Kreuz und Quer: Erster Band
Viertes Kapitel. Der Kampf mit der Seeschlange.
Vi e r t e s K a p i t e l .
Der Kampf mit der Seeschlange.
Was unseren Handwerksburschen wunderte, war, daß er noch gar keinen Menschen auf der Straße sehen konnte, und er wollte sich eben deßhalb gegen seinen Begleiter aussprechen, als hinter einer Korallenhecke, die hier zum Einfassen der Gärten benutzt zu werden schien, plötzlich ein Gendarm hervortrat, und den Handwerksburschen mit barscher Stimme nach seinem Wanderbuch frug.
»Herr, du meine Güte,« rief Hasenmeier überrascht aus, »haben sie denn hier unten auch Gendarmen?«
»Hast Du schon ein deutsches Dorf gesehen, mein Bursche,« rief aber der Mann des Gesetzes trotzig, »wo k e i n e gewesen wären?« – und in der That konnten sich weder der zweitausendjährige Seegreis noch der Hutmachergesell auf eins in der Geschwindigkeit besinnen – »also mach' rasch, denn ich habe keine lange Zeit.«
»Das ist merkwürdig,« murmelte der Handwerksbursch erstaunt vor sich hin; aber nicht gewohnt einer solchen Persönlichkeit gegenüber irgend eine Widersetzlichkeit zu zeigen, warf er seinen Tornister ab, schnallte ihn auf und suchte das Buch.
»Ei du mein Herrgottchen,« rief er dabei, »Alles klatsche naß – wenn hier nur ein Platz wäre, wo man sein Zeug ein Bischen trocknen könnte.«
»Trocknen?« sagte der Seegreis erstaunt, während der Gendarm es unter seiner Würde hielt, mit dem reisenden Handwerksburschen ein Gespräch anzuknüpfen, ehe sich dieser nicht vollständig legitimirt hatte – »was ist denn das?«
»Was trocknen ist?« rief Zacharias, »das nehmen Sie mir aber nicht übel –«
»Na wird's bald!« rief der Gendarm.
»Entschuldigen Sie gütigst,« meinte der Handwerksbursch, »hat ihm schon – hier verehrter Herr Gerichtsbehörde ist mein Paß – Alles in Ordnung – Civil-und Militärbehörden werden ersucht, mich gefälligst –«
»Schon gut,« unterbrach ihn der Mann des Gesetzes, indem er das Papier wieder zusammenfaltete und seinem Eigenthümer zurückgab, »können sich hier aufhalten, müssen den Paß aber beim Bürgermeister vorher visiren lassen.«
»Beim Herrn Bürgermeister, haben Sie denn hier auch einen Bürgermeister?«
»Ist das wieder eine dumme Frage,« brummte der Gendarm, »wo sechs Deutsche zusammen wohnen, brauchen sie doch auch eine Obrigkeit; wofür sollte man denn sonst nur Steuern erheben? – Alles hier wie oben – Alles genau so!«
»O du lieber Himmel,« seufzte Hasenmeier, aber ganz im Stillen, denn was er j e t z t dachte, durfte er nicht laut werden lassen, »und deshalb die schreckliche Seereise gemacht.«
»Hutmachergesell?« frug der Gendarm lakonisch.
»Wasserdichter,« bestätigte Hasenmeier ebenso.
»Gut – können einmal meinen alten Filz wieder aufbügeln – ist ein wenig lappig geworden hier unten.«
Zacharias warf einen prüfenden Blick auf den besagten Toilette-Gegenstand und bemerkte allerdings, daß die Krempen des alten dreieckigen Filzhutes, der einmal mit silbernen Borden besetzt gewesen, eine sehr trübselige Form angenommen hatten.
»Wird mir eine Ehre sein,« erwiederte er höflich, »aber wo finde ich den Herrn Bürgermeister?«
»Ist gerade auf der Jagd,« sagte der Gendarm, »können so lange in's Wirthshaus gehen – zum goldenen Haifisch.«
»Wirthshaus?« rief Hasenmeier rasch, »alle Wetter, ist hier auch ein Wirthshaus im Ort?«
»Na, wenn ein Bürgermeister da ist, wird doch auch ein Wirthshaus da sein,« sagte der Gendarm, »gleich dort neben der Kirche – dem Haus mit dem kleinen Thurm.«
Hasenmeier schulterte vergnügt seinen Ranzen wieder und faßte seinen Knotenstock fester, denn jetzt fing ihn sein Leben an zu freuen. Das Eine nur genirte ihn, daß der Seegreis fortwährend um ihn herum schwamm, und ihn dabei immer über die Achsel ansah. Was sollte denn das eigentlich heißen? ob er sich vielleicht über ihn lustig machte, weil er sich hatte von dem Gendarmen so anfahren lassen? Bah, was verstand so ein Seegreis davon; wie Gendarmen behandelt sein wollten, das wußte e r besser, und sich an den Alten gar nicht mehr kehrend, wanderte er vergnügt der bezeichneten Stelle zu.
Rechts und links standen Häuser, alle aus Korallenblöcken aufgebaut, und mit breiten Muscheln, wie mit Schindeln gedeckt. Auch Trottoirs hatte das Dorf, gar künstlich von Austernschalen gelegt, und an einer großen Oekonomie kam er ebenfalls vorüber, wo in einem mächtig breiten Stall eine Menge Seekühe mit ihren Kälbern standen, aber keinen einzigen Menschen konnte er entdecken – nirgends die Spur von Leben oder Thätigkeit, und das Ganze fing schon an ihm unheimlich vorzukommen. War das Dorf ausgestorben, und der Gendarm ganz allein zurückgeblieben?
Jetzt hatte er das Wirthshaus erreicht – fehlen konnte er's nicht, denn ein großes Schild mit einem goldenen Haifisch verrieth den Platz schon von Weitem, und rasch schritt er darauf zu, blieb aber ganz erstaunt in der Thür stehen, als er das ganze Gebäude, das etwa noch einmal so groß wie die gegenüberliegende Kirche sein mochte, gedrängt voll fröhlicher zechender Menschen sah.
»Ja, alle Wetter!« rief er erstaunt aus, »da wundert's mich freilich nicht mehr, daß ich Niemanden in den Häusern gesehen habe, wenn sie Alle im Wirthshaus sitzen.«
»Mach' die Thür zu!« rief ihn aber der Wirth an – eine große breitschultrige Gestalt mit Pockennarben, dessen Gesicht ihm merkwürdig bekannt vorkam – »Donnerwetter das ganze Wasser läuft ja herein.«
Hasenmeier zog rasch die Thür hinter sich zu und den Hut vom Kopf.
»Armer reisender Handwerksbursch,« sagte er dabei mit kläglicher Stimme, »bittet allerseits um ein kleines Geschenk.«
»Hurrah, ein Handwerksbursch!« lachten und schrien aber die Gäste durcheinander, und ein Toben entstand jetzt, wie es auf der Oberfläche der Erde nicht natürlicher hätte aufgeführt werden können.
Hasenmeier sah auch hier zu seinem Erstaunen, wie reichlich mit Getränken und Speisewaaren versehen die Bewohner dieser unterseeischen Station sein mußten, denn rings an den Wänden waren Massen von Fässern, mit allen nur denkbaren köstlichen Weinen und Spirituosen aufgeschichtet, während neben an, ein anderes weites Lokal die Speisekammer zu sein schien. Lange Zeit ließen ihm aber die Insassen nicht zum Umschauen, denn von allen Seiten wurden ihm Krüge und Gläser entgegengehalten, und Hasenmeier wußte gar nicht, wo er zuerst zulangen sollte.
»Wo habt Ihr nur alle die guten Sachen her?« rief er dabei, »Ihr lebt ja hier wahrhaftig, wie der liebe Gott in Frankreich.«
»Woher?« lachte der Wirth, »glaubst Du denn mein Bursch, daß alle die guten Sachen verloren gehen, die uns die Schiffe herunter schütteln – Ladungsweise bekommen wir sie, daß wir manchmal gar nicht wissen wohin damit – aber jetzt trink aus, denn wir müssen fort.«
»Fort? wohin?« frug der Handwerksbursch, der gar nicht daran dachte, sobald wieder fortzugehen, »hier ist's doch hübsch genug.«
»Ja es wird Zeit,« riefen aber auch die Anderen und holten jetzt aus Ecken und Winkeln alle nur erdenkbare Arten von Mordwaffen, Lanzen, Spieße, Flinten, Säbel, Pistolen und wer weiß was hervor.
»Aber was ist denn nur los?« rief Hasenmeier, »wollt Ihr in den Krieg? – Donnerwetter, halten Sie mir die Flinte nicht so auf den Leib; das Ding kann losgehen.«
»Was los ist, Kamerad,« sagte der Wirth, »das sollst Du gleich wissen. Hier ganz in der Nähe läßt sich nämlich seit einigen Monaten die S e e s c h l a n g e blicken, und holt uns unsere Kühe und Kälber von der Weide, ja, hat neulich sogar ein kleines Nixchen, das mit einer Muschel nach ihr warf, mit Haut und Haaren aufgefressen.«
»Und hat denn das der Gendarm gelitten?« frug Hasenmeier.
»Ja, d i e kehrt sich wohl an einen Gendarm,« lachte der Wirth, »nein, wo wirklich etwas los ist, da müssen wir immer selber hinaus und uns Ruhe schaffen, denn solche Bestien giebt's leider nur zu häufig in unserer Gegend. Der Bürgermeister ist auch schon heut Morgen in aller Früh mit seinen Hunden ausgegangen, um einmal abzuspüren und wenn wir dann wissen, wo sie sich versteckt hält, wollen wir sie nachher schon kriegen.«
»Na, dann will ich derweile ein Bischen hier bleiben und mich ausruhen,« sagte Hasenmeier, dem Nichts ferner lag, als hier unten mit einer Seeschlange anzubinden, da diese allen früher gelesenen Beschreibungen nach ja ein ganz entsetzliches Beest sein sollte.
»Möchtest Du wohl,« meinte der Wirth lachend, »ne mein Bursche, wenn Du hier unten bei uns leben willst, gehörst Du auch mit zur Landwehr und mußt ausrücken.«
»Aber ich bin militärfrei,« rief Zacharias, »der Doctor hat mich untersucht und erklärt, ich hielte die dreijährige Dienstzeit nicht aus – und dann bin ich auch auf dem linken Ohr taub.«
»Papperlapapp!« riefen aber die Anderen, »das macht hier Alles Nichts – gebt ihm einmal eine Lanze oder sonst was und nun vorwärts, sonst schimpft der Herr Bürgermeister.«
Alle weiteren Gegenvorstellungen, daß er sich eine Blase unter den rechten Fuß gelaufen, und den Rheumatismus im Knie hätte, halfen ihm in der That Nichts. Sie schnallten ihm einen furchtbar großen Säbel um, der wohl einen Fuß hinten nach schleifte und ihm, wenn er sich umdrehen wollte, zwischen die Beine kam, und dann brach die ganze Gesellschaft auf, sammelte sich draußen auf der Straße und marschirte nun in Reih und Glied, während ein paar Jungen vorneweg auf Muscheln bließen, zum Dorf hinaus.
Hasenmeier war bei der Sache nicht recht wohl.
»Wenn ich d a s gewußt hätte,« dachte er bei sich, »so wäre ich lieber noch einen Tag an Bord geblieben,« aber es nützte ihm Nichts. Als Vaterlandsvertheidiger mußte er mit in Reih und Glied marschiren, und dabei auch noch vergnügt aussehen, wenn er nicht von seinen Nebenmännern verhöhnt sein wollte.
So zog der kleine Trupp, etwa vierzig Mann stark, durch die stillen Straßen der Stadt, und Hasenmeier bemerkte wohl, daß hie und da verstohlen ein Frauenkopf an die Fenster kam, um nach einem oder dem anderen der jungen Lieutenants hinunter zu schielen; aber es blieb ihm auch nicht viel Zeit zu solchen Betrachtungen, denn schon öffnete sich vor ihnen das weite Feld, eine mit hohem Seegras bewachsene Wiese, in der ihnen jeden Augenblick die gefürchtete Seeschlange unter den Füßen herausfahren konnte.
Dort draußen bewegte sich jetzt eine menschliche Gestalt, die ihnen zuzuwinken schien – das mußte der Bürgermeister sein und die Muschelbläser vorn wurden bedeutet, ruhig zu sein, denn man konnte ja nicht wissen, wie nahe die Bestie versteckt lag.
So rückten sie leise und geräuschlos vor, aber das Seegras war hier so tief und verwachsen, daß Hasenmeier kaum darin fortkonnte und immer ärger stöhnte und schwitzte.
Der Herr Bürgermeister, der seine Flinte in der Hand hielt, suchte indessen das nächste Feld ab und hielt plötzlich still und sah vorsichtig voraus. Zacharias bemerkte jetzt, daß er ein paar große Seehunde bei sich hatte, und der eine stand – der Bürgermeister winkte, daß sie sich ruhig verhalten sollten, und schritt leise vor. Der eine Seehund zog vortrefflich an – plötzlich fuhr ein Volk fliegender Fische aus dem Gras heraus und der Bürgermeister machte eine famose Doublette nach rechts und links, während die beiden Seehunde vorsprangen und jeder seinen Fisch apportirte.
Hasenmeier, von dem ermüdenden Marsch durch das Seegras vollständig erschöpft, war froh genug, einen, wenn auch nur kurzen Ruhepunkt zu gewinnen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich dann auf einen der nahebei befindlichen Korallenblöcke, die hier überall aus dem Gras hervorschauten. Mit einem lauten Aufschrei sprang er aber auch schon in demselben Moment wieder in die Höh', denn er hatte sich den Platz, auf den er sich niederlassen wollte, vorher nicht genau angesehen, und sich dabei mitten auf einen Meerigel gesetzt, der dort zusammengerollt lag.
Die Anderen lachten, aber es war jetzt doch keine Zeit zur Kurzweil mehr, denn der Bürgermeister kam heran und theilte den Leuten mit, daß er das Versteck des Meerungeheuers aufgespürt habe. Es sollte zusammengeknäult in einem kleinen Dickicht von Algen und Korallenbäumen liegen, die etwa tausend Schritt von dort entfernt standen und deutlich von hier aus zu erkennen waren.
»Wer ist der Neue da,« sagte der Bürgermeister plötzlich und streng, als sein Blick auf Hasenmeier fiel, »wo kommt er her?«
»Bitte um Entschuldigung, Herr Bürgermeister, ich wollte nur –« stammelte der Handwerksbursch.
»Paß in Ordnung?« fragte der Beamte.
»Alles – wenn Sie erlauben –«
»Nachher – jetzt ist keine Zeit dazu,« wehrte aber der Bürgermeister ab, der übrigens wie ein ganz gewöhnlicher Mensch aussah, nur daß er Schwimmhäute zwischen den Fingern trug – und Hasenmeier überzeugte sich jetzt, daß dies bei allen Uebrigen ebenso der Fall war. Der Bürgermeister aber fuhr fort: »Wir müssen das Dickicht umzingeln und dann zwei Mann hineinschicken – denn meine Hunde wollen nicht dran und ich mag sie auch nicht riskiren. – Zwei Mann, die das Beest aufstören und hinaus in's Freie treiben – und nun vorwärts marsch, damit wir nicht zu spät zum Essen kommen.«
Er hatte dabei sein Gewehr wieder auf eine ganz eigenthümlich rasche Art geladen und fort ging's auf's Neue, gerade auf das furchtbare Dickicht zu, dem Hasenmeier viel lieber, so weit er nur irgend gekonnt hätte, ausgewichen wäre. Es lag ihm auch jetzt gar Nichts daran, daß sie so rasch vorrückten, aber all diese verzweifelten Seemenschen schienen auf einmal eine ganz entsetzliche Eile zu haben, und ehe eine Viertelstunde verging, befanden sie sich dicht vor der Dickung, in welcher das Ungeheuer seinen Mittagsschlaf halten sollte.
Da winkte der Bürgermeister mit der Hand, denn die Seehunde drückten sich scheu zwischen seine Füße – ein sicheres Zeichen, daß die Bestie in der Nähe sei.
»Kameraden,« redete er die kleine Schaar an, »wir sind am Ziel. Da drinnen liegt das Ungeheuer, das unsere Heerden und Hirten frißt, und nächstens auch vielleicht einmal nach Seeburg hinein kommt, um Einen von uns zu holen. Das müssen wir verhüten, denn ein solcher Satan respektirt nicht einmal die Obrigkeit, also zieht Euch jetzt um das Dickicht herum und thut Eure Pflicht, wenn der richtige Moment naht. – Vorher aber zwei Freiwillige vor, die kühn in das Dickicht hineinbrechen und den tückischen Feind zum Weichen bringen – dann läuft er uns nachher von selber in die Hände. – Also habt Ihr mich verstanden? – z w e i F r e i w i l l i g e vor!«
Niemand rührte sich.
»Na?« rief da Bürgermeister entrüstet, und fuhr Hasenmeier an, »Hast Du es nicht gehört, Du Lump! Freiwillige vor! warum kommst Du nicht? soll ich Dir etwa erst Beine machen?«
»Aber bester Herr Bürgermeister,« rief Hasenmeier erschrocken, »als wasserdichter Hutmachergeselle –«
»Wirst Du Dein Maul halten und freiwillig vortreten oder nicht!« schnauzte ihn da noch einmal der Schreckliche an und Hasenmeier sah eben keinen anderen Ausweg als sich für das allgemeine Wohl zu opfern. Nur erst einmal im Dickicht drin, wollte er aber schon Sorge tragen, daß er dem Seeungethüm nicht zu nahe käme, denn es muthwillig aufzustören und böse zu machen, daran dachte seine Seele nicht. – Aber auch hierin sollte er sich getäuscht sehen, da sich der Wirth selber als z w e i t e r Freiwilliger meldete, und jetzt, dem Hutmacher auf die Schultern klopfend rief:
»Und nun komm, Kamerad – es ist Zeit. Donnerwetter, Du hast Dich doch jetzt genug ausgeruht und die Seeschlange geht Dir sonst meiner Seel' durch!«
»Das wär' ein Unglück,« dachte Hasenmeier, aber was half's, vorwärts mußte er, und sich den Hut verzweifelnd in die Stirn rückend, sagte er:
»Na denn man zu, aber wenn das eine Behandlung ist für eine Civil- und Militärbehörde, so will ich Schulze heißen« – und mit den Worten sprang er so rasch in das Dickicht hinein, daß ihm der Wirth kaum folgen konnte. – Am meisten störte ihn aber dabei der lange Schleppsäbel, der bald in den Algen hängen blieb, bald zwischen seine Füße hineinkam, daß er darüber hinstürzen mußte. Aber er achtete das Alles nicht – vorwärts – weiter hatte er in diesem Augenblick gar keinen Gedanken, und ehe er nur recht wußte, wie er dahin gekommen, stak er mitten im Dickicht drin und in einem wahren Gewirr von Korallen und ekelhaften Seegewächsen.
Da raschelte etwas vor ihm, deutlich konnte er sehen, wie sich die langen grünen schleimigen Blätter bewegten, und in den Korallenästen krachte und brach es, daß die bröcklichen Zweige herumstoben. Der Wirth, der dicht hinter ihm war, faßte ihn jetzt an der Schulter und schrie ihm in's Ohr:
»Auf! auf! Hutmacher. Zieh den Degen! sie kommt!«
Hasenmeier wollte seinen Degen aus der Scheide reißen, aber es ging nicht – die verwünschte Klinge war in dem Seewasser fest eingerostet.
»Herr, du meine Güte!« schrie er, »das hat noch gefehlt.«
Vor ihm hob sich ein furchtbares Ungethüm aus dem Gebüsch und sperrte gierig den weiten, mit ganz entsetzlichen Zähnen bewehrten Rachen gegen ihn auf – heißer Dampf schoß daraus hervor, die kleinen grünen Augen blitzten ihn mit funkelnder Wuth an, und schienen das ausersehene Opfer schon voraus zu durchbohren.
Nur den Säbel jetzt heraus, daß er sich gegen das Scheusal wehren konnte – mit der Linken hatte er die Scheide gefaßt, mit der Rechten riß er an dem Griff, daß es ihm die Stirnader zu sprengen drohte – der Säbel saß fest – noch einmal – jetzt brach der Griff ab, als ob er von Glas gewesen wäre, und mit einem jähen Sprung warf sich das Ungeheuer auf ihn und faßte ihn mit den Zähnen.
»Hülfe! Hülfe!« brüllte Hasenmeier und hörte nur noch wie der Wirth ganz ruhig sagte:
»Aber was schreist Du denn so, Hutmacher – Donnerwetter, Mensch, Du alarmirst mir ja das ganze Haus.«
»Ja – ja – wo ist – wo ist denn die Seeschlange?« rief Hasenmeier und richtete sich erschreckt empor.
»Die Seeschlange?« lachte der Wirth, »die soll wohl auf D i c h warten, die ist mit der Ebbe ausgesegelt und schon aus Sicht.«
»Die Seeschlange? – aber Du meine Güte – wo bin ich denn?« rief der arme Teufel sich erschreckt die Augen reibend, »wo ist denn der Bürgermeister und – ich war doch? –«
»Der Bürgermeister?« sagte der Wirth schmunzelnd, »von Civil- und Militärbehörden hast Du genug gefaselt, aber jetzt wach' einmal ordentlich auf – es ist bald Mittag und das Mädchen will die Stube rein machen.«
Hasenmeier saß in seinem Bett, aber im Kopf ging's ihm wie ein Mühlrad herum – da stand der Wirth aus dem goldenen Haifisch, und hier lag er in einer fremden Stube im Bett, und von Seeschlangen, Algen und Korallen keine Spur – nicht einmal den Säbel hatte er umgeschnallt.
»Aber wo bin ich denn, Herr Wirth,« rief er mit kläglicher Stimme, »was ist denn nur mit mir vorgegangen?«
»Was mit Dir vorgegangen ist, mein Bursche?« meinte der Blatternarbige, »nichts Besonderes – einen höllischen Rausch hast Du Dir gestern Abend angetrunken und geschlafen wie ein Ratz und das tollste Zeug dabei geschwatzt. – Jetzt mach aber, daß Du heraus kommst, denn das Zimmer soll gelüftet werden.«
Zacharias Hasenmeier war wie vor den Kopf geschlagen. Die Erinnerung an den gestrigen Abend stieg wohl dämmernd in ihm auf, aber Seegreise, Nixen, Schildkröten und Seeschlangen schwammen dazwischen herum, und seine Reise selbst – war denn das Alles nur ein Traum gewesen? – Angezogen wie er gestern in das Wirthshaus gekommen, lag er überdieß im Bett – nur die Stiefeln hatten sie ihm ausgezogen – nicht etwa s e i n e r Bequemlichkeit, sondern des Bettes wegen und fast mechanisch griff er in die Tasche nach seinem Geld. – Herr du meine Güte, das war fort und – das machte ihn munter.
Wie der Blitz sprang er auf und visitirte bestürzt alle Taschen – nicht die Spur davon war mehr zu finden.
»Na was suchst Du Schatz?« sagte der Wirth, der ihn kopfschüttelnd betrachtet hatte, »Deine Brieftasche?«
»Nein, die ist da,« rief der Hutmachergesell – »aber mein Geld – zehn Thaler 17½ Silbergroschen.«
»So?« lachte der Blatternarbige, »einen ganzen Abend zechen und die Gesellschaft traktiren und den Mädels Geld schenken und dann soll am anderen Morgen auch noch die Baarschaft vollständig beisammen sein – wäre nicht übel. Einen solchen Geldbeutel wünschte ich mir auch.«
»Ja aber,« stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?«
»Soweit es reichte, ja,« lautete die Antwort, »drei Mark zehn Schilling bist Du aber noch schuldig, mein Bursch, und wenn Du die nicht zahlen kannst, werde ich indessen Deine neuen Stiefeln als Pfand behalten.«
Zacharias Hasenmeier saß, die Hände gefaltet, auf dem Bettrand und starrte wie verloren vor sich hin. Fortwährend schüttelte er dazu mit dem Kopf, und so wenig er im Anfang begriffen haben mochte, wie Alles zusammenhing, kam er doch jetzt endlich zu der Ueberzeugung, daß er der unglückseligste wasserdichte Hutmachergesell wäre, der je einer Pappelallee Fährten eingedrückt. Er machte allerdings einen Versuch seinen Unwillen und sogar einen Verdacht zu äußern, daß vielleicht nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen sei, aber der Wirth wurde, nur bei der geringsten Andeutung dahin, so furchtbar grob, daß er das bald in Verzweiflung aufgab.
Und jetzt? – der Wallfischfänger, die »Seeschlange« war allerdings schon an dem Morgen ausgesegelt; wäre er aber auch noch vor Anker gelegen, Hasenmeier hatte, mit der Erinnerung an das Ausgestandene, alle Lust zur Seefahrt und zu fremden Ländern verloren und dankte sogar noch Gott, als er später in Hamburg selber Arbeit fand, um zuerst seine Stiefeln wieder auszulösen und dann neues Reisegeld zu verdienen. Von Schiffen wollte er aber Nichts mehr wissen und hütete sich von da an ganz besonders keiner Matrosenkneipe wieder zu nahe zu kommen.