Wie Hänsel und Gretel

AnBi Öz, Bernd Schroeder · Kapitel 12 von 13

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Wie Hänsel und Gretel

11. Annemarie

 

Gedankenverloren schaue ich dem davonfahrenden Zug hinterher, der mir meinen Bruder entführt. Ich bin gerade dabei mir im Kopf einen Plan zurechtzulegen, wie ich es schaffe, Benny in Zukunft regelmäßig mit meiner Anwesenheit zu nerven, als ich durch einen ziemlich heftigen Stoß darin unterbrochen werde. Bevor ich überhaupt begreife, was passiert ist, höre ich eine Stimme keifen: „Was soll des? Sie könnet doch nich so dahanne da numstahn!“ Als ich aufblicke, sehe ich eine Mischung aus herausgeputzter Walküre und biederer schwäbischer Hausfrau, die meine beiden Jungs und mich umrundet – uns gar nicht weiter beachtend, dafür ihren Begleiter in derselben Tonart anfährt: „Na, Alfons, jetzet mach schon. Wir müssen danore! Hajoh, ich henn doch nachgefraget …“ Offensichtlich wollten sie im selben Zug sitzen wie Benny und Martin sitzen, haben aber den Anschluss verpasst. Plappernd läuft dieses schwäbische Urgestein weiter – ohne jemandem vor, hinter oder neben sich Beachtung zu schenken.

Dieses Verhalten entlockt Ozan ein knurrendes „Siktir“, dem noch allerlei andere, ähnlich nette Worte folgen sollen. Das entnehme ich dem tiefen Luftholen meines Göttergatten, aber ein leichtes Kopfschütteln meinerseits unterbindet diese Verbalentgleisung. Ich habe gerade weder die Lust noch die Nerven dazu, mir das anzuhören.

„Anne! Jetzt höre auf so komisch zu gucken! Die sind nicht auf'm Mond!“, werde ich quengelig von meinem Sohnemann angefahren. Er ist einfach noch zu jung, um das nachvollziehen zu können.

Mit einem Seufzen fahre ich meinen beiden Männern hinterher, nur um vor dem Bahnhof ein paar Fußball spielenden Jugendlichen zuzusehen und mit meinen Gedanken in die Vergangenheit zu rutschen.

„So, Jungs ... für heute ist das Training beendet!“, schreit unser Fußballtrainer vom Rand des Feldes. Als ich mich, wie alle anderen, an ihm vorbei in die Umkleide verdrücken will, hält er mich mit einem „Annemarie, warte kurz!“ auf. Gleichzeitig winkt er Lars – den Captain unserer Mannschaft – auch hinzu. „Mädel, du hast dich gut gemacht. Du bist ab nächste Woche im Kader ... als Linksaußen. Also bist du bei dem Turnier dabei.“

Vor Freude springe ich Lars an und klammer mich wie ein Äffchen an ihm fest. Dieser grinst unseren Trainer an und sagt: „Trainer, dass ist unfair ... jetzt muss ich die bis in die Umkleide tragen“, dabei wuschelt er mir durchs Haar und trabt mit mir davon. Auf halber Strecke kommen wir an dem Rest der Mannschaft, der neugierig gewartet hat, vorbei und Lars schreit: „Bulldozer ist qualifiziert ... sie ist mit dabei!“ Nach tausend Schulterklopfern und Glückwünschen kommt die Spaßbremse unseres Teams und meckert: „Ab sofort hast du auch Vorbildfunktion! Jetzt kannst du dich nicht einfach mehr prügeln.“

Mein gemurmeltes „Ich glaube die Nominierung gebe ich zurück“ löst allgemeine Heiterkeit aus.

Eine halbe Stunde später komme ich, geduscht und umgezogen, aus der Mädchenumkleide und sehe Benny an der Sportplatzumzäunung stehen und den Kugelstoßern sowie den anderen Leichtathleten unseres Gymnasiums zuschauen. Heute hat er sich extra Zeit genommen, damit wir – wie vor seinem unfreiwilligen Auszug – stundenlang quatschend und über Jungs lästernd durch die Straßen unseres Städtchens ziehen können. Wie ein geölter Blitz renne ich zu ihm und werfe mich mit den Worten „Ich hab's in den Kader geschafft!“ in seine Arme.

Benny dreht sich einmal mit mir im Kreis, bevor er mich loslässt. „Habe ich’s nicht gesagt? Ich wusste es!“, jubelt er, nimmt meine Hand und gemeinsam rennen wir Richtung Bushaltestelle.

Sobald wir im Bus sitzen, danke ich ihm noch mal für seinen Glauben an mich und meine Fähigkeiten. Und da sagte mein achtzehnjähriger Bruder die Worte, die mein ganzes Leben beeinflussen sollten – da ich sie verinnerlichte.

„Merke dir nur zwei Sachen im Umgang mit dir selbst … Glaube und Respekt … Glaube an dich und deine Fähigkeiten – Respektiere deine Stärken und Schwächen! Lerne mit ihnen umzugehen. Nur wer das tut, bekommt auch den Respekt und die Akzeptanz der anderen Menschen.“

An dieser Stelle tauche ich aus meinen Gedanken auf, da ich umarmt werde. Ozan von der einen und Dursun von der anderen Seite. „Ist ja gut, Jungs, ich komme ja schon“, brumme ich vor mich hin und gebe beiden rasch je einen Kuss auf die Wange.

Ein „Iieeh“ von Dursun und ein „Weib“ von Ozan bringen mich zum Lachen und die darauffolgende wilde Jagd tut ihr Übriges, um mich meine sentimentalen Gedanken vergessen zu lassen. Wie mein Sohn ganz richtig festgestellt hat, wohnen die beiden ja nicht auf dem Mond. Spätestens in einem halben Jahr sehen wir uns wieder und außerdem gibt es ja noch so eine Erfindung namens Telefon …