Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band
Die Wundersüchtigen. 1831.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
Schlafe sehen und finden muß, was Du verlangst, so dehnt es sich in meiner
Brust, in meinem Kopf. Diese fließenden leichten Gewölke werden immer
dünner und feiner, und mein Selbst, mein Sein weicht wie in eine schwindelnde
Ferne hinweg, daß ich in einer entsetzlichen Angst nach ihm zurückblicke. Jenes
fließende, fliehende Wesen, das ich selbst nicht mehr bin, faßt und sieht dann in
meinen Körper, in Dich, in alle Wesen mit einem kalten Schauder hinein. Ich
frage, ohne den Sinn zu wissen, und höre von Geistern die Antwort, und sage sie
Dir im Schlaf, und Alles ist nur ein Echo. Oft, wenn ich dann wieder erwachen
soll, greift das blasse, fließende und entflohene Wesen nach dem eigentlichen Ich
mit Entsetzen zurück, und kann es nicht wieder finden. Nein, mein Ich ist
manchmal fort; ich kann mich auf mich selbst nicht besinnen. Der Geist fürchtet,
er könne vergehn, sich selbst vernichten. Nein, Liebster, wenn Du noch einiges
Erbarmen mit mir hast, nicht mehr diese Experimente, versprich es mir.
Sangerheim gab ihr geängstigt stumm die Hand. Er wußte wohl, wie viel er
ihren künstlich erregten Visionen zu danken hatte. Durch dieses Mittel hatte er
damals für den Rath Seebach jenes Dokument gefunden. Er stand jetzt an einem
furchtbaren Scheidewege seines Lebens. Denn ohne daß seine Gattin ihn so
schmerzlich zu erinnern brauchte, war er selbst schon mehr wie einmal an sich
und seinem Beginnen irre geworden. Er fing in manchen Stunden an zu
zweifeln, ob denn der Zweck die Mittel heiligen könne. Eine Lehre, die ihm bis
dahin als unerschütterlich erschienen war. Mit Angst wartete er auf Briefe und
Aufschlüsse, die man ihm verheißen hatte, damit er den Trug könne fallen
lassen, seinen Eingeweihten ein eigentliches Geheimniß sagen und erklären, und
im Besitz wirklicher Wunderkraft, des Steines der Weisen und der Tinktur
glücklich seyn. Er hatte nach seiner Ueberzeugung erfüllt, was er versprochen
hatte, ja mehr ausgerichtet, als man erwarten konnte, aber die letzten Briefe, die er erhalten und die er sehnend erwartet, sprachen so zweideutig, erfüllten so
wenig, was er forderte, und umgingen die Frage so behutsam, daß er sich mit
allen Kräften der Hoffnung und des Vertrauens nur einigermaßen beruhigen und
auf die nächsten Nachrichten vertrösten konnte.
In dieser Verstimmung seines Gemüthes faßte er die Hand der Kranken, und
machte, ohne daß sie es bemerkte, die Striche, die den Schlaf herbei riefen. Sie
entschlummerte mit einer Zuckung Augenblicks, indem sie nur noch wimmernd:
nicht Wort gehalten! im halben Wachen ausstieß. —
Er fragte sie jetzt um die Zukunft. Der Busen der Kranken arbeitete schwer.
Ach! Nichts! Nichts sehe ich, sagte sie, wie schluchzend in sonderbaren Tönen:
da liege ich, weit, weit weg; nicht ich, — die Hülle. — Glanz, Licht, — aber
ohne Schein. Es saugt mich hinauf. Meine Mutter nimmt mich, nicht meine
Mutter, ihre Liebe, das ist mehr als sie. Wie rein ist ihr Herz. Das reinigt auch
meinen Geist, mich. Mir wird so leicht, so wohl. Das, was ist, ist nicht
eigentlich. Wir verstehn es unten nicht. Alles nur Schein, Hülse, der Tod. Das
Sein ist anders: kann unten nicht gefaßt werden.
Sangerheim richtete durch Fragen ihre Gedanken anders. O weh! rief sie in
einem scharfen Ton: — da ist Dunkel, Verwirrung, das Elend. O du Lügner,
warum verkehrst du mit der Lüge so holdselig? Dein Herz bricht, dein Kopf
zerspringt. — Nach jenem Dunkeln soll ich forschen, sehn? Mein Auge reicht
nicht hin, mein Zittern verdämmert mir den Blick. Alles schwarz. Aber näher
kommt’s. Grauen, Angst, kein Licht. Sie brüten selbst, sie suchen. Keine Liebe
in ihnen. — Ja wohl ist es aus, aus für dieses Leben. Brief geschrieben,
gesiegelt. Kann nicht — kann nicht lesen. Wär’ es gut, könnt’ ich’s; die Liebe
könnte lesen, so bleibt’s finster. — Ach! — du, — du — auch fort, weggetragen,
— willst mich nicht kennen, nicht hier kennen, wo Friede ist? Sehe dich gehen,
höre deine Stimme, kann dein Gesicht nicht finden; wo die lieben Augen? —
Alles weg!
Ach! so, so ist es gemeint? fing sie nach einer Pause wieder an; ja, ja, es wird
ihm schwer gemacht. Er hieß Alexander. Gut war ich ihm, er war so lieb. Wird
wieder, aber spät, spät, — ach! kann er glauben? Gott, du bist gnädig. — Laß ihn
nicht zu sehr verfinstern. Jesus, vergieb ihm. — Nun ist es weg. Nun ist mir
wohl. Nie werde ich mehr in die Tiefe des Irdischen schauen. Alle Tiefe vergeht;
es wird Alles Ein Augenblick, Eine Gegenwart, Ein Lichtpunkt, und ich
unsichtbar, mir selbst unfühlbar, in der Mitte des himmlischen Punktes. Nichts
war, Alles ist und bleibt. Es zieht, es flieht nicht mehr, festes Bild wird es. —
Nun reicht der Strahl aus mir nicht mehr zurück, er ist zu kurz, das Leben ist
fern, weit und fern: besser so, — denn — nein — besser so — ach! kein Sehnen
mehr, kein Schmerz mehr, — die Freude war schon lange todt.
Sie verstummte: er horchte, er wiederholte die Striche und verstärkte seine
innere Aufmerksamkeit, aber die Entschlafene sprach nicht. Da sein Bemühen
heut, was noch nie gewesen, vergeblich war, so strich er mit den Händen in
entgegengesetzter Richtung, um sie wieder zu erwecken, aber eben so fruchtlos,
sie erwachte nicht wieder, denn sie war gestorben.
Als er sich nach manchen vergeblichen Bemühungen, sie wieder ins Leben zu
rufen, von der Wirklichkeit ihres Todes überzeugen mußte, warf er sich
verzweifelnd zu ihren Füßen nieder, und wüthete gegen sich selber. Wie er etwas
mehr zur Besinnung gekommen war, rief er aus: ja, du, du Unglückseligster, hast
die Aermste ermordet! Was ist mir alles Leben nun ohne sie? Ohne sie, für die
ich mir Glanz und Wohlstand wünschte? Wie schaal und abgenutzt liegt jetzt
mein ganzes Dasein vor mir, wie arm, was ich etwa noch erstreben kann. Und
wie liebte sie, die Aermste, mich Unwürdigen! Als sie damals, wie ihre
Krankheit zuerst sich verkündigte, von der langen Ohnmacht erwachte, war ihr
erstes Lebenszeichen, daß ihr redlicher Blick mich gleich suchte. Sie hatte alles
Andre vergessen, aber nicht, daß ich um sie bekümmert war. Sie hätte mir ja auf
unsern Spaziergängen gern jeden rauhen Stein aus dem Wege geräumt. Und
mein Dank für alle diese Hingebung? — Daß ich ihre Gesundheit durch diese
magnetischen Künste vernichtete, daß ich ihren Geist verwirrte, daß ich
muthwillig ihr liebendes Herz zerbrach. Nein es giebt keine größere Sünde, es
giebt gar keine andre, als die der Mensch gegen die Liebe begeht. — Ach! Du
Süßeste! wo ist jetzt Deine blühende Jugend? Wo sind die Rosenwangen, und
das Grübchen des freundlichen Lächelns, mit dem ich Dich neckte, wenn wir im
kleinen Garten Deiner Eltern zwischen den Rosenbüschen saßen? Wo sind nun
alle die Träume der Liebe? Wo die Pläne, die wir für das Leben entwarfen?
Diese blasse Hülle, die hagre Gestalt ist von all der Lust und Freude übrig
geblieben, um mir zu sagen, wie armselig und kläglich das menschliche Leben
sei, um mir zuzurufen, daß ich ein Bösewicht, ein Verworfner bin, der trotzig
durch das Leben geht, und Dich, süße Blume, roh zertreten hat.
Er setzte sich wieder zum Leichnam nieder, faßte die dürre Hand, bedeckte sie
mit Küssen, und weinte bitterlich.
Wort müssen, Wort werden sie mir halten, sagte er nach einer Weile zu sich
selber; mein Elend wäre zu unermeßlich, wenn sich auch diese Hoffnung in Tod
und Leiche verwandelte. Was bliebe mir? Die nackte, kahle Lüge, der
verächtliche Betrug. Dem könnte, dem möchte ich nicht ferner leben. Ist denn
sterben so schwer? Sie ist erloschen, wie die Kerze, wie der letzte still verborgne
Funke in der Asche. Wenn ich verloren bin, so will ich kein Dasein erbetteln,
und in Lumpen und dem Auskehricht des Lebens Kleinodien suchen, die ich
wirklich besaß und wegschleuderte, als ich noch wie ein König glücklich war. Jenseit will ich sie dann wieder aufsuchen und das keck verachten, was
Verachtung verdient. — —
Bei ihrem Begräbniß folgten die vertrautesten der Brüder. Er schien seine
Fassung wieder errungen zu haben. In fester Stellung, mit edlem Schmerz stand
er am Grabe der Geliebten und sah die theuern Ueberreste versenken. Freilich
war es ihm oft, als wenn alles Leben nur ein Traum sei, oder ein Schauspiel, in
welchem er mit Anstand seine Rolle zu Ende führen müsse.
Als er nach Hause kam, fand er folgenden Brief, den er hastig erbrach:
Die — — sind mit Euch, mein Freund, nichts weniger, als zufrieden, denn Ihr
setzt ihr Geheimniß, ihren Ruf und ihre Ehre auf ein zu leichtsinniges Spiel. Das
ist es nicht, was Ihr verheißen habt, und was man von Euch erwartete. Es hat
sich erwiesen, daß der Rath — —, dessen Ihr so sicher zu seyn glaubtet, sich kalt
zurückgezogen hat, daß Ihr jene Stadt meiden mußtet. Und wie lange werdet Ihr
in der jetzigen Euer Spiel noch forttreiben können? Man verwundert sich, man
forscht nach, und, was das schlimmste ist, man lacht. Wie schlecht seid Ihr dem
Charlatan, dem Feliciano, gegenüber bestanden! Wer solche plumpe Angriffe
nicht einmal zurück zu schlagen versteht, der ist zum Missionar verdorben. Auf
die Anfragen, auf Eure Forderungen, kann ich nichts Bestimmtes erwiedern. Es
heißt, die Loge wird verlegt werden: wenn es geschieht, so ist noch nicht
entschieden, wohin. — —
Sangerheim knirschte. Mit Todesschweiß schrieb er schnell einige drängende,
fordernde, beschwörende und beredte Briefe, um das Aeußerste und Letzte zu
versuchen, denn seine Hoffnung, ein wahrer Magier zu werden, war nun fast
schon verschwunden.
Wenn sie mich so um mein Leben betrogen hätten! rief er aus, büßen sollten
sie es! — Doch nein, ich zittre vor mir selber: weiß ich ja doch, daß sie jeden
Laut in der Ferne vernehmen, und daß sie jeden meiner Gedanken kennen. Drum
muß ich, will ich alle meine Gefühle unterdrücken, und nur das Beste, Edelste
von ihnen erwarten.
———
Im Hause des Geheimenrathes war Alles so ziemlich wieder zur Ordnung
zurückgekehrt. Die Hochzeit der Tochter näherte sich, und Schmaling war im
Bewußtsein seines Glückes in solcher Stimmung, daß er selbst die Namen
Feliciano oder Sangerheim nur ungern nennen hörte. Er verdammte den Trieb,
sich vom Wunderbaren und Geheimnißvollen anlocken zu lassen, so unbedingt,
daß selbst Clara ihn tadelte, wenn er auf Geistergeschichten oder Erzählungen
schalt, die durch ein gewisses Grauen die Aufmerksamkeit spannen, und die Phantasie in Thätigkeit setzen. Er wollte kein unschuldiges Spiel hierin mehr
erkennen, sondern meinte, diese Anlage und Stimmung unseres Geistes sei
durchaus verderblicher Natur, und könne nur zum Unheil führen, es sei daher die
Pflicht eines jeden Verständigen, diesen Trieb in sich völlig auszurotten.
Der Vater hatte unterdessen an seinen Sohn Anton geschrieben, um ihn zu
bewegen, zu seiner Familie zurückzukehren. Nur Einiges hatte er ihm von jenen
Geständnissen gemeldet, die der trunkene Magier gegen Schmaling halb
unbewußt gethan hatte; er hatte ihn auf die Gefährlichkeit dieser Verbindung, auf
seine bedenkliche Stellung zur Welt aufmerksam gemacht, er hatte ganz den
Vater und die väterliche Autorität, so milde der Brief war, sprechen lassen, aber
vergeblich. Der Sohn antwortete in einem scharfen, höhnenden Tone: wie
sonderbar es sei, daß der Vater jetzt gegen Geheimnisse spreche und große
Charaktere verfolge, da doch er, der Sohn, von Jugend auf so viel von diesen
Geschichten in seiner Familie habe vernehmen müssen. Es sei ja bekannt genug,
wie er selbst früher gegen alle leere Schwärmerei, Geistersucht und dergleichen
gesprochen habe, er habe sich nie blenden lassen, und wenn er jetzt einer andern
Ueberzeugung folge, so könne man ihm wohl zutrauen, daß er geprüft und
untersucht habe, und nicht leichtsinnig einem unreifen Gelüste folge. Wenn
Verleumder seinen großen Meister lästerten, so geschehe nur, was sich seit den
ältesten Zeiten ereignet habe, daß der Pöbel die Wohlthäter der Menschen und
die leuchtenden Genien verfolge. Was seinen Schwager Schmaling betreffe, so
verachte er einen solchen Elenden zu tief, um irgend noch Worte über ihn zu
verlieren. Sein Meister habe ihm diesen Lügner und dessen Verächtlichkeit
hinlänglich geschildert. Er hoffe übrigens, in der Lage zu seyn und zu bleiben,
daß er weder auf einen Theil des väterlichen Vermögens, noch auf irgend eine
Unterstützung Ansprüche zu machen brauche, wünsche aber dagegen, daß man
ihn nicht hofmeistere, als ein Kind behandle, das der Zurechtweisung noch
bedürfe. Er werde in Zukunft, wenn er der Familie selbst zu Glanz und Ehre
verhelfe, übrigens gern vergessen, daß er früher einmal von seinen allernächsten
Verwandten so sei verkannt worden.
Der Vater, der Obrist und Alle erstaunten über die ungeheure Verblendung des
Sohnes, vorzüglich, wenn sie seiner früheren Art gedachten.
Die Zeit war indessen herangekommen, in welcher Sangerheim versprochen
hatte, durch Rückzahlung des letzten Capitals seine geheimnißvollen Papiere
auszulösen. Geschah es nicht, so gehörten dem Rathe diese Mysterien, die von
der höchsten Wichtigkeit seyn sollten, und von denen selbst das Leben
Sangerheims, wie er geäußert hatte, abhinge. Der geheime Rath machte sich also
mit jenen wichtigen, fest verschlossenen und vielfach seltsam versiegelten
Dokumenten auf den Weg nach jener Stadt, in welcher der Magier seitdem seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Der Professor Ferner begleitete ihn. Sie reiseten
in der Nacht, und wechselten vielfältige Gespräche, indem sie sich alter Zeiten
und vieler Erfahrungen erinnerten. Der Professor sagte endlich: Sei der Mensch
auch so ruhig und fest, wie er immer wolle, er hat eine Stimmung, einen
Moment der Schwäche, wo ihn doch Dasjenige wiederum ergreifen und
beherrschen kann, was er längst abgeschüttelt zu haben glaubt. Und so ist es mit
Zeiten und Völkern auch. Wer kann unterscheiden oder bestimmt verneinen, ob
es nicht physische Krankheit sey? Ob es oft nicht in der Luft liege, und wie jede
Seuche anstecke? Es scheint zu Zeiten unmöglich, sich gegen den Einfluß der
Thorheit zu schützen, so wie wenn der Körper erst durch Mangel an Diät oder
Zufälligkeiten so gestimmt ist, man der Erkältung durchaus nicht ausweichen
kann, verwahre man sich auch, wie man will. Jetzt ist es mir völlig
unbegreiflich, wie ich mein geliebtes Kind jenem Wunderthäter hingeben
konnte, es erscheint mir jetzt als ein völliger Wahnsinn, als gottlose Sünde; und
doch pries ich mein Geschick (und seitdem sind nicht viele Monde verflossen),
daß jener große Mann den Knaben würdigen wollte, ihn in die Schule und sich
seiner anzunehmen. Ist aber unsre Schwäche so groß, oder ist es zuweilen ein
Fatum, das uns ergreift, eine unausweichliche Nothwendigkeit, so sollten wir
wohl im Leben gegen unsre Nächsten, oder in der Geschichte gegen
merkwürdige Verirrungen billiger und nachsichtiger seyn, als wir uns bewußt
sind, diese Nachsicht auszuüben.
Es muß sich austoben, erwiederte der Rath; das ist ein Ausdruck, den ich mir
seit einiger Zeit angewöhnt habe. Das ist der einzige trostlose Trost, den ich mir
in Ansehung meines Sohnes geben kann, den ich für verloren achten muß. — —
Sangerheim war indessen in einer Stimmung und Gemüthsverfassung, die sich
schwerlich darstellen läßt. Auf seine vielen und dringenden Schreiben hatte er
noch einmal eine kurze Antwort von einem Manne erhalten, der sich früher
seinen Freund nannte, und der ihm jetzt meldete, dies sei der letzte Brief, den er
ihm senden könne, indem er eben in den Wagen steige, um nach Italien, und von
dort nach Griechenland und Constantinopel zu reisen. Von Geldsendungen war
keine Rede, und doch hatte Sangerheim auf diese, und zwar auf sehr bedeutende,
gerechnet. Er meinte, er dürfe es, nach allen früheren Betheuerungen und
Versprechungen. Er war von Schulden bedrängt; um glänzend aufzutreten, hatte
er Alles wieder ausgegeben, was ihm von Freunden und Schülern zugeflossen
war. Um sein Ansehn zu vergrößern, und sich mehr Zutrauen zu erwerben, war
er in der Wohlthätigkeit ein Verschwender gewesen. Er schrieb noch einmal, und
zwar unmittelbar an einen Mann, den er für einen jener Obern halten mußte, aber
indem er in Angst die Sekunden auf seiner Uhr zählte, und der Antwort Flügel
wünschte, kam sein eigner Brief ihm zurück, mit der Anweisung vom Postamt, kein Mann von dem Namen sei in der Stadt zu finden.
Nun sah er, daß man ihn völlig verlassen, daß man ihn ausgestoßen hatte. Es
wurde ihm hell in allen Sinnen, daß er gebraucht sei, eine Büberei auszuführen,
und daß man jetzt diese nothgedrungen aufgegeben habe, oder ihn wenigstens
für unpassend halte, sie zu vollbringen. Er war bis dahin überzeugt gewesen,
wenn er auch die Pläne seiner Obern nicht ganz durchschaute, daß er etwas
Gutes und Edles wirke, wenn auch durch Mittel, die sich nicht vor der strengen
Moral rechtfertigen ließen. Ihm war ein brennender Haß gegen die sogenannte
Aufklärung, gegen jenen Indifferentismus, der seine Zeit charakterisirte,
beigebracht worden. Er hielt es für nothwendig, daß jene Freimaurer, die sich der
Rosenkreuzerei, dem Goldmachen und Geisterrufen widersetzten, als Schädliche
und Verderbliche ausgerottet werden müßten, weil sie hauptsächlich durch ihren
Einfluß und ihre Logen jene lebentödtende Aufklärung verbreiteten. Er glaubte
wohl, daß ein Werben für die katholische Kirche auch eine Aufgabe seiner
Sendung sei, unterzog sich aber auch diesem gern, weil er in dieser Lehre
auferzogen war, und sie, ohne sie zu prüfen, oder die protestantische zu kennen,
für die bessere hielt. Mit seinem Wunderglauben und seiner Schwärmerei hatte
er sich eine eigne Lehre ausgebildet, die der orthodoxe Katholik gewiß nicht
gebilligt hätte. So hin und her geworfen von Leidenschaften und chimärischen
Hoffnungen, wähnend, ganz nahe an die Erfüllungen seiner höchsten Wünsche
zu reichen, durch sophistische Ausreden über sein trügendes Thun beruhigt, sich
als Lügner kennend, und sich dennoch für einen wahren Wunderthäter haltend,
seine Gattin liebend, und sie doch seinen verdächtigen Zwecken aufopfernd, war
er in allen diesen tollen Widersprüchen fast in ein gespenstisches Wesen
verwandelt worden, das ohne innern Halt jeden Tag nur so hingaukelte, von
Neuem täuschte und getäuscht wurde, und nie zur Besinnung kam. Jetzt fielen
alle diese Larven von ihm ab, er lernte sich selbst erst kennen, und entsetzte sich
vor dem Auge der Wahrheit und seiner eignen Nacktheit.
So bin ich denn, sagte er zu sich selbst, zugleich der Unglückseligste und
Verworfenste aller Menschen. Der Inhalt meines Lebens ist ein Possenspiel, über
das man lachen möchte, und zugleich so tragisch und entsetzlich, daß sich mir
die Haare aufrichten. Wie können jene Menschen, die sich gut und weise
nennen, es irgend mit ihrem Herzen ausgleichen, daß sie mich geschlachtet, und
mir Geist und Leib zu Grunde gerichtet haben. So einsam, so ganz zernichtet
war noch nie ein Mensch. Die Freunde, Beschützer, Mächtigen, auf die ich mich
so sicher mit meinem ganzen Glücke lehnte, sind gar nicht da in aller weiten
Welt, nirgend zu erfragen, wie Traumgestalten, wie Wolken verschwunden. Jeder
Mensch, dem ich meine Noth klagen wollte, müßte es für wahnwitzige Lüge
halten. — Ach Theodora! wie Recht hattest du. Warum vernahm ich denn deine Bitten und Warnungen nicht? Auch sie ist zertreten worden, so wie ich. O wenn
sie noch da wäre, wie gern würde ich mit ihr als Tagelöhner, als Bettler leben.
Und Nichts bleibt mir; nicht die elendeste Hülfe, nicht der kümmerlichste Trost.
Er sann hin und her, was er beginnen könne, aber jede Aussicht war
verschlossen. Sein Trug mußte entdeckt werden, dem Manche schon auf die
Spur gekommen waren. Die prophetische Gabe seiner unglücklichen Gattin
konnte ihm auch Nichts mehr fruchten, um seine künstlichen Lügen mit halber
Wahrheit oder seltsamen Entdeckungen zu unterstützen. Er dachte wohl daran,
ob er nicht einige von Denen um Hülfe ansprechen sollte, denen er, als ihm
große Summen zu Gebote standen, reichlich geholfen hatte, aber er verwarf
diesen Gedanken sogleich als unstatthaft, weil er einsah, daß Dieselben, die ihn
in der Noth als ein göttliches Wesen behandelt hatten, ihm jetzt kalt den Rücken
kehren würden. Und so, dachte er, habe ich von meinem verlornen Leben nicht
einmal den Nutzen, den jeder Dieb genießt, bevor er zum Galgen geführt wird,
daß er Geld und Gut besitzt, oder mit seinen Spießgesellen schwelgt, und Wein
und Wollust ihn übersättigen.
Er fiel darauf, sich dem geheimen Rath ganz zu entdecken. Dachte er aber an
das Auge des ernsten Mannes, und wie viel er von ihm gezogen hatte, so verwarf
er auch diesen Gedanken. Nein, rief er, die Ehre verbietet mir diese schmähliche
Auskunft, die mich zu sehr erniedrigen würde.
Sonderbar, daß in der Verzweiflung und tiefsten Selbstverachtung die
Menschen noch von diesem Phantom regiert werden können, das nur Wesenheit
erhält, wenn der Edle, Tugendhafte sich von Rücksichten lenken läßt, um die
gute Meinung seiner Zeitgenossen, sei es auch im Vorurtheil, zu erhalten. Der
Lügner will aber oft mit den abscheulichsten Lügen die Erde lieber verlassen, als
durch eine Handlung der Tugend, seine erste vielleicht, indem er die Wahrheit
bekennt, vor der Menge beschämt werden. Diese Ehre hielt ihn von dem edlen,
mitleidigen Manne zurück, und stellte sich zwischen ihn und diesen wie eine
Mauer.
Denn mit den besten Gesinnungen für den Unglücklichen langte der alte
Seebach an. Er kannte zwar Sangerheims Verbindungen nicht, und wußte eben
so wenig, wie diese jetzt so ganz von ihm abgefallen waren, aber er war der
Ueberzeugung, daß Sangerheim sein Versprechen nicht halten könne, und er war
darauf gefaßt, die große Summe schwinden zu lassen, ohne ihm seine Schriften
zurückzuhalten, oder ihn öffentlich zu beschimpfen, wozu der Magier ihm ein
Recht gegeben hatte, wenn er seinem Worte untreu würde. Wie erstaunte daher
der Rath, als ihm Sangerheim mit großem Vertrauen und fester Sicherheit
entgegentrat, und auf übermorgen mit leichtem Sinn die Auslösung der Schriften
verhieß. Er war selbst heiter, obgleich er mit Schmerz von dem Tode seiner geliebten Gattin sprach. Dies Betragen war so, daß der Rath selbst wieder
unsicher wurde, und dem schönen großen Manne gegenüber sich im Stillen
Vorwürfe machte, daß er ihm so sehr Unrecht gethan habe.
Der Tag ging hin unter Besuchen und Zerstreuungen. Der Arzt Huber, dieser
fanatische Anhänger Sangerheims, erzählte viel von seinen Hoffnungen, deren
Erfüllung er in kurzer Zeit zu erleben gedachte.
Am andern Morgen machte der Rath mit dem Arzte, Sangerheim, Ferner und
noch einigen Vertrauten einen Spaziergang. Als sie die Stadt im Rücken hatten,
entspann sich in der Kühlung des schönen Morgens ein sonderbares Gespräch.
Sangerheim sprach von der Flüchtigkeit des Lebens, das, gegen die
unerschöpflichen Tiefen der Kunst und Wissenschaft gehalten, viel zu kurz sei.
Sie gingen einem Bach vorüber. Alle diese Wellen, sagte Sangerheim,
gelangen in den Ocean, der dadurch nicht voller wird. Ist es nicht eben so mit
unsern Seelen? Der Tod entführt sie — wohin? Zu Gott, der keinen Mangel
kennt, und durch sie nicht größer wird.
In der Einsamkeit sagte er endlich: Nur zu sehr hatte jener Feliciano Recht,
daß ich schwere Kämpfe mit den Geistern, die nur ungern gehorchen, würde zu
bestehn haben. Sie wollen es nicht dulden, daß ein Sterblicher so große Gewalt
über sie erringe. In jeder Minute muß ich wachsam seyn. Verabsäume ich
gewisse Gebete, könnte ich diese oder jene unerläßlichen Vorkehrungen
vergessen, so wäre mein Leben Augenblicks in Gefahr. Von wie vielen
ausgezeichneten Männern, die das Reich der Geister sich unterwürfig gemacht,
wissen wir es nicht, daß sie eines unnatürlichen oder gewaltsamen Todes
gestorben sind. Oft war es auch die Veranstaltung dieser rebellischen Geister,
daß die weltliche Macht sich eines dieser Männer als eines solchen bemächtigte,
der mit der Hölle im Bunde stehe, und ihn nach dieser falschen Beschuldigung
auf den Scheiterhaufen setzte.
Hin und her wurde über diese Behauptung gestritten. Plötzlich rief
Sangerheim: Still! meine Freunde. — Er blieb stehn, als wenn er auf Etwas
horchte, dann nickte er, schüttelte mit dem Kopfe, murmelte einige Worte, und
machte wieder die Geberde, als wenn er gespannt einer Rede zuhöre. Nach einer
Weile sagte er: Warten Sie hier einen Augenblick. Wovon ich eben sprach, hat
leider stattgefunden. Eine Kleinigkeit habe ich heute beim Aufstehn unterlassen,
das Zeichen vor meinem Bette und an der Thür meines Schlafzimmers ist nicht
in rechter Weise aufgelöset worden, nun jagen mir die Ungestümen nach und
wagen es, zu drohen. Warten Sie hier einen Augenblick, dort in der Einsamkeit
werde ich sie schon zu zwingen wissen, sie sollen zitternd ihren Meister
erkennen, und mir nicht zum zweiten Male drohen.
Er entfernte sich mit triumphirender Miene und in stolzer Zuversicht. Als er hinter den Gebüschen verschwunden war, hörte man Zank und Streit von vielen
verschiedenen Stimmen, und Sangerheims donnernden Ton abwechselnd
dazwischen, dann einen Knall, wie einen Schuß. Hierauf Stille.
Alle sahen sich erwartend an. Der Rath ging ahndungsvoll zuerst nach dem
Platz. Der Unglückliche lag todt am Boden, das Pistol neben ihm.
Die Geister haben ihn ermordet! schrie der Arzt heftig: o die Elenden,
Schändlichen! O Liebster, so bist Du denn doch das Opfer Deines Enthusiasmus,
Deines brennenden Eifers für die Wissenschaft geworden!
Der Rath sagte kein Wort; jedes schien ihm überflüssig. — Man machte in der
Stadt eine Anzeige von diesem Vorfall, und am folgenden Tage ward der
Leichnam beerdigt.
Seltsam genug, daß manche der aufgeklärten Freimaurer, die von diesem
Sangerheim so schlimm waren verfolgt worden, jetzt auch die Meinung
aussprachen, er sei von seinen Geistern, die aber bösartige wären, zur Strafe aller
seiner Frevel vernichtet worden. —
Am andern Tage versammelte der geheime Rath die vertrautesten Freunde des
Abgeschiedenen in seiner Wohnung. Man lösete langsam und bedächtig die
Siegel des geheimnißreichen Paketes, eine Scheide nach der andern, und
wickelte einen Umschlag aus dem andern. Jener Knall, der schon einmal den
Rath erschreckt hatte, ließ sich wieder hören. Keiner von Allen war in solcher
Spannung, als der Arzt Huber. Endlich war Nichts mehr aufzuknüpfen und kein
Petschaft mehr aufzubrechen, und offen lag vor Aller Augen der Inhalt. — Eine
alte französische Grammatik, drei alte Kalender, viel Makulatur.
Die Erbschaft eines Wunderthäters, sagte der Rath kalt. Erst jetzt verachtete er
den Magier völlig. Nein! rief Huber in großem Eifer; die boshaften Geister
haben auch seine wichtigen Geheimnisse scheinbar verwandelt, um unser Aller
Augen auf eine Zeitlang zu blenden. Wenn wir uns nicht thören lassen, so
müssen bald die ächten Skripturen an die Stelle dieser Makulatur zurückkehren.
Und so bemächtige ich mich, im Namen der Kunst, dieser unscheinbaren
Papiere, um sie vom Untergange zu retten. Kann auch seyn, daß im Bande,
zwischen den Blättern, oder in Punkten und unterstrichenen Buchstaben das
Mysterium niedergelegt ist. Ich werde wenigstens Tag und Nacht studiren.
Man ließ ihn gewähren und würdigte ihn keiner Antwort. —
———
Das Schicksal Sangerheims war beschlossen, und die meisten seiner ehemaligen
Bewunderer gaben ihre Bestrebungen auf, retteten Geld und Zeit und kehrten zu
besseren Beschäftigungen zurück. Nur Huber saß unermüdet bei seinen Makulaturen, den alten Kalendern und seiner französischen Grammatik, suchte
und rechnete, und glaubte, nachdem er lange studirt hatte, auch viel Wichtiges
gefunden zu haben.
Schmaling und Clara waren verheirathet. Ihr Glück ward durch gute und
gesunde Kinder erhöht und man konnte die Familie des Rathes eine glückliche
nennen, wenn nicht Anton in ihr gefehlt hätte, von dem man seit Jahren gar
keine Nachricht hatte. Auch Feliciano, nachdem er lange an verschiedenen Orten
in Europa mit mehr oder minder Glück seine Rolle gespielt hatte, war endlich,
da Keiner mehr, auch der erst Verblendete nicht, an seinem Betruge zweifelte,
nach manchen Abentheuern untergegangen.
Die Gattin des Rathes pflegte ihre Enkel, und Clara, die jetzt Nichts mehr zu
bekämpfen hatte, durfte mit Sicherheit ihren Charakter, so wie die Anlagen ihres
Geistes ausbilden. Sie fürchtete nun nicht mehr die Bilder der Phantasie, die
poetischen Mährchen, oder das Geheimnißvolle in dieser oder jener Dichtung,
weil es ihr nicht mehr feindlich gegenüber stand, und sie über den Charakter
ihres liebenswürdigen Gatten beruhigt war. Dieser, einmal enttäuscht, fühlte
niemals die Versuchung wieder, sich in jenes Labyrinth zu begeben, dessen
Irrgänge er hatte kennen lernen, und denen er so glücklich entflohen war.
So waren im ruhigen Glücke mehr als zwölf Jahre verflossen, als sich an
einem Morgen früh beim geheimen Rathe ein Fremder anmelden ließ, der darauf
bestand, den Herrn selbst zu sprechen, und sich vom Diener nicht wollte
abweisen lassen. Die Thüre des Arbeitszimmers ward ihm endlich geöffnet, und
es trat ein Mann von mittlerem Alter hinein, verwildert, ohne Haltung und
Betragen, der, als ihn der Rath fragte, was er begehre, nur kurz antwortete: Und
Sie kennen mich wirklich nicht mehr? Eine Ahndung ergriff den Vater: Sie sind
doch nicht — Du bist doch nicht Anton? — Er schwankte und der unkenntlich
gewordene Sohn fing ihn in seinen Armen auf. Sie umfingen sich zärtlich und
gerührt, dann setzten sich Beide, um sich von ihrer Erschütterung zu erholen.
Bist Du wieder da? fing der Vater nach einer Weile an; aber es ist Dir, wie es
scheint, nicht gut ergangen.
Ja, lieber Vater, sagte Anton, Ihr Kind, wenn Sie es noch dafür erkennen
wollen, tritt fast wie der verlorne Sohn in sein väterliches Haus wieder ein. Mein
Schicksal ist ein elendes, mein Leben ein verlornes. Wenn Sie mich verstoßen,
so bin ich aller Schmach wieder dahin gegeben, dem kläglichsten Jammer, dem
ich freilich gern entfliehn möchte.
Wenn ich Dich Sohn, Anton nenne, sagte der Vater, so heißt das, daß Du mir
eben das seyn wirst, was Du mir ehemals warst. Du hattest Dich verblenden
lassen, und ich wenigstens kann Dir kein strenger Richter seyn.
Wohl war ich verblendet, erwiederte Anton, und wie sehr! so, daß ich noch jetzt immer vor diesem Zustande meiner Seele zurück schaudre. Das gemeinste
Kunststück, die elendeste Kundschafterei hatte damals den Charlatan in den
Besitz meines Geheimnisses gesetzt, das ich vor Ihnen und vor allen meinen
Freunden sorgsam verborgen hielt. Ich gestand mir meine eigne Schlechtigkeit
nicht, und hoffte, thöricht genug, Alles solle sich wieder zurecht finden und ohne
Spur vorüber gehn. Denn der Gedanke war mir fürchterlich, Ihnen oder gar
meiner Mutter eine solche Schwiegertochter vorzuführen, in der Stadt alle meine
Verbindungen zu zerstören, und durch diese auffallende That mir selbst jeden
Vorschritt im bürgerlichen Leben unmöglich zu machen. Wie jener Feliciano nun
mein Gemüth so durch eine plötzliche Erschütterung, durch ein scheinbares
Wunder in seine Gewalt bekommen hatte, war ich ihm unbedingt und leibeigen
angehörig. Er war mir kein Sterblicher mehr, und dieselben Künste und Studien,
die ich noch kürzlich verlacht hatte, schienen mir jetzt die einzigen würdigen.
Ich wollte mein Leben an ihre Erforschung setzen. Auch bildete ich mir ein, der
Lieblingsschüler meines großen Meisters zu seyn, der mich verachtete, weil
mein hartes einfaches Wesen für seine Absichten unbrauchbar erschien. —
Welche Gaukeleien er hier trieb, wie sich selbst meine verständige Mutter eine
Zeitlang von ihm bethören ließ, von allen diesen Dingen sind Sie selbst Zeuge
gewesen. Aber wie wundersam vielgestaltig ist die menschliche Natur. So
unbegreiflich, und doch wieder so verständlich. Meine Gattin, dieses schlichte
Bauernmädchen, dieses ehrliche Wesen, dem früher meine Liebe das Höchste, ja
das einzige Gut des Lebens gewesen war, ward bald ein Liebling meines großen
Lehrers. Er behauptete, sie sei von der Natur ganz eigen begabt, um der
wichtigsten Geheimnisse theilhaftig zu werden, sie würde in den weiblichen
Logen bald die höchsten Grade ersteigen, und dann ebenso wie seine eigne
Gattin, das Mysterium finden, Jahrhunderte zu überleben, und mit Geistern und
Abgeschiedenen Gemeinschaft zu haben. Ich glaubte Alles und erwartete von
jeder Woche, dann von jedem Monat, ebenfalls ein Eingeweihter zu werden.
Mein Lehrer spielte indessen dort im Norden eine wichtige Rolle und ein großes
Spiel. Gold und Juwelen, die größten Summen, schienen ihm, wie er damit
umging, nur Tand. Was verhieß er mir, welche Aussichten eröffnete er meinen
trunkenen Hoffnungen. Aber auch Opfer begehrte er von mir. Um mich zur
Weihe vorzubereiten, mußte ich die Gesellschaft meiner Gattin vermeiden,
fasten, jede weltliche Lust und Zerstreuung fliehen. Meine Frau, die mir schon
im Wissen vorgeschritten war, drang jetzt darauf, damit sie kein Hinderniß mehr
fände, sich mit den Geistern in Verbindung zu setzen und selbst eine
Unsterbliche zu werden, ich sollte einwilligen, daß wir durch die Gerichte
förmlich wieder getrennt und geschieden würden. Man hatte meine Phantasie so
erhitzt, ich erwartete selbst so wundersame Dinge zu erfahren, sie strebte so eifrig nach dem höchsten Grade, daß ich mich endlich überreden ließ, ja daß ich
endlich die Nothwendigkeit dieser Scheidung selber einsahe. Bald darauf war sie
verschwunden. Der Meister erklärte sich nicht, sondern sprach nur in
geheimnißvollen Winken, und gab zu verstehen, daß sie in diesen Augenblicken
eines großen Glückes genösse. Meine Einweihung zu den höheren Graden lehrte
mich aber nichts Neues, und ohnerachtet meiner blinden Ergebenheit und meines
Aberglaubens fing ich doch an, ungeduldig zu werden. Man beschwichtigte mich
wieder. Eine Thorheit löste die andere ab und so verging die Zeit.
Wir mußten uns endlich schnell entfernen, und unsere Abreise glich fast einer
Flucht. Der Magier sagte mir zwar, daß große Begebenheiten und Operationen,
die sich nicht länger aufschieben ließen, ihn nach einem fernen Lande riefen,
indessen sah ich doch die Angst des Meisters, ich bemerkte, wie seine
wichtigsten Anhänger sich von ihm entfernten, und die Binde fiel allgemach von
meinen Augen nieder. Da ich aufmerksam geworden war und ihn nicht mehr so,
wie bisher fürchtete, konnte ich ihn auch beobachten. Auf unsrer übereilten
Reise gab er mir Bücher und Papiere, auch viele offene Briefe, die, wie er mir
sagte, keinen Werth hätten, und die ich gelegentlich verbrennen könne. Für mich
waren diese aber sehr bedeutend, denn da ich, indem ich vorangeschickt wurde,
um sein Quartier zu machen, nur einen flüchtigen Blick in einige Blätter gethan,
sah ich wohl, daß der Weiseste der Menschen in Angst und Uebereilung einen
dummen Streich gemacht hatte. Er dachte nicht daran, die Sachen zu vernichten,
und Zeit mangelte ihm, sie anzusehn. Viele Briefe enthielten die Geschichte
meiner Frau. Sie war einem reichen Fürsten geradezu verkauft worden. Sie hatte
um die ganze Verhandlung gewußt und sich mit der größten Feinheit und List
betragen, und zwar so sehr, daß sie den bethörten Fürsten vermocht hatte, sie zu
seiner Gemahlin zu erheben. Dieser aber, so wie sie, hatten dem Magier dafür,
daß er mich zur Scheidung bewogen und daß er den Fürsten ebenfalls verblendet
hatte, große Summen zahlen müssen. So war sie denn, was die Welt so nennt,
glücklich geworden. Gegen mich hatte sie sich schlecht betragen, indessen
verzieh ich ihr, da ich früher gegen sie nicht besser gewesen war, und ich
empfand einen tiefen Schmerz und Reue, indem ich die Veranlassung gewesen,
daß ein schlichtes einfaches Wesen so die Talente zu List und Betrug zur
Verderbniß ihrer Seele entwickelt hatte. Denn aus den Briefen ging hervor, daß
sie und der Graf sich völlig verstanden, daß sie mit ihm über die Einfalt der
Menschen, vorzüglich über die meinige, lachte.
Als ich mit meinem großen Beschützer an Ort und Stelle gelangt war, blieb
ich noch eine Zeitlang in seiner Nähe, um seine Künste zu beobachten, zu denen
er mich oft gebrauchte. Ich lebte im Ueberfluß, aber ich kam mir vor, als sei ich
der Croupier eines falschen Spielers.
Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich schrieb ihm Alles, was ich von ihm
wußte und dachte, und verließ ihn. Und gut, daß ich es gethan, denn sonst wäre
ich mit in jene Prozesse verwickelt worden, die sich bald gegen ihn erhoben. Ich
war nun frei, aber auch Nichts als frei, das heißt, der armseligste Sclave, der
Tyrannei eines jeden Augenblicks Preis gegeben, vom Mangel und den
Bedürfnissen der Natur gemißhandelt. Mich Ihnen zu nähern, zurückzukehren,
verbot mir eine mächtige Scham, wohl eine falsche, denn Nichts wird so sehr
mißverstanden, als das Wort und der Begriff Ehre. Bald war ich Schreiber, bald
Aufseher in einem Hause, einigemal Comödiant, auch versuchte ich mich als
Schriftsteller. Ich konnte mich nie ganz fallen lassen und zu jener naiven
Niederträchtigkeit hinunter steigen, die ich an andern meines Gelichters
wahrnahm. Endlich nun, an mir und allen Menschen verzweifelnd, thu’ ich den
Schritt, den ich vor manchem Jahre hätte wagen sollen.
Der Vater tröstete, beruhigte den Sohn. Er ließ ihm Kleider und Wäsche holen,
damit die Mutter nicht zu sehr erschreckt würde, wenn sie ihn in dieser Gestalt
wieder sehn sollte. Freude und Trauer war über seine Rückkehr zugleich in der
Familie, indessen fand man sich nach und nach wieder zurecht und in einander
und Anton zog auf das väterliche Gut hinaus. Hier arbeitete er redlich mit dem
Verwalter, lernte die Landwirthschaft kennen und konnte nach einigen Jahren
selber die Bewirthschaftung desselben übernehmen. Er gewann die Liebe eines
reichen Fräuleins, mit der er als nützlicher Landmann glücklich lebte.
Ferner hatte indessen von seinem verlorenen Sohne nie wieder Etwas
erfahren, so sehr er sich auch bemüht und nach allen Gegenden geschrieben
hatte. Er war verschollen und der Vater glaubte, er sei gestorben. Der Gelehrte
mußte in Familienangelegenheiten eine Reise nach dem südlichen Deutschland
unternehmen. In einer mäßigen Stadt zeigte ein Italiener, ein Taschenspieler,
seine Künste. Der Professor war sonst kein Freund dieser Gaukeleien, indessen
ist auch der strenge Mann in der Fremde leichteren Sinnes, als zu Hause, und da
man von dem jungen Mann als einem wahren Wunderthäter sprach, der Dinge
zeige, die selbst andre Spieler nicht begreifen könnten, so ging Ferner mit einer
Gesellschaft, neugierig gemacht, nach dem Saale. Was der junge Künstler
ausführte, war in der That bewunderungswürdig, besonders durch die leichte
Sicherheit, mit der er das Schwierigste scherzend zu Stande brachte. Indem der
Professor die schönen leichtfertigen Hände des Spielers betrachtete, fiel ihm ein
kleines braunes Mal am rechten Zeigefinger auf, er ward aufmerksamer,
betrachtete das Gesicht und forschte in den Augen, und glaubte endlich
überzeugt seyn zu können, dieser Taschenspieler sei sein verlorener Sohn. Sein
Herz war bewegt, und er konnte an den vielen wunderbaren Erscheinungen
keinen Antheil mehr nehmen.
Als das Schauspiel vorüber war, und sich die Zuschauer vergnügt und
befriedigt entfernten, blieb er, unbeobachtet, allein im Saale zurück. Als dieser
ganz leer war, redete er den fremden Künstler italienisch an, um seine Frage
vorzubereiten, dieser aber antwortete gleich deutsch, und warf sich dem Vater in
die Arme.
Nach einigen Reden, in welchen der Vater die Verlornen Jahre des Sohnes
beklagte, sagte dieser: Liebster Vater, ich erkannte Sie sogleich, als Sie in den
Saal traten, und alsbald nahm ich mir auch vor, mich Ihnen zu erkennen zu
geben, ob ich gleich bis jetzt gezögert habe, an Sie zu schreiben, und mich Ihnen
wieder zu nähern. Schelten Sie mein Handwerk nicht, denn es nährt seinen
Mann. Sie sehn auch, daß ich mich Professor schreibe. Zwar habe ich Ihren
geehrten Namen nicht beibehalten wollen, sondern spiegle dem Volke vor, ich
sei ein Italiener. Glauben Sie nur, was ich jetzt treibe, ist ehrsam und
achtenswürdig gegen das, was ich bei jenem berühmten Grafen spielen mußte.
Es ist Gnade des Himmels, daß ich kein Bösewicht geworden, und noch so mit
einem blauen Auge davon gekommen bin. In der Hinsicht habe ich bei meinem
Wunderthäter meine Zeit nicht ganz verloren, indem ich ihm sehr scharf auf die
Hände gesehn habe. Ich habe Vieles von ihm gelernt, und so zeige ich
unschuldig für Geld so Manches, was er zu schlimmen Absichten und Betrug
gebrauchte. Ich unterhalte die Menschen, er plünderte sie, indem er sie zugleich
wahnsinnig machte. — Ich verspreche Ihnen, nie nach Ihrer Stadt zu kommen,
aber besuchen Sie mich, wenn ich einmal in Ihrer Nähe bin. Schreiben wir uns,
Liebster, damit wir in Verbindung bleiben.
Diese Abrede wurde genommen und man führte sie aus. Der Vater war über
seinen Sohn beruhigt, und dieser gewann durch die Leichtigkeit seiner Hand ein
ziemliches Vermögen. —
In Seebachs Hause wäre Alles glücklich und heiter gewesen, wenn der
neunzigjährige Obrist nicht Clara, die Mutter und Schmaling neuerdings
geängstigt hätte. Gegen ihn, der schwach wurde, ließ sich der Rath am meisten
gehn, und so war der Greis der Vertraute von so manchem kleinen Geheimniß,
das den Uebrigen verschwiegen wurde. Diesen erzählte der Obrist in vertrauten
Stunden, daß sein Schwiegersohn sich wiederum in eine Correspondenz
eingelassen habe, die ihm gar nicht gefallen wolle. Der Ton dieser Briefe sei sehr
fromm und mysteriös: Anfangs habe der Rath Alles von sich gewiesen, dann
habe er nach und nach Interesse gefaßt, sei gläubiger geworden, und hoffe nun
doch noch von ehrbaren Männern, die sich ihm in jedem Briefe näherten und
bestimmter bezeichneten, etwas Großes zu erfahren. Und so ist es merkwürdig,
schloß der Alte seinen Bericht, daß eine bestimmte Leidenschaft zwar schlafen,
aber bei den meisten Menschen nie ganz vertilgt werden kann.
Diese Briefe kamen aus dem südlichen Deutschland und sprachen von
Geheimnissen, die nicht entweiht werden dürften, die sich aber doch wohl
allgemach geprüften Männern mittheilen ließen. Der Rath war unvermerkt in
eine gläubige Stimmung gekommen, und war in seinen Antworten auf Manches
näher eingegangen, was jene Unbekannten erwähnten. So hatte er sein
Abentheuer mit Sangerheim und seine Beobachtungen und Erfahrungen über ihn
mitgetheilt, auch alle seine Zweifel und was ihm dunkel geblieben. Auf diese
Punkte antwortete der neueste Brief.
Geliebter Bruder in dem Herrn!
Was Sie uns von jenem verlorenen Bruder Sangerheim melden, war uns nicht
neu. Allerdings stand der Unglückliche mit uns in Verbindung, ihm wurde, als
einem hoffnungsvollen Lehrlinge, Einiges mitgetheilt. Als er von uns schied,
bemächtigten sich andre Menschen seiner, die in weltlichen Planen handthieren
und das himmlische Kleinod entweihen. Er verrieth uns diesen, so viel er es
vermochte, und hat sich so selbst sein tragisches Schicksal bereitet, da er der
Lüge und dem Betruge anheim gefallen war. Auch jene Weltlichen sahen seinen
Sturz gern und entzogen sich ihm, weil sie fürchten mußten, daß er sie ebenfalls
verrathen könne. Kommen wir uns näher, so wird Ihnen, Geehrter, Nichts dunkel
bleiben und größere Dinge werden sich Ihnen erschließen. Zwar sind Sie nicht
für unsre Kirche, aber doch nicht unbedingt gegen sie, und wir gehn Ihnen mit
dem größten Vertrauen entgegen. Kommt Jemand zu Ihnen, der Ihnen das Wort
Emanuel sendet, so nehmen Sie ihn auf, als von uns. Er wird das erste Kleinod
Ihren treuen Händen übergeben. —
Der Rath war in großer Spannung. Nach zehn Tagen etwa trat der Diener ein
und meldete, ein sonderbarer Fremder stehe draußen und sage, er möge nur
Emanuel sprechen. Der Rath ließ den alten Mann ein, der feierlich die Thür
verschloß und dann ein seltsames Gespräch begann. Der Rath fühlte sich erbaut
und gestärkt, in diesen Gesichtspunkt waren ihm manche Gedanken von
Wunderfähigkeit, Glauben und einer einzigen herrschenden Kirche noch niemals
gerückt worden. Beim Abschied nahm der Fremde ein Paket aus dem Busen,
küßte es mit Salbung und überreichte es demüthig und feierlich dem Rathe,
indem er sagte: Geliebter Bruder, dieses ist das erste Pfand der hohen, den
gewöhnlichen Menschen unsichtbaren Gesellschaft. Achten Sie noch die Siegel
und erbrechen Sie sie nur in geweihter Stunde nach Mitternacht. Doch thun Sie
gut, sich durch Gebet vorzubereiten. Zwar wird Ihnen das Geheimniß des
Kleinodes noch unverständlich seyn, aber schon die bloße Gegenwart desselben
schützt Sie. Die Erklärung selbst wird in vier Wochen folgen. Aber: Finger auf den Mund. Wir zeigen mindestens, wie wir Sie ehren, wie groß wir von Ihnen
denken.
Eine feierliche Umarmung beschloß das seltsame Gespräch. Geheimnißvoll
entfernte sich der Unbekannte, und der Rath mußte sich gestehn, daß noch
niemals ein Mensch einen solchen Eindruck auf ihn gemacht habe. Seine
Umgebung bemerkte seine wunderbare Stimmung, aber er schwieg gegen Alle,
auch gegen den Obristen. Clara fürchtete eine Krankheit, aber der rauhere
Soldat, der seither so Manches mit dem Schwiegersohn durchgesprochen hatte,
sagte: Dieser Mann ist einer der verständigsten, und Ihr werdet sehn, sie
übertölpeln ihn doch, den Einen fangen sie auf die, den Zweiten auf eine andre
Weise.
Am Abend schloß sich der Rath ein und entfernte alle Diener. Seine
Stimmung war erhoben. Er betete und las in Andachtsbüchern. Er nahm das
Evangelium und erschien sich so verjüngt, so jugendlich glaubend, so fromm
und lauter, daß er die Thränen der Rührung nicht unterdrücken konnte und
wollte. Endlich schlug es Mitternacht, und er eröffnete behutsam und zitternd die
Siegel, ohne die geheimnißvollen Zeichen zu zerbrechen. Als er den innern
Umschlag geöffnet hatte, fiel ihm in die Augen — — jene abgeschmackte Figur
mit dem vielfältigen Abracadabra, die er damals an abergläubische Brüder nach
der nahen Residenz gesendet hatte. Er lachte laut auf, und wurde plötzlich ernst,
denn er bedachte, wie in jenem Lande dort der als Monarch herrsche, der damals
nur nächster Erbe gewesen war, und welche Thorheiten dort in der Nähe des
Thrones getrieben wurden.
Er rief seine Familie zusammen, die noch, um ihn besorgt, wachte. Er erzählte
Alles, las einige Briefe, auch den letzten, und zeigte dann das magische, von
damals dem Schwiegervater noch wohlbekannte Blatt.
Nun endlich, schloß er, habe ich Alles, was mich immer stört, von mir
abgeschüttelt. O wie leicht ist mir, ihr Geliebten, daß ich nun noch einmal mit
euch den fröhlichen Entschluß fassen, das vielsinnige Wort mit euch ausrufen
kann: laßt uns, da es uns vergönnt ist, vernünftig seyn! —
Auf Emanuel durften nun die Bedienten nicht wieder achten, und jetzt erst
hatten alle Mitglieder der Familie diese Krankheit der Wundersucht überwunden.