Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Heinrich Mann · Kapitel 9 von 18

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Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Kapitel VIII

 

Darüber dachte Unrat selber nie nach, und nur eines beunruhigte ihn, wenn

er sich spät am Abend von der Künstlerin Fröhlich trennte: die Ungewißheit über

Kieselack, von Ertzum und Lohmann. Die Furcht vor ihrem Treiben im

Verborgenen ließ ihm allmählich das Äußerste tunlich und alle zwischen den

Menschen gesetzten Grenzen überschreitbar erscheinen. Draußen im Gäßchen

vor dem Blauen Engel hörte er einmal ihre Schritte hinter sich. Er machte den

seinigen ganz leicht, damit es ihnen nicht auffiel, wenn er stehen blieb. Hinter

der Ecke lauerte er und trat unversehens mit schiefem Kopf auf sie zu. Sie

prallten zurück; aber Unrat sagte ermunternd und mit giftigem Blinzeln:

»Nun denn, ich sehe, daß Sie sich – immer mal wieder – einen Kunstgenuß

verschafft haben. Das ist ja denn auch recht von Ihnen. Kommen Sie, wir wollen

das Gehörte einmal zusammen durchgehn, dabei werde ich dann Gelegenheit

haben, mich darüber zu unterrichten, wie weit sie es in diesen Gegenständen

schon gebracht haben.«

Da die drei stehen blieben und sich in diese erschreckende Vertraulichkeit

mit dem Tyrannen sichtlich nicht hineinfanden, setzte er hinzu:

»Mein hierdurch über den Stand Ihrer allgemeinen Bildung gewonnenes

Urteil kann auf Ihr nächstes Zeugnis – wahrlich doch – einigen Einfluß

ausüben.«

Darauf nahm er Lohmann an seine Seite und ließ die beiden andern

vorangehn. Lohmann kam sehr unlustig mit; aber Unrat begann ohne weiteres

von des Sekundaners Lied vom runden Mond.

»Steht deine Liebe und du hörst sie weinen,« sagte er. »Die Liebe, als ein

Abstraktum möchte nun zwar nicht weinen können. Da Sie indessen ›die Liebe‹

als eine Personifikation Ihres Seelenzustandes angesehen wissen wollen, und

nunmehr dies poetische Wesen aus Ihnen heraustritt, um an dem Ufer eines von

Ihnen angenommenen Sees zu weinen, so mag's denn sein. Hinzufügen aber muß

der Lehrer, daß besagter Seelenzustand einem Sekundaner und noch dazu einem

solchen mit ungewisser Aussicht das Ziel der Klasse zu erreichen, keineswegs wohl ansteht.«

Lohmann, erschreckt und erbittert, weil Unrat ein Stück von seiner Seele

zwischen seinen dürren Fingern umwendete:

»Das alles ist poetische Lizenz, Herr Professor, von Anfang bis zu Ende. Ein

ganz frivoles Machwerk, l'art pour l'art, wenn Sie den Ausdruck kennen. Hat

mit Seele absolut nichts zu tun.«

»Drum denn – mag's denn sein,« wiederholte Unrat.

»Das Verdienst an der gemütvollen Wirkung des Liedes gebührt mithin –

traun fürwahr – der vortragenden Künstlerin ganz allein.«

Die Nennung der Künstlerin Fröhlich bewirkte in ihm einen Stolz, den er

zurückdrängte, indem er den Atem anhielt. Er lenkte gleich wieder von ihr ab. Er

warf Lohmann seine romantische Dichtungsart vor und verlangte eifrigeres

Studium des Homer von ihm. Lohmann behauptete, die wenigen, wirklich

poetischen Stellen bei Homer seien längst überboten. Der sterbende Hund, bei

Odysseus' Heimkehr, befinde sich viel wirksamer in La Joie de vivre, von Zola.

»Wenn Sie davon gehört haben, Herr Professor,« setzte er hinzu.

Schließlich gerieten sie auf das Heinedenkmal, und Unrat rief

befehlshaberisch und mit Rachedrang gegen Lohmann, in die Nacht hinaus:

»Nie! Niemals!«

Sie waren beim Stadttor; Unrat hätte nun gleich abbiegen müssen. Statt

dessen beschied er, zwischen den dunkeln Wiesen, Kieselack zu sich her.

»Gehen Sie nun denn also mit ihrem Freunde von Ertzum,« sagte er zu

Lohmann. Im Augenblick warf sich all seine Besorgnis auf Kieselack. Die

Familienverhältnisse dieses Schülers leisteten keine Bürgschaft für ihn. Sein

Vater war ein des Nachts beschäftigter Hafenbeamter. Kieselack gab an, er teile

sein Heim nur mit einer Großmutter. Unrat bedachte, daß durch solche Greisin

Kieselacks nächtliche Bewegungsfreiheit gewiß wenig beschränkt werde. Und

das Tor des Blauen Engels stand noch lange offen ...

Kieselack witterte, worauf es Unrat ankomme. Er versicherte:

»Großmutter haut mich.«

Unter Unrats wachsamen Blicken, ein Stück vor ihm auf, ließ von Ertzum

seine krampfig geballten Fäuste hängen und sagte dumpf zu Lohmann:

»Er soll es nicht zu weit treiben, das rat' ich ihm bloß. Alles hat 'n Ende!«

»Hoffentlich noch nicht,« erwiderte Lohmann. »Ich finde die Geschichte

immer fragwürdiger.«

Ertzum, von neuem:

»Ich will dir was gestehen, Lohmann ... Wir sind hier ziemlich allein, die

nächste Laterne und der nächste Schutzmann kommen beide erst bei Witwe

Blöß. Wenn ich mich umdreh' und den Menschen niederschlage – ihr werdet mich ja hoffentlich nicht abhalten ... Dies Weib – dies Weib in den Pfoten eines

solchen Elenden, einer solchen Krabbe! Ihre Reinheit!... Kerl, du, es geschieht

was!«

Von Ertzums Heftigkeit stieg, weil er fühlte, daß er befremde. Aber das

machte ihm nichts, und er schämte sich seiner Drohungen nicht mehr, denn heute

wußte er sich fähig, sie alle zu vertreten.

Lohmann zögerte.

»Ein Geschehnis wäre es, wenn du ihn totschlügest, das läßt sich allerdings

nicht leugnen,« bemerkte er schließlich, müden Tonfalls. »Es hätte doch mal

einer eine Geste gewagt – eine Tür aufgerissen; – statt daß unsereiner immer nur

dahinter steht, mit Angst ertappt zu werden, wenn sie plötzlich von innen

geöffnet würde.«

Lohmann schwieg und wartete gespannt darauf, daß der andere ihm ins

Gesicht sage, er liebe Frau Dora Breetpoot. Er spielte in seinem Sinn mit der

Flinte, die für solchen Fall bereit lag ... Aber sein Geständnis zerging ungehört in

der Luft.

»Eine andere Frage,« und Lohmann verzog den Mund, »ist allerdings, ob

du's tust ... Du tust ja auch nichts.«

Von Ertzum machte eine wilde Bewegung rückwärts. Lohmann sah, denn die

Laterne der Witwe Blöß war nicht mehr fern, ganz gut einen Schwindel durch

seines Freundes Blick streichen. Er packte ihn am Arm.

»Keine Dummheiten, Ertzum!«

Darauf stellte er sich ungläubig.

»So was gibt's doch nicht, das faßt man doch nicht ernstlich ins Auge. Sieh

dir den Menschen an, bitte. Ist das einer, den man mordet? Das ist einer, über

den man die Achseln zuckt. Hast du Lust, nach geschehener Tat mit dem alten

Unrat zusammen in der Zeitung zu stehn? Wie kompromittierend!«

Ertzums schwerblütige Wallung legte sich allmählich. Lohmann verachtete

ihn ein wenig, weil er wieder ungefährlich war.

»Noch dazu,« bemerkte er, »hättest du etwas nicht ganz so Unsinniges tun

können und hast es nicht getan. Hast du von Breetpoot Geld verlangt?«

»N – ein.«

»Siehst du. Du wolltest vor deinen Vormund hintreten, ihn deine

Leidenschaft wissen lassen und deine Entschlossenheit ihr nachzugehn. Daß du

ein Mann seist, und daß du lieber zweijährig dienen wollest als zusehn, wie die

Geliebte an einen Schubjack verloren gehe. Du wolltest dich um ihretwillen

befreien: das wolltest du!«

Ertzum murmelte:

»Was hätte ich davon gehabt.«

»Wieso?«

»Geld hätte er mir keins gegeben. Er hätte mir die Kandare fester angezogen.

Ich könnte Rosa jetzt nicht mal mehr sehn.«

Auch Lohmann hielt ein derartiges Verhalten des Vormunds für

wahrscheinlich.

»Ich kann dir dreihundert Mark pumpen,« sagte er nachlässig. »Wenn du also

mit ihr durchgehen willst –«

Ertzum antwortete zwischen den Zähnen hervor:

»Danke.«

»Nein? Also nicht.«

Lohmann schlug ein schwaches und böses Gelächter auf.

»Aber du hast ganz recht. Bevor man eine zur Gräfin macht, besinnt man

sich doch. Und anders tut sie es wohl nicht.«

»Ich selbst würde es nicht anders gewollt haben,« sagte von Ertzum,

gebrochen und schlicht. »Sie aber will nicht ... Ach, das weißt du nicht. Niemand

weiß, daß ich seit Sonntag ein verzweifelter Mensch bin. Es ist eigentlich zum

Lachen, daß ihr mich behandelt, als wär' ich noch derselbe – und daß ich mich

auch so benehme.«

Sie schwiegen. Lohmann war sehr unzufrieden; er fühlte sich geschädigt, in

seiner Leidenschaft um Dora Breetpoot verletzt, weil nun auch Ertzum dank

dieser lächerlichen Fröhlich in eine tragische Rolle geriet. Ertzum und diese

Fröhlich rückten ihm zu nahe.

»Also?« fragte er stirnrunzelnd.

»Ja. Sonntag, auf dem Ausflug nach dem Hünengrab, mit dir, Kieselack und

– Rosa ... Rosa ganz für mich zu haben, mal ausnahmsweise ohne Unrat: ich war

so froh. Ich war meiner Sache überhaupt ganz sicher!«

»Richtig. Du warst zu Anfang in vorzüglicher Laune. Du hast das Hünengrab

sogar nach Möglichkeit kaputt gemacht.«

»Ach ja. Wenn ich daran denke – als ich das Hünengrab kaputt machte, das

war vorher, da war ich noch ein anderer Mensch ... Nach dem Frühstück waren

wir so gut wie allein im Wald, Rosa und ich; denn du und Kieselack ihr schlieft.

Ich faßte mir ein Herz: im letzten Moment hatte ich doch Angst gekriegt. Aber

sie hatte mich ja immer gut behandelt, ganz anders als dich ... nicht wahr?... und

wartete sichtlich bloß auf meine Erklärung. Ich hatte mein bißchen Geld

eingesteckt und glaubte bestimmt, wir würden gar nicht mehr nach der Stadt

zurückkommen, sondern gleich durch den Wald an die Station laufen.«

Er verstummte. Lohmann mußte ihn anstoßen.

»Sie liebt dich nicht – genügend?«

»Sie sagte, sie kenne mich nicht hinlänglich. Hältst du das für einen falschen Vorwand?... Sie meinte auch, wir würden ja doch gefaßt; und dann käme sie

wegen Verführung eines – Minderjährigen ins – Loch.«

Lohmann kämpfte ingrimmig mit seiner Lachlust.

»Soviel kalte Überlegung,« sagte er mit Anstrengung, »das ist nicht das

Wahre. Mindestens ist ihre Liebe nicht auf der Höhe der deinigen. Du solltest dir

deinerseits überlegen, ob du von den auf sie gesetzten Gefühlswerten nicht lieber

einige zurückziehst ... Hast du nicht die Empfindung, daß sie nach eurer

Unterredung beim Hünengrab nicht mehr deine ganze Zukunft wert ist?«

»Nein, die Empfindung hab' ich nicht,« sagte von Ertzum ernst.

»Dann ist nichts zu machen,« entschied Lohmann.

 

Sie waren am Hause des Pastors Thelander. Ertzum kletterte den Pfeiler

hinauf zum Balkon. Unrat stand zwischen Kieselack und Lohmann und sah ihm

nach. Als Ertzum in sein Fenster gestiegen war, wandte Unrat sich nachdenklich

zum Gehen. Er sagte sich, daß von Ertzum, sobald es ihm einfiele, wieder

hinabklettern könne ... Aber er fürchtete von Ertzum wenig; er verachtete seine

Einfalt.

Er führte die beiden andern Schüler zur Stadt zurück und brachte Kieselack

bis in den Machtbereich seiner Großmutter.

Dann ging er mit Lohmann vor sein väterliches Haus, hörte das Tor sich

schließen, sah droben Licht entstehen, wartete peinlich, bis es wieder verlosch

und ließ noch eine Weile verstreichen. Es erfolgte nichts mehr.

Da fand Unrat endlich den Mut, sich schlafen zu legen.