Weil dein Herz zu mir spricht
Kapitel 5
Eric stand immer noch am Fenster, als Anthony schon längst fort war und beobachtete weiterhin Jelani, der die ganze Zeit am Koppelzaun stand. Die Sonne war fast untergegangen und alles draußen lag schon in diesem Zwielicht, kurz bevor sie ganz unterging. Jelani betrachtete die Pferde auf der Koppel, die entweder ruhig dastanden und Heu aßen, oder umherliefen, um ihrem Bewegungsdrang nachzugehen. Black Thunder war auch unter ihnen und genau deswegen stand er dort – um zu beobachten, ob es dem Knöchel des Pferdes schon besser ging, oder ob er immer noch lahmte.
Eric bemerkte gar nicht, dass Miss Lancaster den Salon betrat, erst als sie ihn ansprach. »My Lord, es ist Zeit, Vincent zu Bett zu bringen.«
Er riss sich von Jelanis Anblick los und wandte sich um. »Gut, vielen Dank Miss Lancaster.«
Die Gouvernante machte einen Knicks und wollte sich schon wieder entfernen, als er sie zurückrief. »Ach, Miss Lancaster, hätten sie eine Minute für mich?«
Fragend blickte sie Eric an. »Natürlich.«
Langsam ging er zu ihr, räusperte sich und sah sie an. »Nun, der Frühlingsball bei den Arlingtons wird ja bald stattfinden«, fing er an, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und stand dann direkt vor ihr. »Würden Sie gerne hingehen?«
Erstaunt blickte Miss Lancaster zu Eric auf. Ihre braunen Augen fingen an zu Leuchten, als sie antwortete: »Ich würde sehr gerne auf den Ball gehen.«
Eric lächelte Judy an. »Wie schön, dann werden Sie also meine Begleitung kommendes Wochenende sein.«
Miss Lancaster senkte verlegen den Blick, doch ihr Lächeln und ihre roten Wangen verrieten die Freude über seine Einladung. »Ich fühle mich geehrt, Sie auf den Ball begleiten zu dürfen, Lord Brown.«
Eric griff nach ihrer Hand und hauchte einen kleinen Kuss darauf. »Und ich bin hocherfreut, dass Sie meine Einladung annehmen.« Dann ließ er ihre Hand wieder los und meinte noch: »Ich werde dann jetzt meinen Sohn zu Bett bringen.«
Als Vincent endlich eingeschlafen war, ging Eric in sein Zimmer. Es war ein großer, luftiger Raum, der von zwei Seiten über deckenhohe Fenster verfügte, der eine Teil war gemütlich eingerichtet, mit einem großen Kamin, gut platzierten Grünpflanzen, einer Sitzgruppe und Regalen voller Bücher und Nippes. Der andere Teil war das Schlafzimmer, in dem ein Himmelbett stand, auf dem sich jede Menge Kissen befanden und über dem sich ein mitternachtsblauer Baldachin spannte.
Eric lief gerade zu dem kleinen Beistelltisch, um sich ein Glas Scotch einzuschenken, als er Jelanis Stimme hörte. »Guten Abend, Lord Brown.«
Erschrocken drehte er sich um und sah ihn in seinem Lesesessel neben dem Kamin sitzen. »Was machen Sie denn hier?«
»Ihnen einen Besuch abstatten.« Dabei stand er auf, schlenderte zur Tür und drehte den Schlüssel im Schloss.
Eric blickte ihn verständnislos an, räusperte sich und goss dann endlich sein Glas voll. »Möchten Sie vielleicht auch?« Er fühlte sich gerade gar nicht wohl in seiner Haut, hatte keine Ahnung, was der Mann hier wollte, wie er sich überhaupt erdreisten konnte, einfach in sein Privatzimmer einzudringen. Andererseits freute er sich aber auch über Jelanis Anwesenheit und konnte ihm überhaupt nicht böse sein. Wie oft hatte er sich schon vorgestellt, dass er genau dies tun würde, hatte nächtelang wach gelegen und sich alle möglichen Szenarien ausgemalt, in denen er und Jelani allein miteinander waren.
»Gerne«, gab Bennett zur Antwort und kam auf Eric zu.
Der schenkte ein zweites Glas ein, welches er ihm dann reichte. »Normalerweise müsste ich Sie achtkantig aus dem Haus jagen, dafür, dass Sie einfach so in mein Privatreich eingedrungen sind.«
Jelani nahm das Glas und trank einen Schluck, dabei sah er in Erics blaue Augen. »Und wieso tun Sie es dann nicht?«
Eric zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«
Jelani verkniff sich ein Grinsen. »Ich habe Narrenfreiheit bei Ihnen. Warum ist das wohl so? Und ich habe Glück, Sie gehen nicht mit der Keule auf mich los.«
Finster blickte er Jelani an und griff automatisch an seinen Kopf, zu der Stelle, an der die Beule gewesen war. »Ich frage mich selbst, warum das so ist«, murmelte er. Wieder klopfte sein Herz schneller, wie es das immer tat, wenn Jelani in seiner Nähe war, und hier waren sie vollkommen unter sich, keiner würde sie stören und die Tür war verschlossen. »Warum sind Sie zu mir gekommen?«
»Aus demselben Grund, aus dem Sie mir meine Dreistigkeiten durchgehen lassen.« Sein Blick flackerte einen Moment und sein Ausdruck wurde ganz sanft. »Weil ich mich zu dir hingezogen fühle«, fuhr er leise fort, »und ich weiß nicht, warum.«
Eric trat näher an ihn heran. »Du weißt nicht warum?« Forschend blickte er Jelani an. »Hast du denn schon einmal … ich meine, warst du denn schon einmal verliebt?«
Bennett schüttelte verneinend den Kopf.
Leise seufzte Eric. »Wirklich noch nie?«
Erneut schüttelte Jelani den Kopf. »Bis jetzt. Und dann passiert es endlich, und da schleicht sich ausgerechnet ein Mann in meine Gedanken und in mein Herz. Verliebt man sich denn nicht normalerweise in Frauen?«
Erics Herz machte einen Hüpfer, das war eine glatte Liebeserklärung, die Jelani ihm da eben gemacht hatte. Ein glückliches Lächeln kräuselte sich auf seinen Lippen und er antwortete: »Ich dachte, mit deinen einundzwanzig Jahren wüsstest du über solche Dinge Bescheid.«
Jelani wich Erics Blick aus und erwiderte kleinlaut: »Ich … ich bin noch nicht ganz einundzwanzig.«
»Wie bitte?« Eric zog überrascht die Augenbrauen nach oben. »Wie alt bist du denn dann?«
Jelani druckste herum und wollte nicht so recht mit der Sprache heraus.
»Jelani, wie alt bist du?«, fragte Eric mit Nachdruck und sah ihn ernst an. »Raus mit der Sprache.«
Der sah schuldbewusst zu Boden und nuschelte die Antwort, die Eric gerade so verstand: »Im Oktober werde ich neunzehn.«
Schockiert sah er ihn an, sein Mund stand offen und er war sprachlos. »Grundgütiger … «, entfuhr es ihm, er lief zum Sofa und ließ sich in die Polster fallen. »Erst achtzehn, wie kannst du da schon Stallmeister sein? Das ist doch überhaupt nicht möglich.«
»Du weißt, dass ich mit Pferden umgehen kann und das ich gute Arbeit leiste.« Jelani sah verzweifelt zu Eric. »Das weißt du doch?«
Eric blickte ihn finster an. »Dann sind deine ganzen Unterlagen gefälscht. Deine Referenzen, dein Diplom … nichts davon entspricht der Wahrheit.«
Jelani stand verloren da und schluckte schwer. Er konnte nichts darauf erwidern, denn es stimmte ja.
»So ein verfluchter Mist!«, platzte es plötzlich aus Eric heraus. »Barnes wird morgen sein blaues Wunder erleben. Er wird sich nach einer neuen Anstellung umsehen müssen.« Damit kippte er den Inhalt seines Glases auf einmal die Kehle hinunter.
»Nein«, rief Jelani, war mit einem Satz bei ihm und setzte sich neben ihn. »Bitte nicht, er kann nichts dafür. Er hat doch auch nur geglaubt, was in meinen Papieren steht.« Eindringlich sah er Eric an und legte ihm die Hand auf den Unterarm. »Wenn du jemanden bestrafen willst, dann mich.« Er stellte sein Glas auf dem Couchtisch ab und meinte dann entschlossen: »Ich werde Stilton House morgen früh verlassen. Das ist das einzig Richtige.« Resigniert atmete er aus. »Barnes soll nicht dafür büßen, dass er meine Lügen geglaubt hat.« Damit stand er auf und wollte gehen.
Doch Eric hielt ihn am Arm zurück. Stumm sahen sie sich in die Augen und er zog Jelani wieder neben sich auf die Couch. Der kaute auf seiner Unterlippe herum und senkte den Blick. Eric nahm sein Kinn zwischen die Finger und zwang ihn so, ihn anzusehen. »Wieso lügst du, warum das alles? Wenn du mir nur erklären würdest …«
»Das kann ich nicht.«, unterbrach Jelani ihn leise. »Bitte Eric, frag nicht weiter danach.«
»Was ist dir nur widerfahren, was quält dich so, dass du nicht darüber reden willst?«, flüsterte Eric und legte seine Hand an Jelanis Wange. »Wenn du es mir nur sagen würdest, dann könnte ich dir bestimmt helfen.«
Jelani schmiegte seine Wange in Erics Hand und schloss die Augen. »Es fühlt sich so gut an, wenn du mich berührst«, wisperte er und ging nicht weiter auf Erics Aussage ein. »Der Kuss, den ich dir neulich gab, ging mir unter die Haut. Ich will mehr davon.« Dabei öffnete er seine Augen und blickte Eric an.
Der beugte den Kopf vor und legte seinen Mund auf Jelanis Lippen und küsste ihn ganz sanft.
Jelani umfasste Erics Arme und erwiderte den Kuss, der immer fordernder und intensiver wurde. Erics Finger fuhren durch Jelanis Locken, er rückte näher an ihn heran, und drängte ihn in die Polster zurück. Der Kuss gewann an Leidenschaft, ihre Lippen liebkosten sich, ihre Zungen berührten sich, spielten und tanzten zärtlich miteinander und Eric glaubte, zu träumen – der Mann, den er über alles begehrte, küsste ihn voller Hingabe. Sein Blut geriet in Wallung, er stieß einen wohligen Laut aus, umschlang Jelani mit seinen Armen und zog ihn fester an sich, bis er dessen schnellen Herzschlag an seiner Brust spürte.
Jelani stöhnte leise, als Erics Lippen zu seinem Hals wanderten und die zarte Haut dort küssten. Erneut stöhnte er auf. »O was tust du da nur mit mir, Eric Brown? Du bringst mich um den Verstand … «, raunte er atemlos und heiser vor Verlangen.
Eric riss sich zusammen, denn er wollte nicht gleich über Jelani herfallen wie ein wildgewordener Stier, der seine Lust nicht im Griff hatte. Deswegen hörte er auf ihn zu küssen, sah ihn nur an und schob langsam die Hand unter sein Hemd. Zärtlich streichelte er die weiche Haut und erkundete jeden Zentimeter davon. »Wie fühlt sich das an?«, raunte er und hielt Jelanis Blick gefangen.
»Wunderschön, hör bitte nicht auf damit«, erwiderte der und sah tief in Erics blaue Augen. Als Erics Hand dann in seinen Schritt wanderte, und ihn dort mit sanftem Druck streichelte, zog Jelani zischend die Luft ein.
»Ja, das gefällt dir«, stellte Eric zufrieden fest. Jelani war hart und bereit und wand sich vor Wonne unter seinen Berührungen. Eric fragte sich, wie weit er bei ihm gehen konnte, ohne das er aus Angst vor seinen eigenen Gefühlen aufsprang und Reißaus nahm. »Ich werde nichts tun, was du nicht auch wirklich willst, hörst du?«, meinte er dann, setzte sich auf und beendete die Zärtlichkeiten.
Mit einem enttäuschten Blick sah Jelani ihn an. »Wieso hörst du denn auf?«
»Ich werde dich zu nichts drängen. Wenn du es auch willst und wirklich bereit dazu bist, dann erst soll es geschehen«, erwiderte er mit warmer Stimme.
Jelani setzte sich verärgert auf. »Aber du drängst mich ja nicht. Ich will es und bin mehr als bereit dazu.«
Eric legte den Finger unter sein Kinn, so dass er ihn ansehen musste. »Es soll doch schön für dich sein, oder?«
Da nickte Jelani zustimmend.
»Dann lass uns warten, bis die richtige Zeit gekommen ist.«
* * *
»Jasper, du bist genauso schlimm wie Mutter, ja sogar noch schlimmer!« Eric warf aufgebracht die Hände in die Luft. »Langsam glaube ich, du bist nur hier, um mich zu quälen. Dein ständiges Gerede über den Ball und wen ich mir dort unbedingt genauer ansehen müsste, tötet mir den letzten Nerv.« Er tigerte vor dem Kamin im Salon auf und ab und bedachte seinen Bruder mit einem düsteren Blick.
Jasper kicherte und entgegnete spöttisch: »Irgendjemand muss dir doch mal Feuer unter dem Hintern machen, sonst wäre dein Leben völlig eintönig und öde.« Das letzte Wort zog Jasper in die Länge und betonte es extra. »Du sitzt bloß da und arbeitest von Morgens bis Abends, nicht einmal mehr nach London fährst du. Seit ich hier bin, herrscht nur gepflegte Langeweile.«
»Miss Lancaster begleitet mich zum Frühlingsball, da werde ich den Teufel tun, und mich nach anderen Frauen umsehen. Das wäre ein Affront ihr gegenüber und würde auch auf mich ein schlechtes Licht werfen. Außerdem, wenn ich mir so deine Korrespondenz ansehe, dürftest du dich nicht im Mindesten langweilen. Mary schreibt dir mindestens zwanzig Briefe am Tag und die alle zu beantworten, dürfte dich doch wohl zur Genüge beschäftigen.« Plötzlich grinste Eric hämisch und setzte sich dann neben seinen Bruder auf die Couch. »Die gute Mary wird dich ganz schön an die Kandare nehmen, sobald sie den Ehering am Finger hat, lass dir das gesagt sein, mein Lieber.«
Jasper brummte missmutig und schmollte. »Was meinst du, warum ich hier bin? Damit ich ihrem einnehmenden Wesen endlich einmal entkomme, darum. Ich will die letzten Monate der Freiheit genießen. Ach, ich hätte den Sommer in unserer Stadtresidenz verbringen sollen.« Resigniert seufzte er.
»Dort wärst du Mary ganz bestimmt nicht entkommen, schließlich wohnt sie in London.« Eric gluckste amüsiert.
»Ja ja, mach dich nur lustig über mich.«
»Glaub mir, die Ehe ist nicht einfach Jasper. Ich weiß, wovon ich rede, schließlich war ich fünf Jahre meines Lebens verheiratet. Mit Henrietta war es auch nicht immer einfach gewesen.«
»Hmmm«, meinte sein Bruder nachdenklich. »Nein, ein Zuckerschlecken ist die Ehe bestimmt nicht.«
Eric sah gedankenverloren in die Luft und entgegnete: »Weißt du, Männer brauchen ihre Freiheit, sie sind nicht für die Ehe geschaffen. Leider ist sie eine gesellschaftliche Notwendigkeit, der sich kaum einer entziehen kann. Gerade für solche in unserem Stand. Erben müssen gezeugt werden, der Fortbestand der Linie gesichert sein … es ist grausam, vor allem, wenn die Ehe nicht freiwillig erfolgt. Vielleicht kannst du jetzt im Ansatz verstehen, warum ich mich nicht erneut binden will.«
Jasper klopfte seinem Bruder auf den Schenkel und erwiderte: »Doch, ich verstehe dich sehr gut Eric.« Dann seufzte er tief. »Da kann ich von Glück sagen, dass ich Mary liebe und sie mich. Vielleicht wird es dadurch nicht ganz so schlimm.«
»Ich wünsche dir alles Glück der Welt, Jasper Brown, und das von ganzem Herzen.« Eric klopfte seinem Bruder auf die Schulter und lächelte ihm dabei aufmunternd zu.
Ein verschmitztes Grinsen zog sich mit einem mal über Jaspers Gesicht. »So so«, meinte er, »du hast also tatsächlich meinen Rat befolgt und bei Miss Lancaster den Anfang gemacht, sie sogar zum Ball eingeladen. Wer hätte das gedacht, Brüderlein.«
Mit strengem Blick sah Eric seinen Bruder an und entgegnete trocken: »Bilde dir bloß nichts darauf ein, liebster Bruder, das hat noch lange nichts zu bedeuten. Ich wollte nur nicht alleine auf dem Ball erscheinen und Freiwild für all die heiratswütigen Damen der Gesellschaft sein.«
Jasper grinste noch breiter und boxte seinem Bruder spielerisch in die Seite. »Ja klar, erzähle das unserer Frau Mutter.« Dann riss er die Augen auf, als ihm schlagartig noch etwas einfiel. »Wer passt eigentlich an diesem Abend auf Vincent auf, während seine Gouvernante auf dem Ball ist?«
Eric ließ ein fieses Lachen ertönen. »Ich dachte da an seinen Lieblingsonkel – du, mein lieber Jasper. Vincent wird sich riesig freuen, dich ganz für sich alleine zu haben.«
Hastig stand Jasper auf, fuchtelte mit dem Zeigefinger vor Erics Gesicht herum und rief entrüstet: »Oh nein Eric, das kommt gar nicht in Frage! Ich werde nämlich ebenfalls auf dem Ball erscheinen, also such dir gefälligst eine andere Kinderfrau.« Damit rauschte er aus dem Zimmer, während das schallende Lachen seines Bruders ihn begleitete.