an sich gezogen und drückte einen Kuß auf ihre bleiche Wange, aber sie entwand sich ihm rasch und eilte den Pfad entlang, während Armand in die nächsten Büsche glitt, und von dort ab einen andern Weg erreichte, auf dem er allein in die Stadt zurückkehren konnte.
In derselben Zeit, oder etwas später, suchte Trautenau das Hôtel Kompelt auf. Er konnte ja dort eine Tasse Caffee trinken und die Zeitung lesen, dabei gab es dann vielleicht eine Gelegenheit, um mit einem der Kellner ein Gespräch anzuknüpfen. Waren doch die untern Räume des Hôtels um diese Tageszeit fast immer menschenleer.
Der Oberkellner, der am Fenster stand und mit Nichts in Gottes Welt zu thun, hinaus auf die Straße sah, ging auch willig auf eine Unterhaltung mit dem einzelnen Gast ein. Irgend etwas, um die Zeit todt zu schlagen, schien ihm selber erwünscht. Trautenau steuerte indessen nicht direct auf sein Ziel los, sondern erkundigte sich erst nach der Saison im Allgemeinen, frug dann ob das Hôtel voll besetzt wäre, und blätterte in der Kurliste die Namen der dafür verzeichneten Gäste auf.
»Ah, zu Berg,« sagte er plötzlich – »die Familie ist mir bekannt, ich möchte wohl wissen, welcher Zweig derselben es ist. Können Sie mir darüber Auskunft geben, Herr Oberkellner?«
»Ein Herr und eine Dame« sagte dieser, »mit Kammerfrau – einer ganz allerliebsten kleinen Französin – zum Anbeißen sage ich Ihnen.«
»Noch jung?«
»Kaum achtzehn Jahr höchstens.«
»Nein, ich meine das Ehepaar.«
»Ach so, ich dachte, Sie frügen nach der Kammerfrau. Nun der Herr mag etwa in den vierzigern sein. Die Dame – auch eine sehr schöne, vornehm aussehende Frau, kann höchstens zweiundzwanzig sein. – Aber eine unglückliche Ehe.«
»Wirklich?«
»Ewig Streit und Skandal, wenn sie zu Hause sind. Der Herr Gemahl scheint etwas eifersüchtiger Natur, und hat auch vielleicht Ursache. Lieber Gott, in Badeorten fällt ja so Manches vor, und man darf sich eigentlich gar nicht darum bekümmern.«
Der Kellner wurde abgerufen und Trautenau blieb in tiefes Nachdenken versenkt, allein zurück. Still nickte er dabei vor sich hin mit dem Kopf – waren ihm doch nur eben seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden – Arme Clemence! Wie Recht hatte er gehabt, als er sie vor dem Menschen warnte, aber sie wollte ja nicht hören, und jetzt war sie vielleicht unglücklich für ihr ganzes Leben lang. Aber was konnte er dabei thun? Ihm stand kein Recht zu, sich in die Familienangelegenheiten ihm völlig fremder Menschen zu mischen. Daß er sie geliebt – daß er sie noch liebte? wie kam das in Betracht. Er stand auf – was sollte er auch länger hier in Wiesbaden, wo ihn nur der Schmerz, die Theilnahme um die Verlorene jede Stunde verbittert hätte. Er wollte noch an dem Mittag fort. Es war das Beste was er thun konnte.
Mit diesem Entschluß nahm er seinen Hut, und trat in die Thür, als er heftige Stimmen auf dem Vorsaal hörte. Es war ein Herr und eine Dame, die sich auf eine sehr lebhafte Art in französischer Sprache mit einander unterhielten, und er verstand eben nur noch die letzten Worte der Dame, die deutlich sagte:
»Du bist wie ein Thier, und ich schwöre es Dir zu, daß ich von diesem Augenblick an –« Sie schwieg plötzlich, denn sie gewahrte den Fremden. – Es war Clemence und zwar mit zornesbleichem Gesicht, das aber rasch Farbe bekam, als ihr Blick auf den, im Moment erkannten jungen Maler fiel.
Ernst konnte nicht gut umkehren, und obgleich er es lieber vermieden hätte, Clemence zu begegnen, blieb ihm doch jetzt keine andere Wahl, als eben gerade aus, und an den beiden Gatten vorüber zu gehen. Er mußte sogar grüßen, denn der jungen Frau Blick haftete starr, ja fast wie ersteckt auf ihm. Er zog den Hut. Auch der Major schien ihn wieder erkannt zu haben, wenn er sich auch vielleicht nicht gleich genau auf ihn besinnen mochte. Nur unwillkürlich griff er ebenfalls nach seinem Hut, sah sich noch einmal nach ihm um und sprang dann rasch die Stufen der Treppe hinauf, der Dame voran.
Clemence folgte ihm, aber auch sie warf noch einmal den Blick nach ihm zurück. Sie stieg auch die Stufen langsam hinauf und Trautenau sah, daß sie dabei den einen Handschuh auszog. Jetzt blieb sie stehen und wieder drehte sie den Kopf, und als sie fand, daß Trautenau's Blick noch immer, wie gebannt, an ihr haftete, bemerkte der junge Maler, daß etwas Weißes, an ihrem Kleid nieder, auf die Stufen fiel, wo es liegen blieb. Aber sie bückte sich nicht danach, und folgte jetzt, rascher als vorher dem Gatten.
Was war das? – ein Zeichen für ihn? Trautenau konnte es sich nicht erklären, denn schien es denkbar, daß Clemence Joulard ihm ein solches hinterlassen würde? Aber er wußte wenigstens daß dort etwas liegen geblieben war. Vielleicht hatte sie irgend etwas nur zufällig verloren, und er konnte es ihr dann durch den Kellner hinauf schicken.
Der Major wie Clemence waren schon oben im Gang verschwunden, und mit wenigen Sätzen sprang Ernst die Stufen hinauf und fand dort einen weißen, noch warmen Handschuh – mit einer Visitenkarte darin, auf welcher, in kaum lesbar feiner Schrift der Name Clemence zu Berg née de Joulard stand. Aber sonderbar – die Karte war oben am Rand sechsmal eingerissen.
Unten trat der Kellner in die Thür, Ernst barg seine Beute rasch in der Hand und wollte das Hôtel verlassen, denn zuerst mußte er mit Frank sprechen, wie er hier zu handeln habe, das Alles war so rasch gekommen, daß er kaum einen Gedanken fassen konnte.
»Das waren sie,« flüsterte der Kellner, als er an ihm vorüberschritt, indem er mit dem Daumen über seine Schulter zeigte. »Famose Person, heh?« Damit blinzelte er den jungen Fremden verschmitzt an, drückte sich seine Serviette unter den Arm und verschwand damit in der Küche.
Ernst schritt rasch der eigenen Wohnung zu, aber er begegnete dem Freund schon unterwegs, der eben seine Briefe zur Post gegeben hatte. Er nahm auch ohne Weiteres seinen Arm, und erzählte ihm, während er mit ihm die Straße hinabschritt, das Begebniß der letzten Stunde sowohl, wie das, was er von dem Kellner über die beiden Gatten gehört.
»Hm, zeig' mir einmal die Karte. Clemence de Joulard – eine kleine Eitelkeit – und sechs Risse darin.«
»Sie können zufällig hinein gekommen sein.«
»Sie können, ja – aber ich glaube es nicht. Frau von Reuhenfels sieht mir nicht so aus, als ob sie etwas zufällig thut.«
»Aber was können sie bedeuten?«
»Wenn irgend etwas, natürlich nur eine Zahl – also sechs, und das kann wieder nur sechs Uhr sein. Sie wünscht ein Rendezvous mit Dir.«
»Das ist nicht denkbar.«
»Bah, was ist bei einer jungen, intriguanten Frau nicht denkbar, noch dazu wenn sie einen Tyrannen zum Gemahl hat.«
»Die wenigen Jahre können sie nicht so verdorben haben, oder ihr Mann müßte mehr als ein Teufel sein.«
»Erstlich hast Du sie früher gar nicht so genau gekannt, und nur par distance angebetet, und dann weiß man auch in der That nicht, was Alles in der Zeit kann vorgefallen sein.«
»Vielleicht verlangt sie in irgend etwas meine Hülfe.«
»Höre Ernst, wenn Du meinem Rath folgst, so gehst Du der Dame entschieden aus dem Weg. Wir wissen jetzt, was wir von dem Paare wissen wollten, und wahrscheinlich auch Alles, was wir überhaupt erfahren werden. Hat sie Streitigkeit, oder lebt sie in Unfrieden mit ihrem Gatten, so kann und darf sich da natürlich kein Fremder hineinmischen – ich wenigstens möchte dafür danken. Und dann, was könntest Du ihr auch helfen? Also folge mir, alter Freund. Heute Nachmittag halb drei oder drei Uhr – ich weiß es nicht genau, gehen fast zu gleicher Zeit die beiden entgegengesetzten Züge nach Frankfurt und nach Köln ab. Ich werde jedenfalls den einen benutzen, setze Du Dich in den anderen, und laß die gnädige Frau nur ruhig allein ausessen, was sie sich dazumal eingebrockt.«
»Meine arme Clemence.«
»Werde nicht langweilig oder gar sentimental,« sagte Frank, »denn Du hast gar keine Ahnung davon, in welche höchst unangenehmen Verwickelungen Dich ein solcher Wahnsinn bringen könnte.«
»Und Du willst wirklich heute Mittag fort?«
»Ich muß jetzt. Ich habe meine Ankunft in M– fest auf übermorgen angezeigt und reichlich noch einen halben Tag, vielleicht sogar mehr, in Frankfurt zu thun. Ich kann nicht länger bleiben.«
Ernst schritt eine ganze Weile in tiefem Nachdenken neben dem Freund her. Er war unschlüssig, was er thun, wie er handeln solle. Seine Vernunft sagte ihm wohl, daß Frank vollkommen Recht habe, aber sein Herz drängte ihn doch immer wieder, der zu dienen, die lange Jahre hindurch nicht allein sein Ideal von Schönheit, sondern auch aller weiblichen Tugenden gewesen war. Er konnte sich den Glauben an sie wenigstens nicht so rasch erschüttern lassen.
»Und gehst Du heute mit dem Mittagszug nach Köln?«
»Ich weiß es nicht,« erwiederte Ernst zerstreut. »Ich weiß es wahrhaftig noch nicht, Frank.«
»Du irrst Dich, wenn Du glaubst, der Dame durch Dein Bleiben einen Gefallen zu erzeigen.«
»Ich werde ihr wahrscheinlich gar nicht wieder begegnen. Nur aus der Ferne möchte ich sie noch einen Tag beobachten. Ihr Benehmen dann soll nachher maßgebend für mich sein.«
»Ich will Dir etwas sagen, mein Junge,« bemerkte da Frank, »es ist ein ganz altes, ehrwürdiges Sprüchwort: Wer nicht hören will muß fühlen, und Du scheinst mir auf dem besten Weg dazu. Komm,« setzte er herzlich hinzu, »mach' den kleinen Umweg über Frankfurt und gehe mit mir. Ich gebe Dir mein Wort, ich lasse Dich hier nur mit recht schwerem Herzen zurück, und wollte zu Gott, wir hätten dies verdammte Wiesbaden im Leben nicht gesehen.«
»Ich bin ja doch kein Kind, Frank, daß ich tolle Streiche machen würde. Du darfst mir mehr zutrauen.« Frank seufzte, aber es ließ sich eben an der Sache nichts mehr ändern, Ernst mußte in der That wissen, was er selber zu thun hatte, und Beide schritten jetzt zu ihrer Wohnung zurück, um wenigstens die letzten Stunden noch zusammen zu verbringen. Frank redete dem Freund allerdings selbst noch auf dem kurzen Weg nach dem Bahnhof ernstlich zu, wenigstens das Haus des Herrn von Reuhenfels zu vermeiden und sich auf neutralem Boden zu halten. Ernst war aber recht einsylbig geworden, denn die bezeichnete Visitenkarte ging ihm im Kopf herum. Wenn Clemence nun wirklich nach ihm verlangte? – Wohl mußte er sich dabei sagen, daß er ihr gar Nichts helfen oder nützen könne – er wollte ja auch nur Gewißheit darüber haben, daß sie sich nicht unglücklich fühle – daß seine Befürchtungen ungegründet seien, und dann wieder kam das Bild der Frau dazwischen, wie er sie gestern Abend am Spieltisch gesehen, und wenn er sie dann dachte, wie er sie früher gekannt und geliebt hatte! Am Ende war es das Beste, er folgte Frank's Rath. Hätte er nur seine Sachen bei sich gehabt, er würde ihn selbst jetzt begleitet haben, aber dazu hatte er keine Zeit mehr.
»Hab' keine Angst um mich, Frank,« flüsterte er ihm aber noch in das Coupé hinein, »ich werde gewiß vernünftig handeln. Ich sehe ein, daß die jetzige Wirklichkeit nicht mehr mit meinem Ideal zusammenpaßt, ich werde mir eine noch bitterere Täuschung ersparen, und die Dame nicht besuchen, sondern den Handschuh einfach unten im Hotel abgeben.«
»Und versprichst Du mir das wirklich?«
»Hier hast Du meine Hand darauf.«
»Jetzt bin ich zufrieden und dann thu' mir nur noch die Liebe und mach' daß Du so rasch als möglich nach Köln hinunter kommst.«
Die Locomotive gab ihren schrillen Pfiff, der Zug that den ersten Ruck – Ernst reichte dem Freund noch einmal rasch seine Hand, dann zog sich die lange Kastenreihe am Perron hin, immer rascher rollten die Räder, und wenige Minuten später zeigte nur noch in weiter Ferne eine dichte weiße Dampfwolke, welche Richtung der davonbrausende Zug genommen.