Der Prophet, Teil 2

Arkanai · Kapitel 1 von 1 · Teil 1/11

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Der Prophet, Teil 2

Der Prophet, Teil 2

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.

Arkanai

 

 

Mir selbst, weiel: Ich hab das nämlich geschrieben. Und allen, die es

mögen sowieso, weiel: ohne euch wäre es recht sinnfrei es

weiterzuschreiben!

Prolog – Gedanken über den Propheten

 

„In Anbetracht der Tatsache, daß ich selbst Jahre, nachdem uns allen klar war, daß wir um ein gewaltsames Zusammentreffen nicht herumkämen, immernoch nichts Nennenswertes über den wußte, der der größte Widersacher meines Lebens werden würde, ist es umso bemerkenswerter, daß sich das bis heute auch nicht wesentlich geändert hat.

Wie kann es ein Mann schaffen, eine ganze Nation von ihren Wegen abzubringen, einen Krieg zu beginnen, der einen ganzen Kontinent ins Unglück stürzt, aber niemand kann mir etwas über ihn sagen? Oder ist es vielleicht vielmehr so, daß sie es nicht wollen?

Es ist ein bekanntes Faktum, daß er vor seinem fünfhundertsten Lebensjahr niemals in die Öffentlichkeit trat. Hochelfen werden bei Weitem nicht so alt wie Drow, bei ihnen endet das Leben für gewöhnlich im vierten oder fünften Jahrhundert, also war er schon ein Greis, zumindest gemessen an seinem Alter, keineswegs jedoch an seinem Äußeren, als er zum ersten Mal auftrat.

Von dem, was ich von den Bewohnern der umliegenden Ländern hörte, denn die Hochelfen schweigen bis zum heutigen Tage über ihn, stand er eines Morgens, genau drei Tage nachdem Hochkönig Sorael getötet worden war, auf dem Versammlungsplatz vor dem Palast und begann eine Predigt über den großen Sonnengott, als dessen Gesandter er sich verstand.

Irgendetwas in der Rede, die er hielt, mußte wohl die Massen angelockt haben. Auch wenn ich keinen Beweis dafür habe, daß er mit übernatürlichen Mitteln nachgeholfen hat, kann ich mir kaum vorstellen, daß die eigentlich friedliebenden und eher den Künsten und der Gelehrsamkeit, als dem Kriege zugeneigten Elfen auf eine andere Art so stark zu beeindrucken waren.

Schon einen Monat später wurde er auf einer Konklave zum neuen geistigen Anführer des Reiches der goldenen Sonne ausgerufen und begann schon wenige Wochen darauf, auch seine weltliche Herrschaft auszubauen.

Besonders verwirrend ist dabei, daß normalerweise, gemäß geltendem hochelfischem Recht, nach dem Tode eines Hochkönigs ein ganzes Jahr Trauer gehalten wird, in dem weder in der Öffentlichkeit gesungen oder getanzt, noch Theaterstücke aufgeführt werden dürfen. Hier aber geschah innerhalb weniger Wochen so Unglaubliches, daß es mir schwerlich einleuchtete, wäre da nicht etwas mehr als nur gute Rhetorik am Werke gewesen.

Was also waren die Gründe?

Der Prophet war ein kleines dürres Männchen. Natürlich bin ich ein wenig voreingenommen, auch wenn der Haß, den ich einst auf ihn hegte, glücklicherweise mit allen anderen Emotionen von mir gewichen ist.

Er hatte silbergraue Haare, ein Zeichen des Alters, das bei Elfen sehr selten vorkommt, und war auf beiden Augen blind. Es war nicht nur so, daß er schlecht oder nicht sehen konnte, nein, seine Augen hatten keine Pupillen, keine Iris. Allerdings, und das ist absonderlich, machte er niemals den Anschein eines Eindrucks, als könne er nicht sehen. Sicher ist, daß er irgendwie dazu in der Lage sein mußte, seine Umgebung detailliert zu erkennen, denn er griff zielgerichtet Gegenstände und brauchte auch keine Hilfe, um sich beim Gehen zurechtzufinden.

Und er war wirklich dürr. Nicht nur schlank, wie das seinem Volk zueigen ist, sondern ausgemergelt.

Seine Stimme jedoch…

Wenn ich länger darüber nachdenke, leuchtet es mir ein, wie er das Volk beeinflussen konnte. Wann immer er seinen Mund öffnete, sprach er leise und langsam, niemals schrie er oder wurde ausfallend, meine Person einmal ausgenommen. Der Klang war tief, sonor, sie kroch sich wie ein Wurm in das Ohr und weiter in den Geist des oder der Hörenden.

Ein gefährlicher Mann, fürwahr.

Ich habe den Propheten nur wenige Male in meinem Leben wirklich zu Gesicht bekommen und diese Momente waren selten das, was man eine entspannte Konversation nennen könnte. Damals fürchtete ich mich sehr vor ihm, heute kann ich nicht umhin, ihn zu bewundern, auch wenn das sicherlich das falsche Wort ist. Präziser formuliert könnte man es wohl als eine Form von Achtung verstehen. Seine Motive, sein Glaube und seine Art, Entscheidungen zu treffen waren verachtenswert, aber wie er das lebte, verlangt eine Anerkennung. Kompromißlos, geradeaus, ohne Skrupel und noch viel wichtiger: ohne Zweifel.

Vielleicht muß ich mir eingestehen, daß ich ihm immer ähnlicher wurde, je länger dieser verdammte Krieg dauerte.“

Joro Macun, Fossor Magnus Mortui, Im Jahre 744 nach dem großen Krieg.

 

Kapitel 1

 

Es regnete wie aus Kübeln, als Ghaundar und Joro durch das Stadttor von Bargum traten. Dieser Sommer hatte bereits kalt und regnerisch begonnen und auch an diesem Tage hatte der Himmel bereits bei Sonnenaufgang nichts Gutes ahnen lassen, aber jetzt kam das Wasser in einer Dichte auf sie herab, daß sie nur wenige Schritte weit sehen konnten. Unter seinem Plattenharnisch sammelte sich immer wieder eine kleine Pfütze, die Joro dann mit einer ärgerlichen Bewegung durch das Anheben der Küraß durch den Unterteil der Rüstung zu Boden fließen ließ.

„Du hättest nicht so viel saufen sollen“, meinte Ghaundar mit einem schiefen Lächeln.

„Einen dummen Witz noch und ich lasse es dich trinken.“ Eine Form von Begrüßungskomitee fiel aus und die Wachen am Tor des Klosters, in lange Regenmäntel gewickelt, salutierten nur förmlich, als die beiden hindurchtraten.

Der große Innenhof war eine Schlammwüste und Joro nahm sich fest vor, daß er irgendwann einmal gepflastert werden mußte. Steine gab es immerhin genug in Daishan, aber Handwerker sollten sich in den kommenden Monaten mit Sicherheit schwer auftreiben lassen.

Auf dem Hinweg hatte er zumindest erfreut bemerkt, daß die von ihm in Auftrag gegebenen Hütten bereits im Bau waren, einige sogar schon fertiggestellt.

Im Inneren des Hauptgebäudes angekommen, empfing sie, neben einem einzelnen Totengräber, der dort als Pförtner neben der Eingangstür an einem großen Schreibtisch saß, auch eine gemütliche Wärme, was sowohl Ghaundar als auch Joro aufatmen ließ. Sie waren beide so durchgefroren, daß sie sich kaum noch rühren wollten.

Der Pförtner indes ließ nach Toldor rufen, welcher alsbald die Treppe heruntergeeilt kam.

„Eminenz! Es ist eine Freude, Euch wieder hier begrüßen zu dürfen.“ Auch Marinus bog um eine der Ecken und schaute sogleich erfreut auf die beiden Ankömmlinge.

„Ein großartiger Tag, was Toldor? Wir hatten schon Sorge, daß Euch vielleicht etwas geschehen sei.“

„Ich bin zäh“, Joro schmunzelte, „Außerdem hatte ich einige Dinge zu erledigen, die keinerlei Aufschub mehr erlaubten. Ich hoffe, daß ihr das versteht.“

„Und wie ich sehr hoffe sind diese Vorhaben gut ausgegangen?“, fragte Toldor mit erwartungsvoller Miene.

„Wie man es nimmt…“, Joro kratzte sich am Kopf, „das eine besser als erwartet, die anderen eher nur teilweise, aber davon will ich später erzählen.“

„Ihr habt völlig recht, zieht Euch erst einmal trockene Kleidung an, ich werde Franz bescheidgeben, daß wir ein großes Abendessen benötigen.“

Joro nickte und Ghaundar und er machten sich auf den Weg ins erste Obergeschoß, in dem sich die Bischofsgemächer und auch die Unterkünfte für hohe Gäste befanden.

Als Joro allein war, legte er sein Bündel nur auf einen der Beistelltische, ging zum Kleiderschrank und nahm eine der Roben heraus. Er hatte nicht vor, sich hier einzurichten, auf ihn wartete seine Zelle 12 und dort würde er auch dieses Mal schlafen und wohnen. Dennoch war der Tatsache Rechnung zu tragen, daß sich hier im Raum seit seiner Abreise insofern etwas getan hatte, als daß ein Gestell für seine Rüstung hinzugefügt worden war.

Das nasse, kalte Metall mußte von seinem Körper, also kämpfte er sich aus der Schale und hängte nach und nach alle Teile auf oder an die Holzträger.

Doch damit war es nicht getan. Der Hammer hatte bei diesem Wetter den großen Nachteil, in großen Massen Eis zu bilden, was ihn immer schwerer werden ließ. Joro machte sich keine Illusionen, daß er mit dieser Waffe jemals schwimmen gehen können würde.

Er ging in sein Badezimmer, und einen der Schürhaken vom Kamin zur Hilfe nehmend schlug er alle Eisbrocken und –zapfen vom Kopf der Waffe herunter, die daraufhin krachend in das gekachelte Becken fielen.

Schließlich ließ er sich, eine trockene Robe und Unterkleidung und warme, mit Schafsfell gefütterte Hauspantoffeln tragend, auf seinen Privatsessel am Kamin sinken und seufzte laut.

Um ein Haar wäre er eingeschlafen, aber ein Pochen an der Tür schreckte ihn hoch.

„H…herein?“ Die Tür ging einen Spalt breit auf und eine gebückte Gestalt schob sich herein. Es war Albrecht.

„Nun, ich sehe, daß du wieder den Weg zu uns gefunden hast. Keine Sekunde zu früh. Ehrlich gesagt sogar ein paar Tage zu spät.“

„Wieso, was ist denn geschehen?“, fragte Joro verwundert und leicht besorgt.

„Olgerich ist gestern zur Tagung des Ältestenrates aufgebrochen. Sie findet dieses Jahr aufgrund der brenzligen Situation am Südrand des Weltengebirges beim Stamm der Veldra statt.“

„Und warum genau bin ich jetzt zu spät?“

„Ich bin mir ziemlich sicher, daß er dich gerne mitgenommen hätte. Zudem glaube ich, daß es ihm geholfen hätte, wenn er schon Genaueres über die Metallversorgung gewußt hätte. Immerhin geht es für Olgerich bei dieser Tagung noch um weitaus mehr, als nur dabeizusein…“, Albrecht legte den Kopf schief, „Du hast dich doch darum gekümmert, oder etwa nicht?“

Joro nickte und lächelte.

„Natürlich. Balthasar hat zugesagt, uns für einen angemessenen Preis sowohl mit Schmieden, als auch mit Materialien zu versorgen. Einzig der Transport wird noch ein Problem darstellen, aber auch das sollte sich erledigen lassen.“

Albrecht schwieg und sah aus dem Fenster. Es schien Joro fast so, als warte er darauf, daß er ihn ansprach.

„Wie weit ist das Buch?“, rang sich der Bischof ab.

„Fertig.“

„Gut. Ich werde es mir beizeiten zu Gemüte führen“, Joro stand auf, ging zu seinem Bündel, holte das Notizbuch heraus und drückte es dem Leichnam in die Hand, „Wenn du Zeit hast, dann sieh dir meine Kommentare dazu an, auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, daß du die meisten meiner Vorschläge ignorieren wirst.“

Die zwei roten Punkte unter Albrechts Maske, die er wie immer auch bei Tageslicht noch trug, funkelten forschend in seine Richtung.

„Woher diese Einstellung, Eminenz? Man möchte fast meinen, daß du der Ansicht bist, daß mir deine Meinung egal sei.“

„Ist sie das denn etwa nicht?“

„Doch, ist sie. Aber ich werde dir dennoch den Gefallen tun, deine Kommentare zu lesen. Vielleicht hast du ja durch Zufall einen Nagel auf den Kopf getroffen.“

Joro verkniff sich eine zynische Bemerkung, da er nicht auf der selben Ebene wie Albrecht diskutieren wollte. Stattdessen ging er zur seiner Rüstung, die mittlerweile in der Hitze des Feuers getrocknet war und ölte die Scharniere mit einer kleinen Ölkanne, die auf dem Kaminsims bereitstand. Eigentlich war das nicht notwendig, denn Adamantit rostete nicht, aber wenn hin und wieder ein wenig Schmutz in die Gelenke kam, quietschte es trotzdem.

Derweil stand der Untote weiter am Fenster und sah hinaus, daß Notizbuch in seinen gefalteten Händen hinter seinem Rücken haltend. Nach einer Weile der Stille brach er das Schweigen.

„Ich werde nicht mehr lange hier bleiben, Joro.“ Dieser ließ erstaunt beinahe die Ölkanne fallen und starrte ihn an.

„Was soll das heißen?“

„Es hat verschiedene Gründe. Einer davon ist, daß Toldor sehr bald sterben wird.“ „Aber ich habe ihn doch eben gerade noch unten in der Halle gesehen. Er ist immer noch gut auf den Beinen und macht keinerlei Eindruck von Schwäche.“ Albrecht schwieg. Doch dann gab er sich einen Ruck und fuhr fort: „Außerdem bin ich der Ansicht, daß du ohne Zweifel die Geschäfte hier mit Marinus und Toldor weiterführen kannst. Ich habe dir schon bei einer unserer ersten Begegnungen gesagt, was ich von dieser Kirche halte. Oder von ihrem Gott.“ „Hast du nicht eben noch gesagt, daß Toldor sterben wird?“ „Das hast du richtig erkannt, genau das habe ich gesagt.“ Joro mußte das erst einmal sacken lassen.

„Was hast du denn vor?“

„Ich denke, daß ich mal nach Süden gehen und den Kriegsschauplatz unter die Lupe nehmen werde. Von allem, was Menschen so machen, ist Krieg wohl das Interessanteste.“

„Findest du…“, Joro hatte ein bitteres Gefühl im Hals.

„Ja… ja in der Tat, das finde ich. In kaum einer anderen Situation sind Menschen so erfinderisch und von Lebenswillen erfüllt, als im Krieg. Ausgenommen allerdings Belagerungen oder Kriege, die länger als sagen wir…“, Albrecht legte eine Hand ans Kinn, „zwanzig Jahre dauern. Oder vielleicht fünfundzwanzig, aber wenn die Generationengrenze überschritten ist, dann kommt das Ganze zum Stillstand. Zuviel Haß und zuviel Leid, weißt du?“

Des Bischofs Gesicht war versteinert. Sicherlich hätte er den Leichnam jetzt am liebsten mit einem gewaltigen Tritt in den Allerwertesten aus dem Zimmer befördert, aber den Gefallen eines Ausbruchs wollte er ihm nicht tun. Daher sagte er, so emotionslos er konnte:

„Wenn du das so siehst, dann will ich dich nicht aufhalten. Wir sehen uns dann nachher beim Essen.“

„Das glaube ich kaum“, Albrecht ging den halben Weg zur Zimmertür und blieb noch kurz stehen, „ich werde deine Kommentare durchsehen und mich dann auf den Weg machen. Es ist schon viel zu viel Zeit an diesem Ort verblieben.“

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß und Joro war wieder allein. Für einen kurzen Moment dachte er daran, die Ölkanne in die Zimmerecke zu werfen, aber das war in einem Raum mit einem großen, offenen Kamin wohl eher keine gute Idee. Anstelle dessen mußte einer seiner Lederstiefel dran glauben, den er mit einem Tritt über das Bett hinweg ins Badezimmer beförderte.

Ghaundar war hereingekommen, was Joro gar nicht bemerkt hatte.

„War der Stiefel unartig?“

Als der Drow den Blick in Joros Augen sah, schluckte er jedoch unvermittelt.

„Albrecht war eben hier und hat es wieder einmal geschafft, mich davon zu überzeugen, daß er mieser Drecksack ist.“

„Was hat er denn getan?“, fragte Ghaundar.

„Davon abgesehen, daß er sich hier einfach so aus dem Staub machen will, hat er mir auch noch nebenbei erklärt, was er so von Kriegen hält. Dabei weiß er genau über mein Schicksal Bescheid.“

„Ich bin mir nicht so ganz sicher, was du damit sagen willst…“, der Drow kratzte sich am Kopf.

„Kurz gesagt ist unserer beider Lebensgeschichte geprägt von einer langweiligen und uninteressanten Lappalie.“

Ghaundar gab ein überraschtes Geräusch von sich und machte dann ein böses Gesicht.

„Wirklich ein Drecksack…“

„Sag ich doch. Auch ’n Stiefel?“, er hielt dem Drow den anderen hin.

Im Speisesaal war der Tisch bereits reichlich gedeckt. Ghaundar war, nachdem er sich an der Fußbekleidung abreagiert hatte zu Franz in die Küche gegangen und Joro hatte sich sein Bündel geschnappt und war mit festen Stiefeln und einem dichten Lodenmantel als Regenschutz kurz in die Zelle gegangen, um dort seine Kleidung zu deponieren. Danach hatte man sich wieder getroffen und saß nun um die mächtige Tafel in der pechschwarzen, jedoch durch die polierten Steine keineswegs dunklen Halle und genoß die Köstlichkeiten, die der Meister auftischte.

Ghaundar und Joro erzählten abwechselnd von der Reise zur Bruderschaft von Jarta und wie es ihnen dort ergangen war.

Toldor, der, trotz Joros ausgesprochen aufmerksamer Beobachtung, keine Anzeichen von Krankheit oder Gebrechen aufwies, war sehr erfreut, als er die Nachricht hörte, daß sich Hrynn ihnen angeschlossen hatte.

„Ich kenne ihn noch aus der Zeit des Krieges. Wir haben uns einige Male auf dem Schlachtfeld getroffen, als ich noch als Feldarzt und Totengräber gearbeitet habe. Es wird mir eine Freude sein, ihn wiederzusehen, sollten wir ihn bald einmal hier einladen…“

Joro setzte seinen Weinkelch ab und räusperte sich.

„Nun, das wird wohl schon in Kürze geschehen. Ich habe vor, eine Abordnung aus der Enklave hierher einzuladen, unter anderem auch, damit Olgerich sie kennenlernt. Sie sind unsere Verbündeten in dem, was auf uns zukommt“, er tupfte sich mit seiner Serviette den Mund ab, „Daher sehe ich keinen Grund, warum man Hrynn nicht ebenfalls einladen sollte.“

Der alte Mönch nickte mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht.

„Unser Fürst dürfte eigentlich jeden Tag hier eintreffen. Er ist schon eine Weile fort und ist entgegen seinen Sitten sogar zu Pferd und nicht in einer Kutsche gereist.“

„Das hört sich an, als nähme er die Angelegenheiten hier in der Stadt sehr ernst…“, meinte Ghaundar mit vollem Mund.

„Sicherlich hat er das schon immer getan, werter Herr Dunkelelf, aber zur Zeit ist es ihm wohl noch dringlicher.“

„Ich heiße Ghaundar…“, schmunzelte dieser.

„In meinem Alter ist das mit den Namen nicht mehr ganz so einfach, ich hoffe, daß Ihr mir verzeihen werdet, Ghaundar.“

„Schon gut, ich wollte nicht unhöflich erscheinen.“

Joro hatte nur mit halbem Ohr zugehört, denn seine Gedanken waren abwechselnd bei Alystin und bei dem Leichnam, der sich mittlerweile sicher aus dem Kloster geschlichen hatte. Als er bemerkte, daß ihn Toldor plötzlich ansah, zuckte er zusammen.

„Äh, ja?“

„Mir scheint, Ihr seid ein wenig abwesend, Eminenz.“ „Ja… verzeih mir Toldor, es sind sehr viele verschiedene Probleme, die mich beschäftigen. Ich kann kaum noch überblicken, an was ich alles denken muß.“ „Es ist später Abend und Ihr seid heute weit gelaufen. Vielleicht solltet Ihr Eure Gedanken ruhen lassen und stattdessen euren Körper mit einer guten Speise und Eure Seele mit einem guten Schlaf pflegen.“ Joro lächelte schüchtern.

„Du hast unzweifelhaft recht. Ich denke, daß ich mir noch ein Bad genehmigen werde und mich dann ins Bett zurückziehe.“

Ghaundar stand auf und legte die Serviette neben seinen Teller.

„Eine wunderbare Idee, der ich ebenfalls sogleich folgen werde. Bis auf die Tatsache, daß ich nicht mit Joro baden werde.“

Der Bischof war zu müde, um den Drow mit irgendetwas zu bewerfen.

Eigentlich, so fand Joro, war es ausgesprochen angenehm, daß das Bad des Erzbischofsgemaches nicht nur ein wirklich großes Badebecken besaß, sondern auch einen Kessel, in dem Wasser sehr schnell warm gemacht werden konnte. Das Problem des Wassertragens war zwar immernoch existent, aber die anderen Mönche hatten vorgesorgt. Die Zisterne des Klosters war riesig und nahm fast die Hälfte des Kellergeschosses aus.

Schließlich ließ er sich in das herrlich warme Wasser sinken, in das er ein paar Tropfen eines Duftöls gegeben hatte. Wonach genau es roch konnte er nicht ausmachen, es war auf jeden Fall etwas Exotisches.

Er war kurz eingenickt, schreckte dann aber im Bade hoch und danke Celestus innerlich, ihn nicht ertrinken lassen zu haben. Hastig stieg er aus dem Becken und trocknete sich ab.

Ein Blick auf das -neue, wie ihm erfreut auffiel- Bett ließ ihn kurz zögern, aber dann mußte Joro Macun über beide Ohren grinsen. Um nichts in der Welt würde er diesen Raum gegen seine Zelle Zwölf eintauschen.

 

Ein Hahn krähte. Draußen war es noch stockdunkel und so wie Joro aus dem Bett hochschreckte, hätte er sich in einem niedrigeren Raum sicherlich den Kopf an der Decke gestoßen.

Nicht, daß die Anwesenheit eines Hahnes ihn sonderlich erschreckt hätte, aber auf dem Hof seines Vaters war es eine Gebräuchlichkeit, schon wenige Augenblicke nach dem dritten Krähen des Hahnes, jedem, der noch im Bett lag, einen Eimer kaltes Wasser ins Gesicht zu schütten.

Amüsant hierbei war, daß nicht sein Vater, sondern sein Großvater das eingeführt hatte, nachdem sein erster Knecht, ein Mann den Joro nicht mehr kennengelernt hatte, weil ihn ein Blitz im Gewitter erschlug, als Joro zwei Jahre alt war, und der ein ausgesprochener Langschläfer und es mit dem Fleiß nicht so genau nehmender Mensch gewesen war, dafür gesorgt hatte, daß der alte Patriarch zu drastischen Mitteln griff.

Joros Großvater war, je älter er wurde, mit immer weniger Schlaf ausgekommen und war vor allem im Winter schon einige Stunden vor dem ersten Hahnenschrei aufgewacht. Da man sich nicht sicher sein konnte, ob das Krähen, das einen weckte auch das dritte war, führte es irgendwann dazu, daß man schon angezogen neben seinem Bett stand, bevor man überhaupt bemerkte, daß man eigentlich wach war.

So geschah es nun auch Joro. Die Robe trug er allerdings dieses Mal falsch herum, was ihn dazu brachte, grummelnd und grunzend aus den Ärmeln zu schlüpfen und dann die Robe von der Innenseite um sich herumzudrehen.

Dann stiefelte er nach draußen auf den Hof, dem Hahn Verwünschungen entgegenstoßend, und ging herüber zum Hauptgebäude.

Eigentlich wollte Joro zunächst zum Koch gehen, und ihn um eine frische Hühnersuppe zum Mittagessen bitten, aber dann seufzte er nur und ging stattdessen nach oben in die Schreibstube.

Als er seine Amtsstube betrat sah er dort das kleine Buch auf dem Tisch liegen, welches ihm Toldor vor seiner Abreise gegeben hatte. Joro schlug es auf und sah zu seiner Überraschung schon im Einband einen kleinen Zettel liegen, der Albrechts Handschrift trug.

‚Ich habe mir alles angesehen, was du an Kommentaren hinzugefügt hast und darf dir hiermit sagen, daß ich dem, was du da aufgeschrieben hast, zustimme.

Es wird dich ohne Zweifel wundern, daß ich das zum Ausdruck bringe, aber das sollte es nicht. Du bist der neue Erzbischof und damit das Oberhaupt dieser Kirche. Ich hingegen war nur derjenige, der dies alles einmal erschaffen hat, was nicht zwangsläufig bedeutet, daß ich in irgendeinem Punkt über ein Recht verfüge, deine Entscheidungen anzuzweifeln.

Auf einem der Pulte wirst du ein zugeschlagenes Buch mit einem frischen Schweinsledereinband finden. In den Wochen deiner Abwesenheit habe ich die alten Kirchenregeln wieder so hergestellt, wie sie einmal gewesen sind. Deine eigene Interpretation sei dir erlaubt und vielleicht ist sie sogar zwingend notwendig.’

Es folgten einige Zeilen, die Albrecht absichtlich so verwischt hatte, daß sie vollständig unkenntlich waren, doch darunter stand noch:

‚Vielleicht verstehst du jetzt auch, warum ich gegangen bin. Dieses Kloster ist nicht mehr meines. Es ist deine Zukunft.

Albrecht.’

Joro war verblüfft und wandte sich in Gedanken an Celestus.

‚Hast du daran gedreht?’

Der dunkle Mann manifestierte sich auf dem Sessel gegenüber.

„Was glaubst du?“

„Mir scheint, daß hier ein sehr abrupter Gesinnungswechsel seitens Albrecht stattgefunden hat.“

„Das täuscht. Hast du vergessen, daß er und ich nicht sonderlich gut miteinander auskommen?“

„Aber…“, Joro rang mit den Armen, „Am Anfang hatte es den Anschein, daß er mit Feuer und Flamme dabei war…“

„Du irrst in gleich zwei Punkten, mein Sohn. Erstens vergißt du die Tatsache, daß er tot ist und damit keine Emotionen mehr hat. Zweitens hat er aus reiner Gewohnheit, nicht einmal Pflichtgefühl, dafür gesorgt, daß sein Werk, wieder korrigiert, auf diesem Pult dort drüben liegt. Er hatte niemals vor, länger hier zu bleiben, als es irgendwie notwendig war.“

Das konnte sich Joro nicht vorstellen.

„Er empfindet es noch nicht einmal als seine Pflicht?“ „Albrecht fühlt und empfindet nichts. Das Einzige in ihm, was man noch als Gefühl bezeichnen kann sind Interesse oder Neugier, aber selbst diese sind nur ein Resultat des Drangs, Wissen anzusammeln. Die Existenz als Untoter ist nicht sonderlich erfreulich oder aufregend, wenn mir das Wortspiel erlaubt ist.“ „Warum hat er dann dein Angebot angenommen?“ „Vielleicht weil er nicht sterben wollte?“, antwortete der Gott in einem augenzwinkernden Ton und verschwand dann.

Wie immer war Joro unbefriedigt von den Antworten seines Gottes, aber er beschloß sich zu zwingen, sich daran zu gewöhnen. Am Ende war aus Celestus doch nichts Eindeutiges herauszubekommen, es sei denn das Wasser stand einem bis zum Hals.

Unschlüssig, was zu tun sei, saß er zunächst da und blätterte mit der linken Hand im Buch und hielt mit der rechten den Zettel. Dann stand er schließlich auf und ging zu einem der Schreibpulte. Irgendwo mußten hier leere Bücher sein, in die er schreiben konnte.

Auf dem Podest des Pultes lag ein Blancowälzer, den Joro hochnahm, und mit der ersten Seite aufgeschlagen vor sich hinlegte. Dann rückte er eines der anderen Schreibpulte direkt neben seines und holte Albrechts neue, alte Version der Kirchenregeln und legte sie darauf.

Es war viel zu tun. Und im Gegensatz zu dem Leichnam mußte er nicht nur schlafen, sondern hatte auch noch einen Krieg im Nacken, er mußte sich also beeilen.

 

Kapitel 2

Gegen Mittag kam Franz wortlos in die Schreibstube und stellte ihm einen Wagen mit Essen für eine ganze Familie direkt neben seinen Arbeitsplatz. Joro bemerkte ihn kaum, murmelte aber so etwas wie eine Dankesformel, zumindest ging er davon aus, daß es höflich genug war. Das Schreiben brachte ihn fast in einen Trancezustand, der ihn alles um sich herum vergessen und sich einfach nur auf die Buchstaben vor sich konzentrieren ließ.

Er hatte zwar viel gelesen, geschrieben hatte er in seinem Leben aber eher weniger, jedoch ging es ihm mit jeder fortlaufenden Stunde besser von der Hand.

So vieles war im Kleinen zu ändern. Albrecht hatte verfügt, daß die Totengräber für ihre Dienste einen Anteil an dem Vermögen derer, die eine Bestattung brauchten bekamen. Das leuchtete Joro nicht ein, denn die Ärmsten der Armen hatten nichts, aber auch gar nichts übrig. Stattdessen änderte er es in die Formulierung „das, was sie zu erübrigen im Stande sind“. Die ursprüngliche Version war von der späteren Kirche in ein klares Zehntel dessen, was sie in der Woche einnahmen verändert worden. Kein Wunder, daß die Schatzkammer des Klosters vor Gold überquoll.

Worte besaßen große Macht, das wurde Joro immer klarer. Und geschriebene Worte, in Form von Gesetzen, konnten über Gedeih und Verderb einer Person entscheiden. An letzterem wollte Joro keinen Anteil haben, die Kirche war dazu da, den Menschen zu helfen und nicht, sie ihres letzten Bißchens Lebenssaftes zu berauben.

Eine weitere Idee, die er schon vorher gehabt hatte, brachte er nun ebenfalls zu Papier.

Es gefiel Joro nicht, daß Söldner das Kloster bewachten. Stattdessen wollte er eine Truppe von gut ausgebildeten und auch gut ausgerüsteten Mönchen haben, die im Falle eines Angriffs dafür sorgen konnten, daß die Kirche und ihre Gläubigen beschützt wurden.

So gesehen hatte er ja in einem seiner Gespräche mit Olgerich bereits den Grundstein dafür gelegt, aber es mußte mehr sein. Die Idee einer schwarzen Garde des Celestus hatte ihn schon seit geraumer Zeit nicht mehr losgelassen und nun schrieb er Regeln und Verfahrensweisen zur Bildung und Aufrechterhaltung einer solchen Truppe in das Buch.

Eigene Gedanken. Und sie würden einen Wert, ein Gewicht, eine Macht besitzen. Das gefiel ihm.

Am Nachmittag, er hatte kaum etwas gegessen, stand irgendwann Ghaundar im Zimmer und betrachtete ihn. Wie lange genau der Drow schon da gestanden hatte, wußte Joro nicht, aber er schrak von seiner Arbeit hoch, als er sich dessen bewußt wurde.

„Na, fleißig am Arbeiten, wie ich sehe.“

„J..ja. Ich bin ein wenig überrascht, daß du hier bist.“ „Ach ja?“

„Es muß wohl wieder daran liegen, daß du eine große Freude daran hast, dich an Leute anzuschleichen. Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Olgerich ist vor einer halben Stunde hier angekommen. Ich dachte, ich sollte dich darüber informieren.“

„Wunderbar“, Joro legte den Federkiel zur Seite, „dann werde ich mich sofort aufmachen, um mit ihm zu reden.“

Ghaundar lächelte.

„Es hätte mich auch gewundert, hättest du anders reagiert. Wäre es nicht vielleicht besser, ihn heute zum Abendessen einzuladen?“

„Nein, es sei denn, es wäre schon so spät.“

Ohne ein weiteres Wort ging der Assassine zur Tür und schaute dann erwartungsvoll zu Joro.

Dieser überflog noch die letzten Worte, die er geschrieben hatte und folgte ihm dann.

Es war ein frischer Frühlingsabend in Daishan und obwohl es kühl war, wärmte die Sonne Joros schwarze Kleidung noch recht stark. Auch wenn der Himmel nicht ohne Wolken war, regnete es glücklicherweise nicht mehr, wie am Tag zuvor.

Die Straße herunter in die Stadt war, wie es Kopfsteinpflaster so an sich hat, von der Nässe des Vortages immernoch glitschig. Joro haßte es, wenn man nicht einfach gehen konnte, sondern achtgeben mußte, ob man nicht mit dem nächsten Schritt hinfiele. Der Winter, den er so liebte, hatte mit dem mit ihm verbundenen Eis immer den gleichen gewünschten Nebeneffekt. Vorsichtig ging er hinter dem Drow her, der keine Probleme damit hatte und ärgerte sich, daß er laufen mußte wie ein Invalide.

Vor dem Stadtschloß Bargums standen immernoch eine Reihe von Gäulen, die nach und nach von zwei Stallknechten hinter das Gebäude in die Stallungen gebracht wurden. Ein paar Soldaten der Stadtwache standen dabei und unterhielten sich. Als sie Joro näherkommen sahen salutierten sie stramm.

„Nur keine Förmlichkeiten, ich will nur den Fürsten besuchen gehen.“ „Jawohl, Euer Eminenz!“, kam es zackig zurück. Soldaten… In der Eingangshalle empfing sie der Majordomus, dem der Schweiß auf der Stirn stand.

„Eminenz, es ist mir eine Freude, Euch und euren Freund begrüßen zu dürfen. Ich nehme an, daß Ihr wünscht, den Fürsten zu sehen?“

„Nein, es freute mich, hätte der Fürst Zeit für mich.“ „Oder so, ähhm…“, der Mann schaute sich hektisch um, „ ich werde einmal sehen, ob er zur Zeit indisponiert ist…“ Der Majordomus hastete die Stufen ins Obergeschoß hinauf und Joro sah Ghaundar an, der unverhohlen grinste.

„Was ist denn nun wieder?“

„Ist dir einmal aufgefallen, daß ‚indisponiert’ oft ein Begriff dafür ist, daß Leute gerade auf dem Lokus sind?“

Joro wußte nicht, was er darauf antworten sollte, aber der Gedanke war amüsant, also grinste er zurück.

Es dauerte nicht sehr lange und der Majordomus kam zurückgehastet und verbeugte sich überschwenglich.

„Seine Durchlaucht wird Euch jetzt empfangen. Er freut sich sehr über Euren Besuch.“

Sie gingen herauf in das erste Geschoß und der Weg führte dieses Mal nicht in die Privatbibliothek des Fürsten, sondern, wie sich herausstellte, in seine Privatgemächer. Ghaundar blieb aus Respekt vor der Tür stehen und Joro trat alleine in den Raum ein.

Olgerich stand in der Mitte des Raumes und bemühte sich gerade in ein weites Gewand, das mit Spitzen und Brokat gesäumt war.

Dabei fiel Joro auf, daß er offenbar Probleme damit hatte, seinen linken Arm zu bewegen.

„Mein Fürst, seid Ihr etwa verletzt?“

„Nur ein kleiner Kratzer, wir hatten auf dem Rückweg eine unerfreuliche Auseinandersetzung mit ein paar Wegelagerern.“

„Laßt mich sehen.“

„Es.. es geht schon.“

„Keine Widerrede, Durchlaucht. Ich nehme so etwas nicht auf die leichte Schulter.“ Der alte Mann seufzte und zog das Gewand, in das er sich gerade zu quälen versucht hatte wieder aus. Auf seinem linken Oberarm war eine große Schnittwunde, die nur notdürftig genäht war. An den Wundrändern lagerte sich bereits Eiter ab.

Joro machte ein böses Gesicht und sah den Fürsten tadelnd an.

„Das ist es also, was Ihr einen kleinen Kratzer nennt. Ich möchte nicht wissen, was Ihr dann unter einer tödlichen Verwundung versteht. Setzt Euch.“

Schweigend setzte sich Olgerich auf sein Bett und Joro legte seine Hände über die Wunde. Leise begann er zu beten und kurz darauf begann sich der Schnitt unter der Dunkelheit, die aus seinen Handflächen strömte, zu schließen. Nach einigen Augenblicken ließ er seine Hände wieder sinken.

„Jetzt könnt Ihr gerne wieder über einen Kratzer reden. Aber glaubt ja nicht, daß ich Euch einfach so an Wundbrand sterben lasse, Olgerich.“

Der Fürst lächelte.

„Ich bin nur ein dummer, alter Mann, Eminenz, verzeiht mir, wenn ich meinen Schmerz überspielt habe.“

„Ein typisch männliches Fehlverhalten“, Joro grinste, „ich glaube fast, ich täte es nicht anders…“

„Trotzdem danke ich Euch. Zudem freut es mich sehr, daß Ihr so schnell hier hergelangtet.“ „Ghaundar sagte mir, daß Ihr vor Kurzem wieder hier eintraft. Ich bin sehr interessiert daran, zu erfahren, was der Ältestenrat verfügt hat.“ Olgerich grunzte.

„Nicht viel. Ich muß sogar sagen, daß ich mit dem Ergebnis in keinster Weise zufrieden bin.“ „War es so schlimm?“

„Nun, die gute Nachricht ist wohl, daß Bargum mit den Änderungen, die hier vor sich gehen Anwärter auf die Ratsmitgliedschaft geworden ist. Aber alles, was sonst noch gesagt und beschlossen wurde, dürfte keineswegs als positiv bewertet werden.“

„Warum?“

Der Fürst ließ die Schultern hängen.

„Sie sind sich nicht einig, wie der Gefahr aus dem Süden begegnet werden soll. Einige sprechen sich dafür aus, ein Protektorat anzuerkennen und sich zu fügen. Andere, vor allem die weit nördlichen Provinzen, die am meisten unter Welverin gelitten haben, wollen bis zum Tod kämpfen.“

Joro spürte Zorn in sich hochkochen, aber unterdrückte ihn.

„Also ist die Summe der Entscheidungen, daß der Süden sich vor der Legion beugen will und die Nordprovinzen wollen sich im Kampf opfern?“

„Ihr denkt zu sehr in Extremen, Eminenz. Vor allem die Hirten des Nordens haben bereits angekündigt, daß sie jedem folgen werden, der die Sache in die Hand nimmt. Der Haken bei der Sache ist nur leider, daß sie zwar Männer beisteuern können, aber was Ressourcen angeht haben sie außer Vieh nicht viel zu bieten.“

Eine Idee flammte wieder einmal in Joro auf. Das konnte genau das sein, was er brauchte, denn die Hirtenstämme des Weltengebirges waren dafür bekannt, unglaublich fanatische Krieger zu sein, die niemals auch nur im Traum daran dachten, aus einem Kampf zu flüchten. Ihre Traditionen verbaten einem Mann, Schwäche oder Feigheit zu zeigen und er erinnerte sich spontan an ein altes daishanisches Märchen, in der der Hirte Luka einen Tag und eine Nacht mit einem Riesen kämpfte, nur um eines seiner Lämmer wiederzubekommen. Am Ende gab der Riese auf, weil der Hirte selbst halbtot noch immer wieder aufstand und ihm „Gib mir mein Schaf zurück!“ entgegenbrüllte.

Vielleicht waren diese Männer und Frauen das Zünglein, daß die Waage für sie ausschlagen lassen konnte..

„Ich werde noch heute einen Boten gen Norden schicken, um die Stämme zu kontaktieren. An Waffen und Rüstungen wird es uns nicht mangeln. Ich habe mit Balthasar gesprochen und er ist bereit, uns sowohl Schmiede, als auch Metall zur Verfügung zu stellen… für einen Preis natürlich.“

Das Gesicht des Fürsten erhellte sich merklich.

„Hätte ich das schon gewußt, als ich aufbrach, wäre es sicher anders verlaufen.“ „Ich hatte… Dinge zu erledigen, Olgerich. Vieles davon war sehr wichtig, auch wenn ich Scham empfinde, so lange von hier fort gewesen zu sein.“ „Ist es denn wenigstens zu einem guten Ende gekommen?“ Olgerich mußte lachen, als er Joros spontanes Honigkuchenpferdgrinsen sah.

„Schon gut, ich denke, daß beantwortet meine Frage.“ Joro reichte ihm die Hand zum Aufstehen.

„Ich lade Euch zu einem kleinen Abendmahl im Kloster ein, ist das nicht ein gutes Angebot?“ „Ihr macht Euch keinen Gedanken, wie sehr ich darauf gewartet habe, daß Ihr das sagt. Drei Wochen hartes Brot und Trockenfleisch kann man nicht gerade einen kulinarischen Höhepunkt nennen.“

Ghaundar wartete draußen vor der Tür, mit seinem gewohnt gelangweilten Gesichtsausdruck, den er immer auflegte, wenn er zu vertuschen suchte, daß er lauschte oder sonst etwas Unmoralisches tat.

„Wir gehen ins Kloster, Essen fassen.“

„Immerhin.“

Oben angekommen, suchte Joro allerdings als erstes Marinus auf, der mittlerweile ein eigenes Amtszimmer im Erdgeschoß des Hauptgebäudes hatte. Ghaundar hatte ihn zwar gewarnt, daß der Totengräber für gewöhnlich andernorts war und irgendetwas arbeitete, aber der Bischof hatte Glück, denn er war anwesend.

„Sei mir gegrüßt Marinus, ich habe einige Anliegen, die ich dringend mit dir besprechen muß.“

„Sicherlich, setzt Euch doch bitte.“

„Ich brauche zwei Boten, dringend.“

„Kein Problem, wohin sollen sie reiten?“

„Einer muß zu den Nordstämmen gehen, das ist das Wichtigere von beidem. Je schneller, desto besser“, Joro holte tief Luft, „Er soll eine Botschaft überbringen, daß sich alle wehrfähigen Männer und Frauen und deren Familien sich alsbald in Bargum einfinden sollen, da wir eine Armee aufstellen werden, um die goldene Legion abzuwehren. Wir können allerdings kaum für Unterkunft sorgen und sie sollen alles, was sie an Herden bei sich haben mitbringen, da es mit der Verpflegung vielleicht Probleme geben wird.“

Marinus nickte und schrieb alles auf ein Pergament.

„Und was soll der andere Bote tun?“

„Haben wir Lasttiere?“

„Nicht, daß ich wüßte…“

„Dann kauf welche, ich werde dir das Geld dafür zur Verfügung stellen.“ „Gut, und weiter?“

Joro zog ein Pergament, daß er am Vormittag geschrieben und versiegelt hatte aus seinem Robenärmel und reichte es Marinus.

„Wir brauchen zwanzig Lastesel und einen Boten, der zur Enklave reist. Dieses Pergament ist nur zu Händen von Hohepriesterin Alystin auszuhändigen und enthält alle wichtigen Informationen, die notwendig sind. Auch diese Botschaft ist ausgesprochen wichtig und sollte so schnell wie möglich überbracht werden.“

„Ich sehe ein Problem darin, zwanzig Esel oder Maultiere so schnell aufzutreiben. Wann sollen die Boten losreiten?“

„Heute noch. Bezahl den Besitzern alles, was sie wollen, es sei denn sie werden unverschämt. Je schneller die Reise losgeht, desto besser.“

Marinus machte ein zweifelndes Gesicht, aber er stand auf und meinte: „Ich sehe zu, daß ich es so schnell wie es geht möglich mache.“ „Gut, hier ist der Schlüssel zur Schatzkammer, nimm dir, was du brauchst.“

Joro verließ die Stube des Totengräbers mit einem Gefühl der Zufriedenheit und ging hinauf in den Speisesaal, in dem Toldor, Olgerich und Ghaundar bereits saßen und sich durch einen Haufen Essen kämpften.

„Eminenz, Ihr kommt spät, aber Ihr kommt…“, Toldor winkte mit einer Truthahnkeule, „Franz hat sich einmal wieder übertroffen.“

„Ich sehe es“, Joro schmunzelte, „ und wie mir scheint habt ihr euch alle schon in die vorderste Schlachtlinie gekämpft.“

Ghaundar grinste unverhohlen.

„Tja, wenn der Klerus sich wieder einmal mit Reden aufhält, muß die arbeitende Masse doch mit gutem Vorsatz vorangehen, oder?“

„Wenn ich was zum Werfen hätte…“, Joro ging um den Tisch und setzte sich auf seinen Platz.

Während des Arbeitens war es ihm gar nicht so sehr aufgefallen, aber nun merkte er, daß er sehr hungrig war und er griff gut zu.

Schlußendlich saßen sie alle mit vollen Bäuchen da und tranken noch das eine oder andere Bier.

Olgerich hatte sich von Ghaundar schon alles erzählen lassen, was dieser wußte und war sehr damit zufrieden.

„Hrynn ist ein großer Kriegsheld und wenn er sich mit Herrn Omareth versteht, ist es umso erfreulicher.“

„In der Tat. Zudem glaube ich, daß er auch sehr daran interessiert sein wird, was ich mir in den letzten Tagen ausgedacht habe“, meinte Joro.

„Und was wäre das?“, nicht nur Olgerich, sondern auch die beiden anderen Tischgenossen sahen interessiert zum Bischof herüber.

„Nun, es ist mir nicht recht, daß wir Söldner beschäftigen, die das Kloster bewachen. Dabei geht es mir nicht einmal um eine Loyalitätsfrage, sondern vielmehr darum, daß wir mit eigenen Gefolgsleuten sicherlich besser dastehen als mit angeworbenen.“

„Könntet Ihr das präzisieren?“, fragte Toldor.

„Eine Garde gebildet aus Menschen, die ein Interesse daran haben, unser geistliches Gut und unser weltliches Haben zu verteidigen wäre mir lieber. Das Eine muß das Andere ja auch nicht ausschließen, aber wir werden so oder so Truppen ausheben müssen.“

Olgerich setzte seinen Humpen ab und tupfte seine Mundwinkel mit der Serviette ab.

„Ich habe meinen Hauptmann bereits damit beauftragt, hier in der Stadt junge Männer und Frauen zu den Waffen zu rufen. Zur Zeit bildet er etwa fünfhundert Menschen aus, von denen er sagt, daß sie in Kürze zumindest für reguläre Kampfhandlungen tauglich wären.“

„Das ist das größte, was an Kapazität zu schaffen ist?“ „Für mehr fehlt uns die Ausrüstung, Eminenz.“ Das gefiel Joro nicht.

„Eine Ausbildung sollte auch für mehr möglich sein. Einer der Boten, die heute losgeschickt werden, wird dafür sorgen, daß auch Hrynn hier eintrifft. Wir brauchen Ausbilder und wir brauchen Rekruten, und zwar so viele wie nur irgendwie möglich.“

„Unser Plattner arbeitet bereits mit dem wenigen an Material, das uns bleibt, aber wenn ihr mehr Leute ausrüsten wollt, dann werden wir sehr bald Eisen brauchen.“

„Dafür ist gesorgt, Marinus ist in diesem Moment dabei, Lasttiere zu kaufen. Zudem werde ich auch die Nordstämme kontaktieren, um so schnell wie möglich noch mehr Menschen hierher zu bringen. Wie es aussieht wird Meister Parek wohl noch ein paar mehr Hütten bauen müssen.“

„Wenn Daishan irgendetwas zur Genüge hat, dann ist das ohne Zweifel Holz… und Steine“, meinte der Fürst mit einem Lächeln.

„Das kann man so sagen, ja...“

Sie schwiegen alle ein Weile, dann ergriff Ghaundar das Wort.

„Es ist noch etwas Zeit, bis hier der Himmel auf uns niederstürzt. Bis dahin werden wir noch viel leisten können.“

Toldor wandte sich unvermittelt an ihn.

„Sagt, Herr Ghaundar, seid Ihr nicht in der Kunst des schnellen Tötens erfahren?“ „Nun, wenn ihr so fragt…“, gab Ghaundar mit einem alarmierten Gesichtsausdruck zurück.

„Keine Sorge“, Toldor lachte, „ich habe nicht vor, Euch zu verurteilen. Es ist vielmehr so, daß vor einigen Jahrhunderten einmal eine Gruppe von Mönchen existierte, die für ihre, nun, heimlichen Methoden recht berühmt war.“

„Meuchelmörder?“

„Nein… eher Spione und Kundschafter. Zu Zeiten des Drowkrieges war es wichtig, solche zu haben.“

Ghaundar war überrascht.

„Das war mir nicht bekannt…“

„Nun, wenn wir schon von Möglichkeiten reden, dann wäre es doch vielleicht eine gute Idee, einige der Brüder in der Heimlichkeit zu unterrichten, damit sie uns von Nutzen sein können. Jegliches Talent, dessen Nutzung sich uns bietet, wäre eine Hilfe“, Toldor lächelte.

Es war nicht zu Übersehen, daß sich hinter Ghaundars Stirn ein Sturm der Zweifel abspielte, aber er fing sich schnell wieder.

„S…sicher. Ich kann mich ja einmal daran setzen und schauen, welche in Frage kämen“, er schielte zu Joro hinüber, der aber nur ziemlich bedeutsam nickte.

Olgerich sah auf seinen Teller und war darum bemüht, nicht zu aufdringlich zu Grinsen.

„Wer hätte gedacht, daß die absurden Wege einer falschen Kirche des Celestus einmal zu solch guten Ideen führen könnten.“

Es war schon nach Mitternacht, als Joro schlußendlich den Kiel beseitelegte und sich mit einem Ärmel den Schweiß von der Stirn wischte. Nach dem Abendessen hatte er noch einige Stunden vor dem Pult gestanden und geschrieben und nun war er einfach zu müde, um noch weiterzumachen. Nicht, daß er nicht gewollt hätte, aber irgendetwas in ihm weigerte sich, fortzufahren. Ghaundar hatte der Gedankenimpuls Toldors zum Grübeln gebracht, er war ziemlich wortkarg irgendwann aufgestanden und hatte sich verabschiedet, was Joro aber keine Sorgen machte, er brauchte wohl Zeit, nachzudenken. Die völkische Drowseele verkraftete eine solche Anfrage wohl nicht so leicht, immerhin waren die Meuchler dieses Volkes ziemlich berühmt. Er würde darüber hinwegkommen, vor allem, weil sich Ghaundar wohl sehr stark im Klaren darüber sein durfte, was auf sie zukam.

So abstrakt es war, die bisherigen Begegnungen mit der Legion waren real und hatten Joro mehr als einmal dazu gebracht, sich wirklich zu fürchten, bis hin zur Todesangst.

Er ging in das Amtszimmer und schaute aus dem Fenster. Unter dem Kloster lag Bargum, größtenteils dunkel, aber vom Mondlicht und einigen Feuern in den Häusern dennoch erleuchtet. Es machte ihn Schmunzeln, daß er nicht der Einzige war, der nicht schlafen konnte. Dies würde nicht das erste und auch nicht das letzte Mal sein, daß das geschah.

Auch am nächsten Tag verbrachte er viel Zeit damit, zu schreiben. Marinus kam gegen Mittag vorbei und brachte ihm den Schlüssel zurück, mit einer kurzen Bemerkung, daß alles in Ordnung gehe und die Boten seit dem frühen Morgen unterwegs seien.

Es war schon Abend, als Ghaundar ihn besuchen kam.

„Und? Wie geht es voran?“

„Gut, ich habe schon zwanzig Seiten geschrieben.“ „Schön…“, der Drow setzte sich auf einen der Schemel, die vor den Schreibpulten standen, „Ich habe heute eine Menge von dem gelesen, was sich hier so in diversen Büchern befindet.“ „Aha?“

„Toldor hatte recht. Es gab tatsächlich eine kleine Gruppe von Mönchen, die während des Krieges gegen Welverin spioniert und kundschaftet hat.“

„Es macht dich madig, daß du nichts davon wußtest, oder?“ Ghaundar grinste.

„Natürlich, du weißt ja, daß wir Drow informationssüchtig sind. Aber das ist nicht einmal der Punkt.“

„Sondern?“

„Die Einfachheit dessen, wie sie es getan haben ist bemerkenswert. Dabei liegt es nur daran, daß sie sich als Menschen freier bewegen konnten, weil unser Volk damals Sklaven hielt.“

„Du scheinst beeindruckt zu sein.“

„Das bin ich auch. Also… konkret auf unsere Situation bezogen wäre es nicht dumm, ein Netzwerk von Leuten aufzubauen, die sich auf genau diesen Bahnen bewegen. Ihnen die Grundzüge dessen beizubringen, was sie wissen müssen, wird nicht sonderlich schwer sein.“

„Dann hast du ja etwas gefunden, was du tun kannst. Ich habe immer das Gefühl, daß du dich hier langweilst.“

„Du hast ja keine Ahnung, wie sehr“, Ghaundar lachte, „und du hast recht. Je mehr wir wissen, desto besser. Das wird die Resultate dessen, was unsere Späher in der Enklave daraus ziehen können, was sie von Händlern erfahren weit übertreffen. Vor allem weil Totengräber als reisende Priester im ganzen Land bekannt sind und so relativ wenig Aufsehen erregen.“

Das leuchtete Joro ein. Informationen aus erster Hand waren immer besser.

„Also machst du dich daran und suchst dir ein paar Leute aus?“ „Ich war heute morgen bei Olgerich und habe mir ein paar Händler aus der Stadt nennen lassen, die viel herumkommen. Wir werden einfach einige unserer eigenen Leute mit ihnen mitreisen lassen und sehen, was dabei geschieht.“ „Aber die sollten vorher doch erst genug Handwerkszeug mitbekommen, um…“ „Schon klar. Darum kümmere ich mich.“

Eigentlich hätte Joro die nächsten Tage in quälendem Warten verbracht, hätte er nicht praktisch die ganze Zeit in der Schreibstube verbracht. Selbst das abendliche Essen fiel weitestgehend aus, da alle damit beschäftigt waren, sich um ihre Geschäfte zu kümmern, Olgerich hatte den Idee der Ausbildung einer größeren Anzahl von Rekruten aufgegriffen und umgesetzt, Ghaundar hatte sich einige der Totengräber herausgepickt, die er unterrichtete und Toldor und Marinus waren den ganzen Tag mit den Angelegenheiten des Klosters beschäftigt.

Joro seinerseits kippte morgens immer mit Mordgedanken bezüglich eines Federtieres aus dem Bett und schleppte sich noch im Halbschlaf in die Schreibstube, wo glücklicherweise schon am zweiten Tag ein heißer Kräutertee und ein kräftiges Frühstück auf ihn wartete.

Eigentlich war schreiben sehr anstrengend, aber da ihn die Absicht trieb, seine eigenen Ideen zu Papier zu bringen, floß es vor sich hin, sogar in einem Maße, daß er den Tag- und Nachtwechsel kaum bemerkte. Wenn Ghaundar oder Toldor zwischenzeitlich vorbeikamen, um ihm irgendwelche Berichte zu geben, hörte er nur mit halbem Ohr hin, weil seine Gedanken an dem hingen, was er aufschrieb.

Dennoch. Es war eine Aufbruchsstimmung in ihm, die dadurch gefördert wurde, daß er Schritt für Schritt sah, wie sich kleine Teile zu einem Ganzen entwickelten.

Unterbrochen wurde er am sechsten Tage davon, daß Ghaundar am Vormittag mit einem verschmitzten Lächeln auf dem Gesicht in die Stube geschlendert kam.

„Nur mal so… ich glaube wir bekommen Besuch.“ „Hm?“, Joro sah von dem Buch auf.

„Naja, ich habe gerade die Meldung von der Stadtwache bekommen, daß eine seltsame Karawane am Südtor angekommen ist. Sie haben Probleme, zu glauben, was da vor ihnen steht.“

„Wie jetzt?“

Ghaundar schnaubte.

„Am Südtor stehen etwa einhundert Duergar, zwanzig Maultiere mit Eisen, ein alter Mensch, ein übellauniger Drow und eine gewisse Dame.“

„Was zum…“, Joro schmiß den Kiel in die Ecke und rannte zur Tür, „Kannst du nicht mal schneller klare Aussagen treffen, du Depp?!“

Den noch lachenden Dunkelelfen hinter sich lassend flog Joro die Treppen zur Eingangshalle herunter und hastete so schnell er konnte aus dem Kloster.

Als sie den Bischof wie einen Geisteskranken die Straße entlanglaufen sahen, fragte sich die eine oder andere Klosterwache, was wohl geschehen war, denn einige von ihnen nahmen auf der Stelle ihre Schilde auf und taten es ihm gleich.

In wenigen Augenblicken war er am Südtor angekommen und war vom Anblick überwältigt.

Balthasar hatte es sich nicht nehmen lassen und eine ganze Kompanie seiner Krieger, inklusive Torkum, mit den Maultieren mitgeschickt. Viel wichtiger war jedoch, daß sowohl Hrynn, als auch Omareth und vor allem: Alystin dabei waren.

Der Drowgeneral, der schon von Weitem spöttisch in seine Richtung gesehen hatte, sagte zur Begrüßung:

„Wenigstens nimmst du das mit dem Laufen ernst.“ Joro ignorierte das, denn er hatte nur Augen für die Frau, die er liebte. Wie zu erwarten gewesen war, kam ein in-die-Arme-fallen wohl nicht absehbar, denn sie hatte wie so oft ihre distanzierte Miene aufgelegt.

Die eigentlichen Leidtragenden der Situation waren allerdings die Stadtwachen. Sie sahen hilflos zwischen Joro und der Karawane hin und her, sichtlich unfähig, sich zu entscheiden.

Mit dem Blick an den anwesenden Weibel gerichtet meinte Joro: „Es ist in Ordnung, sie sind unsere Verbündeten. Laßt sie passieren.“ „I…ihr seid Euch sicher, Eminenz?“

„Ja, völlig. Ihr braucht keine Bedenken zu haben.“ Immernoch unsicher traten die Gardisten zur Seite und deuteten dem Troß, die Stadt zu betreten.

Es waren einige Stadtbewohner anwesend, die als Schaulustige in der Straße standen, aber Torkum hatte seine eigene Art, damit umzugehen. Seine Soldaten gingen ziemlich ruppig daran, die Leute aus dem Weg zu schieben, um die Maultiere und ihre Fracht in die Stadt zu bringen.

Als der Marschall Joro erreichte, salutierte er kurz und fragte dann: „Wohin soll die Ladung gebracht werden?“

„Zum Marktplatz. Fürst Olgerich wird sich um die Verteilung kümmern.“ Der Duergar nickte und wies seine Soldaten an, den Weg weiter freizumachen.

Auf dem Weg dorthin ging Joro Seite an Seite mit Alystin und Omareth, in der stillen Hoffnung, sie würde etwas sagen, aber stattdessen war es der General, der etwas sagte.

„Es ist eine Weile her, daß ich hiergewesen bin. Nur war es damals Nacht und kein schöner Anlaß.“

„Es ist eine schöne Stadt“, sagte Joro, immernoch mit einem Seitenblick auf Alystin, deren Anstrengung, die Form zu wahren auf ihr Gesicht geschrieben stand, „sie sollte dir bei Tageslicht noch besser gefallen.“

Omareth sah zu Joro hoch.

„Das wage ich zwar zu bezweifeln, aber ich werde mich gerne eines Besseren belehren lassen.“

Der Bischof setzte einen stoischen Gesichtsausdruck auf.

„Das wird sicherlich bald geschehen, es sei denn du läßt dich wieder von deinen Vorurteilen leiten, Omareth.“

„Wir werden sehen.“

Sie gingen zusammen mit den Tieren bis zum Marktplatz, auf dem sie sowohl eine große Menge der Einwohner Bargums, als auch der Fürst und Ghaundar erwarteten.

Olgerich kam ihnen schon auf den letzten Schritten entgegen und verbeugte sich sowohl vor Omareth als auch Alystin sehr tief und man konnte ihm ansehen, daß er sehr angespannt war.

„Es freut mich außerordentlich, Euch hier begrüßen zu dürfen, äh…“, er sah hilfesuchend zu Joro, nicht weil ihm die Namen nicht einfielen, sondern weil er sich nicht sicher war, welcher von beiden Drow der oder die wichtigere war. Joros unmerklicher Fingerzeig auf Alystin löste das Problem, „werte Hohepriesterin. Und auch Euch, Herr Veldrin’Sreen, gebiete ich meinen Respekt. Es tut gut, sich einmal in friedlicher Form zu treffen.“

Alystin machte einen formellen Gruß und Omareth salutierte knapp.

„Wie ich sehe, habt ihr uns Hilfe gebracht“, fuhr Olgerich fort, „ für die ich Euch im Namen Bargums danke. Wir werden es alsbald zu dem Ort bringen, wo es verarbeitet werden wird.“

Torkum trat vor und wies auf zwei Duergar, die reichverzierte Kutten trugen.

„Dies sind die beiden Schmiede, die unser König dem Bischof von Bargum zur Verfügung stellt. Ich vertraue darauf, daß Ihr sie standesgemäß unterbringen werdet…“

Der Fürst nickte heftig.

„Sicherlich. Es warten bereits Gemächer im Schloß auf sie und sie werden in der hofeigenen Schmiede arbeiten können. Dort sollte es ihnen an nichts fehlen.“

„Gut“, entgegnete der Marschall knapp, „dann laden wir jetzt ab und holen uns die Bezahlung aus dem Kloster.“

Olgerich wandte sich an Hrynn, ohne ein Wort zu sagen, dann fielen sich die beiden Männer in die Arme und drückten einander sehr lange.

„Es ist schon so lange her, Hrynn.“

„Und es freut mich, dich in sehr guter Verfassung zu sehen, Olgerich.“ „Komm mit, ich habe dir schon ein Gemach vorbereiten lassen.“

Torkum reichte Joro ein kleines Pergament, auf dem in sehr schlechter Handschrift eine ganze Reihe von Zahlen gekritzelt waren. Dieser überflog es, lächelte, und steckte es in seinen Ärmel. Balthasars Forderungen waren, wie erwartet, unverschämt. Aber er würde das später regeln.

Joro machte eine ausladende Geste und deutete sowohl Omareth als auch Alystin, ihm zum Kloster zu folgen. Beide wirkten sofort ein wenig entspannter und kamen der Einladung nach, indem sie sich in Bewegung setzten.

Im Fortgehen meinte er noch zu Torkum:

„Wenn ihr fertig seid mit dem Abladen, kommt ins Kloster, wir werden dann darüber verhandeln, was ich euch auf die Rückreise mitgebe.“

Ghaundar schloß sich ihnen an und sie gingen zu viert, immernoch von den neugierigen Bewohnern der Stadt beäugt, die Straße hoch.

Jetzt fand auch Alystin zu Worten.

„Hätte ich gewußt, daß das hier zu einer solchen Ausstellung wird, hätte ich mir zwei Mal überlegt, ob ich hier herkommen will.“

„Was hast du erwartet?“, feixte Ghaundar, „Wir sind Exoten in einer Welt voll Kalkleisten.“ Sowohl Omareths, als auch Alystins Blick brachten ihn sofort dazu, seinen Ausspruch zu bereuen.

Als sie sich dem Eingangsportal des Klosters näherten und das Spalier der Schaulustigen endete, atmeten sowohl Omareth als auch Alystin merklich auf.

Weiter: Teil 2 von 11