Wie Hänsel und Gretel

AnBi Öz, Bernd Schroeder · Kapitel 10 von 13

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Wie Hänsel und Gretel

9. Annemarie

 

Als ich mit dem erlebnisbadeigenen Rollstuhl die Damenumkleide verlasse, höre ich einen kleinen Tumult aus der Richtung, in der die Männerumkleide liegt. Neugierig fahre ich näher und erkenne die durcheinander redenden Stimmen meiner fünf Jungs und dazu noch eine näselnde Fistelstimme, die gerade ihren Satz „… können Sie als Vater die kleinen Jungs doch nicht mit den Schwuppen allein lassen“ beendet. Ich drängle mich rücksichtslos durch den Kreis, der sich um meine Familie gebildet hat, und sehe Dursun und Malik hinter Ozan, Martin und Benny stehen. Diesen dreien steht der kommende Vulkanausbruch in ihren Gesichtern geschrieben und ich stelle mich – ohne zu wissen, um was es geht – an ihre Seite, denn dass es nichts Gutes ist, ist mir sofort klar.

Sobald die Kids mich entdeckt haben, wechseln sie ihre Position und stellen sich hinter mich und das ist für mich das Zeichen mich einzumischen. Sofort wende mich an den älteren Herrn, der gerade wieder Luft holt, um weiter rumzuplärren, und frage mit sanfter Stimme – denn das soll bekanntlich beruhigend wirken: „Würden Sie mir bitte sagen, worin das Problem besteht, wegen dem Sie meine Familie hier anpöbeln?“

Ich werde von oben bis unten gescannt, dem folgt ein verächtliches „Wer sind Sie denn?“ Als ich daraufhin andeute, dass ich die Mutter der Kinder und die Männer mein Mann, Bruder und Schwager sind, bekommen wir ein „Kein Wunder, dass unser Land den Bach runtergeht, wenn solche Familienzusammensetzungen erlaubt sind! Krüppel, Hottentottenkinder, Knoblauchfresser und Schwule … früher hätte man so was in …“ Weiter kommt dieser ewig Gestrige nicht, da er von dem herbeigerufenen Sicherheitsdienst abgeführt wird. So viel zur beruhigenden Wirkung sanfter Stimmen.

Der Chef des ‚Blue Ozean‘-Erlebnisbades – der mit dem Sicherheitsdienst ankam – entschuldigt sich tausend Mal und bietet uns zur Bekräftigung seiner Entschuldigung die kostenfreie Benutzung des Bades inklusive Benutzung sämtlicher Bereiche an. Wir nehmen an, bekommen unseren Eintritt zurückerstattet und dazu noch Gutscheine für die verschiedenen Bereiche, Imbisse und Restaurants.

 

Den Schreck verarbeiten wir in der ‚Saftbar‘ bei ein paar köstlichen Getränken und als ich wissen möchte, was passiert ist, erklärt Dursun: „Wir haben rumgeblödelt – alle miteinander – und als sich meine Onkels danach einen kleinen Kuss gegeben haben, da habe ich aus Spaß gesagt: ‚Nehmt euch ein Zimmer!‘, und Baba hat gelacht und gesagt: ‚Ehrlich, das wollen meine Jungs und ich nicht sehen.‘ Anne, das war ganz harmlos, wir haben doch alle darüber gelacht. Dann, als wir die Umkleide verlassen haben, stand der alte Knacker da. Ja … und den Rest kennst du.“ Ich erkenne an den Blicken der beiden Kids, dass sie etwas verstört sind, da sie noch nie selbst in so einen Vorfall verwickelt gewesen waren. Aber genauso gut weiß ich, dass die zwei von selber kommen werden, wenn sie Redebedarf haben.

Das weitere Gespräch dreht sich um die schwere Entscheidung, was wir hier zuerst in Angriff nehmen. Einstimmig entscheiden wir uns erst einmal für den klassischen Schwimmbereich, der aus vier verschiedenen Becken besteht – einem Babybecken, einem normalen Schwimmbecken, einem Thermalbecken und einem Becken, das nur für die Riesenrutsche da ist. Die Jungs entern das normale Schwimmbecken und liefern sich ein Rennen, das zwei Sieger hat – Ozan und Martin, dicht gefolgt von Benny und den Kids. In der Zwischenzeit habe ich mich in das Thermalbecken begeben und schaue vergnügt von hier aus dem Treiben im Nachbarbecken zu. Irgendwann wechseln die großen Jungs zu mir in die Wärme, während die Kids sich weiterhin im normalen Becken vergnügen. Ich bewundere Ozan gebührend dafür, dass er Benny – einen Sportlehrer – geschlagen hat, was dieser grinsend bestätigt. Außerdem beruhigen wir Martin, der sich Gedanken wegen des Vorfalls macht und das unbedingt mit den Kids besprechen will. Er lässt sich von uns überzeugen, das Dursun und Malik sich von selber melden, wenn sie Probleme in irgendeiner Hinsicht haben. Klar, als Pädagoge und Onkel liegt ihm das besonders am Herzen. Damit hat er jetzt aber auch meinen Göttergatten von sich überzeugt, was ich daran merke, dass Ozan ihn kaum noch provoziert, sondern eher mit ihm herumalbert. Wir schwimmen als Pulk ein wenig durch das warme Wasser – reden über dieses und jenes – und merken nicht, wie die Zeit verfliegt, bis wir von Malik – der mit Dursun auch in unser Becken gekommen ist – angesprochen werden.

„Hey, hier drinnen wird man ja zum Weichei! Und das macht ihr jetzt schon eine Stunde … ist nicht euer Ernst, oder?“, fragt er uns stirnrunzelnd. Benny und Martin tarnen ihr Lachen mit Hustenanfällen, da ihnen natürlich nur anständige Gedanken bei der Ausdrucksweise Maliks durch den Kopf gehen. Von meinem Mann erntet der Kleine dafür eine Kopfnuss, die er mit: „Erst wird man hier als Hottentotte beschimpft und dann auch noch verprügelt. Ehrlich, eure Gesellschaft ist total anregend“ kommentiert.

Obwohl er bemüht fröhlich klingt, ist mir klar, dass jetzt wohl ein kleines bisschen Aufarbeitung gefragt ist – allerdings die der Marke ,Annemarie & Benny‘. Also fange ich, meine Besorgnis durch Flapsigkeit kaschierend, an: „Nun, mein Hase hast du einen anderen Kosenamen kennenlernt. Soll ich dir mal aufzählen, was Benny in unserer Jugendzeit für welche bekam?“

Der Kleine schaut mich etwas zweifelnd an und nuschelt: „Davon kenne ich selbst genug.“ Er ist kurzzeitig in sich selbst versunken und dann hören wir ein gemurmeltes „Scheiß drauf!“. Er wendet seinen Blick Benny zu und fragt: „Aber wie bist du denn mit solchen Idioten klargekommen?“ Dieser winkt ihn zu sich und platziert ihn dann zwischen sich und Martin. Dursun, Ozan und ich folgen auch und bilden automatisch einen Halbkreis um die in einer Beckenecke lehnenden drei.

„Nun, Malik, einfach war es nicht. Aber du hast den Vorteil, dass deine Freunde und Familie hinter dir stehen und dir das Gefühl geben, dass du so, wie du bist, richtig bist. Ich hatte außer meiner Schwester und einem Freund niemand“, fängt Benny an und wirft mir dabei einen langen Blick zu.

Malik und Dursun schauen sich kurz an und mein Spross meint: „Tja, Onkelchen, dafür hast du jetzt zwei Neffen“, und umarmt nicht nur Benny, sondern auch Martin – Malik macht dasselbe.

Um die Stimmung zu heben, fange ich gespielt brummig und eingeschnappt mit Quengeln an: „Dafür hast du mich aber nie gerettet … immer musste ich dich irgendwo rausboxen oder dir – ganz gepflegt und mit Genuss – in deinen Hintern treten. Zum Beispiel mit vierzehn, als mein achtzehnjähriger Bruder im Schwimmbad mit seinem Arsch im Reifen steckengeblieben ist.“

Benny wirft mir einen gespielt bösen Blick zu und grummelt nun seinerseits: „Hör mit den ollen Kamellen auf, das will eh keiner wissen.“ Er beugt sich leicht zu mir und flüstert im Bühnenton: „Ich sage nur Opas Gartenhäuschen.“

„DAS musste jetzt sein!“, danke ich meinem Bruder sarkastisch, denn jetzt hat Benny den Sportsgeist der Jungen geweckt, die natürlich versuchen herauszufinden, was damals Skandalöses passiert ist.

Etwa eine halbe Stunde später wird es Ozan zu bunt und er bricht das Verhör durch die Kids ab, indem er laut und deutlich brummt: „Also, da in meinem Bauch ein schwarzes Loch ist, das meine Energien frisst, muss ich mir Futter suchen. Mal sehen, ob es hier irgendwo was Ordentliches gibt. Wie durch Zauberhand verstummen Malik und Dursun und sind in der nächsten Sekunde an der Seite meines Gatten, um sich als Fährtensuchhunde zur Verfügung zu stellen – da sie vollkommen davon überzeugt sind, als Einzige ‚ordentliches Essen‘ zu finden. Da sich – wie auf Kommando – die Mägen von uns allen lautstark bemerkbar machen, folgen wir Ozan widerspruchslos aus dem Wasser.

 

„Mas machen mir jez?“, nuschelt mein Sohnemann mit vollem Mund und schluckt den Rest seiner Pommes runter. Wir sitzen jetzt schon eine ganze Weile in einer Art Rondell, das von allen möglichen Imbissbuden und Restaurants umgeben ist. Um uns herum wird wirklich alles angeboten, von der asiatischen Küche über holländische Fritten, selbstverständlich mit ‚Frekandle spezial‘, bis zum kräftigen Döner. Das ist ganz praktisch, da sich jeder das Essen holen kann, wonach ihm der Sinn steht. Eigentlich bin ich durch das warme Wasser und meinem vollgeschlagenen Bauch nur noch müde und zu nichts mehr zu gebrauchen, dementsprechend viele Ideen geistern mir zu Dursuns Frage durch den Kopf – nämlich keine. Auf Ozans Nachfragen erklären uns die Jungs, dass sie gerne auf die Riesenrutsche möchten, Martin und mein Göttergatte schauen sich an und fangen an zu grinsen.

Bevor ich mir überlegen kann, was diese Einträchtigkeit der beiden zu bedeuten hat, ergreift Martin das Wort. „Also ich war schon lange nicht mehr auf so einem Teil. Das könnte mir bestimmt gefallen.“

Und Ozan fügt mit einem breiten Lächeln hinzu: „Okay, alter Mann, dann ist klar, dass wir zwei die Jungs auf jeden Fall begleiten … nur um sicherzugehen, dass sie sich auch ja benehmen.“ An mich gewandt fügt er hinzu: „Du solltest vielleicht diesen Ruheraum, den es hier geben soll, nutzen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es hier jemand mindestens genauso erschöpft ist wie du und ebenso dort relaxen muss“, und schaut bei dem letzten Satz Benny an. Die Aussicht, noch ein bisschen Zeit allein mit meinem Bruder verbringen zu können, lässt mich kommentarlos nicken und dümmlich grinsen.

Martin schaut Benny an und sagt: „Keine Widerrede! Ich kann nicht verantworten, dass Anni verloren geht in diesem Trubel.“ Kurz darauf sind alle mit Essen fertig und wir schnappen unsere Sachen, um uns zu trennen. Doch bevor ich losfahren kann, kommt Martin auf mich zu und umarmt mich, mir dabei ins Ohr flüsternd: „Mach dir keine Gedanken um die Kids … ich werde auch noch mal mit ihnen reden … genieße die Zeit mit meinem Schatz.“ Überwältigt von seiner Großzügigkeit umarme ich meinen Schwager in spe so fest ich kann und drücke ihm, als wir unsere Umarmung lösen, einen Kuss auf die Stirn.

Ozan unterbricht uns, in dem er ganz nah an uns herantritt und Martin anknurrt: „Vergiss nicht, das ist meine Frau!“, mich nun seinerseits in den Arm nimmt und mir einen ziemlich fordernden Kuss gibt. Normalerweise mag er seine Gefühle in der Öffentlichkeit nicht zeigen, aber ich glaube, in seinem kleinen Eifersuchtsanfall vergisst mein Mann, dass dies hier völlig grundlos ist. Aber ich werde den Teufel tun und mich beschweren – dafür genieße ich den Kuss zu sehr.

Ein „Seid ihr endlich fertig?“ von Seiten Dursuns lässt uns den Kuss unterbrechen. Dabei bemerke ich, dass auch Benny und Martin sich voneinander lösen. „Echt … ich überlege mir das nächste Mal genau euch mitzunehmen“, grummelt Dursun, „ihr seid echt peinlich!“

Ein unterdrücktes Kichern können wir Erwachsenen uns nicht verkneifen, was die Kids mit den Augen rollen lässt. Als wir in verschiedenen Richtungen davongehen, höre ich Martin Ozan ein übermütiges „Jetzt werde ich dir zeigen, was ein alter Mann noch alles anstellen kann“ zuwerfen.

 

Sobald wir den Ruheraum betreten, kommt uns ein junger Mann entgegen, der uns hilft eine Liegegelegenheit für zwei Personen – die weder zu hoch, noch zu niedrig für mich ist – zu finden. Wir machen es uns auf dem hüfthohen, kubusförmigen Podest bequem und während wir uns mit der bereitliegenden Decke zudecken, kommen auch schon die Getränke, die wir uns – mit einem der Gutscheine – gönnen. Ich mache es mir in Bennys Armen bequem, während wir über Nebensächlichkeiten reden und ich es genieße, meinem Bruder wieder ganz nahe zu sein, drifte ich langsam weg. Mein letzter Gedanke bevor ich einschlafe gilt dem Vorhaben wach zu bleiben, um in Ruhe ‚Geschwistersachen‘ bereden zu können.