Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band
Die Wundersüchtigen. 1831.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
wissen. Wie er der jüngern Kirche entsagt hat, um die ältere lieben zu können, so
giebt es auch vielleicht hinter dem Vorhang eine ältere mütterliche Braut, die zu
ehlichen seine unsterbliche Pflicht ist, denn ich merke, diese Wunderthäter
können Alles möglich machen. Ich hörte sonst wohl, die katholische Kirche habe
die Freimaurerei in schweren Bann gethan, ich sehe aber wohl, es gibt
Ausnahmen für Alles. Sonst wurden viele junge Menschen Maurer, um auf
Reisen eine gute Aufnahme und gastfreie Brüder zu finden, eine unschuldige
Ursache, sich einweihen zu lassen. Jetzt aber, — wie Kunstreiter auf ihre
Geschicklichkeit, Taschenspieler auf ihre schnellen Hände, so reiset dieser
Sangerheim auf die Kunst herum, allenthalben die bestehenden Logen zu
stürzen. Wenn er denn Geister zitiren kann, so mag er dem armen Schmaling den
seinigen wiederschaffen. Vielleicht ist der aber schon in der Loge verbaut, oder
als Winkelmaß eingerichtet. Also nach Rom hin sieht denn dieser Orient? Schmaling wird gewiß einmal diese Herren segnen, die ihn jetzt so reich und
groß machen, wenn er erst sein ganzes Elend kennt, und ihm sein verarmtes
Herz zerbricht.
Sie überließ sich der Trostlosigkeit und weinte heftig. Der Vater wußte ihr
Nichts zu sagen, er beschwor sie, nur nicht in der ersten Entrüstung den Brief zu
beantworten. Er selbst schrieb an Schmaling, um ihn mit allen Gründen, die er
aufführen konnte, von dem Schritte abzuhalten, den er zu thun im Begriff war.
———
Endlich bestimmte sich auch der Graf Feliciano, seine große Reise fortzusetzen.
So sehr der Rath seinem Sohn Anton Alles vorhielt, was Vernunft und Gefühl
ihm nur eingeben konnte, so ließ sich Anton dennoch durch Nichts abhalten, mit
seiner jungen Frau, deren Kind bald nach der Geburt gestorben war, dem Grafen
zu folgen. Auch der Professor gab seinen Knaben, wenigstens für einige Zeit,
dem berühmten Feliciano mit auf die Reise, weil der Magier gefunden hatte, daß
dieses Kind vorzüglich begabt sei, die Visionen zu sehn. Die Mutter hatte sich
indessen von der Loge wieder zurückgezogen, denn es war ihr zu empfindlich
gewesen, daß das Bauermädchen eines größeren Ansehns, als sie selber, genoß;
man hatte sogar in Vorschlag gebracht, daß die Unerzogene nach der Abreise des
Grafen und seiner Gemahlin Vorsteherin derselben werden sollte; da sie aber die
Wunderthäter begleitete, um noch höhere Grade zu empfangen, und der höchsten
Geheimnisse theilhaftig zu werden, so war der Räthin die Würde angetragen
worden, die sie nach diesen Vorfällen mit Verachtung ausgeschlagen hatte.
Wenn also der Rath um seinen Sohn und dessen Schicksal bekümmert seyn
mußte, so hatte er wenigstens die Beruhigung, daß seine Gattin mit ihm und der
Tochter wieder einverstanden war. Die Frau, die nicht ohne Charakter und
Verstand war, bereute jetzt ihre kurze Verblendung um so mehr, als sie jetzt,
kühler geworden, einzusehn glaubte, wohin das Gaukelspiel ziele. Durch die
Loge hatten sich mehrere Liebschaften und Verbindungen, und zwar nicht von
den anständigsten, angeknüpft; auch Scheidungen fielen vor, und man hielt es
bald für verdächtig, dieser Gesellschaft anzugehören, so daß die Frauen selbst
nach kurzer Zeit dieses Logenspiel wieder aufgaben, und um so leichter, da man
nur Wenigen Geheimnisse mitgetheilt hatte. Diese Wenigen waren nachher von
Allen vermieden, die ein strengeres Leben führen wollten.
In jener großen Stadt hatte sich Sangerheim indessen eingerichtet und einen
viel größern Anhang, als in der Residenz gefunden. Die dortigen Freimaurer
waren durch ihn gewissermaßen aufgelöst worden, viele derselben in seine Loge
getreten, und man sprach fast nur von dieser neugebildeten Brüderschaft, die sich großer Geheimnisse rühme. Es fehlte nicht an seltsamen Berichten. Man
wollte Geister gesehn, die größten Dinge prophezeit haben, man war auf dem
Wege, den Stein der Weisen zu entdecken, oder der Meister war vielmehr im
Besitz desselben, und die liebsten Jünger durften hoffen, desselben bald auch
theilhaftig zu werden.
Auf seinem Zuge berührte der Graf Feliciano auch diese Stadt, und beschloß,
mindestens einige Tage hier zu verweilen. In dieser Zeit gewann er den
enthusiastischen Schmaling sehr lieb, und hatte ihn fast immer um sich, mit ihm
über seine Bestimmung, das Geheimniß und das Licht zu sprechen. Dieser junge
Mann und Anton, die sich früher in allen Dingen widersprochen hatten, waren
jetzt in allen Ueberzeugungen miteinander einverstanden. Der Arzt Huber,
welcher auch schon, um Sangerheims Umgang zu genießen, nach dieser Stadt
gekommen war, vereinte sich mit ihnen. Sie erfreuten sich jetzt an Antons
Weisheit, der fast der Heftigste von ihnen war, und lernten dankbar und
demüthig von dem, der ihnen vor weniger Zeit noch als ein unbedeutender
Freigeist erschienen war.
Eine Versammlung der vertrautesten Brüder war zu einer Abendmahlzeit bei
Sangerheim vereinigt. Huber und Schmaling fanden sich ein, und der Graf
beehrte mit Anton durch seine Gegenwart die Gesellschaft, die zahlreich war,
weil noch Manche in der Stadt, die Sangerheims Vertrauen genossen und die
begierig waren, den fremden Wunderthäter kennen zu lernen, sich mit Bitten
hinzugedrängt hatten.
Der Graf wußte seine Person geltend zu machen und wurde von allen
Anwesenden wie ein überirdisches Wesen verehrt. Er war im Anfange
zurückhaltend und karg mit seinen Worten, nach und nach aber ward er
gesprächig, heiter und mittheilend. Er suchte, so schien es, die Gesinnung und
das Wesen Sangerheims ausforschen zu wollen, ohne ihm selbst näher zu treten.
Sangerheim, der sich vor seinen Schülern und Anhängern keine Verlegenheit
wollte zu Schulden kommen lassen, erörterte viele Punkte, die er sonst lieber
vermieden hätte, zu denen ihn aber der forschende Graf in künstlichen
Wendungen hindrängte. Dadurch gewann der Klügere so sehr die Oberhand, daß
Sangerheim dem Grafen gegenüber selbst als Schüler und Lehrling erschien. Am
meisten fiel dies dem wißbegierigen Schmaling auf, der bis dahin seinen Meister
für den ersten Menschen der Welt gehalten hatte. Wie sonderbar, sagte er zu sich
selbst, daß mein Meister, die große, edle Gestalt mit dem Feuerauge und der
hohen Stirn, mit diesem kräftigen und vollen Ton, diesem untersetzten Manne,
mit den hohen Schultern, dem matten Auge und der schwachen krähenden
Stimme gegenüber klein erscheinen kann. Erkennt er denn vielleicht in ihm ein
höheres Wesen? Ist dieser Fremde wohl einer der unbekannten Obern, von denen ich immer so viel sprechen höre?
Auch Huber und manche der Gegenwärtigen mochten etwas Aehnliches
denken. Da bei dem leckern Mahle die feinen Weine nicht gespart waren, so
belebte sich das Gespräch immer mehr. Jeder der Anwesenden wollte sich vor
dem großen Fremden mit seinen Gedanken und Kenntnissen zeigen, oder Etwas
von ihm lernen, und wenn auf viele Fragen die Antworten des Grafen auch nicht
klar und glänzend ausfielen, so gab die Dunkelheit oder das Zweideutige
derselben doch immer Vieles zu denken.
Schmaling lenkte endlich das Gespräch auf die Religion, und Sangerheim sah
sich genöthigt, den Wink, den er Manchen im Geheim gegeben hatte, jetzt als
eine Lehre laut auszusprechen, daß nur Derjenige, der zur katholischen Kirche
gehöre oder überträte, der höchsten Grade und der wichtigsten Geheimnisse
theilhaftig werden könne.
Feliciano sah ihn lange mit einem großen fragenden Blicke an und sagte nach
einer Pause, die alle Anwesenden in der größten Spannung erhielt: Ist das Euer
Ernst, großer Meister?
Wie anders? fuhr Sangerheim fort, da die übrigen Partheien, die sich ebenfalls
Christen nennen, immerdar ein geistiges Geheimniß verletzen und sich der
Wundergabe, der Inspiration, der Anschauung der Mysterien entziehn? Sie
können Vieles sehn und erforschen, aber der Anblick des Allerheiligsten ist
ihnen nicht vergönnt; sie können nur von den sieben höheren Graden fünfe
erringen. Ihre Sekte an sich selbst schließt sie nicht aus, wohl aber ihre
Glaubensunfähigkeit: überwinden sie aber diese in der Rührung ihres Herzens,
so treibt sie der eigne Geist von selbst, sich der älteren Kirche wieder
anzuschließen.
Der älteren? nahm Feliciano mit großem Ernste das Wort auf; welche ist
diese? Kennt Ihr sie? War vor dieser ältern nicht wohl eine noch ältere und
ächtere? Wozu Eure vielen Grade, wenn Euch dieses wichtigste Mysterium
mangelt?
Hindert Euch Nichts, großer Mann, fiel Schmaling ein, dieses etwas deutlicher
auszusagen?
Wir sind nur von Brüdern umringt, antwortete der Graf, die früher oder später
von selbst das finden werden, was ich ihnen andeuten kann, und darum brauche
ich in dieser edlen Gesellschaft, die keine weltliche ist, meine Worte nicht
ängstlich abzumessen. — Was die Christenheit spaltet, ist neu und zeitlich,
Priesterwort und willkührliche Satzung ist schwer vom ächten Fundament
desselben zu unterscheiden, und so kommt es, daß in den protestantischen
Kirchen vieles ächter und wahrer ist, als was die Katholiken in ihrer Lehre
vortragen, die Alles, was Luther predigte, nur Neuerung nennen. Aus beiden Kirchen ist zu lernen, aber nur dem ist es möglich, dem der Sinn frei geblieben
ist. Gab es denn nicht, längst vor Entstehung des Christenthums, die ächte, völlig
ausgebildete Maurerei? Diese war denn doch wohl noch älter, als die alte Kirche.
Und was bedarf sie denn also dieser, um der Wunder, des Wissens, der
Geheimnisse theilhaftig zu werden? Sie genügt sich selbst, und sie wäre nicht
das Höchste und Beste, was der Mensch erringen kann, wenn sie in irgend einer
Religion eine Stütze oder Bestätigung finden könnte.
Sangerheim schien erstaunt, aber Feliciano fuhr fort: gedenkt nur an den
großen, weisen Salomo und seinen Tempelbau, an Hiram, und an alle Legenden
und Symbole, die auf unsern großen und alten Meister, den weisesten des
Orientes, hindeuten. Ihr wißt es Alle, wie den Lehrlingen mit diesen Symbolen
und ihren Deutungen der Kopf verwirrt, wie sie zerstreut werden, damit sie nur
die Wahrheit nicht finden sollen, die ein Eigenthum der höhern Geister bleibt.
Salomo empfing, als ein Würdiger, das Geheimniß der Maurer von großen
unsterblichen Obern, er baute den Tempel und stiftete die Loge des
Geheimnisses, indessen der gemeine Mann im Prachtgebäude auf herkömmliche
Weise den Gott anbetete, den er nur für einen Gott seiner Nation ansehn konnte,
der mächtiger sei, als die Götter der andern Völker. Wo steht in unsern Büchern
und Sagen, in Allem, was uns von Salomo überliefert ist, daß er von Gott abfiel,
daß er ein Götzendiener wurde? Er hätte, wenn dies gegründet war, nicht mehr
Meister des heiligsten Stuhles, nicht mehr Oberer und Bewahrer des
Geheimnisses bleiben können. Diese falsche Legende ließen die Priester nur in
die Schrift hinein schreiben, weil er sich ihnen entzog, und ihrer Zunft nicht die
Gabe zu weissagen, Wunder zu thun, Todte zu erwecken, Geister zu rufen und zu
bannen, Gold zu machen, mittheilen wollte. Diese Kräfte, diese Herrschaft über
die Geister, diese Geheimnisse der Loge, die nur Wenigen mitgetheilt wurden,
welche die höchsten Weihen schon empfangen hatten, diese sind die hohen
Gewalten, die von der Unwissenheit der Priester Götzen genannt wurden.
Freilich waren es ihnen ausländische, fremde Götter, weil ihnen die Kenntniß
derselben entzogen wurde.
Diese herrliche, glänzende Zeit der Maurerei verfiel nach dem Abscheiden des
großen Königs und Meisters. Die Obern zogen sich zurück, die meisten nach
Indien. Späterhin finden wir Elias und Elisa als Eingeweihte wieder, die von der
tauben Menge und von den verstockten Königen nicht verstanden wurden. Ganz
verbarg sich nachher die hehre Kunst, und wandelte aus dem Tempel und
Jerusalem in die Wüste. Da treffen wir sie unter den Essäern oder Essenern
wieder an. Das heißt, die Gelehrten, die Geschichtforscher der Welt wissen nun
wieder Etwas von ihr, denn für den wahren Maurer giebt es in der Geschichte
seiner Kunst keine Lücke. Ich führe nun auf das, was Allen bekannter ist. Diese Männer hatten schon seit lange im Stillen gearbeitet: seit vielen Jahrhunderten
war es ein Grundgesetz der Maurerei, welches Salomo und Andre beobachtet
oder noch fester gegründet hatten, daß die ächte Erkenntniß ein Geheimniß seyn
und bleiben müsse, da die blöde, rohe Welt, die unwissende Menge das Heilige,
wenn es sich ihr mittheilen wolle, nur mißverstehn und entweihen könne. Hier
stehn wir nun an der großen und merkwürdigen Geschichts-Epoche. Die heilige
Gesellschaft der Essäer zertrennte sich um jene Zeit in zwei sich
widersprechende Gesellschaften. Ein Theil beharrte auf dem Grundsatz, Alles
müsse geheim bleiben, weil nur so die Verbindung aus der Ferne wohlthätig auf
die Menschen und ihr vielfaches Unglück wirken könne. Aber viele erleuchtete
Männer waren vom Gegentheil überzeugt. Zwei große Geweihte wurden
ausgesendet, der zweite noch mächtiger und größer, als der erste, Johannes der
Täufer, und der göttliche Stifter der christlichen Religion, der erhabene
Menschenfreund, der aus Erbarmen gegen seine unglücklichen, im Elend
schmachtenden Brüder ihnen das Wort des Lebens mittheilen wollte. Lange
kämpften die beiden Partheien der Erleuchteten gegen einander. Das Mysterium
war auf eine Zeit lang offenbar worden, aber, neben der Wohlthat brachte es im
Mißverständniß unermeßliches Elend über die Länder und Völker. Der große
Eingeweihte selbst und seine Freunde sahen es ein, und er starb den
Versöhnungstod. Nach und nach ward das Mysterium dem Volke wieder
entzogen, das spätere Christenthum und die Hierarchie bildeten sich aus, und
verdeckten mit Satzungen, Gebräuchen, Ceremonien, Putz und Kunst das
geistige Geheimniß, das wir nur hie und da im Lauf der Zeiten aufleuchten, und
wie einen Blitz vorüber fahren sehn. Dem Kundigen genug, um das Licht zu
erkennen; dem Unwissenden nur eine Blendung oder Veranlassung, sich wieder
einer leidenschaftlichen Sektirerei zu ergeben. — Wozu also, großer Meister
Sangerheim, wenn Ihr diese Wahrheiten erkennt, ist Euch zur Weihe die
katholische Kirche noch nöthig, da diese selbst nur eine abgeleitete aus unserm
ältern, ächten Orden ist? da sie Nichts darstellt, als das Mißverständniß eines
Geheimnisses, das ihr freilich Anfangs lauter übergeben ward? Und darum sagte
ich, daß in gewissen Punkten der Protestant eine ältere Kirche besitze, und Ihr
werdet nun, mein Freund, wahrscheinlich verstehn, wie dieser kurze Ausspruch
gemeint war.
Der Graf mußte es bemerken, welchen sonderbaren Eindruck dieser Vortrag
auf die meisten seiner Zuhörer machte. Bei Einigen war das Erstaunen mit
Unwillen gemischt, Einige gaben Beifall, den man einen schadenfrohen hätte
nennen mögen, denn sie sahen mit bedeutsamem Lächeln nach Sangerheim
hinüber, der, so sehr er sich zwang, seine Verlegenheit jetzt nicht mehr verbergen
konnte, und sich, Hülfe suchend, an Diejenigen wendete, die mit der Rede des Grafen unzufrieden schienen. Er sagte endlich, nach einigen Erörterungen: So
sehr wir verbunden seyn mögen, so sind wir also doch wieder getrennt; es mag
seyn, daß sich die Wahrheit unterschiedliche Bahnen sucht. Nach Ihrer
Ueberzeugung ist die Maurerei das Einzige und Höchste; ich stütze mich noch
auf die Heiligkeit der Kirche und offenbarten Religion.
So gebt die Maurerei auf, rief der Graf, der erhitzt schien: wozu soll sie Euch
helfen, wenn Euer Herz und Glaube sich in der Religion befriedigt und sättigt?
Und woher kommt denn diese Religion? Ist sie denn nicht, wie ich schon sagte,
ein ungeschickter Versuch, einige der verschwiegenen Mysterien zu
offenkundigen Wahrheiten zu machen? Und damit diese wenigen Wahrheiten
sich erhalten können, meistentheils nur scheinbar, weil sie doch unverstanden
sind, muß das Gerüst des Kirchendienstes dazu erbaut, muß der große Teppich
gewirkt werden, der bedeckend herumgehangen wird, und diese wenigen
Wahrheiten wieder in Geheimnisse verwandelt, die keiner sieht und findet,
indessen sich das Volk an den bunten Bildwerken ergötzt, und die Priester sich
zanken, und die Verständigsten unter den Layen von der ganzen Sache eigentlich
gar keine Notiz nehmen. Seht, Meister, so steht es wahrhaft, wenn ich denn doch
einmal reden soll, ohne, wie man sprichtwörtlich sagt, ein Blatt vor den Mund zu
nehmen.
Großer Meister, erwiederte Sangerheim, Euer Geist ist gewaltig und groß, Ihr
fahrt wie ein Sturmwind daher, und predigt wie die Begeisterung. Was Ihr
weissagt, habe ich wohl verstanden, aber die Obern, die ich verehren muß,
würden auch Euch, so stark Ihr seid, so viele Zeitalter Ihr gesehn haben mögt,
Hochachtung abzwingen, und wohl eine andre Ueberzeugung Euch geben.
Mir? sagte der fremde Meister: wißt Ihr denn, ob ich sie nicht längst kenne?
Es ist aber noch die Frage, ob sie mich auch kennen, auch wenn ich vor ihnen
stände.
Wie meint Ihr das, Großmeister? fragte Sangerheim.
Ihr fragt, und fragt immer wieder, antwortete der Magus erhitzt und mit
funkelnden Augen, und wollt doch auch Großmeister seyn. Obere nennt Ihr sie?
Gut. Aber es kann doch auch wohl einen Obersten dieser Obern geben, die
diesem dienen und gehorchen müssen, denen er nur so viel Weisheit zukommen
läßt, als ihm dienlich scheint, die deshalb verschiedene Systeme ausbreiten, die
er alle von seiner Höhe lenkt. So sind diese katholisch, jene protestantisch;
einige nennen sich Rosenkreuzer, andre Tempelritter; der will Vernunft und
Freiheit des Volks, jener Mystik und die Würde des Königs begründen und
verbreiten; diese Ritter des Grabes, des Todes und Lebens, Illuminaten, und wie
sie vielfältig sich betiteln, — können sie nicht vielleicht alle von einem
unbekannten obersten Obern abhängen? Und ist Euch diese alte Sage, da Ihr doch so Vieles wißt und erfahren, in Euerm Orden noch nicht vorgekommen?
Wer seid Ihr? rief Sangerheim wie entsetzt aus.
Ich bin, der ich bin! antwortete der Fremde. Erkennt Ihr mich daran noch
nicht? — Ob ich auch Feliciano, oder einen ältern Namen nenne, gilt dem
Nichtwissenden gleichviel. Seid Ihr aber ein Wissender, so will ich in einer
Chiffer, einem kleinen Symbol aussprechen, wer ich bin. Reicht mir das Blatt
und den Stift.
Er zeichnete und gab dann mit Lächeln das Papier dem Meister hinüber,
indem er scharf sagte: Wenn Ihr der seid, für den Ihr Euch ausgebt, so müßt Ihr
mich nun erkennen. Doch zeigt es Niemand.
Sangerheim nahm das Blatt, sah und erblaßte. Er wickelte die Zeichnung
zusammen und ließ sie schnell am Licht verbrennen. Ich sehe nun, daß Ihr jener
wahre Oberste seid, dessen Zeichenschrift man nur denen der höchsten Weihe
vorzeigt. Ich beuge meine Knie und meinen Geist vor Euch.
Die letzte, entscheidende Erklärung hatte alle Gegenwärtigen in Verehrung
und Demuth zum Grafen hinüber gezogen. Feliciano stand auf, machte ein
Zeichen, das alle verstanden, und sagte: Kraft meines Amtes schließe ich hiemit
diese Loge. Alle erhoben sich. Der Graf faßte hierauf die Hand Sangerheims und
sagte: Junger Mann, Du wandelst einen gefahrvollen Weg, aber Du bist so weit
vorgeschritten, daß ich nur warnen, Dich nicht mehr lenken kann und darf. Du
kennst die Geister, Du bezwingst sie und sie gehorchen Dir, — aber, sie kennen
Dich besser, als Du sie kennst. Dir sind sie geheimnißvolle, wunderbare,
unbegreifliche Wesen, und Du bist ihnen so verständlich und klar, daß sie Alles
wissen, was in Deinem Gemüthe ist. Das Verhältniß des ächten Magiers muß
aber das ganz umgekehrte seyn, Du mußt Deinen Geistern ein ganz wundervoll,
geheimnißreiches Wesen bleiben, mit Furcht und Schaudern müssen sie Dir
dienen. Kannst Du sie nicht noch zu Sklaven machen, daß sie vor Dir erbeben,
wird ihnen Deine Natur immer klarer näher gebracht, wähnst Du gar,
Freundschaft mit ihnen stiften zu können, dann — wehe Dir! Furchtbar werden
sie Dich einst, vielleicht bald, wegen ihrer aufgezwungenen Dienste zur
Rechenschaft ziehn. —
Er ging mit feierlichem Schritte fort, und Schmaling folgte ihm zitternd. Die
Zurückgebliebenen sahen sich forschend an, und wußten nicht, was sie aus
diesen letzten Worten machen sollten. Nur Sangerheim schien sie zu verstehn
und sank bleich und von Anstrengung erschöpft, in einen Sessel zurück. Meine
Freunde, sagte er nach einiger Zeit, ihr seid Alle Zeugen der wunderbaren
Begebenheit, die sich zugetragen hat. Ihr wißt nun Alle, welche Kämpfe, welche
Gefahren ich noch zu bestehn haben werde: welche Angriffe mir aus dem
Geisterreiche her drohen. Erliege ich in meinen großen Bemühungen, so war es doch nicht Unkunde, die mich auf diesen gefahrvollen Weg trieb, sondern die
Liebe zum Heiligsten der Wissenschaft.
Alle verließen den Meister, dankend, hoffend, ihn ermunternd, und Jeder ging
tiefdenkend nach seinem Hause.
———
Schmaling trat mit dem Großmeister, dem unbekannten Obersten, zu welchem
ihn eine ungemessene Ehrfurcht, eine Art von Anbetung hinzog, zugleich in sein
elegantes Schlafgemach, indem er an allen Gliedern zitterte. Ich wage es, Ihnen
zu folgen, Größter aller Sterblichen, — doch, was sage ich? vielleicht einem
Unsterblichen.
Feliciano sah ihn mit einem hochrothen Gesicht und glänzenden Augen an.
Dem Jüngling erschien der Meister in einem wunderbaren Lichte, denn er sah,
daß Dieser wankte, und sich lachend niedersetzte. Ei! mein Kind, fing er darauf
an, da bist Du ja auch! Das ist schön, daß Du kommst, so können wir noch in
stiller Nacht ein wenig mit einander schwatzen.
Er stand wieder auf, und wankte nach einem Schranke hin. Ich habe mich
verleiten lassen, fing er wieder an, heute, meiner Gewohnheit entgegen, viel zu
sprechen, und noch mehr von den starken Weinen zu trinken. Unpolitisch. Ich
will mich nun an diesem Trank, den ich nur meinen ägyptischen Wein zu nennen
pflege, wieder nüchtern zechen, weil dieser noch viel stärker ist, als dort das
beste Getränk. — Er leerte einen großen Becher, den er aus einer sonderbaren
Flasche gefüllt hatte, die in allen Farben glänzte und mit vielfachen
Hieroglyphen bemalt war. — Trink, mein Söhnchen, sagte er dann, und reichte
dem jungen Manne den Becher, koste wenigstens diesen Wundertrank.
Schmaling setzte bald ab, denn diese Essenz, aus Gewürzen abgezogen, war
ihm zu stark. Feliciano sah ihn freundlich lächelnd an und sagte: Liebes
Bürschchen, kein Mensch in der Welt hat mir noch so sehr als Du gefallen,
begleite mich, sei mein Freund und wahrer Schüler, und ich will Dir alle meine
Weisheit mittheilen. Das andre Menschenvolk ist so plump und unliebenswürdig,
Keiner ist mir noch aufgestoßen, dem ich mich ganz ergeben möchte. Du allein
hast mein Herz gewonnen, und zu Dir möchte ich wahr und offen seyn können,
weil mich das Zusammenschnüren, wie ich es der Uebrigen wegen mit mir
treiben muß, genirt und langweilt. — Aber was wolltest Du noch von mir
erfahren oder erfragen?
Die Stimme des Mannes lallte, und es schien, als wenn dieser ägyptische Wein
eher das Gegentheil, als die beabsichtigte Wirkung hervor gebracht hätte.
Schmaling war verlegen und mochte sich selber nicht gestehn, was er zu bemerken glaubte; er sagte: Großer Meister, wenn es mir erlaubt ist, zu fragen,
und noch einen Augenblick bei Ihnen zu verweilen, so möchte ich wohl
erfahren, wie Sie es gemeint haben, was meinem Freunde die Geister, und auf
welche Art sie ihm schaden könnten: was Sie sagten, schien zwar ein gewisses
Licht zu geben, war mir aber doch noch unverständlich.
Feliciano schlug in seinem Sessel ein lautes Gelächter auf, an dem er sich nur
nach geraumer Zeit ersättigte, dann sagte er: Je, Kind, liebstes Kind, nimm doch
Vernunft an. Was ich dort gesagt haben mag, weiß ich nicht mehr, aber ich
meine, es wird mit seinen Geistern und allen den Geschichten ein klägliches
Ende nehmen, weil der Gimpel selbst an seine Geister glaubt.
Weil er an sie glaubt? fragte Schmaling im höchsten Erstaunen.
Ja, liebes Närrchen, fuhr der Magus fort, sieh, deswegen muß es ja
nothwendig und natürlich ein ganz miserables Ende mit ihm nehmen. Er betrügt
die Welt und seine Schüler, und das ist recht und billig; mit den unter uns
bekannten Kunststücken läßt er Geister und Gespenster erscheinen, aber der
erste Dummkopf in der Welt ist, der selbst durch sich selbst getäuscht wird. Ich
kam ihm in allen Richtungen entgegen und erwartete sein Bekenntniß, das mir
allein am Tisch verständlich gewesen wäre. Aber seine Obern haben den
Menschen auf eine mir unbegreifliche Art so dumm gemacht, daß, wie er auch
betrügt und Andre täuscht, er doch glaubt, es werde sich ihm mit der Zeit das
ächte wahre Wunder mittheilen.
Schmaling wußte nicht, wie ihm geschah. Er betrachtete die Decke und
wieder den verehrten Meister, sich selbst, den Fußboden und wieder den
trunknen Wahrsager, der jetzt von Wein geschwächt und von seinem Uebermuth
begeistert so Vieles aussagte und verrieth, was er nüchtern geworden am Morgen
wahrscheinlich bereute.
Laß die Narrenpossen, sagte der Graf, und mache es möglich, daß wir uns
Beide verständigen. Du bist zu gut, um unter dem aberwitzigen Jan Hagel so
mitzulaufen, Du verdienst es, die höchsten Grade und alle mit einander in einem
Augenblicke zu erhalten. Ich höre, Du willst da in Deiner Stadt heirathen. Zieh
mit mir, die ganze Welt steht einem so schönen, so feinen und schmiegsamen
Mann, wie Du es bist, offen; alle Weiber, die schönsten und vornehmsten,
werden Dir entgegen laufen. Du wärst mir dazu ganz anders brauchbar, als der
tölpische Anton, Dein Jugendfreund, der aus einem Freigeist und
Uebervernünftigen so mit beiden Beinen in die Dummheit hinein gesprungen ist.
Er lachte wieder, daß er vor Schmerzen inne halten mußte. Du weißt
vielleicht, fing er wieder an, wie ich schon ein Weilchen in Eurer komischen
Stadt als ein Herr Anderson lebte. Ich hatte so die beste Gelegenheit, Alles
auszuspioniren, und mein pfiffiger Bedienter noch mehr. Ich kannte schon alle Verhältnisse, auch die Mesalliance des Herrn Anton mit einem hübschen
Bauernmädchen, die er nun in seiner kühlen Verständigkeit so schlechthin
aufzuopfern dachte. Dieser tugendhafte Anton wollte nun Dich, mein liebes
Kind, bessern und korrigiren, daß Du den Aberglauben ließest. Das kam mir
ganz erwünscht in den Weg gelaufen, daß ich mich für den großen, berühmten
Feliciano ausgeben sollte, der ich zufällig selber war. Die Bäuerin hatte ich
kennen lernen und ihre Verzweiflung gesehn: ich hatte von ihr ein Bildchen
machen lassen, das ziemlich ähnlich war. Sollte es doch auch nur für einen
Augenblick dienen. Der Professor Ferner hat ein allerliebstes Kind, einen
überaus klugen Jungen. Man glaubt nicht, wenn man es nicht so oft, wie ich,
erfahren hat, wie schon der ganze Spitzbube in den Kindern steckt. Das Lügen,
das den meisten angeboren ist, darf nur ein wenig erfrischt und aufgemuntert
werden, so geräth es fast besser, als bei den Erwachsenen, die immer darin
fehlen, daß sie es zu klug, zu verwickelt machen wollen. So ein Kind wird
wahrhaft begeistert, wenn es gebraucht werden soll, die Großen und
Vorgesetzten zu betrügen, und es lernt eine solche Lection besser, als jede in der
Schule. Mit diesem Jungen, der noch bei mir ist, hatte ich schon unvermerkt
mein Spiel verabredet. Mein Diener hatte die Blendlaterne und das Bild bei der
Hand, sammt dem nöthigen Rauch, die Domestiken des Hauses waren entfernt
worden, und um die Sache noch schauerlicher zu machen, hatte die gute
Bauernnymphe unterdessen, daß sie im Zimmer leiblich erscheinen sollte, einen
Schlaftrunk erhalten. So wurde denn der Spuk und die Comödie glücklich so
gespielt, wie Du sie selber mit angesehn hast.
Immer noch war es dem glaubensfähigen Schmaling, als wenn er in einem
ängstlichen Traume läge. Und heute nun, fing er wieder an, als mein Lehrer und
Meister sich Eurer höheren Wissenschaft so unbedingt beugen mußte?
Kluges Kind, antwortete Jener, siehst Du denn nicht ein, daß wer die
Menschen betrügen will, es ja nicht zu fein anfangen muß? So wie es fein ist,
wird ja auch der Scharfsinn Jener geweckt, sie werden aufmerksam, denken,
passen auf, und das Kunstwerk steht auf der Nadelspitze. Grob, plump muß der
Menschenkenner zu Werke gehn. Die sich dann nicht damit einlassen wollen,
wenden sich ganz ab, und auch das ist Gewinn; die Andern denken: Nein, so
einfältig ist doch Keiner, die Sache zu erfinden, wenn nicht irgend Etwas daran
wäre. Sagst Du ihnen, Du hast Carl den Zwölften gekannt, so lachen sie Dir ins
Gesicht, behauptest Du aber dreist, Du habest mit Johann Huß Brüderschaft
getrunken, so glauben sie Dir. — Also mein Herz, laß Dich überreden, mit mir,
als Deinem bekannten Obersten, durch die Welt zu ziehn, und ihre Schätze und
Gunst mit mir zu theilen. — Oberster! Ha ha! Weil ich so viele Logen aller Art
durchkrochen bin, so wurde mir denn auch von einigen Rosenkreuzern eine Signatur gezeigt, die den Messias bezeichnen sollte, der einmal erscheinen
würde, um ein himmlisches Reich auf Erden zu stiften. — Du siehst, mit welcher
angenehmen Dreistigkeit ich Deinen großen Meister mit dem Bagatell verblüfft
habe. — Nein, als ein ehrlicher, schlichter Mann könnte ich verhungern, als ein
berühmter Charlatan bin ich reich und beherrsche Männer und Weiber und kann
wie ein Sultan gebieten und walten. Lockt Dich denn diese Aussicht nicht,
liebstes Kind? Du bist so viel schöner, als ich, Du kannst ja Deine Jugend nicht
besser genießen. Mir hat so ein Wesen noch immer zu meinen Erscheinungen
gefehlt, wer weiß, welchen Engel wir droben im Norden aus Dir machen. Wer
weiß, welche Monarchin Dir ins Netz läuft, — wer weiß — kurz, komm mit!
Der ägyptische Wein hatte so stark gewirkt, daß der Großmeister jetzt
einschlief. Am Morgen, als er erwachte und sich besann, konnte er sich nur
dunkel erinnern, was er gethan und gesprochen hatte. Aber das drückte ihn
schwer, daß er sich gegen Schmaling auf irgend eine Weise zu sehr
herausgelassen habe. Er sendete sogleich nach diesem, um entweder mit
Klugheit ihm Alles wieder auszureden, oder, wenn dies unmöglich sei, ihn im
halben Vertrauen stehen zu lassen und durch Drohungen zum Schweigen zu
zwingen. — Aber Schmaling war verschwunden und nirgends zu finden, auch
Sangerheim konnte keine Nachricht von ihm geben, der mit Schmerz und
Aengstlichkeit die unbegreifliche Entfernung des Jünglings beklagte.
Als nicht zu helfen war, schickte Feliciano einen drohenden Befehl an
Sangerheim, den jungen Schmaling niemals wieder als Bruder in seine Loge
zuzulassen, dieses Verbot auch andern Logen mitzutheilen, die mit ihm in
Verbindung ständen, das Gleiche würde er allen Brüdergemeinden zusenden, die
von ihm abhängig wären, weil er entdeckt habe, daß dieser Schmaling ein
Bösewicht, Verleumder und ganz unwürdiger Bruder sei, der nur damit umgehe,
alle Geheimnisse des Ordens auf eine schändliche Weise zu verrathen, und die
Meister selbst durch die abscheulichsten Lügen öffentlich zu beschimpfen.
Sangerheim zitterte, und Feliciano eilte, mit seinem Zuge seine Reise nach
dem fernen Norden fortzusetzen. —
Schmaling war mit den schnellsten Postpferden zur Residenz zurückgekehrt.
Er wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, er hatte nicht den Muth, in das Haus
seines Schwiegervaters zu gehen, er konnte es sich nicht als möglich denken, nur
den Bedienten gegenüber zu treten, um sich melden zu lassen.
In dieser unbehaglichen Lage sagte er zu sich selber: Ist es denn etwas
Anderes, wenn ein Freund, der im hitzigen, oder Faulfieber liegt, von allen
Aerzten schon aufgegeben, von allen Freunden schon als todt beklagt, wieder
geneset? Sonderbar, daß wir immer so großen Unterschied zwischen den
Krankheiten unsrer Seele und unsers Körpers machen wollen. Eins ist selten ohne das andre. Dem Elenden, der im Fieber phantasirt, vergiebt man es gern,
man tröstet ihn sogar freundlich, wenn er Gott und Menschen, seine Liebsten
und Nächsten gelästert hat, man nennt es nur Abwesenheit, Vergessen seiner
selbst: und der Arme, dessen Seele zerrissen wurde, der, peinlich hinauf
getrieben, zwischen den Extremen schwankte, der sich selbst verlor: ihm
vergiebt man nicht, ihm rechnet man die Aeußerungen seiner Krankheit als
Verbrechen an, und er muß es mit Dankbarkeit erkennen, wenn man es ihm nur
nach Jahren vergißt, daß er diese und jene auffallende Meinung äußerte. Und so
bin ich genesen, ich kehre von einer Brunnenkur zurück, da alle meine Freunde
mich schon aufgegeben hatten. Wollen sie mich nicht, die mir die Liebsten und
Nächsten sind, als einen Wiederhergestellten anerkennen, nun so ist es an ihnen,
krank zu seyn, sie mögen dann irgend ein Bad besuchen, und es kömmt nachher
auf mich an, ob ich sie als Gesunde begrüßen oder als Unheilbare von mir
weisen will.
Mit diesen Gesinnungen und Entschlüssen ging er nach dem Hause des
Geheimenrathes Seebach. Die Bedienten, die ihn schon von ehemals kannten,
ließen ihn ungehindert eintreten. Er fragte nach Fräulein Clara; man sagte ihm,
daß sie ungestört seyn wolle, weil sie sich unwohl fühle, sie habe daher erklärt,
keine Besuche annehmen zu wollen. Er sagte dem Kammerdiener, daß er der
Familie kein Fremder sei, und daß er alle Verantwortung auf sich nehmen wolle.
Er ging über den wohlbekannten Gang nach dem Gemache seiner
Jugendfreundin. Lange stand er vor der Thür. Er lauschte mit hochklopfendem
Herzen. Ihm war, als wenn er drinnen Gesang und die Töne einer Laute
vernähme. Und so war es auch. Clara, um ihren Gram einigermaßen zu
beschwichtigen, hatte alle ihre alten Musikstücke hervor gesucht, um sich an
diesen zu trösten. Sie spielte und sang, und wiegte so, als sei er ein ungezogenes,
schreiendes Kind, ihren immer wachen Kummer ein. Einige Blätter hatte sie bis
jetzt überschlagen. Sie faßte den Muth, sie vor sich hinzulegen, um sie zu
singen. Es waren einige Compositionen, die in bessern Zeiten Schmaling selbst
zu ihren Lieblingsliedern gesetzt hatte, es waren sogar einige Lieder darunter,
die von ihm gedichtet waren, und zu denen er ebenfalls die Melodie gesungen.
Lange hatte sie den Trost der Musik entbehrt und darum ergab sie sich heute
diesem Genusse wie eine Berauschte. Schmaling horchte entzückt an der Thür;
alle Jugenderinnerungen, alle jene süßen Stunden der Unschuld kehrten in sein
bewegtes Gemüth zurück. Ihm war, als hätte er den ganzen Zwischenraum,
zwischen jenen Tagen und dem heutigen, nur in einem schweren Traum gelegen.
Clara hörte in ihrem lauten Gesange nicht, wie er klopfte. Als er das Zeichen
wiederholt gegeben hatte, öffnete er die Thür und trat in das Zimmer. Sie saß mit
dem Rücken gegen die Wand und hatte seinen Eintritt nicht vernommen. Sie
sang so laut und heftig, als wenn sie an dem Liede sterben wolle. Er hatte es ihr
vor drei Jahren zu ihrem Geburtstage komponirt, nicht lange nachher, als sie mit
einander bekannt geworden. Er konnte sich nicht zurückhalten, er weinte laut
und stürzte zu ihren Füßen nieder. —
Die Laute entfiel ihrer Hand. — Wie? rief sie aus; was sehen meine Augen?
Täuscht mich kein Blendwerk? Die alte Zeit kommt wieder, der Calender lügt
und mein Ferdinand ist wieder da.
Ja! rief der tiefbewegte Jüngling: da, um nie wieder von Dir zu scheiden.
Zurückgekehrt, wie der verlorne Sohn, von den Trebern des Aberwitzes und der
Lüge, um bei seinem Vater Schutz und Nahrung zu suchen.
So? sagte Clara, indem sie ihn aufhob; stehe auf, lieber Freund, wenn ich Dich
noch so nennen darf. Also, meinst Du, soll ich nun wie das Kalb geschlachtet
und verspeiset werden?
Ich bin leider das Kalb gewesen, antwortete der Beschämte, aber nun, meine süße Geliebte, nachdem ich genesen, nachdem ich die Dummheit meiner
erhabenen Meister eingesehn habe, werde ich mich niemals wieder verführen
lassen. Nein, auf immer bin ich zu Dir, zu jenem schlichten, einfachen Leben
zurückgekehrt, das ich vor Kurzem noch mit Verachtung ansah. Fühle ich doch
in allen Fasern meines Herzens und in jedem Tropfen meines Blutes, daß das
Einfache, scheinbar Arme, das Nächstliegende eben das Reiche, Wohlthätige,
Himmlische ist! Vergiebst Du mir meinen Wahnsinn, so bin ich der
Glückseligste aller Menschen, und ich erwarte, daß Fürsten von mir Almosen
begehren sollen.
Nun, nun, sagte Clara, nicht eben so eifrig, mein Freund, in der Bekehrung
und Reue wie erst in der Sünde. Also jetzt willst Du kein Kapuziner, nicht
katholisch werden?
Sie lachte so anmuthig, daß Schmaling den Muth faßte, sie in die Arme zu
nehmen und herzlich zu küssen. Noch niemals hatte sie ihm den Kuß mit diesem
Feuer erwiedert. Hierauf zog sie beide Glocken in ihrem Zimmer mit der größten
Heftigkeit, tanzte im Gemach auf und ab, und als mehrere Diener ängstlich
erschienen, rief sie diesen mit lauter Stimme zu: meine Eltern sollen kommen!
Aber gleich! Mit der größten Schnelligkeit! Es verlohnt sich schon der Mühe, zu
eilen.
Man verwunderte sich im ganzen Hause über das ungewöhnliche Geräusch.
Der alte Kammerdiener lief in Angst hin und her, weil er meinte, daß irgendwo
Feuer ausgebrochen sei. Endlich traten Mutter und Vater zu Clara in das Zimmer.
Was giebt es denn? fragten Beide; warum lässest Du uns so gewaltsam rufen?
Sie sagte: wenn es nicht unbillig ist, daß bei der Geburt eines Prinzen alle
Glocken geläutet und Kanonen abgeschossen werden, so darf man schon einigen
Spektakel in einer honetten Familie machen, wenn ein junger Mann seinen
gesunden Menschenverstand wieder gefunden hat. Ja, liebste Eltern, hier steht
der bescheidene Jüngling, dessen Edelmuth es nicht wagt, dergleichen
Ungeheures von sich auszusagen, weil er seit so vielen Wochen auf den
entgegengesetzten Bahnen irrte.
Der Vater schloß entzückt den jungen Mann in seine Arme, die Mutter war
verlegen und gerührt. Und Sie entsagen, fragte der Rath, Ihrem Meister
Sangerheim?
Mit vollem Ja, kann ich antworten, rief Schmaling, und eben so dem
Großmeister Feliciano, der vielleicht Judas Maccabäus seyn mag, oder Ischariot,
und dem Teufel und seiner Großmutter, und allen ihren Spuk- und
Zauberwerken, die keine Stecknadel werth sind, und für die wir ihnen unsre
Seele verkaufen müssen.
Ja wohl, sagte der Vater, müssen wir ihnen, den Unterirdischen, den Reichen des Wahnwitzes, das Theuerste verschreiben, um das Verächtliche dafür zurück
zu erhalten.
Ich bin genesen, rief Schmaling aus, und begreife jetzt nicht, wie ich den
Himmelsblick meiner Geliebten, ihr Herz, alles Glück einer entzückenden
Häuslichkeit und des nächsten Besitzes, gegen jene Kartenkünste aufopfern
konnte.
Als man sich mehr beruhigt hatte, erzählte er dem Vater auf dessen stillem
Zimmer Alles, was ihm begegnet war. Man erfuhr auch bald, daß der junge
Schmaling, wegen schwerer Vergehungen, von vielen Logen ausgeschlossen sei.
Dies störte nicht das Glück des Hauses, denn seine Verlobung mit Clara wurde
bekannt gemacht, und bald darauf die Hochzeit gefeiert.
Könnte ich doch, klagte der Vater an diesem fröhlichen Abend, meinen Sohn
Anton eben so in meine Arme schließen, und mich überzeugen, daß er mir
zurückgegeben sei.
———
Die Scene, die sich mit dem größeren Magus ereignet hatte, war für Sangerheim
von Folgen gewesen. Seine Schüler hatten es gesehn, daß er verlegen und irre an
sich selber wurde; sie hatten Andern diese Bemerkung mitgetheilt, und Viele
wendeten sich von ihm ab. Die ältere Loge beobachtete ihn genauer, und faßte
mehr Muth, sich ihm öffentlich zu widersetzen. Unter Denen aber, die ihm
unwandelbar treu blieben, und auf seine Worte schwuren, stand der Arzt Huber
oben an; diese Anhänger beredeten sich, daß die Wirkungen, welche Feliciano
hervorbrachte, durch die Hülfe böser Geister geschähen, und er selbst durchaus
verwerflich und gottlos, seine Lehre verdammlich zu nennen sei.
Jetzt ward es den Vertrauteren, und späterhin den Uebrigen bekannt, daß
Sangerheim verheirathet sei, und seine Frau bei ihm wohne. Da sie krank und
leidend war, hatte er ihr Dasein Allen verschwiegen. Die Wenigen, die sie
zuweilen auf einen Augenblick sahen, bemitleideten sie, oder entsetzten sich vor
ihr, wie vor einer Geistererscheinung. Sie war noch jung, aber todtenbleich,
schwach und matt. In dem weißen und abgemagerten Gesicht glänzten die
Augen mit einem sonderbaren Feuer. Sie hatte kaum Stärke genug, aus einem
Zimmer in das andre zu gehn, und es geschah wohl, daß sie mitten in ihrer Rede
abbrach und einschlief. Dann sprach sie sonderbar, oft unzusammenhängend, oft,
als wenn sie Erscheinungen sähe. Sie hatte keinen Arzt, sondern der Mann, der
sich die größten Kenntnisse zutraute, behandelte sie selbst auf eine
geheimnißvolle Weise: er suchte sie durch Gebet, Händeauflegen und
Beschwören zu stärken. Wegen dieses sonderbaren Zustandes der Leidenden war es selbst den Vertrautesten nur durch Zufall möglich gewesen, sie auf
Augenblicke zu sehn und zu beobachten.
Nach einer schlimmen Nacht, in welcher sie von Schmerzen sehr gequält war,
sagte sie am Morgen zu ihrem Gatten: Ach, Alexander! das war nicht die
Aussicht, die wir hatten, als Du mich heimlich, fast mit Gewalt aus dem Hause
meiner guten Eltern nahmst. Welche Pläne machten wir damals, was hofften wir
Alles von unsrer Liebe. Nun ist Alles dem Tode verfallen! Ach! und welch
gespenstisch Leben, welch sterbendes Dasein ward mir in Deiner Nähe. Nun, ich
fühl’ es, es ist zu Ende.
Nein, geliebte Theodora, tröstete sie der Mann: nein, meine Geliebteste, ohne
die das Leben mir selbst nur eine Last seyn würde. Glaube mir, Alles nähert sich
einer glücklichen Entwicklung. Ich sehe, Du wirst mit jedem Tage besser, in
wenigen Monaten ist Deine Gesundheit und die Blüthe Deines Leibes
wiedergekehrt. Du bist wieder heiter und froh, Du hast wieder Muth und Kraft,
wie in den ersten Tagen unsrer Liebe.
Liebst Du mich denn noch? fragte die Kranke, mit einem sterbenden Blick.
Theodora, rief Sangerheim, außer sich vor Schmerz; diese Frage und dieser
Blick könnten mich tödten. Es wühlt mein Herz um, und zernichtet meine
Kräfte, daß diese Zweifel Dir immer wiederkehren.
Ich darf nicht sprechen, antwortete sie matt, denn Deine Heftigkeit geht dann
wie ein schneidend Messer durch meinen Leib und meine Seele.
Ich will sanft seyn, milde, Geliebte, antwortete er demüthig, sprich Deinen
Kummer aus, nur zweifle an meiner Liebe nicht.
Was nennst Du so? fuhr sie fort; Deine Liebe ist Dir doch nicht heilig, Du
opferst sie auf, sie ist Dir nur Mittel zu andern Zwecken. O, mein Engel, wenn
Du Dich von jener Verbindung losmachen könntest, o zerbrich sie, mein süßes
Herz, entzieh Dich jener Gesellschaft, die mir immer schrecklicher erscheint, die
Dich verderben wird.
Nein, meine Liebste, antwortete Sangerheim gerührt, ich erkenne Deine Liebe
in jedem Deiner Worte, aber diese Männer, von denen ich Dir einmal in einer
schwachen Stunde erzählt habe, kennst und würdigst Du nicht. Denke nur
zurück, wie arm, wie dürftig unser Leben war. Als österreichischer Offizier, in
einer kleinen Garnison, von rohen, unwissenden Menschen umgeben, mit
schmalem, unbedeutendem Gehalt, ohne Hoffnung, es weiter zu bringen, — was
war da unser Loos? Wie armselig, dürftig und verächtlich war diese Existenz!
Und betrachte jetzt den Ueberfluß, die Ehre, den Schwarm der Freunde und
Bewunderer.
O Alexander, seufzte sie, führe mich in jene enge Dürftigkeit zurück, gieb mir
unser damaliges Leben wieder, und ich will Dir auf den Knieen danken. Wir waren gesund, wir hatten uns keine Vorwürfe zu machen, denn die Eltern waren
mir wieder ausgesöhnt. War unser Einkommen klein, unsre Habe unbedeutend,
so genossen wir Alles mit kindlichem dankbaren Sinn und mit einem reinen
Gewissen. Als Du in jene Verbindung getreten warst, nahmst Du Deinen
Abschied, mußtest ihn nehmen. Seitdem ist Alles so unklar und unheimlich. Und
unser Wohlstand: mir ist, Du stehst auf einer dünnen, dünnen Eisrinde, und unter
Dir liegt der tiefe Abgrund.
Geliebteste, Freundin, Gattin, erwiederte er liebkosend, beruhige doch endlich
Deine Seele über diesen Punkt. Wie wird sich Alles anders, und zu Deiner
schönsten Zufriedenheit entwickeln. Jenen edlen Männern darf ich vertrauen,
denn ich war ja Zeuge, daß sie Uebermenschliches vermögen und wissen. Wie
viel haben sie mir schon anvertraut, wie Vieles vermag ich durch sie. Mit jeder
Post kann es ankommen, das Größte, das Beste, was noch zurück ist, in jedem
Reisenden kann der Ersehnte vom Wagen steigen, der mir Alles enthüllt, so daß
keine Frage und kein Wunsch mehr übrig bleibt. Alle ihre Briefe deuten auch
dahin.
Brauche ich Dir zu sagen, antwortete die Kranke, daß Alles, was Du bis jetzt
errungen hast, Kunststücke sind, die nur darum den Menschen unbegreiflich und
wundervoll erscheinen, weil die Wissenschaft sie noch nicht gefunden hat? Jeder
Gelehrte kann sie zufällig entdecken, und diese donnernden Explosionen, die
sich durch einen Wurf, ohne Spur entladen, werden dann vielleicht ein
Spielwerk, mit dem sich die Kinder erschrecken. Und Deine Operationen, diese
Blendwerke der Erscheinungen, diese Bilder, die Du zeigst, Deine künstliche,
innerliche Sprache, die, wie aus der Ferne, wie die eines Fremden klingt, und
womit Du so Viele entsetzest, und sie zu Deinen Zwecken führst; daß ich selbst
auch als Geist auftreten muß, — o Alexander, wohin sind wir gekommen? Wie
muß die Welt uns ansehn, wenn Alles einmal bekannt wird.
Liebste Frau, sagte Sangerheim beängstigt, Du hättest Recht, wenn wir nicht
mit den Edelsten aller Menschen, mit den Uneigennützigsten, mit den Weisesten
in Verbindung ständen. Daß sie das Beste wollen, daß ihre Pläne gut sind und
zum Heil aller Menschen hinstreben, davon dürfen wir uns überzeugt halten, so
seltsam auch ihre Wege, so krumm sie auch laufen mögen. Ihnen liegt es ob, dies
zu verantworten, wenn sie im Unrecht seyn sollten. Ich muß erfüllen, was ich
ihnen gelobt habe. Ich kenne die Täuschung, die ich mir erlaube, aber ich bin
vom guten Zweck überzeugt. Und jenseit aller Täuschung sind wir ja im Besitz
so manches wahren Wunders. Dein Gebet wirkt kräftig, das meinige stimmt
Deinen Geist. Du siehst, Du sprichst mit abgeschiedenen Freunden, sie
entdecken Dir Geheimnisse; Du siehst in weite Ferne und durch verschlossene
Thüren. Dir ist, wenn Du fest willst, Nichts verborgen.
Die blasse, leidende Gestalt seufzte schwer. Ach, Liebster! klagte sie dann mit
erlöschenden Tönen, daß ich auf diese Weise in Deinen weltlichen Absichten Dir
habe helfen müssen, ist vielleicht die größte Sünde, die Dir der Himmel nicht
anrechnen, und mir meine Schwäche und Nachgiebigkeit verzeihen möge. Die
Liebe zu Dir hat mich weit geführt. Dieser künstliche Schlaf, dieser
unnatürliche, den Du mir Anfangs erregtest, und der sich jetzt immer mehr von
selbst einstellt, hat mir Gesundheit und alle Kräfte aufgezehrt. Oft weiß ich nicht
mehr, ob ich noch bin, und kann mich auf meinen eignen Namen, oder auf Deine
Gestalt nicht besinnen. Ja wohl ist dies eine Zauberei zu nennen, die den
Menschen aus seinem eignen Innersten entrückt; aber eine verderbliche. So
Vieles habe ich Dir entdecken müssen, hier und in jener Stadt. Mir ist, ich habe
nicht allein die Kräfte meines Körpers, sondern auch Theile meiner Seele dabei
zugesetzt. Wenn Du mich so auf eine Frage gewaltsam hinheftest, wenn ich im