Kreuz und Quer: Erster Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 11 von 19

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Kreuz und Quer: Erster Band

Elftes Capitel. Die Entscheidung.

»So ziemlich, ich war erst vor wenigen Wochen längere Zeit dort. Aber weshalb?«

»Weil ich auf nassauisches Gebiet zurückkehren muß, möchte ich unser Geschäft im Preußischen erledigt sehen. Kennen Sie den hinteren Thurm an der Ruine Rheinfels? Gleich darunter ist ein kleiner offener Platz.«

»Ich erinnere mich.«

»Gut – sein Sie dort morgen früh eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, Waffen bringe ich mit. Haben Sie einen Secundanten?«

»Nein – ich kenne Niemanden hier.«

»Ich habe viele Officiere heute Abend in St. Goarshausen gesehen. Sie werden leicht einen der Herrn dazu bewegen können.«

»Ich denke ja.«

»Gut – weiteres ist nicht nöthig. Es bleibt Ihnen der ganze Abend dazu, da Ihre weitere Anwesenheit im Hôtel,« setzte er höhnisch hinzu, »doch nicht mehr verlangt wird. Für Madame werde ich selber sorgen. Sie kommen gewiß?«

»Schon die Frage ist eine unwürdige Beleidigung,« sagte Trautenau finster, »ich hoffe der Erste auf dem Platz zu sein.«

»Gut, mein Herr Maler,« erwiderte Reuhenfels sarkastisch, »ich werde Sie nicht lange warten lassen.«

 

E l f t e s C a p i t e l .

Die Entscheidung.

Trautenau verließ das Hôtel, um an den Rhein hinab zu gehen. Wenn er aber auch sonst friedlicher, fast sanfter Natur war, und sein Pistolenschießen nur als eine interessante Uebung betrieben hatte, von der er nie im Leben einen ernstlichen Gebrauch erwartete, so konnte er jetzt kaum den anderen Morgen erwarten, wo er Dem gegenüberstehen sollte, den er nun als seinen ärgsten Feind kannte und haßte. Clemencens Kuß brannte ihm ja noch auf den Lippen, und er fühlte, daß Einer von ihnen Beiden – Reuhenfels oder er, die Erde räumen müsse – es war nicht Platz darauf für Beide.

Mit diesen Gedanken schritt er rasch den Rhein hinab, und es dauerte nicht lange bis er zwei nassauische Officiere traf, die Arm in Arm am Rhein spazieren gingen, und denen er ohne Weiteres sein Anliegen vortrug. Er war vollkommen fremd hier und hatte morgen früh, zum Schutz einer Dame, eine Ehrensache auszumachen – ob ihn Einer der beiden Herren dabei unterstützen wolle?

»Wie ist Ihr Name?« frug der Eine der Officiere.

»Trautenau – ich bin Maler, und nur zum Besuch an den Rhein gekommen.«

»Und wo ist das Rendezvous?«

»Dort drüben gleich hinter der Ruine; ich werde hier morgen früh etwas vor Sonnenaufgang ein Boot bereit halten, da wir eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang an Ort und Stelle sein müssen.«

»Ich werde Sie begleiten,« lautete die Antwort – »mein Name ist von Klingen – haben Sie Waffen?«

»Mein Gegner wollte sie besorgen.«

»Pistolen oder Säbel?«

»Pistolen.«

»Gut – ich werde zur Vorsorge noch meine eigenen mitbringen, die Herren können dann wählen – aber dann muß ich gleich nach Hause, um Alles in Stand zu setzen.«

Die jungen Leute drückten sich die Hand und Trautenau wanderte noch schweigend und seinen Gedanken nachhängend in die Nacht hinaus.

Er dachte an Frank und was der zu dem Allen sagen würde, wenn er es erfuhr. Der hatte ihn wohl genug gewarnt, aber konnte er denn anders handeln, als er es gethan? und würde sich Frank, an seiner Stelle, nicht genau so benommen haben? Arme Clemence! was wurde aus ihr, wenn er in dem morgenden Zweikampf fiel? war sie dann nicht elend für ihr ganzes Leben? Doch ihr Schicksal lag ja in Gottes Hand, und dem wollte er vertrauen, daß er noch Alles zum Besten führe. Wozu sich jetzt auch unnöthige Sorgen machen, die ihn nur weich stimmten und entmannten. Mit kaltem, ruhigen Blut mußte er an die Arbeit gehen, denn nur dann konnte er hoffen zu siegen.

Am nächsten Morgen war er lange vor Tag auf und in seinen Kleidern. Einen Schiffer hatte er sich noch am vorigen Abend bestellt, der auch schon mit seinem Boot wartete; der Officier fand sich ebenfalls pünktlich ein, und schon näherten sie sich dem anderen Ufer, als die ersten Strahlen der Morgensonne die höchsten Thürme der alten Ruine vergoldeten. Sie durften sich fest überzeugt halten, daß sie pünktlich und auch noch vor dem Gegenpart das Rendezvous erreichen würden, denn daß dieser schon vor ihnen aufgebrochen sei, ließ sich nicht gut denken.

Der Morgen war frisch, aber wunderbar schön und klar, und der Thau blitzte von allen Zweigen und Grashalmen funkelnd wieder. Aber Trautenau war nicht in der Stimmung, das heute zu beachten, denn er ging einen ernsten, schweren Weg, und wer wußte denn, ob nicht sein Blut bald häßliche Flecken auf diese Gräser werfen würde, wenn sie ihn, schwer verwundet oder todt wieder zurück zum Ufer trugen. – Doch gewaltsam schüttelte er alle diese Gedanken ab – er durfte sich ihnen nicht hingeben und sein einziger Wunsch war, jetzt den Gegner schon auf dem Platz zu finden, um – was sie zu erledigen hatten, so rasch als möglich abzumachen.

Aber der Platz, als sie ihn erreichten, war noch leer: nur die Vögel zwitscherten in den benachbarten Büschen und ein Zug Krähen strich krächzend von dem einen alten Thurm ab, hinüber dem Walde zu.

»Wir sind die Ersten,« begann der Officier, als er den Platz überschaute.

»Ich hoffe, wir werden nicht lange zu warten haben,« erwiederte Trautenau, »er versprach, pünktlich auf dem Platz zu sein.«

»Ich glaube, wir sind noch etwas vor unserer Zeit, aber desto besser; es ist immer ein unangenehmes Gefühl, den Gegner schon uns erwartend zu finden.«

Trautenau nickte schweigend mit dem Kopf und schritt, die Arme verschränkt, auf dem kleinen offenen Raum auf und ab, – aber Reuhenfels ließ lange auf sich warten, – höher und höher stieg die Sonne, und als der Secundant wieder und wieder auf seine Uhr sah, rief er endlich aus:

»Aber zum Teufel auch, der Herr ist jetzt wenigstens schon drei Viertel Stunden hinter seiner Zeit. Sind Sie auch gewiß, daß er überhaupt kommt?«

»Ich habe nicht den geringsten Grund, daran zu zweifeln, und begreife es selber nicht. Ob er am Ende kein Boot bekommen hat?«

»Zehne für eins, wenn er sie haben wollte. Zwischen den beiden Orten wechseln ja die Boote fortwährend herüber und hinüber. Das kann ihn nicht zurückgehalten haben. Welche Zeit hatte er Ihnen bestimmt?«

»Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.«

»Die Sonne ist jetzt fast anderthalb Stunden hoch. Wir wollen noch eine halbe Stunde warten, dann sind wir aber an Nichts mehr gebunden. Sie wären jetzt schon völlig berechtigt, den Platz wieder zu verlassen.«

»Lassen Sie uns noch warten,« bat Trautenau, und wieder schritten die beiden Männer eine Zeitlang schweigend auf und ab, aber es erschien Niemand, ja noch kurz vor der gestellten Frist hörten sie sogar lautes Lachen und schwatzende Leute, eine Gesellschaft von Reisenden, die auf die Ruine gestiegen waren und jetzt wahrscheinlich einen Spaziergang in der Nachbarschaft machen wollten.

»Mein lieber Herr Trautenau,« sagte der Officier, indem er seinen kleinen Pistolenkasten unter den Arm nahm, »ich kann Ihnen bezeugen, daß Sie Ihre übernommene Pflicht auf das Vollständigste erfüllt und jedem Gesetz der Ehre genügt haben. Ihr Gegner ist – aus welchem Grunde auch immer – ausgeblieben. Lassen Sie uns zurückkehren und zusammen frühstücken, denn ich fange an hungrig zu werden.«

Zwischen den Büschen wurden in der That schon die hellen Gestalten der Spaziergänger sichtbar; sie durften hier gar nicht länger bleiben, wenn sie nicht auffallen wollten und Trautenau selber schritt jetzt an seines Begleiters Seite um die Ruine herum, damit sie den Fremden nicht mit dem Pistolenkasten in den Weg kamen. Unterwegs begegneten sie auch Reuhenfels nicht und Trautenau begriff nicht, was ihn abgehalten haben konnte; denn wie auch immer sein Charakter sein mochte, für feige hielt er ihn nimmermehr.

Unten in St. Goar angelangt, bestellten sie rasch ein Boot und setzten sich indessen in eines der nächsten Weinhäuser, um etwas zu frühstücken, denn der Magen verlangte sein Recht. Trautenau, von Ungeduld gepeinigt, wäre allerdings am liebsten gleich nach St. Goarshausen zurückgekehrt, aber der Officier ließ ihn nicht los und er konnte ihm die Gefälligkeit, noch eine Viertelstunde bei ihm auszuhalten, nach der ihm geleisteten nicht versagen.

Jetzt lag das Boot bereit und brachte sie wieder über den Strom hinüber, ihrem Ziel entgegen, und Trautenau eilte nun, so rasch ihn seine Füße trugen, in das goldene Roß hinüber, um dort den Major seines Wortbruchs wegen zur Rede zu stellen.

Im goldenen Roß hatte sich indessen eine andere Scene zugetragen, die allerdings das Ausbleiben des Herrn von Reuhenfels, soweit es seinen persönlichen Muth betraf, vollkommen entschuldigte.

Der genannte Herr war ebenfalls lange vor Tag aufgestanden und fertig zum Aufbruch, sah seine Pistolen noch einmal nach, ob auch Alles in tüchtigem Stand wäre, füllte das kleine Pulverhorn, das er in die Tasche schieben konnte, aus einem größeren, und hatte die Uhr dabei vor sich auf dem Tisch liegen, damit er den richtigen Moment nicht versäume.

Der Hausknecht stand unten im Flur und putzte die Stiefeln der verschiedenen Gäste, als die Hausthür geöffnet wurde und ein Fremder – zu so früher Stunde allerdings etwas Ungewohntes, darin erschien.

»Sagen Sie mir, lieber Freund,« redete er den Hausknecht an, »ist gestern Abend oder in der Nacht, wohl noch ein Fremder hier im goldenen Roß angekommen, der zu einem paar Damen gehört?«

»Heute Nacht nicht, aber gestern Abend,« sagte der Mann – »No. 11«.

»In der That? Wie sah er aus, wenn ich fragen darf?«

»Na, wie soll er aussehn – wie andere Fremde auch.«

»Trägt er einen Bart?«

»Ja, einen Backenbart glaub' ich – ein Bischen breit.«

»Aber keinen Schnurrbart?«

»Ich glaube nicht, aber da müssen Sie seinen Barbier fragen.«

Der Fremde drückte dem Hausknecht ein Guldenstück in die Hand, was dieser mit äußerstem Erstaunen betrachtete.

»Hollo?« rief er, »so früh Morgens? – der Tag fängt gut an.«

»Es war noch ein anderer Herr bei den Damen, wie?« frug der Fremde weiter.

Der Hausknecht nickte – »Ja und die Beiden haben sich mit einander gezankt,« erzählte er, denn der Gulden hatte ihn gesprächig gemacht, – »sie waren zusammen im großen Saal allein, und wie ich den fremden Herrn heute Morgen weckte, und ihm Licht ansteckte, hatte er einen offenen Pistolenkasten vor seinem Bett auf dem Stuhl stehen!«

»So? – das war der Letztgekommene?«

»Ja.«

»Und ist er noch auf seinem Zimmer?«

»Gewiß, aber lange wird er nicht mehr bleiben, denn sonst hätte ich ihn nicht vor Tag zu wecken brauchen.«

»Da kommt Jemand die Treppe herunter.«

Der Hausknecht sah hinauf, schüttelte aber mit dem Kopf, – »ne, das ist der Andere.«

Der Fremde zog sich in den Schatten des Geländers zurück, bis Trautenau das Haus verlassen hatte; dann folgte er ihm langsam bis zur Thür und blieb dort wohl noch zehn Minuten stehen. Endlich pfiff er leise auf einem kleinen Instrument und es dauerte nicht lange, so traten auch vier andere Männer in die Flur, von denen der Eine die Uniform der Landes-Polizei trug.

»Ich denke wir haben den Burschen,« meinte der Fremde jetzt, zu diesem gewandt, »denn was ich eben von dem Hausknecht gehört, läßt kaum noch einen Zweifel. Unser Extrazug wird sich wahrscheinlich bezahlt machen.«

»Daß wir nur keinen Verkehrten fassen,« entgegnete der Polizeibeamte, – »kennen Sie ihn persönlich?«

»Allerdings, – Herr von Reuhenfels, der sich in Wiesbaden »zu Berg« nannte, ist eine zu allbekannte Persönlichkeit, und war jeden Abend in der Spielbank zu treffen – ebenso wie seine schöne Frau.«

»Und was wird mit der Dame?«

»Es ist keine Anklage gegen die Dame erhoben; wir werden sie nicht belästigen.«

Oben wurde in diesem Augenblick geklingelt.

»Das ist auf No. 11,« rief der Hausknecht, – »ich soll ihm den Kasten hinunter zum Wasser tragen.«

»Gut – gehen Sie hinauf,« sagte der Polizeibeamte. »Wir sind hier um den Herrn zu verhaften. – Sollte er Widerstand leisten, so sind Sie verpflichtet, uns beizustehen. Sie haben mich doch verstanden?«

»Ja wohl – gewiß.«

»Und wenn Sie ein Wort oben äußern, könnten Sie in die schlimmste Lage kommen, lieber Freund.«

»Werde mich hüten,« brummte der Hausknecht; der Herr da oben schien aber ungeduldig, denn eben klingelte es zum zweiten Mal, und bedeutend stärker als vorher.

»Ja, ja, komme schon,« knurrte der Hausknecht, in eben nicht besonderer Laune, »na ja,« murmelte er dabei – »hier unten einen Gulden gekriegt und da oben das Trinkgeld verloren; wo bleibt da der Profit.« – Als guter Deutscher hatte er aber viel zu großen Respect vor der Polizei, um irgend einen anderen Gedanken, als den unbedingten Gehorsams zu hegen. Was ging ihn auch der Fremde auf No. 11 an, daß er sich seinetwegen hätte in böse Händel verwickeln lassen. Helfen konnte er ihm doch nichts. Er ging in das Zimmer und ließ die Thür angelehnt.

»Hier mein Bursche,« begann Reuhenfels, »nimm einmal den Kasten und komme mit mir zum Flußufer hinunter. Ist der andere Herr schon fort?«

»Oh wohl schon vor zehn Minuten.«

»So? Dann habe ich keinen Augenblick Zeit mehr zu versäumen – komm rasch.«

»Sie werden wohl noch einen Augenblick entschuldigen müssen, Herr Major von Reuhenfels,« sagte in diesem Moment die tiefe, ernste Stimme des französischen Polizei-Agenten, dessen Gesicht sich Reuhenfels erinnerte oft in Wiesbaden gesehen zu haben, wenn er auch wohl nie eine Ahnung von seiner Function hatte. Aber er erbleichte, denn hinter diesem traten noch vier andere Männer ins Zimmer und füllten den kleinen Raum, während sich der Hausknecht vor das Fenster zurückgezogen hatte, um eine Flucht dort hinaus zu verhindern.

»Was wollen Sie von mir?« rief Reuhenfels, und sein scheuer Blick verrieth deutlich genug, daß er kein reines Gewissen hatte. »Halten Sie mich nicht auf – ich habe eine Ehrensache abzumachen.«

»Weshalb wir kommen, mein Herr,« sagte der Beamte mit schneidender Kälte, »betrifft keine Ehrensache, sondern einen Bubenstreich – ja vielleicht eine Kette von solchen, und die Erledigung derselben muß diesmal der Ehrensache vorgehen. Sie sind mein Gefangener.«

»In wessen Namen?« fuhr Reuhenfels auf.

»Im Namen Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen wegen Anklage auf Mord und Raub, wie anderer geringfügiger Vergehen.«

»Das ist eine schändliche Lüge!« rief der Verbrecher, aber Todtenblässe deckte seine Züge und der scheue Blick umher suchte nach Hülfe, vielleicht nach einer Waffe. Die Pistolen im Kasten waren aber nicht geladen und dieser auch verschlossen. Ueberhaupt gaben ihm die Polizeibeamten keine Zeit mehr, sich lange zu bedenken. Ehe er ernstlichen Widerstand wagen oder nur beschließen konnte, hatten sie sich auf ihn geworfen, und obgleich er sich jetzt wie ein Verzweifelter wehrte, fand er sich doch machtlos in der Hand der fünf baumstarken und gewandten Männer. Seine Kraft war auch gebrochen. Der Schlag hatte ihn zu rasch und plötzlich getroffen und zähneknirschend ergab er sich endlich in sein Schicksal.

Ehe man ihn abführte, verlangte er allerdings noch einmal seine Frau zu sprechen, der Beamte erklärte aber strengen Befehl zu haben, keine Unterredung weiter mit irgend wem gestatten zu dürfen. Er wußte überdies, daß ihm die Dame entflohen sei, und also keine Gefühlsrichtung diesen Wunsch hervorgerufen hatte. Der Gefangene wurde ohne Weiteres, mit Allem was man bei ihm fand (seine in Wiesbaden befindlichen Sachen waren schon mit Beschlag belegt) in Gewahrsam gebracht, bis der nächste Zug ging und dann fort transportirt, ohne daß die Leute im Haus weiter erfuhren, was mit ihm geschah.

Zwei Stunden später etwa kehrte Trautenau vom anderen Ufer zurück. Schon unten in der Hausflur erzählte ihm aber der Wirth, den er dort antraf, die Gefangennahme des fremden, gestern Abend angekommenen Herrn, der jedenfalls ein großes Verbrechen begangen haben müsse, denn als man ihn auf die Bahn gebracht, habe er Handschellen angehabt.

»Und die Damen?«

»Die Eine ist noch oben,« erwiederte der Wirth, »und wartet, glaube ich, auf den nächsten Zug, oder das nächste Boot – die andere ist mit einem jungen Herrn, einem Franzosen, gleich nachdem der Herr fortgeschafft wurde, oder etwa eine Stunde später, an Bord des zu Thal gehenden Bootes gefahren. Der Dampfer konnte ja kaum die Landung verlassen haben, als Sie heraufkamen.«

Trautenau war es, als ob das Haus mit ihm im Kreise herum ging. – Eine der Damen hatte das Hôtel mit einem jungen Franzosen verlassen – aber es war doch nicht möglich – nicht denkbar, daß Clemence –

Er drehte sich langsam ab und stieg die Stufen hinauf, die zu der oberen Etage führten. Dort lag das Zimmer, in welchem Clemence wohnte – Er klopfte leise an.

»Entrez!« lautete der ziemlich lebhaft gegebene Ruf, und als er die Thür öffnete, bemerkte er Jeannette, eben im Begriff, ihren Koffer zu packen, wie sie mitten in der Stube stand.

»Ah Monsieur Trautenau!« rief das junge Mädchen, indem sie auf ihn zuflog und seine Hand ergriff – »Sie sind zurückgekehrt? Ah das ist schön, das ist brav von Ihnen.«

»Mein liebes Fräulein,« erwiederte Trautenau, der das Alles noch gar nicht fassen konnte, »wollen Sie mir freundlichst sagen, was hier vorgegangen ist, denn der Wirth unten scheint mir verrückt – die ganze Welt muß wahnsinnig geworden sein, oder ich bin es am Ende selber.«

»Nein, Monsieur,« rief Jeannette lebhaft aber unter Thränen aus – »man hat Ihnen die Wahrheit gesagt. Das Unerhörteste ist geschehen.«

»Clemence ist wirklich fort?«

»Heute Morgen, mit Monsieur Armand.«

»Mit dem Franzosen?«

»Dem ich gestern noch in der Nacht mit Lebensgefahr, denn der gnädige Herr hätte mich umgebracht, wenn er es erfuhr – telegraphiren mußte. Solch' ein Undank ist noch gar nicht dagewesen.«

»Sie haben ihm telegraphirt?«

»Jawohl – für die gnädige Frau, und heute Morgen, wie er ankommt, entläßt sie mich aus ihrem Dienst und reist allein mit ihm ab.«

»Clemence?«

»Nun versteht sich – mit dem ersten Boot, das stromab kam, sind sie fort. Ich habe sie selber an's Ufer begleitet.«

»Und kannte Madame jenen Monsieur Armand schon früher?«

»Ah gewiß,« rief Jeannette in Aerger über die erlittene Unbill. »Das Ganze war eine abgekartete Sache, und Monsieur Armand hat uns ja selber dies Hôtel bestimmt, um auf ihn zu warten.«

»So?« sagte Trautenau und es war ihm zu Muthe, als ob ihn Jemand mit eiskalter Hand sein Herz gefaßt und zerdrückt hätte – »also eine abgekartete Sache – und ich selber –?«

»Ah Monsieur, diese Dame ist eine durchtriebene, gefährliche Kokette. Sie wären verloren gewesen, wenn Sie vollständig in ihr Netz fielen.«

»Wahrhaftig?«

»Was ich Ihnen sage – diesen Armand liebt sie wie rasend. Mit Ihnen hat sie nur ihr Spiel getrieben, weil sie Jemanden brauchte, der den Verdacht ihres Gatten ablenkte.«

»In der That?«

»Und mich – die mit solcher Treue und Aufopferung an ihr hing, jetzt mit so schmählichem Undank zu lohnen; oh es ist schändlich! abscheulich!«

Trautenau wandte sich langsam ab und wollte das Zimmer verlassen, als ihn Jeannette zurückhielt.

»Und was gedenken Monsieur jetzt zu thun?«

»Ich? – oh, Nichts, ich darf Madame natürlich nicht mehr belästigen, und denke auch gar nicht daran. Ich werde in meine Heimath zurückkehren.«

»Und was wird aus mir?« rief Jeannette, indem sie ihn bittend ansah – »wollen Sie mich, ein armes, unbeschütztes Mädchen hier allein in dem fremden Land zurücklassen?«

»Hat Sie Madame auch um Ihren – Lohn betrogen?«

»Nein das nicht – Monsieur Armand ist reich; er war generös.«

»Und was verlangen Sie noch von mir?«

»Ist es Sitte in Deutschland, daß man unbeschützte Frauen allein reisen läßt?«

»Mein liebes Fräulein,« antwortete Trautenau, dem diese kaum versteckte Zumuthung doch ein wenig zu stark schien, – »Sie haben der gnädigen Frau getreu geholfen und beigestanden – es war an ihr, Sie dafür zu belohnen. Sie werden von mir hoffentlich nicht verlangen, daß ich mich zum Cavalier ihrer Kammerfrau aufwerfe, da sie selber es vorgezogen, einen anderen Schutz zu suchen. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise –« und sich abwendend schritt er aus der Thür und hörte nur noch den Ausruf der Empörung Jeannettens: »Oh diese Deutschen – diese Menschen von Holz!« – Aber er war geheilt – vollständig geheilt von seiner tollen Leidenschaft, und als er etwa drei Wochen später nach M– zurückkehrte, konnte er Frank sein Abenteuer – oder vielmehr seine Kette von Abenteuern mit lachendem Munde erzählen.

Drei Monat später druckte ein deutsches Blatt in M– einen Artikel aus einer französischen Zeitung ab – einen Criminalfall, der für M– besonderes Interesse hatte. Es war die Verurtheilung eines Deutschen, eines Herrn von Reuhenfels, der beschuldigt und überführt worden war, seinen Schwiegervater, einen geborenen Franzosen Monsieur Joulard, mit dem er früher Wechselfälschungen und anderen Betrug getrieben, in Paris ermordet, und in einem Keller vergraben zu haben. Er hatte das Verbrechen eingestanden und war, da ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen werden konnte, zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurtheilt worden.

Von Clemence hörten sie Nichts wieder. Möglich, daß sie als Madame Armand irgendwo in Frankreich lebte. Trautenau dachte nicht mehr an sie – er hatte ihr Bild, die Copie, die er damals behalten, gleich nachdem er nach M– zurückkehrte, zerstört, aber mit desto größerer Vorliebe zeichnete und malte er sich in seinem neuen Atelier den Major in der alten Staffage an die Wand, und wo ihm einmal wieder das Herz mit dem Verstand durchgehen wollte, bedurfte es nur eines Blickes auf das Bild, um all die alten, fast begrabenen Erinnerungen wieder wach zu rufen. Damit war denn auch jede Gefahr beseitigt, denn er hatte sich den Teufel als Schutzengel an die Wand gemalt.