Wie Hänsel und Gretel
5. Annemarie
Ich bin fast schon richtig froh, als wir nach etwa eineinhalb Stunden bei mir zu Hause aufschlagen. Aber lieber jetzt die ,Kennenlern–Dorfrunde‘ absolviert, als später jedem ‚Hinz und Kunz‘ Erklärungen geben müssen. Da müssen wir jetzt alle durch, obwohl ich an der Neugier meiner Mitmenschen nicht ganz unschuldig bin. Ich habe in meiner Euphorie über den Besuch Bennys jedem, der es wissen wollte – und auch allen anderen – erzählt, dass mein geliebter Bruder mit seinem Verlobten zu Besuch kommt.
Wir sind gerade durch die Wohnungstür im Vorflur gelandet – indem ich wie immer meinen Hobel parke – da werden wir gerade Zeuge eines türkischen Wortschwalles, das heißt dessen Ende. Mein Sohn wendet sich, nachdem er uns entdeckt hat, sofort mit den Worten „Anne! Muss ich?“ an mich. Sein schmollender Ton und die aufgerissenen Augen sollen mir – wie immer – signalisieren, dass er der am schlechtesten behandelte Junge auf Gottes weiter Welt ist.
Aber als ich mich um ihn kümmern will, fällt mir Martins entgeisterter Blick und Bennys gerunzelte Stirn auf. Die Fragen der beiden müssen warten, da ich bemerke, dass Ozan sehr genervt wirkt. Deswegen erkläre ich Dursun: „Egal was Baba angeordnet hat, es ist okay!“
,Baba´ schaut seinen Sohn triumphierend an. „Siehst du, deine Mutter möchte auch nicht, dass du heute Abend bei Malik übernachtest. Damit ist das Thema erledigt und du wirst hier bei deiner Familie bleiben.“
Ozan grinst zufrieden und ich steige endlich aus meinem ungeliebten Transportmittel – zu Hause stehe und gehe ich, wie immer, weiterhin auf meinen eigenen Beinen. Auf dem Weg in das Innere meiner Wohnung höre ich Benny vor sich hin brummen, plötzlich erklingt direkt neben mir ein Glucksen und auf meinen fragenden Blick erklärt er mir begeistert: „Mir ist gerade eingefallen, dass Anne keine Abkürzung für deinen Namen ist, sondern Mutter auf Türkisch heißt.“ Ich realisiere gerade, dass meine beiden Lehrer wohl ein kleines Problem mit der Vorstellung hatten, dass mein Sohn mich mit Vornamen anredet – als Dursun schmollend und die Tür zuschlagend in seinem Zimmer verschwindet.
Während die beiden Akademiker in dem Hochgefühl, sich selbst eines Besseren belehrt zu haben, schwelgen und gleich eine leise Debatte führen, hören wir meinen Sohn in seinem Zimmer telefonieren. Er sagt seinem besten Freund den geplanten 'Spiele und DVD'-Abend ab. Als ich das mitbekomme, beschließe ich noch mal mit Ozan zu reden.
Ich finde ihn in der Küche und möchte ihm nach einer kleinen Grundsatzdiskussion über Respekt und Zusammenhalt der Familie gerade einen Vorschlag machen, da werde ich durch Bennys Stimme unterbrochen. „Schwagerherz, darf ich dir einen Vorschlag machen, ohne deine Autorität untergraben zu wollen?“, fragt er und auf ein Nicken Ozans fährt er fort: „Könnte der Kleine seinen geplanten Abend nicht anschließend an das Abendessen machen – in seinem Zimmer, mit seinen Freunden?“ Und als er merkt, dass die Gegenwehr meines Mannes ziemlich schwach ist, stößt er Martin seinen Ellenbogen in die Seite – quasi als Aufforderung, auch etwas Produktives von sich zu geben.
Dieser kommt der nonverbalen Bitte auch prompt nach und versichert glaubhaft: „Uns stört das wirklich nicht! Lieber ein wenig Leben in der Bude, als einen miesepetrigen Neffen und einen ebenso gut gelaunten Schwager. Du würdest es ihm doch gerne erlauben, glaubst aber, dass wir Deutschen das nicht abkönnen. Aber Junge – wir können damit umgehen – wir sind schon groß.“
Dem Blick Bennys nach zu urteilen ist so eine lange Rede eher unüblich für Martin. Und gleich darauf ändert sich der ohnehin schon hohe Wärmegrad zwischen den beiden noch um ein paar Grad, denn mein Bruder gibt Martin einen Kuss. Man merkt deutlich, dass er sich zurückhält und es bei einem – relativ kleinen und züchtigen Kuss belassen möchte. Doch bald schon vergessen die zwei ihre Umgebung und aus der scheuen Berührung wird eine handfeste Knutscherei – die Triebe sind wohl zu stark und ich bin begeistert darüber, dass die Jungs, selbst nach zwei Jahren, im Alltag ihre gegenseitige Anziehungskraft immer noch nicht unter Kontrolle haben. Dass mein Benny doch noch sein Glück gefunden hat, lässt mich wie ein Teenager schwärmen.
Ein Räuspern lässt uns drei zusammenzucken und in Richtung Ozan schauen, der schief grinsend und mit vor der Brust verschränkten Armen an die Küchenzeile gelehnt dasteht und sagt: „Also wenn es euch wirklich nichts ausmacht, dann nehme ich euren Vorschlag gerne an. Aber bevor ich meinem …“, nach einem kurzen Blick zu mir, „… unserem Sohn Bescheid sage, parke ich euch im Bad unter der kalten Dusche.“ Er lässt einen provozierenden Blick über die zwei bis zu dem Feuermelder an der Decke gehen und spricht knurrend weiter: „Meine dumme Frau steht nämlich nur mit Herzchenaugen daneben, während ihr die Luft gerade hormonell verpestet.“
Ich komme gar nicht dazu, mich gegen die – gegen mich gerichtete, völlig aus der Luft und total überzogene – Anschuldigung zu wehren, da fliegt schon die Küchentüre auf und Dursun stürmt mit den Worten „Was willst du mir sagen?“ herein. Er muss wohl schon länger gelauscht haben. Auf den Schreck, den mir der hereinstürmende Dursun verpasst hat, lehne ich mich gegen den hinter mich getretenen Ozan und gemeinsam versuchen wir, mit ernsten Blicken, unserem Sohn Benehmen und Vernunft einzubläuen. Er tut uns den Gefallen und sieht angemessen zerknirscht aus, während er ein „Tschuldigung … habe vergessen, das ich nirgendwo reinplatzen soll.“, murmelt.
Ozan holt einmal ganz tief Luft und sagt: „Oglum … du bist alt genug und solltest inzwischen selber darauf achten. Ich bin nicht immer da um deine Mutter aufzufangen, wenn sie vor Schreck die Balance verliert.“.
Dursun kommt daraufhin mit gesenktem Kopf zu mir, um sich noch einmal extra zu entschuldigen, und ich nehme ihn daraufhin ganz fest in die Arme, um ihn zu versichern dass alles in Ordnung ist. Dazu flüstere ich ihm ein „Pst, Baby … alles in Ordnung zu.“.
Ein paar Minuten später legt Benny seine Hand auf Dursuns Schulter und sagt, nachdem Dursun in anschaut: „ Komm‘ mit raus und erkläre ich dir, was Martin und ich unter Einsatz unseres Lebens deinem Vater abgerungen haben.“
Mein Junge grinst seine Onkel frech an und gluckst: „Bin gespannt, von euren Heldentaten zu hören“, und verlässt mit ihnen die Küche.
Als wir allein sind, lasse ich mich ganz in Ozans Umarmung fallen und genieße seine Zärtlichkeiten. Irgendwann höre ich Martins Stimme: „Wer muss hier eine Dusche nehmen?“, und ein gemurmeltes „Klappe“ von Benny.
Etwa eine halbe Stunde später sind wir alle im Wohnzimmer um den sich unter dem vielen Essen biegenden Tisch versammelt. Es gibt gefüllte Weinblätter, Putenschnitzel mit Pommes – in Anlehnung an die Ruhrpottküche, denn die Jungs sollen sich heimisch fühlen – und Cigarrabörek. Kurz vor dem Essen hat Dursun uns mitgeteilt, dass drei seiner Freunde in einer Stunde vorbeikommen – Malik, Rubens und Thomasz.