Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen
Kapitel IX
Jeden Neugierigen scheuchte Unrat strenge fort von der Tür zur
Künstlergarderobe. Die fremden Matrosen glaubten, er sei der »Heuerbas«, der
die Artisten gemietet habe. Wer in ihm nicht den Direktor der Truppe sah, hielt
ihn für einen Vater. Dazwischen saßen die, die ihn kannten, und grinsten
unsicher.
Die ersten Abende hatten sie laut gehöhnt. Unrat sah dann überlegen und
unberührt über sie hinweg. Er hatte hier zuviel vor ihnen voraus. Sie fühlten das
bald. Sie kamen sich bald selbst gedemütigt vor, sie, die für ihre Nickel dabei
saßen und glotzten, – und Unrat machte, mit einer Miene des Einverständnisses,
die Tür auf vor der Künstlerin Fröhlich, zu der sie alle die größte Lust hatten.
Wider ihren Willen faßten sie Achtung vor Unrat, und ihre Bemühungen, ihn
noch lächerlich zu finden, wurden täglich verlegener. Dafür rächten sie sich
durch Wispern in den hinteren Kontoren der Großhandlungen. Die ersten
Gerüchte über Unrats Lebenswandel fanden dort eine Tür geöffnet nach der
Stadt. Die Stadt glaubte ihnen nicht sogleich. Die Schüler des alten Unrat
behaupteten heute, er habe seine Wirtschafterin ins Kabuff gesperrt, und morgen
etwas anderes. Das war herkömmlich, die Stadt lächelte darüber.
Ein junger Oberlehrer besuchte, unter dem Schutze des ältesten Professors,
eines halbtauben Greises, den Blauen Engel und gewann Einblicke in die
Wahrheit. Am nächsten Morgen im Lehrerzimmer sprach der taube Professor zu
Unrat einige beschwörende Worte über die Würde des Erzieherstandes. Der
junge Oberlehrer lächelte skeptisch. Die andern Herren sahen weg; mehrere
zuckten die Achseln. Unrat erschrak: er sah sich vor einem schlechthin
unglaublichen Eingriff in seine Machtvollkommenheit. Sein Kinn klappte; er
brachte hervor:
»Das ist – traun fürwahr – nicht Ihre Sache.«
Er wendete sich nochmals um.
»Meine Würde – aufgemerkt nun also! – gehört mir selbst ganz allein.«
Er schnappte mehrmals und schlich bebend davon. Auf halber Straße zog es ihn noch immer zurück. Es erbitterte ihn tagelang, daß er es bei unklaren Worten
gelassen hatte. Er hätte bekennen sollen, die Künstlerin Fröhlich sei würdiger als
alle Oberlehrer, schöner als der taube Professor und höher als der Direktor. Sie
sei einzig und gehöre an Unrats Seite, hoch über der Menschheit, die gleich sehr
frevle, ob sie sich an ihr vergreife oder ihn anzweifle.
Aber die Gänge dieser Meinungen waren noch zu wenig ausgegraben, zu
dumpf und zu tief, als daß Unrat die Leute hätte hineinführen können. Diese
Meinungen reizten ihn unterirdisch; er hatte in der Stille seines Zimmers
Ausbrüche, in denen er knirschte und die Fäuste schüttelte. Und am Sonntag
ging er mit dem Artisten Kiepert zur politischen Wahl, an den Kohlmarkt, ins
sozialdemokratische Hauptquartier. Es war die Ausführung eines jähen
Entschlusses. Die Macht der Kaste, der Lohmann angehörte, war, so entdeckte
er, eine zu brechende. Bis dahin hatte er allen Werbungen des Artisten sein
höhnisch überlegenes Lächeln entgegengehalten: das Lächeln des aufgeklärten
Despoten, der Kirche, Säbel, Unwissenheit und starre Sitte unterstützt und sich
über seine Beweggründe lieber nicht äußert. Heute war er auf einmal
entschlossen, das alles über den Haufen werfen zu lassen, gemeinsame Sache zu
machen mit dem Pöbel gegen die dünkelhaften Oberen, den Pöbel in den Palast
zu rufen und den Widerstand einiger in allgemeiner Anarchie zu begraben. Im
Dunst des Volksgemüts, der schwer unter der Decke des Wahllokals hing,
verfing sich Unrats Besinnung; und er entbrannte in hektischer Zerstörungssucht.
Er schlug mit geröteten Knöcheln zwischen die Biergläser und verlangte:
»Vorwärts nun also! Ich bin nicht gewillt, dies alles noch länger zu
dulden!...«
Es war ein Rausch; tags darauf bereute er ihn. Überdies erfuhr er, alle die
Stunden hindurch, die er beim Umsturz verbracht hatte, sei die Künstlerin
Fröhlich aus der Stadt verschwunden gewesen. Augenblicklich dachte Unrat,
angstgelähmt, an Lohmann.
Lohmann fehlte seit heute in der Klasse! Welche Verruchtheiten beging er
inzwischen? Er verbrachte jeden Augenblick, den Unrat sich abwandte, bei der
Künstlerin Fröhlich! Er war endgültig zu ihr entlaufen! Er stak in ihrem Zimmer!
Unrat ward von dem Drang ergriffen, ihr Zimmer zu sehen, es zu untersuchen ...
Diese Tage verbrachte Unrat zitternd vor Argwohn. In der Schule wütete er
mörderisch in den Laufbahnen von Sekundanern. In der Künstlergarderobe
beschuldigte er die dicke Frau eines unheilvollen Einflusses auf die Künstlerin
Fröhlich. Die Frau lachte nachsichtig. Die Künstlerin Fröhlich selber antwortete:
»Wenn ich mit Ihre drei Schuljungens 'ne Landpartie sollt' machen – lieber
laß ich mich gleich auf 'n Kopf schlagen, als daß ich mich mit Ihre Schuljungens
totmopse.«
Er musterte sie entsetzt. Dann, im Drang, sie als unverantwortlich zu
behandeln, sie rein zu finden, stürzte er sich zurück auf die Frau.
»Verantworten Sie sich! Was haben Sie mit der Ihnen anbefohlenen
Künstlerin Fröhlich gemacht!«
Die Frau sagte, ohne sich aufzuregen:
»Sie werden jetzt überhaupt so komisch.«
Sie machte die Tür auf, kehrte sich nochmals um:
»Von Ihnen wird doch keiner satt.«
Und im Abgehen:
»Und glücklich auch nicht.«
Darauf errötete Unrat wolkig. Die Künstlerin Fröhlich lachte.
»Er kommt nu mal nich drauf,« erklärte sie, obwohl sie mit ihm ganz allein
war. Und weiter teilten sie sich nichts mit.
So oft aber die dicken Leute sich zeigten, schwoll Unrat von Streitsucht. Er
behandelte sie schon längst mit Strenge. Je wichtiger sich die Künstlerin
Fröhlich in seinem Bewußtsein ausbreitete, je stärker er seinen Schutz um sie
legte und je einsamer er sie der Menschheit entgegenstellte: desto weniger Platz
war auf den Stühlen der Garderobe für die Röcke der dicken Frau und für
Kieperts Trikots. Er verdachte ihnen den Beifall, den sie ernteten, und ihre
lärmende gute Laune. Er verwies den Artisten nach einer turnerischen
Produktion aus der Garderobe, weil er zu sehr schwitze und dies in Gegenwart
einer Dame, wie der Künstlerin Fröhlich, sich nicht zieme. Kiepert trollte sich
gutmütig, indes er vermutete:
»Sie is woll von Butter, daß die Gerüche in sie einziehn?«
Seine Frau war leicht verletzt, aber sie lachte und stieß Unrat an. Er wischte
sich den Ärmel ab. Darauf war sie wirklich beleidigt.
Die Künstlerin Fröhlich kicherte dazu. Sie konnte unmöglich anders als sich
geschmeichelt fühlen. Die beiden Dicken ärgerten sie ohnehin mit ihrem immer
erfolgreichen Flottenlied. Unrat behauptete wiederholt, eine Künstlerin sei nur
sie. Er reizte, ein naiver Intrigant, ihre Eifersucht und zog sie näher an sich,
dadurch, daß er sie dazu verführte, aller Welt Geringschätzung zu zeigen;
dadurch, daß er sie nötigte, sich auf ihn zu stützen, als ihren unbedingten Ritter.
Die allertiefste Verachtung verlangte er von ihr für den Saal voll Menschen, um
deren Beifall sie sich abarbeitete, und für jeden einzelnen Zuschauer, dem sie
gefallen hatte. Er haßte die dicke Frau besonders deshalb, weil sie immer
Nachrichten aus dem Saal mitbrachte von Eindrücken, die die Künstlerin
Fröhlich darin hinterlassen hatte.
»Wie! Wäre es möglich!« rief er aus. »Jener Mensch also nun erkühnt sich,
den Mund zu öffnen? Derselbe Meyer, der mit neunzehn Jahren das Ziel der Klasse noch nicht erreicht hatte und endlich sich genötigt sah, dreijährig zu
dienen!«
Die Künstlerin Fröhlich verbarg unter einem Lächeln ihre Verlegenheit
darüber, daß ihr der untergeordnete Meyer nicht mißfiel. Sie wünschte sich, er
möge ihr mißfallen. Sie war gelehrig von Natur und empfänglich dafür, daß ein
Mann vom geistigen Stande Unrats sie erzieherischer Eingriffe würdigte. Es
geschah ihr zum erstenmal. Der dicken Frau, die noch ein Wort zugunsten
Meyers versuchte, fuhr sie aufgebracht über den Mund.
Andere Male kitzelte sie Unrat mit Blumen unter der Nase.
»Die angefressene Rose ist von dem kleinen Dicken da gleich hinterm
Klavier.«
»Kindchen,« versetzte die Frau, »das is ja der Zigarrenfritze vom Markt. 'n
feiner Mann. Kiepert käuft bei ihm. 'n großartiges Geschäft.«
»Was sagt Unrat nu?« fragte die Künstlerin Fröhlich.
Unrat sagte, dieser Schüler sei einer der Schlimmsten gewesen, und als
Geschäftsmann könne er auch nicht viel taugen; denn er stelle ihm keine
Rechnung aus, ohne seinen Namen das erste Mal mit einem falschen Buchstaben
anzufangen. Die Frau meinte, das machte nichts. Unrat log, der Mann gelte für
geschäftlich unsicher. Die Künstlerin Fröhlich, die ihn Feuer spritzen sah, drehte
sich in den Hüften und roch an der angefressenen Rose.
»Sie haben auch an all und jedem was auszusetzen,« bemerkte die Frau.
»Was wollen Sie da eigentlich mit, können Sie uns das woll erzählen?«
Und da Unrat schwieg:
»Sie selber stellen hier doch weiter nischt an.«
»Nee, er kommt auf nischt,« und die Künstlerin Fröhlich schlug sich aufs
Knie, indes Unrat sich rosig bewölkte.
»Dann müssen Sie ihn alleine klug reden lassen,« verlangte die Frau, »und
sich mit die Dümmern begnügen, die sind auch was wert, und wenigstens das
Einfachste fällt ihnen manchmal ein. Sie verstehn, Rosachen. Ich hab' doch
meine Gründe, nicht wahr, daß ich Ihnen so 'n Rat gebe, und ewig kann ich auch
nich warten.«
Darauf ging sie, um mit Kiepert das Flottenlied zu singen. Die Künstlerin
Fröhlich blieb in weinerlicher Erbitterung zurück.
»Hurrgott, die piesackt einen, daß man blaue Flecke kriegt!«
Sie hielt sich die Arme.
»In der Tat,« setzte sie, sich fassend, hinzu, »die Person fällt mir greulich auf
die Nerven.«
Stehen bleibend, in Verzweiflung:
»Daß Sie auch gar kein Mitleid kennen!«
Und Unrat fühlte auf einmal die Last einer täglich und fast unbemerkt
gewachsenen Schuld auf sich, und gar keine Kraft, sie loszuwerden.
Solange das Flottenlied stieg, bewegte sich die Künstlerin Fröhlich stöhnend
durch die Garderobe.
»Gleich hat's geschnappt!... Ich hab' doch immer gesagt, ich verekel' es den
Dicken noch mal. Hab' ich das nich gesagt? Nu hat's geschnappt.«
Und kaum hatte das Ehepaar Kiepert den Gesang der deutschen Seehelden
geendet, da schritt sie stürmisch hinaus und kreischte in den noch ganz von
Patriotismus erschütterten Saal:
»Mein Mann der is 'n Schiffskaptän
Woll auf die deutsche Flott',
Un wenn er duhn nach Hause kommt,
Dann haut er mir die –«
Erst waren alle starr; dann entrüsteten sie sich geräuschvoll; endlich ging das
Vergnügen am Kontrast ihnen auf. Die Künstlerin Fröhlich war durchgedrungen
mit ihrem Wagnis, sie kehrte frohlockend zurück.
Die dicke Frau war diesmal ernstlich aufgebracht.
»Wir zwei stellen uns auf'n Kopp, damit daß die Leute 'n Begriff vons
Höhere kriegen. Un denn kommen Sie un verulken uns die heiligsten Güter.
Wenn das nicht 'ne Gemeinheit is!«
Unrat leugnete dies, im Bunde mit der Künstlerin Fröhlich. Er behauptete,
jede Richtung sei in der Kunst berechtigt; Kunst sei, was die großen Künstler
machten; und das heiligste der Güter sei das Talent der Künstlerin Fröhlich. Sie
ergänzte seine Ausführungen durch wenige Worte an die dicke Frau.
»Sie können mir überhaupt –«
Da trat Kiepert ein und schob vor sich her einen untersetzten Mann mit
einem rötlichen Haarband rund um das rotfleischige Gesicht. Der zog die Brauen
in die Höhe und sagte:
»Gottsdunner, Fräulein, Sie sind jä 'n dolle Deern, sind Sie jä. Huhu! Denn
haut er mich auf'n – Ich bin nämlich auch 'n Kaptain, und wenn Sie was mit
mich trinken wollen –«
Schon griff Unrat ein.
»Die Künstlerin Fröhlich trinkt – traun fürwahr – mit niemand. Da irren Sie,
Mann. Überdies verkennen Sie sichtlich den privaten Charakter dieses Kab–, dieser Garderobe.«
»Herr, Sie spaßen woll,« und der Kapitän zog die Brauen noch höher.
»Mit nichten,« erklärte Unrat. »Vielmehr belehre ich Sie darüber, daß Sie
hinausgehn müssen.«
Dem Ehepaar Kiepert ward es zu viel.
»Herr Professor,« sagte der Artist, gekränkt und polternd: »Wenn ich mir 'n
Freund mit 'reinbring', mit dem ich eben Brüderschaft getrunken hab', das is woll
meine Sache.«
Seine Frau brach endlich los:
»Ob ich mir Sie nu nich bald kaufe! Keinen gibt er hier was zu verdienen, un
nischt als Stank macht er un grault uns die Leute weg. Rosa, gehn Sie mal mit'n
Kapitän!«
Unrat war fahl, er zitterte.
»Die Künstlerin Fröhlich,« rief er mit einer Stimme aus der Tiefe und
schielte giftig vor Angst nach ihr hin, »ist nicht eine Sobeschaffene, daß es ihr
anstehen würde, Ihr Bier zu trinken, Mann!«
Sein Blick stach sie; sie seufzte.
»Gehn Sie man wieder weg,« versetzte sie, »da is ja nischt zu machen.«
Und Unrat im Triumph, plötzlich rot auf den Backenknochen, und mit einem
Sprung:
»Hören Sie es, Mann? Sie sagt es Ihnen selbst. Die Künstlerin Fröhlich
verweist Sie ins Exil. Gehorchen Sie! Vorwärts nun also!«
Er hatte den Kapitän schon gepackt, sich in ihn eingekrallt, ihn zum Ausgang
gezerrt. Der starke Mensch ließ den hektischen Ansturm ohne Widerstand über
sich gehn. Er schüttelte sich nur, wie Unrat ihn losließ. Aber das war schon
jenseits der Schwelle, und die Tür schloß sich heftig vor seinen erstaunten
Brauen.
Der Artist schlug gewaltig auf den Tisch.
»Menschenskind, Sie sind woll –«
»Und Sie, Mann –«
Unrat kam pfauchend auf ihn zu. Kiepert bekam Furcht.
»– merken Sie sich – denn also – daß die Künstlerin Fröhlich unter meinem
Schutze steht, und daß ich nicht gesonnen bin, sie beleidigen noch auch das Heft
mir entwinden zu lassen. Wiederholen Sie sich dies des öftern! Schreiben Sie es
sich auf!«
Der Artist brummte etwas, aber er sah bezähmt aus. Allmählich machte er
sich davon. Die Künstlerin Fröhlich sah Unrat an und lachte laut auf; dann kam
ein viel leiseres Lachen, spöttisch und zärtlich, und so, als dächte sie über ihn
nach und über sich selbst: warum sie sich stolz fühlte auf ihn, den sie lächerlich fand.
Die dicke Frau überwand ihr Übelwollen und legte Unrat die Hand auf die
Schulter.
»Nu hören Sie mal zu,« sagte sie.
Unrat wischte sich die Stirn, halb abgewendet und völlig besänftigt. Die
Panik des Tyrannen, der einer Widersetzlichkeit durch kopfloses Wüten
begegnet, sie ließ ihn wieder einmal ziemlich erschöpft zurück.
»Also da aus der Tür geht Kiepert, und da is die Rosa, und da sind Sie, und
hier bin ich ...«
Mit eindringlicher Stimme hielt sie ihm die Wirklichkeit vor.
»Und denn war da noch der Schiffskapitän, den Sie 'rausgesetzt haben. Der
kommt nämlich aus Finnland und hat 'n glänzendes Geschäft gemacht, weil ihm
nämlich sein Schiff untergegangen is, und es war versichert ... Sie haben woll
kein Schiff versichert? Nu, das muß ja auch nich sein. Dafür haben Sie andere
Geistesgaben. Sie müssen sie bloß mal sehen lassen, das is allens was ich sag' ...
Da is also nu die Rosa. Sie verstehn? Der Kapitän hat Geld, is 'n ansehnlicher
Mann und gefällt dem Mädchen.«
Unrat blickte verstört auf die Künstlerin Fröhlich.
»Is ja gar nich wahr,« machte sie.
»Sie haben es doch selbst gesagt.«
»Gott, kann sie lügen.«
»Leugnen Sie doch mal, daß Ihnen der eine Schüler von Herrn Professor, der
mit der schwarzen Locke auf die Augen, daß der Ihnen 'n ganz ernsten Antrag
gemacht hat.«
Unrat fuhr wild auf. Die Künstlerin Fröhlich beschwichtigte ihn.
»Das is ja 'n böswilliger Irrtum. Heiraten will mich bloß der Rote, der
aussieht wie 'n besoffener Mond. 'n Graf is er, aber was hab' ich davon, ich mag
ihn doch nich ...«
Sie lächelte Unrat zu, kindlich.
»Na meinswegen hab' ich gelogen,« sagte die Frau. »Aber das stimmt doch
woll, daß Sie mir zweihundertsiebzig Mark schulden, waschen, Rosachen? Sehn
Sie, Herr Professor, man is sonst nich so, und ich beiß mir lieber 'n Finger ab, als
daß ich das in Ihrer Gegenwart zur Sprache bring'. Aber schließlich is man sich
selbst der Nächste, is doch wahr. Und dafür, daß Sie hier alle andern
rausschmeißen, Herr Professor, sei'n Sie man nich böse, dafür bieten Sie nich
genug. Von's Geld will ich nich mal reden; aber so 'n junges Ding will auch
Liebe und kann sie woll beanspruchen. Da merkt man bei Ihnen gar nichts von,
Sie kommen einfach nich drauf. Ich weiß nicht mal, ob ich das peinlich finden
soll, oder lachhaft.«
Die Künstlerin Fröhlich rief:
»Wenn ich selber nischt sage, kann es Ihnen auch recht sein, Frau Kiepert.«
Aber die dicke Frau wehrte ab; sie hatte das Bewußtsein, für Moral und Sitte
ein vernünftiges Wort eingelegt zu haben; und sie schritt erhobenen Hauptes
hinaus.
Die Künstlerin Fröhlich rückte die Schultern.
»Sie is ja nur ungebildet, aber gutmütig. Na laß ihr. Wenn Sie nu man nich
glauben, daß ich mit ihr unter einer Decke steck' und Sie bloß 'rankriegen will.«
Unrat sah vom Boden auf. Nein, diese Vermutung hatte ihm fern gelegen.
»Überhaupt steck' ich mit keinem unter einer Decke ...«
Sie lächelte von unten, spöttisch und schüchtern.
»Nich mal mit Ihnen ...«
Nach einer Pause.
»Das is doch wahr?«
Sie mußte mehrmals fragen. Unrat merkte nichts von der Brücke, die ihre
Worte ihm bauten. Nur von der entstandenen Stimmung fühlte er sich umfangen,
daß ihm schwül ward.
»Mag's denn sein ...« versetzte er und streckte zitternde Hände aus nach der
Künstlerin Fröhlich. Sie überließ ihm die ihrigen. Ihre kleinen Finger, ein wenig
grau und fettig, schlüpften weich zwischen seine Knöchel. Ihr Haar, ihre
Stoffblumen, ihr buntes Gesicht drehten sich ihm als ein farbiges Rad vor den
Augen. Er kämpfte sich durch.
»Sie sollen der Frau kein Geld schulden. Ich bin entschlossen –«
Er schluckte hinunter. Es fiel ihm mit Schrecken ein, der Schüler Lohmann
möchte ihm in seinem Entschluß zuvorgekommen sein: der Schüler Lohmann,
der in der Klasse fehlte und sich vielleicht im Zimmer der Künstlerin Fröhlich
verborgen hielt.
»Ich will Ihnen – traun fürwahr – Ihre Wohnung bezahlen.«
»Davon reden wir mal gar nich,« erwiderte sie leise. »Das is bei uns
Nebensache ... Übrigens kost mein Zimmer nich viel ...«
In Pausen:
»Es is hier oben im Haus ... Es is ganz schön ... Wollen Sie es mal sehn?«
Sie hielt die Lider gesenkt und sah bestürzt aus, wie man bei der Erklärung
eines ernsten Mannes aussehen mußte. Und sie wunderte sich, weil sie gar keine
Lachlust verspürte, und weil eine kleine feierliche Wallung ihr Herz aufhob.
Sie erschloß einen ungewöhnlich dunklen Blick und sagte:
»Na, nu gehn Sie man voraus. Die Affen im Saal brauchen es ja nich gleich
zu merken.«