Der Prophet, Teil 2

Arkanai · Kapitel 1 von 1 · Teil 5/11

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Der Prophet, Teil 2

Der Prophet, Teil 2

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.

Runk sah sich besorgt um und lauschte, wobei kurzzeitig ein Wispern in der Luft zu hören war, dann nickte er.

„Also gut. Nuktu kam in den dunklen Zeiten durch diesen Landstrich und hat sich mit unseren Vorfahren den einen oder anderen Kampf geliefert. Er war schon sehr schwach zu diesem Zeitpunkt, aus seiner Heimat vertrieben, aber er war dennoch nicht machtlos. Bis auf ein paar wenige hat er sie alle getötet und ihre Seelen gestohlen, um sich selbst nach seinem Tode am Leben halten zu können.“

Das machte nur bedingt Sinn, zumindest vom Wortlaut, aber Joro konnte sich jetzt wesentlich besser vorstellen, wie es die Seelenessenz des alten Kriegsfürsten geschafft hatte, so lange den Widerstand gegen seinen eigenen Gott aufrecht zu erhalten. Er hörte weiter zu.

„Die Kette, die Plok jetzt trägt wurde von Generation zu Generation von den Schamanen unseres Stammes getragen und mit jedem Individuum, das es trug um einen Teil ergänzt. Jeder Knochen an dieser Kette hat eine besondere Fähigkeit, vor allem weil sie nach dem Tode des Trägers dessen Geist in sich aufnimmt und dem von ihm zugefügten Teil Kraft gibt.“

„Und mit Nuktus Angriff ging sie verloren.“

„Genau das. Du wirst allerdings an meiner und auch Ploks Reaktion abgelesen haben, daß hier niemand wirklich traurig war. Ehrlich gesagt haben wir uns eher gefreut, daß dem so war, denn diese Kette war zwar ein Symbol der Macht, aber sie hat auch viel Leid über uns gebracht. Nuktu kam auch nur deshalb zu uns, weil er davon gehört hatte.“

„Ich frage mich, wie ein Mensch von einer Orclegende erfährt.“

Runk streckte sich und machte ein würdevolles Gesicht.

„Unser Stamm war, bevor er durch Nuktus Krieg hierher, nach Süden, verdrängt wurde der mächtigste Orkstamm des Weltengebirges. Sogar Drow und Duergar hatten Angst vor uns.“

„Aber?“

Der Schamane sank wieder ein Stück in sich zusammen.

„Die Kette hat ein Eigenleben. Zumindest hatte sie das früher, jetzt gerade bemerke ich nicht viel davon, was aber auch eine Täuschung sein könnte. Die Geister der Ahnen darin konkurrieren miteinander und der jeweilig dominierende bestimmt auch das Verhalten dessen, der sie trägt.“

„Mit anderen Worten, wenn ein nicht ganz so freundlicher Ahne darin die Macht übernimmt, dann verwandelt sich der Träger auch in ein…Monster?“

„Nicht physisch, aber charakterlich. Das hat uns unsere Vormachtstellung gekostet, als ein irrer Häuptling es schaffte, kurz bevor er starb noch seinen Geist in die Kette zu bringen. Daraufhin hat es immer wieder Perioden gegeben, wo unsere Häuptlinge völlig wahnsinnig wurden und Dummheiten begingen. Insofern hat er unsere Gesetze umgangen, nachdem ein schwacher oder schlichtweg zu dummer Anführer sofort zu töten ist, sobald sich seine Schwäche zeigt.“

„Aber warum bannst du diesen Geist nicht einfach aus der Kette?“

„Das kann ich einem Mann, der keine Ahnung von Schamanismus hat, sicher nicht in der kurzen Zeit erklären, die wir noch haben“, Runk drehte sich zu Plok um und sah ihn böse an, „Warum hast du die Kette überhaupt angenommen?!“

„Hm?“, Plok sah von der Rentierkeule hoch, die er gerade mit seinen Hauern zermalmte und sagte dann hastig: „Ahne hat mir gegeben, konnte nicht anders.“

Runk sah fragend zu Joro, aber der nickte und erzählte im knapp, wie er zu der Kette gekommen war und warum er sie hergebracht hatte.

„Verdammt! Das muß genau dieser Ahne gewesen sein…“

„Glaube ich nicht, derjenige, der mir die Kette gab, hat einen sehr geradlinigen Eindruck gemacht und fühlte nichts als Stolz, als er an seiner Heimat dachte.“

„Gib mir die Kette, Dummbeutel!“, Runk trat auf seinen Sohn zu und auch wenn dieser als Reflex erst an den Streitkolben griff, mußte er sich wohl gewahr werden, daß er in diesem spezifischen Gebiet seinem Vater unterlegen war. Es war so oder so seltsam, wie Plok dem Schamanen gegenüber reagierte.

Der Schamane zögerte einen Moment, das Schmuckstück überhaupt zu berühren, was ihm sein Sohn entgegenhielt, dann nahm er es dennoch.

Die roten Zeichen an den Wänden flackerten hell auf, als der alte Mann die Knochen berührte und auch der Schemen erschien wieder hinter ihm. Plok preßte sich eng in seinen Thron, sichtlich unangenehm berührt.

Joro beobachtete dieses Mal genau, was da hinter Runk war und konnte erkennen, daß es eine wage humanoide Gestalt war, die jedoch den Kopf eines Wolfes, vier Arme und an den Enden derselben lange, dünne Krallen hatte. Die Augen des Schamanen leuchteten in einem bläulichen Licht und es zuckten kleine Entladungen daraus hervor, als er mit seinen groben, kurzen Fingern einzeln über die Knochen fuhr.

Das samtige Gefühl auf Joros Ohren war beträchtlich stärker geworden und als Runk schließlich aufsah, immernoch blaue Funken aus seinen Augen sprühend, und sprach, hörte es sich an, als rede er durch ein Kissen zu ihm.

„Es ist erstaunlich und ich bin mir nicht sicher, wie das zustande gekommen ist, aber es scheint als sei ein Teil der Geister verschwunden. Stattdessen hatten die anderen Zeit, sich zu entfalten.“

Joro schluckte, denn das Gefühl, daß die Zeichen in seinem Kopf machten verursachte ihm immer stärker werdende Übelkeit.

„Das heißt, daß diese ihre eigene Macht verstärkt haben?“

„Ja, wie es scheint haben sie in all der Zeit, in der sie unter diesen Steinen lagen, miteinander gekämpft und nur die stärksten haben am Ende weiterexistieren können.“

„Ist das jetzt eine gute oder eine schlechte Sache?“

„Das kann ich dir noch nicht sagen, aber ich weiß immerhin schon, daß ich sie Plok nicht wiedergeben werde, denn er wird damit nur Unheil verursachen.“

„Hey! Kette ist meins!“, Plok versuchte wieder zu protestieren, aber sein Vater ignorierte ihn und fuhr stattdessen fort:

„Auf der einen Seite macht das die Situation einfacher, weil wir dadurch nicht gezwungen sind, uns mit einem alten Übel auseinandersetzen zu müssen, aber das wird trotzdem nicht deine Anwesenheit hier rechtfertigen, es sei denn…“

„Ja?“, fragte Joro.

„Es sei denn du forderst Plok zu einem Duell.“

„Was?!“, riefen sowohl Bischof als auch Häuptling gleichzeitig.

Sowohl Joro als auch Plok begannen damit, wild auf den Schamanen einzureden, bis Runk einen sehr scharfen Laut des Unmutes von sich gab.

„Haltet beide die Klappe! Du“, er zeigte auf Plok, „warst dumm genug, ihn hier einfach hineinzubringen, weil du dir leichte Beute erhofft hast, nachdem du die Kette in Händen hieltest und du“, jetzt war Joro an der Reihe, „hättest wissen müssen, daß man nicht einfach so in ein Orclager geht!“

Die beiden Gescholtenen setzten erst an, sich erneut zeitgleich rechtfertigen zu wollen, aber dann sahen sie einander an und dann beide auf den Boden. Runk hatte Recht.

Es war der Häuptling, der mißmutig grunzte und dann, den Streitkolben und noch eine Axt nehmend, aus dem Raum lief, wobei er sich, sobald er die Tür verließ mit unglaublicher Geschwindigkeit zu bewegen schien.

Der Druck auf den Ohren nahm aber ab dem Moment ab, in dem die Tür geöffnet worden war und verschwand schließlich. Joro sah zu Runk herüber, der die Kette gerade in seinem Lendenschurz verstaute.

„Wie kommt es, daß du dich so… menschlich verhältst?“

„Was meinst du damit, daß ich deine Sprache spreche?“

„Ich weiß nicht so recht… ich habe mir immer vorgestellt, daß Orcs soviel anders sind als Menschen.“

„Das sind sie auch, deshalb kannst du von denen da draußen auch nicht erwarten, daß sie dir so begegnen wie ich, aber im Gegensatz zu denen war ich fast fünfzehn Jahre lang der Sklave eines Magiers und habe dementsprechend Umgangsformen gelernt, wie sie die Menschen untereinander pflegen. Dabei solltest du aber nicht den Fehler begehen, zu glauben, daß ich innerlich ein Mensch bin. Wenn Plok dich besiegt, werde ich dein Gehirn essen“, der Schamane ging aus dem Raum.

Joro stand alleine da und schluckte. Sein Blick fiel zweifelnd auf Hammer und Schild und dann führte er sich vor Augen, wie groß und muskulös der Häuptling war.

Er hatte keine Chance gegen ihn, ein einzelner Schlag würde ihn schon von den Füßen fegen und dann war er praktisch schon tot.

‚Kannst du mir irgendwie helfen?’, fragte er Celestus.

Es schien als zögere der Gott für einen kleinen Moment, dann aber antwortete er.

‚Ich habe noch keine Ahnung, wie ich dich aus dieser Klemme befreien soll.’ ‚Was soll das heißen??’, Joro bekam es mit der Angst zu tun.

‚Es ist simpel’, Celestus’ Stimme war sehr ruhig, ‚Selbst wenn du Plok besiegst, wirst du nicht von hier fortgehen können. Sie werden dich als neuen Häuptling allerdings auch nicht akzeptieren können, also werden sie einen Weg suchen, dich zu töten und dann einen neuen Anführer aus ihrer eigenen Mitte suchen.’

‚Na prima’, der Bischof ließ die Schultern hängen, ‚Und was jetzt?’ ‚Es hilft nichts, jetzt mußt du erst einmal da herausgehen und mit ihm kämpfen.’

Als Joro vor den Bretterverschlag trat, war unten beim Feuer die Hölle los. Plok stand in der Mitte, Streitkolben in der rechten und Axt in der linken Hand, und war bereits mit Blut überströmt. Im Näherkommen konnte der Bischof einige tote Orcs erkennen, die neben dem Feuer lagen und der Häuptling griff auch weiter jeden, der ihm zu nahe kam, ohne Zögern an. So landete ein Schlag nach dem nächsten auf den Köpfen derer, die aus dem weiten Kreis der Anwesenden traten.

Der erste Orc erspähte Joro, griff sofort zu dem Beil an seinem Gürtel und stürmte auf ihn los.

Wortlos parierte dieser den Angriff und schmetterte ihm den Hammer in die Seite, woraufhin der Grünhäuter mit einem Wimmern zusammenbrach.

Einige der anderen, die auf ihn aufmerksam geworden waren, ließen daraufhin ihre Waffen wieder sinken, aber es gab dennoch eine Handvoll, die, während Joro weiter den Hang herunterschritt auf ihn zugestürmt kamen.

Er erledigte jeden einzelnen von ihnen, auch wenn er über die Angriffe mehr als überrascht war.

Nur.

Plok wurde auch angegriffen, dies mußte also eine Gelegenheit für jeden Stammesangehörigen sein, die Macht an sich zu reißen.

Erst als er sich durch den Kreis geprügelt hatte und in der Mitte stand, hörten die Angriffe sofort auf, stattdessen sahen alle gebannt auf ihn und ihren amtierenden Häuptling.

Plok spuckte blutigen Speichel aus und schaute ihn haßerfüllt an.

„Du feige!“

„Warum, ich bin doch hier!“

„Du mich warten lassen, damit mich andere schlagen! Aber nicht helfen, ich dich zermalme!“ Joro hatte gerade noch Zeit, das Visier herunterzuklappen, denn mit den Worten hob der riesige Orc beide Waffen und stürmte unverzüglich auf ihn zu.

Der Aufprall war so hart, wie er befürchtet hatte, aber irgendwie schaffte er es, auf den Beinen zu bleiben, auch wenn er trotz der Verteidigungshaltung, die er eingenommen hatte, mehrere Schritte rückwärts über den Boden schlitterte, bis die Sohlen seiner Stiefel wieder genug Reibung aufbrachten, um ihn anzuhalten.

Sein linker Arm war taub von der Attacke mit beiden Waffen, die Ploks auf ihn ausgeführt hatte und als dieser nachsetzte, konnte er auch nur mit Mühe einen Schlag mit dem Hammer abfangen, der andere traf wieder auf den Schild und machte aus der Taubheit einen schweren, dumpfen Schmerz in Unterarm und Schulter.

Der Orc fuhr fort, ihn vor sich herzutreiben, wobei Joro mehr als einmal nicht dazu in der Lage war, einen Schlag völlig abzufangen, so trafen ihn erst eine Attacke am Bein und dann ein schmetternder Schwinger mit dem Streitkolben am rechten Oberarm, was ihn dazu brachte, aufzuschreien und den Hammer loszulassen. Die Schlaufe an dessen Griff verhinderte, daß dieser herunterfiel.

Joro sah sich schon tot am Boden liegen, da bemerkte er, daß in ihm Unwillen aufstieg. Er war nicht so weit gekommen und hatte nicht so viel erreicht, als daß er jetzt sein Ende finden würde. Was hatte ihm Omareth einmal über Wut erzählt? Wenn man sie fokussierte, war sie ein wichtiger Verbündeter. Außerdem mußte er aufhören nachzudenken sondern einfach nur kämpfen, und zwar so, wie der General es ihm Tag für Tag eingebleut hatte.

Plok machte wieder Anstalten, ihn mit beiden Waffen gleichzeitig anzugreifen, aber Joro drehte sich im letzten Moment leicht nach links und ließ die Attacke an seinem Schild abgleiten. Gleichzeitig führte er seinen rechten Arm so, daß der Hammer, immernoch nur an der Schlaufe baumelnd, wie ein Flegelarm durch die Luft peitschte. Ihm war klar, daß ihn das aus dem Gleichgewicht bringen würde, sollte es nicht treffen, aber erstens war der Orc kaum zu verfehlen und zweitens hatte er nichts zu verlieren.

Und er traf.

Nicht nur, daß Plok von seinem Schild abgeglitten und ins Stolpern geraten war, als ihn der Hammer in den Rücken traf, schoß er nach vorne und fiel zu Boden.

Joros Waffe traf ihn beinahe selber am Knie als sie zurückpendelte, aber er nutzte den Schwung, der entstanden war und ließ die Schlaufe um sein Handgelenk laufen, bis der Griff von alleine in seine Hand sprang.

Er mußte sich dazu zwingen, sich nicht zu sehr damit aufzuhalten, sich über das geglückte Kunststück zu freuen, das konnte seinen Tod bedeuten. Also griff er den Hammer fest und setzte nach.

Aber Plok war noch lange nicht am Ende seiner Fähigkeiten und als der Bischof näherkam trat er, immernoch am Boden liegend, nach dessen Knöchel, wodurch Joro mit dem rechten Bein einknickte.

Die Axt verfehlte seinen Kopf nur knapp, als er ihn gerade noch hinter den Schild brachte.

In einer fließenden Bewegung drehte sich der Orc wieder in den Stand und es ging von vorne los, mit Joro im Rückwärtsgang.

Doch dieses Mal war Joro nicht nur mit der Kraft der Wut gesegnet, sondern dachte auch nicht mehr nach, sondern ließ sich völlig von seinen Augen und deren Wahrnehmung kontrollieren.

Plok war schnell, er war kräftig und konnte vorzüglich mit zwei Waffen gleichzeitig kämpfen.

Allerdings benutzte er fast die ganze Zeit die selben Angriffe, zunächst ein Schlag mit rechts, links, dann wieder rechts und dann mit beiden gleichzeitig.

Auch wenn Joro im Hinterkopf behielt, daß Plok vielleicht genau so agierte, um ihn schließlich mit einem unvorhergesehenen Trick zu überraschen, stellte er sich zunächst darauf ein, um dann seinerseits plötzlich, kurz nachdem er einen Schlag der Axt mit dem Hammer aufgehalten hatte, den Hammerkopf mit aller Wucht gegen den Orc zu stoßen. Dabei legte er sein ganzes Körpergewicht in die Vorwärtsbewegung, das linke Bein anhebend, um sich im Zweifelsfall abfangen zu können, falls er nicht traf.

Plok war sich zu sicher gewesen, denn der Stoß traf ihn mitten auf der Brust, als er wiederum mit dem Streitkolben ausholte, seinem Muster folgend.

Mit einer normalen Waffe wäre der Effekt sicherlich nicht so überragend gewesen, aber der Hammer zeigte beim Auftreffen wieder einmal sein Innenleben und eine weiße Wolke aus Eiskristallen explodierte auf dem Oberkörper des Orcs

Zu Joros Ungunsten war er zu nahe an seiner eigenen Waffe gewesen und trotz der Maske schossen einige Splitter in seine Augen. Es brannte fürchterlich und für kurze Zeit sah er nichts mehr.

Dabei hörte er Plok keuchen und auf dem Boden scharren, den Häuptling hatte es umgeworfen.

Die Orcs um sie herum stimmten ein Anfeuerungsgebrüll an, Joro wußte aber nicht, ob das nun ihm galt oder ihrem Anführer. Oder generell der Tatsache, daß Blut vergossen wurde.

Er griff sich unter die Maske und wischte sich die Tränen aus den Augen, die sich durch das nunmehr geschmolzene Eis auch noch verdichtet hatten. Als er die Hand wieder zurückzog, konnte er erkennen, daß er Blut auf dem rechten Arm hatte und es war nicht sein eigenes.

Plok hatte sich wieder aufgerichtet und starrte jetzt mit ständig wechselndem Gesichtsausdruck auf seinen Gegner.

Seine Brust war eine einzige blutige Schramme, offenbar hatte der Hammer zwar getroffen und auch Schaden angerichtet, doch war die Explosion von ihrer psychologischen Wirkung effektiver gewesen.

Der Häuptling begann ihn nun zum umkreisen und Joro bemerkte, daß ihm ein Teil seiner rechten Nasenseite fehlte.

„Zauberwaffe, eh?“, meinte Plok abschätzig, „Wird dir auch nicht helfen.“ „Das werden wir sehen.“

Joro machte eine Finte, die der Orc allerdings nur verächtlich aus der Luft fischte und dann mit der Axt nach seinem Waffenarm hieb. Der Bischof konnte sich nur im letzten Moment zurückziehen und das schartige Blatt kreischte funkensprühend über den Armpanzer.

Er war sich nicht sicher, ob es intelligent gewesen war, den Orc dazu zu bringen, seine vermeintliche Überlegenheit zu überdenken, denn nun mußte er mit allem rechnen und er konnte sich nicht vorstellen, daß Plok, wenn er nachdachte, ungefährlicher wurde.

Da fiel ihm etwas ins Auge, daß ihn überraschte. Er konnte oben am Hang erkennen, wie Runk vor seiner Hütte tanzte und dabei immer wieder etwas in das kleine Feuer warf, das davor brannte.

Jedes Mal, wenn er das tat, schien sich die Verletzung auf Ploks Brust ein wenig zu schließen. Also war klar, auf wessen Seite der Schamane stand, ehrlich gesagt wunderte es ihn auch nicht.

‚Wie mächtig sind diese Geister?’

‚Du hast vorhin gesehen wieviele Shuras hier sind, Joro.’ ‚Die Orcs beten Shuras an?’

‚Nein, aber Runk ist ein sehr alter und unglaublich mächtiger Schamane. Für ihn ist jede Lebensessenz nichts Anderes als eine Energiequelle. Ich glaube er könnte auch einem Menschen einfach so die Seele aus dem Leib reißen, wenn er wollte.’

‚Willst du mir sagen, daß er die Toten benutzt, um seinen Sohn zu heilen?’ Joro wich nur knapp einer Ausfallattacke aus und schaffte es, mit einem nicht sonderlich guten Hieb wieder Distanz zwischen sich und Plok zu bringen.

‚Würdest du das nicht auch für deinen Sohn tun?’ ‚Mein Gott…’

‚Ja?’

Der Bischof machte einen verärgerten Laut.

‚Mann! Ich meine damit, daß das nicht die verdammte Zeit für Grundsatzdiskussionen ist. Kannst du mich nicht einfach mit irgendeinem Segen belegen, der das ausgleicht?’

‚Was schwebt dir denn vor?’

Es reichte Joro, er machte einfach eine Satz vorwärts und begann, wie ein Berserker auf den tatsächlich verblüfften Orc einzuprügeln. Gleichzeitig rief er innerlich so laut er konnte jeden Shura in einem Umkreis so weit, wie es seine Gedanken erlaubten, es sich vorzustellen. Seine Augen begannen sich mit Schwärze zu füllen.

Während die meisten seiner Angriffe an der Deckung des Orcs verloren gingen, war oben vor der Hütte des Schamanen eine Veränderung zu erkennen. Langsam aber sicher kam Runk ins Wanken und irgendwann blieb er stehen, sich mit immer stärker wachsender Sorge umblickend.

Die wenigen Orcs, die immernoch auf den Wachtürmen am Schluchteingang standen wurden Zeugen eines furcheinflößenden Bildes.

Am Horizont bildeten sich graue Wolken. Zunächst nur wenige und sehr klein, aber wo sie sich trafen verschmolzen sie miteinander, wurden größer und dunkler. Und es wurden immer mehr und mehr.

Auch wenn seine Schläge den Orc kaum trafen und er selber mehrere Treffer einstecken mußte, die seine Rüstung glücklicherweise größtenteils abfing, zeigte sich in den folgenden Augenblicken, daß je mehr Unruhe in Runk zu erkennen war, die Stärke des Häuptlings abnahm.

Die Wunde auf seiner Brust mußte doch wesentlich tiefer sein, als es von außen aussah und ohne die Unterstützung seines Vater machte sie Plok immer mehr zu schaffen.

Der Orc hustete Blut und konnte Joro nur mit einem Tritt auf den Schild von sich fortbewegen. Dieser taumelte zurück, aber sobald er das Gleichgewicht wiederfand, stürmte er wieder auf den einen Kopf größeren Grünhäuter zu.

Dabei brüllte er: „Celestus, gib mir Kraft!“

Und genau das tat dieser.

Plok hatte sich darauf vorbereitet, Joros Schlag mit beiden Waffe gekreuzt abzufangen, ihm seine Waffe aus den Händen zu reißen und ihn dann mit einem gezielten Schlag zu töten, aber als der Hammerkopf auf Streitkolben und Axt traf, zerschmetterte ein schwarzer Blitz, der direkt aus dem Himmel fuhr beide Waffen des Orcs und der Hammer traf mit voller Wucht auf seine linke Schulter.

Als hätte ihn der Blitz selber getroffen sackte Plok zusammen wie ein Sack, den man auf den Boden wirft.

Das Heulen außerhalb der Schlucht wurde lauter und lauter und auch die ersten Orcs im großen Kreis um das Feuer, die das Geschehen im Inneren nicht so gut sehen konnten, hörten es und drehten sich um.

Mittlerweile war es eine fast schwarze Wolke, die mit unglaublicher Geschwindigkeit auf den Tafelberg zuraste und wo sie den Boden berührte verwelkte das Gras, Büsche zerfielen zu Staub und Wasser wurde zu einer braunen Gallerte.

Im Inneren des Kreises herrschte fast panische Stille, als die Orcs ihren Häuptling mit zerschmettertem Körper auf dem Boden liegen sahen.

Runk kam vom seiner Hütte herabgestürmt, abwechselnd zu seinem Sohn und zum Eingang der Schlucht sehend.

Er trieb sich mit wuchtigen Schlägen eine Schneise in den Kreis und rannte dann in die Mitte.

Seine Augen waren blutunterlaufen und auch aus seiner Nase kam ein rotes Rinnsal. Erst sah er mit eiskaltem Blick auf seinen Sohn und dann starrte er Joro haßerfüllt an.

„Du bist genau der Selbe, wie jener, der die Rüstung vor dir trug, dummer Mensch! Du bringst Verderben, wohin dich deine Schritte führen, weil du über nichts nachdenkst, was du tust!“

Runk griff nach den Schultern seines Sohnes und hob ihn an, sichtlich so geschwächt, daß er nicht mehr dazu in der Lage war, ihn alleine zu heben, aber keiner der Orcs setzte auch nur an, ihm zu helfen.

„Du wolltest ein Duell, Runk, jetzt lebe mit dem Resultat desselben!“, Joro fixierte den Orc durch die Sehschlitze und wich nicht einen Moment vor dessen Blick zurück.

„Hörst du das da draußen? Kannst du sie hören?!“ „Ja, ich habe sie gerufen, damit sie dich daran hindern, weiter ihre Brüder zu töten!“ „Brüder?! Hat dir als Kind keiner beigebracht, nicht mit dem Feuer zu spielen?! Das lernen sogar unsere!“ „Hättest du nicht die Regeln ignoriert, hätte ich es nicht getan, aber du mußtest Plok ja helfen!“ „Du hast keine Ahnung! Es gibt keine Regeln, das war ein Kampf auf Leben und Tod!“ Joros Bewußtsein wurde kalt. So kalt, wie die tiefste Nacht im höchsten Norden.

„Und das ist auch das Ergebnis. Es wird Tote geben, viele“, sagte er trocken, „Es sei denn ich halte sie auf.“

Runk lachte ein unglaublich bitteres Lachen.

„Das, was ihr Menschen Shura nennt und wir Orcs „T’Rakh“ kann man nicht aufhalten. Wenn sie entfesselt sind, wüten sie solange, bis sie vernichtet sind oder ihre Rache hatten. Aber du kannst zu den Deinen zurückkehren und dich damit brüsten, daß du einen ganzen Orkstamm vernichtet hast. Falls du meine Rache überlebst.“

Runk nahm eine Knochenkeule vom Rücken.

Der Bischof war schneller. Er schoß vorwärts und der Hammer landete hart auf der Stirn des Schamanen, der zusammenbrach.

Um ihn herum führerlose Orcs, die nur einen Moment zögerten, und dann wie die wilden aufeinander einzuschlagen begannen.

Joro sah sich fassungslos um. Waren sie sich nicht darüber im Klaren, daß der Tod in Gestalt einer heulenden Wolke auf sie zugerast kam?

Schon nach wenigen Augenblicken zeichnete sich ein Ergebnis ab, denn ein etwas größerer Orc , der eine kleine Anhängerschaft um sich geschart hatte, hob seine schwere Streitaxt über den Kopf und stieß ein Siegesgebrüll aus. Einige Dutzend Orcs lagen regungslos auf dem Boden.

Von Joros Füßen kam ein Röcheln zu ihm herauf und er sah Runk, der sich leicht aufgerichtet hatte, im Mundwinkel ein kleines Blutrinnsal.

„Du bist wirklich noch ein größerer Idiot als die meisten Orcs hier. Hättest du mich nicht attackiert, wäre es noch möglich gewesen, etwas zu tun, um sowohl den Stamm, als auch dein Leben zu retten. Jetzt bist du nur ein verabscheuungswürdiger Massenmörder...“, er hustete noch leise, dann brach er endgültig zusammen.

Zunächst war nur das kreischende Kratzen von Krallen auf Stein zu hören, dann brach die graue Masse in die Schlucht. Anders als in Noth dauerte es allerdings nur einen kurzen Moment, dann waren die Shuras wieder verschwunden, wobei Joro auffiel, daß bis auf Plok , Runk und die niedergeschlagenen Orcs keine Leichen oder deren Teile herumlagen.

Er schluckte.

Dann tat er ein paar Schritte auf Plok zu und beugte sich zu ihm herunter.

'Ich weiß, daß das jetzt seltsam klingen wird, aber besteht die Möglichkeit, ihn wiederzubeleben?'

'Was?'

'Ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg war...Außerdem habe ich einen Plan, aber der wäre nur zu verwirklichen, wenn Plok nicht tot ist.'

'Das fällt dir früh ein, Joro...'

Bei genauerer Untersuchung stellte Joro mit Erstaunen fest, daß die Frage an Celestus sogar eigentlich überflüssig gewesen war, denn trotz der massiven Verletzungen atmete Plok immernoch schwach.

Joro verschwand keinen Gedanken darauf, was er als Nächstes tun sollte, sondern schloß die Augen und legte seine Hände auf die Brust des grünen Giganten.

Celestus antwortete und nach kurzer Zeit wurden die Atemzüge wieder tiefer und der Orc schlug die Augen auf.

„Ich noch lebe? Was passiert ist?“

„Naja“, der Bischof verzog sein Gesicht, „Ich glaube, daß ich soeben deinen Stamm ausgelöscht habe. Oder zumindest dafür verantwortlich bin, daß hier alle...“ Er sprach nicht weiter, sondern sah zu den anderen Orcs, die immernoch in der Schlucht lagen.

Rasch sprang er auf und untersuchte sie nach und nach, wobei er feststellte, daß jeder einzelne von ihnen noch atmete.

Was war hier passiert?

Zeit zum Nachdenken war später, Joro fiel auf die Knie, senkte den Kopf und begann leise, aber intensiv zu Celestus zu beten, daß er sie alle heilen solle. Im Nachhinein fragte er sich manchmal, ob diese Anfrage nicht eigentlich extrem unverschämt gewesen war, aber in diesem Moment wußte er einfach tief in seinem Herzen, daß es absolut richtig und notwendig war.

Um ihn herum bildete sich ein Kreis aus Schwärze, die wabernd über dem Boden schwebte und die Orcs begannen, einer nach dem anderen, die Augen aufzuschlagen.

Plok hatte sich soweit aufgerichtet, daß er das Schauspiel sehen konnte und schaute halb verwundert, halb ehrerbietig in Joros Richtung.

„Warum du das tust?“

Der Bischof beendete sein Gebet mit einem Dank und sah dann zu dem Häuptling.

„Weil es nur einen Grund geben kann, warum ihr alle noch am Leben seid. Shuras attackieren nur diejenigen, auf die sie einen Haß haben, zumindest wurde mir das einmal gesagt. Und auch wenn sie mit zunehmendem Alter nicht mehr genau wissen, wen sie eigentlich hassen, hatte ich schon seit langem die Vermutung, daß sie irgendwie merken, ob ein Wesen es wert ist, getötet zu werden oder nicht.“

Plok kratzte sich am Kopf.

„Kapier ich nich.“

Joro seufzte.

„Du lebst noch, weil du nicht komplett verdorben bist.“

Kapitel 8

 

Der Häuptling sah ihn bitterböse an.

„Soll das heißen Plok nicht stark?“

„Nein, das heißt eher, daß du nicht so dermaßen dem Bösen verfallen bist, wie man das vielleicht von einem Orc erwartet.“

„Das mich in Sinnkrise stürzt“, wenn ein Orc verzweifelt dreinblicken konnte, dann tat Plok das gerade.

'Wenigstens ist er nicht sonderlich intelligent, also kann er sich immernoch rühmen in einer Weise einem typischen Orc zu entsprechen...', Joro mußte ein Grinsen unterdrücken, auch, weil ein betroffener Grünhäuter so gar nicht dem entsprach, was man meinte, über dieses Volk zu wissen.

'Unterschätze ihn besser nicht, immerhin kennt er das Wort 'Sinnkrise' ', Celestus klang ebenfalls amüsiert.

Die anderen Überlebenden kamen auch wieder auf die Beine und sahen sich verwirrt um. Es mußten so an die dreißig sein, allesamt eben noch tödlich verletzt auf dem Boden, jetzt plötzlich wieder im echten Leben.

Joro ging zu Plok herüber und half ihm auf die Beine. Der stand erst ein wenig wackelig da, dann ging er zur Leiche seines Vaters herüber.

„Er tot“, sagte er nach einem Moment des schweigenden Betrachtens.

„Es...tut mir leid, Plok.“

„Macht nichts. Ich ihn nie gemocht. Mich immer dumm genannt und verhaun.“ In Joros Kopf machte sich allmählich ein Konflikt breit, denn er mußte sich darum bemühen nicht bei jedem Wort und jeder Aktion seines Gegenübers in Muster der Vorurteile zu verfallen. Plok war mit absoluter Sicherheit kein normaler Orc und auch wenn es ihn prinzipiell nicht überraschte, daß er seinen Vater nicht gemocht hatte, war es schwer, nicht fast automatisch davon auszugehen, daß Orcs generell ihre Eltern hassen.

Wenn der Häuptling aber all dem entsprechen sollte, was die Geschichten über sein Volk normalerweise aussagten, warum lebte er dann noch und war nicht wie Großteil seines Stammes tot?

Der Orc hatte sich soweit gefangen und sah jetzt mit einer halb herausfordernden, halb unsicheren Miene auf Joro herab.

„Und?“ „Und was?“

„Was wir jetzt tun?“

Joro kratzte sich am Kopf. Die letzte halbe Stunde war mit einer ganzen Reihe von impulsiven und bei genauerem Nachdenken nicht sonderlich klugen Entschlüssen durchsetzt gewesen und nun mußte er, wenn er denn irgendetwas zu retten hatte, recht vorsichtig vorgehen.

Er sah den Grünhäuter an und sagte: „Wir begraben die Toten. Und dann werden wir beide uns einmal unterhalten.“

Mit Begraben war nichts, denn sowohl Plok, als auch der Rest der Orcs, die Joro kontinuierlich mit einer Mischung aus Furcht und Ärger betrachteten, bestanden auf ein Verbrennen der Toten. Joro hatte ein ausgesprochen schlechtes Gewissen, denn immerhin war er für das frühzeitige Ableben aller ihrer Verwandten verantwortlich, aber auf der anderen Seite hätte die Alternative mit dem eigenen solchen geendet.

Also schichteten sie gemeinsam vor dem Eingang der Schlucht einen gewaltigen Haufen an Brettern und anderem brennbaren Material auf, um dann die Leichen darauf zu legen und ein Feuer darunter zu entfachen.

Als die ersten Wogen aufloderten, machte sich plötzlich eine peinlich berührte Stimmung unter den Orcs breit, die Joro dazu führte, Plok zu fragen:

„Was ist los? Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“ „Hmmm... Wir nicht haben Schamane mehr. Nicht gut. Tote Krieger müssen zu Geistern.“ Das war die Chance, auf die Joro insgeheim gehofft hatte.

'Das wäre jetzt eine gute Gelegenheit, eine kleine Show hinzulegen, meinst du nicht?' Celestus summte nur fröhlich.

Joro hob die Hände und fing an, laut zu beten. Die Krieger, die um ihn standen sahen zunächst noch mit einem zweifelnden Gesichtsausdruck zu, aber als sich plötzlich aus den Leichen der Gefallenen schwarze Schemen lösten, die noch kurz über den Körpern verharrten, sich dann aber auflösten und mit dem Rauch gen Himmel fuhren, hörte er das eine oder andere erstaunte Einatmen. Dann loderte der Scheiterhaufen einmal hell auf und fiel dann in einen Haufen Asche zusammen.

Plok starrte eine Weile nachdenklich auf den Hügel und wandte sich dann an Joro.

„Du Schamane?“

„So etwas Ähnliches. Ich diene nicht den Geistern als solchen, ich diene einem Geist.“ „Hmmm. Starker Geist?“

„Er ist nicht schwach, nein.“ (Celestus machte einen grunzenden Laut, den Joro ignorierte) Plok dachte nach. Auf eine Art und Weise, daß man sich bildlich Zahnräder vorstellte, die sich langsam – und mahlende Geräusche machend – in seinem Kopf drehten.

Dann sah er besorgt auf die kleine Schar an Kriegern, die ihm vom seinem Stamm noch geblieben waren und, was Joro beinahe aus der Fassung brachte, seufzte.

„Dann wir müssen dir folgen. Hier nichts mehr gibt, keine Zukunft.“ Joro sah ihn überrascht an.

„Ist das dein Ernst?“

„Kein Stamm kann sein ohne Schamane. Und Runk tot. Du neuer Schamane von Stamm jetzt.“

Die knapp dreißig Orcs sahen mehr oder minder hoffnungsvoll zu ihm herüber und Joro begann sich zu fragen, warum dieses Volk überhaupt Häuptlinge hatte, wenn ihm schon vor wenigen Stunden klargeworden war, daß Runk die eigentliche Führungsposition dieses Stammes eingenommen hatte. Oder zumindest hatte das so gewirkt.

Vielleicht war das auch so eine Aufteilung in Politik und Krieg, wie es in den menschlichen Kreisen Daishans der Fall war. Oder... vielleicht war es auch eine Form von Organisation, die das Denken auf eine Person delegierte und der Rest konnte dann fröhlich dem brutalen Unsinn nachgehen.

Gehupft wie gesprungen, er sah eine Chance und ergriff sie.

„Dann sollten wir uns unterhalten, was wir als Nächstes tun, komm!“

Plok sah zu seinen Untergebenen herüber und brüllte einige kurze Anweisungen in der Orcsprache, dann zeigte er auf einen etwas kurz geratenen, allerdings nichtsdestotrotz sehr muskulösen Orc und winkte ihn zu sich.

„Das Krut. Er mein Sergeant.“

„Dein was?“

„Äh, mein Stellvortreter?“

„Stellvertreter, meinst du?“

„Nein, er treten Leute, die sich vor mich stellen.“ Joro unterdrückte den Impuls, sich vor die Stirn zu kloppen und zuckte nur mit den Achseln.

Sie gingen zu den Überresten von Ploks Bretterbude, Verzeihung, Palast und setzten sich in die Mitte des ehemaligen, naja, Thronsaales. Sehr zu Joros Erstaunen kamen aus unzähligen Verstecken eine ganze Reihe Orcfrauen gelaufen und sahen ihren Häuptling erwartungsvoll an.

'Wie kommt es, daß die alle überlebt haben?'

'Orcfrauen leben in einer Welt, die sich von der der Drow nicht gravierender unterscheiden könnte. Außer ihren Männern zu dienen und Essen zuzubereiten haben sie keinerlei Aufgaben. Und wenn du genau hinsiehst ist mindestens die Hälfte von ihnen schwanger. Man muß Plok lassen, daß er in dieser Hinsicht keine Mühe scheut.'

'Mit anderen Worten: Sie haben weder die Zeit noch die Möglichkeit irgendwelche Untaten zu verüben?'

'Genau.'

Der große Orc bellte ein paar Befehle und die Herangeeilten zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen, vermutlich um für irgendeine Form von Verkostung zu sorgen.

Dann wandten der Häuptling und der Tretende auffordernd Joro zu.

Nach kurzem Nachdenken richtete der sich auf und griff in die Taschen seiner Robe. Wortlos nahm er die Kette heraus und reichte sie Plok.

Dieser zuckte zurück, aber Joro hielt den Arm ausgestreckt.

„Du bist der Häuptling, du trägst die Kette.“

Auch wenn sich kurz noch Widerstand im Gesicht des Orcs abspielte, nahm er die Kette schließlich an und hängte sie um seinen Hals. Seine Augen weiteten sich, als sie seine Brust berührte.

„Kette...“

„Ja?“

„Nicht mehr verflucht!“

„Was meinst du?“

„Kette stark, Kette mächtig, aber böse Geister fort.“

„Das hat dein Vater schon gesagt.“

„Nein, du nicht verstehen. Waren immernoch böse Gedanken in Kette als du mir geben. Nicht mehr jetzt. Nur noch Kraft.“

Plok hob seinen rechten Arm und für kurze Zeit flimmerte die Luft um ihn herum, bis plötzlich lange Krallen aus seinen Fingerspitzen wuchsen. Fasziniert starrte der Orc eine Weile auf seine Hand, und dann verschwanden die Krallen wieder.

„T'Rakh haben Geister aus Kette verbannt, aber Kraft von Geister immernoch dort!“ Konnte ja nicht schaden. Joro nickte.

„Gut. Dann wird uns das helfen. Als Nächstes sollten wir darüber reden, was wir jetzt zu tun gedenken.“

Die beiden Orcs schwiegen und sahen ihn wieder so an als sei er eine Mischung aus Unterhaltung und potentiellem Abendessen. Joro hatte generell das Gefühl, daß diese beiden Dingen für dieses Volk ungefähr den gleichen Stellenwert hatten.

„Nun, ich habe etwas, daß ich euch erzählen muß. Im Süden hat ein Krieg begonnen. Die Hochelfen haben sich im Namen ihres Sonnengottes daran gemacht, alle angrenzenden Länder zu erobern und wenn ich mir ansehe, was bisher geschehen ist, werden sie nicht aufhören, bis alle, die nicht ihrem Gott dienen, oder vielmehr alle, die nicht so sind wie sie, vernichtet sind.“

Ploks Gesichtsausdruck fiel praktisch auf den Boden. Joro meinte sich zu erinnern, daß Orcs und Zwerge sich nicht sonderlich gut leiden konnten, aber er hatte auch einmal eine Geschichte gelesen in der Behauptet wurde, daß Orcs eigentlich zu Anbeginn der Zeiten einmal ein Elfenvolk gewesen seien, das aus irgendeinem Grund verflucht wurde und seither ihre weniger feine Existenz leben mußten. Wobei das sicherlich Ansichtssache war, vor dem Zwischenfall mit den Shuras hatte dieses Orclager nicht unbedingt einen unglücklichen Eindruck gemacht. Er mußte schlucken und hatte ums wiederholte Mal ein schlechtes Gewissen.

„Spitzohren wollen Krieg?“

Joro unterdrückte den Impuls, Plok auf seine eigenen, nicht sonderlich runden Ohren hinzuweisen und nickte stattdessen.

„Nicht nur das, die haben sogar schon damit angefangen. Vor einigen Tagen haben sie sogar Bargum angegriffen...“

„Menschenlager? Großer schwarzer Palast?“

„Äh, ja, kann man so nennen. Das ist die Stadt, in der ich wohne. Und es ist kein Palast, es ist ein Kloster.“

Plok und Krut kratzten sich simultan am Kopf.

Der Stellvortreter zog die Nase hoch und fragte: „Was Unterschied?“

„In einem Kloster leben Priester. Menschen, die dem Geist dienen. Der, äh, Häuptling von Bargum lebt in einem Schloß in der Mitte der Stadt.“

Ploks Gesicht leuchtete auf.

„Aha, also Schamane von Menschenlager auch Anführer wenn nicht Krieg?“ Joro war sich nicht sicher, was er darauf antworten sollte. Ihm kochte schon wieder die Magensäure hoch, wenn er sich darüber bewußt wurde, daß das Kloster von Bargum nicht nur etwa viermal so groß war, wie die Residenz des Fürsten, sondern auch, daß man von außerhalb der Stadt eigentlich nichts Anderes als das Kloster als prägendes Merkmal der gesamten Siedlung wahrnahm.

Abreißen kam allerdings nicht in Frage.

„Nein, bei uns haben die beiden Dinge nichts miteinander zu tun. Oder zumindest nicht mehr, aber das ist auch nicht wichtig gerade. Ich wollte eigentlich eher darüber reden, warum ich zu euch gekommen bin.“

Plok sah ihn ein wenig traurig, aber auch trotzig an.

„Kette zurückbringen, Orcs töten, nach Hause gehen?“

„Du weißt genau, daß ich nicht hier herkam, um irgend jemanden zu töten. Ihr habt mich dazu gezwungen, mich zu verteidigen.“

„Du dumm wenn denken daß einfach herkommen und Kette hierlassen und nach Hause gehen“, die Unterlippe des Orcs rückte nach vorne.

Joro seufzte.

„Ja, das ist mir auf die harte Tour klar geworden, aber jetzt ist es so, wie es ist. Die Elfen sind eine Bedrohung und wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können. Ich hatte eigentlich gehofft, daß ich hier mehr Verbündete finden könnte.“

Der Häuptling fand sofort wieder seinen bösen Gesichtseindruck.

„Müssen kaputthauen.“

„Ich mag deine Entschlossenheit, aber es sind nicht mehr viele von diesem Stamm am Leben und das ist meine Schuld“, Joro setzte die Stirn in Falten, „ich glaube, daß ich eine gute Idee hatte und sie extrem schlecht umgesetzt habe.“

Zu seiner Überraschung grinste Plok plötzlich, lehnte sich zu ihm herüber und schlug ihm gönnerhaft und extrem schmerzlich auf die Schulter.

„Dann wir müssen suchen mehr, gibt viele Orcs hier in Bergen. Außerdem Orcs kriegen viele Kinder.“

„Und wie werden wir die dazu bekommen, sich uns anzuschließen?“

Der riesige Orc lehnte sich noch weiter zu ihm und machte eine verschwörerische Geste.

„Wir machen Politik!“

„Und was beinhaltet das?“

„Oh, einfach. Wir gehen zu anderem Stamm, suchen größten Orc in Stamm und hauen ihm auf den Kopf.“

Kapitel 9

Am Nachmittag des dritten Tages nach dem Zwischenfall in der Schlucht lagen Plok, Joro und Krut hinter einer Hügelkuppe und schauten vorsichtig in eine Senke, in der sich hinter einer rauhen Palisade mehrere Gebilde befanden, die Orcs sicherlich als Haus bezeichnet hätten.

„Und nun?“

„Jetzt warten bis Abend, dann wir rennen rein und machen Politik.“

„Da unten sind mindestens zweihundert Krieger und die Palisade sieht verhältnismäßig gut gepflegt aus.“

„Wir warten bis Abend, rennen rein und machen Politik.“

„Wie kannst du dir sicher sein, daß wir nicht alle sterben?“

„Du nur warten, werden sehen.“

Tatsächlich änderte sich im Verlauf des frühen Abends eine Menge in dem sonst recht wehrhaft aussehenden Orcdorf. Schon in den späten Stunden des Nachmittags wurde Joro bewußt, daß die Wachen nicht mehr wirklich ihre Aufgabe wahrnahmen, sondern zunehmend betrunken wurden. Nach dem Wachwechsel geschah das Selbe, allerdings noch schneller.

„Ist das nicht gefährlich wenn die Wachen schon am Nachmittag saufen?“

„Ist Tradition. Wache langweilig, saufen einzig gut damit.“

„Und wer paßt auf Gefahren auf, wenn alle besoffen sind?“

„Worgen. Sehr zuverlässig.“

Joro sah herab zu den Verschlägen, in denen die Orcs ihre Reittiere und, wenn man den Aussagen Ploks vertrauen konnte eigentlichen Wachen hielten.

„Das sind mindestens drei Dutzend. Bist du dir immernoch sicher, daß das mit der Politik so einfach funktionieren wird?“

„Wachen zu betrunken um Käfig aufzumachen. Wenn wir rennen rein niemand uns aufhalten.“

„Wie zum Henker überlebt ihr eigentlich hier oben...“

Gesagt getan, als die Sonne untergegangen war, standen alle Orcs um Joro herum auf, griffen ihre Waffen fest in der Hand und rannten wie ein Haufen Irrer den Hügel herunter, laut brüllend. Omareth hätte in diesem Moment vermutlich vor Frustration geheult, aber während Joro ächzend, weil vom Liegen auf dem Boden an vielen Stellen seines Körpers wundgescheuert hinter ihnen herhumpelte, merkte er schnell, daß die wenigen Orcs die noch aufrecht auf den Wachtürmen stehen konnten einen eher interessierten Gesichtsausdruck annahmen, als daß sie auf die Idee gekommen wären, Alarm zu geben oder gar ihre Bögen zu spannen und sich auf einen Angriff vorzubereiten.

Die zwei oder drei Wachen, die das Unglück hatten, vor dem Tor zu stehen verloren dementsprechend auch verhältnismäßig unrühmlich ihr Leben und sanken mit einem überraschten Blick im Gesicht zu Boden.

Plok lief an vorderster Front direkt auf die größte Behausung zu und als er diese schon fast erreicht hatte, trat ein nicht unwesentlich kleinerer Orc aus dem Eingang, einen gigantischen Speer in der Hand. Eine ganze Reihe von selbst für die Sprache unkundige Personen als klare Kraftausdrücke zu verstehende Worte wurden gewechselt und dann sprangen beide gleichzeitig aufeinander zu.

Mittlerweile hatte Plok wieder seine große Streitaxt als Waffe gewählt und da diese nicht bedeutend kürzer war als der Speer befanden sich die beiden Krieger sehr schnell in einem hitzigen, aber ausgeglichenen Gefecht miteinander.

Joro wandte sich innerlich seinem Gott zu.

'Ist das der Moment wo ich als „Schamane“ des Stammes dazu angehalten bin, dem Häuptling zusätzliche Kraft zu verleihen?'

'Das kannst du nach eigenem Gutdünken entscheiden.'

'Warum so gönnerhaft?'

'Weil ich mich in den letzten paar Tagen ausgesprochen gut unterhalten gefühlt habe. Du und Plok kommen erstaunlich gut übereins, Joro.'

Das stimmte und Joro wußte nicht ob ihm das Sorgen bereiten sollte oder ob es nur eine natürliche Entwicklung war. Als er den riesigen Orc nun betrachtete, wie er auf seinen Gegner eindrosch, Finten schlug oder derben Stößen auswich dachte er nach, was in den letzten Tagen so geschehen war.

Er konnte beim besten Willen nicht sagen, daß er Ploks Vater gut kennengelernt hatte und auch wenn der Orc keinen Zweifel daran gelassen hatte, daß er diesen nicht sonderlich gern gehabt hatte, war es eine überraschende Erkenntnis gewesen, daß ihn der Häuptling seltsamerweise praktisch als neuen Vater angenommen hatte.

Dies war nicht falsch zu verstehen, der Orc war als Anführer seiner kleinen Schar absolut konsequent und, wenn es ihm nötig erschien, sehr brutal, aber während sie durch die Berge reisten waren immer diese kleinen Momente, wenn er kurz davor war, eine Entscheidung zu treffen, wo er kurz zu Joro herübersah und Zustimmung erwartete.

Das war ihm eigentlich nicht recht, aber als er sich mit der Tatsache konfrontiert sah, sich entweder zu entscheiden, ob er Autorität über den Orc haben sollte oder ob er das nicht so eng sehen sollte um dann vielleicht in der Zukunft ein Problem mit der Situation zu entwickeln, war die Entscheidung relativ einfach zu treffen.

Dabei war es noch nicht einmal schwierig.

Joro hob den Hammer über den Kopf und rief „Die Macht Gottes ist mit uns!“ Ein Barde oder voreingenommener Geschichtsschreiber hätte über das, was danach geschah in etwa Folgendes geschrieben: 'Und als der Bischof seine Waffe gen Himmel reckte und Worte der Beschwörung rief, fuhr die Kraft des Celestus in die Hand des großen Helden Plok und ließ seine Axt mit gerechter Macht auf den Kopf seines Widersachers niederbringen.' Realistisch gesehen war der andere Orc für einen Augenblick einfach nur davon abgelenkt, daß ausgerechnet ein Mensch unter den Angreifern irgendetwas in einer fremden Sprache brüllte, daß er die fatale Millisekunde zögerte und Plok seine Chance bekam.

Das Resultat war zwar unpoetisch, aber effektiv und sehr zu Joros Erstaunen rührte keiner der Orc des angegriffenen Lagers auch nur einen Finger. Stattdessen starrten sie Plok an und einige von ihnen warfen hin und wieder einen kurzen Blick auf den Bischof.

Der riesige Orc nutzte jeden einzigen Moment aus, um um sich zu sehen und böse, groß und brutal auszusehen. Dann riß er einfach nur die Arme hoch und brüllte aus der Tiefe seines Herzens und die wenigen Stammesangehörigen, die mit ihm gekommen waren stimmten sofort ein.

Nur Augenblicke später stimmten nach und nach alle anderen Orcs des Lagers ein und in Kürze war die gesamte Senke von Gegröhle erfüllt.

Geheule von Worgen eingerechnet.

Eine ziemlich lange Zeit.

Als es dann genug war, ließ Plok seine Axt sinken und begann kurze Sätze in seiner eigenen Sprache zu sprechen. Erst sahen die Orcs verwirrt aus, dann sahen sie immer öfter zu Joro herüber und als der Orc seine Stimme lauter werden ließ und anfing auch noch wild um sich zu gestikulieren, machte sich nach und nach Unruhe unter ihnen breit.

Wohl gemerkt: fröhliche Unruhe. Immer mehr von ihnen grinsten oder wedelten ihre Waffen in die Luft oder bohrten sich weitaus vehementer in der Nase.

Als er schließlich fertig war, schwitzend und auch ein wenig außer Atem, zeigte er erst mit der Axt auf den Bischof und dann gen Norden.

Plok nickte Joro zu und kam langsam, fast gemächlich, zu ihm herüber.

„Geklappt. Nun wir haben mehr als, äh, wieviele hier?“

„Zweihundert hatte ich geschätzt.“

„Und wir hatten?“

„Dreißig etwa.“

„Das machen?“

„Zusammen zweihundertunddreißig. Du kannst nicht rechnen, sehe ich das richtig?“

Plok sah ehrlich verletzt aus.

„Kann rechnen, aber Orcs rechnen anders.“

„Da bin aber ich mal gespannt.“

Der Orc hob beide Hände hoch, legte die Daumen zusammen und spreizte die kleinen Finger und ließ diese Geste vor seinem Gesicht mehrfach über die anwesenden Orcs wandern. Dann nickte er zufrieden und wandte sich wieder Joro zu.

„Rotte. Noch nicht Haufen und noch lange nicht Horde. Horde am besten, aber schwer zu bekommen, Rotte reichen für kleines Plündern und vielleicht Karawane, aber nicht mehr als das. Deshalb wir gehen Norden.“

Joro stand und rechnete selbst, allerdings nicht Orcs, sondern Tage. Er hatte zu Alystin gesagt, daß er in vier Wochen wieder da sein würde, und ihm war komplett entfallen, wie lange er nun schon unterwegs war. Sicherlich noch keine vier Wochen, aber er wollte es auch nicht zu lange hinauszögern.

„Was ist im Norden?“

„Mehr Orcs“

Das war vielleicht nicht einmal so schlecht.

„Wieviele?“

Plok kratzte sich am Kopf.

„Nicht weiß. Vielleicht, äh, noch eine Rotte. Eventuell genug für Haufen.“

„Wieviele Orcs mehr sind ein Haufen?“

Hilflos streckte der Orc fünf Finger vor sich.

„Fünf?“

„Fünf?“

„Du streckst fünf Finger aus.“

„Ja, ich doch sagen!“

Eintausend Orcs Das klang schon eine ganz großes Bißchen interessanter als zweihundert und ein paar nicht mehr ganz so zerquetschte, wenn er sich das Wortspiel erlaubte.

„Also müssen wir noch mehr Politik betreiben?“ Ploks Antlitz hellte sich auf.

„Jaaaa, das werden ein Spaß! Aber erst müssen traurige Rotte ein wenig in Form bringen. Wir hier bleiben und Krut sie trainieren.“

Joro zögerte kurz, aber entschloß sich dann doch, es zu sagen: „Wir haben nicht zu viel Zeit, Plok, die Gefahr im Süden ist ausgesprochen nah und wir müssen schon sehr bald darauf antworten. Ich kann nicht ehrlich sagen, wie lange ich hier in den Bergen bleiben und, äh, politisieren kann...“

Der Häuptling sah ihn verständnislos an.

„Du sagen wir müssen kämpfen gegen Elfen. Brauchen gute Krieger. Rotte trauriger Haufen, brauchen Mut, brauchen Sinn, brauchen Moral.“

Es war schwer, irgendetwas dagegen zu sagen und auch wenn Joro die Gedanken bezüglich Zeitdruck im Hinterkopf hatte, war es nicht abzustreiten, daß der Orc nicht nur Recht hatte, sondern auch, daß er die nun begonnene Sache nicht einfach so beenden konnte. Immerhin hatte er Verantwortung übernommen, wie auch immer die aussah.

Joro ließ die Schultern sinken und sah zu Plok auf.

„Du hast recht. Wir bleiben ein paar Tage und sehen was mit diesem Haufen, nein, ich meine natürlich mit der Rotte anzufangen ist.“

Das Quartier, das ihm die Orcs der Siedlung zugewiesen hatten, mit einigem Respekt in ihrem Verhalten, wie ihm auffiel, war wie zu erwarten eher eine Art Verschlag, dessen Wände nicht nur natürlich durchsichtig waren, sondern in dem es auch extrem zog. Von irgendwoher waren auch hier plötzlich eine ganze Reihe Orcfrauen aufgetaucht, die vorher praktisch unsichtbar gewesen waren und hatten so gut es geht die Utensilien des vorherigen Besitzers aus dem Weg geschafft. Was blieb war eine Lagerstatt mit getrocknetem Gras darunter und einigen Gemsfellen darüber, die nicht nur unglaublich nach Schweiß und vor allem anderen eingetrockneten Körperflüssigkeiten roch, eine Feuerstelle in der Mitte, in der immerhin ein wohlig knisterndes Feuer war und ansonsten war die Behausung leer.

Joro war müde und an allen Gelenken und auch den Stellen wo seine Knochen der Haut nahe waren so derart von der Rüstung durchgescheuert, daß er sich dazu entschloß, sie abzulegen, auch wenn er sich trotz allem nicht sonderlich sicher fühlte. Ein einziger Mensch unter einem Haufen... Verzeihung, Rotte Orcs war nicht die beste Situation, die sich irgend jemand wünschen würde. Aber auf der anderen Seite war Plok nun ziemlich offensichtlich deren neuer Anführer und wenn Joro eins über dieses Volk verstanden hatte, war es, daß sie konsequent demjenigen, der sie anführte sklavisch gehorchten. Auf die eine oder andere Weise ähnelten sie der Gesellschaftsstruktur der Hirten aus dem Norden.

Er mußte zwei Orcfrauen, die ihm eindeutige Angebote machten aus dem Verschlag scheuchen und dann stand er da, starrte erst kurz auf die Felle an der Wand und nahm dann seufzend die Decke aus seinen Bündel, legte sie nahe an das Feuer und legte sich ächzend auf den kalten und harten Boden.

Er stand im Eingang einer Höhle und blickte hinaus auf ein großes Bergtal, daß von gleißendem Sonnenschein erhellt war.

Die andere Seite des Tales war mit Tausenden und Abertausenden Soldaten in weißgoldenen Rüstungen gefüllt, in der Luft über ihnen schlugen hunderte von Lindwürmern mit ihren Flügeln, die Sonne ließ die Reflektionen auf ihren Schuppen wie Funkenflug erscheinen.

Nicht weit von ihm entfernt stand eine bekannte Gestalt, ein uralt erscheinender Elf mit schneeweißen Haaren, nur in ein einfaches, weißes Tuch gehüllt. Seine blinden, weißen Augen starrten ihn an.

Joro war überrascht, daß er keine Angst und keinen Zorn empfand, er sah dem Propheten mit einer Geistesruhe in die Augen, die ihn verwunderte.

Das haßverzerrte Gesicht des Elfen verzog sich zu einem höhnischen Grinsen.

„Du bist dir also bewußt, daß dieses ein Traum ist?”

„Diese Berge sind die Berge von Bargum und ich würde nicht einmal in einem Traum daran glauben, daß du so viele Soldaten so nahe hast. Zudem hätten dich meine Verbündeten schon lange zurückgeschlagen.”

Ein Lachen, das kaum Freude in sich trug erscholl aus dem Mund des Propheten.

„Selbstüberschätzung ist eine Torheit die vor dem Falle kommt, Mensch. In weniger als einem Jahr wird die Legion ihre Arbeit mit dem „Kloster”, das der Götze, den du anbetest so liebt beenden.”

„Das werden wir...”, Joro konnte den Satz nicht zuendebringen, weil er mit einem Male ein widerliches Gefühl hatte, als ob sich eine eiskalte Nadel in seinen Nacken bohrte.

Er fuhr herum, aber die Höhle war vollständig finster und er konnte weder etwas sehen oder hören.

Leicht verwirrt drehte er sich, mit der Hand den Nacken massierend wieder herum, und erschrak ob des Anblicks, der sich ihm bot.

Das eben noch sonnendurchstrahlte Tal war mit schwarzen Wolken bedeckt und es wehte ein kalter, beißender Wind. Die ganze Ebene war mit zerstückelten Leichen bedeckt, Vögel kreisten über der Szene.

Sehr zu seinem Horror konnte er unter den Leichen, die ihm am nächsten lagen eine ganze Reihe toter Drow, Menschen und Duergar erkennen und nirgendwo rührte sich, von den Krähen und Raben einmal abgesehen, auch nur eine Gliedmaße.

Das Stechen im Nacken kam zurück, und dieses Mal noch stärker als zuvor. Hatte er eine Stimme leise wispern hören?

Joro wandte sich erneut um, aber die Höhle war immernoch stockfinster.

Obwohl er sich sicher war zu träumen, machte ihm das Gefühl, daß etwas Böses in den Tiefen lauerte Angst. Dennoch konnte er sich nicht daran hindern, langsam vorwärts zu gehen.

Er klappte das Visier seines Helmes herunter und war glücklich zu bemerken, daß es auch im Traum funktionierte.

Innerhalb des begrenzten Sichtradius', den ihm der Helm gewährte war alles mit dem üblichen, violetten Schleier überzogen, die Wände der Höhle waren aus einem ausgesprochen glatten Stein, der kaum Risse oder Klüfte in sich hatte. Der Boden der Höhle, logischerweise aus dem gleichen Material, war vollständig leer, keine kleinen Steine oder Knochen, oder was man sonst so in einer gefährlichen, klischeegeladenen Situation erwarten würde.

Joro machte ein abschätzig grunzendes Geräusch und freute sich, daß die Ironie ihm ein wenig die Angst nahm.

Er ging langsam und vorsichtig vorwärts und je weiter er ging desto lauter wurde das Wispern, gepaart mit dem widerlichen Ziehen im Nacken. Es erinnerte stark an das Gefühl, daß er immer hatte wenn er mit Shuras kommunizierte, aber da war noch etwas Anderes. Oder...Jemand...

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