Weil dein Herz zu mir spricht

Aileana Blair · Kapitel 8 von 15

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Weil dein Herz zu mir spricht

Kapitel 8

 

»Hach«, atmete Jasper erleichtert auf, »endlich einmal geht es nach London ins pralle Leben. Auf dem Land wird einem nach einer Weile doch richtig langweilig.«

Die Kutsche holperte über die Wege, während Eric, Jasper, Vincent und Miss Lancaster auf den Bänken saßen und auf dem Weg in die Stadt waren. »Nun ja, für mich ist es nicht mehr, als eine Geschäftsreise«, entgegnete Eric trocken. »Ich werde mich mit einigen Leuten treffen, um Geschäfte zu machen.«

»Das du nicht einmal nur zum Vergnügen nach London fahren kannst.«

»Onkel Jasper, du gehst mit mir und Miss Lancaster in den Park.« Freudestrahlend sah Vincent seinen Onkel an. »Du wolltest mir Cricket beibringen.«

Jasper stieß ihm spielerisch den Finger in die Seite und erwiderte augenzwinkernd: »Und das werde ich auch tun, mein Lieblingsneffe. Aber ich würde auch gerne mit deinem Vater den Vergnügungen für Erwachsene nachgehen, nur hat er mal wieder keine Zeit für deinen Onkel.«

Miss Lancaster lächelte und zog Vincent an sich. »Wir werden schon unseren Spaß haben, nicht wahr Vincent?«

»Paps, warum kommst du nicht mit uns in den Park?«

»Weil ich zuerst einmal arbeiten muss, mein Liebling«, antwortete Eric, dann sah er seinen Bruder amüsiert an. »Und du könntest deine Verlobte besuchen. Ich bin sicher, sie wird völlig aus dem Häuschen sein vor Freude, dich zu sehen«, zog er ihn auf.

Jasper streckte ihm die Zunge raus. »O ja, meine Liebste Mary würde sich bestimmt riesig freuen. Ich hoffe, ich laufe ihr oder ihrer Frau Mutter nicht über den Weg, sonst raubt sie mir gleich den letzten Nerv.«

Entrüstet sah Judy ihn an. »Lord Jasper, wie können Sie nur so von ihrer Verlobten reden«, tadelte sie ihn.

»Verstehen Sie mich nicht falsch Miss Lancaster, ich liebe meine Mary, aber sie hat wirklich ein sehr, sehr anstrengendes Wesen.« Dabei zuckte er mit den Schultern.

In London angekommen, hielt die Kutsche vor Erics Stadtvilla, wo sie alle ausstiegen und dort erst einmal eine Erfrischung zu sich nahmen. Danach machten sich Jasper, Vincent und Judy auf den Weg zum St. James's Park, während Eric sich auf den Weg zu einem Kunden machte, der Interesse an Devil's Fire hatte.

Zwei Stunden später verließ Eric den Kunden fröhlich pfeifend. Devil's Fire hatte für eine ansehnliche Summe den Besitzer gewechselt und sobald die Anwälte alles geregelt hatten, war der Verkauf unter Dach und Fach. Er spazierte guter Dinge den Weg entlang, die Vögel gaben ihr Frühlingskonzert und die Sonne schien warm auf ihn hinab. Eric hatte keine Lust, in den Park zu gehen, ihm war eher nach feiern zumute – am liebsten mit Jelani, der war jedoch auf Stilton House geblieben, da eine der trächtigen Stuten jeden Moment ihr Fohlen bekommen konnte. Also machte er sich auf den Weg Richtung Trafalgar Square, wo sich sein Herrenclub befand.

Dort verbrachte er den Nachmittag beim Kartenspiel und bei angeregten Gesprächen mit alten Freunden und Kommilitonen. Als es spät wurde, verabschiedete Eric sich und verließ den Club. Er trat aus der Tür in den Abend hinaus und blieb wie vom Donner gerührt stehen. Anthony Forrester lehnte lässig am Geländer der Treppen, rauchte und wartete offenbar auf ihn. Mit einem boshaften Lächeln stellte er sich ihm entgegen. »Eric Brown, wie schön dich endlich einmal wieder in London anzutreffen.« Er roch nach Rauch, Alkohol und noch etwas anderem, süßlichem.

Eric seufzte, nickte ihm nur zu und wollte an ihm vorbei, doch Anthony hielt ihn fest. Eric sah ihn ärgerlich an. »Was soll das Anthony? Lass mich vorbei.«

»Nein.« Er blitzte Eric mit wütend funkelnden Augen an. »Ich will, dass du mit mir ein wenig Zeit verbringst, als Entschädigung für die aufgeplatzte Lippe und das blaue Auge, welches du mir auf dem Ball verpasst hast.«

Genervt stieß Eric die Luft aus. »Kapierst du es immer noch nicht? Es ist vorbei. Ich werde nie wieder Zeit mit dir verbringen, Anthony.«

Erneut erschien dieses spöttische Lächeln auf Anthonys Lippen. »O doch, das wirst du, oder ich plaudere dein kleines Geheimnis aus. Dann kannst du dein Gestüt vergessen, denn niemand wird noch mit dir Geschäfte machen wollen. Mit einem Perversling will doch niemand etwas zu tun haben.« Er nahm einen Zug seiner Zigarre und blies den Rauch wieder aus. »Außerdem habe ich dich gesehen, dich und den hübschen Stallburschen, der neuerdings bei dir arbeitet. Ich habe euch beide gesehen, im Wald, und was ihr da so miteinander angestellt habt. Ich habe alles gesehen.« Anthonys Augen verengten sich zu Schlitzen.

Eric schluckte und senkte den Blick. Er fluchte innerlich und wünschte Anthony zum Teufel. Dann blickte er ihn wieder an. »Das wagst du nicht.«

»Lass es drauf ankommen.« Entschlossen sah Anthony ihm ins Gesicht. »Entweder wir beide gehen in unser übliches Zimmer hier im Club und du bumst mit mir, als ob nie etwas gewesen war, oder du bezahlst für meine Verschwiegenheit. Und die ist nicht billig.«

Eric blickte in Anthonys Augen. Den Anflug von Panik konnte er dabei nicht verbergen. »Wieso tust du das? Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen? Die Sache zwischen uns war doch glasklar.«

»Weil du mich eiskalt abserviert hast. Dann behandelst du mich auch noch wie den letzten Dreck, und das nach über zwei Jahren. Das lasse ich nicht mit mir machen.« Herausfordernd schob Anthony sein Kinn vor und verschränkte die Arme vor der Brust. »Also, unsere Treffen werden wie gewohnt zweimal im Monat stattfinden und der Preis verdreifacht sich.«

Eric starrte Anthony fassungslos an. »Du hast wohl den Verstand verloren. Das kannst du vergessen, da spiele ich nicht mit.«

Anthony lächelte süffisant und fuhr aufreizend mit einem Finger an Erics Arm entlang. »Dann werde ich reden, überall wo Gerüchte ein offenes Ohr finden und ich sicher gehen kann, dass die Neuigkeiten auch weitergetratscht werden.« Er machte eine kleine Pause und weidete sich am Gesichtsausdruck von Eric, der aussah, als würde ihm gerade schlecht werden. »Oder du gehst jetzt mit mir wieder da rein und …«

Eric stand wie erschlagen da, fühlte sich in die Ecke gedrängt und wusste nicht, was er tun sollte. Hektisch blickte er hin und her und am liebsten würde er einfach davon laufen. Anthony war tatsächlich so abgebrüht, ihn zu erpressen. Er konnte es nicht glauben. »Anthony bitte«, versuchte er noch einmal an dessen Vernunft zu appellieren. »Tu das nicht.«

Da packte Anthony ihn am Kragen und fauchte: »Du wusstest genau, was ich für dich empfinde. Du wusstest es. Ich lasse dich nicht einfach gehen.«

Jetzt stieg heiße Wut in Eric hoch und explodierte wie ein Vulkan. Er riss sich von Anthony los und stieß ihn von sich. »Hör damit auf, hör endlich auf! Du wusstest gleich zu Beginn, dass die Sache zwischen uns nichts weiter ist, als ein Geschäft. Ich habe dich dafür bezahlt, dass du mit mir ins Bett steigst. Von Gefühlen war nie die Rede und das habe ich dir auch von Anfang an klar gemacht.« Er sprang ihm beinahe ins Gesicht, als er fortfuhr: »Außerdem, ohne mich wärst du schon längst drei Meter tief unter der Erde. Ich habe dich aus der Gosse gezogen, du warst nichts weiter, als ein dreckiger, kleiner Straßenjunge, Tony. Nur durch mein Geld, konntest du dir deine Zigarren und den feinen Zwirn für deine Anzüge leisten. Ich habe mich um dich gekümmert, habe dafür gesorgt, dass es dir gut geht und das aus dir ein Gentleman wird. Aber ich habe dich dafür bezahlt. Es war nichts weiter, als ein Arrangement. Ich habe das nie vergessen« Eric atmete tief durch, zog seinen Gehrock glatt und straffte die Schultern. »Solltest du noch einmal versuchen, mich zu erpressen, dann wirst du dein blaues Wunder erleben.« Herausfordernd blickte er ihm in die grünen Augen. »Und sollte auch nur ein Wort über deine Lippen kommen, dann lernst du mich erst richtig kennen, Anthony Forrester. Ich werde dafür sorgen, dass du und deine Mutter wieder in der Gosse landet, aus der ihr gekrochen seid. Ich meine es ernst. Ich kann dich ganz leicht wieder zu dem machen, was du warst, bevor du mich kanntest.« Damit ging er an Anthony vorbei und ließ ihn einfach dort stehen. Sein Herz pochte, der Schweiß stand ihm auf der Stirn und die Panik in seinem Inneren war kaum zu bändigen. Er winkte nach der nächsten Droschke und fuhr zu seinem Stadthaus.

Zuhause fand er Miss Lancaster lesend im großen Salon vor. Neben ihr lag Vincent und schlief, den Kopf in ihrem Schoß.

»Er wollte nicht ins Bett, sondern auf Sie warten, Lord Brown.« Leise und vorwurfsvoll drang Judys Stimme an sein Ohr. Sie sah nicht von ihrem Buch auf, während sie sprach.

Eric ging zu dem kleinen Beistelltisch und schenkte sich einen Scotch ein. Während er trank blickte er zu Vincent und ihm wurde Angst und Bange ums Herz. Diese ganze verzwickte Sache würde nur einem Schaden. Nicht ihm, nicht seinem Gestüt oder sonst wem, am Ende würde nur Vincent Schaden nehmen. Er war noch so klein und unschuldig. Er war einfach in diese Welt hinein geboren worden und hatte ein gutes Leben verdient. Ein glückliches und frohes Leben. Schnell schenkte Eric sich noch einmal nach und trank in einem Schluck das Glas leer. Er liebte Vincent über alles und musste ihn vor all dem beschützen.

Plötzlich baute sich ein Druck in seiner Brust auf und er bekam kaum noch Luft. Angst und Verzweiflung überwältigten ihn, er stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, weil er das Gefühl hatte, das Bewusstsein zu verlieren. Eric schluckte, versuchte diesen dumpfen Schmerz zurückzudrängen, doch er schaffte es nicht. Seine Gefühle bahnten sich ihren Weg und er war machtlos dagegen. Ein erstickter Schrei entkam seiner Kehle und er spürte etwas nasses auf seinen Wangen.

»My Lord«, bestürzt sah Judy ihn an, stand vorsichtig auf, um Vincent nicht zu wecken und lief zu Eric. »Ist Ihnen nicht gut? Kommen Sie, setzen Sie sich.« Sie nahm ihn am Arm, führte ihn zum Sofa und drückte ihn in die Polster. Dann zog sie ein Tuch aus einer Tasche, die zwischen den Falten ihres Kleides versteckt war, und tupfte ihm vorsichtig die Tränen vom Gesicht.

Eric biss sich auf die Lippen, ihm war das vor Miss Lancaster sehr peinlich. Plötzlich schlug Vincent die Augen auf und blickte seinen Vater an. »Paps, da bist du ja. Ich habe auf dich gewartet«, sagte er verschlafen mit seinem kleinen Stimmchen und schmiegte sich an ihn.

Eric legte seine Arme um seinen Sohn und zog ihn an sich. »Ich weiß, mein Liebling. Ich bin ja jetzt da.« Er platzierte einen Kuss auf seiner Stirn und beobachtete, wie Vincent zufrieden lächelnd die Augen schloss und bald darauf in seinen Armen eingeschlafen war.

»Was ist nur mit Ihnen, My Lord?« Besorgt blickte Judy ihn an.

Eric seufzte tief und schüttelte den Kopf. »Es geht schon wieder, Judy. Wo ist mein Bruder?«

»Lord Jasper hat sich nach unserem Ausflug in den Park für den Abend verabschiedet. Er meinte, es würde spät werden.«

Eric nickte. »Nun gut. Dann verbringen wir die Nacht in London. Vincent schläft bei mir.« Heute würde er seinen Sohn nicht mehr von seiner Seite lassen. Sowieso nahm er sich vor, mehr Zeit mit seinem Kind zu verbringen.

»Wollen Sie nicht darüber reden, My Lord? Ich merke doch, dass Sie wegen irgendetwas sehr aufgewühlt sind.« Mit großen Augen und immer noch besorgt sah Judy ihn an. So aufgebracht hatte sie den Lord noch nie erlebt und Tränen die er nicht zurückhielt, waren kein gutes Zeichen. Es musste etwas wirklich Schlimmes passiert sein.

Eric schüttelte den Kopf und lächelte gequält. »Ich danke Ihnen für Ihre Fürsorge Judy, aber das ist etwas, mit dem ich Sie auf keinen Fall behelligen kann.« Er stand langsam auf und hob Vincent von der Couch. »Ich entschuldige mich für meinen Gefühlsausbruch und werde mich für die Nacht zurückziehen. Schlafen Sie gut, Judy.«

»Gute Nacht Eric«, erwiderte sie leise und sah ihm mit gemischten Gefühlen nach.

 

* * *

 

Zwei Tage später waren sie zurück auf Stilton House. Kaum angekommen, suchte Eric sogleich nach Jelani, musste ihn sofort sehen, oder er würde wahnsinnig. Eric fand ihn auf der großen Außenkoppel, wo er Black bewegte. Er lehnte sich gegen den Zaun und sah ihm eine Weile zu. Als Jelani ihn bemerkte kam er gleich zu ihm. Eric wollte ihn am liebsten Küssen, ihn fest in seine Arme schließen und nie mehr loslassen. Doch er sah ihm nur tief in die dunklen Augen und strahlte ihn an. Mehr traute er sich nicht, aus Angst, dass irgendjemand ihre Vertraulichkeiten bemerken würde. »Ich habe dich so vermisst«, wisperte er.

Jelani lehnte sich ebenfalls gegen den Zaun, jedoch mit dem Rücken dagegen, und lächelte Eric an. »Hast mir auch gefehlt«, erwiderte er genauso leise. »Wie war es in London?«

Eric verging das Lächeln und er seufzte. »Langweilig.« Er wich Jelanis Blick aus und sah über die Koppel zu Black, der am anderen Ende vor sich hin trabte und seine Mähne schüttelte.

Jelani merkte, dass irgendetwas nicht stimmte. Er wandte sich ihm zu und sah ihn eindringlich an. »Ist alles in Ordnung? Mit dir ist doch was …«

Eric räusperte sich und fuhr sich mit einer Hand durch das dunkelblonde Haar. »Es ist nichts«, antwortete er ausweichend.

»Sieh mich an«, verlangte Jelani mit fester Stimme. »Los, sieh mir in die Augen.«

Doch Eric senkte den Blick und steckte die Hände in die Hosentaschen.

Jelani griff nach seinem Kinn und zwang ihn dazu. Einen Moment lang musterte er ihn, dann sagte er: »Raus mit der Sprache, was ist in London vorgefallen. Hast du dich wieder geprügelt?«

Eric schluckte und machte sich unwirsch von ihm los. »Nein, ich habe mich nicht geprügelt.« Doch sein Blick haftete auf Jelanis Augen, wurde von diesen dunklen, fast schwarzen Tiefen regelrecht gefangengehalten. »Aber es hat etwas mit dem Mann zu tun, den ich damals auf dem Ball verdroschen habe«, gestand er leise.

Jelani nickte. »Wer ist dieser Mann und wieso hat er so eine Macht über dich?«

»Er hat doch keine Macht über mich«, antwortete Eric ärgerlich.

»Doch, die hat er, wenn er deine Gedanken so sehr beherrschen kann«, meinte Jelani nur und blickte ihn noch einen Moment an, bevor er dann wieder zu Black ging.

Eric sah ihm nach, beobachtete ihn noch eine Weile beim Training mit dem Pferd und ging dann irgendwann zurück zum Haus.

Spät in der Nacht kam Jelani in sein Schlafzimmer. Kaum war er bei ihm, zog er Eric wortlos an sich und küsste ihn.

Eric schob ihn zum Bett und eng umschlungen landeten sie in den Laken. Jelani machte sich über seinen Mund her und seine Zunge wurde dabei immer forscher. Bald lagen sie nackt nebeneinander, Jelanis Hände wanderten über jeden Zentimeter seiner Haut, streichelten und berührten ihn sanft und hingebungsvoll. Er versetzte ihn in höchste Ekstase, als er ihn nahm und spürte Jelanis Liebe mit jeder seiner Berührungen.

Eric war verloren. Er liebte diesen dunklen Mann. Daran gab es nichts mehr zu rütteln.

»Geh noch nicht«, flüsterte Eric und hielt ihn am Arm fest, gerade als Jelani aufstehen und sich anziehen wollte. »Bitte Darling, bleib.« Flehend sah er ihn an.

»Ich kann nicht bleiben«, erwiderte Jelani leise, legte ihm eine Hand an die Wange und streichelte mit dem Daumen darüber.

»Ich weiß«, gab Eric kleinlaut zu. »Doch ich wünschte, du könntest.«

»Das wünsche ich mir auch.« Jelanis Stimme klang bei diesen Worten so sehnsuchtsvoll, dass es Eric im Herzen schmerzte.

»Warum pfeifen wir dann nicht einfach auf all die Konventionen und hören mit dieser Geheimniskrämerei und der Schmierenkomödie auf. Von mir aus sollen alle Wissen, was ich für dich empfinde.«

Jelani schmunzelte amüsiert. »Das wäre zu schön wenn es ginge, aber so einfach ist das leider nicht.« Damit stand er auf und fing an, seine Kleider einzusammeln und anzuziehen. »Das weißt du genauso gut wie ich.«

Eric setzte sich im Bett auf und sah ihm dabei zu. »Du bist schön, weißt du das? So schön und so männlich …«

Diese Worte schienen Jelani unangenehm zu sein, denn er biss sich auf die Lippen, griff nach seinen Stiefeln und mühte sich ab, sie anzuziehen. Als er fertig war, legte er die Hände auf die Hüften und sah Eric ernst an. »Du findest mich also schön, mit meiner dunklen Haut und den krausen Haaren?«

Eric nickte.

Jelani schob sein Kinn vor und sein Blick wurde hart. »Da wo ich herkomme, da hasst man solche wie mich, einfach nur der Hautfarbe wegen. Weißt du das denn nicht?«

Erics Augen wurden groß und verwirrt blickte er zu ihm auf. »Ich weiß nicht viel über Amerika. Mich stört deine Hautfarbe nicht. Ich weiß, das du ein guter Mensch bist.«

Jelani blickte nachdenklich und ein wenig trotzig. »Du wolltest doch unbedingt wissen, wer ich bin.« Jelani atmete tief durch und fuhr fort. »Ich bin Jelani Bennett, Sohn von Dashiell Bennett II und einer Haussklavin. Ich wurde am 18. Oktober 1843 im Haus meines Vaters in Atlanta, Georgia geboren. Mein Vater besaß eine kleine Baumwollplantage und züchtete nebenbei Pferde.« Jelani sah Eric finster an, presste die Lippen zusammen und schwieg einen Moment. »Da hast du es. Ich bin ein entflohener Sklavenjunge, mehr nicht. Findest du mich jetzt immer noch schön?« Er hob die Hände und betrachtete sie. »Ich wurde als Sklave geboren und mir wurde immer und immer wieder gesagt, dass ich nichts wert bin, nur wegen meiner dunklen Haut. Mein Vater hat mich gut behandelt, hat keinen Unterschied gemacht, zwischen mir und seinem ehelichen Sohn – meinem Halbbruder. Das war ein großes Privileg. Doch andere haben mich genau spüren lassen, wer und was ich bin. Die Narben auf meinem Rücken sind dafür Beweis genug.« Tränen standen ihm in den Augen und er wirkte aufgewühlt. »Nachdem mein Vater starb, hatte ich kein angenehmes Leben, Eric. Ich wollte nur weg … ganz weit weg … So weit weg, wie es nur möglich war.«

Eric sprang aus dem Bett und war sofort bei ihm. »Jelani«, fing er an, wollte ihn an sich ziehen und trösten, doch Jelani stieß ihn von sich.

»Nicht, lass mich«, rief er. »Du bist ein feiner Herr, ein Lord. Du lebst in Saus und Braus und hast überhaupt keine Ahnung von Leuten wie mir.« Verzweifelt blickte Jelani in Erics blaue Augen. »Das alles hier war ein Riesenfehler.« Damit stürmte er aus dem Zimmer.

Eric blieb verwirrt und durcheinander zurück. Jelani nachzulaufen hatte keinen Sinn, so aufgebracht wie er war, würde er sowieso nicht an ihn herankommen. Schlaf fand Eric in dieser Nacht jedenfalls keinen mehr.

* * *

 

Nach und nach trudelten die Bestätigungen für die Einladung zum Frühlingsball in einer Woche ein. Miss Lancaster kümmerte sich um die Vorbereitungen und Eric ließ ihr freie Hand in allem, denn er wollte ihr mit dem Ball schließlich eine Freude machen. Da sollte alles zu ihrer Zufriedenheit sein.

Jelani ging ihm seit dem letzten gemeinsamen Abend aus dem Weg. Trafen sie zufällig einmal aufeinander, dann grüßte er ihn knapp und lief schnell weiter. Selbst wenn Eric ihn ansprach, antwortete Jelani nicht, sah ihn nicht einmal mehr direkt an. Eric hielt das bald nicht mehr aus, er vermisste ihn und konnte es kaum noch ertragen. Er sehnte sich nach Jelanis Nähe, seinen Berührungen und Küssen, er verstand einfach nicht, was mit ihm los war. Und Jelani selbst gab ihm keine Antwort auf seine Fragen.

Ein paar Tage vor dem Ball kam Barnes zu ihm ins Arbeitszimmer. »My Lord, es tut mir leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass Mr. Bennett uns verlassen hat. Wir müssen uns um einen neuen Stallmeister bemühen.«

Entgeistert sah Eric ihn an. »Was? Wann?«

Barnes zuckte mit den Schultern. »Irgendwann heute Nacht. Hat einfach seine Sachen gepackt und ist fort. Keinen Ton hat er darüber verlauten lassen, mich traf es genauso überraschend wie Sie.« Damit ging Barnes wieder.

Kraftlos sank Eric in seinen Bürosessel. Jelani war fort. Tränen stiegen in Erics Augen auf und ein tiefer Schmerz durchdrang seine Brust. Wo war er? Warum war er einfach fortgegangen? Hatte er eine Anstellung woanders gefunden oder war er einfach kopflos davon gelaufen? Es hatte keinen Sinn, darüber nachzudenken, Jelani Bennett war fort und Eric fiel in einen dunklen, tiefen Abgrund.