Wie Hänsel und Gretel
8. Benny
Ich bin zutiefst bewegt, wie liebevoll und selbstverständlich mein Martin und ich hier in der Familie aufgenommen wurden. Gleichzeitig hat es mich berührt zu sehen, dass Annemarie mit so wunderbaren Ersatzeltern gesegnet ist.
Es mag seltsam erscheinen, wenn ich mit meinen 48 Jahren feststelle, dass mir meine Familie noch immer fehlt. Dabei habe ich nicht einmal das Gefühl, etwas in meinem Leben falsch gemacht zu haben, aber es tut einfach weh, wenn man niemandes Kind mehr ist. Selbstverständlich kommt für jeden einmal der Tag, an dem man sich von seinen Eltern verabschieden muss, doch verstoßen zu werden, weil man nicht den Ansprüchen seiner Erzeuger entspricht, schmerzt wahrscheinlich noch mehr, als wenn man durch den Tod getrennt wird.
Martin räuspert sich, sodass ich nicht erschrecke, bevor er seine Arme von hinten um mich schlingt. Ich lasse mich einfach fallen und lehne mich an ihn. Es tut gut, seine warme, breite Brust an meinem Rücken zu spüren. Nach unserem Kennenlernen hat er noch oft versucht, mich davon zu überzeugen, den Kontakt zu meiner Familie wieder aufzunehmen, doch ich blieb stur. Dann hat er mir eines Tages gebeichtet, dass er meine Mutter angerufen hat, fest in dem Glauben, er könnte zwischen uns vermitteln. Ihre Antwort hätte nicht eindeutiger ausfallen können. „Wenn wir den einen Schwulen schon nicht ertragen, dann werden wir bestimmt keine zwei Arschficker dulden. Rufen Sie uns nie wieder an. Wir haben kein Interesse an euch Schwanzlutschern.“ Ja, das waren die Worte meiner liebenden Mutter. Annemarie hat nie davon erfahren. Ich bin sicher, sie hätte unserer Mutter die Augen ausgekratzt.
Stumm bleibe ich eine ganze Weile an meinen Mann gekuschelt stehen. Erst als Oguz im Haus nach den Jungs ruft, erwache ich aus meiner kleinen Lethargie. Ich fühle mich einfach mit angesprochen und folge dem Duft nach frischem Kaffee. Das Gekeife einer aufgebrachten Nachbarin beamt mich in die Wirklichkeit zurück.
Im Esszimmer verstehe ich, woher mein Schwager die Eigenschaft hat, mit Essen sehr großzügig umzugehen. Der Frühstückstisch ist reich gedeckt. Ich bin dankbar, dass mich niemand auf meine kleine Auszeit anspricht. Stattdessen weist Baba mir einladend einen Platz am Tisch zu. So fühlt es sich also an, wenn man in einer großen Familie frühstückt. Ich finde, das ist ein gutes Gefühl – leider habe ich schon vor langer Zeit vergessen, wie gut das tut.
Wir reichen uns gegenseitig die Brötchen herüber, die frisch vom Bäcker stammen. Dazu gehen reichlich Marmelade, Wurst, Honig und Käse über die Tafel. Annemaries Schwiegervater hat sich selbst zum ersten General der Kaffeemaschine ernannt. Das starke Gebräu fließt in Strömen, denn sobald eine Tasse geleert ist, gießt er schon nach. Es ist einfach zu niedlich, das mit anzusehen, denn seine kleine Unbeholfenheit bei dieser Tätigkeit verrät mir, dass er diese Aufgabe nicht so oft übernimmt. Mein Magen ist schon reichlich gefüllt und ich bin mehr als satt, da zwinkert mir Bircan zu. „Ihr steht hier nicht auf vom Tisch, bevor ihr das hier probiert habt.“
Das Strahlen in ihrem Gesicht verrät mir, dass die stolze Hausfrau noch etwas ganz Besonderes für uns vorbereitet hat. Tatsächlich zaubert sie noch eine Vorratsdose hervor, nimmt eine Zange aus der Schublade und legt Martin und mir etwas auf den Teller. Ich starre auf das dunkle Gebäck, das in einem stark glänzenden Sirup schwimmt. „Geil!“, ruft Malik aus, „Vezir parmagi!“ Seine Kulleraugen schauen Bircan flehend an, doch die dritte Großmutter des Jungen bleibt eisern. „Bekommst du später. Ich habe genug für euch zum mitzumnehmen.“. Ich liebe ihren kleinen Akzent. Lediglich Martin und ich dürfen diese selbst gemachte Spezialität bereits jetzt verkosten. Annemarie beginnt zu husten, Ozans Grinsen wird sehr breit. Ich kenne meine Schwester gut genug, um zu wissen, dass hier Hochverrat in der Luft liegt, denn hinter ihrem kleinen Hustenanfall verbirgt sich nichts anderes als ein verhindertes Lachen.
Noch immer nicht ahnend, was die Quelle dieses unterdrückten Heiterkeitsausbruchs sein könnte, beiße ich in die längliche, von zähflüssigem Zuckerwasser umgebene Teigware und …
Ich denke noch darüber nach, ob sich ein Besuch beim Zahnarzt wohl noch lohnen wird oder ob es nicht klüger ist, sofort und auf der Stelle an einem Zuckerschock zu sterben. Dieser einzelne Bissen droht mir die Plomben aus dem Gebiss zu ziehen. Mein Gaumen verklebt augenblicklich, doch ich schaffe es gerade noch, genug Selbstdisziplin aufzubringen, um mir noch einen zweiten Happen in den Mund zu schieben. Bircan schaut einfach zu erwartungsvoll und ich kann diese wundervolle Frau unmöglich enttäuschen. Dennoch, so ähnlich müssen sich die B-, C- und Y-Prominenten fühlen, wenn sie sich für ein fragwürdiges Fernsehformat freiwillig in den australischen Dschungel begeben, um dort Maden, rohe Känguruhoden oder lebendige Spinnen zu fressen.
Malik ist der Einzige, dessen Blick etwas anderes ausdrückt als die Mienen aller anderen. Er schaut neidisch auf meinen Teller, der Rest der Anwesenden sitzt mit angehaltenem Atem und verkniffenen Gesichtszügen um uns herum.
Geistesgegenwärtig beginne ich zu lächeln, lobe diese kleine Köstlichkeit über alle Maßen und reiche meinen Teller an Malik weiter. „Na nimm schon, du Schleckermaul“, sage ich großzügig zu dem Kleinen, „wir bekommen ja später noch genug davon.“ Ich finde, dass ich die Situation meisterlich gelöst habe, auch wenn ich nun für den drohenden Krankenhausaufenthalt eines Kindes verantwortlich sein werde.
Martin geht es nicht anders. Er greift meine Idee auf und sein Teller landet vor Dursuns Nase. Mein Neffe bedankt sich mit einem sehr bösen, aber unauffälligen Blick gegen meinen Liebsten und auch seine Süßigkeit des Grauens landet auf Maliks Teller. Der hingegen verschlingt das kleine Ding mit Genuss. „Oh, Babanne, dass bekommst nur du so hin.“ Ozan nickt und stimmt Malik zu. „Ja, das schafft wirklich nur unsere Babanne.“ Dursuns Freund scheint es wirklich zu schmecken und mein schlechtes Gewissen weicht aus meinem Körper. Mit nur einer Stunde Verspätung sitzen wir endlich im Auto und machen uns auf den Weg in dieses Spaßbad. Normalerweise dauert allein die südländische Begrüßung schon mindestens eine Stunde und die Verabschiedung nimmt ebenfalls 60 bis 90 Minuten in Anspruch. Annemarie hat mir erklärt, dass sich ein Treffen mit der ganzen Familie da schon einmal über ein paar Stunden hinziehen kann.
Kaum sind die Autotüren hinter uns geschlossen, da bekommen Ozan und Annemarie einen Lachanfall. „Meine Mutter ist eine wundervolle Frau mit vielen Fähigkeiten, aber eines kann sie nicht. Sie kann einfach nicht kochen. Sei froh, dass du ihre Hackspieße nicht probieren musstet“, prustet mein Schwager. Über den Wahrheitsgehalt von Ozans Aussage konnte ich mich heute Vormittag überzeugen und auch ich kann nicht mehr an mich halten. Das war wirklich ein kleines Abenteuer.
Lediglich Malik versteht uns nicht. Er isst einfach zu gerne – selbst das, was Bircan zubereitet.