Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Heinrich Mann · Kapitel 13 von 18

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Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Kapitel XII

 

Er ging noch ins Amt, kraft eines Restes von staatserhaltender Gewohnheit

und obwohl er voraussah, daß einer dieser Schulgänge sein letzter sein werde.

Die Oberlehrer hatten sich jetzt ausnahmslos dafür entschieden, ihn zu übersehn.

Im Lehrerzimmer versteckte sich alles hinter Zeitungen, floh den Tisch, spie in

die Ecken, sobald Unrat mit seinen zu korrigierenden Heften sich niederließ. In

der Klasse fehlten Lohmann, von Ertzum und Kieselack, alle drei. Die übrigen

verachtete Unrat und ließ sie gewähren. Manchmal bedachte er, aufzischend,

irgend einen mit halbtagelangem Karzer. Später vergaß er aber, den Pedell mit

der Ausführung des Urteils zu beauftragen.

Draußen schlich er dahin, ohne jemand zu sehen, hörte weder Schmähungen

noch Ruhmeserhebungen, merkte es auch nicht, wenn die Lohnkutscher ihre

Pferde anhielten, um ihre Fremden auf Unrat als eine städtische

Sehenswürdigkeit aufmerksam zu machen. Wo er vorüberkam, ward von seinem

Prozeß gesprochen. Für die Leute war eigentlich Unrat der Angeklagte, und sein

Auftreten vor Gericht erregte Bedauern und Zorn. Ältere Herren, Schüler aus

den ersten Jahrgängen, für die Unrat heitere, von der Zeit zärtlich vergoldete

Jugenderinnerungen umhertrug, blieben bei seinem Anblick stehn und

schüttelten die Köpfe.

»Was is denn aus unserm alten Unrat bloß geworden. Das is ja 'n Jammer, is

es ja, was er neuerdings für Geschichten macht.«

»So tritt 'n Lehrer doch nich auf gegen so 'ne Jungens. Soll das 'n

Jugenderzieher sein? Und denn seine Ausfälle gegen die Kaufmannschaft und

gegen die ersten Familien. Vor Gericht, bitte.«

»Wer sich selber in seinen Jahren noch pikante Seitensprünge vorzuwerfen

hat und öffentlich damit reinfällt. Er sitzt doch überhaupt in 'n Glashaus. In der

Bürgerschaft soll die Geschichte zur Sprache kommen, und daß sie ihn nich

mehr haben wollen bei der Schule, das weiß ich von Breetpoot. Er kann man

wegziehn mit seiner Freundin.«

»Aber 'ne feine Deern is es.«

»Das is es.«

Und die Herren lachten sich an, jeder mit einem kleinen Gefunkel im Blick.

»Wie Unrat da bloß auf gekommen is.«

»Tjä, hab' ich es Ihnen nich schon immer gesagt? Gegen so'n Namen kann

auf die Dauer keiner an: er is nu mal 'n rechter alter Unrat.«

Andere erinnerten an Unrats Sohn, der sich einst mit einem anrüchigen

Frauenzimmer auf offenem Markt hatte blicken lassen. Sie beriefen sich auf den

Apfel der nicht weit vom Stamm falle, und behaupteten nach dem Vorgang des

Oberlehrers Hübbenett, der sittliche Zusammenbruch des Vaters sei bestimmt

vorherzusagen gewesen. Man wollte auch von jeher etwas Menschenscheues,

Unheimliches, gründlich Verdächtiges an Unrat wahrgenommen haben und

erklärte, sich über seine vor Gericht geführten, gegen die Angesehensten der

Stadt gerichteten Reden keinen Augenblick zu wundern.

»So'n altes Ekel hätt' man schon lange totschlagen sollen,« äußerte bei

Unrats Nahen, in seine Ladentür gelehnt, der Zigarrenhändler Meyer, dessen

Rechnungen für Professor Raat immer mit einem durchgestrichenen U begonnen

hatten.

Der Pächter des Café Central sagte in der Frühe, wenn Unrat die Hausfront

entlang schlich, zu seinen das Lokal säubernden Kellnern:

»Sittlicher Unrat muß egal raus.«

Andererseits gab es unzufriedene Bürger, die Unrats Emanzipation mit

Freuden begrüßten, ihn für ihre dem Bestehenden feindlichen Werbungen als

Bundesgenossen beanspruchten und Versammlungen einberiefen, wo über sein

mutiges Auftreten gegen die Privilegierten der Stadt debattiert ward, und wo er

reden sollte. In ihren öffentlichen Aufrufen hieß es:

»Hut ab vor solchem Manne!«

Unrat ließ ihre schriftlichen Einladungen unerwidert. Ihre Abordnungen

verabschiedete er durch die verschlossene Tür. Er saß und gedachte mit Haß,

Sehnsucht und Grausamkeit der Künstlerin Fröhlich, und daran, wie er sie

nötigen könne, die Stadt zu verlassen und in großen Tagemärschen

davonzuziehen. Es fiel ihm wieder ein, daß er dies bei ihrem allerersten

Zusammentreffen ihr strenge geboten hatte. Wenn sie damals sich nicht dem

Lehrer widersetzt hätte! Jetzt hatte sie eine Masse Unfug getrieben, Unheil

angestiftet, und Unrat konnte sich, in fassungsloser, martervoller Rachgier,

nichts Ersehnenswerteres mehr vorstellen, als daß die Künstlerin Fröhlich in

einem tiefen und finstern Kabuff ihr Leben enden möge.

Er vermied tagsüber peinlich die Straßen, in denen er ihr begegnen konnte.

Des Nachts nur geschah es, daß er in jene Stadtgegend schlich, zu einer Stunde,

wo hinter der verhängten Scheibe keines Lokals mehr die Schatten von Oberlehrerköpfen mit den Gebissen klappten. Dann machte Unrat, scheu,

feindselig und voll bittern Verlangens, eine weite Runde um das Hotel zum

Schwedischen Hof.

Einmal trat ihm dabei aus dem Dunkel ein Mensch entgegen und grüßte: es

war Lohmann. Unrat prallte zuerst zurück und rang nach Luft. Dann spreizte er

die Hände und griff, mit beiden zugleich, nach Lohmann, der höflich auswich.

Als Unrat wieder fest auf den Beinen stand, begann er zu pfauchen.

»So wagen Sie Elender es denn also, mir noch unter die Augen zu treten!

Dicht bei der Wohnung der Künstlerin Fröhlich muß ich Sie fassen! Sie haben

schon wieder Nebendinge getrieben!«

»Ich versichere Sie,« erwiderte Lohmann sanft, »Sie irren sich, Herr

Professor. Sie irren sich von vorn bis hinten.«

»Was haben Sie hier etwa sonst angefangen, verruchter Bube!«

»Ich bedauere, mich darüber nicht äußern zu können. Nur soviel, daß es Sie,

Herr Professor, in keiner Weise berührt.«

»Ich werde Sie vollends zerschmettern!« verhieß Unrat, mit den Augen einer

wütenden Katze. »Seien Sie gewärtig, mit Schmach und Schande von der Schule

gejagt zu werden ...«

»Es sollte mich freuen, wenn Ihnen die Genugtuung würde, Herr Professor,«

sagte Lohmann, ohne die Absicht zu spotten, eher wehmütig, und ging langsam

weiter, verfolgt von Unrats Drohungen.

Er war nicht mehr aufgelegt, Unrat zu kränken. Heute, wo alles über ihn

herfiel, hätte Lohmann sich dessen geschämt. Er fühlte Mitleid mit dem Alten,

der noch davon sprach, ihn von der Schule zu jagen, in dem Augenblick, wo

Unrats eigene Entlassung schon beschlossen war; – Mitleid, und auch eine Art

von zurückhaltender Sympathie für diesen einsamen Allerweltsfeind, der

unbedenklich soviel gegen sich auf die Beine brachte; für den interessanten

Anarchisten, der hier im Ausbrechen war ...

Sein ewiger Verdacht auf Lohmann wegen dieser Fröhlich war kläglich und

rührend; er war sogar voll tragischer Ironie, wenn man ihn zusammenhielt mit

dem, was Lohmann in Wirklichkeit in diese Nacht hinausgeführt hatte. Lohmann

kam aus der Kaiserstraße. Frau Dora Breetpoot war heute abend entbunden. Und

Lohmanns unbekannte Zärtlichkeit neigte sich über ihr Schmerzensbett. Sein

Herz, ein fruchtlos und demütig schwelendes Feuerchen, sehnte sich, den

kleinen, zitternden Kinderkörper zu erwärmen, dessen Entstehung vielleicht

Assessor Knust, vielleicht Leutnant von Gierschke, vielleicht auch Konsul

Breetpoot bewirkt hatte ... Lohmann war heute nacht vor das Breetpootsche

Haus gegangen und hatte die verschlossene Tür geküßt.

Wenige Tage später hatten die schwebenden Schicksale sich gesenkt.

Lohmann, dem nichts daran lag, durfte, bis er nach England ging, auf der Schule

verbleiben; seine Verwandten waren zu mächtig, als daß an seine Entfernung zu

denken gewesen wäre. Kieselack verdankte seinen Abschied nicht dem Vorfall

mit dem Hünengrab; eher seiner ungebührlichen Aufführung vor Gericht; vor

allem aber seinen zur Künstlerin Fröhlich unterhaltenen und von ihr bekannt

gegebenen Beziehungen, die unzulässig erschienen für einen Sekundaner. Von

Ertzum ging freiwillig und überantwortete sich einer Presse. Unrat ward

entlassen.

Er behielt das Recht, seine Lehrtätigkeit bis zum Herbst fortzusetzen. Er

brach sie aber, im Einvernehmen mit der vorgesetzten Behörde, sofort ab. An

einem von Unrats ersten schulfreien Vormittagen, wie er, unbeschäftigt und

planlos für immer, im Sofa saß, kam Pastor Quittjens. Er hatte zugesehen, wie

hier jemand immer tiefer in Sünde und Verlegenheiten hineinritt. Jetzt, da der

Mann am Boden lag, war er der Meinung, daß für das Christentum etwas zu

machen sei.

Er begann sofort, und rauchte dabei eine Zigarre wie jeder andere Mensch,

sich über Unrats traurige Sachen zu erbarmen, über seine Vereinsamung, über

die Anfeindungen, denen er sich gerade von seiten der Besseren ausgesetzt habe.

So etwas habe doch niemand gern, dagegen müsse man was tun. Wenn Unrat

wenigstens noch seine gewohnte Tätigkeit besäße. Seine Entlassung mache das

Unglück voll, indem sie ihn seinen bittern Gedanken rettungslos ausliefere ...

Nun, rettungslos sei zuviel gesagt. Pastor Quittjens mache sich anheischig, für

Unrats Wiederaufnahme bei den Besseren zu sorgen, ihn in einen politischen

Verein, in einen Kegelklub hineinzulotsen. Bedingung sei allerdings – dies

schien der Pastor zu bedauern und als unvermeidliches Übel anzusehn – daß

Unrat vor Gott und den Menschen seine Verirrungen bereuen und ihnen ein Ende

machen müsse.

Unrat antwortete hierauf so gut wie nichts. Der Vorschlag interessierte ihn

nicht. Wenn er schon der Künstlerin Fröhlich verlustig ging, fand er es zwecklos,

eine Kegelpartie dafür einzutauschen.

Darauf griff Pastor Quittjens zu größeren Gesichtspunkten. Er beklagte die

Schüler, denen ein zu ihrer Hut Berufener die Schwelle des Jünglingsalters durch

solch ein Beispiel vergifte. Und nicht nur die Schüler der Untersekunda, nein,

alle andern ebenso; und nicht nur alle andern innerhalb des Gymnasiums,

sondern, über die Mauern des Gymnasiums hinaus, alle die ehemaligen Schüler

– also die Stadt in ihrer Gesamtheit. Alle diese, und Pastor Quittjens ließ seine Zigarre ausgehn, müßten an den Lehren ihrer Jugend Zweifel empfangen und in

ihrem schlichten Glauben wankend werden. Ob denn Unrat so schwere Dinge

auf sein Gewissen nehmen wolle. Schon sei der Knabe Kieselack ins Unglück

geraten, und Unrat werde wohl nicht verkennen, daß für den Fall dieses Kindes

ihm selbst eine Mitverantwortlichkeit zukomme. Das sei aber sicher nicht der

einzige Schade, den der Abfall eines Mannes wie Unrat von Glaube und Sitte zu

stiften bestimmt sei ...

Unrat ward stutzig. Von Kieselacks Vernichtung erfuhr er erst jetzt; und er

brannte von jäher Freude darüber, sie bewirkt zu haben. Daß sein Beispiel

andern gefährlich werden, in der Stadt Verderben aussäen könne, darauf war er

noch nicht verfallen. Hier öffneten sich Aussichten auf Rache und erregten ihn.

Er bekam rote Flecke und zupfte, atemlos in sich selbst vertieft, an seinen

spärlichen Gesichtshaaren.

Pastor Quittjens mißverstand ihn und sagte, das habe er gewußt, daß Unrat

sich das nahe gehen lassen werde. Besonders, wenn man das Geschöpf in

Betracht ziehe, wegen dessen er sich und andere den größten

Unannehmlichkeiten aussetze, dann trete ja der faux pas ohne weiteres zutage.

Unrat fragte, ob der Pastor von der Künstlerin Fröhlich rede.

Natürlich. Jetzt, seit ihren, in öffentlicher Gerichtsverhandlung abgelegten

Geständnissen, seien Unrat ja wohl die Augen geöffnet. Liebe mache blind, dies

sei – und Pastor Quittjens zündete seine Zigarre wieder an – zuzugestehen.

Andererseits möge Unrat sich doch nur seiner Studienjahre erinnern, und des

Mannigfachen, das man damals in Berlin erfahren habe. Man sei ja auch kein

Frosch gewesen, huhu, und wisse über solche Dämchen ziemlich Bescheid. Die

seien es denn doch nicht wert, daß man seine Existenz und die von andern

Leuten auf den Kopf stelle. Ja, wenn er an Berlin denke –

Pastor Quittjens lächelte selig und schickte sich an, vertraulich zu werden.

Unrat benahm sich immer unruhiger, und plötzlich unterbrach er. Ob dies alles

sich etwa auf die Künstlerin Fröhlich beziehe. Der Pastor war verwundert und

bejahte. Darauf schnellte Unrat vom Sofa, pfauchte und stieß dumpf und

bedrohlich, während der Saft seines Mundes über Pastor Quittjens hinspritzte,

die Worte aus:

»Sie haben die Künstlerin Fröhlich beleidigt. Die Dame steht unter meinem

Schutz. Verlassen Sie – vorwärts nun also! – mein Haus!«

Der Pastor rückte erschrocken mit seinem Stuhl weit fort. Unrat hastete zur

Tür und öffnete sie. Als er dann nochmals, zornbebend, auf Pastor Quittjens

losfuhr, rutschte der Pastor in einem feigen Bogen, mitsamt seinem Stuhl aus der

Tür hinaus. Unrat schloß sie.

Er keuchte noch lange durch das Zimmer. Er mußte sich gestehn, der Künstlerin Fröhlich erst vor kurzem sehr Übles gewünscht zu haben. Die

schlimmsten Gedanken hatte er sich gemacht über sie. Aber was Unrats Recht

war, dazu besaß Pastor Quittjens noch lange nicht die Erlaubnis. Die Künstlerin

Fröhlich stand über Pastor Quittjens. Sie stand über allen – allein und heilig im

Angesicht der Menschheit. Es war gut, daß auf solche Weise Unrat wieder zum

wahren Bewußtsein der Dinge kam. Die Künstlerin Fröhlich war ja seine

Angelegenheit! Man vergriff sich an ihm selbst, wenn man sich unterstand, sie

nicht gelten zu lassen! Seine von Angst durchjagte Tyrannenwut packte ihn, und

er mußte sich stützen: wie damals, als das Publikum des Blauen Engels sie

ausgelacht hatte. Sie auszulachen, die er eigenhändig geschminkt hatte! Ihre

Leistungen zu beanstanden, die er gewissermaßen selber vorführte! Es waren –

gewiß nun freilich – keine erfreulichen Leistungen, deren sie sich beim

Hünengrab beflissen hatte, und sie hatten Unrat Schmerz gekostet. Das aber

hatten nur sie selbst miteinander auszumachen, Unrat und die Künstlerin

Fröhlich. Er wollte zu ihr hingehen, er war nicht gesonnen, dies länger zu

unterlassen!

Er griff zum Hut, und hängte ihn wieder hin.

Sie hatte ihn verraten – immerhin denn wohl. Andererseits war sie so der

Weg geworden, der zum Verderben des Schülers Kieselack geführt hatte. Ward

sie hierdurch nicht gerechtfertigt? Noch nicht? Wenn sie aber noch andern

Schülern – zum Verderben gereichte?

Unrat blieb stehen, mit gesenktem Kopf, über den eine rote Wolke zog. Seine

Rachgier und seine Eifersucht kämpften, indes er sich nicht regte. Endlich hatte

die Rachgier gesiegt. Die Künstlerin Fröhlich war gerechtfertigt.

Und Unrat begann zu träumen von Schülern, denen sie zum Verderben hätte

gereichen sollen. Wie schade, daß der Zigarrenhändler vom Markt nicht mehr

auf der Schule war; und jener Lehrling, der nicht grüßte, sondern feixte; und alle

andern in der Stadt. Ihnen allen hätte die Künstlerin Fröhlich zum Verderben

gereichen sollen. Sie alle hätten ihretwegen mit Schimpf und Schande aus der

Schule vertrieben werden sollen. Ein andersgeartetes Verderben konnte Unrat

sich nicht vorstellen. Auf einen Zusammenbruch, der nicht darin bestand, daß

einer aus der Schule vertrieben ward, verfiel er nicht ...

 

Als er bei der Künstlerin Fröhlich anklopfte, trat sie grade selbst, zum

Ausgehen fertig, in die Tür.

»Huh! Da is er! Wenn ich nu nich eben zu dir wollte! Du glaubst es natürlich

nich, aber ich will dot hinschlagen, wenn es nich wahr is.«

»Mag's denn sein,« sagte Unrat.

Und es war die Wahrheit.

Die Künstlerin Fröhlich hatte, als Unrat sich durchaus nicht mehr blicken

ließ, zuerst einfach gesagt: »Na denn nich,« und hatte sich darauf gefaßt

gemacht, ihre eigene Wohnung nicht mehr zu beziehen, sondern vom Erlös der

geschenkten Möbel noch eine Zeitlang zu privatisieren, um dann, weil das

Ehepaar Kiepert anderweitig versorgt und schon abgereist war, ein neues

Engagement zu suchen. Sie hatte ihrem alten Unrat weiß Gott die

freundschaftlichsten Gefühle entgegengebracht; aber die konnte man einem

Menschen ja nicht am Reck vorturnen, und wenn er's nicht glauben wollte,

mußte er's lassen. Sie hatte ihre Philosophie. Es war viel leichter, einen zu

beschwindeln, nachdem man was angestellt hatte, als es einem zu beweisen,

wenn man grade mal wirklich unschuldig war. Überhaupt kam man aus dem

Versteckenspielen mit gewesenen Dingen nie mehr heraus, wenn ein Mann

schon in solchen offenbaren Kindereien wie der Hünengrabgeschichte ein Haar

fand und sich einbildete, sie ginge auch nach ihrer Bekanntschaft mit ihm mit all

und jedem. Dann war der Alte eben doch ihr Genre nicht. Es kam ja vor, daß

einer sich irrte; darin ergab man sich denn. Auf der Straße lief einem manchmal

einer nach, halbe Stunden lang, bis er es schließlich riskierte, überholte einen

und glupte einen von der Seite an. Da schwenkte er auf einmal ab und tat, als

wär' er's nicht gewesen. Unrat hatte sie bisher auch wohl bloß von hinten

gekannt, und sobald er sie ins Gesicht zu sehen kriegte, war's alle. Na laß ihm.

Wie sie dann die Zeit hingehn sah, sich langweilte und das bare Geld

vermißte, überlegte sie, daß es doch zu dumm sei, die Sache einfach so in die

Brüche gehn zu lassen. Der Alte schämte sich am Ende bloß, schmollte und

wartete, daß sie ihm 'n kleinen Finger hinhielt. Konnte gemacht werden. Er war

ja 'n altes Kind, 'n bißchen komisch eigensinnig. Sie dachte daran, wie er den

Kapitän aus der Garderobe hinausgesetzt hatte, und es deswegen sogar mit

Kiepert aufgenommen hatte; und sie lachte. Gleich nachher aber bekam sie

wieder die starren, sinnenden Augen, mit denen sie Unrat manchmal betrachtet

hatte. Eifersüchtig war er, das mußte wahr sein; und es gab ihr Hochachtung ein.

Vielleicht saß er nun und giftete sich und war ihr spinneböse und konnte vor

Galle nicht Mittag essen. So was war ja schrecklich. Ihr gutes Herz bewegte

sich. Und nicht nur ihres Vorteils wegen, nein, auch aus Mitleid und auch aus

Hochachtung machte sie sich auf den Weg.

 

»Wir haben uns ja lange nich gesehn,« sagte sie, schüchtern und spöttisch.

»Das hat denn auch seine Gründe,« brachte Unrat hervor. »Ich war – immer

mal wieder – beschäftigt.«

»Ach so. Und womit denn?«

»Mit meiner Entlassung aus dem Lehrkörper des hiesigen Gymnasiums.«

»Ich verstehe. Das hab' ich als Vorwurf aufzufassen.«

»Du bist gerechtfertigt. Ist doch auch der Schüler Kieselack entfernt worden

und der dem Gebildeten offen stehenden Laufbahnen für immer verlustig

gegangen.«

»Der Ekel, dem gönn' ich es.«

»Von diesem Geschick ist es nun freilich zu wünschen, daß es zahlreiche

andere Schüler ereile.«

»Ja wie sollen wir das bloß anstellen,« und sie lächelte von unten. Unrat

ward rot. Es entstand eine Pause, während deren sie ihn hineinführte und

hinsetzte. Sie glitt auf seine Knie, versteckte das Gesicht hinter seiner Schulter

und fragte demütig scherzend:

»Ist Unratchen seiner kleinen Künstlerin Fröhlich nu auch gewiß nich mehr

böse? Weißt du, was ich vor Gericht erzählt hab', das war ja tatsächlich alles.

Gott is mein Zeuge, hätt' ich fast gesagt, obschon das einem auch nischt hilft. Du

kannst mir aber glauben.«

»Mag's denn sein,« wiederholte er. Und in dem Bedürfnis, sich ihr näher zu

bringen durch Klärung und Zusammenfassung der Vorgänge:

»Es ist mir – traun fürwahr – recht wohl bekannt, daß die sogenannte

Sittlichkeit in den meisten Fällen auf das innigste mit Dummheit verknüpft ist.

Hieran kann höchstens der nicht humanistisch Gebildete zweifeln. Immerhin ist

die Sittlichkeit von Vorteil für den, der, sie nicht besitzend, über die, welche

ihrer nicht entraten können, leicht die Herrschaft erlangt. Es ließe sich sogar

behaupten und nachweisen, daß von den Untertanenseelen die sogenannte

Sittlichkeit strenge zu fordern sei. Diese Forderung hat mich indes – aufgemerkt

nun also! – niemals dazu verleitet, zu erkennen, daß es andere Lebenskreise

geben mag mit Sittengeboten, die von denen des gemeinen Philisters sich

wesentlich unterscheiden.«

Sie lauschte angestrengt und verwundert.

»Ach nee. Wo sind denn die. Is das kein Schwindel?«

»Ich selbst,« fuhr Unrat fort, »habe mich persönlich stets an den sittlichen

Gepflogenheiten des Philisters beteiligt: nicht, weil ich ihnen Wert beigemessen

oder mich an sie gebunden erachtet hätte, sondern weil ich – vorwärts, immer

mal wieder! – keinen Anlaß traf, mich von ihnen zu trennen.«

Er mußte sich im Sprechen selber anfeuern, so stockend und von Farbe und

Kraftlosigkeit des heftigsten Schamgefühls befallen, brachte er seine kühne Lebensauffassung zum Vorschein.

Sie bewunderte seine Rede und fühlte sich geschmeichelt, weil er sie ihr, nur

ihr zum Besten gab. Als er noch hinzusetzte:

»Von dir dagegen habe ich, ich kann nicht umhin, dies festzustellen, zu

keiner Zeit einen dem meinigen verwandten Lebenswandel erwartet,«

– da schnitt sie ihm vor Überraschung und Rührung eine Fratze und küßte

ihn. Sie ließ kaum seinen Mund los, und er erläuterte schon wieder:

»Was jedoch nicht verhinderte –«

»Na was denn? Was verhinderte es denn nich, Unratchen?«

»– daß meine zu dir gefaßte Zuneigung mir das Ertragen der dem Grundsatze

nach zu billigenden Dinge in diesem konkreten Falle erheblich erschwert hat, ja,

daß diese Dinge mir zum Schmerze gereicht haben.«

Sie erriet ungefähr, und hielt ihm ein schmeichlerisch-schiefes Köpfchen hin.

»Denn ich erachte dich für eine solche, deren teilhaftig zu werden nicht so

leicht einer verdient.«

Sie ward ernst und nachdenklich.

Unrat beschied sich.

»Mag's denn sein.«

Aber dann, hervorgestoßen, unter dem Ansturm einer schrecklichen

Erinnerung:

»Nur einen gibt es, den könnte ich dir nie verzeihn, dessen mußt du dich –

traun fürwahr – enthalten, den darfst du niemals wiedersehen. Das ist

Lohmann!«

Sie sah ihn erschöpft, voller Schweißtropfen, und begriff es nicht, weil sie

nichts wußte von dem quälerischen Bilde, das ihn einmal überwältigt hatte –

Lohmanns Bild mit ihrem.

»Ach ja,« äußerte sie. »Auf den bist du immer so wild gewesen. Du wolltest

doch Wurst aus ihm machen. Sollst du auch, mein Unratchen, sei man wieder

gut. Mir sagt so'n dummer Junge gottlob gar nischt. Wenn ich dir das bloß

klarmachen könnte. Aber da gibt's auch nischt was hilft. Man möchte weinen.«

Und sie hatte in Wahrheit Lust dazu: weil sie durchaus keinen Glauben fand

in betreff ihrer Herzenskühle gegen Lohmann; und weil sie ganz im

Hintergrunde ihres Herzens etwas Lohmann Angehendes ahnte, das ihr die

Glaubwürdigkeit eigentlich genommen hätte; und weil Unrat, das dumme alte

Kind, so oft und so ungeschickt daran rührte; und weil es im Leben sichtlich den

Frieden nicht gab, den sie sich sehnlich wünschte.

Aber weil Unrat die Herkunft ihrer Tränen nicht verstanden haben würde,

und weil sie die Lage nicht unnötig verwickeln wollte, versagte sie sich das

Weinen.

Übrigens kam jetzt eine schöne Zeit. Sie gingen zusammen aus und

vervollständigten Einrichtung und Ausstattung der Künstlerin Fröhlich. In

Toiletten aus Hamburg saß sie fast jeden Abend in einer Loge im Stadttheater,

und Unrat, an ihrer Seite, empfing mit einer hinterhältigen Genugtuung alle die

neidisch-entrüsteten und übelwollend-begehrlichen Blicke, die herüberkamen.

Nun ward auch das Sommertheater eröffnet, und man konnte sich, mitten unter

die wohlhabende und ehrbare Gesellschaft, in den Garten setzen, Butterbrot mit

Lachs essen und sich freuen, daß es einem nicht gegönnt ward.

Die Künstlerin Fröhlich trug kein Bedenken mehr, Unrat den feindseligen

Einflüssen auszusetzen. Die Gefahr war überstanden, er hatte ihretwegen seine

Entlassung auf sich genommen samt der allgemeinen Ächtung.

Es war ihr anfangs ein wenig unheimlich dabei zumute gewesen. Wie grade

sie dazu käme, meinte sie im stillen, daß einer sich ihretwegen so viel auf den

Hals lüde. Zunächst zuckte sie die Achseln: »Die Männer sind nu mal so.«

Allmählich sah sie ein, daß er recht gehabt hatte, und daß sie dies und noch

mehr wert sei. Unrat wiederholte ihr so standhaft, wie hoch sie stehe und wie

wenig die Menschheit ihren Anblick verdiene, daß sie endlich anfing, sich selbst

sehr ernst zu nehmen. Es hatte sie noch niemand so ernst genommen, und darum

auch sie selbst sich nicht. Sie war dem dankbar, der es sie lehrte. Sie fühlte, daß

sie sich bemühen müsse, ihrerseits den Mann recht hoch zu schätzen, der ihr eine

solche Stellung anwies. Sie tat mehr: sie strengte sich an, ihn zu lieben.

Plötzlich erklärte sie ihm, sie wolle Lateinisch lernen. Er willfahrte ihr

sofort. Sie ließ ihn dann reden, antwortete falsch oder überhörte die Frage und

sah ihn nur immer an, voll anderer Fragen an sich selbst. In der dritten

Unterrichtsstunde erkundigte sie sich:

»Nu sag mal, Unratchen, was is denn eigentlich schwerer zu kapieren, Latein

oder Griechisch?«

»Meistens wohl das Griechische,« entschied er, und darauf sie:

»Denn will ich Griechisch lernen.«

Er war entzückt; er fragte:

»Warum jedoch?«

»Darum, mein Unratchen.«

Sie küßte ihn, und es sah aus, wie die Parodie einer Zärtlichkeit. Und doch

war es eine echt gemeinte. Er hatte sie ehrgeizig gemacht; und sie verlangte, ihm

zu Ehren, statt des Lateinischen das Griechische, weil es schwerer war. Ihr

Verlangen war eine Liebeserklärung – die vorweggenommene Erklärung einer

Liebe, zu der sie sich nötigen wollte.

Schwer genug fand sie's ja, ihr altes Unratchen zu lieben. Griechisch war

auch nicht schwerer. Sie strich immer, als wollte sie ihn sich recht zu eigen

machen, mit den Fingern um den Umriß seiner hölzernen Maske, um die

klappenden Kiefer, die eckigen Höhlen, aus deren Winkeln seine Augen

hervorschielten, giftig nach allen andern, und nach ihr voll kindlicher

Dienstfertigkeit. Das gab ihr Mitleid ein und leichte Zärtlichkeit. Seine Gebärden

und seine Worte, die hilflose Komik der einen und die umständliche Geistigkeit

der andern: alles rührte sie. Auch an die Hochachtung, die er verdiente, erinnerte

sie sich oft. Aber weiter kam sie nun einmal nicht.

Um den Mißerfolg ihres Gefühls zu vergüten, nahm sie einige Male beim

Griechischen allen ihren Verstand zusammen. Unrat rötete sich fleckig und eilte

wonnebebend den Partikeln entgegen. Als er den Homer aufschlug und sie zum

erstenmal ein μὲν ... δὲ νῦν herauslesen ließ – als diese geliebten Laute nun

wirklich aus dem bunten Gesicht der Künstlerin Fröhlich und von ihren anmutig

bemalten Lippen fielen: da klopfte sein Herz. Er mußte das Buch weglegen und

sich sammeln. Seine Atmung war noch sehr in Unruhe; er nahm auf dem Tisch

die kleine weiche und immer etwas fettige Hand der Künstlerin Fröhlich und

sagte, er sei nicht gesonnen, sich auch nur für eine Stunde des ihm erübrigenden

Lebens von ihr zu trennen. Er wolle sie heiraten.

Erst verzog sie den Mund zum Weinen. Darauf lächelte sie bewegt, lehnte

ihre Wange an seine Schulter und wiegte sich darauf. Das Wiegen ward zum

Zucken; ihr Jubel brach aus, sie riß Unrat vom Stuhl, schwenkte ihn umher.

»Nu wer' ich Frau Unrat! Ich lach' mir ja 'n Ast! Frau Professor Unrat – nee,

Raat, bitte, meine Herrschaften.«

Und sie spielte sofort eine würdige Dame, die sich im Sessel niederläßt.

Einen Augenblick redete sie vernünftig: nun wolle sie gar nicht mehr ihre neue

Wohnung; das Meiste sei doch schon verkauft. Nun wolle sie mit in Unrats Villa

vorm Tor, und sie ganz neu einrichten! Dann platzte sie wieder aus. Schließlich

beruhigte sie sich, ward nachdenklich aussehn, und äußerte nur noch:

»Was aus 'n Menschen werden kann.«

Als er fragte, ob sie sich freue, und die Dinge sollten doch wohl recht bald

von statten gehen, lächelte sie nur noch zerstreut.

Sie schien ihm die folgenden Tage niemals ganz bei der Sache. Zuweilen sah

sie geradezu sorgenvoll aus, leugnete es aber standhaft. Sie ging oft aus und

ward ungeduldig, wenn er mitwollte. Er war betroffen und empfand dunkel ein

peinliches Rätsel. Eines Tages kam er darüber zu, wie sie aus einem niederen

Gasthaus trat. Nach einer Weile schweigsamen Nebeneinandergehens versetzte

sie geheimnisvoll:

»Es is nich immer alles so, wie mancher woll meint.«

Dies beunruhigte ihn vollends, aber sie wollte sich nicht erklären.

Eines weiteren Tages endlich trippelte, wie Unrat allein und betrübt durch

die mittäglich leere Siebenbergstraße ging, ein kleines weißgekleidetes Kind auf

ihn zu und sagte mit einem einfältigen Plärrstimmchen:

»Komm nach Haus, Papa.«

Unrat blieb erstaunt stehen und sah auf die kleine, weißbehandschuhte Hand,

die das Kind ihm hinstreckte.

»Komm nach Haus, Papa,« wiederholte es.

»Was heißt nun das?« fragte Unrat. »Wo wohnst du denn?«

»Da,« und es zeigte hinter sich.

Unrat sah auf, und da erblickte er an der nächsten Ecke die Künstlerin

Fröhlich, mit schmeichlerisch schiefem Köpfchen und mit einer halben Gebärde

der Hand, die sich schüchtern ein Stückchen von der Hüfte weg bewegte, als

entschuldigte sie und als bäte sie.

Unrat klappte ratlos mit den Kiefern. Auf einmal hatte er begriffen; und das

weißbekleidete Händchen, das ihm noch immer hingehalten ward, er nahm es

einfach.