Wie Hänsel und Gretel
2. Benny
„Meine sehr verehrten Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Stuttgart Hauptbahnhof. Sie haben Anschluss an den E-605 nach Stuttgart-Böblingen, sowie an die Regionalbahn 4711 in Richtung Bad Burtz an der Wahn und an die Regionalbahn 0815 in Richtung …“
Den Rest der Durchsage des näselnden Zugbegleiters nehme ich schon nicht mehr wahr. Viel zu ungeduldig möchte ich schon aufspringen, um nach meinen Koffer zu greifen und aus dem Zug zu hüpfen, doch mein Sitznachbar greift nach meiner Hand und hält mich fest.
„Schatz, wenn er von wenigen Minuten spricht, dann sind das Bundesbahnminuten. Die bestehen mindestens aus 90 bis 180 Sekunden in Echtzeit“, sagt er zu mir. Die Dame, die uns gegenübersitzt, lächelt uns an.
Notgedrungen lasse ich mich wieder auf meinem Platz nieder. Allein die Tatsache, dass wir unser Ziel mit einer kleinen Verspätung von zwei Stunden erreichen, zeigt mir, dass mein zukünftiger Gatte ein weiser Mann ist. Klar, muss er ja sein, denn er ist Lehrer – so wie ich. Dennoch funktioniere ich gerade eher über das vegetative Nervensystem als über mein Hirn.
Ich bin einfach zu nervös. In wenigen „Bundesbahnminuten“ werde ich endlich meine Schwester wieder in die Arme nehmen können, werde ihr meinen zukünftigen Ehemann vorstellen und er wird mit ihrer kleinen, manchmal etwas chaotischen Familie Bekanntschaft schließen. Sie ist alles, was mir von meiner Sippe noch geblieben ist. Dabei ist es durchaus nicht so, als hätten Hungersnot, Pestilenz oder eine böse Naturkatastrophe eine ganze Dynastie ausgelöscht. Nein, die einzige Katastrophe war mein ‚Schwulsein‘. Ich wurde von meiner Familie verstoßen, weil ich auf Männer stehe. Genau genommen stehe ich mittlerweile nur noch auf einen Mann und der sitzt völlig entspannt und gelassen neben mir, atmet ruhig und hält meine Hand.
Annemarie war schon immer die Einzige, die mich akzeptiert hat wie ich bin. Sie hat sich über all die Jahre niemals von den homophoben Beschimpfungen meiner Sippe beeindrucken lassen. Der Kontakt zu mir wurde trotz aller Umstände niemals abgebrochen. Als ich vor zwei Jahren, mit immerhin 46 Jahren, endlich den Mann meines Lebens gefunden habe, wollte sie meinen Wunderknaben unbedingt kennenlernen, doch erst jetzt haben wir endlich die Gelegenheit.
Martin und ich unterrichten an derselben Schule. Meine Fächer sind Sport und Mathematik, er lehrt Deutsch und mittlerweile Ethik. Unsere erste Begegnung hatten wir jedoch nicht im Lehrerzimmer, sondern in einem schwulen Internet-Chat. Wir verabredeten uns auf eine ziemlich heiße Nummer und gingen danach einfach wieder auseinander. So leicht und unverbindlich kann schwuler Sex sein! Als ich dann meine neue Stelle am ,Helene-Fischer-Gymnasium´ antrat, standen wir uns erneut gegenüber und die Überraschung war auf beiden Seiten groß. Heimlich verabredeten wir uns für den Abend, um zu klären, wie wir mit der Situation umgehen würden. An diesem denkwürdigen Abend verliebten wir uns ineinander.
Für Martin war es schwieriger, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, als für mich. Ich war, nach dem Rausschmiss durch meinen Vater, ein offen lebender Schwuler. Für mich gab es kein Versteckspiel mehr.
Er hatte ursprünglich andere Pläne, deren Verwirklichung für ihn als Schwulen mehr Schwierigkeiten bereitet hätte.
Martin wollte eigentlich katholischer Priester werden. Seine Behauptung, dass nicht der Zölibat an der Aufgabe dieses Planes Schuld war, bringt mich noch immer zum Lachen. „Zölibat wäre kein Problem, doch ich hätte mit dem Gehorsam nicht leben können!“, erklärte er unseren Freunden eines Tages. Ich begann zu lachen, denn ich kenne seinen Appetit. Die Sanktionen wegen begangener Subordinationen hätte er locker wegstecken können, doch seine animalischen Triebe unterdrücken? Niemals! Das nehme ich ihm nicht ab und er weiß es.
Seine Entscheidung, Lehrer zu werden, hat er nie bereut, denn er ist sehr beliebt bei den Schülern, trotz seines Hauptfaches.
Als wir uns dazu bekannten, als Paar auch öffentlich zu leben, barg das durchaus Risiken für ihn und mich. Durfte ein schwuler Mann Religion lehren? Dazu noch katholische Religion?
„Ja, er darf“, war nicht nur die Antwort unseres Rektors, sondern auch die Meinung einiger engagierter, toleranter Eltern unserer Schule. Doch leider hatten wir die Rechnung ohne den Einfluss der katholischen Kirche gemacht. Die sagte ,Nein´ und entzog meinem Martin mit sofortiger Wirkung die Lehrerlaubnis. Auch im 21. Jahrhundert ist der Einfluss des Vatikans noch größer als wir denken. Mit viel Bürokratie, guten Beziehungen des Rektors und einigen verwaltungstechnischen Kunstgriffen konnte Martin im Lehreramt bleiben. Er unterrichtet jetzt halt das Fach Ethik.
Ähnlich groß war die Debatte um mich. Ein schwuler Sportlehrer? Vergreift der sich nicht an den pubertierenden Knaben in der Umkleide? Doch auch meine Person betreffend hatten wir genügend Rückhalt. Einige Schüler und Schülerinnen waren sogar bereit, eine Unterschriftenliste zu erstellen, doch spätestens als wir uns entschlossen hatten, unsere Liebe vor dem Standesamt zu bekunden, ebbten die Debatten schneller ab, als wir befürchtet hatten.
Als der Zug endlich auf dem Bahnsteig einrollt, gibt es für mich kein Halten mehr. Ich stehe auf, reiße meinen Koffer aus dem Gepäckhalter und wühle mich durch die Menschen bis zur Tür. Martin trottet völlig entspannt hinter mir her. Ich kann ihn lachen hören. Er findet meine Nervosität sogar süß, sagt er. Blöder Kerl, aber ich liebe ihn.
Es dauert eine Weile, bis ich nach dem Aussteigen in den Massen von Menschen ein bekanntes Gesicht ausmachen kann. Mein Schwager Ozan winkt mir zu. Ich kachele auf ihn zu und er umarmt mich zur Begrüßung sogar. Für seine Verhältnisse ist das eine echte Auszeichnung, denn er hat es nicht so mit dem Zeigen von Gefühlen in der Öffentlichkeit. „Annemarie wartet unten auf dich“, erklärt er mir, „der verdammte Aufzug ist schon wieder kaputt. Du hättest sie auf ihren verdammten Mercedes schimpfen hören sollen …“
Ich kann es mir vorstellen. Geduld ist nicht gerade ihr zweiter Vorname, ich kenne doch mein Schwesterlein.
Ozan gibt Martin zur Begrüßung die Hand, stellt sich vor und sagt: „Ach, und bist du, der was Chrismus unterrichtet, Alder?“
Eigentlich würde ich jetzt gerne anfangen zu lachen. Ich mag meinen Schwager, der gerne provoziert und der es liebt, sein perfektes Deutsch bewusst mit grammatikalischen Fehlern, rollendem ,R´ und sonstigen türkischen Einschlägen zu versehen. Doch ich habe keine Zeit, den beiden Jungs noch zuzuhören. Vertrauensvoll lasse ich meinen Koffer stehen, denn ich weiß, dass Ozan ihn gleich übernehmen wird. Dann renne ich die Stufen herunter und sie ist wirklich da!
Meine Prinzessin streckt mir ihre Arme entgegen, ich beschleunige meinen Schritt und dann gibt es kein Halten mehr. Als wir uns endlich in den Armen liegen, steigt die Luftfeuchtigkeit über dem Stuttgarter Raum enorm an. Wenn heute Abend in den Nachrichten zwei rührselig heulenden Geschwistern die Schuld an dem plötzlichen, lokalen Klimawandel gegeben werden sollte, können wir vermutlich nicht einmal ein Veto dagegen einlegen.