Weil dein Herz zu mir spricht

Aileana Blair · Kapitel 4 von 15

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Weil dein Herz zu mir spricht

Kapitel 4

 

 

Die schiefen Töne einer Violine drangen an Erics Ohr, er sah von seiner Arbeit auf und verzog das Gesicht. Wer malträtierte da bloß derart sein Instrument? Er ließ den Stift fallen, stand auf und verließ sein Arbeitszimmer, um nachzusehen. Bei diesen Misstönen konnte man sich ja nicht einmal richtig konzentrieren, außerdem war die Geige zu teuer gewesen, um sie so zu quälen.

Er kam gerade im Studierzimmer an, als der Lärm endlich ein Ende fand. Miss Lancaster saß lachend auf einem Stuhl, Vincent strahlte über das ganze Gesicht und Mr. Bennett nahm ihm gerade die Violine aus der Hand, legte sie an und sagte: »So kleiner Vincent, das hast du schon ganz gut gemacht, aber jetzt zeige ich dir einmal, wie sich Geigenmusik wirklich anhört.« Er setzte den Bogen an die Seiten, während Vincent zu Miss Lancaster lief und sich auf ihren Schoß setzte, dann fing er an zu spielen.

Eric traute seinen Ohren kaum, als er die wundervollsten Töne vernahm. Zwar kannte er das Stück nicht, jedoch war es einwandfrei gespielt und nicht ein falscher Ton war zu hören. Er stand in der Tür und lauschte wie gebannt. Wieder einmal wurde er sich bewusst, das soviel mehr in Jelani Bennett steckte, und erneut keimten die alten Fragen in ihm auf: Wer war dieser Mann und wo kam er her?

Keiner bemerkte seine Anwesenheit, also verhielt Eric sich still und blieb, wo er war. Die sanften Töne drangen in sein Ohr und von dort direkt in sein Herz und seine Seele. Vincent und Miss Lancaster lauschten Jelanis Spiel ebenso gebannt. Vincent hatte vor Staunen ganz große Augen und sein Mund stand offen, solche Musik hatte er noch nie gehört und es gefiel ihm anscheinend sehr.

Erics Blick hing an Jelani, der mit geschlossenen Augen den Bogen über die Geige zog. Dabei wirkte er völlig entspannt und widmete sich der Musik mit voller Hingabe. Erics Herz fing an zu pochen und sein Atem ging automatisch schneller, so sehr berührte ihn die Melodie innerlich.

Als Jelani dann aufhörte und der letzte Ton verklungen war, klatschten Miss Lancaster und Vincent begeistert in die Hände. Eric schrak zusammen, als hinter ihm plötzlich sein Bruder ebenfalls laut applaudierte und rief: »Bravo!« Dann legte Jasper ihm eine Hand auf die Schulter und meinte: »Wusstest du etwa, dass in Mr. Bennett ein wahrer Geigenvirtuose steckt, Eric?«

Der schüttelte verneinend den Kopf. »Nein, das wusste ich nicht.« Sein Blick haftete an Jelani, der mit so großem Publikum nicht gerechnet hatte und dem das sichtlich unangenehm war.

»Er sollte Vincent Unterricht erteilen. Der Kleine hat sichtlich Gefallen an dem Instrument«, schlug Jasper vor, der dann hinter Eric hervortrat und sich direkt an Mr. Bennett wandte. »Was sagen Sie dazu, würden Sie meinem Neffen Geigenunterricht geben?«

Jelani stand unschlüssig da und wirkte befangen. »Ich … ich weiß nicht … ich bin bestimmt kein guter Lehrer.« Er sah hilflos zu Eric.

Eric vergrub die Hände in seinen Hosentaschen und meinte mit fester Stimme: »Kommen Sie doch bitte einmal mit, Mr. Bennett.« Damit drehte er sich um und lief zur Bibliothek.

Bennett gab die Geige an Jasper weiter, nickte ihm zu und verabschiedete sich kurz von Miss Lancaster und Vincent, dann folgte er Eric.

In der Bibliothek angekommen, schloss Lord Brown die Tür hinter sich, wandte sich ihm dann zu, stemmte die Hände in die Hüften und blitzte ihn mit wütenden Augen an. »Und jetzt werden Sie mir endlich erzählen, wer zum Teufel Sie eigentlich sind.«

Jelani wich seinem Blick aus, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und antwortete nicht.

»Herrgott nochmal«, rief Eric aus. »Was ist mit Ihnen nur los, warum antworten Sie nicht?« Er rieb sich die Nasenwurzel, sah Bennett an und seufzte. »Normalerweise kann ich Barnes in Personalangelegenheiten voll vertrauen, er stellt nur die Besten ein, mit einwandfreien Referenzen, aber bei Ihnen, da hat er wohl eine Ausnahme gemacht. Warum auch immer er Sie eingestellt hat, er muss nicht bei klarem Verstand gewesen sein.«

Jelani sah zu Boden und schluckte.

»Außerdem schlagen Sie mit Knüppeln auf Unschuldige ein«, meinte Eric noch, wobei er sich die Beule rieb, die immer noch nicht ganz verheilt war. Er ging auf Bennett zu und stand dann direkt vor ihm. »Wollen Sie immer noch nicht reden?«

Jelani hob den Blick und seine dunklen Augen brannten sich in Erics. »Alles, was Sie über mich wissen müssen, steht in meinen Unterlagen.« Provozierend beugte er sich noch näher zu ihm. »Der Rest, der Sie so brennend interessiert, Eric Brown«, zischte er, »geht Sie nichts an.«

Eric packte Jelani an den Armen und hielt ihn fest. »Und ob mich das etwas angeht.« Er zog ihn näher zu sich und hielt seinen Blick gefangen. »Ihre Manieren sind tadellos, wenn Sie sie nicht vergessen, so wie gerade jetzt. Sie gehen mit Pferden um, als ob Sie ihr Leben lang nichts anderes getan haben, Sie sprechen Französisch und Sie spielen hervorragend Geige, das ist mehr, als ein Stallmeister normalerweise vorweisen kann. Wer also sind Sie, Jelani Bennett?«

»Lassen Sie mich los«, verlangte Jelani mit Nachdruck und wollte sich losreißen.

»Nein!« Eric dachte gar nicht daran, ihn gehen zu lassen und verstärkte den Griff um seine Arme noch. »Nicht eher, bis Sie auf meine Fragen geantwortet haben.«

»Verstehen Sie doch«, entgegnete Jelani und versuchte sich aus Erics Griff zu befreien. »Ich will Ihnen dazu nichts sagen.«

»Wieso nicht?«, verlangte Eric und seine blauen Augen bohrten sich in Jelanis. »Was ist nur mit Ihnen, dass Sie mir nichts über Ihre Vergangenheit sagen wollen?«

Jelanis Gegenwehr ließ nach und er stand mit einem Mal ganz still. In seinem Gesicht spiegelten sich die verschiedensten Gefühle wider – Wut, Verzweiflung, Resignation und der Stolz, der ihm so eigen war. »Ich habe keine Vergangenheit«, flüsterte er und schob trotzig das Kinn vor. »Alles was ich habe, ist eine Zukunft.«

Eric stutzte über diese Aussage. Er lockerte seinen Griff und ließ Bennett dann los. »Was meinen Sie damit?«

»Genau das, was ich gesagt habe. Nicht mehr und nicht weniger.« Jelani blieb stehen, wo er war, wich nicht zurück und sah Eric direkt in die Augen.

»Nun gut«, entgegnete der und blieb ebenfalls an Ort und Stelle stehen. Dieser Mann war ihm ein Rätsel, aber er hatte eine sehr starke Persönlichkeit und flößte ihm mit seinem Verhalten Respekt und Anerkennung ein. Das machte es Eric nur noch schwerer, ihm zu widerstehen. Er war ihm so nah, nur wenige Zentimeter trennten ihn und Jelani und es wäre ganz leicht, ihn an sich zu ziehen, ihn festzuhalten, seinen Herzschlag zu spüren und seinen verführerischen Mund zu küssen. Eric musste sich richtig zusammenreißen, um nicht auf der Stelle genau das zu tun.

Er schluckte schwer und fuhr dann mit einem völlig anderen Thema fort: »Mein Bruder hat vorhin einen Vorschlag gemacht. Also, wie sieht es aus, würden Sie meinem Sohn das Geigenspiel beibringen? Natürlich gegen angemessene Entlohnung.«

Jelani sah ihn weiterhin nur an und es dauerte einen ganzen Moment, bis er leise antwortete. »Ich würde Ihren Sohn sehr gerne unterrichten.«

Eric nickte und wollte sich gerade abwenden, da ergriff Jelani seine Hand und hielt ihn zurück. Erstaunt sah Eric ihn an. Ein unergründlicher Ausdruck lag in Jelanis Augen und sein Gesicht hatte jede Härte verloren. Eric spürte die Wärme seiner Hand, die seine eigene fest umschloss, und trat näher an ihn heran.

»Wärst du nicht der Mann, der du bist«, wisperte Jelani, »dann wäre ich schon längst fort.«

Erics Herz schlug wild in seiner Brust, Jelanis Berührung ging ihm durch und durch. Ein Gefühl, so heiß wie Feuer, durchflutete ihn und er konnte sich nicht rühren. Zu groß war die Angst, Jelani zu verschrecken, ihn mit einer unbedachten Bewegung zu verscheuchen und diesen Moment zu zerstören. Er wollte ihm nur nahe sein, wollte die Wärme seines Körpers spüren und in seinen wunderschönen dunklen Augen versinken. Er beugte ganz leicht den Kopf vor und erwiderte genauso leise: »Und wärst du nicht der Mann der du bist, dann hätte ich dich schon längst fortgejagt.«

 

* * *

Am Wochenende startete das erste Pferderennen. Am Samstag fuhren Eric, Vincent, Jasper und Miss Lancaster zusammen zur Rennbahn, um dem Spektakel beizuwohnen. Jelani und zwei seiner Stallburschen fuhren ebenfalls mit und kümmerten sich um die Pferde des Lords.

Vincent war begeistert von all dem Trubel, überall waren Leute, die sich die ersten Pferderennen ansehen wollten – allesamt fein herausgeputzt. Mit leuchtenden Augen ging er an Miss Lancasters Hand und sah sich neugierig um. Judy Lancaster selbst sah heute einfach wunderschön aus in ihrem blauen, schulterfreien Kleid und dem braunen, kunstvoll hochgesteckten Haar, ihre Wangen waren gerötet und sie trug ein kleines Lächeln auf den Lippen.

Eric bemerkte, wie die Männer sie bewundernd ansahen und auch ihm neidische Blicke zuwarfen, weil sie dachten, sie wäre seine Frau. Vielleicht hatte Jasper ja recht, und er sollte sie sich einmal genauer ansehen.

Als sie einen Tisch auf einer der Tribünen ergattert hatten, da beugte sein Bruder sich zu ihm. »Na, wie fühlt es sich an, so neidvolle Blicke zu ernten? Ich habe dir ja gesagt, dass Miss Lancaster eine geeignete Kanditatin ist.« Verschwörerisch zwinkerte er ihm dabei zu.

Eric brummte nur missmutig und war froh, als das erste Rennen begann. Er nahm Vincent auf den Schoß, sah mit ihm zusammen dem Rennen zu und erklärte ihm alles, was da gerade geschah. »Die Nummer dreizehn ist eines unserer Pferde – Devil's Fire. Siehst du ihn?« Er zeigte zu den Pferden auf der Bahn und Vincent nickte. »Er ist unser bestes Pferd und es sieht ganz so aus, als ob er gewinnt.« Gebannt verfolgte er das Rennen und sah zu, wie Devil's Fire mit Leichtigkeit an den anderen vorbeizog und durch das Ziel galoppierte.

Miss Lancaster und Jasper klatschten in die Hände und freuten sich über den Sieg. »Wann startet noch mal Black Thunder?«, fragte Jasper seinen Bruder.

»Im dritten Rennen, das für die Junghengste.«

In dem Moment kam einer seiner Stallburschen mit besorgter Miene zu ihnen an den Tisch. Er verbeugte sich kurz und sprach dann zu Eric: »Lord Brown, Gott sei Dank habe ich Sie endlich gefunden, Mr. Bennett schickt mich. Irgendetwas stimmt nicht mit Black Thunder, Sie sollen sofort kommen.«

»O Nein«, raunte er, stand auf und meinte zu Miss Lancaster: »Bitte passen Sie auf Vincent auf.«

Judy nickte. »Natürlich, My Lord.«

»Soll ich mitkommen?«, fragte Jasper, der ihn nun ebenfalls besorgt ansah.

»Nein nein, bleib du nur hier und sieh dir das nächste Rennen an.« Damit verließ er den Tisch und ging zusammen mit dem Knecht zu den Ställen.

Dort angekommen, nahm Jelani ihn gleich in Empfang. »Black wird nicht starten können«, sagte er leise, als er mit Eric die Box des Pferdes betrat. »Er lahmt, hat sich beim Training verletzt.«

Entsetzt blickte Eric ihn an. »O nein … wie schlimm ist es?«

»Gott sei dank nur eine leichte Verletzung, aber er wird mindestens zwei Wochen Ruhe brauchen und sein Bein schonen müssen.« Jelani zeigte Eric den verletzten Knöchel des Pferdes, der leicht angeschwollen war. »Danach sollte er wieder mit dem Training beginnen können.«

Eric fluchte leise, dann strich er über Blacks Hals. »Also wird er erst nächste Saison dabei sein können.« Seine Hand fuhr sanft über den Kopf des Pferdes. Er wandte sich zu Jelani um und sah ihm ins Gesicht.

Der blickte ihn traurig an. »Es tut mir leid, Lord Brown.«

Eric zuckte mit den Schultern. »Da kann man nichts machen. Er bekommt also noch eine Schonfrist.« Dabei klopfte er auf Blacks Hals. »Noch ein Jahr Freiheit für dich, mein Guter.« Das Pferd schnaubte und stupste Eric an. »Da wirst du erst nächstes Jahr zeigen können, was in dir steckt.« Er wollte gerade die Box verlassen, um der Rennleitung Meldung zu erstatten, als Jelani ihn am Arm zurückhielt. Eric sah ihn fragend an.

»Denken Sie wirklich, ich habe nicht bemerkt, wie sie mich immer ansehen, Lord Brown?«

Eric sah sich kurz um und es schien, als wären sie die einzigen hier im Stall. Er näherte sich Jelani und berührte zögerlich dessen Hand. Eine ganze Weile standen sie nur da und blickten sich ohne ein Wort in die Augen.

Erics Herz pochte in seiner Brust, als Jelanis Hand seinen Arm hinaufwanderte, ganz langsam und behutsam. Diese Berührung jagte ihm kleine Schauer über den Rücken und der Blick in Jelanis Augen ließ ihn innerlich beben. Eric wollte ihn so sehr, wollte diesen männlichen Körper in seinen Armen spüren und seinen verführerischen Mund küssen – doch er konnte sich nicht rühren, war wie gelähmt.

Jelani empfand anscheinend genauso. Seit ihrem Streit in der Bibliothek hatte sich die Stimmung zwischen ihnen geändert, ihre gegenseitige Anziehungskraft wurde immer stärker und war kaum noch zu leugnen. Jelani beugte seinen Kopf vor und berührte mit seinen Lippen Erics Mund, ganz zart, gleich Schmetterlingsflügeln. Seidig und warm waren diese Lippen, und Eric durchfuhr es heiß bei diesem Kuss. Doch so schnell, wie dieser Kuss begonnen hatte, so schnell war er auch schon wieder vorbei. Jelani zog sich zurück, sah ihm noch einmal in die Augen, dann ging er zu Black.

Eric stand da und konnte es immer noch nicht glauben. War das eben tatsächlich passiert oder doch nur ein Traum gewesen? Mit den Fingern berührte er seine Lippen und ein kleines Lächeln kräuselte sich auf ihnen. Als Eric Black Thunders Box verließ, sah Jelani ihm mit einem Grinsen im Gesicht nach.

 

* * *

 

»Sag mal, bist du etwa verliebt?« Jasper sah Eric an und ein verschmitztes Grinsen lag auf seinen Lippen.

Eric runzelte die Stirn und entgegnete: »Nein, das bin ich nicht.« Dabei stieg ihm die Schamesröte ins Gesicht und er ärgerte sich, dass seine Vernarrtheit so offensichtlich war. Er saß zusammen mit seinem Bruder auf der Terasse bei einem Glas Scotch und genoss die letzten warmen Sonnenstrahlen dieses Frühlingstages.

»Hat Miss Lancaster dir doch den Kopf verdreht? Komm schon, mir kannst du's doch sagen.« Immer noch lag dieses schelmische Grinsen auf Jaspers Gesicht. »Ist doch unverkennbar. Seit Tagen läufst du wie in Trance herum und lächelst ständig vor dich hin.«

Mist, dachte Eric bei sich, er benahm sich wie ein verliebter Teenager und andere bemerkten dies. Er musste seine Gefühle besser unter Kontrolle bekommen. »Du irrst dich«, versuchte er dann seinem Bruder einzureden. »Der Frühling steht in voller Blüte, das graue Wetter hat sich endlich verzogen und Black Thunder geht es besser. Das hebt einfach meine Laune.«

»Bruderherz, ich kenne dich nur zu gut, mir machst du doch nichts vor.« Jasper boxte ihm gegen den Arm und zwinkerte ihm zu. »Wirst du mit ihr zum Ball der Arlingtons gehen?«

»Wie bitte?« Eric wusste gerade nicht, wovon Jasper sprach.

»Na kommendes Wochenende. Die Arlingtons eröffnen die Ballsaison dieses Jahr.« Jasper rollte genervt mit den Augen. Was war nur mit seinem Bruder los?

»Ach so, nun … keine Ahnung.« Eric nahm einen Schluck von seinem Drink und atmete einmal tief durch. »Eigentlich ist mir gar nicht nach diesem ganzen Trubel zumute.«

»Ich bitte dich«, entgegnete Jasper vehement. »Du bist Lord Eric Brown, der Besitzer des lukrativsten Rennpferdegestüts im Lande. Letztes Jahr hast du dich schon davor gedrückt, dieses Jahr kommst du nicht darum herum. Dafür werde ich schon sorgen.« Augenzwinkernd prostete er Eric zu.

In dem Moment erschien Barnes auf der Terrasse. »My Lord, es ist ein Besucher da. Mr. Anthony Forrester möchte Sie sehen.«

Eric fiel vor Schreck beinahe das Glas aus der Hand. »Mr. Forrester ist hier?« Er sah den Butler entgeistert an.

»Jawohl My Lord. Er wartet im kleinen Salon auf Sie.« Damit entfernte der Butler sich wieder.

»Kein angenehmer Besuch, deinem Gesicht nach zu urteilen«, meinte Jasper trocken.

Eric brummte nur ärgerlich, stellte sein Glas auf den Tisch und ging in den Salon. Das durfte ja wohl nicht wahr sein, was hatte Anthony hier verloren? Wie konnte er sich erdreisten, einfach in seinem Haus aufzutauchen? Als er das Zimmer betrat, stand Anthony am Fenster, wandte sich dann um und lächelte. »Eric«, begrüßte er ihn freudig. »Wie schön, dass du mich empfängst. Es ist ja schon eine Ewigkeit her, mindestens sechs Wochen …«

»Sag mal, bist du von allen guten Geistern verlassen?«, fuhr Eric ihn wütend an. »Was zur Hölle willst du hier?«

Das Lächeln erstarb auf Anthonys Gesicht. Mit einer hochgezogenen Augenbraue erwiderte er: »Dich sehen, was denn sonst? Du lässt dich ja in London überhaupt nicht mehr blicken, da dachte ich, ich statte dir einen Besuch ab. Freust du dich etwa nicht?«

Eric schlug mit einem lauten Knall die Tür zu und lief zu Anthony. »Du verschwindest jetzt auf der Stelle wieder, hast du verstanden. Die Sache zwischen dir und mir soll auch weiterhin nur zwischen uns bleiben. Das du einfach hier auftauchst ist eine Dreistigkeit sondersgleichen. Wir haben eine Abmachung, also halte dich gefälligst daran, dafür bezahle ich dich schließlich.«

Anthony schlenderte gemächlich zur Couch und setzte sich dann, schlug demonstrativ ein Bein über das andere und legte seinen Zylinder neben sich ab. »Diese Abmachung beinhaltet aber auch eine gewisse Regelmäßigkeit, der du leider überhaupt nicht mehr nachkommst, liebster Eric. Also, warum so erbost?«

»Verdammt«, rief Eric aus, blitzte den braunhaarigen Mann wütend an und stemmte die Hände in die Hüften. »Sieh zu, dass du hier schleunigst wieder verschwindest. Auch wenn ich nicht nach London komme, erhältst du dein Geld immer pünktlich, also was ist dein Problem?«

Anthony entfernte ein paar unsichtbare Flusen von seiner Hose und sah Eric dann mit seinen grünen Augen an. »Vielleicht vermisse ich dich. Ich freue mich immer auf unsere … Treffen, leider hast du sie in den letzten Wochen nicht wahrgenommen.«

Eric schüttelte ungläubig den Kopf. »Das kannst du jetzt nicht ernst meinen?«

Anthony sah Eric mit diesem Blick an, dem er sonst nicht widerstehen konnte: Einer Mischung aus Schmollen und zuckersüßem Hundeblick. Doch heute ärgerte ihn das nur. Anthony sollte einfach nicht hier sein, dies war sein privates Reich, hier hatte er nichts verloren. Plötzlich dämmerte ihm etwas und sein Herz sank in die Hose. »Soll das etwa bedeuten, dass du Gefühle für mich hast?«

Anthony nickte nur als Antwort.

Eric seufzte schwer. »Dann sollten wir die Sache jetzt sofort beenden«, meinte er knapp.

Da sprang Anthony hastig auf. »Was? Nein!« Eilig lief er zu Eric und legte ihm die Hände auf die Schultern. »Das kannst du nicht tun, das darfst du nicht.«

Eric schüttelte seine Hände ab und trat einen Schritt zurück, streckte den Rücken durch und hob den Kopf. »Das kann ich und das muss ich sogar tun. Die Sache zwischen uns war glasklar, und jetzt fängst du an Probleme zu machen.«

Anthony schüttelte den Kopf und er sah Eric flehend an. »Bitte, tue es nicht. Ich flehe dich an …«

»Hör auf damit, sofort. Benimm dich wie ein Mann, Herrgott nochmal.« Eric lief zum Fenster und blickte nach draußen. Da entdeckte er Jelani, der einfach so am Zaun der Koppel lehnte und in die Ferne blickte. Sein Herz machte einen Hüpfer, der sanfte Kuss von vor ein paar Tagen fiel ihm wieder ein und welche Gefühle er in ihm ausgelöst hatte.

Plötzlich spürte er Anthonys Arm, der sich von hinten um ihn legte. »Bitte«, raunte er, »lass die Sache zwischen uns nicht enden. Ich warte auf dich, egal wie lange es dauert.«

»Ich fürchte, da wirst du lange warten müssen, Anthony«, flüsterte Eric zurück und legte seine Hand auf dessen Unterarm. »Es tut mir leid, dass ich deine Gefühle nicht erwidern kann.«

»Meinst du das tatsächlich ernst?«

Eric nickte nur.

Da ließ Anthony ihn los. Seine Lippen wurden schmal, seine Miene verhärtete sich und die grünen Augen blitzten ihn ärgerlich an. Er nahm seinen Zylinder und verließ eilig und ohne ein weiteres Wort Erics Haus.