Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band
Die Wundersüchtigen. 1831.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
Förmlichkeit. In seiner Gegenwart fühle ich das Gelüste, gerade das zu glauben,
was meinem Verstande am widersinnigsten erscheint, und wieder überschleicht
mich eine Empfindung, daß ich im selben Augenblick ihn und mich verlachen
möchte.
Sangerheim traf und störte ihn in diesen Betrachtungen. Sie übersehn,
Theurer, sagte er beim Eintreten, indem er die Thür verschloß, wieder Ihre
Studien und Erfahrungen. Es ist sonderbar, wie wir Menschen schon so oft in der
Jugend das höhere Wort vernehmen, den Ton desselben fassen, und uns späterhin
Aussprache und Bedeutung wieder entfliehen können. Doch kehren wir in reifen
Jahren mit tieferem Sinn, mit stärkerer Innigkeit zu denselben Wahrheiten
zurück, wie es Ihnen geschieht; unbewußt hat die Seele die Geheimnisse
ausgearbeitet, und die Glaubensfähigkeit steht gewappnet an derselben Stelle,
wo noch gestern Zweifel und Unglaube nackt und wehrlos zitterten.
Gestern, sagte der Rath, haben wir gerechnet und Figuren gezeichnet, die
sonderbare Erscheinung, die Sie mir vorführten, überraschte mich; nachdem
vernahm ich, indem Sie neben mir saßen, jene Stimme aus dem Zimmer dort, die
mir die geheimnißvollen Worte zurief — Alles dieses, Lieber, sehe und erlebe
ich; aber ich kann es mir nicht aneignen, es hat keine Bedeutung für mich, es
fährt Alles wie leere Phantome, nur erschreckend, mir vorüber. Ich habe genug
erfahren, um irre zu werden, aber dieses Räthsel meines Innern, welches sich
immer mehr verschlingt, ringt mit allen Kräften meines Herzens zur Lösung hin.
Weder in diesen wechselnden Schauern von Licht und Schatten, noch in stiller
Resignation kann ich meine Befriedigung finden, und ich fange an, meine
Zweifel wieder als die bessere Weisheit aufzusuchen.
Und doch waren wir übereingekommen, sagte Sangerheim mit feierlichem
Ton, Sie hatten mit mir die Nothwendigkeit eingesehn, daß es Prüfungen, Grade
geben müsse, daß die Geduld die unerläßlichste Tugend sei, um dem Geheimniß
näher zu kommen.
Nur eine einzige Frage, und die beantworten Sie mir auf Ihr Gewissen, sagte
der geheime Rath eben so feierlich: Können Sie mir bei Gott und allem Heiligen,
das Sie glauben, schwören, daß Sie mir irgend einmal, wenn auch später, die
Lösung mittheilen wollen, und daß Sie selbst von Ihrem Beruf überzeugt sind?
Ja! rief der Fremde, und erhob die Hand. — Gut denn, sagte der Rath,
empfangen Sie dann diese Brieftasche, und in ihr, was Sie wünschten, ich will,
ich muß Ihnen vertrauen.
Auch ich, sagte Sangerheim, will mich Ihnen verpfänden, mit dem
Theuersten, was ich besitze, mit Allem, was ich Ihnen nur geben kann. Er zog
ein Paket hervor, mit seltsamen Zeichen versiegelt und fest in einander
geschnürt. Legen Sie, sagte er, hier auch Ihr Siegel an. In diesem kleinen Raum
ist Alles, was ich weiß, enthalten; mein ganzes Dasein, Alles, was Sie erfahren
wollen, umschließt diese Sammlung. Löse ich sie zu der festgesetzten Zeit nicht
aus, sterbe ich vor diesem Zeitpunkt, so fällt Ihnen diese Erbschaft zu und Sie
mögen damit schalten nach Ihrer Willkühr.
Der Rath nahm das Paket in die Hand, schlug es ein, überschrieb es mit einer
Nachricht, daß dies das Eigenthum Sangerheims sei, versiegelte es und legte es
in seinen Schrank. Sich besinnend nahm er es wieder und sagte: doch kommen
meine Kinder zuweilen hieher, in jenem Pult ist eine geheime Schieblade. Er
trug es hin und indem er es einzwängte, geschah ein Knall, und die Masse selbst
erzitterte. Sehn Sie, sagte Sangerheim, Sie sind ohne Noth besorgt, es bewacht
sich selbst.
Der Rath hatte sich entfärbt. Sangerheim sah ihn fest an und schien sich an der
Verlegenheit des alten Mannes zu weiden, die dieser nicht verbergen konnte, so
sehr er sich auch bemühte. Er sammelte seine zerstreuten Skripturen wieder,
warf sie in den Schrank und sagte dann: also, Geduld, und bis dahin habe ich
mich Ihnen unbedingt ergeben. Es ist wunderbar genug, wir entziehn uns
gewissermaßen der Kirche und der Religion des Staates, wir nennen es unsre
Weisheit, anders und weniger zu glauben, als der gemeine Mann, — und geben
uns im Entfernen vom Hergebrachten und Autorisirten andern viel
unglaublichern Dingen hin, und sind zufrieden, nur zu sehn und zu ahnden, ohne
daß uns die Lösung gegeben wird, die wir doch in der Religion suchten und
forderten.
Richtig bemerkt, erwiederte Sangerheim; ist denn aber dieser Widerspruch
nicht vielleicht eine Vorbereitung zu einer ächtern Religiosität, zu einem wahren
Glauben? Immerdar, wenn wir uns widersprechen, ist es nur Schein, wir suchen
die Bindung, den unsichtbaren Mittelpunkt, der den Widerstreit aufhebt.
Das ist aber gegen die Abrede, erwiederte der Rath, daß ich wieder durch
Gedanken und ihren wechselnden Kampf das Richtige und Wahre finden sollte,
ich sollte es ja unmittelbar schauen, und es als einen wahren Besitz von dannen
tragen.
Wenn Sie denn, fing Sangerheim zögernd an, sich nicht fügen können und
wollen, so gäbe es in Ihrem frommen und erweckten Sinn allerdings ein Mittel,
das rasch die Hemmung wegnehmen, und Sie ohne Umwege zum Ziele führen
könnte.
Und dieses Mittel? fragte der Rath eifrig.
Auch ohne dieses können Sie zu einem glänzenden Ziele gelangen, antwortete
Jener, aber langsamer, und niemals erreichten Sie die Würde, so viel Sie auch
schauen werden, eines höchsten Obern.
Und dieses Mittel, fragte der Rath wieder, könnte mir diese Würde und die
schnellere Einsicht in alle Geheimnisse verschaffen?
Ohne Zweifel. — Sehnen Sie sich heftig?
Unbeschreiblich! fing der Rath wieder an, und, da Sie so weit gegangen sind,
so nennen Sie es auch, sonst sind Sie nicht mein Freund.
Was Sie immerdar hemmen wird, antwortete Sangerheim mit einer Thräne im
Auge, ist, daß Sie nicht ein Mitglied meiner Kirche sind. —
Der Rath trat einen Schritt zurück und suchte noch mehr wie vorher die
Bewegung seines Innern zu verbergen. Sangerheim sah ihn mit einem festen
prüfenden Blicke an, als wenn er seine Augen durchbohren wollte, aber der Rath
erwiederte diesen festen Blick, und nach einigen Augenblicken entfernte sich der
Fremde.
Tief erschüttert ging der Alte im Saale auf und ab. — Das ist es also? sagte er
endlich zu sich selber; also dorthin liegt das eigentliche und wahre Geheimniß?
— Habe ich doch den Einreden so mancher vernünftigen und kaltblütigen
Freunde nicht glauben wollen. Ich hielt es nur für Fabel, weil es einem
Mährchen so ähnlich sieht; und ist also nun doch Wahrheit. — Sie bemächtigen
sich einer Einrichtung, die im Beginn gut und edel war, die sich dann selbst
vergaß, und in deren unbedeutenden Nüchternheit nun leicht die Sehnsucht zu
Wundern und Seltsamkeiten Raum finden kann. — Wie verbreitet die Logen
sind, so mögen sich diese, oder ähnliche Schwindler leicht jetzt oder in Zukunft
der Menge bemeistern, um ihre Pläne, die sich noch nicht an das Licht wagen,
durchzusetzen. — Diese Emissäre gehören also einer Propaganda an, und es läßt
sich nun wohl begreifen, wer und was diese geheimen Obern sind, — Alles, was
man von diesem Nachbarstaate erzählt, wo man auf verschiedene Art den
Erbprinzen bearbeitet, hier und anderswo die Störung der Logen, das Eindringen
und Vorschieben alter Meinungen. — Die Herren haben also doch ihre
Herrschsucht und die alten Plane noch nicht aufgegeben! — Ja, ich bin durch
dieses einzige Wort zum Licht hindurch gedrungen, aber sehr gegen deinen
Willen, mein guter Magus. — Seine Kunststücke begreife ich freilich nicht; aber
was gehen sie mich denn eigentlich an? Vor meinem guten verständigen Sohne
muß ich mich jetzt schämen, der doch in seiner Art, wie er jenes Wunder
betrachtete, sehr Recht hatte. — Zu schnell, zu plötzlich mag ich aber freilich
auch nicht zurücktreten; ich will ihn noch beobachten: ich kann es jetzt wie ein
Spiel treiben und genießen. —
Mit Beschämung dachte er nun der Summen, die er dem Magier ausgeliefert,
noch der letzten großen, die er ihm heut gegeben hatte. Sangerheim hatte zwar
Anfangs jeden Dank und Lohn ausgeschlagen, aber bald hatte er bei dem
großmüthigen Freunde Hülfe gesucht, der nun um so lieber und reichlicher
mittheilte, da der Wunderthäter sich erst uneigennützig gezeigt hatte. Zu den
Beschwörungen und zum Geister-Apparat, so wie zu Einrichtung der Oefen und
Herbeischaffung alles Geräthes, um den Stein der Weisen hervorzubringen, war
wieder ein Kapital nöthig gewesen. Nachher zu geheimen Plänen, die
Sangerheim noch nicht nennen durfte, auf Geheiß jener unbekannten Obern, war
wieder eine bedeutende Summe in Anspruch genommen worden. Für die
letzteren großen Auslagen hatte der Magier seinem gläubigen Schüler eben jene
versiegelten und zauberhaft verschlossenen Schriften verpfändet, die er bald
wieder, durch Erstattung jener Summe, auszulösen versprach.
Sangerheim machte einen großen Aufwand und lebte in der Stadt ganz als ein
vornehmer Mann. Der feinen und neugierigen Welt war es ein Geheimniß, daß
sie nicht ergründen konnte, wovon er seine Ausgaben bestritt. Der geheime Rath Seebach hätte darüber Bescheid ertheilen können, denn beschämt gestand er es
sich nicht gern, daß ein großer Theil jener so wunderbar geretteten Summe
schon wieder geschwunden sei, wenn der Zauberer nicht seine Schuld bezahle,
woran der Gläubiger zu zweifeln anfing. — Mit Schmerz dachte er an den
jungen Schmaling, seinen künftigen Schwiegersohn, so wie an seinen
Hausfreund, den Arzt, denn er wußte, daß Beide eifrig mit Sangerheim
laborirten.
Die Familie war erfreut, als der Vater nach langer Zeit wieder bei Tische heiter
war. Clara besonders wollte daraus für ihr Schicksal etwas Glückliches lesen.
Als sie mit dem Bruder über die Veränderung des Vaters sprach, sagte Anton:
Dergleichen Verblendung, liebes Kind, kann niemals lange dauern. Hätte ich
nicht andre Sorgen, so wollte ich mich anheischig machen, diesen Kummer mit
etwas Geduld zu überwinden, oder mit Verstand und Zeit die Getäuschten zu
heilen. Heut Abend wird nun unser Schmaling gründlich in die Lehre genommen
werden, und ich möchte Vieles verwetten, daß ich ihn Dir schon morgen als
einen andern Menschen vorführen kann. —
Sangerheim war, jenes Wortes wegen, das er hatte fallen lassen, mit sich
selber sehr unzufrieden. Er hatte bemerkt, wie der Rath dadurch war überrascht
worden. — Mag seyn, sprach er zu sich, daß es unbesonnen und zu früh
ausgesprochen wurde, ich kann mit mir und dem Erfolg zufrieden seyn. Sie
müssen meine Bemühungen erkennen, jene großen, jene mächtigen Männer. Und
welches Glück, ihnen beigezählt zu werden! Welche Aussicht, daß Natur,
Geisterreich und Welt mir dient, daß vor mir jedes Geheimniß die entstellende
Hülle abwirft. — Und bin ich denn noch so weit von diesem glänzenden Ziele
entfernt? Habe ich denn nicht die Zusage der Edelsten, daß mir bald, in weniger
Frist Alles soll gewährt seyn? Wie sie mich durch Wissen, Kunst und Gold
unterstützen, so werden sie mir auch die herrlichsten Güter nicht lange mehr
verweigern.
So träumte Sangerheim, und verlor sich in sonderbare und weitaussehende
Plane.
———
Der Professor Ferner hatte dem jungen Schmaling unter dem Siegel der
Verschwiegenheit vertraut, daß, wenn er es wünsche, er am Abend den
weltberühmten Grafen Feliciano in seinem Hause sehn könne, welcher incognito
angekommen sei, um schnell weiter zu reisen. Er machte es ihm aber zur Pflicht,
seiner Schwester, wie seinen Eltern Nichts davon zu sagen, weil sie Beide sonst
sich den Zorn des Grafen zuziehen würden. Schmaling war über diese Nachricht entzückt, und versprach, nicht auszubleiben, indem er zugleich versichern
mußte, daß sein Herr und Meister, Sangerheim, auch Nichts davon erfahren
solle.
Anton stellte sich früher bei Ferner ein, um mit Anderson einige
Vorkehrungen zu treffen. Wenn es Effekt machen soll, sagte der heitre Anderson,
so muß ich Euer Haus und die Einrichtung desselben etwas genauer kennen
lernen. Aber sagt mir doch, von welcher Art ist denn jener Kunstjünger selbst,
den wir heut unserm Genius und dessen Launen aufopfern wollen?
Anton nahm das Wort und sagte: Der junge Mann wird jetzt acht und zwanzig
Jahre alt seyn und kann im Bau des Körpers, im Angesicht, Blick und Wesen fast
für einen vollkommen schönen Jüngling gelten. Sein Wesen ist sanft und
einschmeichelnd, sein Charakter ist weich und nachgiebig, und so fügte es sich,
daß er meiner Schwester, die er schon seit lange verehrt hatte, gefiel. Er hat
außerdem Viel gelernt, ist ein tüchtiger Geschäftsmann, und von seinen
Vorgesetzten so geachtet, daß sie ihn, so jung er auch ist, schon zum Rath
ernannt haben. Meine Schwester würde einer glücklichen Ehe entgegen sehn,
wenn diese Geheimnißkrämerei, diese Sucht, sich die Weisheit der Rosenkreuzer
und andrer Schwärmer anzueignen, nicht das schöne Verhältniß jetzt für eine
Zeitlang völlig zerstört hätte. Ihr kennt ja, theurer Mann, die Begebenheit, die
sich in unserm Hause zugetragen hat. Seitdem ist er diesem Sangerheim, aus
dem wir Alle nicht klug werden können, wie mit Leib und Seele verschrieben.
Könnt Ihr nun, indem Ihr den Leichtgläubigen in einer Maske täuscht, ihn dahin
bringen, daß er von seiner Wundersucht nachläßt, so sind wir Euch den größten
Dank schuldig.
Wir werden ja sehn, was wir ausrichten können, erwiederte Anderson. Er
ging, um sich die Zimmer zu betrachten, indessen Ferner bemerkte: Wie seltsam
ist es doch, daß wir uns zu einer solchen Maskerade vorsätzlich einrichten,
indessen jener Sangerheim, der so Viele täuscht, doch auch kein wirklicher
Charakter, sondern nur ein angenommener seyn kann. Man kann aber die
Bemerkung machen, daß man auf jeder Redoute, sobald man die erste
Betäubung überstanden hat, an alle die seltsamen Masken, die man sieht, glaubt,
sich diese Wesen in ihren seltsamen Bedeutungen vergegenwärtigt, und selbst
den vertrautesten Freund, wenn er sich nicht ganz hölzern beträgt, sich nicht in
seinem wahren Charakter deutlich vorstellen kann. Diese sonderbare Eigenschaft
unsrer Seele, die so gern freiwillig der Täuschung entgegen geht, erklärt es
einigermaßen, warum die Betrüger in der wirklichen Welt in der Regel so
leichtes Spiel haben.
Anderson trat wieder zu ihnen und sagte: Um meiner Sache gewisser zu
werden, fange ich nun schon an, den Feliciano zu spielen, den Grafen, den Menschenfreund, den Heilkünstler und Geisterseher. Mein Bedienter ist auch
draußen, und wird mit bei Tische aufwarten, um der Gesellschaft mehr Ansehn
zu geben.
Schmaling trat schon, früher als man vermuthet hatte, vor Freude zitternd
herein. Man begrüßte sich und der nachgeahmte Feliciano behandelte ihn, so wie
den Professor und Anton kalt, und mit ruhigem, herablassendem Stolz. Man
sprach nur wenig und setzte sich bald an den Tisch zu einem leckern Abendessen
nieder. Die feinen Weine waren nicht gespart.
Es wollte lange kein lebhaftes Gespräch in den Gang kommen, denn
Schmaling war zu sehr von Ehrfurcht durchdrungen, und der Professor so wie
Anton wußten nicht recht, wie sie sich nehmen sollten, um nicht zu Viel zu thun,
und Anderson selbst schien es darauf angelegt zu haben, diese beiden Freunde
etwas zu quälen, denn es war nicht zu verkennen, daß ihre Verlegenheit ihn
unterhielt. Endlich, um diese drückende Schwüle aufzulösen, fing er an, von
seinen Reisen zu erzählen, und der Professor erstaunte, mit welcher Sicherheit er
alle Gegenden bezeichnete, wie richtig er über Werke der Malerei und Baukunst
urtheilte. Als Feliciano nun von Aegypten sprach, von den Wüsten Arabiens,
von Palästina, Syrien und Persien, und alle Gegenstände mit der ruhigen Kunde
eines Augenzeugen beschrieb, dachte Ferner leise erröthend an seine vorige
Bemerkung, denn er hatte wirklich während der Rede vergessen, daß dieser
Feliciano eigentlich Anderson sei.
Jetzt war auch der glückliche Schmaling dreister geworden, und er wagte es,
auf den Gegenstand seiner Forschungen und Wißbegier einzulenken. Er war sehr
freudig überrascht, daß der Wunderthäter auch hierüber frei und offen sprach,
daß er jene seltsamen Kuren nicht leugnete, und selbst andeutete, wie der Stein
der Weisen kein Mährchen sei, wie ihn Viele schon besessen hätten, und
Mancher lebe, der Kenntniß von ihm habe.
So halten Sie, fragte Schmaling wieder schüchtern, die wunderbare Erzählung
vom Flamel für keine Fabel?
Wie sollte ich es, antwortete Feliciano, da ich den guten Mann selbst noch
hundert Jahre früher, als Paul Lucas Kunde von ihm bekam, in Indien
gesprochen habe?
Anton fuhr zurück, denn diese Aeußerung schien ihm zu stark und den
Fremden bloß zu geben, doch Schmaling war von seinem Glück schon so
berauscht, daß dieser gewagte Ausspruch seinen Taumel nur vermehrte.
Es ist sonderbar, fuhr Feliciano fort, wenigstens erscheint es uns Kundigen so,
deren Leben nicht wie Spreu verweht, wenn die Menschen Dinge wunderbar,
seltsam und unbegreiflich nennen, die eigentlich die einfachsten und
natürlichsten sind. Ist denn der Mensch ursprünglich dazu geschaffen, um den Thau aus der Blume, wie der Schmetterling, zu saugen, und wie dieser
Augenblicks wieder zu vergehn? Sagt nicht die Schrift das Gegentheil? Wenn
nun Weisheit und Kenntniß der Patriarchen und andrer Heiligen, sorgsam
aufbewahrt von Geschlecht zu Geschlecht, dem Auserwählten, der sich dessen
würdig macht, mitgetheilt wird, — wo ist das Unbegreifliche, oder nur
Seltsame? Die Erzväter lebten Jahrhunderte, und wer ihrer nicht unwürdig ist,
mag auch noch jetzt ihnen darin ähnlich werden. Wir haben vielleicht noch den
Vorzug vor ihnen, daß wir Wissenschaft und Kunst späterer Zeit mit jenen
uralten der früheren Tage, die für die meisten Menschen schon längst verloren
gegangen sind, vereinigen können.
Anton winkte dem Gelehrten, als freue er sich, daß Anderson so geschickt
seine vorige Uebertreibung verbessert habe. Feliciano fuhr fort: Und so mag ich
Ihnen sagen, und Sie werden sich hoffentlich nicht mehr darüber verwundern,
daß ich noch frühere Personen gesehn und gekannt habe. Es war mir vergönnt,
ein Freund des großen und heiligen Dante zu seyn. Viele Verwirrungen der Welt,
viele große Entwicklungen der Geschichte habe ich gesehn, und immer wieder,
wenn mein Gemüth durch dieses weltliche Treiben zu sehr gestört wurde, zog
ich mich in die Wüsten Aegyptens oder Arabiens zurück, oder begab mich in
meine Lieblingslandschaften an dem Ganges, wo ich denn wieder mit Flamel
und manchem andern Adepten lebte. Ich habe bemerkt, daß seit drei
Jahrhunderten die Kunst sehr gesunken ist, denn so lange wird es jetzt seyn, daß
ich keinen neuen Ankömmling in unserm Kreise gesehn habe.
Schmaling sagte verlegen: und möglich wäre es, sich diesen hohen
Sterblichen, die man fast Unsterbliche nennen möchte, anzuschließen? Ist es zu
hoffen, daß diese großen Geister den Schüler, der ihnen gegenüber immerdar
unwürdig erscheinen muß, nicht zurückweisen werden?
Alles hängt davon ab, antwortete Feliciano, welche Bahn dieser Lehrling
wandelt, ob er sich zu der rechten gesellt, und ob seine Lehrer ihn nicht
vielleicht der Weihe unfähig machen.
Und woran soll man das Wahre oder Falsche erkennen? fragte Schmaling.
Auf vielfache Weise, erwiederte der Magus: ich dürfte nur geradezu sagen, ich
selbst kann Euch aus meinem Munde den besten und sichersten Bescheid
ertheilen. Indessen — ist ein Kind hier im Hause? fragte er, gegen den Professor
gewendet.
Ich habe zwei Knaben, antwortete dieser in der höchsten Verlegenheit, denn
dies war gegen die Abrede, und Ferner begriff nicht, wohin dies führen sollte.
Wie alt? fragte Feliciano.
Der Eine zwölf, der Jüngere neun Jahr.
So laßt mir den Jüngeren kommen, Freund, war die Antwort, und daß uns dann die Dienerschaft nicht störe.
Ferner ging, verwirrt und in sich selber ungewiß. Er kam mit dem heitern,
blondlockigen Knaben zurück, der hell und klar aus seinen großen freundlichen
Augen schaute.
Der Zauberer ließ das Kind zu sich kommen, beschaute es ernst, hieß die
Hände zeigen, betastete den Kopf des Kindes, und indem er mit feierlichem
Anstande die rechte Hand auf dem Haupte des Knaben ruhen ließ, fragte er ihn:
Wie ist Dir jetzt? Empfindest Du Etwas?
Ach! rief das Kind: mir wird so wohl, so hell, mir ist, als könnt’ ich singen, so
leicht als möcht’ ich fliegen, das Auge so licht, als könnt’ ich durch die Wände
sehn.
Bleibe so stehn, mein Sohn, sagte Feliciano sehr ernst, und, da nichts Anders
zugegen ist, das uns dienen könnte, so hefte Deine Augen auf den klaren Kristall
dieser Wasserflasche, und sage mir, was Du siehst.
Anton wie Ferner waren im höchsten Erstaunen, was sich aus dieser Anstalt,
von der sie nicht die kleinste Ahndung gehabt hatten, ergeben solle. Schmaling
war in Bewunderung aufgelöst. Die größte Stille herrschte.
Ich sehe, fing das Kind an, einen jungen Herrn, einen schönen jungen Herrn,
hübsch in Kleidern, schlank gewachsen: mir ist, ich kenne den Herrn. Ich glaube,
es ist der Mann hier in der Stube. Er steht aber in einem fremden Zimmer: ganz
fremd. Da kommt ein andrer Herr: auch der ist noch nicht alt; etwas größer. Sie
sprechen. Dreiecke, Vierecke sind aufgestellt: Sonnen, Monde. Sie sprechen.
Ach! — mit lautem Ruf sagte der Kleine — da schwebt so klar, ganz hell,
glänzend, ein schönes Frauenbild zwischen ihnen herab. Es küßt den hübschen
Herrn auf die Stirn.
Genug, sagte der Magus, und zog die Hand zurück. — Siehst Du noch Etwas?
Unsre Wasserflasche, sagte der Kleine, und ich bin ganz müde.
Jüngling, sagte der Magus hierauf zu Schmaling, Du bist dermalen auf dem
richtigen Wege, verfolge ihn mit Muth und Standhaftigkeit, und das Ziel wird
Dir nicht entgehn. Dein Führer, dem Du Dich anvertraut hast, ist der wahre,
sonst wäre die göttliche Sophia nicht niedergeschwebt, und hätte, dem Kinde
sichtbar, Deine Stirn mit einem Himmelskusse berührt. — Er reichte dem
Jüngling die Hand, und dieser küßte sie mit inbrünstiger Ehrfurcht.
Anton war höchst betreten, überrascht, und konnte in leidenschaftlicher
Verwirrung nicht seine Begriffe ordnen und sammeln. Dies Alles war so sehr
gegen die Abrede, Anderson erschien ihm so fremd, in einer so neuen Gestalt,
daß ihm das Wort auf der Zunge versagte, als er ihn anreden wollte, denn der
Magus sah ihn mit einem so feurigen, durchdringenden Blicke an, daß er
verlegen die Augen niederschlug. Der Gelehrte war eben so verwirrt, denn die Scene hatte sich so völlig umgestaltet, daß er sich im eignen Wohnzimmer als
ein Fremder fühlte.
Du glaubtest, mein Anton, fing der Zauberer an, durch einen fremden Mann
diesem Jüngling einen Scherz und Trug zu bereiten, und Du, Kurzsichtiger, bist
der Getäuschte. Ja, wisse denn, ich bin wirklich und in der That jener weit
bekannte Feliciano, den die Welt früher schon mit andern Namen nannte. Du
staunst? Du zweifelst noch? Er faßte das Kind, stellte es wieder vor den Tisch,
murmelte einige Worte, blickte starr eine geraume Zeit empor, indem er die
Lippen bewegte, und legte dann seine rechte Hand wieder auf den Kopf des
Kindes. Was siehst Du für ein Schicksal? fragte er dann mit schneidendem Ton.
Ei! ei! rief der Kleine; ach! grüne Bäume, ein Dorf: ein kleines, liebes Haus
da, auch eine Wiese, ein klares Wässerchen, und eine Mühle nicht weit davon.
Ein junger Herr spaziert da, ich kenne ihn auch, er kommt oft zu uns, ja er ist
jetzt bei uns. Schau, da tritt ein hübsches Bauernmädchen zu ihm, und sie gehn
in das kleine Haus.
Anton war blaß. Er hatte sich erhoben, konnte sich aber zitternd nicht mehr
aufrechthalten und setzte sich nieder.
Der Knabe fuhr fort, in das Glas schauend: sie streiten heftig im Zimmer, sie
nimmt ein Bild aus ihrem Busen und tritt es mit Füßen. Er geht und droht. Sie
reißt ihre Mütze vom Kopf, die Haare fliegen. Sie rennt nach dem Tische und
zieht ein großes Messer hervor. Dann sieht sie nach dem Bach und dem Wasser.
Sie schwört, sie macht schreckliche Geberden.
Der Magus ließ die Hand vom Kopf des Kleinen und ein gelber Blitz zuckte
blendend durch das Zimmer, ein lauter Donnerschlag erschütterte das Haus. Wie
ein Rauch stand plötzlich ein blasses Frauenbild da, drohend die Hand gegen
Anton erhoben. Dieser stürzte entsetzt vom Sessel auf den Boden. Alles
verschwand und die Lichter brannten wieder hell.
Nun, wendete sich der Zauberer zum Gelehrten, soll ich Dir auch noch
beweisen, daß ich der wahre Feliciano und kein Trugbild sei? Soll ich Dir Deine
geheimsten Gedanken und Absichten oder Deine Zukunft sagen?
Ferner erwiederte bleich und geängstigt nur Weniges. Du glaubtest, fuhr
Feliciano fort, indem er den zerstörten Anton vom Boden erhob, kein Mensch in
der Stadt kenne Dein Verhältniß zu jenem unglücklichen Mädchen, die Du
Deinem Ehrgeiz aufopferst. Noch ist die letzte Zeit, noch kannst Du sie retten.
Es war schon spät, aber Anton stürzte fort und eilte zu Pferde noch in der
Nacht zu seiner Geliebten hinaus. Der Magus hatte sich entfernt, aber Niemand
hatte ihn zur Thür hinaus gehn sehn.
———
So hatte diese Zusammenkunft ganz anders geendet, als es die Freunde und
Clara erwartet hatten. Diese sah ihren Bruder am Abend nicht und auch nicht am
folgenden Morgen. Man war im Hause um ihn besorgt. Der Vater, der einen
kurzen, leidenschaftlichen Brief von Anton erhalten hatte, lösete mit
kummervollem Antlitz das Räthsel.
Der Sohn war in der Nacht angekommen. Er vernahm, daß um die Zeit, als
das unglückliche verführte Mädchen ihm im Zimmer seines Freundes erschienen
war, sie in einem Todtenschlafe, so daß sie nicht zu erwecken war, gelegen hatte.
Als sie sich wieder besonnen und mit den tief bekümmerten Eltern gesprochen
hatte, legten sich diese, nach einem kurzen Abendessen, zur Ruhe. Als im Hause
Alles still war, hatte sie noch einen Brief an ihren Ungetreuen geschrieben, der
sich ihrer schämte, und ihre Dürftigkeit und ihren Stand verachtete. Als sie
mühsam und unter vielen Thränen den Brief geendigt hatte, ging sie noch lange
auf und ab, um ihr Elend ganz zu fühlen und ihren schrecklichen Entschluß in
sich reif werden zu lassen. Sie hatte nicht den Muth, sich ihren Eltern zu
vertrauen, weil sie den Zorn des heftigen Vaters fürchtete. Sie fühlte, wie nahe
sie ihrer Niederkunft sei, und hatte keinen Vertrauten, wußte keine Hülfe zu
ersinnen. Anton hatte sie in der Stadt als eine Unbekannte unterbringen, und für
sie sorgen wollen, sie aber hatte mit Abscheu alle seine Vorschläge abgewiesen,
da er nicht mehr für sie zu thun gesonnen war, so dringend sie ihn auch an seine
früheren Versprechungen und Eide erinnerte. Er wollte aufschieben und Zeit
gewinnen: er fürchtete ebenfalls seinen Vater, seine Vorgesetzten, auch war die
frühere Liebe wohl erkaltet. Sie sah keinen Ausweg und ging jetzt in der finstern
Nacht den Bach entlang, um in den brausenden Mühlsturz sich und ihr
ungebornes Kind und alle ihre Sorgen zu begraben.
Indem sie nach der Mühle zulenkte, hörte sie auf der Landstraße ein
brausendes, jagendes Pferd. Es war Anton. Seine Todesangst erkannte schon aus
der Ferne ihren Schatten.
Der geheime Rath Seebach meldete seiner Familie, daß sich sein Sohn am
frühen Morgen mit einem Bauermädchen verheirathet habe. Was der kurze,
heftige Brief nicht sagte, ergänzte seine Ahndung. Die Mutter, aus einer alten
adeligen Familie, einem angesehenen Edelmanne vermählt, war außer sich, weil
dieser Sohn ihr Stolz und ihre größte Hoffnung gewesen war. Clara war mehr
verwundert als betrübt, und zürnte dem Bruder, daß er ihr und den Eltern aus
diesem Verhältniß ein Geheimniß gemacht hatte.
Traurig ist es, sagte der Vater, denn er hat sich durch den raschen Schritt,
durch diese Unbesonnenheit die Thüre zu allen höheren Stellen verschlossen. Es
ist aber so, mag es auch kommen, wie es will, besser, als wenn er ein Verbrechen
begangen hätte. Wir werden uns an die Tochter gewöhnen, und wenn mein Sohn Ehrenstellen einbüßt, so hält er doch sein Wort und bleibt ein Mann von Ehre.
Wo das Schicksal so ernst in die Verhältnisse des Lebens tritt, da soll man nicht
mehr klügeln, sondern in Demuth den hohen Willen anerkennen. Ich weiß, daß
die Liebe seiner Eltern nicht dadurch wird vermindert werden.
Die Mutter weinte heftig, so sehr sie auch der Vater und Clara zu beruhigen
suchten. Der Vater schrieb dem Sohne mit dem rückgehenden Boten einen
herzlichen Brief, in welchem er ihm Alles vergab und ihn ermunterte, sein Leben
nun tüchtig und stark anzufassen. Die Stadt war bald von dieser sonderbaren
Begebenheit angefüllt, über welche Jeder nach seinem Standpunkt und seinen
Vorurtheilen sprach.
———
So war nun in allen Verhältnissen der Familie eine große Veränderung
eingetreten. Der Sohn kam vor der Niederkunft seiner Frau nicht zur Stadt.
Nachher zeigte er sich den Eltern, getröstet, aber nicht froh, und späterhin führte
er Agnes, die Bäuerin, bei ihnen ein, mit der er ein eignes kleines Haus in der
Vorstadt bezog. Nichts wollte sich fügen und in einander schicken, und Jeder
gestand sich, daß, wenn die Sache unabänderlich war, diese Frau, durch welche
die Laufbahn des Sohnes gehemmt war, in den Kreis der Familie doch nicht
passe. Es war schon die Rede davon, daß er das Gut des Vaters bewirthschaften
solle; indessen schien auch dieses bedenklich, da Anton sich niemals um die
Landwirthschaft gekümmert hatte. Was den Vater aber mehr, als diese Stellung
seines Sohnes kümmerte, war, daß er ein schwärmerischer Anhänger dieses
Feliciano geworden, von dessen Seite er kaum mehr wich, und so erlebte er nun,
daß Sohn und Schwiegersohn sich diesem Schwindel ergaben, von dem er selbst
wieder geheilt schien. Er erstaunte, daß auch sein ruhiger Freund, der Gelehrte,
der ihm immer ein Muster in der ruhigen Haltung erschienen war, ebenfalls nach
jener Begebenheit sich als einen fanatischen Anhänger des Feliciano erklärte.
Auch der alte Obrist neigte zu dieser Schwärmerei hinüber, und nicht bloß im
Hause des geheimen Rathes, sondern in den meisten Häusern der Stadt, wurde
Feliciano der erste und wunderbarste aller Menschen genannt.
Ein Taumel bemächtigte sich, als es erst bekannt worden war, daß der
berühmte Feliciano zugegen sei, der ganzen Stadt. Jedermann wollte ihn kennen
lernen, jede Gesellschaft wollte ihn in ihrer Mitte sehn. Er gewann in kurzer Zeit
viele Anhänger und Freunde, und die angesehensten Männer, die höchsten vom
Adel bewarben sich um seine Gunst. Er erklärte, daß er nur kurze Zeit verweilen
könne, weil er in großen und wichtigen Geschäften nach dem Norden gehn
müsse, auch erlaubten ihm seine geheimnißvollen Arbeiten nicht, sich zu sehr in der Welt zu verbreiten. Die wichtigsten Männer versammelte er um sich in seiner
Loge. Man sprach von den seltsamsten Wundern, die hier in geheimen
Zusammenkünften vorgefallen waren. Der Professor, so schien es, hatte seinen
jüngsten Knaben ganz dem Wunderthäter überlassen, denn das Kind weissagte
oft aus dem Kristall, den Feliciano künstlicher, als es an jenem Abend geschehen
war, in seinen Gesellschaften aufstellte. Der Arzt Huber arbeitete indessen mit
Sangerheim und Schmaling, Jeder bestrebte sich, von allen diesen geheimen
Künsten Zeuge zu seyn, oder durch Freunde wenigstens Etwas von ihnen zu
vernehmen, und selbst die Frauen und Mädchen wünschten an diesen
Wunderwerken Theil zu nehmen, oder auch in irgend eine mysteriöse
Verbindung zu treten. Feliciano hatte sie eigentlich selbst zuerst auf diesen
Wunsch geführt, und er stiftete auch bald darauf eine Loge für Damen, die nun
auch mit mystischen Abzeichen prangten, sich gegenseitig an Gruß und
Handdruck erkannten, und von Fortschritten in Weisheit und Wissenschaft
träumten. Auch die Mutter Clara’s hatte sich in diesen Orden aufnehmen lassen.
So war die arme Clara von Jedermann verlassen, denn beim Vater, der über
alle diese Sachen verstimmt war, konnte sie nur wenig Trost finden. Der Graf
Feliciano hatte alle Künste der Ueberredung angewendet, das schöne Mädchen
auch zu dem Uebertritt in seinen neugestifteten Orden zu überreden, in welchem
seine Gemahlin, die seitdem auch aus dem Inkognito hervor getreten war, den
Vorsitz führte. Es gelang ihm aber so wenig, daß im Gegentheil der Widerwille
Clara’s gegen alle diese Dinge immer mehr gesteigert wurde. Wie kann der
Mensch, sagte sie einmal in einer aufgeregten Stimmung zu ihrem Vater, nur so
verkehrt seyn, in der Umkehrung des Natürlichen sein Heil zu suchen? Man
fühlt sich ja als Mensch nur wohl, wenn Alles in der gewöhnlichen Bahn
fortschreitet, wenn das, was sich als nothwendig ankündigt, ganz einfach und
schlicht geschieht. Entwickelt sich in diesem Lebensgange eine große That, eine
schöne Aufopferung, so freut es uns um so mehr, daß uns das Göttliche aus den
Elementen gewebt ist, die uns zunächst umgeben, daß wir fühlen, auch uns
könnte in einer geweihten Stunde dasselbe begegnen, oder unsre Seele könnte
auch dieselbe Höhe erstreben. Ziehn wir uns doch mit Widerwillen von der
Nahrung zurück, die uns zu fremdartig dünkt, deren Zurichtung unserm Gaumen
widersteht: aber schlimmer als überreifes Wild, oder der verpestete haut goût
der Assa fötida, und der Vogelnester und ähnlicher abscheulicher Dinge ist es,
diese Knoblauch-Tinktur von Wunderglauben, tollen Fabeln und aberwitzigen
Bestrebungen in seine Seele aufzunehmen.
Der Vater erwiederte: Du bist zu zornig, liebes Kind. Laß die Menschen
gewähren, der Krankheitsstoff muß austoben. Alles Sprechen dagegen nutzt
nicht, unfruchtbar ist das Moralisiren; der Dämon, der die Menschen besitzt und treibt, wird endlich seines Spieles selbst müde. Deine kühne Vergleichung paßt
auch nicht ganz; man könnte eben so gut die entgegengesetzten Bilder brauchen.
Wen versucht nicht der reife, köstliche Pfirsich? die duftende Ananas? die
lockende, rothe Kirsche, vorzüglich in der Jugend? Und was wäre unser Leben,
wenn Alles so plan verständlich wäre? Alle Tage unausgesetzt die nahrhafte
Hausmannskost des redlichen Treibens, der guten Gedanken? Aus Natur und
Kunst, aus Liebe und Scherz, aus Religion und Gemüth winkt uns ein
Geheimniß an, dem wir näher kommen möchten: es zieht uns nach durch Gefild
und Wald. Jetzt glauben wir es zu erblicken, dann ist es wieder entschwunden.
Von dieser Sehnsucht, die ohne Gegenstand scheint, werden die besten Kräfte
unsrer Seele getränkt, und wenn sie erlöschen könnte, würden wir in uns selbst
verschmachten. Alle schönen Triebe der Freundschaft, des Wohlwollens, der
Menschenliebe, aller Enthusiasmus für das Gute und Schöne quillt ebenfalls aus
dieser geheimnißvollen Gegend unsrer Seele.
Mag es seyn, antwortete die Tochter, aber ich sehe und erlebe es doch, daß,
wenn diese Sucht, oder der Trieb auch innigst mit dem Schönen eins ist, sie doch
auf ihrem fortgesetzten Wege sich in das gespenstig Aberwitzige verwandeln
können. Der Mensch muß ja doch mit festem Charakter und unbezwinglichem
Willen in der Mitte stehen bleiben, daß Glauben sich nicht in Aberglauben, Sinn
in Thorheit, Tugend nicht in Laster verwandle. Ist jene Sehnsucht überirdischer
Natur, so ist dieser einfache starke Wille wohl auch göttlicher Abkunft, der wie
ein unüberwindlicher Riese den Schatz der Vernunft und des Guten bewachen
soll, welcher dem Menschen von Gott ist anvertraut worden. Mir dünkt, gegen
tausend wunderliche Dinge, die auf uns eindringen, gegen unzählige Gelüste, die
uns überreden möchten, giebt es keine andre Waffe, als daß ich sage und immer
wieder sage: es soll nicht seyn! Lasse ich dieses Schwert im Schlummer einmal
fallen, so kann ich gar nicht mehr wissen, wohin mich alle jene Sophistereien
führen könnten.
Diese starre Vernunft, sagte der Vater, reicht aber auch nicht aus: sie kann
Tugend seyn, widersteht aber eben so oft der Liebe als dem Unrecht, läßt auch
die Wahrheit, indem sich die Liebe abkämpft, nicht auf sich eindringen.
Wahrheit! das große Wort! rief sie aus, das eben so wohl Alles wie Nichts
bedeutet. Wer hat es nicht schon gemißbraucht? Je demüthiger wir uns dem
unterwerfen, was das Leben von uns verlangt, je sanfter und stiller wir dem
folgen, was uns zu unserm Heil offenbart ist, je weniger wir grübeln und
klügeln, und die Anmaßung von uns fern halten, über dem Begreifen zu stehen,
es zu meistern und nach Gutdünken zu handhaben, um so mehr wir dem Vorwitz
Einhalt thun, da nicht hinschauen zu wollen, wo sich in der Leere unserm
irdischen Blick nur Gespenster erschaffen, um so mehr, glaube ich, bleiben wir der Wahrheit getreu.
Wohl mein Kind, sagte der Rath: denn wie ich schon sonst behauptete, wenn
das Böse auch ein Nichts ist, so erwecken wir es doch wohl und theilen ihm
unsre Kräfte mit, indem wir es glauben und uns dem Nichtigen ergeben. Hat es
erst von uns diese Stärke empfangen, so wird es wohl oft so gewaltig, daß es uns
und jeden Widerstand besiegt, der nicht die göttliche Wahrheit selbst zu Hülfe
ruft. In diesem Bilde kann man sich die Erscheinung der bösen Geister denken,
die der Magier aufruft. — Und so möchte man freilich glauben, Wahrheit sei in
allen Dingen zu finden, sie liege auch dem Irrthum zum Grunde, nur hüte sich
der Mensch, einer Regung, einer Aufwallung, oder einem Gedanken unbedingt
und zu dreist zu folgen, denn rechts und links liegt die Unwahrheit und
Täuschung, und er wandelt nur recht auf einer schmalen Linie.
Wenn es so ist, erwiederte Clara, so ist es eben das Sicherste, dem
Alltäglichen getreu zu bleiben, was vielen beflügelten Geistern als das Gemeine
erscheint. Will sich der Mensch erheben, wird er, wie der fliegende
Schmetterling, von Schwalben und Sperlingen weggehascht, und bleibt er unten
am Boden, so wohnt er beim Gewürm, aber nährt sich auch vom Thau, der in
den Rosen und Lilien glänzt. —
Nicht nur die Familie des Rathes war in Verwirrung gerathen, sondern man
konnte dies von der ganzen Stadt behaupten. Dem alten Seebach war es aber
verdrüßlich, daß von den Vernünftigen, die sich nicht hinreißen ließen, Alles was
geschah, mit ihm und seinem Sohn, so wie mit jener Entdeckung Sangerheims in
Verbindung gebracht wurde. Es ließ sich nicht leugnen, daß jener Vorfall, der
viel Aufsehn erregt hatte, zu allen spätern Wunderlichkeiten gleichsam das
Signal gegeben hatte. Die sonderbare Verheirathung des Sohnes, die
Schwärmerei Schmalings, die Operationen des Grafen so wie Sangerheims, die
weibliche Loge, in die sich seine Gattin sehr gegen seinen Willen hatte
aufnehmen lassen, die Seltsamkeiten, die sowohl der Arzt Huber, wie der
Professor Ferner, vernehmen ließen, die Ausschweifungen mancher Reichen, die
sich ganz der Hoffnung ergaben, die Kunst des Goldmachens zu entdecken, und
in dieser Aussicht ihr Vermögen verschwendeten, Geister-Erscheinungen, durch
welche man in mächtigen Familien dieses und jenes hatte durchsetzen wollen,
alles Dies, vergrößert, mit Erfindungen ausgeschmückt, Alles wurde
hauptsächlich auf Rechnung des alten erfahrnen Seebach geschrieben, um so
mehr, weil man wußte, daß er auf eine Zeitlang sich diesen seltsamen Künsten
ergeben hatte. Es half ihm Nichts, daß er sich wieder zurückgezogen hatte, daß
er den Umgang Sangerheims und noch mehr des Grafen vermied, die meisten
Menschen, auch seine Collegen und selbst seine Freunde hielten ihn für den
Stifter aller dieser Irrungen. So bedrängte ihn, außer den häuslichen Kränkungen, noch das Gefühl, daß er so vielen wackern und einflußreichen
Leuten für einen zweideutigen und gefährlichen Mann galt. Vieles von diesem
geheimnißvollen Umtreiben kam auch vor das Ohr des Fürsten, der, da die Sache
laut und weltkundig wurde, ein großes Mißfallen bezeigte, und dem Rathe, der
sich gar nicht mehr mit diesen Dingen befassen mochte, andeuten ließ, sich zu
mäßigen. Am schlimmsten aber waren dem gekränkten Seebach die Maurer von
der alten Ordnung aufsässig, die in Allem nur die Absicht sahen, daß sie gestürzt
werden sollten, — welches die mystischen Logen auch laut genug aussprachen,
— und nun empört den Rath als einen abtrünnigen Bruder behandelten, der aus
weit ausgreifenden Absichten sich diesen Rebellen verbunden habe, um als das
Haupt dieser geheimnißvollen Gesellschaft Verderbliches zu wirken.
Meine Tochter hat Recht, sagte der Rath zu sich selber, wie hart werde ich für
meine Neugier oder Wißbegier gestraft, die Anfangs so löblich oder unschuldig
aussah. Hielt ich mich doch für so kühl und weise, um allen Versuchungen
Widerstand leisten zu können. Aber ein Glied reiht sich an das andre, und
unvermerkt ist die Kette fertig.
Es schien aber, als wenn zwei Wunderthäter für Eine Stadt, wenn sie auch
groß war, zu viel seien. Der Graf hatte sogleich abreisen wollen, verlängerte aber
seinen Aufenthalt von einem Tag zum andern. Sein Wirkungskreis schien sich
auszubreiten, so wie der Sangerheims abnahm, da viele von dessen Jüngern zum
größern Meister abfielen. Darum führte Sangerheim den Vorsatz aus, zu
welchem er schon seit einiger Zeit Alles vorbereitet hatte, sich nach einer andern
reichen und angesehenen Stadt zu begeben, wo er, da sein Ruf ihm schon
vorangegangen war, gleich mit dem größten Glanze auftrat, die ältern Maurer
beschimpfte, ihnen ihre Lehrlinge entzog, und Zeichen und Wunder aller Art
verrichtete. Der Geheimrath erlebte die neue Kränkung, daß Schmaling, unter
dem Vorwande einer Krankheit, von seinem Minister einen unbestimmten
Urlaub nahm, und dem Abentheurer nach jener Stadt hin folgte, um in seiner
Nähe und nach seiner Anweisung seine geheimnißvollen Arbeiten fortzusetzen.
Schmalings Abschied von Clara war kalt, und sie war so erzürnt, daß nur Wenig
fehlte, so hätten Beide ihre Trennung für immer ausgesprochen. Aber da Beide
sich noch mäßigten, so blieb es bei unbestimmten Ausdrücken, die Jeder nach
Gefallen deuten konnte.
Seinen Sohn sah der Rath nur selten, weil er ganz dem Grafen und dessen
Befehlen und Operationen lebte. Die Gattin war in der weiblichen Loge sehr
thätig, und jetzt mit der niedrig gebornen Frau ihres Sohnes ganz ausgesöhnt,
weil auch diese, die allen Glanz ihrer Jugend wieder erhalten hatte, vom Grafen
zur Bundesschwester war geweiht worden. Huber war ebenfalls dem Adepten
Sangerheim nachgereiset, um in seiner Kunst vollkommener zu werden.
Clara war im Schmerz außer sich, als der Vater nach einiger Zeit von
Schmaling einen sonderbaren Brief erhielt, den er der Tochter mittheilen mußte.
Der künftige Schwiegersohn schrieb nehmlich Folgendes:
Im Begriff, einen sehr wichtigen und entscheidenden Schritt in meinem Leben
zu thun, halte ich es für meine Pflicht, Sie, Verehrter, und meine geliebte Clara in
Kenntniß zu setzen, was ich zu thun gesonnen bin, was ich nicht unterlassen
kann und darf. Daß mein Gemüth sich seit lange dem Reiche der Geheimnisse
zugewendet hat, wissen Sie schon, daß mein Herz nur Ruhe finden kann, wenn
diese Sehnsucht gestillt wird, werden Sie begreifen. Aber wie kann, wie soll es
geschehn? Ich habe manche Grade erhalten, ich bin Zeuge von vielen Wundern
gewesen, seltne Kenntnisse sind mir geworden, große, heilige Schauungen haben
meine Seele erst erschüttert, und sind mir dann einheimisch geblieben. Daß ich
niemals zu jenen Verächtern unserer Religion gehört habe, die in unsern Tagen
den Ton angeben, wissen Sie ebenfalls. Ich habe geforscht, die heiligen Schriften
sind mir vertraut und ehrwürdig, aber was die Kirche und ihre Priester mir
gaben, konnte meinem brünstigen Geiste nicht genügen. Auch hier hat mir der
begeisterte Sangerheim neue Wege gewiesen. Die Tradition, die Wunder der
ältern katholischen Kirche, ihre heilige Messe, die himmlischen Legenden, die
Gegenwart, die unmittelbare, Christi in der Hostie, die Liebe der Mutter Gottes,
die Bilder und die Musik, — warum sollen wir unser reiches Herz allen diesen
Gaben verschließen? Warum nicht nehmen, was uns so liebreich geboten wird?
Um ganz der Einweihung in die Mysterien würdig zu werden, um die Grade
empfangen zu können, und die Strahlen des Lichtes, nach denen ich mich sehne,
ist es nothwendig, wie mir mein Lehrer sagt, daß ich meinen jetzigen Standpunkt
in der Kirche aufgebe, die Ueberzeugung, die mir ja niemals eine war, weil sie
mein brennendes Herz so leer ließ, daß ich zur ältern, eigentlichen christlichen
Kirche zurückkehre, die mütterlich jedem Verirrten die Arme entgegenbreitet. Ist
dieser nothwendige Schritt geschehn, so sind mir alle Geheimnisse des Ordens
zugänglich und offen, die Vereinigung mit jenen ehrwürdigen Männern, den
unbekannten Obern, ist mir dann möglich, mit jenen erhabnen Geistern, denen
die Verwahrung aller Geheimnisse anvertraut ist. Diese nahe Weihe, diese
Nothwendigkeit der Veränderung hat der Meister mir nur allein, als seinem
Lieblinge, entdeckt, die andern Schüler sind dieser Erklärung noch nicht fähig
und würdig. — Von Ihnen, verehrter Mann, bin ich nun keiner Einreden und
keiner Mißbilligung gewärtig, da ich weiß, wie billig Sie sind, wie aufgeklärt Sie
denken. Es kann bei Ihnen unmöglich in Anschlag kommen, daß ich meine
jetzige Stelle und jeden künftigen Staatsdienst aufgeben muß, denn den höheren
Pflichten müssen die niedrigern weichen. Es ist ja nichts Weltliches, Ehre oder
Reichthum, was ich durch diese Rückkehr in die Mutterkirche erstrebe: sondern das Unsterbliche, die Erleuchtung, das Verständniß selbst. Wie aber wird Clara
es aufnehmen, wenn sie meinen Entschluß erfährt? Sie klebt, fürchte ich,
allzusehr am Irdischen, um sich in die freiere Region des Geistes erheben zu
können. Ich hatte immer gehofft, ihr Sinn würde sich in der Liebe poetischer
bilden, daß sie es wenigstens fühlte, wenn auch nicht einsähe, wie arm jenes
Leben ist, dem sie sich ergeben hat. Suchen Sie sie zu stimmen, verehrter Vater,
daß sie mich nicht mißversteht, Sie, der Sie ja auch der Wissenschaft manches
Opfer brachten. Und was ist es denn auch mit dem Weltlichen und Irdischen?
Besitze ich nicht eignes Vermögen? Auch Clara ist nicht arm, und braucht sich
also niemals von mir ganz abhängig zu empfinden. Und soll einmal dergleichen
in Anspruch kommen, so darf ich wohl die Aussicht, daß mir in Zukunft,
vielleicht bald, Alles zu Gebote steht, was ich nur wünsche, keine Fata Morgana
nennen. Welche Kraft und Gewalt mir anvertraut mag werden, um da zu
herrschen, wo unsere Ahndung sonst nur hinstrebt, mag ich nicht weiter
andeuten und aussprechen. Ist sie aber mit mir einverstanden, so bin ich der
Glücklichste der Menschen. —
Nein, wahrlich nicht! rief Clara im höchsten Unwillen aus, nun und
nimmermehr! Welchen Gimpel haben sie schon jetzt aus dem allerliebsten
Menschen gemacht, und was muß nicht erst aus ihm werden, wenn sie ihm noch
mehr Grade und Geheimnisse aufhalsen! O wahrlich, er wird ihnen in den
Strängen geduldiger als ein Maulthier ziehn, und allen frommen Gläubigen zum
Exempel und Vorbild dienen. Mich mit ihm verbinden? Vielleicht haben sie noch
einen andern geheimen Grad irgendwo im Winkel liegen, und um den zu
ergattern, muß er wohl auch noch sein Vermögen dran geben, und dann, um die
letzte und beste Niete zu ziehn, Capuziner werden. Nein, ehe er seinen Verstand
nicht aus dem Monde wieder herunter geholt hat, mag ich Nichts von ihm