Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Heinrich Mann · Kapitel 10 von 18

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Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Kapitel IX

 

Jeden Neugierigen scheuchte Unrat strenge fort von der Tür zur

Künstlergarderobe. Die fremden Matrosen glaubten, er sei der »Heuerbas«, der

die Artisten gemietet habe. Wer in ihm nicht den Direktor der Truppe sah, hielt

ihn für einen Vater. Dazwischen saßen die, die ihn kannten, und grinsten

unsicher.

Die ersten Abende hatten sie laut gehöhnt. Unrat sah dann überlegen und

unberührt über sie hinweg. Er hatte hier zuviel vor ihnen voraus. Sie fühlten das

bald. Sie kamen sich bald selbst gedemütigt vor, sie, die für ihre Nickel dabei

saßen und glotzten, – und Unrat machte, mit einer Miene des Einverständnisses,

die Tür auf vor der Künstlerin Fröhlich, zu der sie alle die größte Lust hatten.

Wider ihren Willen faßten sie Achtung vor Unrat, und ihre Bemühungen, ihn

noch lächerlich zu finden, wurden täglich verlegener. Dafür rächten sie sich

durch Wispern in den hinteren Kontoren der Großhandlungen. Die ersten

Gerüchte über Unrats Lebenswandel fanden dort eine Tür geöffnet nach der

Stadt. Die Stadt glaubte ihnen nicht sogleich. Die Schüler des alten Unrat

behaupteten heute, er habe seine Wirtschafterin ins Kabuff gesperrt, und morgen

etwas anderes. Das war herkömmlich, die Stadt lächelte darüber.

Ein junger Oberlehrer besuchte, unter dem Schutze des ältesten Professors,

eines halbtauben Greises, den Blauen Engel und gewann Einblicke in die

Wahrheit. Am nächsten Morgen im Lehrerzimmer sprach der taube Professor zu

Unrat einige beschwörende Worte über die Würde des Erzieherstandes. Der

junge Oberlehrer lächelte skeptisch. Die andern Herren sahen weg; mehrere

zuckten die Achseln. Unrat erschrak: er sah sich vor einem schlechthin

unglaublichen Eingriff in seine Machtvollkommenheit. Sein Kinn klappte; er

brachte hervor:

»Das ist – traun fürwahr – nicht Ihre Sache.«

Er wendete sich nochmals um.

»Meine Würde – aufgemerkt nun also! – gehört mir selbst ganz allein.«

Er schnappte mehrmals und schlich bebend davon. Auf halber Straße zog es ihn noch immer zurück. Es erbitterte ihn tagelang, daß er es bei unklaren Worten

gelassen hatte. Er hätte bekennen sollen, die Künstlerin Fröhlich sei würdiger als

alle Oberlehrer, schöner als der taube Professor und höher als der Direktor. Sie

sei einzig und gehöre an Unrats Seite, hoch über der Menschheit, die gleich sehr

frevle, ob sie sich an ihr vergreife oder ihn anzweifle.

Aber die Gänge dieser Meinungen waren noch zu wenig ausgegraben, zu

dumpf und zu tief, als daß Unrat die Leute hätte hineinführen können. Diese

Meinungen reizten ihn unterirdisch; er hatte in der Stille seines Zimmers

Ausbrüche, in denen er knirschte und die Fäuste schüttelte. Und am Sonntag

ging er mit dem Artisten Kiepert zur politischen Wahl, an den Kohlmarkt, ins

sozialdemokratische Hauptquartier. Es war die Ausführung eines jähen

Entschlusses. Die Macht der Kaste, der Lohmann angehörte, war, so entdeckte

er, eine zu brechende. Bis dahin hatte er allen Werbungen des Artisten sein

höhnisch überlegenes Lächeln entgegengehalten: das Lächeln des aufgeklärten

Despoten, der Kirche, Säbel, Unwissenheit und starre Sitte unterstützt und sich

über seine Beweggründe lieber nicht äußert. Heute war er auf einmal

entschlossen, das alles über den Haufen werfen zu lassen, gemeinsame Sache zu

machen mit dem Pöbel gegen die dünkelhaften Oberen, den Pöbel in den Palast

zu rufen und den Widerstand einiger in allgemeiner Anarchie zu begraben. Im

Dunst des Volksgemüts, der schwer unter der Decke des Wahllokals hing,

verfing sich Unrats Besinnung; und er entbrannte in hektischer Zerstörungssucht.

Er schlug mit geröteten Knöcheln zwischen die Biergläser und verlangte:

»Vorwärts nun also! Ich bin nicht gewillt, dies alles noch länger zu

dulden!...«

Es war ein Rausch; tags darauf bereute er ihn. Überdies erfuhr er, alle die

Stunden hindurch, die er beim Umsturz verbracht hatte, sei die Künstlerin

Fröhlich aus der Stadt verschwunden gewesen. Augenblicklich dachte Unrat,

angstgelähmt, an Lohmann.

Lohmann fehlte seit heute in der Klasse! Welche Verruchtheiten beging er

inzwischen? Er verbrachte jeden Augenblick, den Unrat sich abwandte, bei der

Künstlerin Fröhlich! Er war endgültig zu ihr entlaufen! Er stak in ihrem Zimmer!

Unrat ward von dem Drang ergriffen, ihr Zimmer zu sehen, es zu untersuchen ...

Diese Tage verbrachte Unrat zitternd vor Argwohn. In der Schule wütete er

mörderisch in den Laufbahnen von Sekundanern. In der Künstlergarderobe

beschuldigte er die dicke Frau eines unheilvollen Einflusses auf die Künstlerin

Fröhlich. Die Frau lachte nachsichtig. Die Künstlerin Fröhlich selber antwortete:

»Wenn ich mit Ihre drei Schuljungens 'ne Landpartie sollt' machen – lieber

laß ich mich gleich auf 'n Kopf schlagen, als daß ich mich mit Ihre Schuljungens

totmopse.«

Er musterte sie entsetzt. Dann, im Drang, sie als unverantwortlich zu

behandeln, sie rein zu finden, stürzte er sich zurück auf die Frau.

»Verantworten Sie sich! Was haben Sie mit der Ihnen anbefohlenen

Künstlerin Fröhlich gemacht!«

Die Frau sagte, ohne sich aufzuregen:

»Sie werden jetzt überhaupt so komisch.«

Sie machte die Tür auf, kehrte sich nochmals um:

»Von Ihnen wird doch keiner satt.«

Und im Abgehen:

»Und glücklich auch nicht.«

Darauf errötete Unrat wolkig. Die Künstlerin Fröhlich lachte.

»Er kommt nu mal nich drauf,« erklärte sie, obwohl sie mit ihm ganz allein

war. Und weiter teilten sie sich nichts mit.

So oft aber die dicken Leute sich zeigten, schwoll Unrat von Streitsucht. Er

behandelte sie schon längst mit Strenge. Je wichtiger sich die Künstlerin

Fröhlich in seinem Bewußtsein ausbreitete, je stärker er seinen Schutz um sie

legte und je einsamer er sie der Menschheit entgegenstellte: desto weniger Platz

war auf den Stühlen der Garderobe für die Röcke der dicken Frau und für

Kieperts Trikots. Er verdachte ihnen den Beifall, den sie ernteten, und ihre

lärmende gute Laune. Er verwies den Artisten nach einer turnerischen

Produktion aus der Garderobe, weil er zu sehr schwitze und dies in Gegenwart

einer Dame, wie der Künstlerin Fröhlich, sich nicht zieme. Kiepert trollte sich

gutmütig, indes er vermutete:

»Sie is woll von Butter, daß die Gerüche in sie einziehn?«

Seine Frau war leicht verletzt, aber sie lachte und stieß Unrat an. Er wischte

sich den Ärmel ab. Darauf war sie wirklich beleidigt.

Die Künstlerin Fröhlich kicherte dazu. Sie konnte unmöglich anders als sich

geschmeichelt fühlen. Die beiden Dicken ärgerten sie ohnehin mit ihrem immer

erfolgreichen Flottenlied. Unrat behauptete wiederholt, eine Künstlerin sei nur

sie. Er reizte, ein naiver Intrigant, ihre Eifersucht und zog sie näher an sich,

dadurch, daß er sie dazu verführte, aller Welt Geringschätzung zu zeigen;

dadurch, daß er sie nötigte, sich auf ihn zu stützen, als ihren unbedingten Ritter.

Die allertiefste Verachtung verlangte er von ihr für den Saal voll Menschen, um

deren Beifall sie sich abarbeitete, und für jeden einzelnen Zuschauer, dem sie

gefallen hatte. Er haßte die dicke Frau besonders deshalb, weil sie immer

Nachrichten aus dem Saal mitbrachte von Eindrücken, die die Künstlerin

Fröhlich darin hinterlassen hatte.

»Wie! Wäre es möglich!« rief er aus. »Jener Mensch also nun erkühnt sich,

den Mund zu öffnen? Derselbe Meyer, der mit neunzehn Jahren das Ziel der Klasse noch nicht erreicht hatte und endlich sich genötigt sah, dreijährig zu

dienen!«

Die Künstlerin Fröhlich verbarg unter einem Lächeln ihre Verlegenheit

darüber, daß ihr der untergeordnete Meyer nicht mißfiel. Sie wünschte sich, er

möge ihr mißfallen. Sie war gelehrig von Natur und empfänglich dafür, daß ein

Mann vom geistigen Stande Unrats sie erzieherischer Eingriffe würdigte. Es

geschah ihr zum erstenmal. Der dicken Frau, die noch ein Wort zugunsten

Meyers versuchte, fuhr sie aufgebracht über den Mund.

Andere Male kitzelte sie Unrat mit Blumen unter der Nase.

»Die angefressene Rose ist von dem kleinen Dicken da gleich hinterm

Klavier.«

»Kindchen,« versetzte die Frau, »das is ja der Zigarrenfritze vom Markt. 'n

feiner Mann. Kiepert käuft bei ihm. 'n großartiges Geschäft.«

»Was sagt Unrat nu?« fragte die Künstlerin Fröhlich.

Unrat sagte, dieser Schüler sei einer der Schlimmsten gewesen, und als

Geschäftsmann könne er auch nicht viel taugen; denn er stelle ihm keine

Rechnung aus, ohne seinen Namen das erste Mal mit einem falschen Buchstaben

anzufangen. Die Frau meinte, das machte nichts. Unrat log, der Mann gelte für

geschäftlich unsicher. Die Künstlerin Fröhlich, die ihn Feuer spritzen sah, drehte

sich in den Hüften und roch an der angefressenen Rose.

»Sie haben auch an all und jedem was auszusetzen,« bemerkte die Frau.

»Was wollen Sie da eigentlich mit, können Sie uns das woll erzählen?«

Und da Unrat schwieg:

»Sie selber stellen hier doch weiter nischt an.«

»Nee, er kommt auf nischt,« und die Künstlerin Fröhlich schlug sich aufs

Knie, indes Unrat sich rosig bewölkte.

»Dann müssen Sie ihn alleine klug reden lassen,« verlangte die Frau, »und

sich mit die Dümmern begnügen, die sind auch was wert, und wenigstens das

Einfachste fällt ihnen manchmal ein. Sie verstehn, Rosachen. Ich hab' doch

meine Gründe, nicht wahr, daß ich Ihnen so 'n Rat gebe, und ewig kann ich auch

nich warten.«

Darauf ging sie, um mit Kiepert das Flottenlied zu singen. Die Künstlerin

Fröhlich blieb in weinerlicher Erbitterung zurück.

»Hurrgott, die piesackt einen, daß man blaue Flecke kriegt!«

Sie hielt sich die Arme.

»In der Tat,« setzte sie, sich fassend, hinzu, »die Person fällt mir greulich auf

die Nerven.«

Stehen bleibend, in Verzweiflung:

»Daß Sie auch gar kein Mitleid kennen!«

Und Unrat fühlte auf einmal die Last einer täglich und fast unbemerkt

gewachsenen Schuld auf sich, und gar keine Kraft, sie loszuwerden.

 

Solange das Flottenlied stieg, bewegte sich die Künstlerin Fröhlich stöhnend

durch die Garderobe.

»Gleich hat's geschnappt!... Ich hab' doch immer gesagt, ich verekel' es den

Dicken noch mal. Hab' ich das nich gesagt? Nu hat's geschnappt.«

Und kaum hatte das Ehepaar Kiepert den Gesang der deutschen Seehelden

geendet, da schritt sie stürmisch hinaus und kreischte in den noch ganz von

Patriotismus erschütterten Saal:

 

»Mein Mann der is 'n Schiffskaptän

Woll auf die deutsche Flott',

Un wenn er duhn nach Hause kommt,

Dann haut er mir die –«

 

Erst waren alle starr; dann entrüsteten sie sich geräuschvoll; endlich ging das

Vergnügen am Kontrast ihnen auf. Die Künstlerin Fröhlich war durchgedrungen

mit ihrem Wagnis, sie kehrte frohlockend zurück.

Die dicke Frau war diesmal ernstlich aufgebracht.

»Wir zwei stellen uns auf'n Kopp, damit daß die Leute 'n Begriff vons

Höhere kriegen. Un denn kommen Sie un verulken uns die heiligsten Güter.

Wenn das nicht 'ne Gemeinheit is!«

Unrat leugnete dies, im Bunde mit der Künstlerin Fröhlich. Er behauptete,

jede Richtung sei in der Kunst berechtigt; Kunst sei, was die großen Künstler

machten; und das heiligste der Güter sei das Talent der Künstlerin Fröhlich. Sie

ergänzte seine Ausführungen durch wenige Worte an die dicke Frau.

»Sie können mir überhaupt –«

Da trat Kiepert ein und schob vor sich her einen untersetzten Mann mit

einem rötlichen Haarband rund um das rotfleischige Gesicht. Der zog die Brauen

in die Höhe und sagte:

»Gottsdunner, Fräulein, Sie sind jä 'n dolle Deern, sind Sie jä. Huhu! Denn

haut er mich auf'n – Ich bin nämlich auch 'n Kaptain, und wenn Sie was mit

mich trinken wollen –«

Schon griff Unrat ein.

»Die Künstlerin Fröhlich trinkt – traun fürwahr – mit niemand. Da irren Sie,

Mann. Überdies verkennen Sie sichtlich den privaten Charakter dieses Kab–, dieser Garderobe.«

»Herr, Sie spaßen woll,« und der Kapitän zog die Brauen noch höher.

»Mit nichten,« erklärte Unrat. »Vielmehr belehre ich Sie darüber, daß Sie

hinausgehn müssen.«

Dem Ehepaar Kiepert ward es zu viel.

»Herr Professor,« sagte der Artist, gekränkt und polternd: »Wenn ich mir 'n

Freund mit 'reinbring', mit dem ich eben Brüderschaft getrunken hab', das is woll

meine Sache.«

Seine Frau brach endlich los:

»Ob ich mir Sie nu nich bald kaufe! Keinen gibt er hier was zu verdienen, un

nischt als Stank macht er un grault uns die Leute weg. Rosa, gehn Sie mal mit'n

Kapitän!«

Unrat war fahl, er zitterte.

»Die Künstlerin Fröhlich,« rief er mit einer Stimme aus der Tiefe und

schielte giftig vor Angst nach ihr hin, »ist nicht eine Sobeschaffene, daß es ihr

anstehen würde, Ihr Bier zu trinken, Mann!«

Sein Blick stach sie; sie seufzte.

»Gehn Sie man wieder weg,« versetzte sie, »da is ja nischt zu machen.«

Und Unrat im Triumph, plötzlich rot auf den Backenknochen, und mit einem

Sprung:

»Hören Sie es, Mann? Sie sagt es Ihnen selbst. Die Künstlerin Fröhlich

verweist Sie ins Exil. Gehorchen Sie! Vorwärts nun also!«

Er hatte den Kapitän schon gepackt, sich in ihn eingekrallt, ihn zum Ausgang

gezerrt. Der starke Mensch ließ den hektischen Ansturm ohne Widerstand über

sich gehn. Er schüttelte sich nur, wie Unrat ihn losließ. Aber das war schon

jenseits der Schwelle, und die Tür schloß sich heftig vor seinen erstaunten

Brauen.

Der Artist schlug gewaltig auf den Tisch.

»Menschenskind, Sie sind woll –«

»Und Sie, Mann –«

Unrat kam pfauchend auf ihn zu. Kiepert bekam Furcht.

»– merken Sie sich – denn also – daß die Künstlerin Fröhlich unter meinem

Schutze steht, und daß ich nicht gesonnen bin, sie beleidigen noch auch das Heft

mir entwinden zu lassen. Wiederholen Sie sich dies des öftern! Schreiben Sie es

sich auf!«

Der Artist brummte etwas, aber er sah bezähmt aus. Allmählich machte er

sich davon. Die Künstlerin Fröhlich sah Unrat an und lachte laut auf; dann kam

ein viel leiseres Lachen, spöttisch und zärtlich, und so, als dächte sie über ihn

nach und über sich selbst: warum sie sich stolz fühlte auf ihn, den sie lächerlich fand.

Die dicke Frau überwand ihr Übelwollen und legte Unrat die Hand auf die

Schulter.

»Nu hören Sie mal zu,« sagte sie.

Unrat wischte sich die Stirn, halb abgewendet und völlig besänftigt. Die

Panik des Tyrannen, der einer Widersetzlichkeit durch kopfloses Wüten

begegnet, sie ließ ihn wieder einmal ziemlich erschöpft zurück.

»Also da aus der Tür geht Kiepert, und da is die Rosa, und da sind Sie, und

hier bin ich ...«

Mit eindringlicher Stimme hielt sie ihm die Wirklichkeit vor.

»Und denn war da noch der Schiffskapitän, den Sie 'rausgesetzt haben. Der

kommt nämlich aus Finnland und hat 'n glänzendes Geschäft gemacht, weil ihm

nämlich sein Schiff untergegangen is, und es war versichert ... Sie haben woll

kein Schiff versichert? Nu, das muß ja auch nich sein. Dafür haben Sie andere

Geistesgaben. Sie müssen sie bloß mal sehen lassen, das is allens was ich sag' ...

Da is also nu die Rosa. Sie verstehn? Der Kapitän hat Geld, is 'n ansehnlicher

Mann und gefällt dem Mädchen.«

Unrat blickte verstört auf die Künstlerin Fröhlich.

»Is ja gar nich wahr,« machte sie.

»Sie haben es doch selbst gesagt.«

»Gott, kann sie lügen.«

»Leugnen Sie doch mal, daß Ihnen der eine Schüler von Herrn Professor, der

mit der schwarzen Locke auf die Augen, daß der Ihnen 'n ganz ernsten Antrag

gemacht hat.«

Unrat fuhr wild auf. Die Künstlerin Fröhlich beschwichtigte ihn.

»Das is ja 'n böswilliger Irrtum. Heiraten will mich bloß der Rote, der

aussieht wie 'n besoffener Mond. 'n Graf is er, aber was hab' ich davon, ich mag

ihn doch nich ...«

Sie lächelte Unrat zu, kindlich.

»Na meinswegen hab' ich gelogen,« sagte die Frau. »Aber das stimmt doch

woll, daß Sie mir zweihundertsiebzig Mark schulden, waschen, Rosachen? Sehn

Sie, Herr Professor, man is sonst nich so, und ich beiß mir lieber 'n Finger ab, als

daß ich das in Ihrer Gegenwart zur Sprache bring'. Aber schließlich is man sich

selbst der Nächste, is doch wahr. Und dafür, daß Sie hier alle andern

rausschmeißen, Herr Professor, sei'n Sie man nich böse, dafür bieten Sie nich

genug. Von's Geld will ich nich mal reden; aber so 'n junges Ding will auch

Liebe und kann sie woll beanspruchen. Da merkt man bei Ihnen gar nichts von,

Sie kommen einfach nich drauf. Ich weiß nicht mal, ob ich das peinlich finden

soll, oder lachhaft.«

Die Künstlerin Fröhlich rief:

»Wenn ich selber nischt sage, kann es Ihnen auch recht sein, Frau Kiepert.«

Aber die dicke Frau wehrte ab; sie hatte das Bewußtsein, für Moral und Sitte

ein vernünftiges Wort eingelegt zu haben; und sie schritt erhobenen Hauptes

hinaus.

Die Künstlerin Fröhlich rückte die Schultern.

»Sie is ja nur ungebildet, aber gutmütig. Na laß ihr. Wenn Sie nu man nich

glauben, daß ich mit ihr unter einer Decke steck' und Sie bloß 'rankriegen will.«

Unrat sah vom Boden auf. Nein, diese Vermutung hatte ihm fern gelegen.

»Überhaupt steck' ich mit keinem unter einer Decke ...«

Sie lächelte von unten, spöttisch und schüchtern.

»Nich mal mit Ihnen ...«

Nach einer Pause.

»Das is doch wahr?«

Sie mußte mehrmals fragen. Unrat merkte nichts von der Brücke, die ihre

Worte ihm bauten. Nur von der entstandenen Stimmung fühlte er sich umfangen,

daß ihm schwül ward.

»Mag's denn sein ...« versetzte er und streckte zitternde Hände aus nach der

Künstlerin Fröhlich. Sie überließ ihm die ihrigen. Ihre kleinen Finger, ein wenig

grau und fettig, schlüpften weich zwischen seine Knöchel. Ihr Haar, ihre

Stoffblumen, ihr buntes Gesicht drehten sich ihm als ein farbiges Rad vor den

Augen. Er kämpfte sich durch.

»Sie sollen der Frau kein Geld schulden. Ich bin entschlossen –«

Er schluckte hinunter. Es fiel ihm mit Schrecken ein, der Schüler Lohmann

möchte ihm in seinem Entschluß zuvorgekommen sein: der Schüler Lohmann,

der in der Klasse fehlte und sich vielleicht im Zimmer der Künstlerin Fröhlich

verborgen hielt.

»Ich will Ihnen – traun fürwahr – Ihre Wohnung bezahlen.«

»Davon reden wir mal gar nich,« erwiderte sie leise. »Das is bei uns

Nebensache ... Übrigens kost mein Zimmer nich viel ...«

In Pausen:

»Es is hier oben im Haus ... Es is ganz schön ... Wollen Sie es mal sehn?«

Sie hielt die Lider gesenkt und sah bestürzt aus, wie man bei der Erklärung

eines ernsten Mannes aussehen mußte. Und sie wunderte sich, weil sie gar keine

Lachlust verspürte, und weil eine kleine feierliche Wallung ihr Herz aufhob.

Sie erschloß einen ungewöhnlich dunklen Blick und sagte:

»Na, nu gehn Sie man voraus. Die Affen im Saal brauchen es ja nich gleich

zu merken.«