Wie Hänsel und Gretel

AnBi Öz, Bernd Schroeder · Kapitel 4 von 13

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Wie Hänsel und Gretel

3. Annemarie

 

 

„Hey, mein Ritter!“, begrüße ich schließlich – immer noch schniefend – Benny und drücke ihm einen Kuss auf den Mundwinkel.

Da höre ich neben uns meinen herzallerliebsten Mann grummeln: „Ritter der rosa Rüstung, würdest du bitte, samt verrückter Prinzessin, den Weg freigeben? Ihr steht so gar nicht im Weg!“

Ich löse widerstrebend meine Arme von Bennys Nacken und dieser erhebt sich, etwas wackelig, aus seiner Hockstellung. Während wir zwei uns noch ‚sortieren‘, sieht Ozan sich suchend um und als er entdeckt, was oder wen er sucht, ruft er ganz laut: „Mann … Theo, schwing die Hufe … ich habe gerade den doppelten Niagarafall gestoppt … trockenlegen musst du.“

Benny und ich schauen uns verwirrt an, da keiner von uns mit dem Namen Theo etwas anfangen kann. „Wer ist Theo?“, fragen wir gleichzeitig.

„Na sein Mann!“, sagt Ozan unschuldig dreinblickend an uns gewandt und dabei auf Benny zeigend. „Theo kommt von Theologe … ist doch eindeutig!“

Wenig später ist Theo – Martin bei uns angelangt und versucht Ozan mit Blicken zu erdolchen. „Hör‘ auf mich Theo zu nennen, du mehr als wir pigmentierter, einer fremden Kultur und Religion angehörender und uns unsere Frauen wegnehmender Mitbürger“, plärrt Martin los. Oh, da ist wohl jemand leicht angefressen.

Ozan bekommt kurz große Augen, dann legt sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht und er gibt Bennys Verlobten eine kleine Kopfnuss mit der Bemerkung: „Du hast einen Fehler in deinem Vortrag … Ihr zwei könnt mit Frauen doch nichts anfangen … also dürfte dich dieser Punkt schon mal nicht stören.“ Im nächsten Moment umarmt er Martin und sagt: „Willkommen in der Familie! Ich glaube, du passt ganz gut.“

Ein breites Grinsen liegt auf meinem Gesicht und ich flüstere Benny verschwörerisch zu: „Ich glaub, er mag ihn.“ Dieser drückt mir nur ganz fest die Hand, während sein Gesicht wieder Farbe annimmt. Ich glaube fast, er hatte deswegen Bedenken … mir erschließt sich bloß nicht, warum. Ozan und Martin schnappen sich das Gepäck der beiden und mein Mann gibt mit einem „Hade … Auf geht’s“ das Zeichen dafür, dass wir ihm folgen sollen. Also nehme ich Bennys Hand, die mir schon entgegenkommt, und gemeinsam trollern wir den beiden hinterher.

Wir unterhalten uns ganz kurz über die Fahrt und danach werden Ozan und ich über unseren Sohn ausgequetscht. Als wir den Bahnhof gerade verlassen und uns in Richtung der Parkplätze wenden, klingelt mein Handy. Es ist die Pension ‚Alb-Traum‘ aus unserem Dorf. Da der Zug ja Verspätung hatte, sind wir überfällig, und Brida – die Besitzerin – wollte sich erkundigen, ob die Buchung noch steht. Diese Gelegenheit nehme ich wahr, um nach Dursun zu fragen. Da mein Sohnemann erstens keine Lust hatte mitzukommen und zweitens noch Hausaufgaben zu machen hatte, parkte er sich bei dem Sohn von Brida. Malik geht auch in Dursuns Klasse. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich meinen Sohn verstehen. Mit 13 Jahren würde ich auch nicht unbedingt mit meinen Ollen durch die Gegend gondeln wollen. Nachdem ich Brida beruhigt und mit Dursun ausgemacht habe, dass wir seine Onkel in der Pension bloß absetzen, damit sie sich erst einmal erholen können, und ihn dann mit nach Hause nehmen, lege ich auf.

Da wir inzwischen bei unserem Auto angekommen sind, verladen wir erst meinen Rolli und dann das Gepäck. Weil der Rollstuhl unter dem Gepäck liegt, macht Martin ein bedenkliches Gesicht und eine dementsprechende Bemerkung. Auf mein lapidares „Brauche ich nicht, da ich meinen Hobel nur für lange Strecken nehme“ werde ich nur sehr, sehr lange gemustert, aber ‚Gott-sei-Dank‘ kommt von ihm kein Kommentar. Bei unseren wenigen Telefonaten zu dritt schien er kein Problem mit mir zu haben. Oder sollte ich mich so getäuscht haben?

Auf dem Weg zur Pension erzähle ich unseren zwei Großstädtern ein wenig über das schwäbische Örtchen, in dem ich, dank Ozan, jetzt schon eine Weile lebe. Nach etwa 45 Minuten sind wir am Ziel und noch während Ozan den Motor abstellt, fliegt die Eingangstür der Pension auf und Dursun und Malik stürmen heraus. Während wir aussteigen, höre ich Malik fragen: „Und wer von den beiden ist jetzt dein richtiger schwuler Onkel?“

Dursun hat sich schon auf den Weg zu Bennys Seite des Autos gemacht, als die Frage kam. Er antwortet: „Der hier ist mein richtiger Onkel“, und zeigt auf den aussteigenden Benny, „aber schwul sind sie beide.“

Auf Bennys Gesicht kann ich sehen, wie er den Kampf gegen seinen Lachanfall verliert. Als er und Dursun sich umarmen, gluckst er: „Wie gut, dass du das klargestellt hast“, und zwinkert ihm zu. Auch Martin und Ozan grinsen breit.