Weil dein Herz zu mir spricht
Secret Love
We loved with a love, that was more than love!
~ Edgar Allan Poe
Kapitel 1
Lord Eric Brown stand am Fenster seiner Bibliothek und blickte nach draußen in einen neblig-trüben Märztag. Er beobachtete den neuen Stallmeister, der gerade seinen Hengst Black Thunder über den Hof zurück in den Stall führte und dabei einige Mühe hatte, es ruhig zu halten. Immer wieder tänzelte das englische Vollblut und riss den Kopf unruhig in die Höhe. Eric bewunderte das wunderschöne, majestätische Tier, dessen rötlich-schwarzes Fell sauber glänzte und das den dunklen Schweif in die Höhe hielt.
Außerdem bewunderte er noch den Mann, der mit dem Pferd gerade aus seinem Blickwinkel verschwand. Er war großgewachsen und von schlanker Gestalt, seine Haut war gebräunt und sein Haar kräuselte sich in schwarzen Locken. Seine fremdländische Natur war nicht zu leugnen, besonders hier auf dem Land, in der Nähe von London. Seine Referenzen wiesen ihn einwandfrei als Stallmeister aus, der sein Fach in den ehemaligen Kolonien in Amerika, im Staate Georgia, gelernt hatte. Mehr war über ihn jedoch nicht bekannt, weder sein genauer Geburtsort noch seine Abstammung waren im Lebenslauf angegeben. Sein letzter Aufenthaltsort war Calais gewesen, die nordfranzösische Hafenstadt, über die er wohl auch nach England gekommen war.
Eric ging zu einem Sessel, der vor dem Kamin stand, in welchem ein wärmendes Feuer loderte. Er griff nach der Akte auf dem Beistelltisch und schlug sie auf. Dort sah er sich noch einmal die Unterlagen des Mannes durch. Sein Name war ziemlich speziell: Jelani Bennett.
Jelani. Eric ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen und sprach ihn langsam aus. »Je-la-ni.«
Laut den Angaben seines Geburtstages im Oktober, war er gerade mal einundzwanzig Jahre alt, noch sehr jung, und trotzdem war er schon Stallmeister. Nun, in der neuen Welt wurden die Dinge gewiss anders gehandhabt wie hier, und da der Mann ein Diplom vorweisen konnte, würde er sein Können nicht in Frage stellen.
Barnes hatte ihn eingestellt, nachdem der alte Thewlis krank geworden war und sich nach seiner Genesung, und in Anbetracht seines Alters, in den Ruhestand begeben hatte.
Nun war Bennett der neue Stallmeister hier auf Stilton House, seit zwei Wochen erst auf dem Anwesen des Lords und bis jetzt machte er einen guten Job. Eric legte die Mappe zurück auf den Tisch und sah gedankenverloren in das knisternde Kaminfeuer.
Plötzlich ging die Tür auf und sein Sohn Vincent stürmte herein. Fröhlich rannte der sechsjährige zu ihm und kletterte lachend auf seinen Schoß. »Paps, ich habe heute gelernt, meinen Namen zu schreiben«, rief er enthusiastisch und gab seinem Vater einen Kuss auf die Wange.
Der sah ihn freudig an. »O, das ist ja wirklich wundervoll Vincent.« Eric lächelte und strich seinem Sohn sanft das blonde Haar zurück.
»Ja, nicht wahr Paps?« Damit sprang der Kleine von seinem Schoß. »Und morgen lerne ich noch mehr Wörter, sagt Miss Lancaster. Bald kann ich lesen und schreiben, es dauert bestimmt nicht mehr lange.« Vincent grinste stolz, als er seinen Vater ansah.
Der stand auf, nahm seinen Sohn bei der Hand und ging mit ihm zur Tür. »Na aber sicher, mein Sohn. Du wirst es bestimmt in Windeseile gelernt haben.«
Als sie auf den Flur traten, kam eine sichtlich abgehetzte Miss Lancaster auf die beiden zu. »Ach, da ist ja der kleine Ausreißer«, meinte sie außer Atem und sah Vincent streng an. »Der Unterricht war noch nicht beendet, junger Mann.« Sie strich sich eine Strähne ihres braunen Haares hinters Ohr und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
Vincent versteckte sich hinter seinem Vater und lugte schelmisch hinter seinem Rücken hervor.
»Ach, ausgerissen ist mein Sohn also?« Er drehte sich zu ihm um, ging in die Hocke und sah Vincent ins Gesicht. »Das sollst du doch nicht tun. Das nächste mal wartest du, bis der Unterricht beendet ist, bevor du zu mir kommst und mir die frohen Neuigkeiten erzählst. Wirst du das machen, Vincent?« Dabei lächelte er ihn geduldig an.
Sein Sohn nickte und blickte zerknirscht drein. Eric stand auf und meinte dann noch: »Dann auf, geh mit Miss Lancaster. Dein Unterricht ist noch nicht beendet für heute.«
Die Gouvernante sah Eric dankbar an, dann griff sie nach Vincents Hand und sie gingen in den hinteren Bereich des Anwesens, in dem sich der Unterrichtsraum befand.
Eric war heilfroh, dass er Miss Lancaster hatte, die sich wirklich rührend um seinen Sohn kümmerte, der nach dem Tod seiner Mutter als Halbwaise aufwachsen musste. Henrietta war vor knapp zwei Jahren an einer schweren Krankheit verstorben und seitdem war Lord Eric Brown nicht nur der Besitzer eines Gestüts und Rennstalls, sondern auch noch Witwer und alleinerziehender Vater. Damals hatte er Judy Lancaster eingestellt, damit er sich weiterhin um die Geschäfte kümmern konnte und sein Sohn versorgt war. Sie bewohnte die Räumlichkeiten direkt neben dem Zimmer von Vincent, damit sie rund um die Uhr für ihn da sein konnte.
Als die beiden in einer Tür verschwunden waren, lief Eric durch die große Eingangshalle und dann hinaus. Er bog nach links ab, lief die steinerne Treppe hinunter und ging zu den Stallungen, die sich nicht weit vom Haupthaus befanden. In der feuchtkalten Luft fing er an zu frösteln und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Er hätte sich doch einen Mantel überziehen sollen. Nun ja, jetzt war es zu spät, also beeilte er sich und betrat wenig später den Stall, in dem seine eigenen Reitpferde untergebracht waren. Hier war es schon etwas wärmer als draußen, aber leider immer noch kühler, als im Haus.
Er ging zur Box von Black Thunder, blieb dann in der Tür stehen und beobachtete, wie Mr. Bennett den Hengst gerade mit langsamen, kräftigen Strichen striegelte. Das Pferd hob den Kopf und schnaubte kurz zur Begrüßung.
Bennett hielt inne und sah zu Eric. Als er erkannte, wer da plötzlich aufgetaucht war, straffte er seine Schultern und sah überrascht aus. »My Lord …«, begrüßte er ihn und neigte kurz den Kopf.
Eric betrat die Box, ging langsam zu Black Thunder und streichelte sanft dessen Kopf. Das Pferd stupste ihn leicht an und ließ die Berührungen zu. »Machen Sie nur weiter, lassen Sie sich durch mich nicht stören.« Er sah in das Gesicht des Mannes, dessen dunkle Augen ihn neugierig ansahen. Leichte Verwirrung zeigte sich dann auf dessen Gesicht und er wusste wohl nicht so ganz, wie er sich nun verhalten sollte, jetzt, wo der Herr hier einfach erschienen war. Eric machte eine Handbewegung, um ihm zu bedeuten, das Pferd weiter zu striegeln. »Nur zu.«
Zögerlich setzte Bennett seine Arbeit fort, behielt Eric aber im Auge. »Was führt Sie in den Stall, Lord Brown?«
Eric stellte fest, dass Jelani eine angenehm tiefe Stimme hatte, mit einem leichten, französischen Akzent. »Sprechen Sie französisch?«, fragte er frei heraus, ohne auf Jelanis Frage zu antworten.
»Ja, My Lord«, kam die knappe Antwort.
»Wo haben Sie die Sprache gelernt?«
Bennett striegelte gerade den hinteren Rücken von Black Thunder und seine Striche kamen schnell und beinahe verbissen. »Ich bin damit aufgewachsen.« Wieder war die Antwort knapp und kaum zu verstehen, da er sie leise murmelte.
Eric streichelte weiter sein Pferd und nickte. »Sie stammen aus Amerika, der neuen Welt?« Er konnte seine Neugier einfach nicht zügeln und wollte mehr über diesen Mann erfahren, der ihm doch ziemlich verschlossen vorkam.
Bennett nickte und striegelte weiter. Jetzt begab er sich auf die andere Seite von Black Thunder und bearbeitete dort sein Fell.
»Woher genau?«
Jelani hielt in seinen Bewegungen inne, sein Blick huschte kurz zu Eric, bevor er dann weitermachte. »Es steht alles in meinen Unterlagen.« Fast schon ungehalten gab er ihm Antwort.
»Dort steht nur, dass Sie in Georgia für ein Gestüt gearbeitet haben, woher Sie aber stammen, das steht da nicht.« Eric klopfte dem Pferd über den Hals und stand dann Jelani direkt gegenüber.
Der striegelte weiter, ohne aufzusehen und auch, ohne zu antworten.
Eric seufzte. »Nun gut, anscheinend wollen Sie ein Geheimnis daraus machen. Schade eigentlich, denn Sie sind der erste, den ich aus der neuen Welt kennenlerne. Ich würde sehr gerne mehr über Amerika erfahren, man hört ja sonst nur wilde Geschichten oder Spekulationen darüber.« Er wartete einen Moment, ob Bennett vielleicht doch noch antwortete, aber es kam nichts von ihm. Da wandte Eric sich einfach um und verließ Black Thunders Box.
»Amerika ist nicht gerade das gelobte Land, von dem alle immer reden.« Leise drang Jelanis Stimme aus der Box.
Eric blieb stehen und wartete, ob er noch etwas sagte.
»Vieles von dem, was ich Ihnen erzählen könnte My Lord, das wollen Sie nicht hören. Glauben Sie mir …«
»Falls Sie doch einmal darüber reden möchten, dann kommen Sie ruhig zu mir«, erwiderte Eric mit fester Stimme, danach lief er schnell wieder zurück ins Haus.
Nach dem Dinner spazierten Eric und Miss Lancaster durch die große Gartenanlage. Vincent spielte Verstecken und wollte abwechselnd von seinem Vater und ihr gefunden werden. Als es langsam dunkel wurde und sich eine empfindliche Kälte über den Garten legte, gingen sie zurück ins Haus. Eric brachte seinen Sohn zu Bett, las ihm noch eine Geschichte vor, bis er eingeschlafen war, danach begab er sich an seinen Schreibtisch und erledigte noch liegengebliebene Arbeit.
Am nächsten Morgen kam Miss Lancaster zu ihm. Eric saß schon seit dem Morgengrauen am Schreibtisch und arbeitete. »Guten Morgen, Lord Brown«, lächelte sie ihn an und machte einen höflichen Knicks. »Ich wollte fragen, ob Sie mit mir und Vincent heute nach London fahren wollen?«
Eric sah auf und lächelte zurück. »Ach stimmt ja, Sie hatten ja für heute den Ausflug geplant.« Er sah auf seinen Schreibtisch, auf dem sich Papiere und Unterlagen stapelten und zuckte mit den Schultern. »Ich fürchte, ich kann mich hier heute nicht freimachen. Aber ich wünsche Ihnen und meinem Sohn einen vergnüglichen Aufenthalt in der Stadt. Vielleicht bringen Sie mir eine kleine Überraschung mit?«
Miss Lancaster neigte kurz den Kopf. »Wie Sie wünschen, My Lord. Obwohl ich befürchte, dass Vincent sehr enttäuscht sein wird, dass Sie nicht mitkommen.«
Eric seufzte auf. »Ja, das fürchte ich auch. Bitte lenken Sie ihn ab, gehen Sie mit ihm in den Zoologischen Garten, den liebt er. Wenn er die vielen exotischen Tiere dort sieht, dann bekommt er immer ganz leuchtende Augen. Ich werde den Ausflug so schnell wie möglich nachholen.«
Miss Lancaster machte wieder einen Knicks. »Sehr wohl, Lord Brown.« Danach entfernte sie sich.
Eric lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte aus dem Fenster. Der heutige Tag versprach sonnig und sogar warm zu werden. Die Bäume fingen langsam an auszuschlagen und der Frühling stand unmittelbar vor der Tür. Er stand auf, ging zum Fenster, zog die Gardinen zurück und sah hinunter, wo er einen guten Blick auf die Stallungen und Koppeln hatte. Da war er wieder, Jelani Bennett. Er säuberte gerade die Tränke und verteilte das Heu in den dafür vorgesehenen Futtervorrichtungen.
Eric beobachtete ihn dabei, und wunderte sich wieder einmal, wie fasziniert er von ihm war. Bennett bewegte sich geschmeidig, seine gerade Haltung und seine ganze Ausstrahlung zeugten von einer guten Erziehung. Er wusste anscheinend, wie man sich in gehobener Gesellschaft zu verhalten hatte.
Sein Herz schlug einen Takt schneller und er öffnete seine Lippen, als er zusah, wie Bennett die Koppel wieder verließ, einem seiner Stallburschen etwas zurief und sie sich daraufhin gemeinsam aus seinem Blickfeld bewegten. Eric musste schlucken, wandte sich vom Fenster ab und setzte sich wieder an seinen Arbeitstisch.
Wie lange war es jetzt her, dass er seinen sexuellen Gelüsten nachgegeben hatte, einen Monat oder zwei? Seit seine Frau gestorben war, hatte er seinen Neigungen freien Lauf lassen können, ohne Schuldgefühle oder Angst vor Entdeckung. Die Ehe mit Henrietta war eh nur Mittel zum Zweck gewesen, sie hatten einen Erben gezeugt und Eric war zufrieden. Richtig geliebt hatte er seine Frau nie, aber geachtet und respektiert hatte er Henrietta, die ebenfalls einer Adelsfamilie entstammte.
Eric hätte doch mit nach London fahren sollen. Dort hätte er sich in seinen Herrenclub absetzen und nach Anthony schicken können, der sich bestimmt schon fragte, warum er nicht regelmäßiger in die Stadt kam. Er seufzte auf, an Arbeit war gerade nicht mehr zu denken, denn sein Körper verlangte nach Befriedigung. In seinem Unterleib zog es, Erregung brachte sein Blut in Wallung und die Beule in seinem Schritt war nicht mehr zu ignorieren. Er hatte wohl keine andere Wahl, als selbst Hand anzulegen, nur um den Druck endlich loszuwerden.
Mittags brachte sein Butler Barnes ihm eine leichte Mahlzeit. Gerade als er wieder gehen wollte, rief Eric: »Barnes, schicken Sie doch bitte Bennett nachher zu mir. Ich möchte mich ein wenig mit ihm unterhalten.«
»Sehr wohl, My Lord«, entgegnete der Butler steif, verbeugte sich und verschwand dann wieder.
Eine Stunde später klopfte es an der Tür und Barnes betrat das Zimmer. »Mr. Bennett«, kündigte er an und kurz darauf betrat der Stallmeister das Arbeitszimmer. Barnes zog sich wieder zurück und schloss die Tür hinter sich.
Ein wenig verloren stand der Mann da, den Rücken durchgestreckt und die Hände vor sich verschränkt. Eric musterte ihn einen Moment und ihm gefiel außerordentlich, was er sah: Jelani Bennett in einem weißen Hemd, darüber eine braune Weste, enganliegende Reithosen aus dunklem Leder und braune Stiefel an den Füßen. Die schwarzen Locken waren ordentlich zurückgekämmt, wodurch sein markantes Gesicht erst richtig zur Geltung kam; große, schwarze Augen mit dichten Wimpern, eine etwas große, aber gerade Nase und rosige, geschwungene Lippen, auf denen ein immerwährendes Lächeln zu liegen schien. Er trug einen kleinen Oberlippenbart und auf seinem Kinn war ebenfalls ein kleines Bärtchen zu sehen. Alles in allem war Bennett ein Mann, der etwas edles ausstrahlte, und Eric konnte sich dessen Wirkung einfach nicht entziehen.
Er befeuchtete mit der Zunge die Lippen, stand auf und ging zu einer Anrichte neben dem Kamin. »Nur nicht so schüchtern, kommen Sie, setzen Sie sich.« Er zeigte auf einen der Sessel vor dem Kamin. »Trinken Sie ein Gläschen mit mir.« Dabei schenkte er Whisky in zwei Gläser und versuchte seine Nervosität in den Griff zu bekommen.
Zögerlich setzte Bennett sich in Bewegung und nahm dann in einem der Sessel Platz. Er wirkte angespannt und wusste nicht so recht, was Lord Brown von ihm wollte. Der kam auf ihn zu und hielt ihm eines der Gläser hin. Nach einem Moment ergriff Bennett das Glas und hielt es in den Händen, während Eric sich in den Sessel ihm gegenüber setzte.
Jelani hielt den Blick gesenkt, als er leise fragte: »Was verschafft mir die Ehre?«
Eric lächelte leise und hob sein Glas wie zum Toast. »Auf gute Zusammenarbeit.« Dann nippte er an dem goldenen Getränk. Bennett nippte ebenfalls an seinem Glas und sah Eric vorsichtig an.
»Ich möchte einfach nur ein wenig mit Ihnen plaudern, Sie ein wenig besser kennenlernen«, entgegnete Eric. »Ich gehöre nicht zu den Arbeitgebern, die ihre Angestellten wie Luft behandeln, oder Schlimmeres …« Er nahm noch einen Schluck von seinem Glas. »Ich möchte wissen, wer für mich arbeitet, schließlich werden wir eine ganze Weile miteinander auskommen müssen. Und wenn es um meine Pferde geht, bin ich sehr anspruchsvoll.«
Jelani senkte den Blick und erwiderte: »Es kommt mir ein wenig unter Ihrer Würde vor, sich mit einem einfachen Arbeiter abzugeben.« Er hob den Arm und roch an seinem Hemdsärmel. »Noch dazu einem, der penetrant nach Pferdestall stinkt.«
Eric lachte laut. »Glauben Sie mir Bennett, für mich gibt es nichts besseres, als den Geruch von Pferden. Ich bin damit aufgewachsen, habe selbst oft genug Ställe ausgemistet und mich um die Tiere gekümmert. Pferde sind mein Leben.«
Langsam entspannte Jelani sich, lehnte sich im Sessel zurück und lächelte ebenfalls. »Ja, es sind einfach wundervolle Geschöpfe und der Inbegriff von Freiheit.« Gedankenverloren blickte er in den Kamin, dessen Feuer leise prasselte und eine angenehme Wärme verströmte. »Ich liebe die Arbeit mit Pferden.« Nach einem Moment sah er Eric lächelnd an. »Vor ein paar Tagen habe ich ihren Sohn kennengelernt, ein aufgeweckter, kleiner Bursche. Er sieht Ihnen sehr ähnlich.«
Eric nickte. »Ja, das ist Vincent.«
»Was ist mit seiner Mutter?«
»Sie starb leider vor ein paar Jahren.«
»Oh«, entgegnete Bennett leise. »Das tut mir sehr leid.«
Eric nickte nur. »Ja, ihm fehlt seine Mutter sehr. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich ihn so verwöhne. Er muss jetzt ohne sie aufwachsen.«
»Vermissen Sie sie auch?« Jelani sah Eric dabei direkt in die blauen Augen.
Der zuckte nur mit den Schultern und trank einen großen Schluck Whisky. »Nur im Hinblick auf Vincent.«
Erstaunt zog Bennett die Brauen hoch.
»Nun, es war eine arrangierte Ehe, die ich damals nur auf Druck meines Vaters eingegangen bin.« Warum rechtfertigte er sich eigentlich vor ihm? Schnell wechselte Eric das Thema. »Und Sie, wollen Sie mir nicht endlich ein wenig mehr über sich erzählen?«
Schnell blickte Jelani wieder zum Kamin, trank einen Schluck und schwieg.
»Also immer noch nicht«, seufzte Eric.
»Ich … es …«, stammelte Jelani dann leise, »es gibt einfach nichts über mich zu erzählen. Ich bin ein einfacher Arbeiter, mehr nicht. Alles was Sie wissen müssen, steht in meinen Unterlagen.« Dabei wirkte sein Gesicht plötzlich verschlossen und ein harter Zug lag um seinen Mund.
Eric ließ es darauf beruhen und drang nicht weiter in ihn, jedoch spürte er ganz genau, dass da mehr war, bloß was? Das wollte er unbedingt herausfinden. Leider rückte Bennett nicht so einfach mit der Sprache heraus, also musste er sich wohl oder übel in Geduld üben.
Bennett räusperte sich und sah dann zu Eric. »Darf ich Sie etwas persönliches fragen, My Lord?«
Der nickte nur und meinte: »Schießen Sie los.«
»Warum haben Sie nicht erneut geheiratet?« Eindringlich blickte er in Erics Augen. »Vielleicht eine Frau, die Sie lieben …«
Lord Brown lächelte milde. »Es ist nicht so einfach, eine Frau zu finden, die ein fremdes Kind annimmt.« Warum redete er eigentlich so offen mit diesem Mann? Vielleicht lag es daran, dass er ihn irgendwie mochte und ihn deshalb nicht auf der Stelle fortschickte. »Außerdem liegt mir derartige Romantik nicht sonderlich«, fügte er noch trocken hinzu. »Die Liebe ist nur etwas für Träumer und Poeten, die Realität sieht anders aus.«
Mit seinen großen, dunklen Augen sah Bennett ihn an. Der Schein des Kaminfeuers spiegelte sich darin und seine Miene wirkte unergründlich. »Sie waren also noch nie verliebt?«
Eric schüttelte verneinend den Kopf, hielt Jelanis Blick gefangen und antwortete mit einer Gegenfrage: »Waren Sie denn schon einmal verliebt?«
»Nein, in meinem Leben ist kein Platz für die Liebe. Es bestand seit frühester Kindheit nur aus Arbeit.« Sein Blick glitt zum Kamin und er trank sein Glas mit einem Zug leer. »Im Grunde teile ich Ihre Ansicht, Liebe ist nur etwas für Träumer und hoffnungslose Romantiker. Beides bin ich nicht.« Damit stellte er sein leeres Glas auf dem Tisch zwischen ihren Sesseln ab.
Plötzlich griff Eric nach seinem Handgelenk und hielt es fest. Beschwörend sah er Jelani an. »Bitte«, bat er inständig, »erzählen Sie mir von Ihrem Leben. Sie sind noch so jung, trotzdem wirkt es, als ob Sie …«, Eric suchte nach den richtigen Worten, »… als ob Sie schon viel erlebt haben. Allein Ihr Gebaren … Haben Sie vorher schon einmal für reiche Leute gearbeitet, oder entstammen Sie gar einer vornehmen Familie?«
Jelani wand sich unter Erics Blick und versuchte, ihm sein Handgelenk zu entziehen. »Bitte My Lord, dringen Sie nicht weiter in mich.«
Eric ließ daraufhin sein Handgelenk los und schnell sprang Bennett aus dem Sessel. »Ich sollte jetzt wirklich gehen. Die Arbeit ruft.« Er verbeugte sich kurz und meinte noch: »Vielen Dank für den Whisky und das offene Gespräch.« Damit machte er auf dem Absatz kehrt und verließ fluchtartig das Arbeitszimmer.