Der Prophet, Teil 2

Arkanai · Kapitel 1 von 1 · Teil 11/11

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Der Prophet, Teil 2

Der Prophet, Teil 2

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.

'Und damit bist du zufrieden?' fragte Joro in seinem Kopf.

'Am Ende funktioniert Beides auf die gleiche Weise, es ist nur eine Frage der Perspektive', gab Celestus mit deutlich amüsierter Stimme zurück.

Joro mußte sich erst einmal sammeln, aber Plok war immernoch bei der Sache.

„Ich vermute mal, daß wir eine ganze Reihe von Kompromissen erreichen werden müssen, aber ich habe in deiner Abwesenheit dafür gesorgt, daß dich alle als besondere Person und meinen persönlichen Schamanen ansehen und dich auch dementsprechend behandeln”, für einen Moment sah der Orc Joro mit einer forschenden Miene an und fragte dann: „Du bist doch mein persönlicher Schamane, oder?”

Joro nickte.

„Natürlich. Aber du mußt dir auch bewußt sein, daß ich der Anführer der Kirche bin und deshalb noch andere Verantwortungen habe, als nur für dich zu sorgen.”

Der Häuptling hob beide Hände.

„Was du mit den Menschen und allen anderen hier tust, ist nicht meine Sache, solange du unter den Orcs deine Stellung einnimmst und diese gut vertrittst. Um alles andere kümmere ich mich selbst.”

Eine Stimme erscholl im der Schreibstube.

„Störe ich?”

Es war Alystin und die Reaktion Ploks war eine Überraschung für sowohl Bischof, als auch Drow. Der Orc fuhr mit einem Zischen aus seinem Stuhl, griff mit beiden Händen seinen Hammer und stellte sich schützend vor Joro.

Natürlich fuhr die Hand der Hohepriesterin sofort zu ihrem Schwert und es bedurfte sowohl einer Willens-, als auch einer Kraftanstrengung Joros, sich an Plok vorbeizuquetschen und zwischen die beiden zu gelangen.

„Halt! Hier wird keiner irgend jemanden angreifen!”

Während der Orc ihn fassungslos anstarrte, verschränkte Alystin mit einem leicht hochgezogenen Mundwinkel, der durch den sorgenvollen Blick in ihren Augen unterminiert wurde die Arme vor dem Körper.

Zum Häuptling gewandt, die Hände in einer beschwörenden Geste, sagte Joro, so ruhig es seine Verfassung zuließ:

„Kannst du dich daran erinnern, daß ich dir sagte, daß ich mit Drow trainiert habe und mit ihnen lebe?”

Für einen Moment sah es so aus, als verstünde Plok kein Wort von dem, was Joro ihm sagte, aber dann verlor der Blick des Orcs langsam seinen halb wahnsinnigen Glanz und er ließ betont langsam die Waffe sinken.

„Hatte ich vergessen. Eine Vorwarnung wäre mir durchaus gelegen gekommen.”

Alystin sah ihrerseits verblüfft aus.

„Hat er das wirklich gerade genau so gesagt?”

„Celestus hat nachgeholfen”, Plok zog so männlich, wie ihm das möglich war Rotz in der Nase hoch. Dann hielt er kurz inne, sah von Joro zu Alystin und wieder zurück zum Bischof und fragte dann:

„Ist sie diejenige, die, also...”

Joro wurde puterrot und nickte nur verschämt und fuchtelte mit seiner Hand hin und her.

„Alystin, Plok...Plok, Alystin.”

Weder Orc noch Drow bewegten sich einen Handbreit. Nach einer Weile des peinlichen Schweigens sah der Bischof in die Runde und fragte:

„Gibt es irgendein Problem, bei dem ich behilflich sein kann?”

Plok brach als erster die Stille.

„Ich hab noch nie eine Drow direkt aus der Nähe gesehen. Sie ist so...klein...”

Nach einer kurzen Pause meldete sich Alystin zu Wort mit:

„Ich habe noch nie einen so derart großen, grünen...”, dann brachen sowohl der Orc als auch sie in Lachen aus.

Joro, der sich außen vor fand, hatte zwar wie gewohnt zunächst den Impuls zu schmollen, aber stattdessen zuckte er nur mit den Achseln und meinte:

„Wenn sich hier keiner mehr gegenseitig auf den Kopf hauen will, wäre ich zumindest erfreut, wenn du den Hammer weglegen könntest, Plok. Wenn hier ein Gardist reinkommt und dich so sieht, wird es keine Fragen geben.”

Wortlos stellte Plok das Gerät, denn eine Waffe konnte man das Ding nach Joros Ansicht kaum noch nennen, auf den Boden und lehnte den Schaft an den Schreibtisch, was diesen mit einem leisen Knarren etwa eine halbe Handbreit verschob.

„Du bist also Plok”, Alystin trat vorsichtig einen Schritt vor und streckte ihre Hand aus, „Ich habe schon viel von dir gehört.”

Natürlich erwähnte sie nicht, daß sie vor nur wenigen Wochen ziemlich in seiner Nähe gewesen war und Joro dankte Celestus innerlich, daß sie kein Daishani war.

Für einen Moment sah es so aus, als wolle Plok einfach einschlagen, doch dann streckte er vorsichtig seine Hand aus und griff Alystins mit einer bewundernswerten Zartheit. Sie sah ihn verdutzt an und griff seine Hand ordentlich, was ihm erst einen überraschten Laut entlockte, doch dann griff er auch zu und Alystin machte einen schmerzerfüllten solchen.

Der Orc zuckte zurück und sah zu Joro wie ein Kind, daß etwas Dummes getan hatte und dabei erwischt wurde.

Doch Alystin lachte, während sie sich die Hand rieb.

„Du bist wirklich stark Plok, das ist beeindruckend.”

Des Häuptlings Gesichtsfarbe wurde irgendwo zwischen grauviolett und er schaute verlegen auf den Boden.

„Danke. Ich, äh...”

„Keine Sorge, meine Knochen sind alle heil, aber ich werde mich in Zukunft vorsehen”, sie lächelte zuckersüß, was den Orc noch verlegener machte, doch dann sagte sie, „Du bist der Gast des Bischofs und als solcher heiße ich dich auch bei uns Drow willkommen, Joro ist einer von uns.”

„Er sieht nicht wirklich aus wie einer von euch, wenn ich das sagen darf...”

„Nun, mit Worten ausgedrückt, die es dir vielleicht einfacher machen, es zu verstehen: Joro wurde in unseren Stamm aufgenommen, als er uns brauchte und hat sich während seines Aufenthaltes um den Stamm verdient gemacht. Deshalb haben wir ihn als einen der Unsrigen akzeptiert.”

Nun leuchteten Ploks Augen in Verständnis auf.

„Ahh, ja. Hmmm”, er kratzte sich am Kinn, „Aber er ist auch Mitglied meines Stammes. Ich weiß nicht genau, ob das erlaubt ist.”

Joro ging zum Orc herüber und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Plok, wenn es hier eine wichtige Sache für dich zu lernen gibt, dann ist es, daß wir alle ein einziger, großer Stamm sind. Auch wenn einige vielleicht etwas dunkler und dicker oder grüner und größer sind.”

 

Kapitel 18

Zu Joros täglichen Aufgaben war nun neben endlosem Papierkram und einer ganzen Reihe Administrativem, als auch geistlichen Verpflichtungen noch Leseunterricht für zwei Orcs dazugekommen.

Er hatte sich erst erhofft, daß er das vielleicht an einen der Totengräber abgeben konnte, aber leider bestanden die beiden darauf, daß nur er und kein Anderer sie in die Geheimnisse der Buchstaben einweihen durfte. Das führte dazu, daß zwei Stunden jeden Tag darauf verwandt werden mußten, die Grundlagen in die grünen Köpfe zu hämmern.

Vor einiger Zeit hätte es ihn vermutlich noch erstaunt, wie schnell es ging, aber Plok hatte ihn bereits eines Besseren belehrt und die beiden Schamanen waren, wie er es schon vermutet hatte, um nichts dümmer als der Häuptling. Eher das Gegenteil war der Fall und Joro fragte sich mehrfach, ob es nicht von den Göttern so eingerichtet worden war, daß alle paar Generationen ein Orc geboren wurde, der zwar nicht so stark wie die anderen war, aber dafür mit geistiger Brillianz gesegnet und deshalb für einen spirituellen Posten im Volk prädestiniert war.

Die Arbeitsanweisung, gut, -bitte, war von den Duergar prompt angenommen worden, es schien als hätten sie ihren Spaß an der Sache und nach nur zwei Tagen wurden die sechs Waffen bereits zum Kloster geliefert, was dazu führte, daß er bereits an diesem Nachmittag zu den Orcs gehen und die vier Ersten mit ihren Insignien ausstatten konnte.

Die Schmiede hatten sich scheinbar wirklich viel Mühe gegeben, und auch wenn die Waffen aus Stahl waren, waren sie reich verziert und hatten eine ganze Reihe von zusätzlichen Zacken und Ecken, was bei den Empfänger beinahe für Kieksen sorgte.

Plok war darüber sehr erleichtert, denn die vier hatten sich ignoriert gefühlt.

Joro nahm die Gelegenheit auch zum Anlaß, sich über die Veränderungen bei den Orcs zu erkundigen. Die Anzahl derer, die bei den Grünhäutern schwarz gerußte Schafsfelle trugen war gewaltig und die Tätowierungen im Gesicht ein Statussymbol geworden.

Nur wer sich im Kampf bewährt hatte, wurde in die Ränge der „Toten” aufgenommen. Die Knochen und Amulette waren in der Tat vollständig verschwunden, stattdessen trugen die Orcs Sichelohrringe aus Holz oder Stein, trugen Ketten um den Hals, die entweder aus halbmondförmigen Elementen bestanden und hatten, wenn es ihr Status und Rang zuließen, gar eine metallene Sichel daran.

Joro fiel auch auf, daß die höher gestellten Orcs durch die Bank weg gut bewaffnet waren. Der Hort der Knochenbrecher mußte ziemlich groß gewesen sein, denn überall konnte man den matt silbrigen Glanz von Mithrilwaffen sehen.

In der Mitte des Orclagers hatten deren Handwerker, von denen es nach Joros Ansicht erstaunlich viele zu geben schien, ein halbes Dutzend tiefe Essen in die Erde gegraben, in denen sie mit, wie Plok versicherte, aus der Stadt gekaufter Kohle Tag und Nacht dabei waren, einzelne Waffen und Rüstungen in ihren Vorräten zu modifizieren.

Der Häuptling hatte ihn beinahe umgehend nach der Zeremonie dort hingeführt, weil er Joro seine Rüstung zeigen wollte.

Bei den Essen angekommen war er in einem Zelt verschwunden und hatte darauf beharrt, daß der Bischof warten sollte, bis er fertig sei. Daraufhin begann innen ein Heidenlärm, gemischt aus Metall, das auf Metall schlug und die teilweise aufgeregten, teilweise schmerzerfüllten Schreie anderer Orcs. Dann herrschte plötzlich Stille und Plok trat mit einem Ta-taaa! Moment aus dem Zelt.

Joro war sprachlos.

Das, was der Häuptling da am Körper trug konnte man nur als das brutalste bizarre Phänomen seit Erfindung der bitteren Orangenmarmelade beschreiben.

Davon abgesehen, daß sein Kopf in etwas steckte, was man wage als einen dickwandigen, umgedrehten Eimer bezeichnen konnte, war der Rest der Rüstungsplatten, die nicht gerade formschön und an einigen Stellen auch mit gefährlich viel Zwischenraum auf seinem Körper angebracht worden waren mit einer Unzahl an scharfen Kanten, Spitzen und Zacken versehen, insgesamt mußten es wohl an die Hundert sein. Ein Arm war völlig frei, der andere war mit so dicken Platten versehen, daß er sich fragen mußte, wie Plok überhaupt schaffte, diesen anzuheben. Er stellte diese Frage dann auch, aber der Orc grinste, was zu sehen war, weil der Eimer unter der Nase eine Aussparung hatte, die die Hauer des Häuptlings gut zur Geltung kommen ließ.

„Mithril ist ein ausgesprochen leichtes Metall. Die Rüstung wiegt weniger als ein Schaf, wenn man ihm die Hinterbeine ausreißt, oder eine mittelgroße Ziege.”

Im Kopf rechnete Joro bewußt mit Steinen, deren Anzahl er auf zirka vierzig schätzte. Wenn es sich um ein kleines Schaf handelte, was wiederum den eigentlichen Wunsch, sich eben nicht mit dem Bild auseinanderzusetzen zu wollen vollständig ruinierte.

Vierzig Steine waren leider immernoch fast doppelt so viel, wie seine eigene Rüstung wog, aber mit Ploks Körperbau durfte das wohl in Ordnung gehen. Er hatte irgendwann mal gelesen, daß eine volle Gestechrüstung in Hanlar zwischen vierzig und fünfzig Steinen wog und die meisten Ritter waren sicherlich wesentlich kürzer und schmaler gebaut als der Orc.

Das änderte allerdings nichts daran, daß die Rüstung für den Tragenden wesentlich gefährlicher aussah, als für jeden möglichen Gegner.

„Hast du keine Angst, dich an irgendeinem der Teile selbst zu verletzen?”, fragte er bewußt vorsichtig.

Plok schüttelte den Kopf.

„Du hast mich kämpfen sehen, Schamane. Die Idee ist, daß der andere mir so nahe kommt, daß er sich daran verletzt. Außerdem sind alle Spitzen und Kanten so gebogen, daß Schläge keine Wuchtwirkung auf mich und meine Balance haben können.”

Joro hielt einen Augenblick inne und ließ seinen Blick über das Metall wandern. Was der Häuptling sagte, stimmte absolut, nicht einmal die Spitzen, die aussahen wie eine Einladung für eine Klinge, um den Orc einen Wimpernschlag später zu Boden zu ziehen waren so gebogen und gefeilt, daß das unmöglich war. Er mußte sich zugestehen, daß er den Orc ein weiteres Mal unterschätzt hatte.

„Dann habe ich nur eine weitere Frage...”

„Sie gefällt dir nicht”, Plok streckte seinen Unterkiefer vor.

„Nein, nein... sie ist wirklich imposant! Ich habe nur einige taktische Fragen, das ist alles.”

„Taktische Fragen? Was soll das bedeuten?”

Joro stützte das Kinn auf eine Hand und meinte:

„Mein Trainer, Omareth, sagt immer, daß man sich bei einem Gegner die Schwachstellen in der Rüstung heraussuchen soll und diese als erstes angreifen soll. Wenn er diese gezielt verteidigt kann man ihn stattdessen an den anderen Stellen attackieren.”

„Natürlich. Oder aber man stürzt sich auf ihn, damit er gar keine Zeit hat, sich auf irgendeine Verteidigung zu konzentrieren.”

„Äh, ja. Genau. Die andere Frage, die ich mir gestellt habe ist, warum dein rechter Arm völlig frei von Metall ist und warum der rechte eine einzige Platte darstellt. Bringt dich das nicht auch aus der Balance?”

Plok betrachtete kurz seine beiden Arme, dann zuckte er mit den Achseln.

„Der linke Arm ist Schildersatz, weil ich Rechtshänder bin und der Gewichtsunterschied ist nicht so groß, der linke Teil wiegt etwa soviel wie ein in der Mitte...”

„Schon gut. Verstanden.”

„Fein! Nun muß ich nur noch zusehen, daß ich das Ganze gut schwarz gefärbt bekomme. Das Problem mit Mithril ist, daß es praktisch unmöglich ist, es zu färben, Ruß fällt einfach herunter, Blut bleibt auch nicht dran hängen, soweit ich weiß nicht einmal Staub.”

Erst hatte Joro den Impuls, die Duergar als mögliche Option zu erwähnen, aber er entschloß sich lieber dagegen, da er sich möglichen kulturellen Meinungsverschiedenheiten ausgesetzt sah. Dennoch dachte er ernsthaft darüber nach, ob er nicht beizeiten einmal bei Balthasar anfragen würde, ob er nicht die Herausforderung auf sich nehmen wolle, für Plok eine etwas weniger behelfsmäßige Verpackung herzustellen. Für den Augenblick war die einfachere Lösung -hoffentlich- Celestus.

'Kannst du da helfen, Herr?'

'Als kleine Wiedergutmachung für den Feuerstahl?'

'So langsam rege ich mich auf! Ich prophezeie dir, daß der irgendwann mal wirklich nützlich sein wird!'

'Kein Grund zur Aufregung', der witzelnde Ton sprach Lügen, 'aber ich denke, daß das, was du dir vorstellst eine herausragend gute Idee ist.'

Als Joro ihn mit einigem Feuer im Blick ansah, zuckte Plok beinahe zusammen, aber der Bischof machte eine beruhigende Geste und sagte:

„Ruf alle deine Ersten und sonstigen Würdenträger zusammen.”

„Würdenträger? Wir sind Orcs hier”, der Häuptling klang beleidigt.

„Dann halt die fiesesten, brutalsten Krieger, die du hast. Nicht zu vergessen so viele Schamanen wie es nur geht.”

Nachdem dieses nun vollbracht war, setzte Joro seine Maske auf und brüllte so laut er konnte, um die Aufmerksamkeit der Orcs zu bekommen.

Der Effekt war praktisch exakt das Gegenteil, weil diese das zum Anlaß nahmen, mindestens genauso laut zurückzubrüllen. Er nahm die Maske wieder ab und sah Plok mit hochgezogener Augenbraue an. Dieser grinste nur, machte eine übertriebene Kunstpause und brüllte dann in einer Lautstärke, die Joros Zähne vibrieren ließ.

Augenblicklich verstummte die komplette Horde. Haufen.

Der Häuptling sah erwartungsvoll zu ihm herüber und die Orcs taten es ihm gleich.

Joro setzte die Maske wieder auf, zog seine Kapuze über den Kopf und räusperte sich kurz.

„Plok, Sohn des Runk, Häuptling dieses Stammes, knie nieder vor dem Geist.”

Dieser tat, wie ihm geheißen war und der Bischof konnte sich ein 'Dein Zug, ich hoffe es hat den gewünschten Effekt.' nicht verkneifen.

Es hatte den.

Als sich eine Wolke von purer Finsternis um ihren Häuptling formierte, konnte Joro aus den Augenwinkeln sehen, daß eine ganze Reihe der Orcs entweder verschreckt zurücklehnten oder stattdessen nach ihren Waffen griffen, wohl weil sie dachten, ihr Anführer sei in Gefahr, war noch nicht klar, wie es enden würde, aber dann, als sich die Wolke langsam verdichtete und stattdessen praktisch eine Silhouette Ploks wurde, rissen die allermeisten von ihnen ungläubig die Augen auf.

Dann geschah einen Augenblick nichts, bis mit einem Donnerschlag der Schatten, der den Orc umgab verschwand.

Zurück blieb Plok, in seiner Rüstung, diese war pechschwarz und auf der größten Brustplatte prangte eine blutrote Sichel.

Der Orc sah an sich herunter und stieß dann mit hochgereckten Armen ein Brüllen aus, das noch lauter war als das erste, woraufhin alle anderen Anwesenden, Joro inklusive, mit einstimmten.

Zugegeben, die Rüstung machte mehr Eindruck als der Feuerstahl und den völligen Verlust seiner Stimme betrachtete Joro als Arbeitsschaden. Seine Leber würde ihn allerdings am nächsten Morgen hassen, von den Beisitzern des Kabinetts einmal abgesehen, denn das hatte er auch verpaßt. Olgerich hatte zwar einen Boten geschickt, dieser war aber irgendwie in die Sache mit hereingezogen worden und war nach einer halben Stunde mit einigen Stellen, die am nächsten Tag blau sein würden und vermutlich auch den Ansätzen einer Alkoholvergiftung wieder in Richtung Stadtschloß verschwunden.

Joro hoffte, daß er dem Boten die richtigen Worte mit auf den Weg gegeben hatte und nahm die Tatsache, daß er nichts Weiteres von Kloster oder Schloß hörte und auch keine Entsatztruppe geschickt wurde als gutes Zeichen, daß man ihn verstanden hatte.

Er torkelte durch die Stadt, mit der stillen Hoffnung, daß ihn keiner sah und schlich sich, so gut das ging, ins Kloster. Immerhin war es in den frühen Morgenstunden und in einer so arbeitsamen Stadt schliefen wohl alle. Oder fast alle, denn Marinus saß immernoch an seinem Pult und ging durch endlose Berge von Dokumenten.

Der Bischof war dankbar, daß sein Stellvertreter sich nicht zu einem Kommentar hinreißen ließ, er lächelte nur wissend und wünschte Joro eine gute Nacht, als dieser vorbeiwankte.

Eigentlich war er ja gar nicht so besoffen er hatte immerhin noch das Gefühl, daß seine Gedanken klar waren, aber sein Körper wollte ihm einfach nicht gehorchen.

Aber das machte ihn wütend und außerdem konnte er sich das als Bischof eigentlich nicht erlauben. Wo gabs denn sowas?

Also wandte er auf der Stelle um, fiel mitten aufs Gesicht, stand wieder auf, fluchend, machte ein Zeichen an Marinus, daß soviel wie „mir geht’s gut, ich packe das schon” bedeuten sollte und schlurfte wieder heraus auf den Hof. Dort ging er zum anderen Klosterteil herüber, steckte seinen Kopf solange in den Trog mit kaltem Wasser, der vor dem Brunnen stand und ging dann zur Zelle 12, um sich schlußendlich völlig fertig auf die Pritsche fallen zu lassen und sofort einzuschlafen.

Er erwachte am nächsten Morgen mit der Mutter aller Kopfschmerzen, aber auch mit der Überraschung, daß nicht nur seine Robe ausgetauscht worden war, sondern sich auch jemand die Mühe gemacht hatte, seine Haare und seine Maske zu trocknen. Einen kleinen Moment überkam ihm ein Schuldgefühl, denn er war sich sicher, daß da nur eine Person in Frage kam. Aber als er aus dem Fenster blickte, sah er, daß es mit Sicherheit schon wieder Zeit für die morgendliche Sitzung des Kabinetts war, also stand er auf, wankte zwei Schritte und schlug sich fast den Kopf an der anderen Wand auf und ging dann, wiederum fluchend, mehr oder weniger sicheren Schrittes aus der Tür.

Die draußen arbeitenden nahmen keine Notiz von ihm oder versuchten zumindest den Eindruck zu erwecken und dafür war Joro dankbar. Er ging zuerst wiederum zum Trog und hielt seiner Arme lange in das wunderbar kühle Wasser, danach benetzte er auch sein Gesicht.

Dadurch wurde das Kopfweh zwar nicht besser, aber immerhin bekam er das Gefühl, ein wenig klarer denken zu können.

Etwas erfrischt machte er sich dann zum Klostertor auf, wo Joken stoisch dreinblickend auf ihn wartete.

„Bereit für den Gang zum Schloß, Euer Eminenz?”

„J..ja. Ich denke ja.”

„Rauhe Nacht gestern, wenn ich das richtig sehe?”

„Sehr. Aber mir geht’s gut, den Umständen entsprechend.”

„Dann wollen wir mal.”

Auch die Soldaten hielten sich beachtlich taktvoll und sagte nichts und Joro konnte damit gut leben. Der Empfang, der ihn im Schloß erwartete war allerdings umso eisiger.

Sämtliche Anwesenden, mit der Ausnahme Zirs, deren Gesicht immer ein wenig ausdruckslos erschien, warteten und eine Barrage von hochgezogenen Augenbrauen und schiefen Mündern waren das erste, daß ihm im Kabinett ins Auge fiel.

„Bevor irgendwer fragt: Ja, es war es wert und nein, die Absicht war nicht, einen Abend mit Orcs Einen zu heben.”

Dem Schweigen der Anwesenden zu folgen reichte denen das nicht, also seufzte Joro und fügte hinzu:

„Ich habe gestern dafür gesorgt, daß der gesamte Orchaufen versteht wer ich bin und daß ich Macht habe. So wie ich die Anwesenden einschätze, brauchen sie ein bißchen mehr als nur das gute Zureden Ploks. Die Orcs sind meine Verantwortung und ich habe mich darum gekümmert, auch wenn einem gewissen Entgegenkommen ihrer kulturellen Eigenschaft nicht zu widerstehen war.”

„Das Einzige, was wir gehört haben, und zwar buchstäblich, war ein einziges Gegröhle und wir waren zwei Mal kurz davor, die Truppen zu mobilisieren, weil es wirkte, als seien sie auf dem Kriegspfad”, meinte Omareth trocken.

„Wohl kaum”, Joro ließ sich mit einem Stöhnen auf seinen Stuhl sinken, „mit der Menge an Alkohol, die die Orcs aufgestapelt haben, wäre das schon nach kürzester Zeit nicht möglich gewesen.”

Olgerich räusperte sich.

„Was ist denn nun von den Resultat dieser, nun, Maßnahme zu erwarten?”

„Ich bin mir ziemlich sicher, daß es vor gestern Abend noch eine ganze Reihe von Orcs gab, die mich entweder für Ploks Hirngespenst gehalten haben oder mich einfach generell nicht ernst genommen haben”, Joro kratzte sich am Kopf, „im Nachhinein habe ich fast ein wenig das Gefühl, daß es da vorher eine gewisse Chance für den einen oder anderen Zwischenfall gegeben haben könnte, aber das sollte sich jetzt erledigt haben. Als ich mich wieder auf den Weg in die Stadt gemacht habe, waren sofort zwei Dutzend Orcs da, die mich hintragen wollten.”

„Mit anderen Worten, wir brauchen uns nun weniger um sie zu sorgen?”, Alystin legte den Kopf schief.

„Da bin ich mir ziemlich sicher. Allerdings ist ihnen anzumerken, daß sie extrem große Lust haben, nach Süden zu gehen und den einen oder anderen Kopf einzuschlagen”, Joro grinste schwach, denn sein Kopf bereitete ihm Ärger.

„Da sind sie nicht die Einzigen”, murmelte Ulfr aus einem Mundwinkel.

Eine Stimme in seinem Kopf, die nicht Celestus, sondern vermutlich eher seine Eingebung war sagte ihm, daß das mürrische Auftreten der anderen nicht notwendigerweise nur seine Schuld war, also hob Joro seinen Blick und sah fragend in die Runde.

„Was ist passiert?”

Keiner der Anwesenden schien etwas sagen zu wollen, aber dann räusperte sich Ulfr und sagte:

„Letzte Nacht, als die Orcs ihre kleine Feier hatten, hat es einen Zwischenfall gegeben, drei Männer sind tot und ein halbes Dutzend ist hier im Schloß eingesperrt worden.”

„Was für ein Zwischenfall?”, Joro hatte ein ungutes Gefühl.

„Bei der Essensverteilung hat es erst ein kurzes Gerangel gegeben und dann ist offener Streit ausgebrochen. Eine Reihe von Stadtbewohnern haben daraufhin angefangen zu skandieren, daß Menschen in der Stadt wie Wesen zweiter Klasse betrachtet werden und daß scheinbar alle außer ihnen ein Leben in Luxus führen können”, der Nordmann rümpfte die Nase, „als ob wir Hirten keine Menschen wären.”

Olgerich schüttelte müde den Kopf.

„Drei Tote und mindestens zwei Dutzend Verletzte. Und das alles nur, weil es drei Tage am Stück Kohlsuppe gab. Wir haben kaum noch etwas Anderes als eingelegten Kohl auf Lager und auch wenn der nahrhaft ist, gibt es eine ganze Menge Menschen, die ihn auf Dauer nicht mögen.”

„Hat es denn solche Vorfälle vorher auch schon gegeben?”, fragte Joro.

„Nein, das war das erste Mal, daß es zu Ausschreitungen kam.”

Der Bischof wandte sich an Ghaundar.

„Ich meine, mich da an einen Bericht zu erinnern, was ein Regiment im Norden Hanlars angeht, das ein ähnliches Problem hatte...”

Der Assassine zuckte mit den Achseln.

„Reiner Zufall, wenn du mich fragst, es sei denn wir haben es mit einer internationalen Welle des allgemeinen Kohlhasses zu tun.”

„Wie lange bis zur Ernte?”, fragte Alystin.

„Noch drei Wochen, bis dahin müssen wir hier irgendwie durchhalten.”

„Gibt es irgendwelche Nachwirkungen?”, Joro wurde sein übles Gefühl nicht los.

Olgerich nickte.

„Die Stimmung in der Stadt war den ganzen Morgen schon gedrückt und wir werden eine schwere Aufgabe damit haben, wie wir die Täter bestrafen. Der kleinste Fehltritt und ich denke, daß es zu offener Revolte kommen könnte.”

Irgendwas war daran faul, da war sich Joro sicher. Wochenlang Eintracht, eigentlich kaum jemals Streitigkeiten oder andere Probleme und nun mit einem Mal gab es eine Massenschlägerei mit Toten?

„Da stimmt was nicht.”

Zu seiner Überraschung stimmten Omareth, Ghaundar und Ulfr beinahe gleichzeitig zu.

„Wir haben vorher keinerlei auch nur annähernd so ernste Vorkommnisse gehabt, es war ganz im Gegenteil beinahe zu ruhig hier in der Stadt”, sagte der General, „Die Frage ist, was das zu bedeuten hat.”

„Ich bin bereits daran, meine Informanten an der Straße horchen zu lassen”, warf Ghaundar ein, „aber bevor die mit Brauchbarem zurückkommen kann ich nichts weiter dazu sagen.”

„Dann werden wir heute abend sehen, was sich hat herausfinden lassen”, sagte Olgerich, „und jetzt werde ich erst einmal in den Kerker gehen und sehen, was die fünf, die wir eingesperrt haben zu ihrer Verteidigung zu sagen haben.”

„Wenn Ihr nichts dagegen habt, komme ich mit”, sagte Alystin, „ich habe mitunter die Fähigkeit, Leute ihr Gewissen erleichtern zu lassen.”

„Ihr deutet doch nicht etwa an...”, begann der Fürst, aber sie lachte nur und schüttelte den Kopf.

„Es ist Eure Gerichtsbarkeit und ich halte nur in den absoluten Ausnahmefällen etwas von physischer Überzeugungsarbeit. Ich denke es wird reichen, wenn ich mich schweigend im Hintergrund halte.”

„Wollt Ihr ebenfalls dabei sein, Eminenz?”

Joro schüttelte den Kopf.

„Nein, dies hat nichts mit dem Kloster oder der Kirche zu tun. Sollte allerdings einer von denen am Ende vielleicht ihr Gewissen bereinigen wollen, stehe ich natürlich zur Verfügung.”

Sie waren bereits auf dem Weg nach draußen, und eigentlich wollte Joro sich nur zum Kloster schleppen, ein heißes Bad nehmen und dann versuchen sich durch Arbeit von seinem Kater abzulenken, da nahm ihn Ghaundar zur Seite. Er drückte ihm ein längliches, kleines, braunes Ding in die Hand, das aussah wie ein zusammengerolltes Blatt.

„Erstens: nimm das in den Mund, kau ein wenig sanft darauf herum und laß es dann in deiner Wange liegen, bis es anfängt ein wenig bitter zu schmecken, dann kannst du es ausspucken.”

„Ist das eine neue Art von Kautabak?”

„Nein, ein altes Rezept gegen Kater. Zweitens: ich habe etwas, von dem ich mir sicher bin, daß du es dir ansehen solltest.”

„Muß das jetzt gleich sein?”

Der Drow sah ihn mit einem erstaunlich bösen Blick an.

„Nein, es reicht am Markttag in drei Monaten. Glaubst du ich käme jetzt zu dir, um das zu sagen, wenn ich das Gefühl hätte, daß es warten könnte?”

Joro schluckte.

„Nein, wohl nicht... Also was gibt es?”

„Folge mir.”

Sie gingen einige Treppen hoch, immer weiter in den obersten Teil des Schlosses, den Joro noch nie betreten hatte. In einem der Gästezimmer ging Ghaundar auf den Kamin zu, zog einen verborgenen Hebel in der Wand und das hintere Paneel der Feuerstelle sprang mit einem metallischen Knacken ein Stück weit auf.

„Ziemlich stilsicher, Herr Veldrin'ssreen...”

„Nicht wahr?”, der Drow grinste, „und das Beste ist, daß ich das nicht einmal in Auftrag geben mußte. Das ganze Schloß ist Zeugnis eines Vorfahren Olgerichs, der sich vor einer Mischung aus Paranoia und seltsam romantisierten Ideen von geheimen Korridoren und Räumen kaum retten konnte.”

Hinter der Tür, die erstaunlich dick und wie Joro merkte tatsächlich so mit Schamott ausgekleidet war, daß sie wie eine richtige Kaminrückwand funktionieren konnte, befand sich eine kurze Passage, die an einer sehr engen, steilen Wendeltreppe aus Gußeisen endete.

Ghaundar huschte hinauf und deutete Joro, es ihm gleichzutun.n

Der Raum, den er mit der Treppe erreichte war ein gewaltiger Dachboden, der ein Glasdach besaß und so roch, wie man das von einem Dachboden erwartet.

In der Mitte hatte sich Ghaundar mit endlosen Bänken und Tischen so eingerichtet, daß er alle Dokumente, die durch seine Hände gingen mühelos aufspüren konnte.

Auf der einen Seite des Raumes befand sich ein ziemlich großer Kamin, der, wie der Drow nebenläufig erwähnte, eine wunderbare Entsorgungsstelle für nicht mehr benötigte Schriftstücke war und direkt daneben war eine Ecke des Dachbodens für die Raben reserviert, die in einer großen Voliere, die zur Hälfte hinaus aufs Dach ging, fröhlich vor sich hinkrächzten und -flatterten.

Auf der anderen Seite des Raumes war ein Sammelsurium von Gegenständen fein säuberlich in Regalen oder Kisten plaziert, die laut den Zetteln, mit denen sie bedacht waren als Beweisstücke dienten, aber es gab auch Verkleidungen und andere Utensilien, die Agenten beim Dienst im Felde behilflich sein konnten.

Ghaundar wühlte in einer der Kisten und ging dann zu einer Bank mit aufgereihten Papierstücken, die leicht ungeordnet lagen.

„Das hier ist eigentlich die Ablage für „ferner liefen”, aber mir ist heute Morgen, als ich die Stelle des Zwischenfalles untersucht habe, etwas aufgefallen”, er fuchtelte mit dem Etwas, daß er aus der Truhe geholt hatte herum, wobei es Joro immernoch nicht gelang auszumachen, was es war, „es hat nämlich, so wie ich das sehe, jemand etwas zurückgelassen.”

Er fuhr fort, frenetisch durch die Zettel zu gehen, bis er mit einem lauten „AHA!” einen von ihnen hochriß. Auf Joro zugehend klemmte er den Zettel in seinen Mund und während er das Objekt in seiner Hand, das sich nun als ein straff gewickeltes Stück Lumpen entpuppte, auseinanderfaltete, nuschelte er:

„Irgendwer hat in dem Handgemenge ein Stück seiner Unterbekleidung verloren und sehr zu meiner Freude scheint es sich dabei um eine Maßanfertigung zu handeln. Das Zeichen hier”, er hatte das Wickeln beendet und hielt Joro jetzt ein Stück recht übel riechenden, aber straff gespannten Tuches vor das Gesicht (direkt davor, schönen Dank auch...), auf dem ein fremdartiges Symbol zu sehen war, „habe ich in den letzten Tagen mehrfach zu sehen bekommen.

Es sah aus wie eine auf der rechten Seite liegende Neun, die mit einzelnen Strichen gemalt und deshalb leicht kantig wirkte. Auf dem Zettel, den er nun aus seinem Mund nahm waren drei weitere Varianten zu sehen, alle mehr oder minder das Gleiche Zeichen.

„Was hat das zu bedeuten?”, fragte Joro, froh über die Tatsache, nicht alten Urin riechen zu müssen.

„Da fragst du mich genau das, was ich eigentlich dich fragen wollte. Ich habe nämlich keine Ahnung.”

„Hmmm, hast du schon in der Klosterbibliothek nachgesehen?”

„Gleich heute Morgen, aber da war auch nichts zu finden, und hier im Schloß, wo die Literatur eher weltlicher und politischer Natur ist, war auch nichts in Erfahrung zu bringen.”

„Glaubst du, daß das etwas mit den Zwischenfall zu tun haben könnte?”

„Hatte ich erwähnt, daß das Stück Stoff vom Tatort stammt?”

„Ja, aber das bedeutet ja noch nichts, oder?”

Ghaundar machte eine abschätzende Geste.

„Ich kann dir nicht genau sagen, wo ich die anderen Zeichen gefunden habe, aber ich kann dir versichern, daß es jedes Mal in einem Zusammenhang war, der nicht unbedingt mit dem Gesetz konform ging, wenn du meine Andeutung verstehst.”

Joro grinste.

„Du machst doch hoffentlich nichts Verbotenes?”

„Ich nicht, aber in einer Stadt mit so vielen Einwohnern und einer noch größeren Menge von Fremden... Wir haben eine ganze Menge Menschen, Zwerge und sogar einige Gnome in der Stadt, die hier nur „zu Besuch” sind und demnach schwer zu überblicken.”

„Wirklich? Gnome?”

„Ja, das hat mich auch erst überrascht. Wenn man bedenkt wie wenige von diesem Volk auf unserem Kontinent leben ist das schon ein gewaltiger Zufall.”

Joro blickte wieder auf das Symbol.

„Ist das vielleicht ein gnomisches Schriftzeichen?”

Ghaundar blickte ihn verwundert an.

„Wie kommst du denn darauf?”

„War nur eine Eingebung.”

„Hmmm...”, der Drow ging zu einem der Regale und fand nach kurzem Suchen ein Buch.

„Wenn es das ist, werden wir gleich wissen.”

Er wühlte in dem Buch, das er als Wörterbuch aller bekannten Sprachen bezeichnete und fand dann nach kurze Suche einen Eintrag über Gnomisch in allen seinen Varianten. Dann klappte er es wieder zu.

„Gute Idee, nur leider Fehlanzeige.”

„Dann weiß ich auch nicht weiter. Aber gib mir mal das Buch mit, vielleicht fällt mir was ein oder auf”, Joro dachte kurz nach, „Wenn ich ehrlich sein soll, vermute ich, daß wir Agenten der Hochelfen in der Stadt haben, die auf Krawall aus sind.”

Ghaundar nickte nur müde.

„Das ist auch meine Vermutung, oder besser gesagt Befürchtung. Solange ich keine Beweise auf dem Tisch habe oder irgendwelche Indizien, die eindeutig dafür sprechen, halte ich das immernoch nur für eine der Möglichkeiten. Die andere ist naheliegender.”

„Was meinst du?”

„Kannst du dich noch an den Mann erinnern, der dich kurz nach deiner Wahl auf offener Straße ermorden wollte?”

„Ja..?”

„Gestern, als du völlig betrunken alleine Orclager zurückgetorkelt bist, waren da zwei Männer, die in einer Gasse auf dich gewartet haben. Du kannst meinem Agenten, der ständig ein Auge auf dich hat später danken.”

Joro wurde es eisig auf dem Rücken.

 

Kapitel 20

Mit einem Mal war die Eskorte alles andere als eine Last, ganz im Gegenteil hatte ihn Ghaundars Aussage mit einer Unsicherheit beladen, die Joro zwar die Überreste des Katers vergessen ließ, aber dennoch Übelkeit bereitete.

Er wollte auch gar nicht Celestus fragen, ob er etwas getan hätte, seine eigene Dummheit war Schuld an allem, was hätte passieren können, Rüstung oder nicht, er war nicht unverwundbar und im betrunkenen Zustand hätte er sich auch nicht verteidigen können. Alleine die Tatsache, daß er am Tor angekommen dafür gesorgt hatte, daß die Wachen ihn nicht bemerkten und wie ein Halbstarker nach Hause geschlichen war, oder zumindest es versucht hatte, machte Joro ein so starkes Gefühl von Selbsthaß, daß er am liebsten seinen Kopf gegen eine Wand gehauen hätte.

Knapp zwanzig Jahre alt oder nicht, das war weder eine Entschuldigung noch war es in irgendeiner Weise eine Erklärung dafür, sich leichtsinnig zu benehmen. Innerlich war er Ghaundar dankbar, daß er Alystin diese Information entweder nicht hatte zukommen lassen oder es ihr in einer Art und Weise erklärt hatte, die dafür gesorgt hatte, daß die Dunkelelfe Joro nicht zur Sau gemacht hatte. Oder noch nicht. Er machte ein schmerzerfülltes Geräusch und mußte dann Joken mit einer Geste beruhigen, denn dieser stand sofort in Habacht.

Die Gruppe war im Kloster angekommen, und noch im Hof hatte Joro angefangen, in dem Buch zu blättern, das ihm Ghaundar mitgegeben hatte.

Das Offensichtlichste waren nicht Gnome oder irgendetwas anderes Exotisches. Das Naheliegendste waren zwei Dinge und das waren Hochelfisch und altes Daishani.

Und natürlich: Hochelfisch gab es natürlich in dem Buch, lang und breit und dort war nichts zu finden. Das Einzige, was ein wenig an das Zeichen erinnerte war das altelfische „A”, das eine Raute war.

Vor Marinus' Tischen blieb er stehen, dieser war wie immer zugegen.

„Marinus?”

„Ja, Eminenz?”

„Gibt es hier im Kloster jemanden, der altes Daishani schreiben kann?”

Der Totengräber überlegte kurz.

„Franz, der Koch vielleicht.”

„Ausgerechnet Franz?”

„Unterschätzt ihn nicht, Eminenz, der Mann ist viel gereist und hat das eine oder andere auf seinen Reisen aufgeschnappt.”

Joro ging also zur Küche, um mit dem Koch zu sprechen und konnte schon von Weitem Myelins Organ tönen hören.

Zu seinem Erstaunen antwortete der Koch ihr ebenso laut auf Duergar. Vielleicht hatte Marinus ja gar nicht so Unrecht mit seiner Vermutung.

Er hatte sich fest vorgenommen, vorsichtig vorzugehen, artig zu klopfen und auf ein Hineinbitten zu warten, aber im Korridor des Kellers, der zur Klosterküche führte angekommen, sah er wie ein ganzer Trupp Totengräber mit hochroten, angestrengten Gesichtern durch die weit geöffneten Doppeltüren der Essenswerkstatt ein und aus rannten, einige von ihnen mit Tabletts, andere mit Töpfen und schweren Schüsseln aus Holz oder Stahl.

Joro wurschtelte sich an einem Zweierteam mit einem Kübel der groß genug für ein ganzes Schwein war und zu zwei Dritteln mit einer dicken Suppe gefüllt war, Kohl, wie ihm auffiel, vorbei und stand dann inmitten des organisierten Chaos, das Franz sein Paradies nannte.

Der dicke Koch stand mit einem mannshohen Rührutensil, das verdächtig an ein Bootsruder erinnerte, an einem Topf, der die Größe jenes Utensils absolut rechtfertigte und rührte wie ein Besessener darin um, während Myelin auf einem Hocker neben ihm stand und hineinblickte, das Gesicht von der Hitze dunkelgrau und mit einem Lächeln auf dem Gesicht, als gäbe es im ganzen Universum buchstäblich keinen schöneren Ort. Da hatten sich zwei gefunden.

„Franz?”

Der Koch drehte sich nicht zu Joro um, sondern dröhnte in seinem schweren, süddaishanischen Akzent:

„Keine Zeit für Fragen, ihr wißt alle was zu tun ist und wer das nicht weiß gehört hier nicht hin!”

„Oh, dann sollte ich vielleicht später wiederkommen”, rief der Bischof amüsiert und stellte sich mit verschränkten Armen hin.

Myelin hatte ihn erspäht und machte einen kieksenden Laut, sprang vom Hocker und kam auf ihn zugelaufen.

„Es ist der junge Bischof, Franz! Hach, Götter, wie schön, dich hier begrüßen zu können, mein Junge!”

Der Koch blieb gänzlich unberührt.

„Ihr seid natürlich willkommen Eminenz, aber Ihr werdet verstehen müssen, daß der Topf hier gerade wichtiger ist als das Schicksal der ganzen Welt. Wenn ich das nicht umrühre verdirbt Essen für zweihundert Menschen.”

Die Dunkelzwergin nahm Joro in eine Umarmung, die seine Hüftknochen quietschen ließ und sah dann zu ihm herauf.

„Ich bin ja so glücklich, dich einmal zu treffen. Nun bin ich schon seit Wochen hier aber ich habe kaum Zeit gehabt, mich um meine Position als Botschafterin zu kümmern. Das Essen ist ja so wichtig für alle.”

In der Tat hatte sie den Sitzungen im Kabinett nur sporadisch beigewohnt und war jedes Mal erstaunlich still gewesen. Alystin hatte Joro erklärt, daß Myelin sich zwar gefreut hatte, einmal von ihrem Mann fortzukommen, aber daß sie in Bezug auf Politik extrem schüchtern war und lieber nach den Sitzungen mit ihr zusammensaß und alles im Detail durchging, um dann ihre Entscheidungen zu treffen. In der Küche fühlte sie sich offensichtlich besser zu Hause. Der Bischof hatte seiner Herzallerliebsten erklärt, daß er Myelin für alles, aber nicht schüchtern hielt, aber am Ende hatte er sich mit der Erklärung zufriedengegeben.

„Keine Sorge, Majestät, ich glaube, daß Ihr hier einen diplomatischen Dienst tut, der seinesgleichen sucht. Wenn man den Leuten draußen glauben darf, halten die meisten Euch für einen Engel.”

Das dunkelgrau auf ihren Wangen wurde noch grauer und sie schaute verlegen zu Boden.

„Danke, das ist sehr freundlich”, doch dann raffte sie sich wieder auf, „und hör' bloß auf, mich „Majestät” zu nennen, du weißt wie ich heiße!”

„Was gibt es denn, das so wichtig ist?”, grölte Franz über das Krachen und Klappern von Geschirr, daß bei der Ankunft eines weiteren Trupps Totengräber, die von der Speisung herunter in die Küche gekommen war verursacht wurde.

„Ich hatte eigentlich gehofft, daß du mir mit einem linguistischen Problem helfen könntest”, schrie Joro zurück.

„Mit sowas kommst du ausgerechnet zu deinem Koch, Hochwürden?”

Joro lachte.

„Das Wort ist immernoch „Eminenz”, aber ja, ich komme damit zu meinem Koch, weil Marinus meinte, daß du vielleicht Altdaishani schreiben kannst.”

Franz hielt kurz im Rühren inne und drehte sich zu ihm um.

„Das hat er gesagt?”, sein Gesicht spiegelte Amüsiertheit wieder.

„Exakt seine Worte.”

Der Koch machte ein verschmitztes Lächeln und deutete Myelin, herüberzukommen. Dann sagte er etwas in der Duergarsprache, daß die Königin erstrahlen ließ und sie hüpfte, fast wie ein kleines Mädchen, ein sehr, sehr dickes, muskulöses kleines Mädchen, zu ihm herüber, sprang auf den Hocker und nahm das Paddel in Empfang.

Franz wischte sich nun seinerseits die Finger an der speckigen Schürze ab und ging zu einer Tafel an der Wand, auf der er eine ganze Reihe von Gerichten, inklusive deren Zutaten angeschrieben hatte. Mit einem nassen Tuch säuberte er die Hälfte der Tafel in drei kurzen Zügen und begann dann mit einem Stück Kreide in schneller Abfolge eine Reihe von Runen an die Tafel zu malen, von denen einige Joro bekannt vorkamen, eine besonders, weil sowohl Franz als auch er sie auf der Kehle trugen. „V” wie das alte Daishaniwort für „Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Ehre”.

Vierundzwanzig Zeichen, dann legte er die Kreide wieder fort, betrachtete kurz sein Werk und ging dann zufrieden grunzend zum Topf zurück, wobei er „was lernt ihr eigentlich heute noch in der Schule” vor sich hin grummelte.

Joro starrte auf die Zeichen und war für einen Moment unsicher, aber da war eins, daß sein Interesse weckte.

Der linke, offene Teil einer Raute, der zusammen mit dem hochelfischen „A” fast so aussehen würde wie das Symbol, daß ihm Ghaundar gezeigt hatte.

Er nahm die Kreide auf und zeichnete das Symbol direkt darunter.

„Franz?”

„Was denn noch?”

„Zwei Fragen hab ich noch, dann lasse ich dich in Ruhe.”

Joro war ziemlich sicher, daß das resignierte Seufzen des Kochs gespielt war, aber dennoch drehte dieser sich um und schaute ihn an.

„Erstens, was bedeutet das Zeichen da?”

„Das ist ein „c” und steht für Mond, Ernte und Monat.”

„In Ordnung. Zweitens: macht das da irgendeinen Sinn?”, er deutete auf das Symbol, daß er gemalt hatte.

Der Koch ließ kurz seinen Blick darauf hängen, dann schüttelte er den Kopf und kam wieder zur Tafel herüber. Er nahm Joro die Kreide aus der Hand und machte einen weiteren Strich, der den ersten, der das „c” mit dem „a” verband soweit verlängerte, daß die Raute nun auf einer geraden Linie und nicht an deren Ende lag. Dann wies er auf eine anderen Rune, die entfernt an eine auf der rechten Seite liegende Sechs erinnerte.

„Mit einem „o” wird daraus das Wort für blutige Ernte oder blutiger Mond, aber so wie du es ursprünglich gezeichnet hast, bedeutet es gar nichts.”

„Woher weißt du eigentlich so etwas?”

Franz grinste verschmitzt.

„Du solltest nie unterschätzen wieviel ein Koch hört und sieht, mein Bischof, nie.”

Damit war es getan, er ging zurück und löste Myelin bei Rühren ab, die trotz ihrer Oberarme, die es in einem Wettstreit bezüglich Dicke mit Joros Oberschenkeln sicherlich gewonnen hätten, ordentlich in Schweiß ausgebrochen war.

Joro verabschiedete sich knapp und ging dann, unschlüssig über den Erfolg seiner Unternehmung wieder ins obere Geschoß des Klosters.

Dort angekommen betrachtete er das Symbol und stellte sich die Frage ob es wirklich etwas zu bedeuten hatte, aber „Blutmond” oder „blutige Ernte” klang so derart bescheuert, daß es einfach zu wahrscheinlich erschien, als daß es nur ein Zufall sein konnte. Er saß eine Weile an seinem Tisch und merkte, daß es nicht half darüber weiter nachzudenken, weil seine Gedanken immer mehr ins Abwegige drifteten.

Franz hatte zumindest seinen Topf solange dem Rest der Welt überlassen, daß es ihm möglich war, vorbeizukommen und einen kleinen Happen fürs Mittagessen hinzustellen.

Als er den Bischof über seinem Tisch brütend fand, hielt er, wie es so gar nicht seine Art war, für einen Moment inne und verschränkte seine Arme vor der Brust.

„Mich hat ja schon die Neugier im Griff, weshalb Ihr das vorhin wissen wolltet, Eminenz.”

Joro schrak hoch.

„Hast du mich gerade wieder mit Titel angeredet?”

„In meiner Küche bin ich der Boß, im Rest des Klosters dürft Ihr das gerne sein”, der dicke Mann grinste.

„Da danke ich aber”, Joro lächelte zurück, „aber um deiner Frage eine Antwort zu geben: ich habe Grund zur Annahme, daß es eine Gruppe in der Stadt gibt, die auf Unfrieden aus ist. Das Symbol hier kann eventuell deren Zeichen sein.”

„Ihr erlaubt?” Franz kam um den Tisch und schaute auf die diversen Versionen des Zeichens, die Joro auf die vor ihm liegenden Zettel gekritzelt hatte.

Der Koch sah es eine Weile an und meinte dann:

„Es könnte auch eine Kombination aus dem hochelfischen „A” und dem daishanischen „c” sein. Dann bleibt mir allerdings die Bedeutung verschlossen.

Joro glotzte ihn fassungslos an.

„Sag mir bitte jetzt sofort woher du Kenntnisse von alten und fremden Sprachen hast.”

„Ich war nicht immer ein Koch, Eminenz, in jungen Jahren habe ich in Tont studiert, mit besonderem Interesse an der Geschichte der einzelnen Reiche um uns herum. Allerdings kann man als Historiker nur schlecht Geld verdienen und ich habe immer eine gewisse Passion fürs Kochen besessen, also ist das dann irgendwann mein Beruf geworden.”

„Und was war das vorhin mit „was ein Koch so hört und sieht”?”

Franz lachte.

„Ich habe für Professoren gekocht, als ich mir Vorlesungen und Seminare nicht mehr leisten konnte. Meine Eltern waren ziemlich arm.”

Das verstand Joro nun halbwegs.

„Deines Wissens nach ist das Symbol aber keine historisch bekannte Sache?”

„Nein. Wenn es etwas bedeuten soll, dann muß es jemand neu geschaffen haben. Allerdings kann ich mich da natürlich auch irren, ich hab die letzten dreißig Jahre vornehmlich gekocht und nicht viel Zeit zum Lesen gehabt.”

„Ich danke dir für deine Hilfe, auch wenn ich jetzt trotzdem nicht viel mehr weiß”, der Bischof wischte sich Schweiß von der Stirn und schaute dann auf das Tablett, das neben ihm auf dem Bock stand, „Danke für das Essen, du und Myelin seid wirklich das Rückgrat dieses Klosters, wenn nicht gar der Stadt.”

Das machte den Koch verlegen.

„Ich mach' nur meine Arbeit, Eminenz. Die ruft auch schon wieder, wenn Ihr noch mehr Fragen habt, dann teilt mir das bitte mit.”

Franz ging und Joro beschloß, sich etwas anderes zu tun zu suchen, denn er kam so oder so nicht weiter. Für die Abendmesse war es noch zu früh, also ging er kurz durch die -neuen- Dokumente auf seinem Tisch, aber auch das brachte ihn nicht weiter, seine Konzentration war mittlerweile völlig aufgebraucht, auch wenn Celestus sei Dank der Kater auch verschwunden war. Dementsprechend genehmigte er sich auch einen kleinen Schluck Wein aus dem Krug, der bei seinem Essen stand.

Ihm kam ein Gedanke.

'Deinem Schweigen entnehme ich, daß du willst, daß ich das selbst löse, oder irre ich mich da?'

'Meinem Schweigen kannst du entnehmen, daß ich mich dazu nicht äußern will.'

'Kannst du mir zumindest die Gründe dafür sagen oder ist es einfach generell so, daß du das Thema nicht anschneiden willst?'

Celestus sagte eine Weile nichts und meinte dann nur:

'Ich werde mit dir darüber nicht reden.'

Noch eine Sackgasse. Dieser Tag würde vermutlich als einer von Joros unproduktivsten in die Geschichte eingehen, aber was sollte er tun.

Er seufzte, zog sich aus seinem Sessel hoch und ging in den Klosterhof, um dort beim Verteilen von Essen an die Armen zu helfen.

Myelin empfing ihn natürlich mit offenen Armen und so half er bis zum Spätnachmittag dabei, Suppe in Holzteller zu schöpfen oder benutzte zu nehmen und sie in einem großen Trog mit Wasser abzuspülen, um sie dann wieder verwenden zu können.

Wie auch schon so oft bevor hatte es einen reinigenden Effekt auf seine Seele und er fragte sich, ob er nicht hin und wieder, solange es noch ging, zu seinem nicht mehr ganz so kleinen Friedhof vor der Stadt gehen und dort das eine oder andere Begräbnis durchzuführen.

Gegen Ende des Tages fiel ihm ein alter Mann auf, der kurz nachdem er seinen Teller in Empfang genommen hatte nur wenige Meter von der Ausgabestelle stand und mit unzufriedener Miene auf sein Essen starrte. Joro wischte seine Hände an einem Tuch ab und ging dann zu ihm herüber.

„Stimmt etwas nicht?”

Der Mann blickte zu ihm auf und sah kurz forschend auf seinen Hals.

„Ihr seid der Bischof, oder?”

„Das ist richtig.”

„Was habt Ihr heute gegessen, mein Herr?”

„Nicht viel, aber es war ein wenig Brot, ein wenig Käse und ein paar Scheiben Schinken.”

Der Alte blickte wieder auf seinen Hals und verzog sein Gesicht.

„Und Gestern?”

Joro dachte kurz nach und sagte dann:

„Gegrillte Ziege. Und etwas, das die Orcs Käse nennen, das allerdings überhaupt nicht so schmeckt.”

„Mein Mitleid hält sich in Grenzen, Herr. Ich habe jetzt seit zwei Wochen praktisch nur Kohl gegessen, manchmal war eine dünne Rinderbrühe dabei, wie auf diesem Teller.”

„Die Vorräte der Stadt gehen zur Neige und besonders hier bei der Armenspeise müssen wir Essen kochen, daß sich in großen Mengen herstellen läßt und für viele reicht.”

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

„Ich klinge sicherlich sehr undankbar wenn ich das sage, aber wenn ich sehen muß, daß nicht nur wir, die sowieso nichts haben, sondern auch der Großteil der Bevölkerung der Stadt kaum etwas zu essen hat, aber alle, die vor der Stadt ihre Lager haben essen wie die Götter und diejenigen, die stark genug sind, um sich den Truppen anzuschließen haben ebenfalls, was das Herz begehrt, dann macht mich das erst betrübt und dann wütend.”

Joro war kurz etwas am Handgelenk des Mannes aufgefallen, aber er hatte nicht weiter darüber nachgedacht. Stattdessen antwortete er:

„Wir müssen dafür sorgen, daß jeder Mann und jede Frau, die sich als Soldat anschließen kann bei Kräften ist, um in drei Wochen abzumarschieren. Die Soldaten werden alle bei der Ernte helfen und wenn diese eingefahren ist, verschwindet das komplette Heer von hier.”

„Und nimmt die Ernte mit? Wie soll der Winter dann aussehen?”

Die Frage hatte der Bischof schon erwartet und er hatte sich an etwas erinnert, daß Olgerich in einem der Kabinettsgespräche kurz angerissen hatte.

„Fürst Olgerich wird nicht mit dem Heer mitmarschieren und wir lassen genug Geld hier in der Stadt, um die Bevölkerung über den Winter zu bringen, den größten Teil wird das Kloster bezahlen, denn das Gold, das hier gelagert ist, ist das Gold der Gläubigen.”

Der Mann schielte zu ihm hoch, wieder kurz die Rune beäugend, und sagte dann:

„Das sind Versprechungen, aber ich kann Euch sagen, daß es eine ganze Menge Menschen in der Stadt gibt, die mit der Lage unzufrieden sind und vor dem Winter Angst haben und es werden täglich mehr.”

„Ich bin ein Daishani und stehe zu meinem Wort, mein Herr. Wenn ich dir sage, daß ich bereits einen Großteil dessen, was das Kloster an Geld hat dem Fürsten zur Verfügung gestellt habe, dann kannst du dich offensichtlich darauf verlassen.”

Der Alte seufzte und sah wieder betrübt auf seinen Teller.

„Euer Wort in Celestus' Ohr, Bischof, aber Unzufriedenheit und Angst machen Menschen manchmal zu schlimmeren Wesen als so manches Tier. Das Resultat ist meistens Blutvergießen und wer weiß, vielleicht werden wir eine sehr blutige Ernte erleben.”

Joro stand still und starr als hätte ihn ein Blitz getroffen. Er war kurz davor, den Mann zu fragen, was er eben gesagt hatte, aber dann kam ihm der Geistesblitz, daß das keine gute Idee war. Stattdessen blickte er zum Klostertor, um aus dem Augenwinkel noch einmal auf das Handgelenk zu schielen, auf dem er etwas gesehen hatte. Das Symbol war eindeutig und er schluckte unvermittelt.

„Meinst du, daß es zu Ausschreitungen kommen könnte?”

Der Mann zuckte mit den Achseln.

„Ich kann es Euch nicht sagen, mein Herr. Aber ich glaube, daß sich dringend etwas ändern muß und zwar schnell, oder es wird eine Katastrophe geben. Ich hoffe, daß Ihr das als Warnung annehmen könnt.”

 

[Vorläufiges Ende. Bald kommt mehr!!!!]

Tag der Veröffentlichung: 20.10.2015

https://www.bookrix.de/-arkanai

Sie haben Der Prophet, Teil 2 zu Ende gelesen

Arkanai

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