Wie Hänsel und Gretel
10. Benny
Der Anblick meiner Schwester lässt mich schmunzeln. Sie ist einfach so weggepennt und schnarcht sogar leicht vor sich hin. Die Anstrengung war wohl doch zu groß, deshalb sei ihr die kleine Schlummerpause gegönnt. Mit einem grenzdebilen Lächeln schaue ich auf meine schlafende Annemie. So viele Erinnerungen werden wach. Mir wird dabei bewusst, wie sehr ich diese kleine, drahtige Frau liebe und noch ein Gefühl überrollt mich dabei: Stolz! Ich bin stolz darauf, was sie alles erreicht hat. Sie hat sich von ihrer verdammten Krankheit nie unterkriegen lassen. Bevor ihre MS so weit fortgeschritten war, hat sie die halbe Welt bereist. Ich erinnere mich an die vielen Postkarten und Briefe, die sie mir geschickt hat. Russland, Polen und die Ukraine waren in dem einen Jahr dran, im nächsten bekam ich dann Post aus Thailand, Vietnam und Kambodscha. Skandinavien stand sogar zweimal auf ihrem Programm.
Sie hat es sich nicht nehmen lassen, ihre Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin mit Auszeichnung abzuschließen, spezialisierte sich dann später auf Sportwagen und war eine Meisterin ihres Faches. Heute, da sie diesen Beruf natürlich nicht mehr ausführen kann, arbeitet sie noch immer stundenweise im Büro ihrer damaligen Ausbildungsfirma. Sie hat gegen den Rat der Ärzte ihren Sohn geboren und nicht einmal habe ich sie klagen hören.
Über das Internet gründete sie eine Gruppe von ebenfalls Betroffenen. Selbst an den Tagen, an denen sie kaum mehr kriechen kann, berät sie andere und kämpft sich für sie durch den Dschungel von Behörden und Krankenkassen. Hier fehlt ein Rolli – da macht man Ärger wegen eines blöden Rollators. Meine Schwester schafft es jedes Mal, störrische Sachbearbeiter rund zu machen. Einsprüche einlegen oder gar Dienstaufsichtsbeschwerden zu schreiben ist für sie fast schon ein Hobby. „Das ist doch Urlaub“, behauptet sie dann immer.
Ich bin froh, dass sie meine Gedanken gerade nicht lesen kann. Jede Form von Bewunderung weist sie weit von sich. Mitleid habe ich für sie nur, wenn ich sie ärgern möchte, denn sie hasst das. Sie wäre jetzt nicht gerade eine Freundin meiner sentimentalen Gedanken. Würde sie mir genau jetzt in den Kopf gucken, bekäme ich von ihr die Ohren lang gezogen, bis ich eine Mischung aus Mr. Spock und Legolas wäre. „Dangalak“ hätte sie mich genannt. Wahrscheinlich ist das das zärtlichste Schimpfwort in der türkischen Sprache – zumindest wenn Annemarie mich so nennt. Ich will gar nicht wissen, was sich Ozan und sie gegenseitig an den Kopf werfen, wenn sie sich wirklich streiten.
Ich kann nicht anders, ich muss mich an sie kuscheln und auch mir fallen beinahe die Augen zu. Zum Schlafen komme ich selbstverständlich dennoch nicht. „Hey, du Schnarchnase. Pennen kannst du auch zu Hause oder im Zug. Eure Heimfahrt dauert ja lang genug.“ War ja klar, dass sie ausgerechnet dann wach wird, wenn ich schlafen möchte. Das war bei uns schon so, als wir noch Kinder waren. „Motzkoffer“, gebe ich zurück und ernte damit nur eine Grimasse.
Langsam begeben wir uns zu unserer Familie zurück. Ozan und Martin sitzen in trauter Einigkeit nebeneinander und halten sich die Bäuche vor Lachen. „Darf man erfahren, worüber ihr euch so herzhaft auslasst?“, frage ich neugierig.
„Na, über euch! Was dachtet ihr denn?“ antwortet Ozan.
Gespielt empört sehe ich meinen Mann in spe böse an. „Gar nicht wahr“, berichtigt er, „ aber ich kenne niemanden, der so viele böse Witze über Türken kennt wie mein Schwager.“
Ozan grinst breit. „Und Martin hat Tunten-Anekdoten drauf wie kein anderer. Also ich würde mich nicht trauen, die jemandem zu erzählen.“
„Kindsköpfe“, knurrt Annemarie. „Männer“, sage ich abschätzig und verdrehe die Augen.
Dursun und Malik kommen leicht groggy zu uns von den Wasserrutschen, die sie ausgiebig genossen haben. Die Fahrt hierher hat sich nicht nur für die Jungs gelohnt, sondern auch wir Erwachsene hatten jede Menge Spaß. Und so geht dieser Tag viel zu schnell zu Ende. Wir mahnen langsam zum Aufbruch, erlauben unseren Kerlen – den großen wie den kleinen – einen letzten Sprung ins Wasser, bevor wir uns in Richtung Umkleide machen. Unter mauligem Knurren folgen uns die Jungs sogar ohne große Diskussion.
Nicht nur unser Tag im Spaßbad war viel zu kurz. Die Stunden unseres Aufenthaltes sind geradezu verflogen. Wir verbringen noch einen gemeinsamen Abend bei Ozan und Annemarie und verabschieden uns schließlich.
Am nächsten Morgen holt Ozan uns vermutlich absichtlich später ab, als wir abgesprochen hatten. Ich vermute, er will keine lange Abschiedsszene am Bahnhof erleben, doch seine Rechnung geht nicht ganz auf. Die Straßen sind frei und uns bleibt noch genug Zeit, bevor unser Zug in Richtung Heimat fährt. Gegen Abend werden wir schon wieder auf unserem Sofa kuscheln, uns irgendeinen Film ansehen und es wird mir dennoch sehr still vorkommen. Ich werde die Bande vermissen.
Wir kommen an einer Schnellbäckerei vorbei, wo Annemarie es sich nicht nehmen lässt, noch Reiseproviant für Martin und mich zu kaufen. Sie bezahlt vier belegte Brötchen und zwei Rosinenschnecken für unterwegs.
Die Verkäuferin lächelt sie an. „Darf es sonst noch etwas sein? Vielleicht einen ‚Coffee to go´?“
Annemaries Mundwinkel zucken leicht und ich sehe ihr an, dass ihr der Schalk im Nacken sitzt. „Was haben Sie mich da gerade gefragt? Soll das etwa ein schlechter Scherz sein oder wollen Sie mir hier wirklich eine spontane, durch Kaffee auslöste Wunderheilung verkaufen?“
Die eigentlich recht blasse Gesichtsfarbe der freundlichen Verkäuferin wechselt chamäleongleich die Farbe. Das Weiß wird zu Rosa, das Rosa wechselt in ein tiefes Rot. Sie schaut auf den Rollstuhl und beginnt zu stottern. „Tut mir wirklich leid. So habe ich das nicht gemeint. Ich wollte … ich meine nur, ob Sie noch …“
Weiter kommt sie nicht. Unser schallendes Gelächter verrät ihr schließlich, dass die kleine Frau im Ein-Personen-Mercedes sie nur auf die Schippe genommen hat. Wir traben zum Bahnsteig und dieses Mal funktioniert wenigstens der Aufzug.
Unser Zug ist pünktlich und so fällt die Verabschiedung kurz aus. Wir gehen so auseinander, wie wir vorgestern zusammengekommen sind, mit Umarmungen und leichten Tränen in den Augen. Erst in einem halben Jahr werden wir uns wiedersehen. Dann werden mein Martin und ich vor dem Standesbeamten stehen und uns endgültig zu rechtsgültig vermählten Eheleuten erklären lassen. Unsere Hochzeit wird recht bescheiden ausfallen. Unsere Gästeliste haben wir stark dezimiert. Wichtig ist mir nur, dass der Teil meiner Familie, der mir noch geblieben ist, dabei sein wird.
Der Zug rollt ein, eine letzte Umarmung und dann steigen wir ein. Dieses Mal hilft mein Martin mir meinen Koffer zu verstauen. Als wir anfahren, kuschle ich mich an ihn. Ich schweige, doch seine Nähe tut mir einfach gut. Auch er sagt nichts, doch er weiß genau, wie mir jetzt zumute ist und nimmt mich noch fester in den Arm.
Das gleichförmige Rattern des Zuges macht mich schläfrig. An Martins Brust gelehnt fallen mir die Augen zu. Noch über vier Stunden Fahrt liegen vor uns.