Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen
Kapitel XI
Kieselack hatte gelogen. Unrat war weit entfernt, der Künstlerin Fröhlich
Geld anzubieten: nicht aus Feingefühl; auch nicht aus Geiz; sondern – sie
durchschaute dies – weil er nicht darauf kam. Es kostete sie viele Andeutungen,
bis er sich wieder der Wohnung erinnerte, die er ihr hatte nehmen wollen. Als er
dann davon sprach, sie in ein möbliertes Zimmer zu stecken, verlor sie die
Geduld und verlangte bündig eine eigene Einrichtung. Unrat war tief erstaunt.
»Da du jedoch mit dem Ehepaare Kiepert zusammen zu wohnen pflegst ...«
Sein Geist war auf Erhaltung gerichtet; in so durchgreifende Umwälzungen
mußte er sich erst hineindenken. Er arbeitete angestrengt.
»Wenn aber – aufgemerkt nun also! – das Ehepaar Kiepert die Stadt
verläßt?«
»Un wenn ich nich mitwill?« ergänzte sie. »Was tu' ich denn woll?«
Er war ratlos.
»Nu? Unratchen? Nu?«
Sie hüpfte ihm vor den Füßen umher; und triumphierend:
»Denn bleib' ich hier!«
Ein Glänzen brach aus seinem Gesicht. Solch eine Neuigkeit wäre ihm
niemals eingefallen. »Dann bleibst du – hier,« wiederholte er mehrmals, um sich
daran zu gewöhnen.
»Das ist denn freilich recht brav,« setzte er anerkennend hinzu. Er war
beglückt; und trotzdem bedurfte sie einige Tage später wieder ihrer ganzen
Kunst des Einflüsterns, bis er es heraus hatte, daß er sie nicht mehr im Blauen
Engel essen lassen, sondern ihr die Mahlzeiten in einem guten Hotel bezahlen
sollte.
Als er es heraus hatte, wollte er sogar mit ihr zusammen essen. Dies lehnte
sie ab, und er war enttäuscht. Dafür erlaubte sie ihm, ihr im Schwedischen Hof
nicht nur die Mahlzeiten, sondern auch ein Zimmer zu bezahlen, bis ihre eigene
Wohnung fertiggestellt sein würde.
Auf jede Möglichkeit, sie aus ihrer Umgebung noch weiter heraus und fester an sich zu ziehen, der Welt die Künstlerin Fröhlich entgegenzuhalten, stürzte er
sich mit knabenhaftem Eifer. Nur erkannt haben mußte er die Möglichkeit. Er
trieb den Tapezierer zur Eile, handele es sich doch um die Künstlerin Fröhlich.
Er drohte dem Möbelhändler mit der Unzufriedenheit der Künstlerin Fröhlich,
erinnerte in dem Porzellan- und dem Wäschegeschäft an den verwöhnten
Geschmack der Künstlerin Fröhlich. Die Stadt gehörte der Künstlerin Fröhlich;
überall nahm Unrat ihr, was für sie paßte, überall ließ er, unberührt von
mißbilligenden Blicken, ihren Namen ertönen. Immer war er, beladen mit
Paketen, auf dem Wege von ihr, auf dem Wege zu ihr. Immer stak er voller
Dinge von drängender Wichtigkeit, die für die Künstlerin Fröhlich grade so
wichtig und gemeinsam mit ihr zu bedenken und zu bereden waren. Auf seine
grauen Wangen kamen, von beglückender Tätigkeit, jetzt meistens rote Flecken.
Er schlief des Nachts gut und lebte gefüllte Tage.
Sein einziger Kummer war, daß sie niemals mit ihm ausging. Er hätte sie in
der Stadt umherführen wollen, sie mit ihrem Reich bekannt machen, sie den
Untertanen vorstellen, sie gegen Aufrührer verteidigen: denn Unrat fürchtete
sich in dieser Zeit vor keiner Erhebung, er forderte sie heraus. Sie aber hatte
grade eine Probe, oder sie war müde, oder unwohl, oder die dicke Frau hatte sie
geärgert. Daraufhin machte er einmal der Kiepert eine Szene; wobei sich
herausstellte, daß sie die Künstlerin Fröhlich den ganzen Tag noch nicht gesehen
hatte. Unrat begriff das nicht. Sie lächelte vielsagend. Ratlos kehrte er zurück zur
Künstlerin Fröhlich, und sie mußte ihn wieder hinhalten.
Ihr wahrer Beweggrund war einfach, daß sie es für verfrüht erachtete, sich
mit ihm zu zeigen. Wenn man sie öffentlich an seiner Seite erblickte, würde man,
das sah sie voraus, ihn gegen sie einzunehmen versuchen. Sie war sich noch
keines so großen Einflusses auf ihn bewußt, um all die Geschichten zuschanden
zu machen, die er über sie zu hören bekommen konnte. Sie hielt sich wahrhaftig
nicht für eine unanständige Person; aber tatsächlich hatte doch jede allerlei
Sachen hinter sich – sie waren ja eigentlich nicht der Rede wert, aber ein Mann,
der es ernst meinte, durfte sie nun mal nicht wissen. Wenn die Männer
vernünftiger gewesen wären, wieviel leichter hätte man es gehabt. Man hätte
seinen kleinen Unrat unters Kinn gefaßt und ihm einfach erzählt: So und so. Nun
aber hieß es schwindeln. Und das Schlimmste war, daß er hierbei auf dumme
Gedanken verfallen und sich einbilden konnte, sie suche nur allein zu Hause zu
bleiben, um sich ohne ihn zu amüsieren. Und das stimmte weiß Gott nicht.
Davon hatte sie doch genug und war froh, ein wenig Ruhe zu haben, zusammen
mit ihrem komischen alten Unrat, der sich soviel mit ihr befaßte wie sonst noch
nie im Leben einer, und der wirklich – sie betrachtete ihn manchmal lange und
sinnend – ein feiner Kerl war.
Der Verdacht, den sie fürchtete, war Unrat fremd; er kam nicht darauf.
Andererseits hätte sie dem Gerede der Leute ruhig an seiner Seite trotzen
dürfen. Er war stärker als sie meinte. Es traten an ihn Anfechtungen heran, die er
überwand, ohne ihr auch nur davon zu reden. Das meiste geschah in der Schule.
Hier wußte, dank Kieselack, jedermann Bescheid über Unrats
außeramtlichen Lebenswandel. Einige jüngere Oberlehrer, noch im Zweifel,
welche Gesinnung ihre Karriere mehr befördern könne, wichen ihm aus, um ihn
nicht grüßen zu müssen. Der junge Oberlehrer Richter, der seine Augen zu
einem Mädchen aus reicher, Oberlehrern sonst unzugänglicher Familie erhob,
grüßte ihn mit mokantem Lächeln. Andere aber verleugneten ausdrücklich jede
Gemeinschaft. Einer sprach vor Unrats eigener Klasse von »sittlichem Un–,
vielmehr Kot,« von dem die Schüler sich nicht ergreifen lassen sollten. Es war
derselbe Oberlehrer Hübbenett, der sich seinerzeit über Unrats Sohn und seine
sittlichen Verfehlungen abfällig geäußert hatte: auch damals vor des Vaters
Klasse.
Wenn jetzt Unrat den Schulhof betrat, schrie, während der beaufsichtigende
Lehrer angewidert wegsah, alles drauf los:
»Oho! Hier riecht es nach sittlichem Unrat!«
Der alte Professor näherte sich, der Lärm schwoll, unter Unrats giftigem
Schielen, allmählich ab; dann stellte an seinem Wege sich Kieselack auf und
versetzte mit einem Senkblick, langsam und nachdrücklich:
»Vielmehr Kot.«
Und Unrat schlich zusammenzuckend weiter; er konnte es Kieselack nicht
beweisen.
Er konnte ihm nichts mehr beweisen, ihn, das fühlte er wohl, niemals wieder
fassen: so wenig wie von Ertzum und Lohmann. Er und seine drei Schüler lebten
hier auf Grund gegenseitiger Duldung. So besaß Unrat keine Macht dagegen,
daß Lohmann sich am Unterricht überhaupt nicht mehr beteiligte und auf einen
Aufruf mit seinem schauspielerischen Tonfall entgegnete, er sei beschäftigt.
Unrat vermochte wenig gegen von Ertzum, der, erbittert über sein langes
fruchtloses Dahocken, seinem Nachbar das Extemporale aus den Händen riß, um
es abzuschreiben. Unrat mußte zusehn, wie Kieselack bei allen Fragen seine
Mitschüler durch Dazwischenwerfen unsinniger Antworten verwirrte; wie er
laute Reden führte, ohne Veranlassung durch die Klasse spazieren ging, ja,
mitten in der Stunde eine Prügelei anzettelte.
Ließ Unrat sich einmal von der Panik des bedrohten Tyrannen hinreißen und steckte die Aufrührer ins Kabuff, dann ergab sich noch Schlimmeres. Die Klasse
vernahm dann das Knallen und Glucksen geöffneter Flaschen, lautes Prostrufen,
verdächtiges Kichern, den Schall von Küssen ... Hals über Kopf stürzte Unrat
zur Tür und ließ Kieselack wieder herein. Die beiden andern kamen mit,
ungebeten, mit drohenden, verachtungsvollen Mienen ...
Für den Augenblick erlitt Unrat zweifellos viel Verdruß. Aber was half ihnen
das. Schließlich waren doch sie die Besiegten, der Künstlerin Fröhlich nicht
teilhaftig Gewordenen. Nicht Lohmann saß bei der Künstlerin Fröhlich im
Kabuff ... Unrat schüttelte, kaum daß das Tor der Schule durchschritten war,
seinen Unmut ab und lenkte seine Gedanken auf den grauen Rock der Künstlerin
Fröhlich, den er von der Waschanstalt abholen sollte, und auf die Bonbons,
womit er vorhatte, sie zu überraschen.
Dagegen konnte der Direktor des Gymnasiums nicht länger umhin,
einzugreifen in die Zustände der Untersekunda. Er entbot Unrat zu sich ins
Amtszimmer und hielt ihm die sittliche Auflösung vor, der seine Klasse sichtlich
entgegengehe. Er wolle nicht untersuchen, woher der Ansteckungsstoff komme.
Bei einem jüngeren Lehrer würde er dies allerdings untersuchen. Der Herr
Kollege aber sei in Ehren ergraut, er möge daher einerseits seiner selbst
gedenken, andererseits aber auch des Beispiels nicht vergessen, das er der Klasse
schulde.
Unrat sagte darauf:
»Herr Direktor: der Athenienser Perikles hatte – traun fürwahr – die Aspasia
zur Geliebten.«
Dies passe hier wohl nicht, meinte der Direktor. Und Unrat:
»Ich würde mein Leben – immer mal wieder – für nichts erachten, wenn ich
den Schülern die klassischen Ideale nur vorerzählte wie müßige Märchen. Der
humanistisch Gebildete darf des sittlichen Aberglaubens der niederen Stände
billig entraten.«
Der Direktor, der nicht weiter wußte, entließ Unrat und dachte noch lange
nach. Zuletzt beschloß er, das Gehörte für sich zu behalten, aus Furcht, der Laie
möchte es in einem für Schule und Lehrerstand unvorteilhaften Sinne auslegen.
Seine Wirtschafterin – sie hatte an Besuchen der Künstlerin Fröhlich Anstoß
genommen – nötigte Unrat mit triumphierender Ruhe, gegen die ihr Toben sich
machtlos brach, zum Verlassen des Hauses. Statt ihrer zog eine Magd aus dem
Blauen Engel ein. Sie sah aus wie ein Kehrlappen und empfing den
Fleischerburschen, den Schornsteinfeger, den Gasmenschen und die ganze
Straße in ihrem Zimmer.
Eine Schneiderin, gelblich von Gesicht, der Unrat im Auftrag der Künstlerin
Fröhlich oft Besuche machte, hatte sich immer kalt und zurechtweisend verhalten. Eines Tages als Unrat die Rechnung über einen größeren Auftrag eben
beglichen hatte, öffnete sie die Lippen. Der Herr Professor solle sich doch man
umhören, was die Leute sagten. Wenn das nicht 'ne Schande wäre. In seinen
Jahren – und überhaupt. Unrat schob ohne Erwiderung das kleine Geld ins
Portemonnaie und ging. Zur halb zugezogenen Tür lächelte er nochmals hinein
und sagte nachsichtig:
»Aus dem für Ihre Worte von Ihnen gewählten Augenblick, gute Frau, ersehe
ich, daß Sie die Besorgnis hegten, die allzugroße Offenheit Ihrer Rede möchte
Ihnen zu pekuniärem Nachteile gereichen. Indessen, fürchten Sie nichts! Sie
sollen auch fernerhin für die Künstlerin Fröhlich arbeiten dürfen.«
Und er zog sich zurück.
An einem Sonntagmorgen endlich, während Unrat die Rückseite eines
Blattes aus seinen »Partikeln bei Homer« mit dem Konzept eines Briefes an die
Künstlerin Fröhlich bedeckte, ward geklopft, und in schwarzem, faltigem Rock
und hohem Hut trat Schuhmachermeister Rindfleisch ein. Er machte einen
Kratzfuß und sagte befangen, über seinen Spitzbauch weg:
»Herr Professer, Morgen, Herr Professer, ich möcht' man bloß gebeten
haben, daß ich an Herrn Professer darf 'ne Frage richten.«
»Nur zu, Meister,« sagte Unrat.
»Ich hab' es mir all lange überlegt, und leicht wird es mir ja auch nich. Bloß
daß Gott es nu mal will.«
»Vorwärts denn also, Mann!«
»Besonders, weil ich so was von Herrn Professer doch überhaupt nich
glauben kann. Die Leute reden viel über Herrn Professer, das wird Herr
Professer woll selbst am besten wissen. Aber glauben soll der Christenmensch es
nich. Nöh. Wahrlich nich.«
»Wenn dem so ist,« bemerkte Unrat und winkte Schluß, »so mag's denn gut
sein.«
Rindfleisch drehte seinen Zylinder, sah zur Erde.
»Ja. Aber Gott will man, daß ich Herrn Professer da an erinner', daß er es
nich will.«
»Was will er nicht?« fragte Unrat und lächelte von unten. »Die Künstlerin
Fröhlich etwa?«
Der Schuhmacher atmete schwer unter dem Druck seiner Sendung. Seine
langen, hängenden Wangen schwankten in seinem Keilbart.
»Ich hab' Sie all mal darin eingeweiht, Herr Professer,« und seine Stimme
verdunkelte sich vor Geheimnis – »daß Gott es nuhr darum erlaubt, auf daß er –«
»Mehr Engel kriegt. Recht so, Meister. Drum will ich denn sehn, was sich
tun läßt.«
Und ohne sein hinterhältiges Lächeln abzulegen, drängte Unrat den
Herrnhuter aus der Tür.
So unbefangen und ganz auf der Höhe lebte Unrat dahin – da platzten
schreckliche Ereignisse.
Ein Flurhüter hatte die Anzeige erstattet, daß das Hünengrab im Walde
mutwillig beschädigt worden sei. An dem Sonntag, der seiner Schätzung nach
der Zeitpunkt des Frevels gewesen war, hatte er eine Gesellschaft von jungen
Leuten auf der Landstraße getroffen. Nachdem die Staatsanwaltschaft längere
Zeit hindurch vergebliche Erhebungen angestellt hatte, erschien eines Montag
morgens der Flurhüter zur Seite des Direktors in der Aula des Gymnasiums.
Solange die Andacht währte – mochte nun der Direktor das Kapitel aus der Bibel
verlesen oder die Schule einen Choral singen – musterte der Mann aus dem Volk
von der Höhe des direktorialen Podiums die Versammlung. Er wischte sich dabei
oft mit dem Handrücken die Stirn, und ihm schien nicht wohl zu sein.
Schließlich mußte er noch hinabsteigen und, geführt vom Direktor, durch die
Reihen der Schüler gehn. Er benahm sich dabei als Mensch, der in zu hohe
Gesellschaft geraten ist, sah niemand und verbeugte sich vor Ertzum, der ihn auf
den Fuß getreten hatte.
Als jede Hoffnung, die Verbrecher im Bereich des Gymnasiums zu
entdecken, vorbei schien, machte der Direktor einen äußersten Versuch. Er las
erst noch ein Extrakapitel aus der Bibel; dann sprach er die Zuversicht aus, dies
werde wenigstens einen der Schuldigen gerührt und zur Reue erweicht haben,
und er werde sich in seinem Gewissen gedrängt fühlen, in das Sprechzimmer des
Direktors zu kommen und seine Mitübeltäter anzuzeigen und der Gerechtigkeit
zu überliefern. Zum Lohn für sein aufrichtiges Geständnis solle ihm selbst dann
nicht nur die Strafe erlassen, sondern auch ein Geldgeschenk zugeteilt werden ...
Hiermit war die Andacht zu Ende.
Schon drei Tage später geschah es, daß Unrat in einer Titus Livius-Stunde,
die die verwahrloste Klasse mit Lärm und Nebendingen ausfüllte, jäh vom
Katheder emporschnellte und zu schreien anfing.
»Lohmann, Ihre Privatlektüre werden Sie demnächst an einem andern Ort
fortsetzen dürfen. Kieselack, Sie haben hier die längste Zeit auf dem Schlüssel
gepfiffen. Sie können nun bald daheim – immer mal wieder – Ihren Mist fahren,
von Ertzum. Weit entfernt, diese drei Verruchten in das Kabuff zu verbannen,
das für ihre Verworfenheit einen zu edlen Aufenthalt darstellen würde, will ich
vielmehr alles daransetzen, damit ihre Laufbahn den wohlverdienten Abschluß in Gesellschaft gemeiner Diebe und Einbrecher finde. Der Gemeinschaft der
Anständigen werden sie nicht mehr lange teilhaftig bleiben, ihre Atemzüge unter
uns sind gezählt!«
Zwar erhob sich Lohmann und bat, die Stirne gerunzelt, um eine Erklärung;
aber Unrats begrabene Stimme war so voll gewesen von sich sättigendem Haß,
seine Miene triumphierte so schaurig, daß alle sich geschlagen fühlten. Lohmann
setzte sich wieder, mit bedauerndem Achselzucken.
In der nächsten Pause ward er, zusammen mit Kieselack und von Ertzum,
zum Direktor beschieden. Bei ihrer Rückkehr erklärten sie mit scheinbarer
Geringschätzung, es sei wegen des albernen Hünengrabs. Aber sofort bildete
sich ein freier Kreis um sie. Kieselack raunte:
»O Mensch, wer mag uns woll bloß angesagt haben?«
Die beiden andern sahen sich angewidert in die Augen und drehten
Kieselack den Rücken zu.
An einem Vormittag fuhren die drei, vom Unterricht befreit, im Gefolge
einer Gerichtskommission in den Wald und wurden vor das Hünengrab, den
Gegenstand ihrer Gewaltakte, gestellt. Hier erkannte sie der Flurhüter. Die
Untersuchung der Angelegenheit trug ihnen noch mehrere schulfreie Tage ein.
Endlich betraten sie als Angeklagte das Sitzungszimmer des Landgerichts. Von
der Zeugenbank empfing sie Unrats giftiges Lächeln.
Im Saal befanden sich auch Konsul Breetpoot und Konsul Lohmann, und der
Staatsanwaltssubstitut konnte nicht umhin, den beiden einflußreichen Herren
eine Verbeugung zu widmen. Er rang innerlich die Hände über die Torheit des
jungen Lohmann und seines Freundes, daß sie sich nicht längst gemeldet hatten.
Die Anklagebehörde würde es vermieden haben, an die große Glocke zu rühren.
Natürlich hatte man geglaubt, es handele sich um lauter Burschen vom Schlage
des Kieselack.
Nachdem in die Verhandlung eingetreten war, fragte der Vorsitzende die drei
Angeklagten, ob sie sich schuldig bekennten. Kieselack fing sofort an, zu
leugnen. Aber er habe es ja selbst seinem Direktor gestanden und auch im Lauf
der Voruntersuchung alles zugegeben. Der Direktor trat vor und bestätigte dies
ausführlich. Er ward vereidigt.
»Der Herr Direktor hat gelogen,« behauptete darauf Kieselack.
»Der Herr Direktor hat es aber beschworen.«
»O wei,« machte Kieselack, »denn hat er erst recht gelogen.«
Er hatte die Zügel abgestreift. Davongejagt ward er doch. Und überdies war
er erbittert und in seinem Glauben an die Menschen erschüttert, weil er, anstatt
die versprochene Belohnung zu erhalten, vor Gericht gestellt worden war.
Lohmann und Graf Ertzum gaben die Tat zu.
»Ich bin es nich gewesen,« quäkte Kieselack dazwischen.
»Aber wir!« entschied Lohmann, peinlich berührt durch diese
Kameradschaft.
»Pardon,« bemerkte Ertzum. »Ich hab' es alleine getan.«
»Bitte sehr,« und Lohmann machte ein Gesicht von müder Strenge. »Meinen
Anteil an dieser Beschädigung eines öffentlichen Besitztums oder wie man das
nennt, muß ich mit aller Entschiedenheit in Anspruch nehmen.«
Von Ertzum wiederholte:
»Ich hab' es ganz alleine kaputt gemacht. Das ist wahr.«
»Mein Lieber, rede keinen Kohl,« bat Lohmann. Und der andere:
»Zum – nochmal. Du warst ja ein ganzes Stück davon weg. Du saßest ja
mit –«
»Mit wem?« fragte der Vorsitzende.
»Mit niemand – glaube ich;« und von Ertzum war sehr rot.
»Mit Kieselack, wahrscheinlich,« meinte Lohmann.
Der Staatsanwaltssubstitut fand es angezeigt, die Schuld auf möglichst viele
Köpfe zu verteilen, damit für den Sohn des Konsuls Lohmann und das Mündel
des Konsuls Breetpoot wenig davon übrig bleibe. Er machte von Ertzum auf die
Schwierigkeit seiner vorgeblichen Tat aufmerksam.
»So viel Unfug, wie Sie alleine verübt haben wollen, bringt ja der stärkste
Mann nicht fertig.«
»Doch,« entgegnete Ertzum, stolz und bescheiden.
Der Vorsitzende forderte ihn und Lohmann zur Nennung der übrigen auf.
»Sie müssen wohl eine größere vergnügte Gesellschaft gewesen sein,«
vermutete er wohlwollend. »Sagen Sie uns nur die Teilnehmer, Sie tun sich und
uns einen Gefallen damit.«
Die Angeklagten schwiegen. Die Verteidigung gab zu bedenken, welche
vornehme Gesinnung hieraus spreche. Schon während der ganzen
Voruntersuchung seien die zwei jungen Leute standhaft geblieben in ihrem
Vorhaben, niemand weiter zu kompromittieren.
Auch Kieselack war standhaft geblieben; aber ihm ward es nicht
angerechnet. Übrigens hatte er sich seinen Streich nur aufgespart.
»Es war also sonst keiner dabei?« wiederholte der Vorsitzende.
»Nein,« sagte Ertzum.
»Nein,« sagte Lohmann.
»Doch!« rief Kieselack im Quetschdiskant des beflissenen Schülers, der
»seins« weiß. »Die Künstlerin Fröhlich war auch noch mit!«
Und da alles lauschte:
»Die hat es ja überhaupt bloß haben wollen, daß wir das Hünengrab
ruinieren sollten.«
»Er lügt,« sagte Ertzum und knirschte.
»Er lügt bei jedem Wort,« ergänzte Lohmann.
»Es is so gewiß wahr!« beteuerte Kieselack. »Fragen Sie man Herrn
Professor! Der kennt sie am besten.«
Er grinste nach der Zeugenbank.
»Is es vielleicht nich wahr, daß Ihnen die Künstlerin Fröhlich an dem Sonntag durchgegangen is, Herr Professor? Da hat sie mit uns beim Hünengrab
Frühstück gegessen.«
Alles blickte auf Unrat, der zerstört aussah, und dessen Kiefer klappten.
»War die Dame dabei?« fragte einer der Richter überrascht und im Tone rein
menschlicher Neugier die beiden andern Angeklagten. Sie hoben die Schultern.
Aber Unrat brachte hervor, fast erstickt:
»Das ist Ihr Ende, Sie Elender! Rechnen Sie sich – immer mal wieder – zu
den Toten!«
»Wer ist denn die Dame?« fragte der Staatsanwaltssubstitut, der Form
wegen. Denn jeder Anwesende wußte von ihr und Unrat.
»Herr Professor Raat wird uns Auskunft erteilen können,« vermutete der
Vorsitzende. Unrat gab nur an, sie sei eine Künstlerin. Darauf beantragte der
Substitut die sofortige Vorladung der betreffenden Frauensperson, da ein
Interesse bestehe, zu ermitteln, inwiefern sie als intellektuelle Urheberin des
fraglichen Delikts, für dasselbe mitverantwortlich zu machen sei. Der
Gerichtshof beschloß demgemäß, und der Gerichtsdiener ward auf den Weg
geschickt.
Inzwischen begutachtete der junge Rechtsanwalt, der Lohmann und von
Ertzum zu verteidigen hatte, schweigend Unrats Gemütszustand. Er kam zu dem
Ergebnis, daß dies der Zeitpunkt sei, ihn sich aussprechen zu lassen; und er
beantragte die Vernehmung des Professors Raat über den allgemeinen, geistigen
und sittlichen Zustand der drei Angeklagten, seiner Schüler. Das Gericht gab
dem Antrag Folge. Der Staatsanwaltssubstitut, der eine für Konsul Breetpoots
Schützling und den Sohn des Konsuls Lohmann unangenehme Aussage
befürchtete, hatte vergebens versucht, es zu verhindern.
Wie Unrat vor die Schranken trat, ward gelacht. Er war in beängstigender
Aufregung, leidende Wut verzerrte ihn, und er sah feucht aus.
»Es ist kein Zweifel erlaubt,« so begann er sofort, »daran, daß die Künstlerin
Fröhlich weder bei jener verworfenen Freveltat noch auch überhaupt bei der
ganzen verruchten Landpartie beteiligt gewesen sei.«
Er mußte sich erst vereidigen lassen. Dann wollte er gleich dasselbe noch
einmal beteuern. Der Vorsitzende unterbrach ihn wieder; man verlange sein
Zeugnis über seine drei Schüler. Da fing Unrat unvermittelt zu schreien an, die
Arme aufhebend, und die tiefste Not in seiner begrabenen Stimme, als sei er
gegen eine Wand getrieben, finde keinen Ausweg mehr.
»Diese Burschen sind die Letzten des Menschengeschlechtes! Seht sie euch
an; so sieht der Nachwuchs des Zuchthauses aus! Von jeher waren es
Sobeschaffene, daß sie die Herrschaft des Lehrers nur widerwillig ertragend,
Auflehnung gegen dieselbe nicht allein übten, sondern sogar predigten. Dank ihrer Agitation besteht die Klasse zu einem erheblichen Teile aus Elenden. Sie
haben alles darangesetzt, um, sei es durch revolutionäre Machenschaften, sei es
durch versuchten Betrug und jede andere Betätigung gemeinster Gesinnung, sich
der Zukunft würdig zu erweisen, die sich ihnen hier – traun fürwahr – erschließt.
Dies ist der Ort, wo ich Sie im voraus erwartet habe!...«
Und er wandte sich mit dem Racheschrei eines furchtbar Getroffenen den
drei Verführern der Künstlerin Fröhlich zu.
»Von Angesicht zu Angesicht, Lohmann –«
Er begann jeden der drei vor versammeltem Gericht und Publikum zu
entblößen. Lohmanns Liebesgedichte, von Ertzums nächtliche Ausflüge über die
Balkonpfeiler des Pastors Thelander, Kieselacks freches Auftreten in einem den
Schülern untersagten Lokal; alles brach hervor, zitternd vor Gewaltsamkeit. Der
Ertzumsche mißratene Onkel ward ausgespien, nebst dem ideallosen Gelddünkel
der städtischen Patrizier und dem der Trunksucht verfallenen Hafenbeamten, der
Kieselacks Vater war.
Das Gericht war peinlich berührt durch all dies fanatisch Überkochende. Der
Staatsanwaltsubstitut richtete höflich entschuldigende Blicke an Konsul
Lohmann und Konsul Breetpoot. Der junge Verteidiger beobachtete spöttisch
und befriedigt die Stimmung im Saal. Unrat belustigte und empörte.
Endlich bedeutete ihm der Vorsitzende, der Gerichtshof sei zur Genüge
aufgeklärt über des Professors Verhältnis zu seinen Schülern. Unrat pfauchte
ohne zu hören.
»Wie lange noch werden diese katilinarischen Existenzen durch die Last
ihrer Schändlichkeit den Erdboden, den sie drücken, beleidigen! Diese nun
behaupten, die Künstlerin Fröhlich habe an ihren verbrecherischen Orgien Teil
gehabt. Wahrhaftig: es hat diesen nichts weiter gefehlt, als daß sie die Künstlerin
Fröhlich antasteten in ihrer Ehre!«
Inmitten der Heiterkeit, die seine Worte bewirkten, brach Unrat fast
zusammen. Denn was er sagte, entsprach nicht seinem Innersten. Dort war er
versichert, die Künstlerin Fröhlich, die er an jenem Wahlsonntag aus den Augen
verloren hatte, sei beim Hünengrab gewesen. Noch mehr. Ein fliegender
Überblick über bisher nicht gewürdigte Umstände machte ihn atemlos. Die
Künstlerin Fröhlich hatte sich immer geweigert, mit ihm auszugehen. All ihre
Vorwände, um allein zu Hause zu bleiben, was verbargen sie?... Lohmann ...?
Er stürzte sich von neuem auf Lohmann und rief ihm zu, daß die Macht
seiner Kaste eine zu brechende sei! Aber der Vorsitzende forderte ihn auf, an
seinen Platz zurückzukehren, und befahl, die Zeugin Fröhlich hereinzurufen.
Ihr Erscheinen erregte Gemurmel; der Vorsitzende drohte, den Saal räumen
zu lassen. Man beruhigte sich; denn sie gefiel. Sie war in ihrem grauen Tuchkostüm von sympathisch ruhiger Eleganz, hatte sich schlicht frisiert, einen
Hut von mäßigem Umfang und mit einer einzigen Straußenfeder aufgesetzt und
nur ganz wenig Rot im Gesicht. Ein junges Mädchen äußerte sich zu ihrer
Mutter laut darüber, wie das Fräulein schön sei.
Sie trat unbefangen vor die Richter hin; der Vorsitzende empfing sie mit
einer leichten Verbeugung. Auf Antrag des Staatsanwaltsubstituts ward sie
unbeeidigt vernommen und erklärte freimütig, mit einnehmendem Lächeln, daß
sie allerdings an jener Landpartie teil genommen habe. Kieselacks Verteidiger
glaubte endlich auftrumpfen zu können.
»Ich mache darauf aufmerksam, daß unter den drei Angeklagten nur mein
Klient es war, der der Wahrheit die Ehre gegeben hat.«
Aber niemand interessierte sich für Kieselack.
Der Substitut meinte, nun sei die Beeinflussung erwiesen, und für das Delikt,
das die beiden jungen Leute aus bloßer, begreiflicher Galanterie auf sich zu
nehmen versucht hätten, entfalle die intellektuelle Urheberschaft voll und ganz
auf die Zeugin Fröhlich. Kieselacks Verteidiger benutzte die Gelegenheit, um zu
bedenken zu geben, wie sehr auch das, er müsse es gestehen, unsympathische
Auftreten seines Klienten begründet sei in der Korruption, die der Verkehr mit
einer der Klasse der Zeugin angehörigen Frauensperson bei jungen Leuten
hervorzubringen wohl geeignet sei.
»Was sie mit den ollen Hünengrab gemacht haben,« sagte darauf leichthin
die Zeugin Fröhlich, »das is mir dunkel und kann es auch bleiben. Ich weiß nur –
was nämlich die Korruption betrifft, wovon der Herr geredt hat – daß an dem
bewußten Sonntagnachmittag einer von den jungen Herrn mir 'n regelrechten
Heiratsantrag gemacht hat, und daß ich bedauert hab', nich Folge geben zu
können.«
Man lachte und schüttelte die Köpfe. Die Zeugin Fröhlich hob die Schultern,
sah aber keinen der drei Angeklagten an. Auf einmal sagte Ertzum, rot
übergossen:
»Die Dame hat wahr gesprochen.«
»Natürlich,« setzte sie hinzu, »war es zwischen mir und den drei Schülern
immer streng anständig und beschränkte sich das Ganze, wenn ich so sagen darf,
auf Dalberei.«
Diese Erklärung hatte sie für Unrat bestimmt und suchte ihn, mit einem
raschen Seitenblick. Aber er hielt den Kopf gesenkt.
»Will die Zeugin,« fragte der Substitut, »damit behaupten, daß ihr Verkehr
mit den Angeklagten die Grenzen des moralisch Zulässigen in keiner Weise
überschritten hat?«
»In keiner is zu viel gesagt,« – und sie faßte den Entschluß, ihrem alten Unrat auf dem Umwege über den Gerichtshof hinweg, die Wahrheit zu gestehen.
Das viele Schwindeln führte zu immer mehr Weitläufigkeiten. »In keiner Weise
nich grade. Aber doch man in sehr nebensächlicher.«
»Was nennt die Zeugin nebensächlich?« fragte der Vorsitzende.
»Den da,« versetzte sie und zeigte auf Kieselack, der unter der
Aufmerksamkeit des ganzen Saales auf seine Nase zu schielen begann. Er
erregte immer mehr Übelwollen: jetzt auch noch durch das Glück, das er gehabt
hatte. Nachträglich versuchte er zwar zu behaupten:
»Sie lügt ja.«
Aber der Vorsitzende wendete sich ab von ihm. Er war, wie alle
Anwesenden, in angeregter und frei menschlicher Stimmung. Lohmann, den
Rosas Enthüllung über den unglücklichen Antrag seines Freundes von Ertzum
bitter kränkte, benutzte den Moment, um im Ton einer weltmännischen
Anekdote hinzuwerfen:
»Was will man, die Dame hat ihre Geschmacksrichtung. Den Kieselack
erhört sie – ich erfahre das übrigens erst jetzt. Über einen andern Gegenstand
ihrer Gunst sind wir besser unterrichtet ... Dagegen, Gräfin zu werden, weigert
sie sich standhaft. Und mir, der ich niemals irgendwelche Ansprüche erhoben
habe, erklärt sie unablässig, ich werde ihr immer der letzte sein.«
»Stimmt,« sagte die Zeugin Fröhlich, und hoffte, Unrat werde es hören und
beherzigen. Es ward gelacht. Der Vorsitzende schüttelte sich diesmal heftiger,
einer der Richter trompetete durch die Nase und hielt sich den Bauch. Der
Vertreter der Staatsanwaltschaft krümmte böse die Lippen, der Verteidiger
schlängelte sie skeptisch. Ertzum flüsterte Lohmann zu:
»Auch noch mit Kieselack – das war der Schluß. Für mich ist sie nun
erledigt.«
»Na endlich ... Übrigens sind wir fein raus. Wer reinfällt, ist Unrat.«
»Red' mir doch bloß nicht dazwischen,« raunte Ertzum noch rasch, »wenn
ich das Hünengrab auf mich allein nehme. Ich muß ja ohnehin weg und auf die
Presse.«
Da stellte der Vorsitzende, ziemlich erholt, mit väterlicher Stimme nochmals
die Räumung in Aussicht. Dann erklärte er die Vernehmung der Zeugin Fröhlich
für beendet, sie könne gehen. Statt dessen begab sie sich in den Zuschauerraum.
Sie begriff nicht, wo Unrat hingekommen sei.
Unrat hatte sich während der allgemeinen Heiterkeit mit langen Schritten
davongeschlichen. Er floh wie über einsinkende Dämme, unter Wolkenbrüchen, an speienden Vulkanen hin. Alles um ihn her fiel auseinander und riß ihn in
Abgründe; – denn die Künstlerin Fröhlich trieb Nebendinge! Lohmann und die
andern, die Unrat für immer besiegt und darniedergeworfen glaubte, sie tauchten
auf aus ihrem Nichts, sobald er nicht hinsah. Die Künstlerin Fröhlich nahm
keinen Anstand, jene ihrer teilhaftig werden zu lassen. Von Kieselack gestand sie
es ein, von Lohmann leugnete sie es noch. Aber Unrat glaubte ihr nicht mehr!
Und er war hilflos erstaunt hierüber: daß die Künstlerin Fröhlich sich als
unglaubwürdig herausstellte. Bis heute, bis zu diesem schrecklichen Augenblick
war sie ein Stück von ihm gewesen; und unversehens riß sie sich los: Unrat sah
zu, wie das blutete, und begriff es nicht. Da er nie mit Menschen Gemeinschaft
gehabt hatte, war er nie verraten worden. Nun litt er wie ein Knabe – wie sein
Schüler Ertzum gelitten hatte an ganz derselben Frau. Er litt ungeschickt,
ungebärdig und mit Staunen.
Er ging nach Haus. Beim ersten Wort, das seine Dienerin an ihn richtete, fuhr
er auf und jagte sie auf die Straße. Dann floh er in sein Zimmer, schloß ab,
drückte sich ins Sofa und wimmerte. Von Scham ergriffen, raffte er sich auf und
nahm das Manuskript der Partikel bei Homer vor. Er lehnte wieder an dem
Schreibpult, das seit dreißig Jahren seine rechte Schulter in die Höhe gedrängt
hatte. Aber diese und jene Rückseite war mit Zeilen an die Künstlerin Fröhlich
beschrieben, manchmal nur mit einer Notiz, die sie anging. Es fehlten sogar
Blätter: die hatte er achtlos an sie abgeschickt. Er sah auf einmal seine
Arbeitskraft ganz ihr untergeordnet, seinen Willen schon längst nur noch auf sie
gerichtet, und alle Lebensziele zusammenfallen in ihr. Nach dieser Entdeckung
kehrte er zurück in seine Sofaecke.
Es ward Nacht, und auf der Dunkelheit erschien ihm ihr leichtes, launisches,
buntes Gesicht; und er blickte mit Angst hinein. Denn er erkannte, daß darin für
jeden Verdacht, für jeden, ein Anhalt sei. Die Künstlerin Fröhlich gehörte jedem.
Unrat klammerte die Hände vor sein von Blut gepeitschtes Gesicht. Seine späte
Sinnlichkeit – diese einem vertrockneten Körper kraft langsamer unterirdischer
Verführung entrungene Sinnlichkeit, die gewaltsam und unnatürlich flackernd,
sein Leben verändert, seinen Geist zu Extremen getrieben hatte, sie quälte ihn
jetzt mit Bildern. Er sah die Künstlerin Fröhlich in ihrem kleinen Zimmer im
Blauen Engel und ihre enthüllenden Gesten, die Erstlingsgesten von damals, und
ihren kitzelnden Blick. Jetzt richtete sie Blick und Gesten an Unrat vorbei, auf
einen andern – auf Lohmann ... Unrat sah die Szene zu Ende, ganz zu Ende, und
sie tanzte auf und nieder, weil er schluchzte.