Kreuz und Quer: Erster Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 14 von 19

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Kreuz und Quer: Erster Band

Zweites Kapitel. Zacharias Hasenmeier hält es nicht an Bord aus.

Endlich fingen sie an zu singen – ganz schrecklich lange Balladen, die mit ihren zahllosen Versen gar kein Ende nehmen wollten, und Zacharias wurde schläfrig und wäre richtig eingenickt, wenn sich nicht eines der Schenkmädchen, die bis dahin mit den Matrosen gelacht und getrunken, zu ihm gesetzt und mit ihm geplaudert hätte. Die erzählte ihm jetzt aber auch, daß der eine Wallfischfänger, der im Hafen läge – und es war in der That nicht der einzige – nur auf Tageslicht und Ebbe warte, um die Elbe hinunter und hinaus in See zu fahren, und wenn er die Zeit verpasse, könne er nicht mit und müsse hier bleiben.

Das machte ihn geschwind wieder munter, denn die Gelegenheit durfte er nicht ungenutzt vorüber lassen; sie bot sich vielleicht so bald nicht wieder. Das Mädchen wollte ihm noch einmal zu trinken geben, aber er fühlte, daß er genug hatte, denn da draußen dämmerte schon wieder der Tag – so lange geschwärmt zu haben erinnerte er sich gar nicht, verlangte aber jetzt noch eine Tasse Kaffee, nahm sich dann ein reines Hemd aus dem Tornister, um anständig vor dem Kapitän zu erscheinen, und ging, als es vollständig hell geworden war, mit einem der Matrosen, der ihn begleitete, zu dem bezeichneten Schiff.

 

Z w e i t e s K a p i t e l .

Zacharias Hasenmeier hält es nicht an Bord aus.

Hatte er aber früher Angst gehabt, daß es ihm hier wie auf den anderen Fahrzeugen gehen und der Kapitän ihn abweisen würde, so fand er sich angenehm getäuscht, denn der brauchte allerdings Leute, und wenn er zuerst auch genau so ein Gesicht schnitt, wie die Uebrigen, als er den Handwerksburschen mit seinem Tornister und Knotenstock sah, so schien er es doch wenigstens für möglich zu halten, einen Matrosen aus ihm zu machen. Er sagte, er wolle es jedenfalls versuchen. Zacharias wurde sein Platz angewiesen, wo er schlafen konnte, und mit dem Bewußtsein, jetzt endlich sein Ziel erreicht zu haben, und einem neuen Leben entgegen zu gehen, hing er dort seinen Rock an einen Nagel, hakte den Tornister darüber und – war eingezogen.

Aber es schien auch die höchste Zeit für ihn gewesen zu sein, an Bord zu kommen, denn in demselben Augenblick schon fast wurden die Segel ausgespannt, und das Schiff fuhr den Strom hinunter und in die See hinaus. – Wie das aber tanzte und schwankte und der arme Hutmachergesell, der schon so viel von der Seekrankheit gehört, sich aber noch nie eine richtige Idee davon gemacht hatte, sollte jetzt erfahren, wie das thue.

Die ganze Welt schien sich mit ihm zu drehen; Alles wirbelte im Kreis herum – er wußte nicht mehr was oben oder unten war, ob er auf dem Kopf oder auf den Füßen stand. – Er warf sich auf Deck nieder und breitete die Arme und Beine aus, um nicht noch tiefer zu fallen, kurz, er befand sich in einem Zustand, der sich wohl bedauern, aber nie im Leben beschreiben läßt.

Wie lange er so gelegen, wußte er gar nicht, und nur das einzige Bewußtsein war ihm dabei geblieben: der Wunsch zu sterben, um dieser Höllenpein, diesem qualvollen und unerträglichen Zustand ein Ende zu machen. – – Aber auch das ging zuletzt vorüber, das Schiff lag ruhiger, oder er fühlte vielleicht auch die Bewegung nicht mehr so stark, und als er eigentlich erst wieder ordentlich zu sich kam, befanden sie sich schon so weit draußen in See, daß er, wohin er auch blickte, kein Land mehr erkennen konnte. Er hatte seine Reise angetreten und ein Rückschritt war nicht mehr möglich.

Aber ob er sich eine Seefahrt anders gedacht haben mochte; er fühlte sich keineswegs behaglich und sehnte sich fortwährend danach, das ewig schwankende Schiff nur erst einmal wieder unter den Füßen los zu werden, und festen, sicheren Boden zu betreten. Reisen – war d a s Reisen, wo man in einemfort, wie ein Sack, hin- und hergeworfen wurde, und den einen Fuß nie vom Boden heben konnte, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, auf die Nase zu fallen? Da marschirte sich's anders in seinen festen soliden Pappelalleen und er bekam wieder das alte Heimweh nach seinem früheren Leben.

Und wenn sie ihn jetzt noch wenigstens zufrieden gelassen hätten, daß er sich ordentlich ausruhen und das häßliche schwindliche Gefühl überwinden konnte – aber Gott bewahre; kaum machte er die Augen wieder auf, so kam auch schon der Steuermann und stellte ihn an die Arbeit, und keine Entschuldigung half, daß er noch hundeelend sei.

Jetzt erfuhr er, daß der alte Segelmacher Recht gehabt, der ihm ganz genau prophezeiht hatte, was ihn hier erwartete. Wo er schon außerdem schwindlich war, mußte er noch eine große Schiemannsgarn-Winde oder gar einen schweren Schleifstein drehen, daß ihm der Kopf immer mit dabei herum ging – und dazu sollte er fetten Speck essen und harten Schiffszwieback kauen – so ein Leben – der Böse hätt's holen können, wenn es ihm recht gewesen wäre, aber es war ihm nicht recht.

A r b e i t e n – nun ja, er hatte in seinem Leben schon oft gearbeitet, und einen Hut zu walken und zu bügeln thaten ihm vielleicht Wenige gleich, aber was half ihm das h i e r ? Statt des Bügeleisens bekam er einen alten schmutzigen Sandstein in die Hände und mußte damit das Verdeck abschleifen, und wenn das Deck nur wenigstens ruhig gelegen hätte, aber Gott bewahre; auf und nieder gings und im Kreis herum mit ihm und dann kam auch noch der Steuermann und hieb ihm mit einem Ende Tau eins hinten über, wenn er nicht rasch genug kratzte, daß er die dicken Striemen fühlen konnte.

O wie sehnsüchtig sah er jetzt über Bord, ob er nicht irgendwo Land erkennen und aussteigen könne, denn d i e Vergnügungstour hatte er schon bis oben hin satt; aber nichts war zu entdecken als Himmel und Wasser und immer weiter fuhren sie dabei in den großen Ocean hinein.

Wenn er dabei auch geglaubt hatte, er würde sich mit der Zeit an die Seereise gewöhnen, so fand er doch bald, daß er sich da schmählich geirrt. Je länger er fuhr, je schlechter wurde es ihm zu Muthe, der Kopf brannte ihm, als ob Feuer drinnen wäre, sein Magen revoltirte gänzlich gegen den ekelhaften Speck und er hielt sich um so mehr für schlecht und nichtswürdig behandelt, als es ausdrücklich in seinem Paß stand, daß alle Civil- und Militärbehörden unterwegs ersucht wurden, ihn frei und ungehindert passiren, auch ihm nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen – und hier sollte er sich behandeln lassen wie einen Hund?

Er ging jetzt direkt zum Kapitän und verlangte wieder an Land gesetzt zu werden, aber der sagte weiter nichts als: »geh zum Teufel!« und drehte ihm den Rücken, und die Matrosen verhöhnten ihn und lachten ihn aus.

Und jetzt begann der Sturm wieder zu toben; die Segel mußten eingenommen werden, und das Schiff fing an zu tanzen, daß Zacharias manchmal meinte, es müsse sich überschlagen, so hoch hob es sich vorn in die Höhe und fuhr dann wieder in die Tiefe hinab, bis ihm ordentlich der Athem ausging und er Luft schnappen mußte.

Er wollte sich jetzt in sein Bett legen, denn auf den Füßen konnte er sich doch nicht mehr halten, aber was half es ihm? Kaum war er hineingekrochen und machte die Augen zu, so schlenkerte das Schiff nach der andern Seite hinüber, und warf ihn wie ein Bündel alte Kleider an die andere Wand, daß ihn alle Rippen im Leibe schmerzten. Wieder kletterte er hinein, hatte sich aber noch nicht einmal ordentlich fest gelegt, als er noch unsanfter als vorher hinaus geschleudert wurde, und jetzt bekam er's satt.

»Nein,« schrie er, »so ein Hundeleben soll ja der Teufel holen – ich thu' nicht mehr mit,« und zugleich fuhr er in seine Kleider, zog sich fertig an und nahm dann auch seinen Tornister vom Nagel, um ihn zu packen.

Die alten Matrosen, die ganz gemüthlich in ihrer Hängematte schaukelten, lachten, und frugen ihn, ob er an Land wolle und auch tüchtig lange Wasserstiefeln habe – aber er antwortete ihnen gar nicht, schnallte seinen Tornister, mit den noch unbenutzten hellglänzenden Stiefelsohlen oben, fest, knöpfte sich seinen Rock bis oben hin zu, setzte seinen Hut auf und zog ihn sich vorn tief in die Stirn, holte seinen Knotenstock vor und hing ihn sich mit dem Lederriemen an's rechte Handgelenk, sagte »adjes miteinander« und stieg an Deck.

Gegen Alles, was ihn nach Außen umgab, schien er völlig blind geworden, nur an sich selber dachte er und die ihm hier gewordene nichtswürdige Behandlung, und so schritt er denn auch fest und entschlossen auf den Kapitän zu, der in seinen wasserdichten Kleidern auf dem Quarterdeck auf- und abging, und die Augen auf das kleine Segel gerichtet hielt, das sie in dem Wetter noch führen konnten.

»Herr Kapitän, ich wollte Ihnen man blos Adjes sagen,« bemerkte hier Zacharias, indem er seinen Hut abnahm und eine Verbeugung machte.

»Junge,« rief der Kapitän, »wie siehst Du denn aus? Bist Du verrückt geworden?«

»Bitte,« sagte Zacharias, »wollte nur fragen, ob Sie sonst noch etwas zu bestellen hätten.«

»Aber wo willst Du denn hin? – gehst Du etwa so schlafen?« lachte der Seemann.

»Auf die Wanderschaft will ich,« erwiederte aber Zacharias Hasenmeier, indem er seinen Hut jetzt wieder keck auf ein Ohr stülpte, »also Adjes Kapitain, leben Sie recht wohl, denn d i e Wirthschaft hier hätt' ich satt,« und damit drehte er sich um, der See zu, wo gerade eine riesige Woge heraufgestiegen kam, daß sie mit dem hohen Hinterdeck vollkommen gleich lief. Dort trat er auch ganz ruhig, als ob er ein festes Stück Grund und Boden unter sich gehabt, auf das Wasser hinaus, und sank natürlich in demselben Augenblick, wo er die Welle nur berührte, mit ihr in die Tiefe.