Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Heinrich Mann · Kapitel 11 von 18

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Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Kapitel X

 

Kieselack öffnete von außen die Saaltür, führte seine blaue Pfote an den

Mund und stieß einen gedämpften Pfiff aus. Sofort kamen Ertzum und Lohmann

heraus.

»O Mensch, lauf!« rief Kieselack jedem zu und tanzte rückwärts, mit

anfeuernden Gesten, vor ihnen her, bis ans Ende des Hausflurs und der Treppe

zu.

»Nu is es so weit!«

»Was ist so weit?« fragte Lohmann gleichgültig – obwohl er es genau wußte

und darauf gespannt war.

»Sie sind schon oben,« raunte Kieselack, mit ganz verrenktem Mund. Er zog

sich die Schuhe aus und schlich die flache gelbgeländerte Holztreppe hinan, die

knarrte. Gleich auf dem ersten, niederen Absatz war die Tür: Kieselack kannte

sie. Er duckte sich vors Schlüsselloch. Nach einer Weile winkte er, stumm und

leidenschaftlich, ohne sich vom Schlüsselloch zu trennen.

Lohmann zuckte die Achseln und blieb am Fuß der Treppe stehn neben

Ertzum, der mit offenem Mund hinaufstarrte.

»Nun, wie ist dir?« fragte Lohmann verständnisvoll.

»Ich weiß bei Gott nicht mehr, was los ist,« sagte von Ertzum. »Du glaubst

doch nicht, daß da was passiert? Dieser Kieselack ulkt natürlich.«

»Natürlich,« bestätigte Lohmann mitleidig.

Kieselack winkte immer wilder. Er kicherte lautlos in das Schlüsselloch

hinein.

»Sie muß sich doch sagen,« bemerkte Ertzum, »daß ich diesen Menschen

niederschlagen kann.«

»Schon wieder?.. Übrigens, das macht ihr die Sache vielleicht reizvoller.«

Von Ertzum kam nicht mehr mit. Sein Begriff von Liebe war ein für allemal

geprägt durch die Kuhmagd, die ihn vor drei Jahren daheim ins Gras geworfen

hatte, nachdem er über einen starken Viehjungen Sieger geblieben war ... Hier

war nun ein hochschulteriger Schwächling; und Rosa Fröhlich glaubte doch wohl nicht, daß Ertzum ihn fürchtete?

»Sie glaubt doch wohl nicht, daß ich ihn fürchte?« fragte er Lohmann.

»Fürchtest du ihn etwa nicht?« fragte Lohmann.

»Das sollst du sehn!«

Und Ertzum, aufgereckt, tat zwei Sätze, über sechs Stufen.

Aber Kieselack, der das Schlüsselloch losgelassen hatte, vollführte auf

Socken einen Triumphtanz. Plötzlich anhaltend:

»O Mensch!« wisperte er, und seine Augen funkelten in seinem käseblassen

Gesicht. Ertzum war feuerrot und keuchte. Ihre Blicke maßen sich, kämpften.

Ertzum verlangte mit seinem: dies sollte nicht wahr sein. Kieselack antwortete

mit dem dünnen Hohn eines Lidwinkels, der ein bißchen zuckte ... Und auf

einmal sank Ertzum in ebensolche Blässe wie der andere, beugte sich über sich

selbst, als habe er einen Stoß vor den Magen bekommen, und stöhnte auf vor

Schmerz. Er tastete sich wankend die sechs Stufen wieder hinunter. Lohmann

empfing ihn mit verschränkten Armen, den Mund in lebensfeindlichen Falten.

Ertzum ließ sich wie einen Sack auf die unterste Stufe fallen und nahm den Kopf

in die Hände. Nach einem Schweigen, dumpf, von unten:

»Lohmann, faßt du das? Ein Weib, das ich so hochgestellt habe! Ich glaub'

noch immer, der Ekel, der Kieselack macht faule Witze. Dann gnad' ihm Gott!...

Ein Weib, das so, so viel Seele hat!«

»Auf Seele kommt es bei dem, was sie momentan betreibt, nicht eben an. Sie

handelt schlicht weiblich.«

Lohmann lächelte grausam. Er zog durch dieses Wort Dora Breetpoot in den

Schmutz neben die andere – Dora Breetpoot, die erste der Frauen. Wie er das

genoß!

»Aber Kieselack ist wieder am Schlüsselloch ...«

Lohmann erhielt Ertzum, der den Kopf wegdrückte, auf dem Laufenden.

»Kieselack winkt schon ziemlich heftig ... Dieser Unrat ist – Ertzum, wir

gehen vielleicht weiter?«

Er raffte seinen Freund vom Boden und zog ihn nach dem Haustor. Draußen

wollte Ertzum nicht mehr vom Fleck; er lehnte sich, schwer und stumpf, an das

Haus seiner Enttäuschungen. Lohmann redete eine Zeitlang vergeblich. Er

drohte mit Weggehn; da erschien Kieselack.

»Ihr seid auch öde Kerls. Was kommt ihr denn nich rein. Unrat is schon drin

mit seiner Braut. Ich hab' im Saal Bescheid gesagt, wo sie herkommen, da sind

sie mit 'n großen Juchhe empfangen. Du, so was lebt nicht mehr: sie sitzen im

Kabuff und sind zärtlich. Ich lach' mich tot! Komm, nu ziehn wir drei Mann

hoch ins Kabuff.«

»Du bist wohl –« machte Lohmann.

Aber Kieselack meinte seinen Vorschlag ernst.

»Ihr habt doch hoffentlich keine Angst vor Unrat!« verlangte er empört.

»Unrat liegt ja viel zu sehr drin, was will er denn gegen uns noch machen. Wir

können jetzt Schindluder mit ihm treiben.«

»Es reizt mich nicht. Unrat ist unter allem Schindluder,« erklärte Lohmann.

Kieselack flehte stürmisch.

»Sei doch kein Frosch. Du hast bloß Angst.«

Ertzum entschied plötzlich:

»Also los! Ins Kabuff!«

Eine wilde Neugier hatte ihn gepackt. Er wollte diesem Weib

gegenübertreten, das aus solcher Höhe gestürzt war! Er wollte von ganz oben

einen Blick über sie und ihren elenden Verführer hinwerfen und sehen, ob sie

den Blick aushielt.

Lohmann erklärte:

»Ihr seid geschmacklos.«

Aber er ging mit.

 

In der Garderobe empfing sie Gläserklirren. Der Wirt entkorkte gleich die

zweite Flasche Sekt. Das Ehepaar Kiepert neigte sich mit strahlenden Gesichtern

über Unrat und die Künstlerin Fröhlich, die in eins verschmolzen hinter dem

Tisch thronten.

Die drei Schüler gingen zuerst einmal um den Tisch herum. Dann pflanzten

sie sich vor Unrat und seine Dame hin und wünschten einen guten Abend. Nur

die beiden Kiepert antworteten und schüttelten ihnen die Hände. Darauf

wiederholte Ertzum allein und mit rauher Stimme seinen Gruß. Rosa Fröhlich

blickte verwundert auf und sagte unbefangen, mit einem zwitschernden,

girrenden Stimmchen, das er noch gar nicht kannte:

»Na, da seid ihr ja. Sieh mal, Schatz, da sind sie. Setzt euch man hin un

prost.«

Damit war sie fertig, und ihr Blick ließ Ertzum fahren, so teilnahmslos, daß

er ins Zittern geriet.

Unrat hob gnädig die Hand auf.

»Freilich nun wohl – setzen Sie sich und trinken Sie eins. Heute sind Sie

meine Gäste.«

Er schielte nach Lohmann, der schon Platz genommen hatte und sich eine

Zigarette drehte ... Lohmann, der schlimmste, dessen Eleganz eine Demütigung

war für die schlecht bezahlte Autorität; Lohmann, der die Unverschämtheit hatte, Unrat nicht bei seinem Namen zu nennen; Lohmann, der kein mausgrauer,

unterworfener Schüler und kein dummer Kerl war, sondern mit seinen

unbeteiligten Manieren, seinem neugierigen Bedauern beim Zorn des Lehrers,

den Tyrannen anzweifelte: – zu allen den Nebendingen, mit denen dieser

Lohmann sich abgab, hatte er auch die Künstlerin Fröhlich hinzuzufügen

versucht. Hierbei aber war er gescheitert an Unrats ehernem Willen. Er sollte

nicht im Kabuff bei der Künstlerin Fröhlich sitzen: Unrat hatte es geschworen.

Er sollte der Künstlerin Fröhlich nicht teilhaftig werden: er war es nicht

geworden. Und nicht nur, daß nicht Lohmann im Kabuff bei der Künstlerin

Fröhlich saß, saß vielmehr Unrat darin ... Dies Ergebnis ging hinaus über Unrats

erstes Ziel. Er stutzte; und fühlte auf einmal eine heißere Genugtuung. Er hatte

Lohmann samt seinen zwei Genossen, er hatte den entlaufenen Schülern draußen

im Saal, er hatte der Stadt von fünfzigtausend widerspenstigen Schülern die

Künstlerin Fröhlich entzogen, und er war Alleinherrscher im Kabuff!

Sie fanden ihn förmlich verjüngt. Mit der Krawatte hinterm Ohr, einigen

offenen Knöpfen und den verwirrten Resten seiner Frisur, hatte er etwas aus dem

Geleise Geratenes, verkommen Sieghaftes, ungeschickt Trunkenes.

Rosa Fröhlich hatte etwas Aufgeweichtes, Müdwarmes, Verkindlichtes, wie

sie an ihn geschmiegt, über den Tisch hing. Ihr Aussehen war eine Kränkung für

jeden unbeteiligten Mann, weil es ein allzu entschiedener Triumph Unrats war.

Die drei merkten dies ganz gut; Kieselack begann sogar an den Nägeln zu

kauen. Kiepert, der sich weniger klar darüber war, ward mit seinem Unbehagen

fertig dadurch, daß er allen geräuschvoll zutrank. Die dicke Frau entzückte sich

fortwährend über Rosas glückliche Veränderung und über das allgemeine

Versöhnungsfest.

»Und Ihre Schüler, Herr Professor, die freuen sich auch mit. Was die jungen

Herren anhänglich sind an Sie, da is das Ende von weg.«

»Immerhin denn wohl,« sagte Unrat. »Sie scheinen ja wirklich des Sinnes für

das Schöne und Gute nicht völlig zu ermangeln.«

Und er lächelte höhnisch.

»Nun, Kieselack, immer mal wieder auch da? Es wundert mich nur, das Sie

der Möglichkeit, das Haus zu verlassen, nicht durch die Wachsamkeit Ihrer

Großmutter verlustig gegangen sind ... Dieser Schüler besitzt nämlich eine

Großmutter, welche keinen Anstand nimmt, ihn mit Prügeln zu versehen,« sagte

er zu der Künstlerin Fröhlich, in der Absicht, Kieselack in seiner Manneswürde

zu beeinträchtigen.

Kieselack war sich aber bewußt, durch ganz andere Mittel als Manneswürde

seinerzeit bei der Künstlerin Fröhlich das Ziel der Klasse erreicht zu haben. Er

rieb sich das Gesäß und plärrte, während er heftig nach seiner Nasenspitze schielte:

»Großmutter haut mich, wenn ich mein Thèmeheft nicht wiederfind'. Es is

mir so gewiß hier in 'n Kabuff untern Tisch gefallen.«

Und er ließ sich ganz plötzlich daruntergleiten, griff der Künstlerin Fröhlich

an die Beine, raunte ihr in dem Geschrei, das die Kieperts unterhielten, aus der

Tiefe seine Forderungen zu. Widrigenfalls verrate er alles an Unrat.

»Kleine Rotztulpe,« sagte sie bloß hinab und stieß ihn mit dem Fuß beiseite.

Zugleich redete Unrat den zweiten Schüler an.

»Nun also, von Ertzum – immer mal wieder. Sie erwecken durch Ihren

Gesichtsausdruck den Anschein, als bewähre sich Ihre Fassungsgabe hier ebenso

mangelhaft wie in der Klasse. Sind nicht Sie es, der – aufgemerkt nun also! – der

Künstlerin Fröhlich einen Heiratsantrag zu machen sich unterfangen hat?...

Ihrem einfältigen Glotzen entnehme ich bereits die Antwort. Drum denn, von

Ertzum, die Künstlerin Fröhlich hat Sie über die einem Schüler gesetzten

Grenzen belehrt. Ich brauche dem nichts hinzuzufügen. Stehen Sie einmal auf –«

Ertzum stand gehorsam auf. Denn Rosa lachte; und ihr Lachen nahm ihm die

letzte Kraft sich zu empören und den Rest seines Selbstbewußtseins; es lähmte

ihn.

»– und lassen Sie einmal sehen, ob Ihr vertrauter Verkehr im Blauen Engel

Sie, der Sie bekanntlich zu den Schlechtesten gehören, etwa dahin bringt, daß

Sie die von der Schule an Sie gestellten Anforderungen nicht nur nicht

befriedigen, sondern dieselben leichten Herzens in den Wind schlagen. Sagen

Sie die für morgen aufgegebenen Gesangbuchverse her!«

Ertzums Augen irrten aufgerissen durchs Zimmer. Seine Stirn war naß. Er

fühlte sich im Joch, senkte den Kopf, zog an:

 

»Sollt' ich meinem Gott nicht singen?

Sollt' ich ihm nicht fröhlich sein?

Denn ich seh' in allen Dingen,

Wie so gut er's mit mir mein'.«

 

Hier begann Rosa zu kreischen. Auch Frau Kiepert gluckste, gutmütig. Rosa

aber kreischte, mit der Absicht, Ertzum zu beleidigen; und sie kreischte weich,

aus Zärtlichkeit für Unrat, dessen Arm sie drückte, und um ihm zu schmeicheln,

ihn zu belohnen für seine Herrschaft über den vierschrötigen, roten Menschen,

der in ungelenkem und untertänigem Ton seine frommen Reime hersagte.

Von Ertzum versetzte noch:

 

»Ist doch nichts als lauter Lieben,

Das sein treues Herze hegt ...«

 

Da ward ihm das Betragen des Artisten zu toll. Kiepert hatte die Situation

erst eben zu schmecken begonnen. Jetzt aber brüllte er Ertzum ins Gesicht und

schlug sich dabei aufs Knie.

»Nee Sie, aber Sie! Was reden Sie denn? Ihnen is woll schlecht geworden?«

Er zwinkerte Unrat zu, gab zu verstehen, daß er den Grafen Ertzum, der im

Hinterzimmer des Blauen Engels Gesangbuchverse hersagte, zu schätzen wisse,

und sich diesem Witz auf Adel und Religion mit Überzeugung anschließe. Er

öffnete die Tür und tat, als bestellte er bei dem Klavierspieler einen Choral.

Schließlich stimmte er selbst ihn an ... Doch Ertzum hörte auf.

Zwar hätte er gar nicht weiter gewußt. Davon aber abgesehen, würgte ihn

plötzlich eine maßlose Wut auf den dicken, lachenden, singenden Mann. Es

verschwamm ihm vor den Augen. Er meinte nicht mehr leben zu können, außer

mit seinen beiden Fäusten an diesem Menschen, mit seinen beiden Knien auf

Kieperts Brust. Er zuckte ein paarmal auf seinem Platze; er hob die geballten

Hände vor die Schultern ... er stürzte los.

Der Athlet war atemlos vom Lachen und auf nichts gefaßt: das setzte ihn in

Nachteil gegen den tiefernsten Ertzum, der aufblühte, während er seinen

Muskelhunger stillte. Sie rollten von einem Winkel in den andern. Ertzum

vernahm inmitten des Gepolters einen leisen Ausruf Rosas. Er wußte, sie sah auf

ihn; und darum atmete er mächtiger; preßte die Gliedmaßen seines Gegners

härter zwischen den seinigen; fühlte sich glücklich erlöst und an seinem

richtigen Platz, da er unter ihren Augen kämpfen konnte, wie damals mit dem

Viehjungen um die Kuhmagd.

Inzwischen hatte Unrat, ohne dem Ringkampf ein mehr als flüchtiges

Interesse zuzugestehen, sich an Lohmann gewandt.

»Was ist denn nun aber mit Ihnen, Lohmann? Da sitzen Sie und rauchen –

immer mal wieder – eine Zigarette; und heute morgen in der Klasse haben Sie

gefehlt.«

»Ich war nicht disponiert, Herr Professor.«

»Aber zum Besuch des Blauen Engels sind Sie – traun fürwahr – stets

disponiert.«

»Das ist etwas anderes, Herr Professor. Ich hatte heute morgen Migräne. Der

Arzt hat mir geistige Anstrengung verboten und mir Zerstreuung verordnet.«

»So. Sei dem wie ihm wolle ...«

Unrat schnappte erst ein paarmal. Dann hatte er's.

»Da sitzen Sie und rauchen,« wiederholte er. »Schickt sich das denn nun für

den Schüler in Gegenwart des Lehrers?«

Und da Lohmann nichts tat, als ihn hinter halb gesenkten Lidern hervor mit

müder Neugier ansehn, brauste Unrat auf:

»Werfen Sie die Zigarette weg!« schrie er dumpf.

Lohmann ließ eine Weile verstreichen. Unterdessen taumelten Kiepert und

Ertzum gegen den Tisch; Unrat mußte sich selbst, die Künstlerin Fröhlich und

mehrere Gläser und Flaschen in Sicherheit bringen. Als dies geschehen war:

»Wie denn! Vorwärts nun also!«

»Die Zigarette,« versetzte Lohmann, »gehört zur Situation. Die Situation ist

ungewöhnlich – für uns beide, Herr Professor.«

Unrat, erschrocken über den Widerstand, mit unterirdischem Beben:

»Die Zigarette wegwerfen, sage ich!«

»Bedaure,« sagte Lohmann.

»Sie sollten es wagen ...! Bursche!...«

Lohmann machte nur noch eine vornehm ablehnende Bewegung mit seiner

spitzen Hand.

Da fuhr Unrat, gepackt vom Schwindel des bedrohten Tyrannen, vom Stuhl

auf.

»Sie werfen sie weg, oder ich hemme Sie in Ihrer Laufbahn! Ich

zerschmettere Sie! Ich bin nicht gesonnen –!«

Lohmann hob die Schultern.

»Wie bedauerlich, Herr Professor. Das alles ist ja vorüber. Daß Sie die

Umstände so mißverstehen können.«

Unrat pfauchte. Er hatte die Augen einer wütenden Katze. Sein Hals war

vorgestreckt mit höckrigen Sehnen; vor seinen Zahnlücken erschien Geifer; sein

Zeigefinger drang, am Ende des im Winkel ausgelegten Armes, mit gelbem

Nagel auf den Feind ein.

Die Künstlerin Fröhlich klammerte sich an ihn, aus der Verdauung der

gehabten Genüsse jäh aufgeschreckt, noch etwas wirklichkeitsfremd, blind

loskeifend gegen Lohmann.

»Was wollen Sie denn? Beruhigen Sie ihn lieber,« meinte Lohmann.

Da fielen Ertzum und Kiepert über zwei krachende Stühle hinweg, dem

umschlungenen Paar in den Rücken und warfen es mit den Nasen auf den Tisch.

Aus dem ziemlich stillen Winkel hinter Rosa Fröhlichs Toilettentisch ertönte

Kieselacks heller Jubel. Er tröstete sich ungestört mit Frau Kiepert.

Als Unrat und seine Freundin sich wieder aufgerafft hatten, schalten sie

weiter.

»Sie kommen bei mir immer zuletzt,« schrie sie Lohmann zu.

»Ich erinnere mich, gnädiges Fräulein, daß Sie mir das bereits verheißen

haben, und ich sehe dem gern entgegen.«

Und er bekam, da sie verzottelt, halb aufgeknöpft, mit zerlaufener Schminke,

wüst und heiser sich vor ihm abarbeitete, plötzlich eine ungestüme Lust auf sie:

wieder diese Lust, seine grausame Liebe zu demütigen durch die düstern

Liebkosungen des Lasters!

Das ging aber gleich vorbei. Unrat, in seinem Angstkrampf, ließ es sich

nämlich einfallen zu drohen:

»Wenn Sie nicht augenblicklich die Zigarette fortwerfen, begleite ich Sie

stehenden Fußes zu Ihrem Vater!«

Nun enthielt das Lohmannsche Haus an diesem Abend einige Gäste, darunter

auch Konsul Breetpoot mit seiner Frau. Lohmann stellte sich vor, wie Unrat in

den Salon einbräche ... Er konnte Dora Breetpoot um so weniger diesen Auftritt

zumuten, als er seit gestern wußte, daß sie in andern Umständen sei. Seine

Mutter hatte es herausgebracht ... Und das war auch der Grund, weshalb

Lohmann heute in der Klasse gefehlt hatte. Den Kopf auf den Fäusten, in den

Versgestalt annehmenden Martern des Gedankens an dieses Kind, das sie von

Assessor Knust, vielleicht noch von Leutnant von Gierschke, möglichenfalls

aber auch von Konsul Breetpoot hatte, saß Lohmann nun tagelang in seinem

verschlossenen Zimmer ...

»Kommen Sie mit!« rief Unrat. »Ich befehle Ihnen, Sekundaner Lohmann,

mit mir zu kommen!«

Lohmann ließ ungeduldig die Zigarette fallen. Darauf sank Unrat befriedigt

auf seinen Sitz.

»Sehen Sie! Freilich nun wohl. So ziemt es sich für einen Schüler, der sich

um den Lehrer wohl verdient machen möchte ... Sie, Lohmann, entschuldigt der

Lehrer, denn Sie sind – immer mal wieder – als mente captus zu bezeichnen.

Haben Sie doch eine unglückliche Liebe.«

Lohmann ließ die Arme sinken. Er war geisterblaß und seine Augen glühten

so schwarz, daß die Künstlerin Fröhlich ihn mit Bewunderung anstarrte.

»Haben Sie etwa keine?« fragte Unrat, giftig frohlockend. »Sie machen

Verse – ohne darum doch –«

»– das Ziel der Klasse zu erreichen?« ergänzte zaghaft die Künstlerin

Fröhlich, denn sie kannte diese Wendung durch Kieselack.

Lohmann sagte sich: »Der Elende weiß es. Jetzt drehe ich mich um, gehe

nach Haus, ersteige den Speicher, richte die Flinte gegen mein Herz. Und

drunten am Klavier sitzt Dora. Das kleine Lied, das Dora singt, flattert herauf,

und sein Flügelstaub schimmert bis in meinen Tod ...«

Die Künstlerin Fröhlich äußerte:

»Wissen Sie woll noch, wie Sie mich angedichtet haben?«

Sie fragte sehr sanft, mit einem Seufzer. Sie wünschte sich mehr von ihm.

Sie hatte sich eigentlich immer viel mehr von ihm gewünscht, erinnerte sie sich

jetzt; und fand ihn grausam; und auch ziemlich dumm.

»Und kommst du erst mal in die Wochen ... Na, wer is nu in den Wochen?«

Auch das. Sie wußten auch das. Lohmann wandte sich ab und ging zur Tür,

verurteilt. Wie er den Griff in der Hand hatte, hörte er Unrat sagen:

»Freilich nun wohl. Sie haben eine unglückliche Liebe zu der Künstlerin

Fröhlich, welche sich jedoch entschlossen hat, Ihrer zu entraten, und darum auch

dem in jenem schamlosen Gedicht von Ihnen geäußerten Wunsche nicht

entsprochen hat. Sie sitzen nun nicht bei der Künstlerin Fröhlich im Kabuff,

Lohmann. Sie sind der Künstlerin Fröhlich nicht teilhaftig geworden, Lohmann.

Sie können nun zu Ihren Penaten zurückkehren, Lohmann.«

Mit einem Ruck drehte Lohmann sich wieder um. Weiter war's nichts?

»Jawoll,« sagte auch Rosa. »Es stimmt, und jedes Wort sitzt.«

Der alte Dummkopf floß über von greisenhafter Eitelkeit. Das andere

Geschöpf war ein unappetitliches Mädel, nichts weiter. Beide ganz harmlos,

beide ganz unwissend. Die Tragik seiner vergangenen Minuten, Lohmann hatte

sie irrtümlich erlebt und ohne Recht. Er ging nicht mehr, sich zu erschießen. Er

fand sich enttäuscht, beinahe albern, durch die Komödie der Dinge wieder

einmal entwürdigt, noch immer im Leben vor, und in diesem Kabuff.

 

»So, von Ertzum,« versetzte Unrat. »Nun räumen auch Sie – immer mal

wieder – das Feld. Und weil Sie sich erdreistet haben, in Anwesenheit des

Lehrers eine Prügelei vom Zaun zu brechen, schreiben Sie die Gesangbuchverse,

die Sie nicht gekonnt haben, sechsmal ab.«

Ertzum blieb stehen, ernüchtert, belastet mit der Erkenntnis, daß die soeben

genossene Muskelfreude nur Selbsttäuschung gewesen sei, daß sein Sieg über

den Athleten ihm nichts genützt habe, daß hier nur ein Sieger sei: Unrat; und sah

schreckensvoll in das gleichgültige Gesicht der Künstlerin Fröhlich.

»Fort mit Ihnen!« rief Unrat.

Kieselack wollte hinterher.

»Wohin? Ohne vom Lehrer entlassen zu sein!... Sie werden mir vierzig

Vergilverse memorieren!«

»Warum,« machte Kieselack, empörerisch.

»Weil der Lehrer es so will!«

Kieselack überflog ihn mit einem Senkblick; und verlor alle Lust, es mit ihm

aufzunehmen. Er machte sich still davon.

Die beiden andern waren ein Stück voraus.

Ertzum, in dem Bedürfnis, Rosa samt ihrem Galan zu verachten und zu

verwerfen:

»Das Mädchen muß man also als verloren ansehn. Ich gewöhne mich schon

an den Gedanken. Ich versichere dich, Lohmann, ich sterbe nicht dran ... Aber

was sagst du zu diesem Unrat? Ist dir so eine Schamlosigkeit schon mal

vorgekommen?«

Lohmann lächelte bitter. Er verstand: von Ertzum war geschlagen und zog

sich klagend auf die angestammte Moral zurück: auf die ewige Zuflucht der

Geschlagenen. Lohmann verschmähte sie, so schlecht er heute weggekommen

war, auch er.

Er sagte:

»Es war verkehrt von uns, dahinein zu gehn und zu glauben, wir könnten ihn

in Verlegenheit setzen. Wir mußten bedenken, er war darüber hinaus. Zu

Mitwissern hat er uns längst. Zusammengeplatzt sind wir hier schon oft mit ihm.

Er hat uns schon nach Haus geschleppt, damit wir ihm bei der Fröhlich nicht

gefährlich würden. Hielt er es übrigens für ausgeschlossen, daß ihm inzwischen

irgend ein anderer bei ihr gefährlich ward?«

Ertzum stöhnte verwundet auf.

»Denn es wäre ungesund für dich, Ertzum, wenn man dir hierüber noch

Illusionen ließe. Sei ein Mann!«

Ertzum versicherte mit schlecht gefesteter Stimme, Rosa sei ihm

gleichgültig, er frage nicht, ob sie rein sei. Nur Unrat empöre ihn in seinem

sittlichen Bewußtsein.

»Mich nicht,« gab Lohmann an. »Dieser Unrat fängt an, mich zu

beschäftigen: er ist eigentlich eine interessante Ausnahme. Bedenke, unter

welchen Umständen er handelt, was er alles gegen sich auf die Beine bringt.

Dazu muß man ein Selbstbewußtsein haben, scheint mir – ich für meine Person

brächte so eines nicht auf. Es muß in einem ein Stück Anarchist stecken ...«

Dies alles reichte weiter als von Ertzum reichte. Er brummte etwas.

»Wie?« machte Lohmann. »Nun ja. Die Szene im Kabuff war widerlich.

Aber sie hatte etwas widerlich Großartiges. Oder, wenn du lieber willst, etwas

großartig Widerliches. Aber großartig war dabei.«

Ertzum hielt sich nicht mehr.

»Lohmann, war sie wirklich nicht rein?«

»Nun, jetzt ist sie jedenfalls bedeckt mit Unrat. Da siehst du auch von ihrem

Vorleben besser ab.«

»Ich hielt sie für rein. Mir ist überhaupt wie im Traum. Du wirst lachen,

Lohmann, aber ich könnte mich erschießen.«

»Wenn du es wünschest, lache ich.«

»Wie soll ich darüber hinwegkommen. Hat schon mal einer das erlebt? Sie

stand mir so hoch, ich habe eigentlich, wenn ich es genau bedenke, nie gehofft,

sie zu erlangen. Du erinnerst, in welcher Aufregung ich neulich war, als ich das

Hünengrab kaputt machte. Übermut war das nicht; ich will nur ganz aufrichtig

sein. Es war bloße Angst vor der Entscheidung. Ich hätte mich, Gott weiß es,

gewundert, wenn sie mit mir gekommen wäre. Wie konnte ich mir das einbilden:

sie hat ja viel zuviel Seele für mich ... Und als dann der Würfel gefallen war –«

Lohmann musterte ihn von der Seite. Ertzum mußte in einem unerhörten

Zustand sein, um von gefallenen Würfeln zu sprechen.

»– da war ich allerdings ein verzweifelter Mensch, das darf ich wohl sagen.

Aber das war 'ne Wohltat, verglichen mit heute. Verstehst du denn überhaupt,

Lohmann, wie tief sie jetzt gefallen ist?«

»Bis zu Unrat!«

»Denke nur! Da gehört sie doch nicht hin. Sie ist doch rein. Oder aber sie

wäre das letzte der Weiber.«

Lohmann gab es auf. Ertzum war nun einmal viel daran gelegen, daß die

Rosa Fröhlich auf einem unzugänglichen Wolkenthron sitze. Offenbar brauchte

er es so. Er machte seinem dümmeren Selbst weis, daß er sich auf die Rosa

Fröhlich niemals wirkliche Hoffnung angemaßt habe. Zweck des Selbstbetrugs

war, daß um so weniger Unrat aus seinem Pfuhl heraus nach ihr gelangt haben

könne. Die Lebenserfahrung, die das Gesicht einer Kuhmagd trug, blieb

dahinten; und ein hochgespannter Träumer entstieg dem roten Landjunker: denn

es brachte Vorteil für Ertzums Eigenliebe ... So war der Mensch, meinte

Lohmann.

»Und wenn ich mich nun frage, warum,« sagte Ertzum noch: »da find' ich

wirklich keine Erklärung. Ich hab' ihr alles geboten, was ihr ein Mensch nur

bieten kann ... Daß sie mich liebte, das konnte ich, ehrlich gesagt, allerdings

kaum hoffen. Sie hat mich ja nicht besser behandelt als dich! Warum wohl auch

grade mich!... Aber statt dessen Unrat? Glaubst du das, Mensch? Unrat?!«

»Die Frauen sind unfaßbar,« erklärte Lohmann und versank in Sinnen.

»Ich kann es nicht glauben. Ich glaube, er hat ihr schwindelhafte

Vorspiegelungen gemacht; er wird sie noch ins Unglück bringen.«

Und Ertzum dachte hinzu:

»Vielleicht ... dann ...«

Da überholte Kieselack die beiden. Er schlich schon seit einer Weile hinter

ihnen her. Er verkündete gellend:

»So blau. Unrat hat zehn Mark geblecht, ich hab' es ja durchs Schlüsselloch

gesehn.«

»Du lügst – Schwein!« brüllte Ertzum und brach los gegen den Kleinen.

Aber Kieselack hatte dies vorausgesehen und war im Nu über alle Berge.