Der Prophet, Teil 2
Der Prophet, Teil 2
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.
Olgerich war von der Idee durchaus angetan.
„Das wäre das erste eigene Regiment, daß Bargum jemals hatte. Im Krieg gegen Welverin waren wir zu sehr abseits gelegen, als daß die Drow gegen uns gezogen wären, auch wenn wir einige Male überfallen worden sind.“
„Also kann ich auf Eure Unterstützung hoffen?“ „Absolut, ich werde gleich bei meiner Rückkehr ins Schloß mit Hrynn reden, ich wette er wird das auch begrüßen.“ „Das freut mich. Die Quartiere unserer Klosterwache stehen jetzt leer, je eher wir anfangen, desto besser. Die Zeit arbeitet gegen uns.“ „Wie geht es Euch, Eminenz?“
Der spontane Themenwechsel verwirrte Joro kurz.
„Nun, ich habe noch Schmerzen in den größeren Schnitten, aber ich fühle mich schon wesentlich besser.“
„Das freut mich zu hören. Wir sollten uns dann so schnell, wie es irgend möglich ist endlich einmal zusammensetzten und bereden, was wir sonst noch so planen“, er stand auf, „Ich will Eure Zeit gar nicht weiter in Anspruch nehmen, ruht Euch aus, damit Ihr alsbald wieder auf den Beinen seid.“
„Ich danke Euch für Euren Besuch, Durchlaucht, gehabt Euch wohl.“ „Ebenfalls“, Olgerich neigte knapp seinen Kopf und verließ dann den Raum.
Joro war wieder alleine und hing auch nur kurz seinen Gedanken nach. Stattdessen griff er sich schnell wieder seinen Kiel und schrieb weiter.
Es war draußen schon dunkel geworden und einer der Mönche war, ohne daß Joro Notiz von ihm genommen hätte, in den Raum gekommen und hatte Öllampen angezündet.
Er legte das Schreibwerkzeug fort und sah sich um. Eigentlich mußte er austreten, aber er war ein großer Feind des Nachttopfes. Der Gedanke, ein Gefäß mit Urin unter dem Bett stehen zu haben, gefiel ihm nicht, im Sommer roch es zudem streng. Alystin hatte ihm ja eigentlich verboten aufzustehen, aber er entschloß für sich selbst, daß es in Ordnung sein mußte, wenn er einfach nur auf den Abort ging.
Celestus machte kicherte leise.
‚Du läßt dich leicht von ihr beeinflussen, oder irre ich mich da?’
‚Das hat damit nichts zu tun. Sie ist älter als ich und hat bewiesen, daß sie oft genug weiser weiß als ich.’
‚Wenn du das sagst…’
Er hörte nicht weiter hin, sondern quälte sich aus dem Bett und versuchte, sich so wenig wie möglich so zu bewegen, damit die genähten Wunden nicht belastet wurden.
Das Badezimmer des bischöflichen Gemaches hatte ein formschönes Keramikbecken, daß für das Unterbringen körperlicher Funktionen gedacht war und beim Hinsetzen nach einigen Augenblicken des eisigen Erstarrens schnell an der Oberfläche Körpertemperatur annahm. Auch wenn Joro den Gedanken, daß jemand wie der ehemalige Bischof hier gethront haben mußte nicht sonderlich schätzte, wußte er, daß es zumindest in der Zwischenzeit einige Male gereinigt worden war und so konnte er den Vorgang auch irgendwie genießen.
Es war kalt in diesem Raum, denn im Gegensatz zum Schlafgemach gab es hier außer dem Kessel, der zum Heizen des Badewassers diente, keine Möglichkeit, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Er beeilte sich lieber und schleppte sich dann wieder zum Bett.
Plötzlich wachte er auf, als sich Alystins kühler Körper an ihn kuschelte.
„Verzeihung, ich wollte dich nicht aufwecken.“
„Ich habe mich selten so sehr über ein Wecken gefreut.“ Sie kuschelten sich aneinander und Joro schlief wieder ein.
Kapitel 5
In den kommenden Tagen stellte sich schnell eine Genesung ein und schon nach drei Tagen erlaubte die Priesterin dem jungen Mann wieder, aufzustehen und seinen Tagesgeschäften nachzugehen. Es kam einer Befreiung gleich, denn sein aufgehaltener Tatendrang hätte ihn beinahe in eine Depression gestürzt. So verbrachte er gleich den ersten Tag der Freiheit damit, einen Gang durch die Stadt zu erledigen, um sich nicht nur zu erkundigen, wie es mit den Hütten voranging, sondern auch, um einfach ein wenig Präsenz zu zeigen.
Ghaundar heftete sich dabei an seine Fersen, denn sowohl ihm als auch Alystin gefiel es nicht, daß Joro im geschwächten Zustand einfach so im Freien unterwegs war. Es mußte wohl eine urtypische Droweigenschaft sein, immer mit Meuchlern und dergleichen zu rechnen, zumindest nahm er an, daß das der Grund war.
Als er gegen Mittag wieder im Kloster ankam, inspizierte er die Arbeiten an den Dächern und konnte mit Freuden feststellen, daß eine ganze Reihe von Männern aus der Stadt dabei halfen, Materialien zu tragen oder auch die Arbeiten oben in den Dachstühlen zu unterstützen.
Rundum war er sehr zufrieden.
Olgerich hatte ihn schon zwei Tage später zusammen mit Omareth und Hrynn aufgesucht und die vier hatten sich einen guten Abend lang die Köpfe heißgeredet, um eine bestmögliche Grundlage für eine neue Klostergarde zu schaffen.
Wie Joro dabei erfahren hatte, war Olgerich nicht sehr gut auf seine dunkelzwergischen Gäste zu sprechen, da deren Umgangsformen grauenhaft waren. Sie waren gefräßige und unglaublich unhygienische Zeitgenossen, die das Hauspersonal des Stadtschlosses ohne Pause in Schach hielten. Deren Arbeit war allerdings dem Aufwand angemessen, schon bei dieser Unterhaltung hatte der Fürst eine der Streitäxte dabei, die sie hergestellt hatten und auch Joro mit seinem Laienblick konnte schnell feststellen, daß die Waffe ausgesprochen gut gearbeitet war.
Im Hof des Zellentraktes waren nun die neuen Rekruten dabei, die Grundlagen des Soldatenhandwerks zu lernen. Der Hauptmann der Stadtgarde hatte die Sache in die Hand genommen und drillte sie, als wäre das Weltenende gekommen.
Selbst Omareth war ob der Härte des Mannes beeindruckt, denn er murmelte im Vorbeigehen „Dieser Mann erinnert mich an etwas, an das ich wirklich nicht erinnert werden möchte.“
Joro sah das als bestmögliche Anerkennung aus dem Munde des Drow.
Auch das Aussehen der Uniform war Anlaß zum Staunen. Der Bischof hatte nur nebenbei erwähnt daß er es begrüßt hätte, wenn die Garde in schwarzen Halbplattenharnischen mit Turmschild und Axt gerüstet wären, da die Zwerge sich strikt weigerten, Schwerter herzustellen, Omareth hatte erwähnt, daß Duergar Schwerter für Frauenwaffen hielten, ohne zu ahnen, daß Hrynn und Olgerich das sofort umsetzten würden.
Auf Schilden und Kürassen prangte die rote Sichel des Celestus und Hrynn hatte ihm gesagt, daß die Helme dem seinen leicht nachempfunden werden würden, allerdings kam die Produktion kaum nach. Es war immerhin schon erstaunlich, daß so viele Rüstungsteile vorrätig waren.
Es waren noch nicht viele Männer, aber das, was er da sah war auf jeden Fall besser, als was vorher als Garde gedient hatte. Nun gut, man erinnere sich an die Orcs mit den Mistforken.
Joro hatte seine Schreibutensilien sofort wieder in den dafür vorgesehenen Raum gebracht. Im Bett zu schreiben konnte und durfte nur eine Notlösung sein und bei einem kleinen Mißgeschick hatte er sich sehr gefreut, daß auch die Bettlaken im Kloster schwarz waren.
Er betrat das Hauptgebäude und ging zielstrebig zur Schreibstube, in der er mit Freuden Alystin traf, die ihn fröhlich begrüßte.
„Na, wie ich sehe hast du einen großen Rundgang hinter dir.“ „Ja, ich mußte mir doch alles ansehen.“
„In drei Tagen kann ja auch eine Menge geschehen, nicht wahr?“, sie lächelte.
„Wie kommt es, daß du so gut gelaunt bist?“
„Ich habe heute etwas gefunden, mit dem ich mich beschäftigen kann.“ „Ach?“
„Die Apotheke des Klosters ist in einem grausigen Zustand und ich habe mich darangesetzt, auszumisten und neue Vorräte anzulegen. Der Markt unten in der Stadt ist außergewöhnlich gut bestückt.“
„Das hast du doch hoffentlich nicht selbst bezahlt, oder?“ Sie schmunzelte.
„Nein, ich habe Marinus gesagt, was ich vorhabe und er hat mir aus der Schatzkammer Geld gegeben. Dabei hat er mir auch gleich das hier gegeben“, sie wies auf einen Stoffstreifen, den sie an ihrer Schulter angebracht hatte. Eine rote Sichel auf einem schwarzen Hintergrund.
„Äh… und was soll das?“
„Marinus hat mit Olgerich lange darüber diskutiert, was man tun kann, damit wir Drow in der Stadt nicht in gefährliche Situationen mit den Einheimischen geraten.“
„Aha, und diese Aufnähstücke sind die Lösung?“
„Sozusagen, ja. Auch wenn ich es nicht gerne trage, weil es mir wie ein Brandzeichen vorkommt.“ Joro senkte den Kopf und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Wie war das noch mit Drow und Menschen…“ Alystin kniff die Augen zusammen und sah ihn mit einem gespielt bösen Blick an.
„Das machst du extra, oder?“
„Jupp“, er ging zu ihr herüber und gab ihr einen Schmatz auf die Stirn, „Sieh es als Provisorium an. Wenn sich die Leute hier erst einmal daran gewöhnt haben, dann wirst du es auch nicht mehr brauchen.“
Sie blickte schnippisch zu ihm auf.
„Ich kann mich trotzdem nicht des Verdachtes wehren, daß du eine diebische Freude daran hast, daß dieses Mal wir die Exoten sind und nicht du.“
„Nein“, erwiderte er mit ernster Miene, „überhaupt nicht. Du kannst mir sogar glauben, daß es mir höchstgradig unrecht ist, daß man euch hier anders behandelt. Aber wenn du siehst, daß zum Beispiel Ghaundar sich ohne Probleme in der Stadt bewegen kann und dabei auch nicht so etwas wie diesen Stofflappen braucht, dann weißt du auch, daß sie sich bald an dich gewöhnt haben.“
Alystin seufzte und ließ sich in Joros Amtssessel sinken.
„Ich habe in den letzten Tagen darüber nachgedacht, was du einmal gesagt hast.“ „Hm?“, er setzte sich auf die Tischkante.
„Du meintest irgendwann einmal, daß es noch mehr Menschen wie dich gibt, die anderen so begegnen wie du.“
„Ja, das stimmt ja auch.“
„Das habe ich auch festgestellt, seitdem ich hier bin. Es erstaunt mich, daß keiner der hier lebenden Mönche irgendwelche Feindseligkeiten gezeigt hat.“
„Warum sollten sie auch?“
„Ich weiß es auch nicht… Vielleicht sind sie nur nett zu uns, weil wir deine Freunde sind?“ „Wohl kaum. Ich verstehe ja dein Mißtrauen, aber ich glaube nicht, daß das eine Rolle spielt. Die Totengräber, die jetzt hier als Mönche leben sind mir im Geiste sehr ähnlich. Außerdem sind sie alle Daishani.“ Sie rümpfte die Nase.
„Solche Leute hätten wir in den letzten zehn Jahren oft sehr gut gebrauchen können.“ „Die Tradition dieser Kirche ist vor dem Krieg entstanden. Wenn wir uns darauf besinnen, wird es nicht allzuferner Zukunft eine ganze Menge von ihnen geben, zumindest, wenn wir es schaffen, daß wir wieder mehr Gläubige haben.“ „Na, daran arbeitest du ja zur Zeit, nicht wahr?“, sie lächelte wieder.
„Ja. Und es ist mir ein starkes Anliegen.“
Alystin stand auf und ging um den Tisch, wobei sie ihn noch leicht am Bein berührte.
„Ich gehe dann mal wieder an die Arbeit, es ist viel zu tun, Kräuter konservieren und was sonst noch so ansteht… Wir sehen uns dann heute beim Abendessen.“
„Bis später“, er warf ihr noch einen verliebten Blick zu und als sie aus der Tür verschwunden war, stellte er sich an sein Pult und schrieb weiter.
Es verging eine Woche, in der sich Olgerich, Joro und Alystin mehrfach trafen und als Oberhäupter der bisher zusammenarbeitenden Parteien berieten, wie man gemeinsam die Zukunft meistern konnten. Joro fühlte sich in diesen Sitzungen immer ein wenig außen vor, weil der Fürst und die Priesterin in Angelegenheiten der Organisation einfach versierter waren als er. Außer Ideen beizusteuern, konnte er nicht viel tun, aber immerhin machten die beiden nicht den Eindruck, als grenzten sie ihn aus.
Er lernte seine Angebetete wieder einmal von der Seite kennen, die sie ihm gegenüber normalerweise nicht zeigte, nämlich als harte und kühle Planerin, bei deren Überlegungen nur das zählte, was für die Enklave gut war. Diese Art sich zu verhalten wirkte wie ein Gegensatz zu ihrer sonst warmherzigen und fürsorglichen Weise, mit dem Leben umzugehen. Es fiel Joro schwer zu akzeptieren, daß sie nicht nur die eine Seite hatte, aber gleichzeitig stellte er sich die Frage, ob das daran lag, daß er sich viel lieber mit ihr an einen einsamen Ort geflüchtet hatte, an dem es außer ihnen beiden nichts und niemanden gab.
Alystin mußte bemerkt haben, daß er sie während dieser Zusammenkünfte oft und ausgiebig betrachtete.
Eines Abends, als sie zusammen im seiner Zelle waren, sprach sie ihn darauf an.
„Du machst dir viele Gedanken über mich, oder?“ Zunächst verwirrt, weil er darauf nicht vorbereitet gewesen war, nickte er schließlich.
„Ja. Irgendwie scheint es mir, als kannte ich dich noch weniger, als ich das bisher vielleicht gedacht habe. Dabei ist äußerst erstaunlich, wie nah wir uns trotz alledem sind.“
Sie legte den Kopf schief und lächelte.
„Nun, vielleicht sind wir uns deshalb näher gekommen, weil es auf einer Gefühlsebene einfach stimmt. Den Rest kann man doch nach und nach lernen.“
Joro schlug die Augen nieder und rang nach Worten, weil ihn plötzlich ein Gedanke quälte.
„Du…ich… ich meine… ich bin doch nicht nur eine Liebschaft oder?“ Ihr Gesicht zeigte erst Verwunderung, dann färbten sich ihre Augen leicht rötlich.
„Ich meine… ich glaube das ja nicht, aber irgendwie hab ich Angst davor, daß es vielleicht doch so sein könnte“, fügte er hastig hinzu und schluckte merklich.
In Alystins Kopf schienen sich die Zahnräder heißzulaufen, aber ihre Augen gingen wieder in ihre alte Farbe über.
„Wenn man bedenkt, was wir beide hinter uns haben, ist das nichts über das wir zu diskutieren hätten, Joro. Davon abgesehen ging es alles sehr schnell, da kann man davon ausgehen, daß man nicht zwingend alles über den anderen weiß, stimmst du mir da zu?“
Joro nickte und merkte, daß ihm Schweiß die Stirn herunterlief. Er konnte alles in der Welt irgendwie ertragen, nur nicht, wenn Alystin böse auf ihn war.
Sie strich ihm, wie so oft, über das Gesicht und fragte dann: „Was möchtest du denn wissen?“
Es war ja nicht einmal wirklich, daß er etwas „wissen“ wollte. Es ging ihm vielmehr darum, daß sie Wesenszüge hatte, die er nicht einordnen konnte. Und mehr noch, es war einfach problematisch, zu wissen, daß sie, nun… so alt war.
Er kam sich hin und wieder so vor, als hätte er eine alte Dame vor sich, gewissermaßen eine Großmutter.
Eine sehr attraktive Großmutter.
Ihm war aber auch nicht entgangen, daß ihm Alystin praktisch eine Einladung gegeben hatte, alles zu fragen, was er wollte. Für Drowverhältnisse war das geradezu unverschämt intim, mehr noch, als das Bett zu teilen, wie er annahm. Joro wollte aber keine sinnlosen Fragen stellen, sondern brachte stattdessen seine Überlegungen lieber auf den Punkt.
„Manchmal habe ich das Gefühl, daß wir was unsere Sicht der Dinge angeht in zwei verschiedenen Welten leben. Damit meine ich allerdings nicht das, was gerade in dem Moment geschieht, sondern eher, was unsere Einstellung gegenüber gewissen Sachverhalten angeht.“
Sie mußte unvermittelt kichern.
„Mit anderen Worten, ich bin dir zu erwachsen?“ „Ich habe nie von zu geredet“, er zog eine Schnute, „es ist eher so, daß ich mich manchmal unglaublich unterlegen fühle, weil du Manches einfach zielsicherer anpackst.“ „Ist das ein Problem für dich?“, Alystin legte den Kopf schief.
„Nein, es ist ja nicht so, daß man dir das vorwerfen könnte“, er machte ein trauriges Gesicht, „ich komme mir nur so oft wertlos vor, wenn du so etwas einfach aus dem Ärmel schüttelst.“
Alystin blickte ihn tadelnd an.
„Wertlos? Das kannst du doch nicht ernst meinen. Wie viele Menschen hier verlassen sich auf dich und freuen sich darüber, was für eine großartige Leistung du erbringst. Ich bin genau wie sie maßlos stolz auf dich.“
„Wirklich?“
„Ja, du großer, breiter Dummkopf“, sie senkte sich herab und gab ihm einen sanften Kuß, „Lebenserfahrung allein ist nicht das einzige Maß dafür, ob jemand einen Wert hat. Ich habe dir schon vor einiger Zeit gesagt, daß ich mich deshalb in dich verliebt habe, weil du ein gutes Herz hast. Wenn ich einen alten, weisen Besserwisser hätte haben wollen, hätte ich vielleicht einen in der Enklave gefunden.“
„Dabei ist Omareth doch schon verheiratet“, Joro grinste frech, denn er war erleichtert.
„Du….“, ihre Augen flackerten leicht rötlich.
Als Joro am nächsten Morgen aufwachte, ächzte er beim Aufrichten. Alystin hatte ihm ein paar sehr schmerzhafte blaue Flecke verpaßt, bevor sie ihm auf andere Art und Weise noch einmal die Leviten gelesen hatte.
Sie war schon verschwunden, was ihn aber auch nicht weiter verwunderte. Alystin nahm die Aufgabe mit der Apotheke sehr ernst und er wußte, daß es gewisse Kräuter gab, die man nur bei Sonnenaufgang pflücken durfte, weil sie sonst ihre Heilwirkung verloren.
Er kratzte sich am Kopf und schaute sich um. Auf dem Hocker lag tatsächlich eine kleine Notiz von ihr, in der sie ihm einen guten Morgen wünschte und erklärte, daß sie unterwegs sei, um Vorräte zu besorgen.
Joro fühlte sich ein wenig unsicher. Celestus hatte sich in den letzten Tagen nicht mehr gemeldet, nicht einmal mit den kleinen Kommentaren, die er hin und wieder einmal von sich gab. Auch auf Anfragen hatte er nicht reagiert, nicht einmal mit einem ablehnenden Brummen und das machte einen seltsamen Eindruck.
Er stand auf, zog sich an und ging hinüber zum Hauptgebäude.
Der Mönch mit dem zertrümmerten Bein war drei Tage zuvor gestorben, der Blutverlust war einfach zu schwerwiegend gewesen und Marinus und Alystin, beide Heiler aus Leidenschaft und mit viel Erfahrung, hatte beide keinen Weg gesehen, ihn zu retten.
Seitdem war eine leicht gedrückte Stimmung im Kloster und mehr als einmal erwischte sich Joro dabei, selbst ein angespanntes Gesicht zu machen, ohne direkt einen Grund dafür im Kopf zu haben.
Aber es war nicht alles negativ. Durch den Drill Omareths und des Hauptmannes war die erste Kompanie der Stadtgarde immerhin soweit, daß sie im Kloster Wachdienst verrichten konnte. Sicherlich waren sie immernoch „Grünschnäbel“, wie der Dunkelelf das nannte, aber im Vergleich zu den Söldnern, die hier vorher gewacht hatten, war das immernoch die bessere Lösung.
Hrynn hatte derweil einen Steinmetz und Parek den Zimmermann – denn Omareth war ja anderweitig beschäftigt – damit beauftragt, die Rundmauer um das Kloster zu einem Wehrgang auszubauen. Zudem hatte er Plattformen für Ballisten geplant und zwei neue Geschütze für das Torhaus in Auftrag gegeben.
Parek, dessen Einstellung zum Kloster und der Kirche sich in der Zeit nach Joros Besuch bei ihm sehr zum Positiven verändert hatte, war Feuer und Flamme für einen derartigen Auftrag, denn es gab ihm etwas Abwechslung in seiner Arbeit. Er hatte eine ganze Reihe Hilfsarbeiter eingestellt und war völlig in seinem Element, wie es schien.
Als Joro vorbeiging, winkte er Parek zu, der den Gruß erwiderte.
Marinus wartete schon im Hauptgebäude auf ihn, einen Stapel Pergamente unter dem Arm.
„Guten Morgen, Eminenz. Es gibt eine ganze Reihe von Dokumenten, die Eures Siegels bedürfen.“
„Ich habe ein Siegel?“, Joro schaute verwirrt.
„Seit heute schon, wir haben eins anfertigen lassen, immerhin habt Ihr darauf bestanden, daß die bloße Unterschrift eines Bischofs nicht mehr allein gültig sein soll, Ihr erinnert Euch?“
Das stimmte, es war eine von den Dutzenden Änderungen, die Joro im neuen Kirchengesetz vermerkt hatte.
„Dann mal frisch ans Werk, was?“
„Nach Euch, Eminenz…“
Sie gingen zum Amtszimmer hoch und nachdem sich Joro gesetzt hatte, legte ihm Marinus den Stapel auf den Tisch, dann sah er ihn erwartungsvoll an.
„Ist noch was, Marinus?“
„Nun… wollt Ihr nicht…“
„Als Erstes will ich erst einmal alles durchlesen, ich lasse dich dann wissen, wenn ich fertig bin.“
Marinus nickte und verließ das Zimmer.
Zugegeben, die Idee nicht einfach etwas zu signieren, respektive zu siegeln, sondern es vorher auch zu lesen war sicherlich besser, als einfach ungelesen alles abzustempeln, aber die Masse an Dokumenten, die der Klostervorsteher ihm da gegeben hatte, war größer, als Joro das geschätzt hatte.
Weitaus größer.
Als Marinus gegen Mittag mit einem milden Lächeln in die Amtsstube kam, war Joro endlich fertig. Eigentlich hätte er ja irgendwie unzufrieden sein sollen, daß alle Dokumente in Ordnung waren und er somit auch alle mit Siegel bedacht hatte, aber das war nicht so.
Stattdessen hatte er im Zuge des Kriechens durch die Worte einen guten Überblick über die Gesamtsituation in Stadt und Kloster erhalten.
Die Hütten für die Armen waren praktisch fertig, die Kriegsvorbereitungen waren in vollem Gange und – was ihn am meisten erstaunte – es gab freiwillige Spenden der Bürger an das Kloster. Sogar nicht einmal wenig. Wie es schien war also der Ernst der Lage bei der Bevölkerung angekommen, wobei der Kampf über dem nächtlichen Himmel vor einigen Tagen sicherlich noch geholfen hatte, das realisieren zu lassen.
Joro war zufrieden, als er Marinus den Stapel gefalteter Pergamente zurückgab.
„Habt Ihr noch etwas anzumerken, Eminenz?“, fragte der Mönch.
„Nein, alles in bester Ordnung. Ich glaube ich sollte mir das öfter einmal antun.“ „Ich will Euch nicht kritisieren, Eminenz, aber eigentlich ist es ja mein Aufgabenbereich, die Richtigkeit dieser Akten zu gewährleisten…“ „Das ist mit bewußt, Marinus, aber erstens trage ich am Ende trotzdem die Verantwortung dafür und zweitens hilft es mir, auf dem Laufenden zu bleiben. Es hat nichts damit zu tun, daß ich deiner Arbeit nicht vertraue.“ Der Mönch nickte ihm zu.
„Das verstehe ich natürlich.“
„Du machst hier eine sehr gute Arbeit, Marinus. Ohne dich wären wir alle aufgeschmissen.“ Nachdem er sich glücklich lächelnd verbeugt hatte, wünschte der Klostervorsteher Joro noch einen guten Tag und verließ dann das Zimmer.
Kurze Zeit später brachte Franz, wie jeden Mittag etwas zu Essen. Alystin hatte sich ihm gegenüber durchsetzen können, denn die Portionen waren deutlich geringer, als es sonst so seine Art war. Beim Abendessen blieb alles immer beim Alten, aber da war auch klar, daß die Reste sowieso an die Mönche und an die Armen gingen.
Joro murmelte einen Dank, aber er war zu sehr in seine Arbeit vertieft, als daß er weiter darauf hätte eingehen können.
Es war früher Nachmittag, als einer der frischgebackenen Unteroffiziere der Garde plötzlich vor ihm stand und ungelenk salutierte.
„Euer Eminenz…“
„Hmm..?“, Joro sah auf.
„Es gibt, äh…“
„Raus mit der Sprache!“, der Bischof lächelte.
„Wir haben da ein Problem. Ein kleines…nein, eher ein großes.“
„Nun laß dir nicht alles aus der Nase ziehen, Soldat. Was ist das Problem?“
„Es sind Leute gekommen. Viele Leute. Aus dem Norden. Es… es sind wirklich unglaublich viele.“ „Man braucht mich am Tor?“
„Mir wurde gesagt, daß ich Euch holen soll, Eminenz.“
„Komm mit, ich will meine Rüstung anlegen.“
Joro quälte sich mit der Hilfe des jungen Soldaten, er mochte wohl kaum älter sein als er selbst, in die Rüstung und bemerkte, daß nach über einer Woche, die er sie nicht getragen hatte, das Gefühl, sie auf dem Körper zu spüren, fremd war. Dennoch wußte er nicht, was geschehen würde und außerdem gab sie ihm ein imposantes Äußeres, also gab es mindestens zwei Gründe, sie mitzunehmen.
Vor dem Tor des Klosters wartete schon eine Eskorte von zwölf Mann, alles Gardisten in schwarzer Rüstung, mit Schild und Axt, so wie er sich das vorgestellt hatte. Die Duergar und der Plattner mußten eine unglaublich gute und schnelle Arbeit leisten.
Auf dem Weg durch die Stadt sah er, daß viele der Bürger in äußerster Anspannung zu ihm hinsahen und es waren überall kleine Gruppen von Menschen, die sich aufgeregt miteinander unterhielten.
Am Nordtor angekommen, einem Ort, an dem er selten gewesen war, wenn überhaupt nur in Sichtweise, bot sich ihm schon im Näherkommen ein erstaunliches Bild.
Draußen vor dem Tor standen in der Tat eine Menge Menschen. Eine große Menge.
Omareth und Hrynn kamen ihm entgegen, ebenfalls beide in voller Rüstung und bewaffnet. Der ehemalige Abt hatte seine Stirn in Sorgenfalten gelegt.
„Ich nehme an, daß das ein Resultat dessen ist, was Ihr zu verantworten habt, Eminenz?“ „Du sagst das so seltsam“, meine Joro verblüfft, „Ich habe euch allen doch erzählt, daß ich einen Boten zu den Nordstämmen geschickt habe, oder etwa nicht?“ Omareth kratzte sich am Kopf und schaute dabei durch das Tor auf die Masse an Menschen, die davorstand.
„Ich beginne, mich zu fragen, was du genau in die Depesche geschrieben hast.“ „Meine Worte waren, daß alle wehrfähigen Männer und Frauen nach Bargum kommen sollen…“ „Wobei du vermutlich vergessen hast, daß das bedeutet, daß sie, Nomaden, die sie sind, auch ihre Alten und ihre Kinder mitbringen werden“, Hrynn hatte die Arme vor der Brust verschränkt und eine Augenbraue gehoben.
„Nun… direkt vergessen habe ich das nicht, es ist vielleicht eher so, daß ich nicht damit gerechnet hatte, daß es wirklich so unglaublich viele Menschen im Norden gibt“, Joro war leicht rot geworden.
„Na, du hast es uns eingebrockt, also ist es auch an dir, daß das geregelt wird“, Omareth klopfte ihm auf die Schulter, wobei er ihn auch ein wenig nach vorne schob.
„Ich geh ja schon“, grummelte Joro und lief in Richtung Tor.
Bei näherem Betrachten war die Menge an wild aussehenden Menschen vor der Stadt noch weitaus verblüffender als von Weitem.
An der Spitze der Nordmänner stand ein außergewöhnlich großer und muskulöser Mann, in Wolfspelze gehüllt und sah erwartungsvoll in Joros Richtung. Als er den Bischof näher kommen sah, setzte er den großen Hammer, den er auf der Schulter hatte, auf den Boden. Die Gardisten am Tor setzten an, loszustürmen, als er die Waffe bewegte, aber Joro machte eine winkende Geste, die sie davon abhielt.
Aus der Nähe betrachtet war der Mann noch eindrucksvoller. Sein Gesicht war mit Narben übersät und er hatte aufwendige Tätowierungen um die Augen. Auch an den Armen und den nur von einem Lendenschurz leicht bedeckten Oberschenkeln waren solche Muster und nicht weniger ehemalige Verletzungen zu sehen.
„Mein Name ist Ulfr. Bist du derjenige, der uns den Boten geschickt hat?“ Joro nickte.
„Der bin ich, mein Name ist Joro Macun, ich bin der Erzbischof von Bargum.“ Ulfr musterte ihn und kratzte sich am Kopf.
„Ist was?“, fragte der Bischof leicht unsicher.
„Nein… es ist nur so, daß ich nicht…“, der Nordmann suchte nach Worten.
„Raus mit der Sprache, wir sind immerhin beide Daishani, oder?“, Joro lächelte.
Sein Gegenüber grinste zurück.
„Ich hätte nicht einen solchen Jungspund erwartet. Dabei wußte ich durchaus, daß der alte Bischof tot ist, aber jetzt bin ich von der Situation ein wenig überrascht.“
„Du wirst sehen, daß du deine Leute nicht umsonst hier hergebracht hast. Wir sind bereits mitten in den Kriegsvorbereitungen und können an allen Ecken und Enden Hände zum Helfen brauchen.“
„Wo sollen wir lagern?“
Joro sah sich um und grinste Ulfr dann unverhohlen an.
„Ist doch genug Platz hier, oder etwa nicht?“
Natürlich hatte Joro darauf bestanden, daß zumindest der Anführer der Hirten mit seiner Sippe im Kloster wohnte, aber erstens machte ihm Ulfr klar, daß er bei seinem Volk bleiben werde, und zweitens hätte das eine Menge von erstaunlichen dreiundvierzig Personen umfaßt, und dafür war im Kloster einfach nicht genug Platz, jetzt wo die Garde dort auch einquartiert war.
Da nach daishanischer Etikette allerdings Joro in der Bringschuld eines Gastmahls war, bestand er darauf, daß die Neuankömmlinge ins Kloster kamen, um dort auf dem Hof ein großes Essen abzuhalten.
Als er zu Franz in die Küche kam, war dieser bei seinem Anblick erst einmal wieder mit Grummeln beschäftigt. Als ihm Joro allerdings eröffnete, für wie viele Personen er am heutigen Abend kochen sollte, erlebte er das glücklichste Gesicht, daß er jemals bei einem Menschen gesehen hatte.
Selbstverständlich war das Erste, was Franz tat, ihn aus der Küche zu werfen.
Schon eine halbe Stunde später sah Joro Mönche, emsig wie die Bienen, auf den beiden Höfen des Klosters hin- und herlaufen.
Dabei wurden ganze Schafe und Rinder, die frisch von der Schlachtbank kamen, in den Keller unter dem Hauptgebäude geschleppt, wo die Küche war.
Ulfr hatte als Gastgeschenk zwölf Lämmer an das Kloster gegeben, die am heutigen Abend auch gleich ihrer Bestimmung zugeführt werden würden.
Joro faßte an, wo er nur konnte. Es wurden Bänke und Tische aus den Lagern und der Messe geschafft und in Kreisen um die Mitte des Hofes angeordnet, wo Franz gerade damit beschäftigt war, drei gigantische Bratenspieße und die dazugehörenden Feuerstellen herzurichten. Ghaundar huschte hin und wieder an ihm vorbei, entgegen seiner Eitelkeit extrem verschwitzt und auch nicht ganz sauber. Franz hatte ihn wohl als seinen Assistenten eingespannt und der Dunkelelf kam nicht mehr aus der Arbeit heraus.
Geschah ihm recht, auch einmal hart zu arbeiten, wie Joro fand.
Am frühen Abend, keine drei Stunden später hatte Franz angefeuert und an den Spießen drehten sich ein Ochse und zwei Lämmer, ständig in Bewegung gehalten von jeweils einem Mönch. Der Koch selbst rannte ohne Stillstand zwischen Küche und der Mitte des Haupthofes hin und her und verteilte allerhand kalte Speisen auf den Tischen. Es war ihm anzusehen, daß ihm das Herz vor Freude beinahe in der Brust zersprang, aber die schiere Geschwindigkeit und Präzision, mit der er arbeitete war erstaunlich für die Tatsache, daß ein Mann mit seiner Körperfülle sich derart viel bewegen mußte.
Joro war nach dem Aufbauen der Tische kurz in sein Gemach gegangen, sich gewaschen und eine der repräsentativen Roben angezogen, danach ging er wieder in den Hof.
Ghaundar stand neben der Eingangstür und hatte sich zwischenzeitlich auch frisch gemacht und neu eingekleidet. Als er Joro aus dem Gebäude treten sah, lächelte er.
„Da haben wir uns selbst übertroffen. Dafür, daß knapp fünfhundert Gäste erwartet werden, finde ich erstaunlich, daß wir schon alles vorbereitet haben.“
„Kann man nicht anders sagen“, Joro steckte sich eine Portion Kautabak in den Mund, „aber da kannst du mal sehen, was wir hier für gute Leute haben. Unsere Mönche sind einfach unschlagbar.“
Der Dunkelelf deutete auf Franz, der immernoch hin- und herhastete.
„Nicht zu vergessen der geniale Küchenchef. Allerdings mache ich mir Sorgen, daß Franz vielleicht eines Tages bei der Arbeit einfach tot umfällt.“
„So wie ich ihn einschätze, wäre das der schönste Tod, den er sich ausdenken könnte.“ „Das passiert hoffentlich nicht ganz so bald. Ich würde ungern auf ihn verzichten wollen…“ Ghaundar sah auf seine Hänge und rieb ein paar Stellen, die leicht grau waren, wohl das Drowäquivalent von Schwielen.
„Ich kann nicht sagen, daß es nicht anstrengend war, aber es hat Spaß gemacht.“ Unwillkürlich mußte Joro an das Fußöl von Omareth denken und lachte leise.
„Die kleine Tonflasche, was?“, Ghaundar grinste schief.
Der Bischof nickte und reckte sich, immernoch leise kichernd.
„Jetzt bin ich erst einmal gespannt, was heute Abend geschieht. Was Ulfr angeht habe ich sehr gemischte Gefühle.“
„Warum?“, der Drow hatte einen kleinen Salbentopf aus dem Wams gekramt und rieb sich mit dem Inhalt die Hände ein.
„Er schien von mir enttäuscht zu sein. Das hat allerdings vielleicht auch damit zu tun, daß die Nordmänner Alter und Erfahrung ganz anders einordnen und bewerten, als wir das vielleicht tun.“
„Du.“
„Hm?“
„Als du das tust. Bei uns Drow sind das auch Werte, die bei Anführern im Vordergrund stehen. Wenn ich älter wäre als Omareth, wäre nicht er unser militärisches Oberhaupt.“
Joro sah ihn schief an.
„Wie ich dich kenne, dankst du der Göttin jeden Abend auf Knien, daß es nicht so ist, nicht wahr?“
„Darauf kannst du Gift nehmen“, Ghaundar verschloß den Tiegel und schob ihn wieder in seinen Brustausschnitt, „Aber du hast es noch immer geschafft, Leute irgendwie auf deine Seite zu bekommen. An deiner Stelle würde ich mir erst einmal keine Sorgen machen.“
„Wenn du mich fragst ist mein Vorrat an Glück schon viel zu lange aufgebraucht“, der Bischof machte ein unzufriedenes Gesicht, das schnell Resignation wich, „wenn nicht sogar weit überzogen…“
Alystin trat ebenfalls vor die Tür. Eine Windböe ließ einen verführerischen Duft von ihr her zu Joro wehen, lange bevor er sie gesehen hatte. Sie sah sich auf dem Hof um und war verblüfft.
„Als ich vorhin in die Apotheke gegangen bin, war hier noch alles so wie immer. Eine erstaunliche Leistung“,sie sah müde und überarbeitet aus, „Geht es schon los?“
Ghaundar machte eine beruhigende Geste.
„Keine Sorge, werte Hohepriesterin, wir beide haben nur unser Pensum erfüllt und was die Montur angeht vorgearbeitet.“
„Puh, gut. Ich habe bis eben noch mit Pflanzen hantiert, die sofort nach dem Pflücken konserviert werden müssen. Einer der Mönche ist heute Mittag mit einer berstend gefüllten Kiepe an Kräutern zurückgekommen. Wir haben bis eben zu dritt dafür gesorgt, daß nicht mehr als die Hälfte davon auf dem Komposthaufen endet.“
Joro schenkte ihr das sanfteste Lächeln.
„Oben steht ein ganzes Becken warmes Wasser für dich bereit, ich hatte mir so etwas schon gedacht.“
Alystin sah Ghaundar kurz scharf an, der gespielt übertrieben fortsah, dann drückte sie Joro einen Kuß auf den Mund und verschwand im Haus.
„Immer diese Heimlichtuerei“, grinste der Assassine.
„Ja, und das ausgerechnet von Seiten der Drow. Undenkbar…“
Als die Sonne langsam hinter den Horizont verschwand, gab Franz das Zeichen, daß er soweit sei und Joro trommelte die Unteroffiziere der Garde zusammen, um sie, mit kleinen Geleitzügen, als Boten zu den Honorationen der Stadt und natürlich zu Ulfr zu schicken.
Auf dem Weg aus dem Kloster kam ihnen Olgerich mit seiner Leibstandarte entgegen.
Er begrüßte Ghaundar und Joro herzlich und sah sich dann um.
„Eindrucksvoll, Eminenz.“
„Ohne Zweifel, ja.“
Der Fürst drugste ein wenig herum und sagte dann: „Ich habe mir erlaubt, die Herren Duergarschmiede nicht mitzubringen, da ich ihr Benehmen einer diplomatisch günstigen Position eher abträglich empfinde. Ich hoffe, daß ich da keinen Fehltritt begangen habe.“ „Wie habt Ihr denn das geschafft“, fragte Ghaundar erstaunt.
„Indem ich ihnen ihre tägliche Ration an Bier und Schnaps bereits zur Mittagszeit gegeben habe. Auf die Art und Weise waren sie schon am Nachmittag so betrunken, daß sie schlafen gingen.“
„Es grenzt an eine Heldentat, Duergar von einem Gelage fernzuhalten“, grinste Joro, „und Ihr müßt Euch keine Sorgen machen, ich hatte selbst schon ein wenig Sorge, daß sie vielleicht darauf bestehen könnten, hier dabei zu sein.“ Mit einem leicht abwesenden Blick in Ghaundars Richtung fügte er noch hinzu: „Wenn ich mich daran erinnere, wie Ulfr vorhin Omareth angestarrt hat, fürchte ich, daß es schon schwer genug sein wird, gewisse andere Anwesende zu erklären.“
Ghaundar wollte wohl kurzzeitig einen Witz einflechten, aber er hielt sich davon ab. Der Schweiß auf der Stirn seines Freundes zeigte ihm, daß dieser nicht in der richtigen Stimmung war.
Ulfr und seine Ältesten zogen geschlossen durch das Tor in den großen Innenhof, dicht gefolgt von den Familienoberhäuptern und schließlich deren Angehörigen. Joro fiel auf, daß genauso wie in den Büchern seines Großvaters tatsächlich Männer und Frauen der Hirten Seite an Seite schritten. Entgegen den eher bürgerlichen Bewohnern Daishans waren die weiblichen Nordmänner, beziehungsweise –frauen, absolut gleichberechtigt in Politik und Kriegsführung. Wenn er sich einige der Damen dort so ansah, konnte er sich auch absolut vorstellen, wie diese ein Schwert ergriffen und loszogen, um Hiebe zu verteilen.
Joro ging ihnen entgegen und begrüßte Ulfr formell mit einer Verbeugung und einem Händedruck. Dann wies er an die Tafel, die direkt an der Mitte des Hofes aufgestellt war.
„Setzt Euch doch bitte, Ulfr, seid unser Gast.“
Der Jarl – Joro meinte, daß das bei den Hirten der korrekte Titel war – verbeugte sich seinerseits, und ging auf den Tisch zu. Sehr zum Erstaunen des Bischofs bewegte sich nicht ein Einziger anderer der Anwesenden, nicht einmal Olgerich.
Eine Etikettefalle und er wußte nicht, was er zu tun hatte.
Alystin, Ghaundar und Omareth waren noch nicht auf dem Hof erschienen, Joro nahm an, daß das aus taktischen Gesichtspunkten auch besser war, aber was sollte er nun mit Ulfr tun.
Olgerich, der hinter ihm stand, schubste ihn leicht an und machte eine unscheinbare Geste in Richtung Tisch, wo der Hirtenjarl schon an seinem Platz stand und erwartungsvoll zu ihm hinüberblickte.
Joro ging ein wenig unsicher auf den Tisch zu und stellte sich vor seinen Sessel. Dann setzte er sich intuitiv einfach hin. Der Jarl tat es ihm gleich und erst jetzt setzten sich alle anderen Anwesenden in Bewegung und suchten sich ihre Plätze. Dabei achtete jeder der Hirten peinlich genau darauf, sich nach seiner sozialen Stellung zu positionieren.
Franz hatte eine ganze Reihe von Mönchen dazu abkommandiert, Getränke zu verteilen und auch Beilagenplatten auf die Tische zu tragen. An die Bratenspieße durfte sich allerdings niemand auch nur auf drei Schritte nähern, denn dort stand der Koch mit jeweils einer armlangen Gabel und einem nicht minder großen Messer und schaute jeden, der es wagte, den innersten Ring von Tischen zu durchqueren so an, als wolle er beides auch gegen Menschen einsetzen.
Wiederum war Stille eingetreten. Ulfr sah Joro erwartungsvoll an und dieser ließ sich nur noch von seiner Intuition leiten, hob den Humpen und hielt ihn ihm entgegen.
Das war wohl eher mehr rustikal als wahre Etikette, aber Ulfrs Gesicht zeigte eine gewisse Form von Amüsiertheit, als er wortlos anstieß.
Die Erleichterung der Anwesenden, viele sicherlich noch geschafft von der langen Reise, war deutlich zu spüren, denn jetzt, als Ulfr trank, durften sie es ebenfalls.
Auch wenn Joro mit seinem eigenen Beitrag unzufrieden war, konnte er im Gesicht des Nordmannes keinerlei Zweifel oder Ablehnung erkennen. Das Gute daran, Daishani zu sein, war unter anderem, daß die Rune nicht nur für die gesprochene Wahrheit sorgte, sondern auch das generelle Benehmen der Einwohner dieses Landes von Falschheit abwandte.
Es beschämte ihn fast, aber er fühlte sich mit diesem Mann, den er kaum kannte, emotional auf einer Augenhöhe, wie er das bei den Drow der Enklave erst nach mehreren Wochen harter Arbeit empfunden hatte. Kulturelle Grundlagen und ihre fatale Auswirkungen auf das Miteinander... Fast schien es ihm, als hätte er für einen Moment eine Art Vorbehalt gegenüber Fremden verspürt, wie er ihn sich eigentlich sonst nicht gestattete.
Der Nordmann sah fragend über den Rand seines Humpens in seine Richtung, sagte aber nichts.
Joro stand auf und machte eine winkende Geste in Richtung des Einganges des Hauptgebäudes.
Das Portal schwang auf und die drei Dunkelelfen traten hindurch. Für einen Moment sah es aus als würden einige der Nordmänner aufspringen, sicherlich hatten viele ihre Hand am Schwertheft, aber Ulfr hob die Hand und gebot ihnen damit Einhalt. Dennoch blickte er in Richtung Joro und sein Gesicht spiegelte eine Mischung aus Sorge und Neugier wider.
Der Bischof straffte sich.
„Werte Gäste, ich möchte euch meine Freunde und Verbündeten vorstellen“, ein rascher Blick verriet ihm, daß das nicht den gewünschten Erfolg mit sich brachte, denn die Hirten versteiften sich nur in ihrer Haltung, „Alystin, Hohepriesterin der Eilistraee, Omareth, General der Enklave und Ghaundar, mein persönlicher Freund.“
Es war nicht zu übersehen, daß Ghaundar kurzzeitig ein gespielt beleidigtes Gesicht machte, wohl aufgrund des Mangels eines Titels, aber die Anspannung nahm schnell wieder Platz in seinem Gesicht, wenn auch halb verborgen unter einer Fassade von Selbstkontrolle.
Wohl eher ein Reflex.
Ulfr stand nun ebenfalls auf und breitete die Hände aus.
„Freunde des Bischofs sind auch die Freunde der Stämme. Ich biete euch ein herzliches Willkommen im Namen meiner Vorväter!“
Damit war die Sache gegessen. Oder zumindest wagte ab diesem Moment keiner der Nordmänner mehr, eine aggressive Haltung einzunehmen, denn der Häuptling hatte, so vermutete Joro, eine Art Schwurformel benutzt.
Als sich die Hirten entspannten, geschah fast gleichzeitig das Gleiche mit den Drow.
Alystin lief leichtfüßig voran und verbeugte sich knapp vor Ulfr.
„Es ist mir eine Ehre, den Hetman der Nordstämme kennenzulernen. Wer hätte jemals erwartet, daß wir uns einmal unter solchen Umständen treffen würden.“
Einer der Unterhäuptlinge murmelte etwas und Ulfr wandte sich scharf in seiner Richtung.
„Warum sagst du nicht laut, was du zu sagen hast, Bjarn?“ Der Angesprochene schaute zu ihm auf und sagte: „Es sind dunkle Zeiten, wenn sich Menschen mit der Brut des Unterreiches verbünden müssen.“ Ulfrs Antwort war ein Schwertstreich mit einer Geschwindigkeit, daß er die Waffe bereits wieder in die Scheide steckte, bevor Bjarns Kopf von dessen Hals kippte.
Hinter ihm gröhlten die Nordmänner und stießen ihre Humpen zusammen.
Ulfr nickte in Alystins Richtung und setzte sich wieder hin. Die drei Dunkelelfen nahmen nun auch ihre Plätze ein und Ghaundar sagte, grinsend: „Ich habe dieses Gefühl, daß wir extrem gut miteinander auskommen werden.“
Joro hätte vermutlich ein wenig geschockt sein müssen, aber ihm war auf der anderen Seite durchaus klar, daß es weder die Zeit noch die rechte Gelegenheit war, um sich darauf einzulassen. In den nächsten Stunden würde sich ein bedeutender Teil seines Schicksals entscheiden.
Des Schicksals aller, die im Hof versammelt waren, wenn man es genau nahm.
'Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich jetzt stolz, überrascht oder ein wenig eingeschüchtert sein soll', meinte Celestus mit neutraler Stimme.
'Seltsam. Normalerweise erwartete man doch, daß ein Gott nicht nur auf einer anderen Ebene lebt, sondern auch denkt, oder?', gab Joro zurück.
'Was soll das denn heißen?'
'Weil ich gerade den gleichen Gedanken hatte. Moment mal, das solltest du doch eigentlich wissen, immerhin kannst du meine Gedanken lesen!'
Ein leises Lachen kam zurück
'Manchmal vergesse ich das selbst. Trotzdem gibt es mir zu denken, daß du nicht einmal mit der Wimper gezuckt hast, als er den Mann getötet hat.'
Joro sah unterbewußt zu Ulfr, der sobald sich Alystin neben ihm gesetzt hatte sofort eine rege Unterhaltung mit ihr begonnen hatte, nicht ohne mißtrauische Blicke von seiner Frau zu ernten.
'Mein Großvater hat einmal gesagt, daß die Bräuche der Nordstämme anders sind als unsere. Vor allem ihre Vorstellung von Gerechtigkeit und Gesetz ist eine andere.'
'Anders...'
'Ja, ich weiß, das mag eventuell untertrieben klingen, aber wenn es für sie funktioniert...'
Jetzt erst merkte er, daß ihn Ghaundar die ganze Zeit anstarrte. Omareth ebenso.
„Was?“
„Führst du wieder Privatgespräche?“, der Zimmermann machte ein schiefes Gesicht.
„Gewissermaßen.“
Ghaundar grinste.
„Solange du dich nicht in kopflose Diskussionen versteifst...“ Omareth mußte sich offenbar zusammenreißen, ihm nicht auf den Hinterkopf zu schlagen, stattdessen nahm er zur Ablenkung einen Schluck Wein.
Es stellte sich recht schnell heraus, daß der Grund für die Anwesenheit der Nordmänner mitnichten nur ein einziger Bote aus Bargum war. Auf der Versammlung, an der Olgerich teilgenommen hatte war es unter den Ältesten und Vertretern der Städte geradezu zu einer kleinen Schlacht gekommen.
Wie Ulfr es ausdrückte war es, so wörtlich, dazu gekommen, daß er sich wie ein einziger Erwachsener auf einem Haufen von Kleinkindern sitzend vorgekommen war. Olgerich drückte es etwas differenzierter aus:
Die meisten Anwesenden hatten sich für eine Kooperation mit der Legion ausgesprochen, oder zumindest darauf zu setzen, daß Daishan aufgrund seiner Lage und seiner nicht sonderlich reichen Bodenschätze (und von gewissen Untermietern, die Erzfeinde der Hochelfen waren mal gar nicht erst zu reden) vielleicht so uninteressant sein könnte, daß es seitens des Propheten überhaupt nicht von Wichtigkeit sein könnte, hier eine Invasion zu beginnen. Olgerich hatte zuerst vorsichtig, dann mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß das Oberhaupt der wichtigsten Religion des Landes schon mehrfach Ziel von Angriffen gewesen sei, was allerdings aufgrund der nicht sonderlich hohen Reputation der Kirche als Argument auch keinen Effekt gehabt hatte.
Ulfr auf der anderen Seite hatte von Anfang an begriffen, daß es mit dem Propheten keine friedliche Lösung geben konnte, weshalb er schon im Vorfeld des Treffens dafür gesorgt hatte, daß er als Kriegsjarl gewählt dort hinging. Und er hatte von vorneherein entschieden, das erste Angebot wahrzunehmen, sich in einer Streitmacht zu organisieren.
Joros Bote war also schlußendlich nur die Hand am Hebel gewesen, die dafür gesorgt hatte, daß sich die Stämme in Bewegung setzten.
Als ihm Joro von den Geschehnissen im Kloster, dem Angriff durch die Legionäre berichtete, bestand er darauf, die Wrackteile und die Leichen der Lindwürmer zu begutachten, was prompt dazu führte, daß Omareth, Joro und er von Tisch aufstanden – und Ulfrs Leibgarde von jungen Männern, die im der Sitte nach wohl einfach überall hinfolgten, Ghaundar machte Andeutungen bezüglich Schlafzimmer, die ihn beinahe in Probleme brachten.
In einer der Lagerhallen hatten die Mönche nach dem Angriff alles zusammengesammelt, was von Wert erschien. Da es bekanntes Wissen war, daß die Kadaver von Lindwürmern extrem langsam verrotteten, was wohl mit ihrem Gift zu tun haben mußte, waren die toten Flugtiere immernoch gut erhalten.
Ulfr betrachtete alles lange und gründlich.
„Wir haben hier einen Feind gegen uns, der uns viel abverlangen wird, wie mir scheint.“ Omareth nickte.
„Sie haben einen Vorteil in Soldaten von momentan etwa zweitausend zu eins. Und mit ihren Luftschiffen und Reittieren... Sie können sich schneller und gezielter bewegen als irgendeine andere Armee auf der Welt. Ein Pessimist hätte seine schiere Freude daran...“
Ghaundar war leider nicht zugegen, aber Omareth huschte ein kurzes Zucken über das Gesicht, der Vorlage wegen.
Joro selbst musterte den großen, tätowierten Mann. Dabei versuchte er, sich möglichst an alles zu erinnern, daß ihm sein Großvater jemals über die Nordstämme erzählt hatte. Vor allem die Sache mit Alter und Erfahrung kam ihm immer wieder in den Sinn, was ihn fast madig machte, weil er wußte, daß er irgendwie eine Verbindung mit dem Hetmann aufbauen mußte.
Da kam ihm ein Geistesblitz.
„Sie kommen aus dem Süden und sind nicht an unser Klima gewöhnt. Unsere Sommer sind an ihren wärmsten Tagen so kalt wie ihre kürzesten Wintertage. Wir sind eins mit dem Land in dem wir wohnen und haben mehr zu verlieren als nur Soldaten, wir kennen unsere Wälder, unsere Berge und unsere Steine. Sie nicht. Und wenn sie auch noch zehn Dutzend mal über uns hinwegfliegen, werden sie es nur sehen, aber nicht verstehen.“
Ulfr hob sein Gesicht und sah ihn an, in seinen Augen war zumindest Interesse zu erkennen.
Der Bischof setzte noch einen drauf.
„Wir haben hier oben einen langen harten Krieg hinter uns. Das Reich der Sonne hat fast viertausend Jahre in Frieden gelebt. Selbst ihre ältesten Soldaten, auch wenn sie noch so viel trainiert haben, können sich aus erster Hand an keine einzige Schlacht mehr erinnern. In Daishan ist immer Krieg. Wenn nicht gegen einen Feind von außen oder innen, dann zumindest gegen die Natur. Und genau diesen haben wir in eine Liebe umgewandelt. Der einzige Krieg, den wir täglich führen müssen ist unsere größte Liebe geworden, weil sie uns wie eine gute Ehefrau ständig unsere Fehler aufzeigen und unsere Stärken lobt. Weil wir daraus lernen und Kraft schöpfen. Sollen sie kommen. Vielleicht werden wir nicht gewinnen, aber zumindest werden wir für das kämpfen, was für uns das Wichtigste ist. Mit der Liebe unseres Lebens zu leben und vielleicht auch für sie zu sterben.“
Omareth sah ihn völlig fassungslos an, aber Ulfrs Gesicht hatte sich von interessiert zu grimmig gewandelt. Es brauchte eine Weile, um unter all der dunkelgrauen Farbe der Ornamente zu durchschauen, daß im Kopf des Mannes ein Gefühlssturm brodelte. Schließlich fiel seine Hand langsam und bestimmt auf seinen Schwertgriff, er war einer der wenigen Nordmänner, die eins besaßen, und er zog es langsam aus der Scheide. Der Drow neben ihm machte einen alarmierten Eindruck, aber immerhin schien er Joro stark genug zu vertrauen, daß er auf dessen minimales Kopfschütteln nicht damit reagierte, eine der sicherlich irgendwo in seinem Wams verborgenen Waffen zu zücken.
Der Hetmann nahm das Schwert in beide Hände, eine am Heft, eine an der Spitze der Klinge und hob es dann über den Kopf. Und mit einer einzigen, blitzartigen Bewegung brachte er es nieder auf sein Knie, wo es in zwei Stücke zerbrach.
„Schafft mir das Küchenmesser aus den Augen, HOLT MIR MEINEN HAMMER!“
Es entging Joro nicht, daß eine ganze Reihe der jungen Männer, die um sie versammelt waren beinahe glücklich aufatmeten und einer rannte so schnell er konnte auf den Hof hinaus.
Ulfr selbst sah zu Joro herab und sagte:
„Wenn du so handelst, wie du sprichst... Wie hat es dein Drowfreund vorhin ausgedrückt..? Dann werden wir vielleicht wirklich gute Freunde!“
Wie auf ein Kommando drückte es an Joros Hüfte. Es war der kleine Beutel, in dem er das Amulett des Orcs aufbewahrte.
‚Darf ich das als Wink verstehen?’ fragte er Celestus.
‚Hm? Ich habe gerade nicht aufgepaßt’, der süffisante Ton in der Stimme des Gottes war nicht zu überhören.
‚Mir ist nicht ganz klar, was das bringen soll, wenn ich ehrlich bin...’ ‚Das war es dir in sehr vielen anderen Situationen vorher auch nicht, oder?’ ‚Unbestreitbar, aber wenn ich das mal vergleiche? Zudem ich mich langsam frage, warum du das alles immer so inszenierst, wenn es am Ende doch so oder so klar ist, was geschehen wird.’ Joro war sich nicht sicher, ob der Gott ob dieser Aussage beleidigt war. Seine Reaktion ließ es zumindest vermuten.
‚Mir scheint fast, daß du zuviel Umgang mit Albrecht hattest, Joro. Zudem kann man wohl kaum von einer Loyalität deinerseits sprechen, wenn du hinter Dingen, die ich für dich tue eine böse Absicht vermutest.’
Joro fühlte Trotz in sich aufsteigen. Und eine Art gerechten Zorn, denn immerhin hatte er bisher frag- und klaglos jederzeit getan, was Celestus von ihm verlangt hatte. Genaugenommen ja nicht einmal das, denn der Gott hüllte sich in seinen Absichten ja prinzipiell in Schweigen, nur um ihn zu erziehen.
Celestus' Stimme war jetzt plötzlich wieder ganz kühl.
‚Ich werte das jetzt einfach mal als einen Anflug von Pubertät.’ Das hatte nicht geholfen. Joro stand, sehr zur Verwunderung der Anwesenden auf und sagte: „Ich muß mich für einen Moment entschuldigen, es wird nicht lange dauern“, ‚hoffe ich’, fügte er in Gedanken hinzu.
Er ging ins Hauptgebäude, in die Reliquienhalle und stellte sich dort demonstrativ vor das Bild Nuktus.
„So. Ich weiß, daß ich mich deiner Meinung nach sicherlich zu weit aus dem Fenster lehne, aber wir müssen wirklich mal ein paar Dinge klären.“
Der dunkle Mann manifestierte sich, an eine Vitrine lehnend – ebenso demonstrativ – vor ihm, die Arme auf der Brust verschränkt.
„Und?“
Joro ließ sich nicht beirren.
„Es ist mir durchaus bewußt, daß du willst, daß ich meine eigenen Entscheidungen treffe. Ich erkenne auch völlig an, daß das nur meinem Besten dient, das ist nichts, was mich aufregt.“
„Aber?“
„Findest du es eigentlich absolut notwendig, mich niemals in deine Pläne mit mir einzuweihen und stattdessen immer diese Mär von der Selbstbestimmung der Sterblichen zu erzählen?“
„Mär?“, es war nicht zu überhören, daß der Gott sich bemühen mußte, keinen Wutanfall zu bekommen. Joro hatte bewußt eine Formulierung gewählt, die von Albrecht hätte stammen können.
Für einen Moment schwieg Celestus und schaute auf den Boden, sichtlich bewegt von einem Ansturm von Emotionen. Schließlich blickte er wieder auf und sah seinen Bischof an.
„Ich werde dir dies nur einmal sagen, Joro. Und das auch nur, weil ich dich nicht nur aufgrund dessen liebe, was du für mich getan hast, sondern weil ich auch weiß, daß du in deinem Herzen ein grundguter Mensch bist, der sich gegen vermeintliche Ungerechtigkeit wehren will...“, er hielt kurz inne, um Worte zu suchen, „Mir... ist vor allem daran gelegen, daß du am Leben bleibst, daher versuche ich die ganze Zeit über, dafür zu sorgen, daß du alle Möglichkeiten erhältst, die im Zweifelsfall für dich offen stehen. Mal ganz davon abgesehen, daß ich mich mitunter auch darum kümmern muß, daß du dich selbst nicht umbringst.“
„Ich mache nur, was du von mir verlangt hast: meinem Herzen folgen“, warf Joro sarkastisch ein, aber Celestus überging das.
„Was du vielleicht nicht bemerkt hast, ist, daß ich dir weder in der Durchführung, noch in dem, was daraus erwächst, jemals unter die Arme greife.“
Er hatte nicht ganz Unrecht. Der Trotz hielt Joro allerdings davon ab, einfach einzulenken.
„Das mag ich manchmal nicht glauben, wenn ich mich an Balthasar oder auch nur an die Tatsache erinnere, wie ich in der Enklave gelandet bin.“
Der Gott hatte sich offensichtlich beruhigt, oder fühlte sich zumindest in der besseren Position.
„Was habe ich denn getan, außer Eilistraee um Hilfe zu bitten, oder einem Mann, dessen Leben faktisch zerstört war, wieder eine Aufgabe zu geben?“
„Wer hat denn sein Leben überhaupt erst zerstört?“
„Vorsicht, Joro...“
„Fällt es dir schwer, zu akzeptieren, oder wenigstens zuzugeben, daß deine Kampagne mit Nuktu ein totaler Fehlschlag war und nicht nur ihn selbst, sondern auch sein Volk und natürlich auch Balthasar ins Unglück gestürzt hat? Bin ich nicht dir gegenüber immer ehrlich, wie das so meine Natur ist?“, nichts in der Welt hätte Joro in diesem Moment einschüchtern können. Er war im Recht.
Tatsächlich schwieg Celestus zunächst. Dann richtete er sich auf und fragte: „In Wirklichkeit hast du einfach Angst, nicht wahr?“
Der junge Mann war verunsichert, aber irgendwie stimmte das sogar.
„Vielleicht, ja. Ich möchte nicht blind in mein Schicksal rennen. Gewissermaßen deckt sich das doch damit, was du immer sagst: daß die Sterblichen ihr Schicksal selbst bestimmen sollen.“
„Sicherlich, das sage ich nicht nur, das meine ich auch so, wie ich es sage. Es ist allerdings so, daß es einfach ein paar Dinge gibt, die du aufgrund deiner sterblichen Natur einfach nicht allein oder von dir aus leisten kannst. Das sind die Bereiche, in denen ich dir unter die Arme greife...“, er hielt kurz inne, dann fügte er hinzu: „Sieh mich einfach als einen Mitarbeiter im Hintergrund an, der versucht, dir weitere Trümpfe in die Hände zu spielen und dir als Ratgeber zur Seite zu stehen, wenn du einen benötigst und dir sonst kein Anderer helfen kann.“