Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Heinrich Mann · Kapitel 8 von 18

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Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Kapitel VII

 

Es war Achteinviertel und Unrat noch immer nicht da. In der Gier, ihre

Freiheit auszunutzen, lärmte die Klasse bis zur Selbstbetäubung, bis zur

Verblödung. Alles schrie, ohne noch darum zu wissen, »Unrat! Unrat!« Die

einen waren davon unterrichtet, er sei tot. Die andern schwuren, er habe seine

Wirtschafterin zu Haus ins Kabuff gesperrt und sie verhungern lassen, und

befinde sich zu dieser Stunde im Zuchthaus. Lohmann, Ertzum und Kieselack

schwiegen dazu.

Unversehens schlich Unrat langen Schrittes auf das Katheder zu und ließ

sich mit Vorsicht, als schmerzten ihn seine Knochen, in den Sessel hinein. Viele

hatten seine Gegenwart noch nicht bemerkt und brüllten weiter: »Unrat!« Aber

es schien Unrat nichts daran zu liegen, ob er es ihnen »beweisen« könne. Er sah

sehr grau aus, wartete geduldig, bis man ihn reden ließ und betrug sich bei der

Beurteilung der Antworten mit geradezu kränklicher Grillenhaftigkeit. Einen,

dem er sonst leidenschaftlich nachzustellen pflegte, ließ er zehn Minuten lang

die falscheste Übersetzung liefern. Einem andern fiel er giftsprühend ins erste

Wort. An Ertzum, Kieselack und Lohmann sah er wieder standhaft vorbei, – aber

er dachte nur an sie. Er fragte sich, ob sie gestern nacht auf seinem mühseligen

Heimwege nicht an einer Hausecke gestanden hätten, an der er sich, beide Hände

auf der Mauer und grade sehr üblen Mutes, vorbeigetastet hatte. Er meinte sogar,

sie angestoßen und Pardon gesagt zu haben ... Aber sein Denken war auch noch

damals unverwüstlich klar geblieben, und er hatte keinen Augenblick das

Verständnis dafür eingebüßt, daß nicht alles, was er in jener Verfassung sah und

spürte, der Außenwelt anzugehören brauchte.

Er litt großes Bangen, weil er über diese Sache nicht im Reinen war. Was

wußten die drei Verworfenen?... Und was mochte gestern noch geschehen sein,

nachdem Unrat selbst aus den Vorgängen ausgeschieden war? Waren sie

zurückgekehrt in den Blauen Engel? War Lohmann in das Kabuff

zurückgekehrt?... Die Künstlerin Fröhlich hatte geweint; es war möglich, daß sie

sogar schon geschlafen hatte. Aber Lohmann hatte sie vielleicht aufgeweckt?... Unrat schmachtete danach, Lohmann die allerschwierigste Stelle zu erklären zu

geben. Aber er wagte es nicht.

Lohmann, Graf Ertzum und Kieselack betrachteten ihn unablässig. Kieselack

hatte dabei sehr wohl ein Gefühl für das Spaßige, Ertzum für das Erniedrigende,

Lohmann für das Armselige in alledem; aber davon unabhängig berührte alle

drei eine Art Grauen, eine gewisse schreckliche Weihe durch ihr dunkles

Einverständnis mit dem Tyrannen.

Im Schulhof, während der Pause, lehnte sich Lohmann gegen die sonnige

Mauer, verschränkte die Arme und hörte innerlich, wie gestern an der rauchigen

Saalwand, sein Unglück erklingen in seinen Versen. Ertzum trat wie von

ungefähr heran und fragte unterdrückt:

»Auf dem Tisch lag sie und schlief? Das kann doch nicht sein, Lohmann.«

»Wenn ich dir sage, daß sie schnarchte. Er hat sie betrunken gemacht.«

»Der Gauner! Sobald ich ihn nochmal –!«

Ertzum schämte sich, seine Prahlerei zu beenden. Er knirschte stumm im

Joch der Schule. Mehr Abscheu als Unrat machte ihm seine eigene Ohnmacht.

Er war Rosas nicht würdig!...

Kieselack drückte sich, im Hin und Her der Schüler, an den zwei Mitwissern

vorbei und wisperte hinter der Hand, schiefen Mundes und heimlich geschüttelt

von grauenvollem Jubel:

»O Mensch, er fliegt ja rein, sag' ich euch, er fliegt ja mächtig rein!«

Er fragte, ehe er vorüber war, noch rasch:

»Kommt ihr wieder hin?«

Die beiden hoben die Schultern. Das war wohl eine verächtliche

Selbstverständlichkeit.

 

Für Unrat war es Pflicht, und sie ward täglich erfreulicher, je mehr er sich

einlebte bei der Künstlerin Fröhlich. Er war, damit Lohmann ihm nicht

zuvorkäme, immer der erste im Blauen Engel. Dann ordnete er die

Toilettengegenstände, suchte die saubersten Unterröcke und Höschen hervor,

legte, was zu flicken war, auf einen Stuhl abseits. Die Künstlerin Fröhlich

erschien spät, denn sie fing an, sich auf Unrat zu verlassen. Er verstand bald,

seine grauen Finger ganz spitz zu machen und die Knoten an ihr damit

aufzulösen, ihre Schleifen geradezuziehen, die Nadeln aus den Verstecken an

ihrem Körper hervorzuholen. Wenn sie sich schminkte, löste sich ihm das

rosablaßgelbe Spiel ihrer eiligen Arme allmählich in sinnreiche Griffe auf. Er

fand sich auf der Palette ihres Gesichts zurecht, erlernte Namen und Nutzen der farbigen Stangen und Fläschchen, der stäubenden Säckchen und Schachteln, der

fettigen Büchsen und Töpfe; übte sich still und eifrig in ihrer Anwendung. Die

Künstlerin Fröhlich bemerkte seine Fortschritte. Eines Abends lehnte sie sich

vor dem Spiegel auf ihrem Stuhl zurück und sagte:

»Nu los.«

Und er richtete ihren Kopf so vollkommen her, daß sie den Finger in keine

Salbe mehr zu tauchen brauchte. Sie wunderte sich über seine Fertigkeit und

verlangte zu wissen, wie er sie so rasch erworben habe. Er errötete wolkig und

stotterte irgend etwas; aber ihre Neugier blieb ungestillt.

Unrat erfreute sich der Bedeutung, die er in der Garderobe erobert hatte.

Lohmann durfte nicht mehr hoffen, ihn zu ersetzen. Würde Lohmann etwa

behalten haben, daß der rosa Bolero dort zum Färber sollte? Ja, wenn Lohmann

durch eifrigeres Memorieren der aufgegebenen Homerverse sein Gedächtnis

geübt hätte! Nun stellten sich die Folgen des Müßigganges heraus!... Und

zwischen den weißen Wäschestücken am Boden und auf den Möbeln schlich

Unrat umher wie eine große schwarze Spinne, behende ausgreifend mit dünnen,

gekrümmten Gliedmaßen. Unter seinen grauen, eckigen Händen glätteten sich

mürbe Stoffe, raschelnd und knisternd. Andere glitten unversehens zu Formen

auseinander, die sie im Verschwiegenen bewahrt hatten – zu einem Arm, einem

Bein, das Unrat befangen anschielte, mit dem Gedanken:

»Freilich nun wohl – immerhin.«

Dann stahl er sich an den Türspalt und lugte nach ihr aus, deren Stimme pfiff

und kreischte unter dem Donnern des Klaviers, deren Glieder Würfe machten

durch den Rauch, und nach den dummen Köpfen, wie geblähte Tulpen in einem

Beet, die sie begafften. Er war stolz auf sie, verachtete den Saal, wenn er

klatschte, spritzte auf in Haß gegen ihn, wenn er schwieg; – und ein ganz eigenes

Gefühl widmete er ihm, wenn er vor Vergnügen gluckste, weil die Künstlerin

Fröhlich sich tief gegen ihn verneigt und ihm die Öffnung ihres Korsage

freigebig zugewendet hatte. Dann stand Unrat eine kribbelnde Angst aus ... Nun

wehte sie, in einem Windstoß von Beifall, zur Tür herein, und Unrat durfte ihr

einen Abendmantel umlegen und ihr den Hals ein wenig pudern.

Dabei bekam er ihre Launen zu spüren. Je nachdem sie ihm gnädig die

Schultern hinhielt oder ihm den Puderquast gegen das Gesicht schlug, daß er

nichts mehr sah, brach eine gute Stunde an für Unrat oder eine schlechte. Seine

Blicke unter die weibliche Oberfläche führten tiefer als nur bis dort, wo die

Kleider aufhörten. Er bekam heraus, daß sich mit den Stoffen und Pudern

beinahe auch die Seele handhaben und riechen lasse; daß Puder und Stoffe schon

nicht viel weniger seien als die Seele ...

Die Künstlerin Fröhlich zeigte sich ihm bald ungeduldig und bald freundlich.

Und es brachte ihn aus dem Geleise, wenn sie sich mit unvorhergesehenem Ruck

auf ihre Freundlichkeit besann. Ihm war viel unbefangener zumute, wenn sie

schalt ... Sie besann sich aber von Zeit zu Zeit auf einen Plan in seiner

Behandlung, dessen Durchführung sie erheblich langweilte; auf

Verhaltungsmaßregeln, die sie empfangen hatte, und denen sie sich fügte, aber

ohne rechte Überzeugung. Dann ward sie auf einmal gesetzt, mit einem kleinen

Stich ins Gefühlvolle und einer Miene, als säße sie zu seinen Füßen; der Miene,

die man aufsetzen muß, wenn man bei einem ernsten Mann was machen will ...

Aber bald, und das erleichterte Unrat, ohne daß er sich klar ward weshalb –

schob sie ihn wieder vom Stuhl fort, wie einen Packen Unterröcke.

Einmal gab sie ihm sogar einen Backenstreich. Darauf zog sie hastig ihre

Hand zurück, betrachtete sie, roch daran und versetzte starr:

»Sie sind ja fettig.«

Er errötete, hilflos. Und sie brach aus:

»Er schminkt sich! Nu schlag' einer lang hin! Darum hat er es so rasch

herausgehabt. Er lernt es heimlich an sich selber! O Sie – Unrat!«

Unrat machte ein entsetztes Gesicht.

»Jawoll: Unrat!«

Sie tanzte um ihn her.

Und darauf lächelte er glücklich ... Sie wußte seinen Namen, sie wußte ihn

von Lohmann und den andern und wahrscheinlich schon die ganze Zeit: es

schüttelte ihn heftig um, aber nicht peinlich, sondern zu Lustgefühl. Dies gab

ihm einen kurzen Verdacht und eine schwache Scham ein, wieso es ihn glücklich

machen könne, daß die Künstlerin Fröhlich ihn bei seinem nichtswürdigen

Namen nenne. Aber, er war nun einmal glücklich. Außerdem durfte er nicht

nachdenken, sondern sie schickte ihn nach Bier.

Unrat bestellte es nicht nur; er ließ den Wirt, der die Gläser trug, durch den

Saal vor sich her gehen; und dadurch, daß er den Transport des Getränkes von

hinten deckte, ward verhindert, daß andere es unterwegs wegfingen. Einmal

mutete der Besitzer des Blauen Engels es Unrat zu, das Bier gleich selber

mitzunehmen. Die befremdete Würde, womit Unrat ablehnte, hinderte den

Mann, seinen Irrtum zu wiederholen.

Bevor die Künstlerin Fröhlich trank, sagte sie:

»Prost, Unrat.«

Dann, innehaltend:

»Komisch, was, daß ich Sie Unrat nenne? Ja, eigentlich ist es komisch. Wir

haben doch gar nischt miteinander. Wie lange kennen wir uns nu schon? Was die

Gewohnheit alles macht.... Aber nee, ich will Ihnen was sagen: Kiepert und

Frau, die können mir alle Tage gestohlen werden, denen wein' ich keine Träne nach. Mit Ihnen is es was anderes ...«

Ihre Augen waren allmählich sinnend und starr geworden. Sie fragte ganz

vertieft:

»Aber was soll es, was wollen Sie?«