Wie Hänsel und Gretel

AnBi Öz, Bernd Schroeder · Kapitel 8 von 13

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Wie Hänsel und Gretel

7. Annemarie

Es ist fünf Uhr früh, ich genieße ganz gemütlich und in aller Ruhe meinen Cappuccino, bevor der ganz normale Wahnsinn wieder losgeht. Mein Handy meldet sich, zeigt mir den Eingang einer SMS an und reißt mich damit aus meinen Gedanken an den gestrigen Abend. Als Absender wird mir mein Schwiegervater angezeigt – dieser weiß, dass ich ein ‚früher Vogel‘ und demzufolge schon immer zeitig wach bin, da ich die stillen Morgenstunden liebe. Außerdem wird er um diese Zeit schon sein Morgengebet absolviert haben oder es gleich machen.

Ich öffne die Nachricht und lese: ‚Kizim! 10 Uhr Frühstück bei uns – müssen kontrollieren, welcher Art der Rest DEINER Familie ist … ihr kommt freiwillig!!! Baba‘ Ich muss über die grummelige Art des Alten schmunzeln und schicke sofort eine positive Antwort zurück. Außerdem leite ich Vaters ,Original-SMS‘ mit dem Vermerk: ‚Wir holen euch 9.30 h ab.‘ an die Handys von Benny und Martin weiter – ein fieses Grinsen ziert dabei mein Gesicht. Strafe muss sein! Seit Benny gestern Opas Gartenhäuschen erwähnt hat, nervte mich mein Sohn – trotz seines Besuchs – im Viertelstunden-Takt über Handy, um herauszufinden, was damals passiert ist. Natürlich hat er keine Antwort bekommen und nach drei Stunden gab er auf.

Gegen acht Uhr kommt Ozan in die Küche geschlurft, nimmt die volle Kaffeekanne unter der Maschine weg und setzt sich wortlos an den gedeckten Küchentisch. Ich schiebe ihm – ebenfalls wortlos – mein Handy mit der SMS von Vater auf dem Display und einen Zettel rüber, auf dem steht: ‚Habe den Jungs die Nachricht weitergeleitet und gesagt, dass wir sie 9.30 h abholen.‘ Mein Brummbär liest, nickt als Zeichen der Kenntnisnahme und widmet sich dann ausgiebig seinem Frühstück – ja, morgens ist mein Mann so kommunikativ wie ein Fisch auf dem Trockenen. Vermutlich hebt die Aussicht auf den heutigen Tag im Erlebnisbad seine Laune auch nicht gerade. Ich liebe ja seinen kleinen Waschbärbauch, aber er meint, es wäre für niemand begeisternd, wenn er seine türkische Bongotrommel – nur mit einer Badehose bekleidet – vor sich herträgt. Er hat schon bei dem letzten Telefonat von Benny und mir die Hände und Füße über dem Kopf zusammengeschlagen, als er hörte, dass Dursun seine beiden Onkel schon über Chat überzeugt hatte, einen Tag in der Planscharena einzulegen.

Nach der dritten Tasse Kaffee zündet er sich einen Glimmstängel an und nuschelt: ‚Du hast Vaters Zeug einfach so an die Jungs weitergeschickt? Warum? Enisde Martin wird sich in die Hosen machen, Benny wird sich fragen, warum du ihn ärgerst. Also, Frau …“, und sieht mich auffordernd an.

Zur Antwort rufe ich den Chat mit unserem Sohn von gestern Abend auf und zeige ihm diesen wortlos. Dort steht: ‚Was hast du mit deinem Biük Babas Häuschen gemacht? … Erzähl! … Mach schon! … Was war da! … Ich nerv so lange, bis du es sagst!‘ – und dass abwechselnd drei Stunden lang!

Ozan lacht leise und sagt: „Für ihn ist es wunderbar, dass du doch nicht die Sauberfrau bist, für die er dich wohl gehalten hat. Als ich leise grummle: „Beleidigen lassen muss ich mich nicht“, und in den ‚Eingeschnappt-Modus‘ wechseln will, kommt er um den Tisch, nimmt mich in den Arm und meine aufkommende schlechte Laune verfliegt, bevor sie richtig da war.

Während ich unsere Badetasche mit Badeklamotten und den – gestern Abend von Martin und Ozan – vorbereiten Plastikdosen mit den Resten unseres reichhaltigen Abendessens packe, weckt Ozan unseren Sohn und seine Freunde. Nachdem die drei Jungs sich besprochen haben, steht fest, dass nur Malik mit uns ins Erlebnisbad mitkommt. Er sagt seiner Mutter Bescheid und leiht sich von Dursun eine Badehose.

Als wir bei meinen Schwiegereltern klingeln, sehe ich, wie sich Benny verstohlen die Hände an seiner Hose abwischt und Martin ihn kurz aufmunternd an sich zieht. Mein Bruder scheint doch etwas sehr nervös zu sein, deshalb drehe ich mich kurz zu ihm um und umarme ihn, dabei flüstere ich: „Entspanne dich, Babe, und sei du selbst. Wir stehen hinter dir.“ Mein Bruder schnauft kurz durch und setzt gerade zu einer Erwiderung an, als sich die Türe öffnet.

Bevor wir meine Schwiegermutter begrüßen können, hören wir einen türkischen Fluch aus der Küche kommen, meine Schwiegermutter verdreht die Augen, lächelt schief und sagt: „Ihr kommt nach Kinder. Muss Baba retten“, und schon ist sie verschwunden. Wir grinsen uns bloß alle an und ich merke, dass bei Martin und Benny die Körperspannung etwas nachlässt. Nachdem wir uns unserer Jacken und Schuhe entledigt haben, wandern wir alle im Gänsemarsch ins Wohnzimmer. Dursun begrüßt seine Großeltern als Erstes und lässt sich, mit einem schiefen Grinsen, umarmen. Dann macht er sich energisch los geht zu Martin und Benny, nimmt ihre Hände und zieht sie nach vorn – direkt vor meine Schwiegereltern. Dazu sagt er mit einem Grinsen: „So, Dede, das sind meine Onkel“, und an die beiden gewandt: „Jetzt könnt ihr sie begrüßen – deswegen sind wir ja da – und dann können wir weiter. Ich will endlich in die Planscharena.“

Die beiden sehen total überrumpelt aus und auch leicht panisch – bei dem verschlossenen Gesichtsausdruck, den unser Ahn gerade zur Schau stellt, kann ich das den Jungs nicht verdenken. Bestimmt denkt Benny auch gerade an sein letztes Treffen mit unserem Vater, da hatte dieser nämlich genau den gleichen Gesichtsausdruck. Bloß war es bei unserem Vater wirklich Ablehnung – dagegen bin ich mir vollkommen sicher, dass mein Schwiegervater die Jungs nur einschüchtern will. Das ist seine Art herauszufinden, wessen ‚Geistes Kind‘ jemand ist. Ich habe mich gerade entschlossen dem Schauspiel ein Ende zu bereiten, da sehe ich, wie ein Ruck durch Bennys Körper geht und er in den Kampfmodus wechselt – frei nach dem Motto ‚Tucken haben auch Rückgrat‘. Er nimmt die ausgestreckte Hand meines Schwiegervaters, dreht dessen Handrücken nach oben, um diesen zu küssen, und führt diesen dann an die Stirn.

Ich sehe, dass die Augen von Ozans Vater einen verräterischen Glanz bekommen, denn keiner – nicht mal ich – konnte damit rechnen, dass Benny die traditionelle Respektsbezeugung zum Besten gibt. Mein Schwiegervater entzieht Benny seine Hand und umarmt ihn, dabei sagt er: „Willkommen in der Familie Beaskurt. Ich bin Oguz, du kannst aber gerne Baba sagen.“

Benny muss einen Frosch verschluckt haben, denn er räuspert sich und bringt ein gequetschtes: „Ich bin Bernhard, du darfst aber gerne Benny sagen … Baba“ heraus. Während er sich meiner Schwiegermutter zuwendet, begrüßt Martin meinen Schwiegervater mit Handschlag und einem „Salam Aleikum“ und bekommt auch eine Umarmung.

Als Martin sich aus Vaters Armen löst, hat auch Benny seine Respektsbezeugung gegenüber meiner Schwiegermutter abgeschlossen und wird in ihre Arme gerissen. Ihr Blick findet Martin, den sie abwartend dastehen sieht, sie winkt ihn zu sich und zieht ihn auch in ihre Arme, küsst die beiden auf die Schläfen und nuschelt dabei: „Benim ogullar! Mein Name ist Bircan.“ Spätestens jetzt fließen meine Tränen hemmungslos, da ich nicht damit gerechnet habe, dass meine Jungs so ohne Probleme in meiner Schwiegerfamilie aufgenommen werden. Ich – und auch Ozan und Dursun – haben schon oft von den beiden erzählt, aber trotzdem ist diese Reaktion unserer Eltern doch skandalös gut.

Mein Mann nimmt mich einfach in die Arme, während mein Sohn schimpft: „Ehrlich, Weiber! Warum heulst du denn jetzt? Babanne hat, wie Dede, die beiden umarmt und außerdem sie als ihre Söhne bezeichnet! Das ist doch gut.“ Ich kann ihm nur nickend zustimmen.

Benny löst sich aus den Armen meiner Schwiegermutter, nuschelt: „Sorry, aber ich brauch frische Luft“, und ist schon auf dem Weg nach draußen. Malik, der in der Nähe des Fensters steht, sagt leise zu Martin – der meinem Bruder hinterherstürmt: „Er ist hier vorbei ... Richtung Garten.“

Vater schaut mich an und fragt: „Haben wir was falsch gemacht?“

Da ich nicht antworte und mich stattdessen noch mehr in Ozans Arme schmiege, antwortet dieser für mich: „Ich glaub, Benny braucht etwas Zeit, um zu verarbeiten, dass er eine neue Familie hat. Seine hat ihn nicht gewollt und verstoßen, seit sie wussten, dass er anders ist. Nur mein Herz hat immer zu ihm gehalten.“ Bei seinen letzten Worten drückt er mich ganz fest an sich.

Während ich mich wieder fange und meinen gefühlsmäßigen Normalzustand wieder herstelle, gehe ich Mutter zur Hand und wir bereiten das gemeinsame Frühstück vor. Unterdessen gehen Ozan und Vater mit den Jungs in das Zimmer, das die beiden hier bewohnen – denn meine Schwiegereltern haben ihnen von ihrem Urlaub etwas mitgebracht, das in deren Zimmer deponiert ist. Malik wird von meinen Schwiegereltern wie ein zweiter Enkel behandelt und dessen Eltern wie ihre eigenen Kinder. Da kommt es schon mal vor, dass der 1,60 m kleine Oguz den knapp 2 Meter Hünen Bruce nach allen Regeln der Kunst anscheißt und der schwarze Amerikaner wie ein kleiner gescholtener Junge vor ihm steht.

Wir haben gerade den Tee in die Gläser gefüllt, da höre ich meinen Schwiegervater von der Eingangstür nach draußen schreien: „Jungens, egal wo ihr euch rumtreibt … kommt sofort her! Essen ist fertig!“ Meine Schwiegermutter zählt leise und als sie bei vier angekommen ist, hören wir aus dem Nachbarhaus eine Stimme keifen: „Türk! Schrei leiser! Deine Kinder sind nicht schwerhörig!“ Auf meinen fragenden Blick meint sie: „Je älter sie wird, umso schlimmer. Jetzt kommt auch noch Altersstarrsinn dazu und dadurch verstärkt sich nicht nur ihr Abwehrverhalten gegen alle, sondern auch ihre Kleingeistigkeit. Sie hat schon die ganze Straße gegen sich aufgebracht. Am besten ignorieren.“

Als Martin und Benny – mit verwuschelten Haaren – ins Haus kommen, sagen beide wie aus einem Munde: „Bei solchen Nachbarn fühlt man sich wohl.“ Vater erklärt ihnen kurz die Sachlage den Nachbardrachen betreffend und dann setzen sich alle an den Tisch. Die beiden Kids schlagen am meisten zu. Nach einer Weile bittet Oguz Benny und mich darum, ihm zu erzählen, wie es dazu kam, dass Benny aus der Familie ausgeschlossen wurde – für ihn ist Familie eben Familie, solange keiner kriminell ist, ist alles gut.

Mein Bruder schluckt ziemlich auffällig, schaut mich hilflos an und ich beende die Sache, indem ich meine Schwiegereltern auf ein anderes Mal vertröste – was Oguz stillschweigend akzeptiert.