Der Prophet, Teil 2

Arkanai · Kapitel 1 von 1 · Teil 2/11

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Der Prophet, Teil 2

Der Prophet, Teil 2

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.

Sie traten durch den Torbogen, vorbei an den salutierenden Gardisten und Joro machte eine präsentierende Geste.

„Das ist also, sozusagen, mein Arbeitsplatz.“

Omareth sah sich um und pfiff durch die Zähne.

„Ich habe das ja bisher immer nur von außen gesehen, aber von innen ist es noch imposanter“, er kratzte sich am Kinn, „eigentlich hätte ich niemals erwartet, daß alles einmal zu Gesicht zu bekommen.“

Joro sah zu Alystin herüber, die schweigend in die Runde sah. Sie machte immernoch den Eindruck, als fühle sie sich unwohl, wobei er allerdings nicht genau sagen konnte, weshalb das so war. Er bemühte sich, irgendwie für Ablenkung zu sorgen.

„Laßt uns hineingehen, ich wette ihr seid müde und hungrig.“

Sie gingen in das Hauptgebäude und zu den Gastgemächern im ersten Stock, in dem auch Joros private Räume waren. Ghaundar nahm Omareth dezent beim Arm und führte ihn zu einem der leeren Gemächer, sodaß Alystin und Joro alleine auf dem Gang standen.

„Hier ist also dein Refugium?“

„Sozusagen, ja. Allerdings habe ich hier noch nicht ein einziges Mal geschlafen.“ Sie sah ihn überrascht an.

„Warum nicht?“

„Hast du den alten Bischof mal gesehen?“

„Nur von ferne…“

„Also ich habe ihn von Nahem gesehen und das hat mir auf ewig vergällt, in diesem Zimmer zu übernachten, daran konnte auch ein neues Bett bisher nichts ändern. Baden ist auch schon eine Sache, aber der Bottich ist einfach zu gut, um wahr zu sein.“

Es überraschte Joro überhaupt nicht, daß Alystin wortlos in das Zimmer huschte und sich zielstrebig in Richtung Badezimmer bewegte. Er lehnte sich in die Eingangstür und wartete lächelnd.

Ihr Kopf lugte plötzlich wieder in das Zimmer.

„Hast du etwas dagegen, wenn ich…“

Joro lachte.

„Nein, habe ich nicht. Ich sorge mal für warmes Wasser.“

Toldor staunte nicht schlecht, als er Joro mit einem Tragejoch und zwei riesigen Eimern, die Ärmel seiner Kutte hochgekrempelt, an ihm vorbeikeuchen sah.

„Aber Eminenz, Ihr wißt doch, daß Ihr das nicht…“ „Es ist nicht für mich und ich bestehe darauf, das alleine zu machen, Toldor.“ „Oh, ich verstehe, die Dame. Da möchte ich mich nicht einmischen…“ „Danke“, Joro grinste, „ihre Reaktion auf eine Einmischung würde sicherlich auch härter ausfallen als meine. Und das wollen wir hier alle vermeiden, daß ist mal sicher.“

Alystin hatte den Kessel schon angeheizt und es dauerte nicht lange, bis Joro genug Wasser gebracht hatte und sich ein großer Schwall angenehm warmen Wassers in das steinerne Becken ergoß. Joro war über die unmenschliche Geschwindigkeit erstaunt, mit der sie sich ihrer Kleidung entledigte und in das Bad glitt.

Was folgte war ein langer, erfüllter Seufzer und sie hielt ihre Augen sehr lange geschlossen.

Joro setzte sich auf den Rand des Beckens und betrachtete sie. Es war wunderbar, sie wieder hier zu haben, allerdings machte ihm sein Sinn für seine Stellung ein schlechtes Problem damit, daß sie nackt vor ihm im Wasser saß. Ihm war zwar klar, daß der Vergleich hinkte, aber vielleicht gab ihm das einen leichten Einblick in ihr generelles Problem mit ihm, wenn es um ihre Stellung in der Enklave ging.

Sicherlich überlegte er sich kurzzeitig, einfach zu ihr in das Becken zu springen, aber wenn nun Toldor oder Marinus kämen...

Wie so oft war es Alystin, die die Situation auf ihre Weise löste. Eine kräftige, schwarze Hand packte ihn bei der Schulter und zog ihn in das Becken.

Erst überfiel ihn die Angst, keine Luft mehr zu bekommen, aber die gleiche Hand zog ihn wieder über Wasser und dann näherte sich ein Gesicht dem seinen.

„Hab ich schlecht gerochen?“

„Nein, aber wenn du schon einmal hier bist, kann ein Bad nicht schaden, oder?“, ihr Lächeln versprach eine Menge.

Gut eine halbe Stunde später traten sie beide, wieder trocken, auf den Gang hinaus und Alystin sah Joro auffordernd an. Sie zupften beide ihre Kleidung zurecht und lächelten sich dann gegenseitig wissend an.

„Magst du mir alles zeigen?“, fragte sie.

„Ich weiß nicht genau, was du zuerst sehen möchtest.“ „Vielleicht dein Amtszimmer?“

„Gleich so offiziell?“, Joro grinste, „Dann komm, aber es ist nicht sonderlich aufregend.“ Sie gingen den Gang hinab und betraten die Schreibstube. Toldor war gerade dort und las in dem Buch, an dem der Bischof gerade arbeitete.

„Laßt Euch von mir nicht stören, Eminenz, ich bin einfach nur ein wenig neugierig, woran Ihr gerade arbeitet“, er verbeugte sich, so gut es sein Rücken zuließ vor Alystin und sagte dann leicht verlegen: „Seid mir gegrüßt, Hohepriesterin, mein Name ist Toldor. Mir wurde bereits von Eurer Ankunft berichtet, aber ich dachte Ihr seiet von der Reise vielleicht so müde, daß Ihr zunächst einmal ausruhen wolltet…“

Alystin machte mit freundlichem Gesicht eine abwehrende Geste.

„Ihr müßt Euch nicht entschuldigen, daß Ihr mich nicht begrüßt habt, Toldor.“ Der Mönch entspannte sich ein wenig.

„Toldor ist der älteste Priester hier, er ist der einzige, den wir von den alten Bischöfen behalten haben“, bemerkte Joro.

„Dann muß Celestus ja große Stücke auf Euch halten“, sagte Alystin, an den alten Mann gewandt.

„Ich kann mich über mein Schicksal nicht beklagen“, sagte der, mit leicht verschmitztem Lächeln auf dem Gesicht, „Ich lasse Euch jetzt allein, ich wette, daß Ihr so einiges zu sehen und zu bereden habt.“

Er trat verließ den Raum und schloß die Tür hinter sich.

„Tja, äh, das hier ist also mein Arbeitszimmer und gleichzeitig die Schreibstube.“ „Du arbeitest nicht hier drüben?“, Alystin war ins Amtszimmer gegangen und schaute sich den Raum interessiert an.

„Nein, im Stehen, respektive auf dem Schemel kann man besser schreiben, weil die Arme frei sind und man vor allem nicht einschläft.“

Sie lachte.

„Warum sollte man einschlafen?“

„Setz dich mal auf meinem Sessel, dann weiß du es.“ Alystin setzte sich hinter den großen Schreibtisch und pfiff durch die Zähne.

„Jetzt verstehe ich, was du meinst…“

Sie lehnte sich zurück und betrachtete ihn lächelnd.

„Ein wirklich interessanter Ort. Auch wenn er sehr leer wirkt.“ Joro kratzte sich am Kopf.

„Ja, das ist nicht zu bestreiten, aber Toldor und Marinus haben die letzten Wochen immerhin schon einmal dafür gesorgt, daß wir ein paar neue Novizen bekommen haben.“

„Eigentlich ist es ein Wunder, daß du es damals geschafft hast, praktisch alle Mönche vertreiben zu lassen. Ich habe draußen nicht sonderlich viele Wachen gesehen…“

„Die waren nicht nur dekadent, sondern auch feige“, er rümpfte die Nase, „deshalb war es extrem einfach mit den paar Soldaten die wir hatten dafür zu sorgen, daß sie abziehen. Ich glaube heute auch, daß Olgerich seine Stadtwache geschickt hätte, wäre es zu Ausschreitungen gekommen“, er zuckte mit den Achseln, „aber bis auf diejenigen von ihnen, die sich vor der Enklave breitgemacht haben, habe ich nichts mehr von ihnen gehört.“

Alystin verzog das Gesicht.

„Ich habe Bragan auch gesagt, daß die mit Sicherheit nicht von dir geschickt waren, aber er meinte, daß man nach geltendem Recht eine Gruppe von Totengräbern nicht abweisen darf, wenn sie irgendwo hinkommen.“

Joro kicherte.

„Das habe ich mittlerweile auch geändert“, er zeigte auf den Wälzer, an dem er schrieb, „Und auch noch eine ganze Menge anderer Sachen, die mir genausowenig eingeleuchtet haben. Wer sich nicht respektvoll verhält, darf auch nicht auf Gastrecht hoffen, daß war hier in Daishan schon immer so und das wird keine Kirche unter meiner Führung jemals ändern.“

Sie stand auf, kam um den Tisch herum und gab ihm einen sanften Kuß auf die Wange.

„Ich bin stolz auf dich.“

Er war ein wenig verlegen, deshalb wechselte er das Thema.

„Eigentlich bin ich mir nicht ganz sicher, wieviel Zeit noch bis zum Essen bleibt, aber vielleicht magst du dir noch die Reliquienhalle ansehen?“

„Gerne!“

Sie gingen hinab ins Erdgeschoß und Joro führte sie in das Gewölbe, in dem die Hinterlassenschaften früherer Bischöfe lagerten.

Alystins Blick fiel sofort auf Nuktus Bild und sie sah ihn fragend an.

„Die Rüstung kenne ich, aber ist das der, der sie ursprünglich getragen hat?“ „Ja, das ist er.“

Sie trat vor das Portrait und musterte es.

„Kein sonderlich freundlicher Mensch, wenn man das so sieht.“ „Albrecht hat es gemalt, und er kannte ihn nicht persönlich“, sagte Joro, „Er meinte wohl, daß er auch seinen Platz in diesem Kloster hat, wenn auch nur als schlechtes Beispiel.“ „Wo ist er überhaupt?“, sie drehte sich zu ihm um.

„Er ist gegangen. Nach seinen eigenen Worten meinte er, daß es für ihn interessanter wäre, einmal das Gemetzel im Süden zu anzusehen, als hier zu bleiben. Seine Bindung zur Kirche ist, freundlich gesagt, gering.“

„Also bist du hier alleine? Bis auf Toldor und diesen Marinus?“ „Nein, ‚allein’ würde ich es nicht nennen. Wir sind vielleicht nur ein wenig unterbesetzt, aber es funktioniert alles bestens.“ Alystin lächelte.

„Das freut mich zu hören…“ Sie sah noch ein wenig im Raum um Ghaundar kam in die Halle und schnalzte tadelnd mit der Zunge.

„Hier seit ihr also. Ich suche euch schon die ganze Zeit.“ „Gibt es einen bestimmten Grund oder hattest du einfach nur Sehnsucht?“, Joro grinste.

„Naja, ich dachte mir, daß ihr vielleicht Hunger habt und Franz hat heute wirklich einen neuen Rekord aufgestellt, was Mengen angeht.“

„Zum Glück hat mit Marinus vor ein paar Tagen gesagt, daß die Reste immer an die Armen in der Stadt gehen, sonst könnte ich das nicht einmal mehr genießen.“

Als sich Joro zu Alystin umdrehen sollte, stellte er fest, daß sie schon aus dem Raum gelaufen war. Als Ghaundar und er sich ansahen, mußten die beide Lachen, denn offensichtlich lief sie einfach dem Geruch nach ins erste Geschoß.

Das erklärte auch die Frage nach ihrem Hunger, die sich Joro vorher gestellt hatte.

 

Kapitel 3

Im Speisesaal war ein opulenter Tisch gedeckt. Ghaundar hatte Joro auf dem Weg nach oben erklärt, daß er Franz auf die besonderen Gäste an diesem Abend hingewiesen hatte, was diesen dazu gebracht hatte, alle schweren Geschütze aufzufahren, die er im Ärmel hatte.

Dementsprechend war der gut zwölf Schritte lange Tisch so vollgeladen, daß man sich fragen mußte, warum eigentlich nichts herunterfiel.

Joro verifizierte den Gedanken von vorher noch einmal. Mit einer riesigen Front im Süden und einigen sehr armen Menschen in der Stadt wäre es eine Unverschämtheit gewesen, eine derartige Menge an Essen für so wenige Leute aufzutischen, wenn das, was mit Sicherheit nicht gegessen wurde am Ende an die Schweine verfüttert würde, oder gar einfach fortgeworfen.

Trotzdem nahm er sich vor, auch wenn er irgendwie Angst vor dem Koch hatte, einmal mit Franz zu reden und zu sehen, ob es nicht auch ein wenig weniger verschwenderisch ginge.

Jetzt aber war erst einmal Fressen angesagt, den Essen konnte das, was folgte kaum nennen.

Selbst Toldor, der sonst eher geringe Mengen zu sich nahm, griff ordentlich zu und legte immer wieder benutzte Zinnteller zur Seite, um sich einen neuen zu nehmen und neues Essen darauf zu legen.

Rund um die Tafel saßen Hrynn, Toldor, Marinus, Omareth, Olgerich und nicht zu vergessen Alystin.

Wie es schon zu erwarten gewesen war, profitierten Omareth und Alystin am meisten von dem ausgiebigen Mahl. Anfänglich hatte Omareth noch wie ein Kind an seinem Geburtstag den Tisch mit den Gaben betrachtet und seine Augen wurden immer größter, je mehr Essen der dicke Koch in den Saal brachte. Während des Essens fluchte der General dann erst darüber, daß Zwerge trotz ihrer Größe einfach abartig ausdauernd waren und sie Torkum jeden Tag mindestens 40 Meilen hatte laufen lassen, aber mit vollerem Magen stellte sich auch bei ihm schnell ein Gefühl der wohligen Beruhigung ein.

Alystin, die neben Joro am Ende der Tafel saß hingegen hatte am Anfang noch versucht, in ihrer sonst üblichen Art gute Tischmanieren walten zu lassen, das aber sehr schnell abgelegt, als sie ihr Hunger übermannte.

Nach gut drei Stunden waren sie schließlich alle satt, wenn nicht gar abgefüllt, und saßen schweigend da, die einen, weil sie keine Kraft mehr zum Sprechen hatten, die anderen, weil sie einfach nur vor sich hin sinnierten.

Es war Toldor, der die Stille brach.

„Ich glaube, daß dies ein guter Zeitpunkt ist, um etwas zu sagen, daß mir sehr wichtig ist.“ Alle Augen richteten sich auf ihn, was ihn spontan verlegen auf den Boden sehen ließ.

„Nun, ich hoffe, daß ich diesen schönen Abend nicht damit verderbe, vor allem, weil ich mich freue, Hrynn endlich wiederzusehen, aber ich muß leider bekanntgeben, daß ich mich verabschiede.“

Die Anwesenden sahen ihn verwirrt an, aber Joro dämmerte es schon, worum es ging.

„Albrecht hat schon etwas angedeutet, auch wenn ich mir nicht sicher bin, woher er so etwas wissen kann.“

Toldor lächelte schüchtern.

„Wenn man so alt ist wie ich, bemerkt man einfach irgendwann, daß es bald zum Ende zugeht. Aber es ist nichts, was man mit Traurigkeit betrachten sollte, denn es gehört auch zum Leben dazu, daß man sterben muß“, er nahm einen Schluck von seinem Wein, „und ich wollte es im Kreis von Menschen, Verzeihung, und natürlich auch Drow, bekanntgeben. Außerdem ist kein Abschied für immer.“

Er stand auf und gab jedem mit einer Verbeugung die Hand, dann ging er langsam aus dem Saal.

Joro griff sich seinen Weinkelch, stand ebenfalls auf und hob das Trinkgefäß.

„Geh mit Celestus’ Segen, Toldor!“

Hrynn, Marinus und Olgerich standen ebenfalls auf und taten es ihm gleich, und sogar die drei Dunkelelfen beteiligten sich daran.

Toldor blieb noch einmal stehen, schon fast aus der Tür und lächelte in ihre Richtung, dann verließ er den Raum endgültig.

Sie setzten sich wieder und die vier Menschen nahmen alle noch einen Bissen. Alystin sah Joro sehr entfremdet an.

‚Tut dir das nicht ein wenig leid?’, gestikulierte sie verstohlen.

Er schüttelte den Kopf ‚Es ist Teil der Kirchenregeln, daß Priester alleine ihren Frieden mit unserem Gott suchen gehen. Der Tod ist eine Form von glücklicher Rasur’, gab er zurück.

‚Rasur?’, sie schaute verwirrt.

‚Er meint Abschluß’, Omareth rollte mit den Augen und nahm sich dann auch noch einen Happen.

Olgerich ergriff das Wort.

„Jetzt, da sowohl Herr Veldrin’Sreen als auch die ehrenwerte Anführerin der Enklave hier sind, möchte ich vorschlagen, daß wir uns morgen im Stadtschloß treffen und eine Sitzung abhalten, in der wir unsere derzeitige Situation erörtern. Es wäre eine sträfliche Vernachlässigung, so eine Gelegenheit nicht wahrzunehmen.“

Alystin nickte.

„Ich hatte schon eine ähnlich Idee und wollte Euch im Laufe des Abends fragen, ob sich so etwas einrichten ließe. Vor unserer Abreise hat Omareth noch ein langes Gespräch mit König Balthasar geführt und ich habe mit meinen Priestern ebenfalls diskutiert. Es sind ein paar wichtige Entscheidungen zu treffen, die sich nicht aufschieben lassen werden…“

Weiter kamen sie nicht, denn über ihnen erscholl ein lauter Knall, woraufhin mit einem Male Staub von der Decke rieselte.

Omareth und Ghaundar waren schon aufgesprungen und aus dem Saal gelaufen, bevor Joro überhaupt kapiert hatte, was geschah.

Alystin stand auch schon an der Tür und sah sehr ungeduldig in seine Richtung.

„Worauf wartest du eigentlich noch?!“

Joro sprang ebenfalls auf und rannte, die Serviette erst noch in der Hand, doch dann auf den Boden werfend hinter ihr her.

Draußen im Gang war Verwirrung, einige Totengräber standen dort, wohl gerade auf dem Weg zum Speisesaal und schauten abwechselnd zum Ende des Ganges und zu Joro und Alystin, die ebenfalls in vollem Rennen an ihnen vorbeikamen.

Joro machte noch schnell an seinem Schlafzimmer halt und holte Schild und Hammer aus dem Raum, dann rannte er wieder Richtung Erdgeschoß.

Als er am Fuß der Treppe ankam stand dort schon Omareth, der ihn mit einer abwehrenden Geste aufhielt.

„Nein! Nicht hinauslaufen, das ist lebensgefährlich.“ „Was ist passiert“, keuchte Joro.

„Draußen ist eine Angriffstruppe der Legion, sie werfen Steine auf das Kloster und ich wette es wird nicht lange dauern, bist noch Brandbomben hinzukommen.“

„WAS??“

„Zwei Luftschiffe und etwa ein halbes Dutzend Lindwurmreiter. Das ist mit Abstand das Unverschämteste, was ich in meinem Leben jemals erlebt habe. Wenn auch taktisch bewundernswert…“

Joro schwoll eine Zornesader auf der Stirn.

„Wie konnte das passieren?! Die Front ist doch im Süden Daishans… und wie können die es wagen…“

„Keine Zeit für derlei Fragen, wir müssen etwas tun“, Omareth sah sich um und deutete dann auf einen der Ausgänge der Eingangshalle, „Wohin führt diese Tür?“

„Zum Festsaal…“

„Komme ich dort in den anderen Hof?“

„Ja… direkt dahinter ist die Messe.“

„Gut. Mitkommen.“

Joro sah hilflos zu Alystin, aber die machte eine eindeutige Geste und lief hinter dem General her, der schon auf dem Weg war.

Hrynn kam ebenfalls die Treppe herunter und schloß sich ihnen an. Er hatte zwar nur ein Langschwert dabei, aber er hatte es gezogen und wirkte sehr ernst.

Sie durchquerten den Festsaal, in dem Joro gekrönt worden war und betraten die Messe.

Durch die kleinen Fenster, die zum Hof hinausgingen konnten sie sehen, daß draußen einige zersplitterte Felsbrocken und auch eine ganze Reihe zerbrochener Dachschindeln lagen.

Joro stöhnte: „Oh mein Gott, wir haben das Dach erst vor ein paar Wochen repariert…“ „Wenn wir uns nicht etwas gegen diese Hochelfen einfallen lassen, dann wird noch viel mehr zu reparieren sein, als nur das Dach. Konzentriere dich mal“, knurrte Omareth.

Dabei tat er das schon. In Joros Kopf schwirrten unendlich viele Ideen, was zu tun sei, aber einige legte er sofort beiseite. Die Wachen des Klosters waren draußen nirgendwo zu sehen, und das hatte er auch nicht erwartet, denn deren Moral schätzte er seit jeher nicht sonderlich hoch ein. Aber im Torhaus… er hätte schwören können, daß er irgendwann einmal im Torhaus einen Ballistenbolzen hervorragen gesehen hatte.

„Wir sollten es im Torhaus versuchen, Leute.“

„Was meinst du?“, fragte Alystin.

„Wenn ich mich nicht völlig irre habe ich dort einmal eine Ballista gesehen. Das ist vielleicht die einzige Chance, die wir haben, ansonsten können wir gegen fliegende Feinde kaum etwas machen.“

Die Priesterin nickte und fing leise an zu singen. Ein leichter violetter Nebel bildete sich im Hof, der langsam dichter wurde.

„Das wird nicht lange halten, es ist zu windig draußen.“ „Dann beeilen wir uns besser“, warf Hrynn ein und stürmte als erstes aus der Tür.

Sie rannten im Schatten der Gebäudewände so schnell sie konnten den Hof entlang und stoppten kurz am Ende, um den anderen Hof einzusehen, der aber bis auf einige Wurfgeschosse der Hochelfen auch leer war. Dann ging es zum Torhaus, das aber von innen verriegelt war. Joro zögerte nicht lange, drückte Alystin seinen Schild in die Hand und schlug mehrere Male beidhändig mit seinem Hammer gegen das Schloß der Tür, das schon nach wenigen Treffern in einer eisigen Explosion zersprang. Dahinter standen drei Wachen, die ihre Speere auf sie richteten.

„Aus dem Weg ihr feigen Bastarde“, brüllte der Bischof und die verdutzten Soldaten ließen ihre Waffen sinken und die Vier passieren.

Die Wendeltreppe im Wachraum führte scheinbar endlos viele Stufen hinauf zum Wehrgang und als sie die Spitze des Tores erreichten sah Joro mit Erleichterung, daß sich dort tatsächlich besagtes Geschütz befand.

Aber seine Freude war nur von kurzer Dauer.

„Verdammt!“, Omareth trat gegen die Lafette.

„Was ist los?“

„Das Drecksding ist seit Jahren nicht gewartet worden. Das sind nicht einmal Taue in den Torsionskammern“, er riß ein paar Faserfetzen aus dem Geschütz, die wohl mal so etwas wie ein Seil gewesen waren.

Alle vier Anwesenden stießen in ihren Heimatsprachen die deftigsten Flüche aus.

Hrynn war kurz verschwunden und man konnte unten lautes Brüllen und üble Beschimpfungen hören. Dann kam er wieder die Treppe heraufgestürmt und deutete Omareth nur knapp, im zu folgen, was dieser auch sofort tat.

Joro sah verwirrt in Alystins Richtung, aber diese blickte sorgenvoll, hinter Joros Schild geduckt an den Himmel.

„Die machen da oben schon die ersten Brandbomben bereit. Erst haben sie das Dach zerstört und nun wollen sie die Dachstühle in Brand setzen.“

„Was auch immer Hrynn und Omareth vorhaben, ich hoffe sie sind bald damit fertig“, sagte er mit zitternder Stimme.

Sie antwortete nichts, sondern begann in ihren Gürteltaschen nach etwas zu suchen.

Joro sah die Ballista an. Das Holz war zwar nicht unbedingt morsch, aber an einigen Stellen schon stark vergilbt. Vorsichtig untersuchte er die Seile an den Wurfarmen und zu seiner Erleichterung schienen diese zumindest in einem besseren Zustand zu sein, als die völlig verdorbenen Seilreste in den Torsionskammern.

„Das Ding sieht insgesamt nicht gut aus. Wir hätten damit wahrscheinlich sowieso nicht schießen können.“

„Sag niemals nie“, kam Omareths Stimme von der anderen Seite des Raumes.

Hrynn und er waren die andere Treppe heraufgekommen, jeder von ihnen eine Taurolle auf der Schulter. Fieberhaft ging Hrynn daran, sperrte die linke Kammer des Geschützes auf, holte mit hastigen Bewegungen die Reste der alten Seile heraus und begann mit geübten Handgriffen, neue Seile einzuflechten. Omareth, der auf der anderen Seite stand tat es ihm gleich.

Alystin hatte derweil gefunden, wonach sie gesucht hatte und eine kleine, blau schimmernde Nadel aus der Tasche geholt. Sie legte sie auf eine der Zinnen und begann stumm zu beten.

‚Du fragst dich, was du tun kannst, oder?’, Celestus’ Stimme war sehr leise aber der Zorn, der sich in ihr befand, war so stark, daß es Joro unter der Schädeldecke brannte.

‚Da hast du nicht ganz unrecht’, gab er zurück.

‚Kommt Zeit kommt Rat. Aber glaube ja nicht, daß ich so etwas einfach hinnehmen werde.’ ‚Kannst du sie nicht einfach alle vom Himmel werfen?’ Celestus schwieg und Joro nahm an, daß er einfach gerade nicht irgendwelchen Eingebungen zuhören wollte.

Alystins Nadel erhob sich von der Zinne, wurde ein kleiner blauer Pfeil und zischte dann auf einen der Lindwurmreiter zu, die damit beschäftigt waren, Brandpfeile durch die Zimmerfenster zu schießen.

Beim Auftreffen auf den Körper des Halbdrachen zuckte dieser zusammen und begann, wild durch die Luft zu trudeln, wobei sein Reiter Mühe hatte, sich im Sattel zu halten.

Seine Kameraden merkten das und wandten ihre Reittiere herum, um ihm etwas zuzurufen, was Joro nicht verstand. Dann gaben sie ihm alle ein Zeichen und begannen, Kreise über dem Kloster zu drehen und dabei aufmerksam das ganze Gebäude zu beobachten.

„Ich hoffe sie bemerken uns nicht sofort, aber das hat sie immerhin schon einmal davon abgebracht, weiter Pfeile ins Innere zu schießen“, Alystin atmete sichtbar aus.

Hrynn und Omareth waren fertig und brachten wieder die Deckel auf den Torsionskammern an, um dann beide das Geschütz anzuheben, um es zu drehen und auf den Innenhof zu richten, denn natürlich hatte es vorher auf der anderen Seite gestanden.

„Wie wollen wir sie überhaupt abschießen, womit fliegen diese Dinger eigentlich?“, fragte Joro leise.

„Siehst du das Segel am Heck?“, Omareth deutete auf eines der beiden Luftschiffe, „Das hält sie in der Luft. Wenn wir da ein schönes Loch hineinmachen, werden sie Probleme bekommen, sich zu halten.“

„Reicht da denn ein einfacher Ballistenbolzen?…. Aua!“ „Was ist los?“, Alystin sah Joro besorgt an.

„Ich habe mich an einer der Steinkanten hier an der Wand geschnitten, es…“, er schaute verblüfft auf seinen Unterarm, an dem die Schnittwunde war.

Das Blut, das aus der Wunde austrat war nicht etwa rot, sondern pechschwarz und sehr dickflüssig. Fassungslos starrten alle auf Joros Arm.

„Das ist aber nicht normal, oder?“, fragte Omareth mit hochgezogener Augenbraue, „oder kommt das von diesem Duergardreck, den du dir immer in den Mund schiebst…“

„Nein, daß ist nicht normal. Aber ich glaube ich habe eine Ahnung von wem das kommt…“, Joro strich etwas von dem „Blut“ ab, um es näher zu betrachten, wobei ein kleiner Tropfen auf seine Robe tropfte. Sofort stieg Qualm auf und mit einem Zischen fraß sich die Substanz durch den Stoff der Robe und dann auch noch seiner Unterhose. Aber nicht nur das. Langsam breitete sich das Loch in seinem Gewand aus und er merkte, daß sich auch seine Unterhose auflöste.

Panisch riß er sich die Kleidung vom Leib und warf sie in eine der Ecken des Raumes, wo sie schon sich schon bald in eine undefinierbare Masse verwandelte.

Ghaundar grinste ihn an und gestikulierte: ‚Ich wußte gar nicht, daß es so kalt ist…’ „Was zum…“, Omareth kam herüber und betrachtete das Häuflein auf dem Boden. Dann schaute er auf dem Boden und pfiff durch die Zähne, „Aber den Stein verätzt es nicht…“ Hrynn wob den Gedanken weiter: „Und ich wette es wird auch Metall nicht verätzen, aber den Stoff des Segels mit Sicherheit auflösen.“ „Genau mein Gedanke, Joro schmier mal was von diesem Zeug auf den Kopf des Bolzens“, Omareth deutete auf das Geschütz.

„Zeug? Wir reden hier von meinem Herzblut!“

Der Bischof ging zur Ballista und begann, mit wackligen, weil leicht aufgeregten Fingern den Kopf des gigantischen Pfeiles mit der Substanz zu beschmieren, wobei ihn Hrynn ermahnte, daß er auf gar keinen Fall etwas auf das Holz kommen lassen solle. Dann richtete der ehemalige Abt das Geschütz aus, während Omareth und Ghaundar die Kurbeln bedienten, die die Sehne spannten. Dabei knarrte das Holz ziemlich stark und Joro meinte an einigen Stellen Risse zu sehen, die sich bildeten.

„Mehr als einen Schuß haben wir wohl nicht, wie es aussieht“, meinte er mit verzogenem Gesicht, seine Blöße dezent zu verbergen suchend.

„Dann wollen wir hoffen, daß es genug Eindruck macht“, meinte Hrynn mit zusammengekniffenen Augen, „Feuer!“

Es gab ein lautes Krachen und die Lindwurmreiter fuhren in der Luft herum und steuerten auf das Torhaus zu. Der Pfeil war abgeschossen worden, aber als die Sehne an die Torsionskästen geschlagen war, hatte sie sie durchtrennt und nun flog eine Wolke von Splittern und Seilresten durch den Raum, deren Einschläge Joro am ganzen Körper fühlen konnte. Aber er war zu aufgeregt, um die Schmerzen zu bemerken. Stattdessen griff er seinen Schild und hob auch den Hammer auf, den er hatte fallen lassen, als er seine Kleidung von sich geworfen hatte.

„Wir sollten zusehen, daß wir aus diesem Gebäude kommen, weil sie uns sonst hier drin in Klump und Asche schießen.“

Ghaundar reichte ihm seinen Piwafwi.

„Wickel dir den mal um deine besonders wertvollen Gegenden, sonst erkältest du dich noch.“ „Erstens würdest du ihn nicht wiederhaben wollen und zweitens brauch ich den nicht, ich bin ein Daishani und friere nicht!“ Den ganzen, und nackten, Körper voller Schrammen und Schnittwunden rannte er, Waffe und Schild im Anschlag, die Treppe herunter.

Die drei Drow und Hrynn liefen ihm hinterher und der alte Mann fragte Omareth: „Ist das eine seiner Eigenarten, solche impulsiven Dummheiten zu begehen?“

Als sie auf dem Hof ankamen, sahen sie nicht nur, daß Joro in einer Ecke stand und bereits hinter seinem Schild massiv von den Lindwurmreitern beschossen wurden, sondern auch, daß das beschossene Luftschiff schon begonnen hatte, abzuschmieren. Das Segel hatte ein großes Loch mit schwarzen Rändern und qualmte heftig. Das andere Schiff indes flog darauf zu, wohl um die Mannschaft zu retten.

Die Pfeile prallten, wie zu erwarten war, an dem Adamantitschild ab, als werfe jemand Wollknäuel gegen eine Mauer und Joro war hinter der schützenden Metallplatte dabei, ein Gebet vor sich hinzumurmeln und hatte die Augen geschlossen.

Omareth und Ghaundar liefen geschützt an der Mauer entlang, darum bemüht, von den Reitern keine Aufmerksamkeit zu erhalten und hatten damit durchaus Erfolg, denn diese versuchten die ganze Zeit Joro zu bedrängen, was bei der Enge vor dem Tor, an dem sich ja auch der Durchgang zwischen den beiden Höfen befand, kaum möglich war, ohne zu landen.

Alystin war in der Tür stehengeblieben und fing nun ihrerseits an zu beten, bis sie Hrynn vorsichtig zur Seite schob. Er hatte sich eine leichte Armbrust aus dem Wachraum geholt, zusammen mit einem randvollen Köcher mit Bolzen.

Joro hatte eine klare Absicht gehabt und da Celestus ihn nicht davor gewarnt hatte, diese zu verfolgen, vertraute er auf dessen Hilfe.

Als einer der Reiter schließlich landete, schoß er vorwärts und hieb auf den Kopf des Tieres. Gleichzeitig hörte er hinter sich ein metallisches Knallen und ein lautes Zischen kam dicht an seinem linken Ohr vorbei. Hrynn hatte den Reiter in die linke Schulter getroffen und dieser fiel vom Lindwurm herunter, welcher durch den Schlag ins Taumeln geraten war. Joro ließ aber nicht nach und verpaßte dem Halbdrachen so lange Schläge auf den Kopf, bis sich dieser durch eine der Entladungen des Hammers in einem Eisklumpen verwandelte und das Tier endgültig zusammenbrach.

Der von Alystin abgelenkte Reiter hatte sein Tier wieder unter Kontrolle bekommen und schoß nun mit seinen vier anderen Kameraden gleichzeitig auf Joro herunter. Dieser konnte dem Schwanzstachel eines der Lindwürmer nicht ausweichen und die Wucht des Aufpralls warf ihn zu Boden. Einer der Stachel hatte ihn am rechten Oberarm geritzt und sofort merkte er, wie sich eine Taubheit in seinem Arm breitmachte. Er rappelte sich mühsam wieder auf und entging nur knapp einem heransirrenden Pfeil.

Celestus Stimme war die Ruhe selbst.

‚Kümmere dich nicht darum, ich sorge schon dafür, daß es dich nicht umbringt.’ Hrynn hatte seine Armbrust nachgeladen und feuerte nun erneut, jedoch prallte der Bolzen an den harten Brustschuppen eines der Halbdrachen ab.

‚Wir müssen die irgendwie aus der Luft holen…’, meinte Joro verzweifelt zu der Stimme in seinem Kopf.

‚Omareth und Ghaundar hatten da schon eine wunderbare Idee, ich glaube sie sind gleich soweit. Du mußt nur noch eine kleine Weile aushalten.’

Ein weiterer Sturmangriff eines der Reiter war jetzt für Joro kein Problem mehr, denn er wußte schon, daß er auf den Schwanz achten mußte und stellte sich mit leicht gebeugten Beinen hin und hielt den Schild mit beiden Händen fest.

Der Aufprall war wieder hart, aber dieses Mal blieb er auf den Beinen und konnte zu seiner Verwunderung sehen, daß die Tatsache, daß der Schwanzhieb aufgehalten wurde, den Lindwurm zum taumeln brachte und den Reiter fast abwarf.

Als der nächste angeflogen kam, griff er seinen Hammer, auch wenn die immernoch vorhandene, wenn auch weniger stark gewordene Taubheit in seinem Arm das nicht einfach machte.

In dem Moment, als der Schwanz ihn traf, rückte er sogar noch ein wenig nach vorne und schlug dann so stark er konnte auf das gestachelte Ende. Das Tier kreischte laut, begann kurz zu trudeln und schlug dann mit voller Wucht auf den Boden des Haupthofes auf, schlitterte noch weiter und kollidierte dann mit der Wand des Hauptgebäudes.

Der Reiter, der abgeworfen worden war, lag bewegungslos auf dem Hof und Joro nahm an, daß er sich nicht mehr um ihn kümmern mußte.

Es waren noch vier Lindwürmer in der Luft und die Legionäre auf deren Rücken waren sich offenbar nicht mehr sicher, was sie machen sollten. Sie gingen auf Distanz und riefen sich gegenseitig etwas zu, das Joro nicht verstand. Doch aus dem Augenwinkel konnte er plötzlich einen Schatten sehen, der auf dem Dach des Zellengebäudes entlanghuschte.

Ghaundar erschien am Giebel und gestikulierte: ‚Wir haben einen Weg gefunden, sie herunterzubekommen. Du mußt sie nur näher heranlocken.’

‚Alle?’, gab Joro zurück.

‚Ja alle, sind doch nur vier.’, Ghaundar grinste.

Ein Donnern erschütterte den Nachthimmel, als das Luftschiff, daß sie beschossen hatten, auf den Boden aufschlug. Die vier übrigen Reiter wandten ihren Blick gleichzeitig in diese Richtung und machten Anstalten, hinüberzufliegen, aber etwas in Joro verlangte danach, auch diese vier noch zu erwischen.

„Hey, ihr Bastarde! Ihr wollt mich haben, dann kommt und holt mich!“, er warf den Schild zu Boden und riß die Arme nach oben.

Einer der Legionäre sah zu ihm herunter und gab seinen Kameraden ein Zeichen. Sie hoben ihre Bögen und Joro sah zu, daß er so schnell er konnte in einen toten Winkel an der Hauswand verschwand.

Es wirkte, denn die Lindwürmer schossen mit rauschenden Schwingen herab. Was folgte war ein zunächst ein peitschendes Geräusch, dann der Wutschrei eines der Tiere und kurz darauf ein unglaublich lautes Krachen. Neben Joro, keine zwei Schritte entfernt schlug ein Legionär auf, dessen Schädel beim Aufprall widerlich knackte. Er sah verwundert auf und sah dicht über dem Hof das Tier entlangfliegen, das allerdings jetzt zwei schwarzhäutige Reiter hatte.

Omareth, der an den Zügeln saß lenkte den Lindwurm direkt auf das zweite Luftschiff zu und Joro konnte erkennen, daß Ghaundar hinter ihm saß und irgendetwas mit einer Flamme in der Hand hielt. Der General hatte scheinbar einige Probleme, sein Reittier zu lenken, aber irgendwie schaffte er es trotzdem, es dazu zu bewegen, daß Luftschiff anzusteuern, das mittlerweile an großer Höhe gewonnen hatte.

Sie erreichten das Schiff, Omareth zog den Lindwurm hoch und flog seitlich am Segel vorbei, auf daß Ghaundar das warf, was er in der Hand gehalten hatte. Das Tuch entflammte in unglaublicher Geschwindigkeit und Omareth bemühte sich, so schnell er konnte wieder von dem Schiff fortzukommen, denn die Hochelfen auf dem Deck begannen, mit Bögen auf ihn zu schießen.

Nach wenigen Augenblicken bekam das fliegende Gefährt Schlagseite und dann stürzte es mit einem Mal wie ein Stein vom Himmel. Joro ging um die Ecke in den Nebenhof und sein Kiefer klappte nach unten. Am Boden lagen drei tote Lindwürmer, die allesamt zerschmettern waren, deren ehemalige Reiter sahen auch nicht besser aus.

Neben dem Eßsaal lag eine völlig zerborstene, vormals sehr große Holzkiste, deren oberes Ende mit einem nur noch locker gespannten Seil am Lastenkran des Dachbodens hing. Joro fiel auf, daß das Tau mit der anderen Seite um den Flügel eines der toten Reittiere gewickelt war. Ghaundar und Omareth mußten die drei Tiere damit zum Absturz gebracht haben, daß sie das vorderste Tier mit dem Seil verbunden und dann durch das Herabwerfen der Kiste in die anderen beiden gezogen haben.

Nur wie in aller Welt waren sie auf den vierten Lindwurm gekommen? Omareth und Ghaundar sprangen über dem Dach des Zellengebäudes ab und der letzte der Halbdrachen verschwand kreischend im Nachthimmel.

Joro, immernoch nackt und am ganzen Körper mit Schnittwunden von den Splittern des zerstörten Geschützes übersät, sank auf der Stelle, an der er stand zusammen und schloß die Augen. Er war furchtbar erschöpft und der Kampfrausch, der ihn erfüllt hatte klang ab und hinterließ eine schleichende Müdigkeit, die mit jedem Augenblick zunahm.

An einigen Stellen, unter anderem im linken Bein und auch im linken Oberarm, konnte er merken, daß Holzsplitter in den Wunden steckengeblieben waren. Aber die Schmerzen waren ihm egal, er hätte sich jetzt nicht einmal beklagt, wenn ein Dachziegel auf von ganz oben auf seinen Fuß gefallen wäre.

Alystin kam zu ihm herübergelaufen.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“

„J…ja. Ich glaube ich bin einfach nur erschöpft.“ „Du blutest ziemlich stark, Joro, wir müssen die Wunden versorgen.“ „Schaut lieber erst einmal nach, ob es nicht im Gebäude schwerer verwundetere Personen gibt“, er versuchte den Arm zu heben, aber der stechende Schmerz ließ ihn die Hand mit einem Ächzen wieder senken. Das veranlaßte die Priesterin dazu, ihn am rechten Arm zu greifen und hochzuziehen. Auf sie gestützt humpelte er zum Hauptgebäude herüber und sie betraten die Eingangshalle.

Marinus war nicht untätig gewesen. Er hatte eine ganze Reihe von Pritschenbetten aufgestellt, auf denen er und die anderen unverletzten Mönche diejenigen unter ihnen, die weniger Glück gehabt hatten versorgten. Als er Joros Zustand sah, lief er zu einem Servierwagen, den er kurzerhand mit Verbandsmaterial und Wasserschüsseln vollgeladen hatte und schob ihn zu einer leeren Bahre.

„Es ist keine Zeit, Euch in Euer Gemach zu bringen, Eminenz, Ihr verliert Blut.“ Joro war unterdes zu schwach geworden, um noch etwas zu sagen und es wurde ihm schwarz vor Augen.

Für einen Moment hätte er erwartet, wieder zu erleben, daß ihm Celestus eine Offerte machte, aber nichts dergleichen geschah. Anstelledessen kam er irgendwann wieder im Bett des Bischofsgemaches zu sich. An Arm und Bein, sowie am rechten Fuß hatte er dicke Verbände und vor allem die Beinwunde schmerzte stark.

Alystin saß auf der Bettkante und legte ihm einen Stofflappen mit kaltem Wasser auf die Stirn.

„Da bist du ja wieder“, sie strich über seine Wange.

„W…wie lange war ich bewußtlos?“, fragte Joro mit leiser Stimme.

„Nicht sehr lange. Ein paar Stunden vielleicht, es ist bald Mittag“, sie wusch sich die Hände in einer Schale und stand dann auf, um in eine der Zimmerecken zu gehen, wo sie an etwas hantierte. Joro konnte sie nicht sehen, da er zu schwach war, seinen Kopf zu drehen. Alystin kam schnell wieder und hatte einen kleinen Salbentopf in der Hand. Sie öffnete ihn und begann, die Salbe auf einige der inzwischen zwar gesäuberten und verschorften, dennoch aber schmerzenden Schrammen und kleineren Schnitte aufzutragen. Sehr schnell stellte sich eine lindernde Wirkung ein, die Stellen wurden warm und der Schmerz wurde stark abgeschwächt.

„Danke…“, Joro sah sie glücklich an.

Sie lächelte ihn an und wischte mit einem sauberen Tuch die Salbenreste von ihren Fingern.

„Es ist schließlich mein Beruf. Außerdem ist es besonders schön, wenn dieser mich glücklich macht und das ist gerade der Fall.“

Auch wenn er jetzt lieber geschlafen hätte, rasten einfach zu viele Gedanken durch seinen Kopf.

„Hat es Tote gegeben?“

„Einer der Mönche wurde von einem Balken getroffen, der ihm ein Bein zerschmettert hat. Gestorben ist aber niemand, vorhin waren alle mehr oder minder vollzählig“, Alystin verzog das Gesicht, „Verzeihung, das war ein böses Wortspiel.“

Joro stöhnte leise.

„Schon gut, ich denke ein wenig Galgenhumor kann gerade nicht schaden.“ „Hast du immernoch Schmerzen?“

„Nicht mehr allzu stark, aber ich bin unglaublich erschöpft.“ „Dann schlaf ein wenig. Ich passe schon auf, daß dir nichts geschieht“, sie lächelte.

Obwohl er müde war und Erholung gut vertragen hätte, schlief Joro sehr unruhig. Hin und wieder schreckte er hoch und schaute sich um, aber es war alles still und Alystin saß neben seinem Bett auf einem Sessel und war auch eingenickt.

Es tat überall an seinem Körper weh, auch wenn es nur noch ein dumpfes Pochen war, die Salbe, die sie ihm aufgetragen hatte, dämpfte das Ganze wohl immernoch.

Drei größere Wunden hatten es erforderlich gemacht, daß sie genäht wurden. Er hob die Decke ein wenig und schaute an sich herab.

‚Meine ersten Kriegsnarben’, dachte Joro.

‚Auch nicht die letzten’, meinte Celestus trocken.

‚Danke, das baut auf’, der Bischof verzog das Gesicht, als bei dem Versuch, sich auf die Seite zu drehen klar wurde, daß die Schmerzen das verhindern würden.

‚Nichts, was du nicht ohnehin schon weißt“, der Gott klang beinahe gleichgültig, ‚das nächste Mal wirst du vielleicht wenigstens jemanden darum bitten, dir etwas zum Anziehen zu geben, wenn du schon deine Robe fortwirfst.’

‚Irre ich mich oder bist du gerade sehr zornig? Solche Nichtigkeiten sind für dich sonst auch keine Gesprächsgrundlage.’

‚Nun, laß mich nachdenken, ein paar Hochelfen haben heute mein Kloster bombardiert’, Celestus’ Stimme nahm nun tatsächlich eine Stimmlage von kaltem Zorn an, ‚meinst du nicht, daß mich das vielleicht ein wenig wütend macht?’

‚Es war eine gute Erinnerung daran, daß wir hier auch nicht sicher sind. Ich hätte diesen Botschafter töten oder als Geisel nehmen sollen, dann hätten wir das Problem nicht.’

‚Das hätte beides den gleichen Effekt gehabt. Der Prophet verhandelt nicht und wenn einer seiner Gesandten getötet oder gefangengenommen wird, ist ihm das einerlei. Er hat genügend Freiwillige, die sofort nachrücken würden.’

‚Ich muß dringend mehr über diesen Mann erfahren’, Joro starrte an den Betthimmel.

‚Dabei kann ich dir nur viel Glück wünschen, mein Sohn. Ich weiß nämlich auch nichts über ihn…’

Kapitel 4

Joro wachte früh am Morgen auf, Alystin schlief immernoch in ihrem Sessel. Probeweise versuchte er, sich aufzusetzen und mit Freude merkte er, daß die Schmerzen insoweit abgeklungen waren, daß das auch möglich war. So leise er konnte, versuchte er aufzustehen, aber dem feinen Gehör der Dunkelelfe entging nichts.

„Nicht aufstehen, du bist noch nicht wieder gesund“, sie rieb sich die Augen und legte ihn sanft, aber bestimmt wieder in das Bett.

„Aber ich hab doch noch so viel zu tun…“

„Das kann warten. Wenn du nicht wenigstens solange wartest, bis die genähten Wunden wieder zugewachsen sind, können sie sich entzünden. Ob wir sie nun gewaschen haben oder nicht.“

Joro verzog das Gesicht, denn gerade nach dem, was am Vortag geschehen war, fand er es wichtiger als sonst, präsent zu sein.

„Kannst du wenigstens Marinus sagen, daß er so schnell wie möglich vorbeikommen soll? Ich will wissen, wie die Lage aussieht.“

Alystin lächelte und gab ihm einen sanften Kuß auf die Wange.

„Ich sage es ihm. Aber erst einmal sehe ich zu, daß ich ein Frühstück auftreibe.“ Sie verschwand aus der Tür und erneut dachte er darüber nach aufzustehen, aber hätte er das getan, wäre Alystins Reaktion darauf diabolisch gewesen.

Also saß Joro aufrecht im Bett und betrachtete aus Langeweile die genähten Wunden und als er sah, daß sie wesentlich tiefer waren, als er am Vorabend gesehen hatte. Er seufzte und ließ sich in die Kissen fallen. Dann war er eben erst einmal ans Bett gefesselt.

‚Kannst du die Wunden nicht einfach schließen?’, fragte er die Stimme ins einem Kopf.

Celestus grunzte abfällig.

‚Ich bin kein Feldscher. Davon abgesehen, willst du mich jedes Mal um Beistand bitten, wenn du dir nur den Daumen anritzt?’

‚Die Wunden scheinen recht tief zu sein…’

‚Ich habe dir gestern Nacht das Leben gerettet, als dich ein Lindwurm in den Arm stach. Den Rest wird Mutter Natur schon alleine schaffen.’

‚Verzeihung, ich wollte nicht unverschämt klingen’, Joro seufzte, ‚es ist nur unerträglich, hier ans Bett gefesselt zu sein.’

Der Gott erwiderte nichts mehr und kurze Zeit darauf öffnete sich die Tür und Alystin kam, einen Servierwagen vor sich herschiebend, wieder ins Zimmer.

Es erstaunte Joro, daß der Tisch nicht völlig vor Speisen überquoll, aber an ihrem genervten Gesichtsausdruck entnahm er, daß sie wohl mit Franz diskutiert hatte.

„Dieser Mann ist schlimmer als Illivara, wenn sie betrunken ist“, sie keuchte und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

Joro lachte, was aber sehr schnell wehtat.

„Wollte er wieder eine Jahresverpflegung mitschicken?“ „Ja. Und ich habe ihm gesagt, daß das weder notwendig, noch angebracht ist… Du kannst dir ja denken, wie er darauf reagiert hat.“ Das konnte er.

„Ich freue mich trotzdem, daß du etwas zu essen mitgebracht hast. Ich habe Hunger wie ein Wolf.“

Sie aßen mit großem Appetit und als sie fertig waren lehnte sich Joro wieder in die Kissen.

„Du hattest recht, es ist besser, daß ich im Bett liege.“ „Manchmal weiß ich, was ich tue“, Alystin sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an und deckte ihn zu, „Übrigens habe ich vorhin mit Marinus geredet und er hat gesagt, daß er, so schnell es geht hier herkommen wird. Er meinte allerdings, daß er noch sehr viel zu tun hat.“ „Wie sieht es aus?“

„Die meisten Mönche sind wieder auf den Beinen, der mit dem zerquetschten Bein liegt allerdings noch in seiner Zelle und wird versorgt. Er hat sehr viel Blut verloren, daher ist es noch nicht sicher, ob er überleben wird.“

„Verdammt…“

Sie zuckte mit den Achseln.

„Wir können froh sein, daß nicht mehr passiert ist als das. Omareth hat sich vorhin zu Olgerich aufgemacht und will dafür sorgen, daß das Kloster besser geschützt ist. Außerdem hat er dafür gesorgt, daß die Wachen verdoppelt werden.“

Joro sah Alystin lange an, die seinen Blick nur stumm erwiderte.

„Ich…“

„Ja?“

Er sah beschämt auf die Decke.

„Es ist mir unangenehm, dich einspannen zu müssen, aber könntest du ein paar Wege für mich erledigen?“

„Was soll ich denn tun, großer Meister?“, sie klimperte kokett mit den Augen.

„Jetzt mach dich nicht über mich lustig, wenn ich könnte, täte ich das alles selbst.“ „Wird es eine lange Liste?“

„Hm“, Joro kratzte sich am Kopf, „also erstens muß ich so schnell wie möglich mit Olgerich reden. Zweitens brauche ich dringend meine Schreibsachen hier. Wenn ich schon nirgendwo hingehen kann, will ich wenigstens an meinem Buch arbeiten.“

Sie nickte.

„Noch etwas?“

„Ja, magst du gleich wieder herkommen, wenn du fertig bist?“, er grinste.

„Ich glaube, daß sich das einrichten ließe“, sie lächelte zurück und strich ihm über das Gesicht, dann stand sie von der Bettkante auf.

„Bis gleich.“

Als sie aus der Tür trat, kam Marinus gerade herein, eine Reihe von Dokumenten unter dem Arm. Er begrüßte Alystin kurz, dann kam er zum Bett herüber und die Dunkelelfe schloß die Tür hinter sich.

„Ihr hattet nach mir schicken lassen, Eminenz? Es tut mir leid, es war zu viel zu tun und ich habe mich eben erst erinnert, daß Eure Gefährtin mir sagte, daß ihr mich erwartet.“

„Könntest du bitte endlich „du“ zu mir sagen, Marinus?“, Joro stöhnte.

„Nicht, solange ich als Klostervorsteher für den Bischof von Bargum arbeite.“ „Also gut, ich gebe es auf. Kannst du mir einen kleinen Überblick über die Schäden am Kloster und die Verletzten geben?“ Marinus nickte.

„Die Dachstühle des Hauptgebäudes und von Teilen des Zellentraktes sind schwer beschädigt, wir werden sogar einige Balken austauschen müssen. Im Eßsaal und einigen der Gastquartiere hat es kleinere Brände gegeben, aber der Schaden ist gering. Außerdem sind bis auf einen alle Mönche wieder in gutem Zustand, also würde ich als Conclusio sagen, daß wir mit einem Schrecken davongekommen sind.“

Joro fühlte sich erleichtert, denn offenbar hatte es sich gelohnt, daß er verletzt im Bett lag.

„Gut, dann habe ich jetzt einige Anordnungen.“ Marinus zückte einen Kohlestift aus seinem Ärmel und nahm einen kleinen Zettel zwischen den Akten hervor, die er unter der Achsel hatte.

„Also?“

„Werft alle Gardisten auf der Stelle auf die Straße.“ Der Totengräber ließ erstaunt den Stift sinken.

„Meint Ihr das ernst, Eminenz?“

„Ja. Gib ihnen ihren letzten Sold und sag ihnen, daß sie gehen sollen. Die Waffen und Rüstungen bleiben aber hier!“

„Ist das klug? Ich meine… wir wären dann völlig ohne Soldaten hier.“ „Was ich gestern Nacht gesehen habe, hat mir gereicht. Genausogut könnten wir eine Horde Orcs mit Mistgabeln zum Schutz unseres Klosters abstellen, nur hätten die im Zweifelsfall noch einen Nutzen.“ „Gut, wenn Ihr das sagt, ist es so“, Marinus kritzelte ein paar Notizen auf den Zettel, „und weiter?“ „Besorgt Hilfskräfte aus der Stadt, die dabei helfen, daß Kloster wieder herzurichten. Ich weiß, daß das auch unsere Leute machen könnten, aber auf diese Weise sorgen wir dafür, daß die Armen eine Arbeit haben und auch etwas Warmes zu Essen in den Bauch bekommen.“ Marinus nickte wieder und schrieb.

„Drittens: Was haben wir noch an Steinen im Lager?“ „Verzeiht?“

„Haben wir irgendwelche Vorräte an Steinen in unseren Lagern? Für Bödenbeläge oder so etwas?“

„Nun“, der Klostervorsteher kratzte sich am Kopf, „es gibt einen großen Vorrat an poliertem schwarzen Marmor, der für Ausbesserungen an den Wänden und Böden gedacht war.“

„Würde das reichen, um zumindest die Hauptwege über die beiden Innenhöfe zu pflastern?“ „Ihr wollt sündhaft teuren Stein für…“

„Ja, richtig. Es dürfte dir nicht entgangen sein, daß wir draußen zwei riesige Schlammsuhlen haben, sobald es regnet.“

Marinus schaute zweifelnd, aber Joro wußte schon, was er dachte, als fuhr er fort: „Es ist mir bewußt, daß das wie ein dumme Schönheitskorrektur anmuten muß, aber ich denke, daß es nicht nur dafür sorgen wird, daß die Armen sich ein Zubrot verdienen können, wenn die Dächer wieder repariert sind, sondern auch , daß wir uns auch bei schlechtem Wetter besser durch das Kloster bewegen können. Ich bin mir durchaus darüber im klaren, daß wir im Kriegszustand leben…“, er senkte die Bettdecke ein wenig und verwies auf einige seiner Wunden, „glaub mir, ich weiß es.“ „Einen gewissen praktischen Nutzen hätte es“, Marinus kratzte sich am Kopf, „und ich wollte auch nicht Eure Entscheidung anzweifeln.“ „Doch…“

„Nein, wirklich nicht.“

„Laß’ mich halt ausreden“, Joro grinste, „was ich sagen wollte war: Doch, tue das, so oft es nur geht. Ich bin nicht allwissend und auch nicht sonderlich weise. Wenn ich etwas entscheide, was sinnlos ist, dann sag mir das so früh wie möglich. Das ist immernoch besser, als wenn wir am Ende mit einer Katastrophe umgehen müssen.“

Der Totengräber nickte und meinte dann: „Gut, dann werde ich Sorge tragen, daß das alles umgesetzt wird.“

Er verließ den Raum und Joro war erst einmal wieder alleine. Es war schon seltsam, daß er hier saß und Leute durch die Gegend schickte. Auch wenn das ganze etwas angenehmes an sich hatte, beschämte ihn erneut die Tatsache, daß er nicht auch selbst etwas tun konnte, aber das Gefühl war nicht von langer Dauer.

Die Tür zum Schlafgemach öffnete sich und drei Mönche traten ein, mit Alystin im Gefolge.

Sie trugen zwei Schreibpulte, davon eins mit kurzen Beinen, Kiele, Tintenfässer und Löschsandtöpfe herein. Alystin selbst trug sowohl den Wälzer, an dem Joro arbeitete, als auch Albrechts Version mit sich.

Es wurde schnell klar, daß das kleinere Pult dafür konstruiert war, daß es auf ein Bett gestellt wurde, sodaß derjenige, der darin lag in einer angenehmen Position daran arbeiten konnte. Das andere, normale stellten sie so neben das Bett, daß Joro bequem in dem Buch darauf blättern konnte.

„Ich danke euch allen. So kann ich wenigstens dafür sorgen, daß ich nicht vollkommen untätig an diesen Ort gefesselt bin.“

„Es ist uns eine Ehre“, meinte einer der Mönche mit einem Lächeln und dann verließen die drei Priester den Raum.

Alystin sah amüsiert in seine Richtung, als er sofort anfing, sich über die Bücher herzumachen.

„Ich bekomme so langsam den Eindruck, daß dir dieser Beruf auf den Leib geschneidert ist, mein Joro.“

Er grinste frech.

„Da hast du nicht ganz Unrecht“, sein Gesichtsausdruck wechselte zu besorgt, „du langweilst dich doch hoffentlich nicht?“

„Nein, überhaupt nicht“, lachte sie, „Ich habe vor, gleich mit Ghaundar einen kleinen Rundgang durch die weniger offiziellen Teile des Klosters zu machen, man muß ja wissen wo man ist, nicht wahr?“

„Das ist wieder so eine dunkelelfische Angewohnheit, oder?“ „Ganz genau“, sie lächelte, „ich bin sehr bald wieder da, aber ich denke, daß du jetzt vermutlich sowieso für eine Weile abgelenkt sein wirst.“ Joro hörte sie schon gar nicht mehr.

Alystin hatte Wort gehalten –alles andere hätte Joro auch verwundert- denn am frühen Nachmittag kam Olgerich zu Besuch. Der Bischof hatte gerade eine Pause eingelegt und verzehrte etwas von dem, was Franz zwischenzeitig vorbeigebracht hatte. Der Koch war noch wortkarger als sonst und schien ein wenig beleidigt, aber Joro hatte weder die Kraft noch den Willen, jetzt mit ihm darüber zu reden.

Der Stadtfürst blickte besorgt in Joros Richtung, als der den Raum betrat und dieser winkte sofort ab.

„Es ist weitaus weniger schlimm, als Ihr vielleicht glaubt, Olgerich. Ich bin hier immerhin inmitten von Heilern.“

„Vielleicht spielt auch mein schlechtes Gewissen dabei eine Rolle. Unsere Stadtwache hat gestern völlig verschlafen, was sich hier abspielte. Als wir endlich mit einer Kompanie anrückten, war der Kampf schon längst vorbei.“

„Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern“, sagte Joro verblüfft.

„Man hatte Euch schon in Eure Gemächer gebracht, Eminenz. Ich möchte mich wirklich aufrichtig entschuldigen.“

„Es ist ja nichts geschehen. Grämt Euch nicht, Olgerich.“ Der Fürst deutete auf den Sessel neben dem Bett.

„Darf ich?“

„Natürlich, verzeiht meine schlechten Manieren.“ Nachdem sich der alte Mann auf den Sessel hatte sinken lassen, machte er eine abwägende Geste.

„Was mich dabei am meisten ärgert, ist, daß wir eigentlich für solche Vorkommnisse gerüstet sein müßten. Aber wie mir scheint, sind unsere Soldaten einfach nicht darauf vorbereitet.“

„Das macht das, was ich mit Euch bereden wollte ein wenig schwieriger.“ „Hm?“, Olgerich sah ihn fragend an.

„Ich habe soeben die gesamte Klosterwache entlassen.“ „So etwas hatte ich schon erwartet. Ich habe mich heute Mittag mit Herrn Omareth und Hrynn getroffen und die Lage diskutiert. Wie es scheint waren beide gestern mehr als unzufrieden mit deren Leistung, bei der Gelegenheit habe ich sogar einige neue Worte der Drowsprache gelernt, die sich allerdings wohl kaum für eine sittliche Konversation eignen.“ „Nun, Olgerich“, Joro drugste ein wenig herum, „ich hatte ja schon vor einiger Zeit eine Idee erwähnt, die ich eine Weile hatte. Darüber möchte ich jetzt noch einmal mit Euch reden, was unsere jetzige Lage angeht, ist es vermutlich überfällig.“ „Worum geht es?“

„Ich will eine eigene Klostergarde aufstellen. Die besten Waffen, die besten Rüstungen, die besten Männer. Wir haben sowohl mit Hrynn als auch Omareth zwei der besten Generäle hier, die Daishan jemals auf seinem Boden hatte.“

Des Fürsten Blick wirkte unentschlossen, daher fuhr Joro fort.

„Ihr hattet mir gesagt, daß Euer Hauptmann ein ausgesprochen fähiger, ehemaliger Söldner ist. Er wird ohne Zweifel sagen können, welche jungen Männer in der Stadt die talentiertesten und tapfersten sind. Wenn wir das Wissen von Omareth und Hrynn damit kombinieren, sollte sich in kurzer Zeit eine sehr schlagkräftige Truppe bilden lassen.“

Weiter: Teil 3 von 11