Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Heinrich Mann · Kapitel 6 von 18

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Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Kapitel V

 

 

Lohmann, Graf Ertzum und Kieselack spazierten hintereinander um den

Saal. Wie sie unter der Bühne vorbeikamen, stieß Kieselack einen schrillen Pfiff

aus.

»Ins Kabuff!« kommandierte er; und sie drückten sich in die

Künstlergarderobe. Die dicke Frau flickte irgend etwas.

»Nu?« fragte sie. »Wo haben Sie denn gesteckt, meine Herren? Ihr Lehrer

hat uns Gesellschaft geleistet.«

»Mit dem verkehren wir nicht,« erklärte Lohmann.

»Er ist aber ein feingebildeter Mann und ganz leicht um den Finger zu

wickeln.«

»Wickeln Sie!«

»O, ich nicht, meine Herren, Sie wollen gewiß uzen. Aber ich weiß

jemand –«

Sie kam nicht weiter, denn Kieselack kitzelte sie unter der Achsel. Er hatte

sich überzeugt, daß die andern nicht hinsahen.

»Das dürfen Sie nicht, Kleiner«; und sie hob den Klemmer von der

Nasenspitze. »Wenn Sie das öfter tun, kann Kiepert Sie mal anblasen.«

»Beißt er?« fragte Kieselack von unten; und die Frau nickte mit

geheimnisvollen Falten, als beteuerte sie einem Kinde, der schwarze Mann sei

eine Tatsache.

Lohmann sagte von hinten, vom Toilettentisch her, neben dem er, die Hände

in den Hosentaschen, auf einem Stuhl lag:

»Kieselack, du Frechmops, bist entschieden zu weit gegangen mit Unrat.

Was brauchtest du ihn noch zu reizen, wie er hier rausgekommen ist. Er ist ja

auch nur ein Mensch, und über seine Kräfte muß man ihm keine Gemeinheiten

zumuten. Jetzt kann er uns Stank machen.«

»Ich werd' ihm!« prahlte Kieselack.

Ertzum saß in der Mitte, mit den Ellenbogen auf dem Tisch; er knurrte nur,

und sein blondrotes Gesicht unter einer Kuppel roter Borsten, die die Hängelampe beglänzte, blieb unverrückt nach der Tür gerichtet. Plötzlich schlug

er auf den Tisch.

»Bloß noch ein einziges Mal soll sich dieses Vieh hier blicken lassen, und

ich brech' ihm alle Knochen entzwei!«

»Fein!« sagte Kieselack. »Dann kann er uns den Klassenaufsatz nicht

wiedergeben. Meiner ist ja doch lauter Unsinn.«

Lohmann sah lächelnd zu.

»Die Kleine scheint dich wirklich unterzukriegen, Ertzum. Solche Töne

findet nur wahre Liebe.«

Und da draußen der Applaus verrauschte, und die Tür aufging:

»Gnädiges Fräulein, man ist bereit, für Sie zum Mörder zu werden.«

»Ihre faulen Redensarten können Sie sich sparen,« erwiderte sie ungnädig.

»Ich hab' mit Ihrem Lehrer über Sie gesprochen, der ist auch nich gerade

begeistert von Ihnen.«

»Was will denn der alte Hammel?«

»Fassen will er Sie und Wurst aus Ihnen machen, sonst nichts!«

»Fräulein Rosa,« stammelte Ertzum; er hatte, seit sie im Zimmer war, einen

demütigen Rücken und einen Blick, der flehte.

»Mit Ihnen is auch nischt los,« erklärte sie ihm.

»Das einfachste wär' doch wohl gewesen, Sie wären im Saal geblieben und

hätten anständig geklatscht. Da sind gewisse Rauhbeine, die wollten mich

anöden.«

Ertzum stürzte vor.

»Wo sind die Kerls! Wo sind die Kerls!«

Sie holte ihn zurück.

»Sein Sie so gut! Machen Sie Krach! Dann flieg' ich noch heut' abend hier

raus. Können Sie mir vielleicht Ihr Palais zur Verfügung stellen, Herr Graf?«

»Sie sind ungerecht, gnädiges Fräulein,« sagte Lohmann. »Er ist erst heute

wieder Ihretwegen bei seinem Vormund, Konsul Breetpoot, gewesen. Aber

dieser Bürger hat keinen Sinn für die große Leidenschaft, er gibt kein Geld her.

Ertzum möchte Ihnen, soviel an ihm liegt, alles zu Füßen breiten: seinen Namen,

eine glänzende Zukunft, ein Vermögen. Er ist weiß Gott von hinreichend

einfachem Geiste, um das zu tun. Darum gerade, gnädiges Fräulein, wäre es

unrecht von Ihnen, wenn Sie seine so sympathische Einfachheit mißbrauchen

wollten. Schonen Sie ihn!«

»Ich werd' wohl allein wissen, was ich zu tun hab', Sie Baffze ... Und wenn

Ihr Freund keine solche Schnauze hat wie Sie, denn hat er darum bloß noch

mehr Aussicht, daß er bei mir –«

»Das Ziel der Klasse erreicht,« ergänzte Kieselack.

»Sie kenn' ich, Sie sind einer von den Heimlichen;« und sie trat Lohmann

näher. »Hier tun Sie, als ob die Welt Sie kalt ließe, und hinterrücks bedichten Sie

einen in dreckiger Weise.«

Lohmann lachte verlegen.

»Sie sind überhaupt der Letzte, dem ich 'n irgendwie triftigen Grund geben

werd' zu der Annahme, ich könnt' in die Wochen kommen. Verstehn Sie mich?

Der Letzte.«

»Also gut. Der Letzte. Ich warte so lange,« sagte Lohmann gelangweilt; und

indes sie ihm den Rücken drehte, streckte er die Beine von sich und richtete das

Gesicht gegen die Decke. Er saß hier ja ohne persönliches Interesse und nur als

ironischer Zuschauer. Ihm konnte doch die Person gleich sein. Um sein,

Lohmanns Herz stand es wahrhaftig viel zu ernst, viel ernster, als man je

erfahren würde ... Er machte sich einen Panzer aus Spott ...

Das Klavier hatte sich ausgeruht.

»Rosa, Ihr Lieblingswalzer!« sagte die dicke Frau.

»Wer will tanzen?« fragte Rosa. Sie wippte schon, und sie lächelte Ertzum

zu. Aber Kieselack kam dem breiten Junker zuvor. Er legte Hand an Rosa, wie

zu einem Gassenjungenstreich, drehte sie heimtückisch sachte herum und

schleifte plötzlich ganz weit aus. Sie fiel fast hin. Dabei streckte er ihr die Zunge

aus und kniff sie, von allen ungesehen, auf der Rückseite. Sie erschrak und sagte

ärgerlich und zärtlich:

»Wenn du Ekel das noch mal tust, sag' ich es ihm, und er verhaut dich.«

»Das laß bleiben!« riet Kieselack ihr wispernd. »Sonst sag' ich ihm auch

was.«

Sie lachten, ohne die Mienen zu verziehen. Ertzum sah ihnen zu, verstörten

Blicks, das blondrote Gesicht voller Schweißtropfen.

Inzwischen hatte Lohmann die dicke Frau aufgefordert. Rosa ließ Kieselack

stehen und sah Lohmann zu, der gut tanzte. Die dicke Frau ward unter seinen

Händen ganz leicht. Als es ihm genug schien, verbeugte er sich gnädig und

kehrte, ohne Rosa zu bemerken, an seinen Platz zurück. Sie folgte ihm.

»Tanzen kann man meinswegen mit Ihnen. Wenn Sie auch sonst zu nischt zu

brauchen sind.«

Er zuckte die Achseln, drückte seine Gleichgültigkeit noch durch einen der

schauspielerhaften Faltenwürfe seines Gesichts aus und erhob sich. Sie walzte

lange, schwelgerisch und hingegeben.

»Haben Sie genug?« fragte er endlich höflich. Und als sie erwachte:

»Nun, dann –«

»Hab' ich 'nen Durst!« rief sie, außer Atem. »Herr Graf, geben Sie mir was

zu trinken, oder ich fall' um.«

»Er steht selbst nicht sicher,« bemerkte Lohmann. »Er sieht ja aus wie der

besoffene Mond.«

Ertzum keuchte, als ob die ganze Zeit nur er das Mädchen herumgedreht

hätte. Er senkte eine Flasche, die ihm in der Hand zitterte, und aus der nur noch

ein Rest floß. Darauf sah er Rosa ratlos an. Sie lachte. Die dicke Frau sagte:

»Ihr Herr Lehrer hat, scheint's, 'n guten Zug.«

Ertzum begriff; ein Schwindeln ging sichtbar durch seine Augen. Er erfaßte

plötzlich die leere Flasche am Hals, wie eine Keule.

»Nanu,« machte Rosa. Und nach einem Augenblick, während dessen sie ihn

beurteilt hatte:

»Mein Taschentuch liegt unterm Tisch. Holen Sie's mal 'raus, ja?«

Ertzum bückte sich, steckte den Kopf unter den Tisch, wollte hingreifen.

Aber seine Knie bogen sich; er kroch, und das Mädchen sah ihm zu, auf das

Tuch los, nahm es mit den Zähnen vom Boden, kehrte auf den Händen unter den

Tischrand zurück. Da blieb er und hielt die Augen geschlossen, erschlafft von

dem fettigen, fad parfümierten Geschmack des grauweißen Fetzens, worin

Schminke abgewischt war. So stand nun, gleich vor seinen geschlossenen Lidern

und unerreichbar, das Weib, von dem er Tag und Nacht träumte, an das er

glaubte, für das er sein Leben gelassen hätte! Und weil sie arm war und er sie

noch nicht zu sich emporziehen durfte, mußte sie ihre Reinheit Gefahren

aussetzen und mit schmutzigen Leuten verkehren, sogar mit Unrat. Es war ein

furchtbares, einziges Geschick.

Nachdem sie ihr Werk bewundert hatte, nahm sie ihm das Tuch aus dem

Gebiß und sagte:

»So is scheen, mein Hundchen.«

»Fabelhaft,« bemerkte Lohmann.

Und Kieselack, der einen weit abgenagten Fingernagel an den Mund führte,

mit einem Senkblick von einem seiner Kameraden zum andern:

»Bildt euch man nix ein. Ihr erreicht ja doch nicht rechtzeitig das Ziel der

Klasse.«

Dann blinzelte er Rosa Fröhlich zu. Er selbst hatte es schon erreicht.

 

Lohmann sagte:

»Zehn ein halb. Ertzum, dein Pastor kommt vom Bier, du mußt in die

Klappe.«

Kieselack hatte Rosa etwas zugeraunt, schäkerhaft und drohend. Wie die

beiden andern aufbrachen, war er verschwunden.

Die Freunde gingen dem Stadttor zu.

»Ich kann dich hinausbegleiten,« erklärte Lohmann. »Meine Alten sind auf

dem Ball bei Konsul Breetpoot. Wie findest du das, daß unsereiner nicht

eingeladen wird? Da tanzen nun schon die Gänse, mit denen ich Tanzstunde

gehabt habe.«

Ertzum schüttelte stürmisch den Kopf.

»Solch ein Weib ist doch nicht dabei! Letzte Sommerferien war ich auf

unserm Familientag mit allen Ertzumschen Mädchen und so und so vielen

angeheirateten Püggelkrooks, Ahlefeldts, Katzenellenbogens –«

»Und so weiter.«

»Aber meinst du, daß eine das gehabt hätte?«

»Was denn?«

»Na das. Du weißt schon. Sie hat auch, was ein Weib ganz besonders haben

muß, nämlich sozusagen Seele.«

Ertzum sagte »sozusagen«, weil das Wort Seele ihm Scham machte.

»Und dann ihr Taschentuch,« ergänzte Lohmann. »So eins hat keine

Püggelkrook.«

Ertzum begriff langsam die Anspielung. Er trachtete die dumpfen Instinkte,

die ihm vorhin einen so sonderbaren Auftritt bereitet hatten, mühselig ans Licht

zu ziehen.

»Du mußt nicht denken,« sagte er, »daß ich so was ohne Absicht tue. Ich will

ihr gradezu zeigen, daß sie trotz ihrer niedrigen Abkunft über mir steht, und daß

ich sie ernstlich zu mir emporziehen will.«

»Sie steht ja über dir.«

Ertzum wunderte sich selbst über diesen Widerspruch. Er stotterte:

»Du sollst sehen, was ich tun werde!... Der Hund, der Unrat kommt mir kein

zweites Mal lebendig in ihre Garderobe.«

»Ich fürchte, er möchte es uns grade so verleiden, wie wir ihm.«

»Er soll es nur wagen.«

»Ein feiger Kerl ist er ja nur.«

Sie waren dennoch in Sorge; aber sie sprachen nicht mehr davon.

Sie gingen zwischen den leeren Wiesen hin, auf denen im Sommer das

Volksfest spielte. Ertzum, von weiter Nacht und Sternen leichter gemacht, fand

in seinem Sinn glänzende Auswege in die Freiheit, heraus aus diesem Bürgernest

und aus der staubigen Anstalt, wo sein großer ländlicher Körper in lächerlichen

Fesseln saß. Denn er war dessen jetzt, seit er liebte, gewahr geworden: daß er

sich lächerlich ausnahm auf der Schulbank, an einer falschen Antwort stotternd,

den Stiernacken geduckt, hilflos, weil der hochschulterige Schwächling auf dem

Katheder ihn giftig anschielte und dazu pfauchte. Alle seine Muskeln, von denen man hier Zahmheit verlangte, sehnten sich danach, belastet zu werden, drängten

ihn, mit einem Schwert und einem Dreschflegel um sich hauen, ein Weib über

seinen Kopf zu schwingen, einen Bullen am Horn zu packen. Seine Sinne gierten

nach riechbaren Bauernmeinungen, nach greifbaren Begriffen, auf festem Boden

tief unter der dünnen klassischen Geistigkeit, worin ihm der Atem ausging; nach

der Berührung mit der nackten schwarzen Erde, die ein Jäger an seinen Sohlen

fortträgt, und mit der Luft, die einem galoppierenden Reiter ums Gesicht schlägt;

nach dem Lärm gefüllter Schenken und zusammengekoppelter Hunde, nach dem

Brodem eines herbstlichen Waldes und eines feuchten Pferdes, das Kot fallen

läßt ... Vor drei Jahren hatte daheim eine Kuhmagd, die er gegen einen starken

Viehjungen verteidigt hatte, ihm damit gedankt, daß sie ihn ins Heu geworfen

hatte. Durch diese Dirn hindurch fühlte er heute die Chanteuse Rosa Fröhlich.

Sie weckte in ihm einen weiten grauen Himmel mit einer Menge heftiger Laute

und Gerüche. Sie weckte alles, was seine eigene Seele war. Darum tat er ihr die

Ehre an, dies für ihre Seele zu halten, ihr viel, viel Seele beizulegen, und sie sehr

hochzustellen.

 

Die beiden Schüler erreichten die Villa des Pastors Thelander. Sie hatte zwei

Balkons, in der Mitte des ersten und des zweiten Stocks, zwischen

Mauerpfeilern mit knorrigen Reben herum.

»Dein Pastor ist schon zu Haus,« sagte Lohmann und zeigte auf ein Licht im

ersten Stock. Sie kamen näher; das Licht ging aus.

Ertzum sah verdrossen und schon wieder besiegt nach dem angelehnten

Fenster im obern Stock, zu dem er hinauf mußte. Dahinter roch es, aus seinen

Kleidern und seinen Büchern heraus, schon wieder nach der Klasse. Die Luft der

Klasse verfolgte ihn Tag und Nacht ... Er tat einen Sprung voll plumpen Zorns,

kletterte die Reben hinauf, machte Halt auf dem Geländer des ersten Balkons

und sah sich noch einmal sein Fenster an.

»Lange mach' ich das nicht mehr mit,« sagte er hinunter. Dann stieg er

weiter, stieß mit dem Fuß das Fenster auf und ließ sich hinein.

»Träume sanft,« sagte Lohmann, mit mildem Spott, und kehrte um, ohne das

Knirschen seiner Schritte zu vertuschen. Pastor Thelander, der sein Licht löschte,

um nichts merken zu müssen, war nicht der Mann, Lärm zu schlagen wegen des

nächtlichen Ausganges eines Grafen Ertzum, für den jährlich viertausend Mark

Pension bezahlt wurden ... Und kaum aus dem Vorgarten heraus, war Lohmann

wieder bei Dora.

So gab nun Dora ihren großen Ball. Sie lachte in dieser Minute hinter ihrem Fächer ihr fremdes, schmachtend grausames Kreolinnenlachen. Assessor Knust

lachte vielleicht mit; vielleicht entschied es sich heute für Knust. Denn mit

Leutnant von Gierschke schien es aus zu sein ... Lohmann zog den Hals ein,

drückte die Zähne in die Unterlippe und lauschte drauf, wie er litt ...

Er liebte Frau Konsul Breetpoot, eine dreißigjährige Frau. Seit vor drei

Wintern die Tanzstunde einmal in ihrem Hause gewesen war, liebte er sie. Sie

hatte ihm einen Orden angesteckt – o nur, weil sie seinen Eltern zu schmeicheln

wünschte; er wußte es. Er sah sie seither durch Türspalten, bei großen Festen in

seinem Elternhaus, zu denen er keinen Zutritt hatte, – sah sie mit ihren

Liebhabern: er! Jeden Augenblick konnte die Tür aufgestoßen werden, dann

hätte er dagestanden, zerstört, schmerzzerrissen; alles wäre verraten. Und für

diesen Fall war Lohmann fest entschlossen, sein Leben zu beschließen. Eine alte

Flinte, mit der er auf dem Kornspeicher nach Ratten jagte, lag bereit ...

Er bekundete eine väterliche Freundschaft für ihren jungen Sohn, einen

Quartaner, dem er seine alten Aufsätze zum Abschreiben gab. Er liebte ihr Kind!

Einmal, als er zugunsten Breetpoots in eine Prügelei der Jungen eingegriffen

hatte, war ihm auf mehreren Lippen ein fragwürdiges Lächeln begegnet. Der

Flintenlauf kehrte sich schon seiner Brust zu ... Nein, niemand wußte es; und

Lohmann durfte sie weiter erleben und sich vorspielen, die wilde Keuschheit, die

wollüstigen Bitternisse, die schüchterne, eitle, trostreiche Weltverachtung seiner

siebzehn Jahre, und die Verse, die er in Nächten auf die Rückseite eines alten

Ballordens kritzelte ...

Von ihm also, der ganz durchseucht war mit harmvoller Empfindung,

verlangte ein Mädchen wie diese Rosa Fröhlich, er solle sich von ihr zur Liebe

angereizt fühlen. Es ließ sich nicht leicht etwas Ironischeres denken. Er machte

Verse, auch auf sie – nun ja. Der Gegenstand war doch gleichgültig für die

Kunst. Wenn sie meinte, daß das etwas beweise ... Sie tat beleidigt, er lachte ihr

ins Gesicht, das machte sie natürlich erst recht auf ihn versessen. Er

beabsichtigte das wahrhaftig nicht; er war einigermaßen entfernt davon, die

Chanteuse des Blauen Engels um ihre Liebe zu bitten. Es mußte dort im Saal

Matrosen und Kommis geben, die für eine Summe zwischen drei und zehn Mark

von ihr beglückt worden waren ...

Vielleicht fühlte er sich dennoch geschmeichelt? Warum leugnen. Es gab

Stunden, wo er dieses Mädchen zu seinen Füßen zu sehen wünschte, wo er sie

begehrte, um sie zu demütigen, um ihren Liebkosungen den Geschmack düstern

Lasters zu geben – und durch solch Laster seine eigene Liebe zu beschmutzen, in

der auf den Knien bettelnden Dirne sie, Dora Breetpoot selbst zu erniedrigen und

dann vor ihr hinzusinken und köstlich zu weinen!

Von diesen Gedanken durchbebt ging Lohmann in die Kaiserstraße vor das erleuchtete Haus des Konsuls Breetpoot und erwartete unter den über die Fenster

gleitenden Schatten den einen.