Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen
Kapitel XV
Als sie in die Stadt zurückkehrten, wurden sie schon erwartet. Im Klub
sagten die Junggesellen:
»Na nu hört die Langeweile, Gott sei dank, bald auf.«
Am Tage nach ihrem Wiedereinzuge gaben sie die erste Gesellschaft, und die
ganze Stadt bekümmerte sich darum, wer hinging, was gegessen ward, was die
Künstlerin Fröhlich Neues anzuziehen hatte. In der folgenden Zeit bekamen
verheiratete Kaufleute noch spät am Abend ungewöhnliche Nachrichten: es sei
etwas vorgefallen am Hafen, auf dem Kontor gebe es Unerwartetes zu tun; und
verschwanden eilig.
Immerhin hielten manche sich fern, vermöge ihrer sittlichen Grundsätze,
oder dank einem kühlen Temperament, oder aus Sparsamkeit. Diese gähnten
zwischen leeren Sesseln im Kasino und der Gesellschaft für Gemeinsinn;
entrüsteten sich zunächst, wurden dann stutzig, weil ihre Zahl sich immer
verringerte; und die letzten fanden sich schlecht weggekommen und ungerecht
benachteiligt.
Das Dasein des Stadttheaters ward durch Unterstützungen gefristet. Es gab
kein ansehnliches Varieté. Die fünf oder sechs, für den Gebrauch besserer
Herren abgerichteten Halbweltdamen waren zum Überdruß bekannt, und die
Freuden, die sie bieten konnten, wurden einem schal gemacht durch den
Gedanken an Haus Unrat und seine Hausfrau.
In dieser altertümlichen Stadt, die einem aus der Langenweile der
Familienehrbarkeit keinen Ausweg ließ, als in ein rohes und langweiliges Laster,
umkleidete sich die Villa vorm Tor, wo hoch gespielt, teuer getrunken wurde, wo
man mit weiblichen Wesen zusammentraf, die nicht ganz Dirnen und auch keine
Damen waren; wo die Hausfrau, eine verheiratete Frau, die Frau des Professors
Unrat, prickelnd sang, unpassend tanzte und, wenn man es richtig anstellte,
sogar für Dummheiten zu haben sein sollte: – diese erstaunliche Villa vorm Tor
umkleidete sich mit Fabelschimmer, mit der silberig zitternden Luft, die um
Feenpaläste fließt. Daß es so etwas gab! Man konnte nicht anders, man ließ keinen Abend verstreichen ohne mehrere Gedanken an das Haus Unrat. Man sah
einen Bekannten um eine Ecke schlüpfen, man hörte eine Uhr schlagen, man
sagte sich: »Jetzt geht es da draußen los.« Man ging zu Bett, müde, ohne zu
wissen, was einen müde gemacht hatte, und seufzte: »Da draußen ist es im
besten Gange.«
Zwar gab es Herren, ganz wenige, wie Konsul Lohmann, die ihre Jugend im
Ausland verbracht hatten, in Hamburg so gut wie heimisch waren, hie und da
nach Paris und London fuhren, und die nicht einmal die flüchtigste Neugier
hinzog zu den Empfängen des alten, aus dem Häuschen geratenen Schulmeisters
und seiner jungen Frau. Aber vermögende Pfahlbürger, die beim Handel mit
Fischen und Butter dreißig Jahre lang durch dieselben fünf Straßen getrabt
waren, diese ahnten auf einmal eine unverhofft genußreiche Verwendung für ihr
Geld. Blendend zeigte sich ihnen der Lohn ihrer Mühen, und sie wußten nun,
wofür sie gelebt hatten. Andere, die ehemals die Großstadt gekannt hatten und
sich ein wenig eingerostet fühlten, so Konsul Breetpoot, beschlossen anfangs,
vorlieb zu nehmen, und schließlich unterhielten sie sich schlechthin, ohne
Vergleiche. Wieder andere, Studierte, kamen in sentimentaler Erinnerung an die
Damenkneipen ihrer schönsten Jahre; zum Beispiel die Richter aus dem
Hünengrabprozeß samt Pastor Quittjens. Denn auch Pastor Quittjens war dabei,
ganz wie jeder andere Mensch. Sodann fanden kleinere Mitbürger, wie der
Pächter des Café Central und der Zigarrenhändler vom Markt, sich
geschmeichelt und sozial befördert durch den allein bei Unrats möglichen
Verkehr mit den Spitzen. Notwendigerweise waren sie, die Kleinen, in der
Mehrheit und bestimmten den Ton.
Dieser Ton war ungeschickt. Er war nur darum schlecht, weil er ungeschickt
war. Alle diese Leute waren da in der Erwartung besonderer, zweideutiger
Verfeinerungen, eines unerhörten Mittelzustandes, wo die Liebe nicht gleich bar
beglichen wurde, und man sich trotzdem nicht langweilte. Nur daß eben ihre
Anwesenheit die Geselligkeit ohne weiteres eindeutig machte. Waren sie nicht
bieder wie in den Familien, mußten sie gemein sein wie im öffentlichen Haus. Es
ging nicht anders. Wenn sich einer anfangs wohl bemühte – bald, nachdem er
getrunken, etwas verloren, sich heimisch gemacht hatte, glitt das Gespräch ihm
aus, er sagte unverschleierte Sachen, nannte eine Dame du, fing Streit an. Der
guten Haltung der Damen wurde dies alles verderblich. Sie gewöhnten sich an
Formlosigkeit im Vergnügen. Die Pielemann war nicht wieder zu erkennen; sie
brachte es fertig, sich aus einem verschlossenen Zimmer, wo sie eine halbe
Stunde mit einem der Gäste verbracht hatte, heraustrommeln zu lassen und mit
dem angeheiterten Trupp anstandslos ins Spielzimmer zurückzukehren. Die
Künstlerin Fröhlich mußte zugeben, daß die Pielemann in der vorigen Saison das noch nicht fertig gebracht hätte.
Sie selbst, die Künstlerin Fröhlich, blieb dabei, die Formen ziemlich zu
wahren. Es verstand sich, daß sie es nur mit peinlich Auserlesenen zu tun hatte,
mit Konsul Breetpoot möglichenfalls, vielleicht mit Assessor Knust: etwas
Unzweifelhaftes wußte man nicht. Bei ihr im Hause fiel nie etwas vor. Die
Künstlerin Fröhlich betrieb den Ehebruch mit all der Umsicht und dem ganzen
Zeremoniell der im Ernst verheirateten Frau; mit doppelten Schleiern,
verhängten Wagenfenstern, Stelldicheins auf dem Lande. Soviel Etikette erhöhte
sie im Rang, und niemand hätte sie mit den andern Damen zu verwechseln
gewagt. Dies vermied man schon darum, weil zu keiner Zeit genau feststand,
wer gerade ihr Beschützer war, und wie viel er geduldet hätte. Auch kam sehr in
Betracht, daß Unrat selber gar nichts duldete. Man hatte erlebt, daß er mitten aus
bester Gemütlichkeit heraus, über einen Herrn hergefallen war, der zufällig
gleich hinter ihm eine Bemerkung über die Hausfrau gemacht hatte. Unrat hatte
gezischt und gepfaucht, war keinen Vorstellungen zugänglich gewesen, hatte am
Schluß eines hitzigen Ringkampfes den großen dicken Menschen aus der Tür
gestoßen; und der Unglückliche war auf immer verbannt geblieben. Dabei war es
ein hoher Pointierer gewesen, und was er über die Künstlerin Fröhlich gesagt
hatte, war bestimmt das Harmloseste gewesen von allem, was sich über sie sagen
ließ. Man wußte also, woran man bei Unrat war, sobald es die Künstlerin
Fröhlich anging; und hütete sich.
Im übrigen durfte alles drunter und drüber gehen; Unrat war einverstanden.
Er rieb sich die Hände, wenn jemand, der keineswegs er selbst war, die Bank
sprengte, und betroffene, von Gier abgemattete, nasse und fassungslose
Gesichter umherfuhren und vor sich hinstierten. Er begutachtete wohlgefällig
den Zustand eines sinnlos Betrunkenen, gab einem gänzlich Ausgeleerten
Wünsche mit von undurchdringlichem Hohn, feixte flüchtig, wenn irgendwo ein
Liebespaar auf frischer Tat ertappt ward; und er hatte seine belebtesten
Augenblicke, wenn sich jemand als entehrt herausstellte. Ein junger Mann aus
guter Familie spielte falsch. Unrat bestand darauf, daß er dableibe. Die Wogen
der sittlichen Empörung gingen hoch, einige entfernten sich protestierend. Zwei
oder drei Abende darauf waren sie wieder da, und Unrat schlug ihnen, giftig
lächelnd, eine Partie mit dem jungen Falschspieler vor.
Ein anderer Fall entspann sich noch dramatischer. Es war einem der Spieler
ein Paket Banknoten, das er vor sich hingelegt hatte, abhanden gekommen. Er
erhob ein Geschrei, verlangte, daß die Ausgänge gesperrt und alle Anwesenden
durchsucht würden. Die Menge widersetzte sich, man beschimpfte einander,
drohte dem Bestohlenen mit Prügeln, und verdächtigte innerhalb fünf Minuten
jeden ohne Ausnahme. Unrats Stimme drang, man wußte nicht wie, aus einem Grabe herauf, durch allen Lärm. Er erklärte, die angeben zu wollen, die
untersucht werden müßten; ob man sich ihm fügen wolle. Man war neugierig,
fühlte sich gedrängt, über allem Verdacht zu erscheinen; man rief ja. Darauf
nannte Unrat, den Hals vor- und zurückschiebend, Leutnant von Gierschke, den
Schüler Kieselack und Konsul Breetpoot. »Breetpoot? Breetpoot?« Jawohl,
Breetpoot. Unrat blieb dabei, ohne sich weiter zu äußern über das, was er wußte
... Und Gierschke, ein Offizier? Das habe nichts zu sagen, behauptete Unrat. Und
dem Leutnant, der sich wütend zur Wehr setzte, gab er zu bedenken:
»Die Menge ist gegen Sie und wird Sie entwaffnen. Des Säbels beraubt,
möchten Sie denn wohl Ihrer Ehre verlustig gegangen sein und nichts mehr
besitzen als eine Pistole, vermittelst deren Sie sich – immer mal wieder –
entleiben werden. Da ists, traun fürwahr, lustiger, Sie lassen sich untersuchen.«
Vor diese Wahl gestellt, ergab sich von Gierschke. Unrat hegte nicht den
geringsten Verdacht gegen ihn; er hatte ihn nur bezwingen wollen, seinen Stolz
in den Staub biegen. Übrigens ward im selben Augenblick Kieselack an einem
Fenster festgenommen, wie er das Paket Banknoten eben hinauswerfen wollte.
Sogleich verlangte Konsul Breetpoot nachdrücklich Rechenschaft von Unrat.
Aber Unrat sagte dem Konsul ganz dicht ins Gesicht und für alle übrigen
unhörbar, einen Namen, nur einen Namen; und Breetpoot ward dadurch
besänftigt ... Er kam wieder, gleich nächsten Tages, und setzte atemlos. Von
Gierschke ließ acht Tage verstreichen. Kieselack zeigte sich noch ein einziges
Mal und verspielte einiges. Darauf erschien seine Großmutter bei der
Steuerbehörde, wo Kieselack einen kleinen Posten bekleidete, und zeigte an, daß
ihr Enkel sie bestohlen habe. Endlich hatte man einen Vorwand, ihn zu entlassen.
Wegen des Spielskandals hatte man es nicht gewagt. Der Schüler Kieselack
versank auf den Grund. Unrat beging dies festlich, ganz für sich allein.
Er benahm sich im Genuß mit tückischer Trockenheit. Im Gewühl der um die
Wette nach dem Bankrott, der Ächtung, dem Galgen Laufenden, schien Unrat,
mit eingeknickten Knien und unerschütterlich, ein alter Schulmeister, dessen
Klasse in wüstes Toben verfallen ist, und der sich hinter seinen Brillengläsern
sämtliche Empörernamen merkt, um später die Zeugnisse zu verderben. Sie
hatten der Herrschergewalt sich zu widersetzen gewagt; nun mochten sie,
losgelassen, sich gegenseitig die Rippen einschlagen und das Genick umdrehn.
Aus dem Tyrannen war endgültig der Anarchist herausgebrochen.
Und er schien eitel auf seinen neuen Zustand, hatte eine offenkundige
Vorliebe für sein eigenes Gesicht in seiner jetzigen jugendlichen Färbung. Zwanzigmal am Abend holte er einen Taschenspiegel hervor: der war in eine
kleine Büchse eingelassen, mit der Inschrift »bellet«.
Oft gedachte er in dem nächtlichen Lärm, Flitter und Halsbrechen gewisser
ehemaliger Nächte. Er war im Café Central verhöhnt worden und schlich nach
Haus. Von irgend einer finstern Ecke ward ihm sein Name zugeworfen wie ein
Stück Schmutz ... Eine einzige Nacht war's, da hatte er von den Menschen etwas
gewollt. Sie sollten ihm sagen, wer die Künstlerin Fröhlich sei, wo sie zu finden,
wie es – dies war von höchster Wichtigkeit – zu verhindern sei, daß drei Schüler
und unter ihnen der allerschlimmste, Lohmann, ihrer teilhaftig würden. Niemand
hatte ihm Rede gestanden. Nichts war ihm begegnet als breites Grinsen an
Köpfen, auf denen der Hut fest sitzen blieb. Zwischen den kleinen
»Bullerwagen«, die eine steile »Grube« hinunterrasselten, hatte er umherhüpfen
müssen, und von lauter hellen Kinderstimmen seinen Namen um die Ohren
geschlagen bekommen. Keinen Empörer mehr hatte er, an den erleuchteten
Läden hinschleichend, anzusprechen unternommen; er hatte sich die Häuser –
die Häuser von fünfzigtausend in Aufruhr begriffenen Schülern entlang
gedrückt, mit einem gespannten Gefühl auf dem Scheitel, weil jeden
Augenblick, wie ein Kübel Spülicht, aus einem Fenster sein Name kommen
konnte! An das Ende der stillsten Straße, tief hinunter zum Stift der alten
Fräulein, hatte er sich gerettet vor der nervenzerstörenden Verfolgung,
Anzweiflung, Verhöhnung; hatte die Fledermäuse um seinen Hut streichen
lassen und noch hier, noch hier auf seinen Namen gewartet.
Sein Name! Jetzt gab er ihn sich selbst; setzte ihn sich auf wie einen
Siegerkranz. Einem Ausgeplünderten klopfte er auf die Schulter und sagte:
»Ja ja, ich bin ein rechter Unrat.«
Seine Nächte! So sahen sie nun aus. Sein Haus war das hellste in der Stadt,
es war das am wichtigsten Genommene, Schicksalerfüllteste. Wieviel Angst, wie
viel Gier, wieviel Unterwürfigkeit, wieviel fanatische Selbstvernichtungswut ließ
er nun um sich herdampfen! Alles Opfer, die ihm brannten! Alle drängten sich,
sie ihm anzuzünden, sich selbst ihm anzuzünden. Was sie hertrieb, war die Leere
ihrer Gehirne, der Stumpfsinn der humanistisch nicht Gebildeten, ihre dumme
Neugier, ihre mit Sittlichkeit schlecht zugedeckten Lüsternheiten, ihre Habgier,
Brunst, Eitelkeit und zu alledem hundert verquickte Interessen. Waren es nicht
Unrats Gläubiger, die ihre Verwandten, Freunde, Kunden herschleppten, in der
Absicht, Unrat, ihrem Schuldner, zu Gelde zu verhelfen? Waren es nicht
beutelustige Ehefrauen, die ihre Männer schickten, damit sie von dem durch die
Luft fliegenden Gelde ihren Anteil herausgriffen? Andere kamen selbst. Unter
den Masken, im Karneval, sollten anständige Frauen gewesen sein. Man hatte
mißtrauische Männergesichter bemerkt, die nach Gattinnen ausspähten. Die jungen Mädchen wisperten daheim von einem späten Ausgang ihrer Mutter:
»nach dem Haus vorm Tor.« Sie trällerten halblaut Bruchstücke aus Liedern der
Künstlerin Fröhlich. Die Lieder schwirrten verdeckt durch die Stadt. Das
geheimnisvolle Pfänderspiel, bei dem Paare sich auf den Boden und unter eine
Decke legten, es machte seinen Weg durch die Familien; es ward gespielt, wenn
den mannbaren Töchtern junge Tänzer eingeladen waren; und ein Gekicher ging
umher von dem »Haus vorm Tor«.
Bevor der Sommer anbrach, zogen drei Frauen der guten Gesellschaft und
zwei junge Mädchen sich plötzlich zurück, zu einem, wie man fand, verfrühten
Landaufenthalt. Drei neue geschäftliche Zusammenbrüche erfolgten. Der
Zigarrenhändler Meyer am Markt beging Wechselfälschungen und erhängte sich.
Über Konsul Breetpoot ward gemunkelt ...
Und diese Entsittlichung einer Stadt, von keinem zu unterbrechen, weil zu
viele darin verwickelt waren: sie geschah durch Unrat und zu seinem Triumph.
Seiner insgeheim ihn schüttelnden Leidenschaft – dieser Leidenschaft, von der
sein trockner Körper nichts als hie und da ein giftig grünes Augenfunkeln, ein
blasses Feixen entließ – ihr frohndete und unterlag eine Stadt. Er war stark; er
mochte glücklich sein.