Wie Hänsel und Gretel

AnBi Öz, Bernd Schroeder · Kapitel 7 von 13

PDF-Seiten

Wie Hänsel und Gretel

6. Benny

 

Angesichts der Berge von Speisen, die Ozan aufgefahren hat, kann ich mir kaum vorstellen, dass Dursuns Freunde erst in einer Stunde kommen werden. Ich dachte, sie würden mit uns zu Abend essen, denn vermutlich würde es nicht nur für die drei, sondern auch noch für deren Eltern reichen.

Martin legt kurz die Hände in den Schoß und lässt seinen Kopf auf die Brust sinken. Angesichts eines solch opulenten Mahles gehört das stille Tischgebet für ihn einfach dazu. Alle anderen warten den Moment brav ab. Toleranz wird im Hause meiner Schwester und ihres Gatten einfach großgeschrieben, das beinhaltet für sie auch den Respekt vor anderen Religionen.

Martin murmelt ein verstohlenes ,Amen´, Ozan fügt ein ‚Bismillah‘ hinzu und das ist das Zeichen für alle, sich über die guten Dinge herzumachen. Dursun stürzt sich auf die Pommes frites. „Oh Mann, gut, dass ihr da seid. Sonst gibt es bei uns nämlich selten Fritten. Hat Papa nur für euch gemacht, weil ihr bei euch zu Hause doch auch immer welche esst“, nuschelt er mit vollem Mund.

Martin muss lachen. „Ja, der typische Mann aus dem Ruhrgebiet kennt nur zwei Gerichte: Pommes-Currywurst und Pommes-Döner. Eben echte deutsche Küche.“ Er legt noch eins drauf, greift nach den Flaschen mit Ketchup und Mayonnaise, um ein rot-weißes Streifenmuster auf seinen frittierten Kartoffelstäbchen zu verteilen. „Datt is übrigens, wo man bei uns ,Pommes-Schranke´ für sacht. Weißte, wegen die weiße und rote Streifen.“ Auch in unserer Heimat wird schließlich ein kleiner, bezaubernder Dialekt gesprochen. Ich hoffe nur, er verfällt nicht für den Rest des Abends in diese Ausdrucksweise, denn manchmal übertreibt er einfach.

 

Während mein Blick an einem kleinen Detail in Annemaries Wohnzimmerschrank hängen bleibt, steht Ozan auf. „Möchtet ihr ein Bier zum Essen?“ Ohne die Antwort abzuwarten, verteilt er bereits Gläser und kommt kurz darauf mit Getränken beladen aus der Küche zurück. Martin schaut ihn überrascht an. „Ich dachte, ihr trinkt kein Bier“, stellt er erstaunt fest. „Falsch“, korrigiert ihn mein Schwager, „wir trinken keinen Alkohol. Deshalb bekommt auch nur ihr Ungläubigen eine Kostprobe aus unserer Dorfbrauerei und mein Weib und ich gurgeln mit alkoholfreiem Weizen.“

Martin ist baff, doch ich merke, dass er beginnt sich wohlzufühlen. Er greift mehrfach zu und lässt es sich schmecken. Besonders diese zigarrenförmigen, gefüllten Teigtaschen haben es ihm angetan.

Trotz der munteren Gespräche starre ich immer wieder, leicht wehmütig, auf dieses kleine Ding in Annemaries Schrank und grinse leicht dümmlich vor mich hin. Selbstverständlich bleibt meiner Schwester diese Reaktion nicht verborgen. „Ja, es ist immer noch da“, muntert sie mich auf.

Dursun folgt ebenfalls meinem Blick. „Meinst du Mamas Spielzeugauto, mit dem ich nie spielen durfte?“, fragt er neugierig.

„Genauer gesagt ist das immer mein Lieblingsauto gewesen. Deine böse Mutter hat es mir damals abgeschwatzt. Ich musste es ihr schenken, damit ich ab und zu mit ihrem Puppenhaus spielen durfte. Ja, lieber Dursun, deine Mutter war schon immer gemein zu mir. Dabei habe ich nie jemandem erzählt, was mit dem Gartenhaus unseres Großvaters wirklich passiert ist.“ Verschwörerisch wackele ich mit den Augenbrauen, doch Annemarie fällt mir in Wort. „Das hat man mir auch nie nachweisen können und jetzt bist du besser still.“

Ein aufgeweckter Junge wie Dursun merkt natürlich sofort, dass sein Onkel gerade dabei war, ein Familiengeheimnis auszuplaudern, und hakt nach. „Was war denn mit dem Gartenhäuschen von eurem Opa?“, doch der böse Blick Annemaries lässt mich schweigen. Damit mein zappeliger Neffe aber doch noch in den Genuss einer kleinen Anekdote kommt, erzähle ich ihm die Geschichte, als seine Mutter einmal vor Gericht musste. Annemarie war damals 14 und in einer Friedensgruppe engagiert. Beim nächtlichen Plakatieren für den friedensbewegten Ostermarsch wurde sie erwischt und musste sich vor einem Jugendrichter verantworten. Sie kam zwar mit einer simplen Ermahnung davon, doch bei den wenigen Familienfeiern, die danach noch stattgefunden hatten, wurde genau diese Episode ihres Lebenslaufes gerne breitgetreten.

Dursun lacht und staunt. „Super“, ruft er laut, „meine Mum sperrt mir mein Taschengeld, weil ich meinen Ball in eine Fensterscheibe geschossen habe, und ist selber vorbestraft.“ Auch Ozan wird sehr hellhörig. „Du warst im Frauenknast und hast mir nie davon erzählt? Das wirst du heute Abend aber noch ändern müssen.“ Selbst ich erkenne seinen anzüglichen Gesichtsausdruck.

Meine Schwester stößt ihm ihren Ellenbogen leicht in die Seite, geht aber nicht darauf ein. „Dafür habe ich jedes Mal gemerkt, wenn Benny mit meinen Barbiepuppen gespielt hat“, versucht sie das Thema zu wechseln. Ich stimme ihr locker zu. „War ja auch keine Kunst. Ich hatte ja selten genug Zeit, Ken Barbies Ballkleid wieder auszuziehen.“ Martin findet das urkomisch und freut sich schon, dass er ein passendes Geburtstagsgeschenk für mich hat.

„Dann war es wohl keine Überraschung, als Benny dir erzählt hat, dass er yumusak ist?“, wendet er sich an Annemarie.

Das war zwar eher eine rhetorische Frage meines Schwagers, aber ich beantworte sie gern für meine Schwester. „Nein, es war keine Überraschung für sie. Ich glaube, sie wusste es schon, bevor ich mir darüber im Klaren war. Aber sie hat immer zu mir gehalten, ich habe nie ein böses Wort von ihr gehört. Sie hat mich gegen meine Familie genauso verteidigt, wie sie früher die Jungs in der Schule verprügelte, wenn mir jemand zu nahe kam.“ Unsere Hände kriechen automatisch über den Tisch, bis sie sich erreichen und wir uns festhalten können.

 

„Mama hat sich mit Jungs geprügelt?“ Für Dursun ist es heute wohl so ein wenig wie das Zuckerfest nach Ramadan, wenn es um die Wahrheit über seine Mutter geht. Er bekommt zwar keine Geschenke, doch das Blitzen in seinen Augen verrät mir, dass auch er den familieneigenen Schalk im Nacken hat. Er will gerade etwas sagen, doch bevor er weiter nachfragen kann, klingelt es an der Tür und er ist abgelenkt. Annemarie atmet erleichtert auf.

„Das sind die Jungs!“, ruft der Kleine und springt auf, um seine Freunde an uns vorbei in sein Zimmer lotsen zu können. Ozan beginnt den Tisch abzuräumen, Martin hilft ihm dabei und Annemarie und ich bleiben allein zurück. Wir tauschen alte Geschichten aus, denken gemeinsam an alte Schulfreunde, an die peinliche Beerdigung unseres Großvaters, an all die Verwandten, die mit uns nichts mehr zu tun haben wollen und viele Dinge mehr. Mir wird dabei ganz warm ums Herz und ich erkenne, wie wichtig meine Schwester mir schon immer war und noch immer ist.

Während wir in weiteren Erinnerungen versinken, hören wir aus der Küche nicht nur emsige Arbeitsgeräusche, sondern auch immer wieder unsere beiden Männer lachen. Sie räumen wohl gerade die Spülmaschine ein. Unsere Kerle verstehen sich offensichtlich gut und ich nutze das aus, um Annemarie zu fragen, ob sie meine Trauzeugin wird – und Ozan wohl Martins Trauzeuge werden würde. Die kleine Träne, die sich aus ihrem Auge stiehlt, ist wohl Antwort genug. Ich werte das als klare Zustimmung. Die Umarmung, die nun folgt, brauche offensichtlich nicht nur ich.

Unsere Kerle lassen uns viel Zeit, bis sie sich wieder zu uns trauen. Für dieses Einfühlungsvermögen bin ich ihnen sehr dankbar. Es wird ein großartiger Abend und mir wird bewusst, dass mir der Rest meine Familie gestohlen bleiben kann. Bis eben auf diesen einzigen, wunderbaren Menschen namens Annemarie.

 

Irgendwann geht auch der schönste Abend einmal zu Ende. Es fällt mir schwer, diese unbeschwerten Stunden zu beenden, doch es ist bereits spät in der Nacht. Die Jungs schlafen schon längst und nicht nur Martin und mir beginnen die Augen zuzufallen. Ozan bietet uns dennoch an, uns in unsere Pension zu fahren, doch ein so kleiner Ort hat auch Vorteile. Wir legen einen Fußweg von wenigen Minuten zurück und schon sind wir in unserer Herberge angekommen. Morgen werden wir gemeinsam einen Tag in einem dieser Spaßbäder verbringen. Ich hoffe nur, dass ich noch einmal so viel Zeit mit meiner Schwester verbringen kann wie heute Abend. Zusammen mit meinem Martin ist sie einfach das Beste, das mir in meinem Leben passieren konnte.

Dennoch werden weder die kleine Melancholie, die mich umfängt, noch unsere Müdigkeit mich daran hindern, mein Versprechen vom Nachmittag bei meinem Mann einzulösen. Er sieht einfach zu verlockend aus, so wie er jetzt nackt aus der Dusche kommt. Ich setze mich ganz vorne auf die Bettkante, er weiß, was ich vorhabe, und grinst mich breit und verführerisch an. Halb erregt stellt er sich vor mich, sodass ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen kann. Schon nach wenigen Minuten habe ich ihn so weit, dass er mir einen kleinen Schubs gibt, der mich auf die Matratze katapultiert. Die Nacht wird wohl noch kürzer werden, als ich dachte …

Eine Stunde später schlafe ich beseelt, entspannt und rundherum glücklich ein.