Wie Hänsel und Gretel
4. Benny
Der Charme von Dursun und Malik hat wenigstens die schlechte Laune meines Gattens in spe wieder ein wenig gemildert. Selbstverständlich habe ich gemerkt, dass mein zukünftiger Ehemann ein wenig ungehalten ist. Seit wir unsere Taschen in der Pension abgestellt haben, spricht er kaum noch ein Wort mit mir. Unser Zimmer liegt in der ersten Etage, ist keine Luxuskemenate, dafür aber sauber und es hat irgendwie einen ländlichen Charme.
Eigentlich wollten wir uns nach der langen Fahrt ja noch ein wenig ausruhen und danach frisch machen, aber draußen vor der Tür werden wir schon sehnlichst erwartet. Als wir die Stufen zum Ausgang heruntergehen, frage ich ihn einfach nach dem Grund seines Unwohlseins. „Was passt dir jetzt konkret nicht? Die Herberge? Meine Schwester? Ihr Mann?“
Martin schweigt. Ich stoße ihm meinen Ellenbogen heftig in die Seite, er stöhnt leicht auf und fragt mich ganz höflich, aber bestimmt, ob mir irgendjemand ins Hirn geschissen hätte, dass ich so mit ihm umgehe. Ja, wenn wir unter uns sind, sind seine Manieren einfach formvollendet.
Wir bleiben auf der halben Treppe stehen. „Reden oder Prügel?“, frage ich ihn, denn ich mache in dieser Situation keine Gefangenen.
„Ach Scheiße!“, quillt es aus ihm hervor. „Es ist alles zugleich. Die Pension heißt so, wie sie mir erscheint! Ein echter Albtraum! Allein wie diese Brida uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass Schwule hier nicht willkommen sind … Dein Schwager nennt mich Theo, dein Neffe behandelt uns wie schwule Exponate. Wir sind doch keine Affen im Zoo, auf die man mit dem Finger zeigt und sagt: ‚Och, wie niedlich!‘ Und gegen deine Schwester und dich als Team kann ich doch eh nicht anstinken. Ihr seid einfach eine Einheit, gegen die niemand – auch ich nicht – nur den Ansatz einer Chance hat. Ihr seid ja wie Hänsel und Gretel.“
Ich höre viel Ärger aus der Stimme meines Schatzes heraus und es kostet mich unendlich viel Kraft, mir mein Lachen zu verbeißen. Gerade den kleinen Anflug von Eifersucht auf Annemarie finde ich extrem süß. Ich habe mich aber gut im Griff, kann mich beherrschen und versuche die Situation zu retten.
„Martin, als die gute Brida uns gesagt hat, dass man hier im Dorf auf alternative Lebensformen noch nicht eingestellt ist, sprach sie aus Erfahrung. Ihr Mann heißt Bruce und ist ein Afroamerikaner aus Boston. Du hast keine Ahnung, was die beiden hier als erstes Paar mit unterschiedlichen Hautfarben am Anfang ihrer Beziehung durchgemacht haben. Annemarie und Ozan waren anfangs die Einzigen, die zu ihnen standen. Es verging damals kein Tag, an dem meine Schwester sich am Telefon nicht über das ignorante Pack von Dorfbewohnern aufgeregt hat. Was Ozan angeht, frage ich mich, wo dein Humor geblieben ist. Du musst doch nur zwei oder dreimal zurückschießen und er ist schon eingenordet. Er mag keine Duckmäuser, provoziert gerne und wenn er die passende Antwort bekommt, ist er zufrieden und glücklich, einen ebenbürtigen Gesprächspartner gefunden zu haben. Du bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen. Mein Verlobter holt gerade Luft, um etwas zu sagen, doch ich rede unbeirrt weiter. Jetzt hat er zuzuhören und damit basta!
„Was Dursun angeht, musst du zugeben, dass er einfach bezaubernd ist. Du musstest genauso lachen wie ich und bist seinem Charme erlegen. Und Annemarie ist doch keine Konkurrenz für dich. Sie ist erstens meine Schwester, zweitens verheiratet und drittens eine biologische Frau – auch wenn sie sich nicht immer so benimmt. Komm schon, Tiger, gib mir einen Kuss und wenn wir heute Abend in unserem Bauern-Zimmer liegen, werde ich dir so geschickt einen blasen, dass du danach gar keine Albträume mehr haben kannst!“
Martin versucht mich noch immer mit einem bösen Blick zu strafen, doch ich habe die Gebrauchsanleitung für den Kerl gut studiert. Mein Rehblick, den ich in seinen braunen Iriden versinken lasse, und mein unverhohlener Griff in seinen Schritt lassen ihn weich werden – na ja, stimmt nicht so ganz. Eigentlich wird er sogar ziemlich hart.
„Wehe, du hältst dein Versprechen nicht oder machst heute Nacht einen schlechten Job!“, warnt mich mein Verlobter. Ich kontere: „Du hast schon unter meinem Mundwerk gestöhnt, da kanntest du nicht viel mehr als nur meinen Namen.“
Lachend umarmt er mich und wir versinken in einem dieser innigen Küsse, die nur zwei Verliebte miteinander teilen können.
„Hey, ihr Tutel-Täubchen, wird das heute noch etwas?!“ Ozans liebliche Stimme schallt zu uns herauf und lachend lösen wir uns voneinander.
Als wir vor der Tür stehen, lädt mein Schwager gerade Annemaries Rolli aus dem Wagen. Er dreht den Kopf in unsere Richtung, grinst und fragt: „Was ist, Theo? Musstest du erst noch eine Messe feiern?“
„Ne“, antwortet Martin, „ich habe den Bettvorleger nach Mekka ausgerichtet, damit ich dir nachher beim Beten besser auf deinen geilen Arsch starren kann!“
Ozan stutzt, stellt den Rolli auf den Boden und schlägt meinem Schatz so kräftig auf den Rücken, dass er fast ins Straucheln gerät. Er lacht laut los und ich bin sehr stolz auf meinen Auserwählten. Er lernt ja doch sehr schnell.
„Deine verrückte Schwester hat beschlossen, euch durch unser Dorf zu führen. Dieses dumme Huhn will bestimmt nur mit euch angeben“, erklärt uns Ozan. „Dursun und ich nehmen unseren Lastesel aus den Opelwerken. Er schlägt mit der Faust auf das Dach seines Autos. Wir treffen uns dann bei uns daheim.“ Die beiden springen in den Wagen und fahren los.
Es muss ein schöner Anblick sein, wie wir drei uns so durch das Dorf schaukeln. Annemarie zu unserer Linken, Martin und ich gehen eng umschlungen neben ihr. Immer wieder bleiben wir stehen, weil wir gerade in einer spannenden Unterhaltung baden. Nur selten werden wir mit bösen Blicken der schwäbischen Ureinwohner bedacht. Meine Schwester hebt alle paar Minuten die Hand, um schon wieder jemanden zu begrüßen. Hier kennt halt jeder jeden. Immer wieder hören wir die Frage: „Ond? Ischer des?“ „Jo, des ischer!“, ruft sie dann zurück. Bei dem Dialekt hätte mein Mann bestimmt seine Freude an jedem Schulaufsatz, den er korrigieren müsste.
An dem einzigen Straßencafé, das der Ort zu bieten hat, legen wir eine kurze Rast ein. Mehrmals werden wir von den dörflichen Passanten mit einem freundlichen Lächeln oder einem zustimmenden Nicken bedacht. Als der Dorfpfarrer vorbeigeht. bleibt er einen Moment stehen, reicht uns nacheinander die Hand. Martin wird sogar mit „Herr Michalsky“ angesprochen und er erklärt uns, wie sehr er sich über den Besuch eines gelehrten Theologen freuen würde. Der Arme scheint mir sehr einsam zu sein.
Das ist so typisch für meine Schwester. Sie ist nicht nur bekannt wie ein bunter Hund, sie ist auch eine kleine Plaudertasche.
Annemarie bestellt uns jedem ein Stück Apfelkuchen und den dazu passenden Kaffee. Die Kellnerin schaut Annemarie beim Servieren an und von ihr kommt der Satz: „Welche von dene boide ischer?“
„Des ben no i“, antworte ich und hebe bekennend die Hand. Ja, ich nehme Dialekte eben sehr schnell an.
Eigentlich bin ich ganz froh, wenn wir drei gleich mit Ozan und Dursun unter uns sein werden.