Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band

Ludwig Tieck · Kapitel 6 von 7 · Teil 2/5

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Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band

Die Wundersüchtigen. 1831.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.

Das wird er eben nicht thun, antwortete der Rath, er wird morgen mit einer

neuen Zweideutigkeit mich abfertigen, mich wieder auf einen andern Tag

vertrösten, und, wenn er meine Leichtgläubigkeit, oder meinen Charakter bei

dieser Spannung beobachtet und kennen gelernt hat, mich mit diesen oder jenen

Mährchen abspeisen, von denen er glaubt, daß sie mir zusagen. Alles das sage

ich mir und wiederhole es mir, und doch kann ich es mir nicht leugnen, daß ich

ungeduldig die Stunde des Wiedersehens erwarte, daß ich mir jenes seltsame,

unbegreifliche Geräusch in der Erinnerung wiederhole, und darüber sinne. Es

war, wie von vielen Menschen, wie Zank und Streit, ja Thätlichkeit,

verschiedene Stimmen antworteten sich heftig, so daß ich erstaunt die halb

angelehnte Thür öffne, in der sonderbaren Erwartung, viele fremde, heftige

Menschen in Gezänk in meinem verschlossenen Zimmer zu finden, und ihn doch

nur allein still in der Mitte des Raumes stehen fand. Es war Tag, nicht

Mitternacht, keine Vorbereitung war vorangegangen, ich kenne das Haus und er

nicht, — wie soll man darüber denken?

Lassen wir es, sagte Anton, bis morgen; die Stunde ist nicht so gar entfernt,

und erlauben Sie mir, Sie zu begleiten.

Keine Kreise gezogen? fiel der Obrist ein: kein Zauber-Apparat? keine

Citation? Sonderbar genug. Jenes habe ich auch einmal in meinem Leben gesehn

und mitgemacht, und es wies sich nachher als Betrügerei aus, aber man hatte

uns, die wir zugelassen wurden, durch Geheimniß, Rauchwerk, Gebet, Fasten

und Kasteiung so exaltirt und betäubt, daß unsere Imagination dem Magus schon

auf drei Viertheil seines Weges entgegen ging.

Als die Mutter in der Nacht mit der Tochter bei einer häuslichen Arbeit

verweilte, sagte sie: Ich kann Dir nicht beschreiben, wie widerwärtig mir diese

Geschichte ist, die sich da anspinnt. Wir waren einige Jahre so ruhig, und nun

wird Dein Vater wieder in solche Verwicklungen und Gedanken hinein gezogen,

die ich auf immer für abgethan hielt. Er meint, er hat Alles überwunden, und läßt

sich immer wieder von Neuem anlocken. Was ist es nur im Menschen, das der

Vernunft zum Trotz, auf die sich die Meisten doch so viel einbilden, immer Herz

und Phantasie in das Seltsame und Unbegreifliche hinüberzieht. Ich habe noch

keinen Menschen gekannt, der nicht abergläubig gewesen wäre.

Möchten sie es doch, antwortete Clara, denn ich bin es auch; und wie kann

man sich gewissen Wahrnehmungen oder Eindrücken mancher Träume, den Vorahndungen und dergleichen entziehn; wenn sie nur nicht mit ihrer

scheinbaren Philosophie so bedeutende Schlüsse aus Kindereien zögen, und so

schwerfällige Systeme darauf erbauten. So Vieles im Leben hat nur dadurch

einen Sinn, daß es eben mit nichts Anderm zusammenhängt, daß es Nichts

bedeutet. Sie wären aber im Stande, in einem Seufzer oder Kuß das ganze

Universum zu lesen, und die Ewigkeit der Höllenstrafen daraus zu beweisen.

Nun, meinen Schmaling werden mir die Geisterseher schön zurichten. Wären die

Menschen doch nur damit zufrieden, ihren eignen Geist kennen zu lernen. Weil

es aber da eben hapert, so sind sie freilich gezwungen, so viele fremde herbei zu

zitiren, um den eignen zu verstärken.

Am Morgen waren Alle beim Frühstück sehr einsylbig. Selbst Anton konnte

sich nicht verbergen, daß er in einer Spannung sei, die seinem Wesen sonst ganz

fremd war. Gegen zwölf Uhr erschien Sangerheim. Unterwegs sagte er: Ich bitte

Sie, von dem, was Sie vielleicht sehn werden, nicht zu laut und gegen Jedermann

zu sprechen. Was geht die Menge und das unwissende Volk unser Wesen an?

Das große Haus des Rathes lag in der Vorstadt. Es stand leer, weil die Familie

Willens war, hieher zu ziehn. Dies hatte freilich sein Beschwerliches, wenn

Seebach sein Amt nicht aufgab. So war es geschehn, daß man es in dieser

schwankenden Unentschlossenheit seit Jahren nur selten besucht hatte. Der Rath

öffnete und verschloß hinter sich die Thüren wieder. Im Saale angelangt, ging

Sangerheim wieder in jenes Zimmer, in welchem er gestern schon gewesen war.

Er ließ die Thüre hinter sich halb offen, Anton und der Vater blieben im Saal.

Plötzlich hörten beide ein verwirrtes Getöse, wie Schlagen an den Tapeten und

Degenklirren, dann Gespräch, Gezänk, Hin- und Widerreden verschiedener

Stimmen; auf verschiedene Fragen, die der Magus that, hörte man ein

bestimmtes: Nein! nein! Es geschieht nicht! näher und ferner ertönen. Endlich

erfolgte ein Knall, wie von einer Pistole; Beide stürzten in das Zimmer und der

Magus stand in der Mitte, in heftiger Bewegung und erhitzt. Er faßte die Hand

der Eintretenden und sagte: Nur bis heut Abend lassen Sie mir Zeit und ich sage

Ihnen Gewißheit. Noch widerspricht man mir, man will nicht nachgeben, aber es

wird sich ändern, wenn ich in meiner Wohnung noch eine Operation

vorgenommen habe. Sie trennten sich und Anton wie der Rath kamen

nachdenklich zu ihrer Familie zurück, die sie mit Aengstlichkeit erwartete.

Anton sagte: Der Mann ist ein recht künstlicher Taschenspieler, der einige

neue Stücke gelernt hat, die die Uebrigen noch nicht wissen. Man schwört

darauf, daß man verschiedene Menschen oder Geister vernimmt, man hört ein

Rauschen und Schwirren, Rasseln und Prasseln, wie ein Handgemenge, endlich

sogar einen bestimmten Pistolenschuß, aber es ist kein Dampf oder Geruch vom

Pulver zu spüren. Das Unkluge bei dieser Geschicklichkeit scheint mir nur darin zu bestehn, daß er sich immer so kurze Termine setzt, so daß sich seine

Vertröstungen schnell wiederholen und bald ermüden müssen. Mit den beiden

Kunststücken von heut und gestern hätte er uns wenigstens einige Wochen

hinhalten können.

Es kann nicht so seyn, wie Du es Dir denkst, sagte der Vater. Er muß auf

Etwas fußen, das ihn so sicher macht. Wäre die Sache, wie Du sie schilderst, so

müßte er übermorgen oder in einigen Tagen beschämt abziehn, denn ich habe

mich wohl gehütet, irgend großes Erstaunen oder entgegenkommende

Leichtgläubigkeit merken zu lassen. Gab er sich doch auch nicht einmal die

Mühe, uns auszufragen, so beschäftigt war er mit sich selber. Ihm selbst ist es

Ernst, und seine Aufmerksamkeit ist ganz auf die Sache, nicht auf uns

hingerichtet.

Du bist schon bekehrt und gläubig, sagte die Mutter.

Unmöglich, Liebe, antwortete der Rath, denn ich glaube noch gar Nichts, auch

giebt es noch Nichts zu glauben, sondern ich bin nur erstaunt, und kann in dieser

verwirrenden Verwunderung meine Seelenkräfte noch gar nicht wiederfinden.

Das ist vielleicht, bemerkte Clara, die beste Stimmung, um Wunder zu

glauben.

Kinder, sagte der Vater mit einiger Empfindlichkeit, tragt ihr nicht auch dazu

bei, meine Unruhe zu vermehren. Mein ganzes Leben hindurch habe ich gegen

den Aberglauben gekämpft, und es soll der Thorheit wenigstens mich zu

besiegen nicht so leicht werden, als ihr es für möglich zu halten scheint. Gelingt

es dem vorgeblichen Magus, uns diese große Summe zu retten, so sind wir ihm

ohne Zweifel Dank schuldig: kann er es nicht möglich machen, was er, fast mit

sicherm Versprechen, unternahm, so will ich denn auch nicht weiter grübeln, wie

er die sonderbaren Stimmen und das seltsame Geräusch hervorbrachte.

Alle waren scheinbar beruhigt, als der Rath, indem sich eben jeder in sein

Schlafzimmer begeben wollte, folgenden Brief noch in dieser nächtlichen Stunde

erhielt, der der ganzen Familie Ermüdung und Ruhe nahm:

Da es nicht bloß eine Aufgabe fürwitziger Neugier war, was meine Kräfte und

Kenntnisse in Anspruch genommen hat, da die Wohlfahrt einer

hochachtungswürdigen Familie gewissermaßen an die Erfüllung meines etwas

voreiligen Versprechens geknüpft ist, so hat der Widerspruch und Starrsinn

Derer nachgelassen, von denen Sie heut, wenn Jene auch nicht sichtbar wurden,

einige Kunde empfingen. Nicht unmittelbar, aber nach einigen kleineren

Zimmern, die verschlossen blieben, muß sich in jenem Hause, zu dem Sie mich

heut führten, noch ein Kabinet befinden, dessen Fenster auf den Garten gehn. In

diesem Kabinete ist ein Wandschrank, dem Auge nicht sichtbar, der sich durch

den Druck einer Feder öffnet. Nimmt man hier einen gewöhnlichen Kasten heraus, so zeigt sich unten ein Schieber, unter welchem sich dieses Papier, nebst

einigen andern Schriften, wohl finden wird.

Bei den letzten Worten, indem der Rath den Brief laut vorlas, schlug er sich

mit der flachen Hand heftig vor den Kopf, ward glühend roth und plötzlich

wieder todtenbleich, und rief mit lauter Stimme: O ich Dummkopf! Und daß ich

es vergessen konnte! Und daß mir ein ganz fremder Mensch, von dem ich

niemals in meinem Leben Etwas gehört habe, mir so auf meine Erinnerungen

helfen muß.

Die Frauen, so wie Anton und der Obrist, waren um so mehr erstaunt und

erschrocken, da sie niemals, obgleich sie das Kabinet kannten, von diesem

heimlichen Wandschrank Etwas erfahren hatten. Vergebt mir dies Verschweigen,

sagte der Vater, es ist mir eigen und eine Gewohnheit, die ich von Jugend auf

hatte, auch vor meinen Nächsten und Vertrautesten noch Etwas geheim zu

halten. So habe ich mir in jenem Hause diesen Versteck, um den kein Mensch

wußte, angelegt. Er ist so künstlich gemacht, daß, wenn man die Sache nicht

weiß, ich auch das schärfste Auge auffordern will, die Feder nur zu entdecken,

die die Wand eröffnet und verschließt. Vor vier Jahren, wißt ihr, wohnten wir

Alle drüben, weil dies Haus hier ausgebaut und anders eingerichtet wurde.

Indem wir wieder herüber zogen, fiel jene Reise vor, die ich eiligst in

Angelegenheit meines Fürsten machen mußte. Ich arbeitete die ganze Nacht,

ohne fast Nahrung zu mir zu nehmen. Auch meine eigenen Sachen ordnete ich,

und jenes Dokument war mir wichtig genug. Ich nahm es, so war ich fest

überzeugt, mit mir hier herüber, verschloß es in das geheime Schubfach meines

Schreibepultes, reisete ab, und kam erst nach drei verdrüßlichen, arbeitsreichen

Monaten zurück. Ich fand, so glaubte ich, alle meine wichtigen Papiere in

Ordnung, und, sei es die Reise, mag es von den Kränkungen herrühren, die ich

erlitten hatte, ihr wißt, daß ich in ein tödtliches Nervenfieber verfiel, von dem

ich nur schwer und langsam wieder genas. In dieser schlimmen Zeit hatte ich

mein Gedächtniß ganz verloren. Als ich wieder zum Leben erwachte, war es mir

die bestimmteste Ueberzeugung, daß ich das Dokument hier aufgehoben, und

seit meiner Rückkehr schon mehr wie einmal gesehn hatte. Darum wurde ich

eben ganz verwirrt, als es nun, nach Jahren, die wichtige Sache entscheiden

sollte, und sich nirgend antreffen ließ. — Doch laßt schnell anspannen, so spät es

ist, ich will noch in der Nacht jenen Wandschrank untersuchen.

Es wurde dem Kutscher eiligst der Befehl gegeben. — Wie kam es nur, fragte

der Obrist, daß Sie, auch nur aus müßiger Neugier, jene Stelle drüben im Hause

nicht untersuchten, und so zufällig das Papier fanden?

Sie wissen ja, antwortete der Rath, wie der Mensch ist. Hier diesen Schrank,

die Zimmer des Hauses hier kehrte ich mehr als einmal um, ich suchte mit Heftigkeit an allen unmöglichen Orten, war aber so fest und unwidersprechlich

überzeugt, daß ich das Heft von dort nach der Stadt genommen hatte, daß ich

mich selbst über die Frage als wahnsinnig verlacht haben würde, ob der Schrank

es noch bewahren könne. Und außerdem — — der Rath zögerte, und als der

Obrist in ihn drang, fuhr er fort: Lieber Vater, jene Wand enthält außerdem alle

Beweise und Erinnerungen meiner jugendlichen Schwärmereien und Thorheiten,

viele Arbeiten, die ich als Schüler dieses und jenes geheimen Ordens entwarf,

Abschriften aus seltenen Büchern, kabbalistische Rechnungen, Recepte zur

Tinktur, und was weiß ich Alles. Eins jener tollen Blätter hatte sich zufällig

hieher verirrt, das ich jetzt an eine andre Behörde geschickt habe, wo man es

vielleicht mehr achten wird, als hier geschah. Diesen Wust habe ich seit Jahren

nicht angesehn, weil mir davor graut. Denn, gestehe ich’s doch, ich weiß nicht,

ob ich stark genug bin, daß ich nicht hie und da lesen und wieder lesen sollte,

wenn ich mich einmal der Truhe nähere. Und bezwingt mich auch das Material

des verwirrenden Inhalts nicht, so ängstige ich mich doch mit Recht, mich

wieder in alle jene Stimmungen und Zustände zu versetzen, in welchen ich jenes

Zeug zusammengeschrieben habe.

Der Wagen fuhr vor, und der Rath, Anton und der Obrist stiegen ein. Als sie

allein waren, warf sich Clara der Mutter, heftig weinend, an die Brust. Wie ist

Dir, mein Kind? fragte die Mutter. Ach, Liebste! erwiederte Clara, Sie werden

mich vielleicht schelten, daß ich bei diesen Sonderbarkeiten, bei diesen Dingen,

die uns Alle so gewaltsam aufregen, etwas recht Albernes sage. Ich kann Alles

das nicht leiden. Sie sehn, wie gemein es klingt, aber ich kann keinen andern

Ausdruck finden, mag ich auch suchen, wie ich will. Wenn das Alles ist (und es

ist ja vor unsern Augen da, wir können es nicht mehr ableugnen), so ist mir das

Leben selbst widerwärtig. Mir entgeht alle Sicherheit, alle Lust zu denken und

zu handeln, denn meine Freude war es eben, daß Alles so unbewußt sich bewegt

und genießt, daß jedes Gefühl, jeder Gedanke um sein selbst willen da ist. Nun

soll Alles Zusammenhang haben, sich geistig auf einander beziehn. Es ist mir

unerträglich, so mit Gespenstern in innige Verbindung zu treten. Gespenst! Ist

denn so was nicht der ächte Gegensatz, der völligste Widerspruch mit Geist?

Sehn Sie, Liebste, das Alles handthiert nun so gewaltsam in meinem Innern, daß

ich lieber gleich im Fieber selbst phantasiren möchte, als von diesen Sachen

hören: und nun gar sie erleben müssen!

Tröste Dich, beruhige Dich, mein Kind, sagte die sorgende Mutter, Du

sprichst schon, wie im Fieber. Ich glaube Dich zu verstehn, und doch scheinen

mir Deine Ausdrücke zu herbe. Alles, was Du so schmähst, macht ja für viele

verständige Männer den Reiz des Lebens aus. Wie Vieles würde mancher der

Besten darum geben, wenn er sich durch dergleichen Wunder überzeugen könnte, die uns geboten worden, und die wir so wenig suchten, daß man sie uns

aufdrängen muß.

Das ist es eben, sagte Clara: ich kann mir keine Vorstellung davon machen,

wie steppendürre, wie öde es im Geist und Herzen solcher Menschen aussehen

muß, die sich dergleichen wünschen, die ihm nachjagen können. Ein heitrer

Blick aus dem lieben, unschuldigen Auge des Kindes, seine Kartenhäuserchen,

die es mühsam erbaut und lachend wieder umwirft, jedes Geschäft des Hauses,

Backen und Nähen und Stricken, der Handlanger, der mit dem Schweiß seiner

Arbeit seine Familie ernährt, o nennen Sie, was Sie wollen, auch das

Allergeringste, es ist ja ehrwürdiger und edler, als es diese Raritäten sind, die

sich so vornehm anstellen. Möchten doch lieber diese zwanzigtausend Thaler

verloren gegangen seyn, als daß sie wiederkommen, und uns dieses Irrsal mit in

das Haus schleppen.

Ich kann Dir nicht ganz Recht geben, Tochter, sagte die Mutter: mir graut

auch vor der Sache, aber dankbar müssen wir dem Manne doch seyn, wenn wir

durch ihn um so viel reicher werden.

Nein! rief Clara, wenn ich es nur hindern könnte. Ich habe immer über unsern

Consistorialrath gelacht, zu dessen Christenthum der Teufel eigentlich die

nothwendigste und unentbehrlichste Person ist, aber jetzt bin ich der Meinung

des heftigen frommen Priesters. Nur der Satan bringt diese Künste hervor, und

Jeder, der sich damit einläßt, ergiebt sich ihm. Die Langeweile plagt natürlich

den alten verdammten bösen Geist, und da weiß er sich nun keinen bessern

Zeitvertreib, als die Menschen durch allerhand Blendwerk dumm und konfus zu

machen. Es wird schon so seyn. Diese fatalen Beschwörer glauben ihn zu

beherrschen, er spielt mit ihnen, wie die Katze mit der Maus, und nachher sehen

sie denn mit Entsetzen, daß sie immerdar in seinen Stricken und seine leibeignen

Knechte waren. — Ach! und mein Schmaling! der ist nun auch so ein kleiner

goldner Fisch, den sich die Unbarmherzigen mit ihren eisernen Haken herauf

angeln und über sein Bluten nur lachen. Welch hartes, sonderbares Schicksal,

daß mich eine Leidenschaft zu einem Manne ergriffen hat, den ich eigentlich

nicht ganz achten kann. Ich liebe ihn und gebe ihm mein ganzes Herz, ich fühle

es, ich kann ohne ihn nicht seyn und leben, — und doch widerstrebt mir so

Vieles in seinem Wesen: Sie werden sehn, dieser Blutsauger, der Sangerheim,

macht mir mein Liebchen, meinen Auserwählten noch ganz verrückt. — Ich

muß wider Willen lachen. Vergeben Sie mir, Mutter.

Sie lachte laut, um nachher um so heftiger zu weinen. Die Mutter, die zwar die

sonderbare Gemüthsart ihrer Tochter kannte, wurde doch besorgt, daß sie krank

werden möchte, und wollte sie bereden, sich nieder zu legen: Clara wollte aber

durchaus die Rückkunft des Vaters erwarten, und erfahren, wie das seltsame Abentheuer geendigt habe. —

Man war in der Vorstadt abgestiegen, um mit einer Laterne in das finstre Haus

zu gehn. Die Stimmung der drei Männer war feierlich und der Geheimerath

Seebach zitterte, indem er die breiten und widerhallenden Stufen hinauf stieg. Im

Saale standen sie still, ruhten und zündeten einige Kerzen an. Sie eröffneten die

übrigen Zimmer, gingen hindurch und gelangten endlich vor jenes Kabinet. Ehe

der Rath aufschloß, sagte er zu seinen Begleitern: Ich muß Euch bitten, Theure,

wenn ich den Wandschrank eröffnet habe, und nach jenen Blättern suche, daß Ihr

mich ganz allein gewähren lasset, weil ich nicht wünsche, daß Sie, lieber Vater,

und noch weniger mein Sohn, Etwas in jenen Skripturen lesen mögen, die so

Vieles enthalten, das ich jetzt selbst ganz vergessen habe. Der Rath schloß auf.

In dem kleinen Zimmer, das, wie alle übrigen, lange nicht geöffnet war, war ein

seltsamer Dunst. Der beklemmte Rath öffnete das Fenster, ein frischer Luftstrom

zog herein, und man vernahm das Flüstern der Linde und das Rauschen des

Holunderbaumes, die dicht vor dem Fenster standen. Ist es Euch so seltsam, wie

mir, zu Muthe? fing der Rath wieder an. Mir dünkt, es kommt mir jetzt schon

viel weniger darauf an, diesen bedeutenden Theil meines Vermögens zu retten,

als nur die Wahrhaftigkeit jenes wunderbaren Mannes bestätigt zu finden: ob ich

gleich von ihr schon überzeugt bin.

Er drückte an die ganz glatte Wand und sie eröffnete sich. Oben in der Mauer

standen einige Geräthe und Gefäße, die auch eine magische Bedeutung haben

mochten. Seebach bückte sich und holte einen schweren Kasten aus dem

Behältniß, der Briefe, Bücher, Maurer-Symbole und dergleichen enthielt. Er ließ,

indem er in den Verschlag trat, den Sohn hinein leuchten. Man sah Nichts, und

nur der Vater konnte den künstlichen Schieber finden, der zurückgedrängt

wieder eine andere geräumige Oeffnung entdeckte. Gleich oben lag das vermißte

Dokument und ein großer Zettel daneben, auf welchem mit großen Buchstaben

stand: Das Dokument über die zwanzigtausend Thaler findet sich in meinem

geheimen Wandschrank, unten, im Hause der Vorstadt. — Es war auch

hinzugefügt: Sollte ich auf der Reise sterben, so suche man — und hier war

genau für den Fremden beschrieben, wo man die Feder und den Schieber

entdecken könne.

Seht, Freunde, rief der Rath, dieses Blatt wollte ich aus Vorsorge in mein

Schreibpult legen, um das Dokument ja nicht zu vergessen. Aber die eilige

Arbeit, die Wichtigkeit der Geschäfte, die nahe Abreise machten, daß das

Vergessen den Sieg, wie es so oft geschieht, über die Vorsicht davon trug. Für

meine Familie, im Fall ich von der Reise nicht zurückkommen sollte, war noch

diese genaue Bezeichnung hinzugefügt.

Er übergab das Dokument seinem Sohne, der es sorgfältig in die Brieftasche legte. Hierauf bückte sich der Vater wieder und nahm alle übrigen Papiere aus

jenem tiefen Raume, die in mehreren verschlossenen Mappen und sorgfältig

zugeschnürten großen Heften enthalten waren. — Was machen Sie da? fragte der

Obrist. — Da das Geheimniß des Schrankes, sagte der Rath, jetzt ein öffentliches

ist, so will ich alle diese Papiere mit mir nehmen, um sie in meinem Stadthause

sicher zu verwahren. — Er trug sie selbst mit Anstrengung die Treppen hinunter

und in den Wagen, und wollte sich weder vom Obristen, noch seinem Sohne

helfen lassen.

Als sie wieder im Wagen saßen, fing der Rath an: Was soll man nun, meine

Lieben, von dieser ganzen Sache denken? — Denken? erwiederte der Sohn, fürs

Erste wohl gar Nichts, denn wir haben noch lange an unserm Erstaunen zu

genießen. Dann wollen wir uns des Geldes und des gewonnenen Prozesses

freuen, und Clara vorzüglich mag dem Magus danken, weil ohne ihn ihre

Aussteuer wäre verkürzt worden. Mit dem Zauberer müssen wir auch

Freundschaft halten, der unserm Hause geholfen hat. Mit allen diesen Dingen

können wir uns eine Weile die Zeit so leidlich vertreiben, denn es scheint mir

gefährlich und bedenklich, zu früh über diese Sache denken zu wollen. Haben

wir doch genug daran zu thun, sie zu glauben. Und ableugnen läßt sie sich nun

einmal nicht.

Ich begreife Deinen Leichtsinn nicht, erwiederte der Vater. Kannte dieser

Sangerheim mich und meine Familie? und wenn dies war, konnte er von diesem

Papiere wissen? und wenn er davon erfahren hätte, konnte er diesen geheimen

Schrank entdecken? Setzen wir auch den noch wunderbarsten und seltensten

Zufall, er habe nach mehr als zwanzig Jahren den Tischler gefunden, der ihm

diesen Schlupfwinkel verrathen hätte: wie viel Unerklärliches bleibt noch zu

erklären? Und wie viel Unnatürliches, Unmögliches muß man schon

gewaltthätig zusammen raffen, um nur das Leugnen des Wunderbaren und

Unbegreiflichen bis zu dieser Spitze zu treiben?

Darum eben, mein lieber Vater, antwortete Anton, ist diese Entfernung von

allem Grübeln, sich aller Gedanken zu entschlagen, was Sie, um mir einen

Vorwurf zu machen, Leichtsinn nennen, hier recht an der Stelle. Helfen wir uns

doch mit nichts Besserm, als diesem Leichtsinn, der aber auch edler Natur seyn

kann, bei den allerwichtigsten, heiligsten und höchsten Dingen, wenn wir uns

nicht geradehin der Verzweiflung oder dem Wahnsinn ergeben wollen. Wenn

unsre Gedanken vor dem Bilde der Ewigkeit scheu umkehren, oder an der

Gottheit und Allmacht des Schöpfers ermatten müssen: — was können wir

anders thun, als uns in diesen Leichtsinn retten, der uns so kindlich, so tröstend

entgegen kommt? Mag es nicht eben so Pflicht und Weisheit seyn, zu Zeiten

gewissen Gedanken auszuweichen, wie es ein andermal unerläßlich ist, sie aufzusuchen, und bis in das Innerste hinein zu ergründen? Nicht jeder Stunde

geziemt Alles.

Weisheit! sagte der Alte unwillig; wenn die Unerfahrenheit sie lehren will! —

Sie waren angelangt und stiegen zum Wohnzimmer hinauf, in welchem Clara

und die Mutter sie erwarteten. Man sprach, erzählte noch, und der Vater sorgte

vorzüglich, seine Skripturen in Sicherheit zu bringen. — Der frühe Morgen

überraschte sie noch im Gespräch, sie legten sich nieder, um noch einige

Stunden zu schlafen, aber Keinem von Allen ward mehr als ein unruhiger

Schlummer zu Theil, der sie nicht erquickte.

 

———

 

Diese Begebenheit, obgleich sich Alle vorgenommen hatten, nur zu den

Vertrautesten von ihr zu sprechen, war bald in der Stadt bekannt, und machte

großes Aufsehn. Und, wie es zu geschehen pflegt, erzählte man sich den

seltsamen Vorfall bald mit den wunderlichsten Zusätzen, indem Jeder glaubte,

am Besten von dem Wunder unterrichtet zu seyn. Sangerheim, der dieses gerade

hatte vermeiden wollen, war hiedurch sehr verstimmt, und wurde es noch mehr,

als er erfuhr, daß der regierende Fürst selbst sich von seinem Rathe Seebach die

denkwürdige Sache hatte vortragen lassen. So kam es denn, daß Sangerheim

nicht nur zu allen Versammlungen und Gesellschaften sehr gesucht wurde,

sondern daß auch am Hofe Nachfrage nach ihm geschah. Alles dies schien ihm

sehr gleichgültig, denn er bekannte selbst, nur einen Zweck im Auge zu haben,

nehmlich die gewöhnliche Freimaurerei verächtlich zu machen und zu stürzen,

zu welcher sich in dieser Provinz die angesehensten Männer bekannten, und die

zugleich die größte Achtung genossen. Es gelang ihm auch, die Logen zu stören

und verdächtig zu machen, und viele der eifrigsten Brüder zu sich hinüber zu

ziehn.

Indem er mit diesen arbeitete, ihnen den Irrthum deutlich machte, in welchem

sie bisher gewandelt waren, verschiedene Grade einrichtete und geheimnißvolle

Weihungen vornahm, mysteriöse Zeichen, Amulete und Gehänge austheilte,

deren Deutung er sich vorbehielt, saß der geheime Rath Seebach in seinem

Zimmer und vertiefte sich in jenen Schriften, die ihm seine leidenschaftliche,

sonderbare Jugend wieder vergegenwärtigten. Er hatte mit Recht die zauberhafte

Wirkung dieser Papiere gefürchtet, denn er verlor sich so in Erinnerungen, daß

die Gegenwart fast gar keine Gewalt über ihn ausübte. Vieles hatte er ganz

vergessen, über Manches dachte er jetzt anders, aber doch erschien ihm Alles in

einem andern Lichte, als er erwartet hatte, denn er fand zu seinem Leidwesen,

daß die großen Fragen keinesweges so abgeschlossen waren, als er es neuerdings, ohne wiederholte Untersuchung, zu seiner Beruhigung angenommen

hatte.

Diejenigen, die den alten Logen treu geblieben waren, sprachen über

Sangerheim sehr erbittert, und behandelten ihn, ohne daß sie es beweisen

konnten, wie einen Betrüger. Schmaling, so wie der Arzt Huber, die gleich seine

eifrigsten Anhänger geworden waren, kämpften mit aufgeregter Leidenschaft

diesen Verleumdern entgegen, und die ganze Stadt, die viele Jahre hindurch

ruhig gewesen war, nahm heftig Parthei für und gegen den Fremden. Dieser und

seine Freunde bemühten sich, den elenden Zustand der neueren Maurerei und

das Unwesen der Logen in das grellste Licht zu stellen. Man berechnete, wie viel

die Lehrlinge, deren keiner abgewiesen wurde, jährlich einbrächten, wie die

älteren Brüder nur dahin strebten, Vorsteher, Redner und Meister vom Stuhl zu

werden, um durch diese und andre Würden freien Theil am Schmause zu

erhalten. Man zeigte, wie verdächtig die Wohlthätigkeit dieser Maurer sei, und

erzählte und wiederholte ärgerliche Geschichten, die allgemeinen Anstoß gaben.

Man machte sich lustig darüber, wie sehnsüchtig sie irgend einem Geheimniß

entgegen sähen, wenn sich nur irgendwo eins wolle auftreiben lassen; wie gern

man es sich, behutsam verpackt, aus England oder Schottland verschreiben

möchte, und keine Kosten spare, damit man den sehnsüchtigen Forschern doch

nur irgend Etwas zu verheißen hätte. Jene Logen der strikten Observanz hatten

aber auch Manches mitzutheilen, was der Wißbegierige und Schadenfrohe gerne

anhörte. Man erzählte: dieser Sangerheim sei nichts anders als ein Spion, von

einer großen Macht des südlichen Deutschlands ausgesendet, um in den

nördlichen Provinzen Zwiespalt auszusäen, und Mißtrauen zwischen Volk und

Regierung zu erregen. Der verhaßte Name der Jesuiten wurde nicht geschont,

um ihn und seine Freunde zu bezeichnen und verdächtig zu machen. Man wollte

in seiner Wohnung eine weiße Frau, oder vielmehr ein entsetzliches Gespenst

gesehn haben, und der neuerungssüchtige Pöbel fügte hinzu, daß Kobolde und

Teufel in seiner Wohnung freien Aus- und Eingang hätten. Man scheute sich

nicht, zu behaupten, er stelle dem Leben des regierenden Herrn und seiner

Familie nach, und es gab keine so abgeschmackte Lüge, die nicht in irgend

einem Kreise einen Schwachkopf fand, der sie geglaubt hätte. So sehr diese

ältern, aufgeklärten Logen den eindringenden Neuling aber auch haßten, so sehr

beneideten sie seine Kenntnisse und Geheimnisse, und wären ihm gern

freundlich entgegen gekommen, wenn er ihnen nicht so unverhohlen den Krieg

angekündigt hätte.

So war die freundliche Stadt, die sich bis dahin einer schönen Geselligkeit

erfreut hatte, von Zwiespalt zerrissen, der sogar viele Familien ergriffen, und die

nächsten Freunde und Verwandte einander entfremdet hatte. Wie man stritt und verleumdete, bewies und zankte, die Meinungen hin und her schob, so merkte

von Allem Derjenige, der eigentlich die Veranlassung dazu gegeben hatte, der

geheime Rath Seebach, am wenigsten von dieser Verwirrung, weil er bei Tage

wie in der Nacht fast immer über jenen Papieren sann und brütete, die er aus

seinem Schranke gleichsam von Neuem erbeutet hatte. Alle Träume und

Wünsche seiner Jugend wurden nun lebendig in ihm, er konnte nicht begreifen,

wie er bis dahin alle diese Gedanken und Erfahrungen als Kindereien so

unbedingt hatte abweisen können. Er war seitdem gegen seine Familie weit

zurückhaltender, und ihn gereute selbst das Wenige, was er seinem Sohne

vertraut hatte. Die Mutter klagte, die Tochter trauerte, und der Obrist war

verdrüßlich, aber ohne Erfolg. Nur Anton blieb in seiner heitern Laune und

sagte: Was wollt Ihr? Mein Vater verjüngt sich wieder; ist denn das nicht ein

Glück, welches wir gern unsern Geliebten gönnen, und es ihnen immerdar

wünschen? Warum sollen wir denn unsre Erfahrungen auch nicht einmal von

rückwärts erneuern? Zum Kindischwerden hat es mit meinem lieben Alten noch

Zeit, aber die Kindlichkeit ist ja fromme Tugend und ein Glück der Erde.

Er ging dem verdächtigen Sangerheim aus dem Wege, so oft er diesem

begegnete. Und dazu fand er oft Gelegenheit, denn so wenig der Magier auch

zur Familie gehörte, so besuchte er sie doch täglich, und oft kam er zweimal am

Tage, um den Herrn des Hauses zu sehn, und sich mit diesem einzuschließen. Sie

arbeiteten dann, lasen, schrieben, und man wollte in der Familie sagen, daß sie

gemeinschaftlich magische Operationen vorgenommen hätten.

Als unmittelbar nach jener Nacht der geheime Rath sich dem Unbekannten

hatte dankbar erzeigen wollen, sagte dieser: Demüthigen Sie mich nicht,

verehrter Bruder, durch ein solches Anerbieten. Ich habe, was ich brauche, und

es wird mir nicht leicht fehlen. Sollten sich irgend einmal die Verhältnisse anders

gestalten, so werde ich mich mit Vertrauen zuerst an Sie wenden, und Sie

werden mir dann meine Bitte nicht abschlagen.

Als der Rath ihm von Neuem seine Dankbarkeit ausdrückte und zugleich den

Wunsch aussprach, ihn näher kennen zu lernen, erwiederte der Fremde: Was ich

von mir weiß, oder Ihnen sagen darf, will ich Ihnen, geliebter Bruder, gern

mittheilen, denn wir verstehn den Freund um so besser, wenn wir seine äußere

Geschichte, die Umrisse seines Lebens ebenfalls vor uns sehn. So wissen Sie

also, daß ich im Jahr 1745 geboren bin, und zwar in Paris. Mein Vater war nichts

Geringeres, als ein Prinz von königlichem Geblüt, aber meine Mutter war eine

Bürgerliche, die sich durch schöne Worte, Versprechungen, vorzüglich aber

durch die einnehmende Gestalt meines Vaters hatte täuschen lassen. Ich wurde

gut erzogen, und der theuerste Lehrmeister für jede Kunst und Wissenschaft mir

gehalten. Mein Vater hatte große Freude an mir, und verzog und verzärtelte mich. Das ist das größte Unglück, das einem Kinde meiner Art widerfahren

kann, denn in spätern Jahren wird es doch wieder in die Bahn zurückgewiesen,

in die es nach den Einrichtungen der Welt gehört. An einem sittenlosen Hofe war

meine Abstammung eines jener öffentlichen Geheimnisse, das alle Welt kennt

und belacht, und eben so Jeder, wenn es ein ernstes Wort gilt, verleugnet. Ich

hatte oft das Glück, den König zu sehn, der zuweilen so mit mir spielte, als wenn

er selbst ein Kind gewesen wäre. So lange man als Kind hübsch und artig ist,

wird man über die Gebühr von Weibern und Mädchen bewundert; treten die

Jahre ein, in denen sich der Knabe streckt und auswächst, so wird er von

verwöhnten Menschen um so mehr übersehn, wohl gar verfolgt, und das Beste

im Kinde wird verhöhnt, wie früherhin das Gleichgültigste vergöttert ward.

Auch diese Erfahrung mußte ich machen, so wie späterhin die noch schlimmere,

daß mein Vater, der sich mit einer jungen tugendhaften Dame vermählte,

nachdem er einige Jahre als Wittwer gelebt hatte, mich aus Engherzigkeit und

mißverstandener Moral verleugnete. Damals bemächtigte sich eine tödtende

Bitterkeit meines jungen Herzens. Nachher ging mein Haß in Verachtung über,

und ich vermied, wie ich nur irgend konnte, den Anblick des Prinzen. Ich erhielt

eine Stelle beim Regiment, ward Lieutenant, Hauptmann, Obrist, und man

ersparte mir sogar den Dank für diese Wohlthaten und Auszeichnungen.

Die Maurerei war in Frankreich etwas so Gewöhnliches, daß jeder junge

Mann von Welt und Erziehung zur Brüderschaft gehören mußte. Es war fast

nicht mehr, als wie man eine Loge im Theater nimmt. Der Krieg brachte mich

nach Deutschland und ich lernte hier einige ernstere Brüder und ein tieferes

Forschen kennen. Als aber mein Wissenstrieb erwachte, konnte mir Keiner

eigentlichen Bescheid geben. Jeder hoffte vom Andern das zu erfahren, was er

so schmerzlich entbehrte, und was Jeder nur ungern, und endlich mit Scham

gestand, nicht zu besitzen. Ich ging durch alle Grade, durch alle Sekten, hatte

viele hochklingende Namen, vielerlei Kreuze und Kleidungen erworben und als

aufmunternde Amulete erhalten, aber eigentlich Nichts erfahren. Das

Sonderbarste war, wenn ich mich erforschte, daß ich eigentlich selbst nicht

wußte, was ich denn nun wissen wollte. Jenes leere Ideal, jener nüchterne

Cosmopolitismus, den Sie uns neulich schilderten, war mir freilich auch von

Einigen gepredigt worden, aber er konnte meiner brennenden Wißbegier am

wenigsten genügen. Wenn wir sehn, wie uns durch mechanische Kunst die

Thiere gehorchen, wie der Wind das Segel schwellt und dem Schiffer dient, wie

das Feuer uns die Berge und ihre Metalle zu leibeignen Vasallen macht, und eine

arme Mischung von Kohlenstaub, Salpeter und Schwefel uns Mauern und

Thürme niederwirft, so meinte ich, der so vorgeschrittne Mensch dürfe auch in

das Geisterreich seine gebietende Hand hineinstrecken, und auch die Kräfte müßten ihm gehorchen, die man nur gemeinhin die unsichtbaren und

unbekannten nennt, weil Keiner das Auge dreist erhebt.

Aber nirgend fand ich Rath und Hülfe. Auch in England nicht; gewissermaßen

hier am wenigsten. Ich kam auf die Vermuthung, die sich mir späterhin als

Wahrheit bestätigt hat, daß alle diese Menschen von Klügeren mit Spielwerk und

nüchternen Reflexionen, oder Symbolen der ehemaligen Tempelherrn nur

hingehalten werden, damit sie ja nicht erwachen und das wahre Licht erkennen.

Nach dem Frieden verließ ich den Dienst und Soldatenstand, und nur meine

Sehnsucht, so wie die Verehrung der Kunst trieb mich nach Italien.

Hier nun war es, vorzüglich in Florenz und Rom, wo mein Leben in eine so

andre, bis dahin nie geahndete Bahn gerieth, daß ich Ihnen, geliebter Bruder,

wenigstens für jetzt, von den Erfahrungen, die ich machte, von den

Erkenntnissen, die mir mitgetheilt wurden, Nichts offenbaren darf. Aber die Zeit

wird kommen, ich sehe sie schon vor mir dämmern, wo ich Ihnen Nichts mehr

zu verschweigen brauche. Als ich nach Frankreich zurück kam, bemerkte ich,

wie Saint Martin und seine Schüler Manches in der Ferne gesehn haben, wie

Fludd und die deutschen Rosenkreuzer nicht zu verwerfen sind, und wie

vorzüglich ihr großer Jacob Böhme oft fast unmittelbar an das Centrum des

heiligen Geheimnisses geräth, von dem auch Paracelsus und der tiefsinnige van

Helmont schon einen Anblick, wie durch einen fliehenden Nebel hatten. Diesen

großen Männern fehlte Nichts, als Bekanntschaften in Italien, wie sie mir ein

günstiger Zufall verschaffte, um schon in der Kunst die höchste Stufe zu

ersteigen. Ich bin auch überzeugt, daß hie und da ein Deutscher, weil diese

Nation vielleicht das größte Talent zum Tiefsinn besitzt, wohl das Mysterium

gefunden hat. Es Unwürdigen mittheilen, ist die größte Sünde, und deshalb sind

Prüfungen verschiedener Art und mancherlei Grade nothwendig.

Der Rath Seebach schien im Wesentlichen mit diesen Ansichten

übereinzustimmen. Er theilte dem neugewonnenen Freunde viele jener

jugendlichen Schriften, Auszüge und Bemerkungen mit, und Sangerheim sagte

nach einigen Tagen: es ist, verehrter Bruder, wie ein Wunder, daß Sie in Ihrer

Jugend schon so sicher auf dem richtigen Wege gingen, sich aber doch zu bald

durch Schwierigkeiten und einige Blendwerke, die ihnen die Meister wohl

absichtlich entgegen schickten, zurück schrecken ließen. Wer so früh so

vorgearbeitet hat, dem muß es im reifen Alter ein Leichtes seyn, auch das

Allerhöchste zu erringen.

Der Obrist, der sich zurückgesetzt fand, war mürrisch und verdrüßlich, und es

gelang dem wunderbaren Gaste nur schwer, ihn wieder zu gewinnen. Als dies

geschehn war, arbeitete der Greis, um auch Vorschritte zu machen, um so

eifriger. Schmaling, der dem Magier ganz ergeben war, fühlte sich in Gegenwart seiner Geliebten nicht mehr so heiter und froh, als ehemals, und der Arzt Huber

war glücklich, daß er endlich einen Bruder gefunden hatte, der Talent und

Einsicht genug besaß, sein System, dessen Anhänger er schon lange war, dem

Geheimenrathe gegenüber so geltend zu machen, daß dieser selbst sich dazu

schon halb bekannte.

Der weibliche Theil der Familie war in tiefer Trauer, denn Clara’s scharfes

Auge bemerkte sehr gut die Veränderung, die mit ihrem Geliebten vorgegangen

war. Er sah sie selten, und wenn er in ihre Nähe kam, war er tiefsinnig oder

zerstreut. Ihn ergötzte kein Spaziergang mehr, kein Gespräch konnte ihn

aufheitern, so sehr war er seinen seltsamen Forschungen hingegeben. Die

Gesellschaft Antons vermied er mit auffallender Aengstlichkeit, weil dessen

Scherz ihn einigemal verwundet hatte. Welche reizbaren Geister, sagte dieser zur

Schwester, müssen es seyn, die durchaus gar keinen Spaß verstehn? Könnte man

sich dergleichen Unsterbliche wohl zu seinem Umgange wünschen? Ich

wenigstens gewiß nicht. Aber unser Schmaling muß, ich weiß nicht welchem

trübsinnigen Elfenkönig, den feierlichen Eid abgelegt haben, niemals wieder zu

lachen. Und wenn der junge Mann doch nur einsehn wollte, wie schlecht ihm

diese Feierlichkeit zu Gesichte steht. Er ist, wenn er lacht und heiter blickt,

zehnmal so liebenswürdig. Fährt er aber so fort, so bekommt er Runzeln und

Falten, wie ein Rhinozeros. Solche Stirnrunzel sieht aus, als wenn ein ganzer

Acker fruchtbarer Erde aus dem Kopfe genommen wäre. Es sind die wahren

Lückenbüßer, die andeuten, wie alle Gedanken entflogen sind. Die Stirn hat

immer, so wie sie es merkte, nachgeschnappt, um festzuhalten; so sind diese

Gruben geworden.

Mir ist Dein Scherz zuwider, sagte Clara, denn ich sehe das Glück meines

Lebens gestört. Dieser unglückliche Besuch hat Alles geändert und der

aufgereizte Schmaling bedurfte nur einer solchen Veranlassung, um sein ganzes

Wesen umzuwandeln.

Sei über ihn beruhigt, antwortete der Bruder, ich habe schon dafür gesorgt,

daß er wieder curirt werden soll. Mir ist ein Mittel beigefallen, das ich für

untrüglich halte.

Wenn es nur, erwiederte die Schwester, durch diese Cur nicht noch schlimmer

wird, wie es wohl zuweilen der Fall ist. Wer kann überhaupt wissen, was noch

aus Arzt und Kranken wird.

Um mich darfst Du unbesorgt seyn, sagte Anton, laut lachend, denn mein

Wesen ist zu prosaisch, um sich umstimmen zu lassen.

Wir erleben, antwortete die Schwester, so Manches, was wir nicht erwarteten.

Bist Du Deiner so gewiß?

———

 

Die Gegenwart Sangerheims hatte in allen Gemüthern Empfindungen, Ansichten

und Neugier aufgeweckt, alte Erzählungen wieder neu in Umlauf gebracht, die

man schon vergessen hatte, und es war kein Haus, in welchem nicht Meinungen

behauptet und bestritten wurden. Die Maurer der vorigen Tage waren in das

größte Gedränge gekommen und viele, und zum Theil die angesehensten, hatten

den Fremden für ihren Meister anerkannt. Als der Gelehrte sah, mit welchem

Eifer man für und wider kämpfte, vorzüglich aber als er bemerkte, wie die

Familie seines alten Freundes in Verwirrung gerathe, nahm er sich vor, Etwas zu

thun, um die vorige Ruhe und Behaglichkeit wieder her zu stellen. Man hatte

ihm erzählt, wie sehr der Rath sich an den verdächtigen Fremden schließe, und

wie dies nicht allein Frau und Tochter betrübe, sondern ihm vom Minister und

dem Fürsten selber nicht gut ausgelegt werde. Ferner sagte eines Tages zu

Anton: dieser Trieb in uns, ohne welchen wir kein Interesse an Wissenschaft und

Geschichte nehmen könnten, muß sorgsam bewacht und gehütet werden, wenn

er den Geist nicht in Gegenden verlocken soll, in denen aller ächte Trieb zum

Wissen erlischt. Alle Kräfte in uns sollen im Gleichgewichte stehn und nur dann

ist der Mensch gebildet und verständig; darum kann ihn, wie es so oft geschieht,

ein überwiegendes Talent unglücklich machen. Die Lust am Geheimniß und

Wunder darf auch nur verstärkt werden, wenn Witz und Scharfsinn, Vernunft

und Verstand ebenfalls sich beleben. Diese Harmonie des Menschen fällt aber

nicht ins Auge, und darum dünkt sie auch oft den Aufgeregten etwas Geringes

und selbst Verächtliches.

Anton hatte dem Professor einen Plan mitgetheilt, um Schmaling, der sich am

unbedingtesten der Schwärmerei ergab, auf gelinde Weise durch Beschämung

wieder zur Vernunft zurück zu führen. Er hatte die Bekanntschaft eines Mannes

gemacht, und ihn auch in das Haus seines Freundes, des Professors, geführt, der

sich in kurzer Zeit das ganze Vertrauen des Jünglings erworben hatte. Es schien

in der That, als wenn dieser Freund, der sich Anderson nannte, Jeden gewinnen

müsse, dem er sich nähere; so konnte er durch Scherz und Ernst, Witz und

Tiefsinn, Laune und Munterkeit in das Wesen der verschiedensten Charaktere

eingehn, indem er bald in jedem Menschen eine Seite auffand, für die er sich

interessirte, und so im geistreichen Gespräch den Mitsprechenden klüger und

einsichtsvoller machte, als dieser sich sonst erschienen war. Wer dieses Talent

besitzt, gewinnt die Menschen am sichersten. In den meisten ist irgend eine

Gegend des Geistes fruchtbar, und bringt eigenthümliche Gewächse hervor. Die

Natur hatte wohl die Absicht, daß von hieraus die Originalität des Wesens

hervorgehn, und das Individuelle desselben sich geistreich ausbilden sollte. Aber unsre Erziehung, einförmige und conventionelle Cultur, Geschäfte und

Vielwisserei ersticken bei den Meisten schon früh diesen Keim. Die meisten

Gespräche werden nur geführt, damit Jeder sich selbst hört, und den Andern so

wenig äußerlich wie innerlich zu Worte kommen läßt. Geräth aber ein

Menschenkünstler, ein ächter Virtuos, über diese verwahrlosten Instrumente, so

weiß er auch den baufälligsten wundersame Töne zu entlocken.

So war Jedermann in der Gesellschaft dieses Anderson klüger und witziger,

als für sich selbst, oder im Umgang mit Andern. Er war daher in allen

Gesellschaften gern gesehn, die er auch nicht vermied und allenthalben

Unterhaltung fand. Sein Aeußeres war eben nicht sehr empfehlend, er war klein

und stark, von breiten Schultern, und sein Kopf stand zwischen diesen etwas

eingepreßt auf einem dicken Halse.

Durch Sangerheim waren alle früheren Nachrichten von dem großen

Wunderthäter, dem Grafen Feliciano, neu belebt worden. Briefe bestätigten von

Neuem seine unbegreiflichen und schnellen Heilungen der schwierigsten und

tödtlichsten Krankheiten, die die größten Aerzte schon verzweifelnd aufgegeben

hatten. Man erzählte sich, wie er in einer großen Stadt des Auslandes in einem

Palaste ganz wie ein Fürst lebe, von glänzender Dienerschaft umringt. Kein

Armer verlasse seine Schwelle, der nicht reichlich beschenkt würde. Geld achte

er wie Spreu, er bedürfe der Gnade keines Königs, denn er habe jüngst einem

Staate eine ungeheure Summe geschenkt, um den Fürsten aus einer Verlegenheit

zu ziehn. Daß das Auflegen seiner Hand tödtliche Wunden schließe und die

hartnäckigsten Krämpfe löse, war nur etwas Unbedeutendes: denn Todte sollte er

schon geweckt haben, Abwesende aus fernen Ländern zitiren können, so daß sie

den Freunden oder der Familie in sichtbarer Bildung erschienen, so wie er

seinem eignen Geiste zuweilen gestatte, aus dem Körper zu wandern, um

plötzlich in Asien oder Amerika einem Freunde, der ihn magisch gerufen habe,

beizustehn. Daß alle Geister ihm zu Gebote ständen, die guten wie die bösen,

bezweifelte Keiner, der mit Vertrauen und Glauben von ihm sprach. —

Schmaling, der wenig in Gesellschaft kam, sondern ganz seinen sonderbaren

Studien und seinem Meister lebte, war dem merkwürdigen Anderson niemals

begegnet, und darum hatte diesem heitern und gefälligen Manne der

übermüthige Anton den sonderbaren Vorschlag gemacht, daß er die Rolle des

berühmten Feliciano spielen solle, um so Schmaling zu täuschen, und ihn so,

indem er einsähe, wie leicht er hintergangen werden könne, in seiner Verehrung

Sangerheims irre zu machen. Der muntre Anderson war auf diesen Plan

eingegangen, und um so lieber, weil er oft tadelnd von diesem Sangerheim und

dessen Arbeiten sprach. Im Hause des Professor Ferner wollte man eine

geheimnißvolle Zusammenkunft veranstalten, von der aber der Magus Sangerheim nichts erfahren dürfe.

Ferner war lange diesem Projekt entgegen gewesen. Er sagte auch jetzt: ich

bin kein Freund von dergleichen Mystificationen. Sie sind nach meinem Gefühl

ganz und gar dem Wesen und dem Anstand einer gebildeten Gesellschaft

entgegen. Der Hintergangene hat Ursach, es nachzutragen, und es ist ihm nicht

zu verargen, wenn er niemals wieder Vertrauen faßt. Indessen mag eine gute

Absicht diesmal die Sache entschuldigen; nur fürchte ich, daß Sie sich mit

unserm Schmaling völlig verrechnet haben.

Der Versuch wird immer das Uebel nicht ärger machen, antwortete Anton:

auch ist es gerade in der Hinsicht ein glücklicher Zeitpunkt, weil die Freunde

Feliciano’s melden, er habe jene Stadt wieder verlassen, um von Neuem eine

Reise nach Aegypten zu machen, und aus den Pyramiden viele Mysterien hervor

zu suchen.

Man traf noch eine nähere Abrede, und Anton ging, um jenen Anderson, zu

welchem er eine große Zärtlichkeit gefaßt hatte, wieder aufzusuchen.

Der Rath Seebach stand oft in seinem Zimmer, vor seinen Papieren, die vor

ihm ausgebreitet lagen, und dachte seinem Leben und den wechselnden

Empfindungen nach, die ihn in den verschiedenen Perioden seiner Bildung

bestürmt hatten. Wohin geht dieser Lauf? sagte er eines Morgens zu sich selbst;

dasjenige, was ich als einen festen Besitz errungen zu haben glaubte, droht mir

wieder wie Wasser zwischen den Fingern zu entrinnen. Bleibt es doch wahr, daß

in jener Nüchternheit, die ich vormals rühmte, die sichre Grundlage des Lebens

ruht. Meine Jugend, und alle jene wilden, ungezügelten Bestrebungen

überströmen wieder alle Dämme und Ufer, schon beginnt mir der Anblick

dessen, was ich so lange als das Schöne und Edle erkannte, Langeweile,

Widerwillen und Ekel zu erregen, denn zu unbedeutend, unbestimmt und

mittelmäßig dehnt es sich vor mir aus. Hingehalten durch Hoffnungen,

eingewiegt mit Versprechungen, aufgeregt durch Winke, und betäubt durch

Erscheinungen, die ich sehe, aber nicht begreife, die mich erschrecken, und an

die ich doch nicht glauben kann, wird mein Dasein zum Traum. Welch

sonderbares Band zieht mich zu diesem fremden Mann, und verknüpft mich ihm:

ihm, dem ich mein ganzes Vertrauen schenken möchte, und der in diesen

Momenten der Hingebung mich am meisten zurück stößt? Ich sehe, daß er

geheime Kenntnisse besitzt, die er mir mitzutheilen verspricht, und mir dennoch

vorenthält. Heut ist er ganz Offenheit, morgen lauter zurück haltende

Weiter: Teil 3 von 5