Der Prophet, Teil 2
Der Prophet, Teil 2
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.
Sie selbst hatte die Schwellung in ihrem Gesicht unter Kontrolle gebracht und der Schorf war unter einer dicken Schicht einer grünlich-grauen Kräutermasse verschwunden.
„Es sieht grauenhaft aus, aber bis morgen früh wird die Wunde vollständig geheilt sein.”
„Was ist da passiert?”
„Ich weiß es selbst nicht mehr so genau, aber wenn ich mich richtig erinnere war da irgendwas mit der Schildkante eines Legionärs.”
„Ansonsten geht es dir aber gut? Es fehlt nichts?”, ein Feixen konnte er sich nicht verkneifen.
„Sei artig oder ich lasse dich noch eine geraume Zeit darüber im Unwissen.”
Sie kamen im Kabinettszimmer an und wurden von allen Anwesenden freundlich begrüßt, Ulfr gratulierte Joro ob seiner Kriegswunden und Myelin kniff ihm in die Wange.
Am hinteren Ende des Zimmers stand das Fenster offen und im Hinterhof des Schlosses hatte sich Zir auf das Gras gelegt, um hineinblicken zu können. Joro bedachte sie mit einem fröhlichen Lächeln, daß sie mit einem Zwinkern erwiderte.
In der Folge des Gespräches mußte Ulfr für die Riesin übersetzen, wobei Joro erstaunt feststellte, daß die Riesensprache mit dem alten Dialekt des Daishani, den viele Hirten noch sprachen zu einem großen Teil übereinstimmte, einzelne Worte konnte er sogar verstehen.
Wie der Bischof schon vermutet hatte, war die gesamte Situation in der Stadt erstaunlich entspannt, der Sieg über die Hochelfen hatte generell für eine Erhöhung der Moral gesorgt und das gepaart mit Myelins Anstrengungen, zu helfen wie und wo sie konnte hatte die Stimmung in der Stadt nur noch verbessert.
Laut Olgerich hatte die Geschichte von Joros Unternehmung am Bergpaß sogar schon für Legendenbildung gesorgt, die Tavernen der Stadt waren voll von Männern und Frauen, die sich mit Ausschmückungen zu überbieten versuchten. Dementsprechend war auch Zir in das Interesse der Öffentlichkeit gerückt, was ihr sichtlich unangenehm, aber der Ordnung in der Stadt schlußendlich förderlich war.
Dem stand allerdings immernoch ein schwerwiegender Punkt gegenüber. Die Tatsache, daß die Hochelfen es nicht nur geschafft hatten, durch das Informationsnetz zu kommen, daß Ghaundar so fein säuberlich aufgebaut hatte, das war nur ein Teil des Problems. Einer von seinen Spionen war niemals zur vereinbarten Stelle angekommen, ein Suchen nach ihm hatte seine Leiche nicht unweit davon gefunden.
Keine Nachrichten oder Anhaltspunkte, wer ihn getötet hatte, aber es war nicht auszuschließen, daß es sich bei den Tätern um Agenten der Legion gehandelt haben konnte.
„Was mich an der Sache am allermeisten stört ist, daß es nicht nur sehr weit im Norden Hanlars war, sondern auch, daß es scheint als hätten die Hochelfen in der Tat so etwas wie Raffinesse entwickelt. An der hatten sie es vorher mangeln lassen”, berichtete Ghaundar.
„Wir sollten nicht ausschließen, daß vielleicht die Westkönigreiche diese Aufgabe für sie übernehmen”, warf Omareth ein, „Hochelfen haben vielleicht nicht ganz die gleichen Probleme wie wir, unser Aussehen den Menschen anzupassen, aber Elfen sehen nicht nur aufgrund von Hautfarbe anders aus.”
„Ich werde das sofort in Angriff nehmen”, erwiderte Ghaundar, „und auch die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen treffen. Wenn jemand Gegenspionage betreibt müssen wir sie ausschalten, ich habe da schon die eine oder andere Idee.”
„Was machen wir nun mit den Schiffen?”, fragte Joro.
„Mit denen, die abgeschossen am Bergpaß liegen: nichts, wir sammeln nur die Teile ein, die wir gebrauchen können, der große Rabe benötigt eine Menge Reparaturen und mit einem kleinen wenig Glück finden wir auch heraus, wie sie die Schiffe getarnt haben”, Ghaundar kratzte sich am Kopf.
„Ich meinte eigentlich den generellen Umstand, daß sie getarnt sind. Hätten wir nicht direkt unter ihnen gestanden und sie gehört, wären die einfach unbemerkt an uns vorbeigezogen.”
Omareth machte eine zustimmende Geste.
„Vielleicht sollten wir die Landbevölkerung in Hanlar darauf schulen, auf derartige Zeichen zu achten, aber ich glaube, daß es noch wichtiger sein wird, dafür zu sorgen, eine Gegenmaßnahme zu deren Verzauberung zu finden.”
Dem konnte alle nur von ganzen Herzen zustimmen.
Bisher war von der Tarnung der Schiffe noch nichts an die Öffentlichkeit gelangt, und sie waren sich einhellig darüber eins, daß das auch so bleiben sollte.
Joro sah kurz zu seinem Bein herunter, was ihn an etwas erinnerte.
„Ich habe jetzt eine Weile zum Nachdenken gehabt. Was ich mich frage ist, wie gut unsere Soldaten eigentlich gegen Legionäre aushalten würden, wenn sie dazu gezwungen wären in den Kampf zu ziehen.”
Am Tisch herrschte für einen Moment bedrücktes Schweigen, dann räusperte sich Omareth.
„Realistisch: nicht sonderlich gut. Selbst die Wenigen, die ihren Weg in die Klostergarde gefunden haben , wären in einer echten Schlacht immernoch weit davon entfernt, es mit einem hochelfischen Berufssoldaten aufzunehmen. Ein paar Wochen Training sind einfach nicht das Selbe wie zwanzig Jahre Militärdienst. Ganz zu schweigen von dem eigenen Einsatz und dem Interesse an allem Martialischen , das die meisten Legionäre mitbringen.”
Joro ächzte, teilweise, weil er die Antwort mehr oder weniger so erwartet hatte, teilweise, weil es ihm natürlich nicht gefiel.
„Für mich wäre eine andere Frage ebenso interessant”, sagte Olgerich, „und das ist die Frage, wieviele Legionäre die Hochelfen eigentlich aufstellen können. Herr Ghaundar?”
Dieser kramte kurz in seinen Papieren und zog dann einen kleinen, dicht beschriebenen Bogen heraus.
„Prinzipiell ist es schwierig, überhaupt irgendwelche Informationen über sie zu bekommen, aber ich habe hier zumindest einen Bericht, der von einem Feldwebel der kaiserlichen Armee stammt. Er hat über eine Schlacht berichtet, die verhältnismäßig früh in der Invasion stattgefunden hat. Die kaiserliche Armee stand mit beinahe 20.000 Mann bereit und die Legion kam mit zwei Legionen, also etwa 10.000 Soldaten.
Das Resultat war die völlige Vernichtung der kaiserlichen Truppen. Wenn man ihm glauben kann, und das tue ich aus Gründen, die jetzt zu lange dauern würden, haben die Hochelfen kaum mehr als zweihundert Mann verloren.”
„Ich frage mich langsam, wie wir es bisher immer geschafft haben, denen so derart einfach den Arsch zu versohlen, wenn wir auf sie getroffen sind”, murmelte Joro.
Alystin, Omareth und Ghaundar sahen ihn bitterböse an.
„Dir ist schon klar, daß wir jedes Mal fast gestorben sind, oder?”, zischte Omareth und Alystin fügte hinzu: „Hätten wir nicht alle Register gezogen, und zwar wirklich jedes Mal säßen wir jetzt nicht hier, du Dummkopf. Schau dich mal nackt im Spiegel an.”
Joro streckte trotzig das Kinn raus.
„Ich weiß das, aber Überlegenheit zwei zu eins und die Kaiserlichen verlieren alles und die Legion nur zweihundert? Vor ein paar Tagen hatten wir fünf plus zwei Dutzend Riesen und zugegeben eine Duergarwaffe, die sich als extrem effizient erwiesen hat, aber die hatten zweihundert. Macht euch das nicht nachdenklich? Denkt an Noth. Da hatten sie zwar keinen Zahlenvorteil, aber mit dem, was der Bericht da sagt hätten die uns gehörig den Arsch versohlen sollen.”
Ghaundar setzte an, etwas ähnlich unfreundliches wie Omareth oder Alystin zu sagen, doch dann hob er einen Zeigefinger.
„Joro hat nicht ganz unrecht.”
Omareth und Alystin sahen ihn an, als hätte er den Verstand verloren.
'Celestus, ich muß dich bitten mir ehrlich zu sagen, inwiefern da von höherer Seite eingegriffen wurde, weil ich glaube, daß das für jegliche Überlegung in der Zukunft extrem wichtig sein wird.'
'Viel Feuerwerk, auf jeden Fall eine ganze Reihe von Eingriffen in Hinsicht auf Mirakel und Heilung, wie du sehr gut weißt. Vergiß außerdem nicht die Shuras in Noth. Aber meine persönliche Einschätzung war, daß ihr sie bisher immer überrascht habt und die Stärken, die sie geschickt haben nicht darauf eingestellt waren, auf jemanden wie euch zu treffen. Selbst mit den Riesen habt ihr einen deutlichen Unterschied gemacht.'
Ghaundars nächste Ausführungen gaben fast wortgetreu das wieder, was Celestus gesagt hatte.
Omareth und Alystin hatten sich soweit beruhigt, daß sie sogar anfingen zu nicken, als er sprach und Alystin murmelte eine leise Entschuldigung in Joros Richtung und legte ihm die Hand auf die seine.
Der Assassine sagte zum Schluß:
„Die Hochelfen bevorzugen traditionelle Kriegsführung. Offene Feldschlachten, in denen sie ihre Formationen und ihre Hilfstruppen, wie Lindwurmreiter und schwere Ballisten effektiv einsetzen können. Wenn wir sie in Hinterhalte oder ähnliche Situationen bringen können, sind sie wahrscheinlich fast immer erst einmal überrascht und müssen umdenken. Das könnte der einzige taktische Vorteil sein, den wir haben.”
Omareth war nun auch nachdenklicher.
„Noth. Gutes Beispiel. Ich kann mich an einige ihrer kleineren Einheiten erinnern, die es einfach nicht geschafft haben, sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, daß sie es ihnen nichts nützte, in dichter Formation durch die Straßen zu marschieren. Wir haben sie von allen Seiten mit Bolzen und Hieben eingedeckt und sie konnten sich kaum entscheiden, in welcher Richtung eigentlich der Kampf stattfand. Ich muß mich bei dir entschuldigen, Joro. Dennoch war deine Wortwahl, besonders in Hinblick auf „einfach” mehr als unpassend.”
„Verzeihung, ja, ich habe halt geredet wie ich gedacht habe. Ist eine meiner Eigenheiten.”
Ghaundar konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen.
Olgerich ergriff das Wort.
„Dann sollten wir das im Auge behalten. Ich glaube zudem nicht, daß es eine schlechte Idee wäre, das Training unserer Truppen in dieser Richtung nicht zu vernachlässigen.”
Hierüber herrschte Einigkeit.
Später, als sie wieder im Kloster waren entschuldigte sich Alystin für ihren Ausbruch auf eine sehr angenehme, wenn auch nicht ganz uneigennützige Art und Weise. Hinterher lagen sie ächzend nebeneinander auf dem Bett.
„Ich glaube mein Bein ist jetzt ganz gebrochen”, stöhnte Joro.
„Übertreib nicht, mein Bischof. Es tut mir wirklich sehr leid, vor allem, weil ich glaube, daß ich immernoch eine Weile brauchen werde, mich auf die neue Situation einzustellen.”
Er lehnte sich hoch und stütze sich auf einen Arm.
„Versteh mich nicht falsch, ich mag dein Temperament sehr, aber es stimmt, daß wir uns alle an den Status Quo gewöhnen müssen. Ich habe da selbst meine Probleme.”
„Weil du irgendwie nicht lassen kannst, dich in alles einzumischen?”, sie lächelte.
Joro schlug seine Augen nieder.
„Ja. Ich habe mir zwar vorgenommen, mich strikt nur um Dinge des Klosters und der Kirche zu kümmern, aber ich habe dauernd Ideen und Vorschläge in meinem Kopf. Außerdem wirkt immer alles, als ginge es entweder die Kirche oder mich persönlich an. Die Sitzungen im Kabinett sind doch auch dazu gedacht, solche Dinge auszutauschen, oder?”
Alystin strich ihm sanft über die Wange und gähnte dann.
„Mach dir mal keine Sorgen, Joro. Ich habe vor allem bei meinem Streit mit Omareth gemerkt, daß du ein gutes Auge auf die Dinge hast, die um dich herum geschehen. Ein Einblick von dritter Seite hat schon so manches Problem gelöst.”
„Hättest du deine Waffe gezogen?”
Sie sah ihn mit einer Mischung aus Interesse und Traurigkeit an.
„Wer weiß. Es gab Momente, wo ich kurz davor war, aber ich bin überglücklich, daß es nicht dazu gekommen ist. Im Nachhinein wirkt es alles so...dumm.”
Kapitel 17
Die kommenden Tage brachten außer fortschreitender Heilung auch eine Routine in alle Aktivitäten, die Joro schlußendlich davon überzeugten, daß jedwede Spannungen, die es zwischen den einzelnen Parteien in der Führungsetage der Organisationsmaschine, die Bargum nun darstellte sich langsam aber sicher gelöst hatten.
Joro übernahm nun regelmäßig den Abendgottesdienst und konnte mit einiger Freude bemerken, daß das Stadtvolk, das bisher eigentlich immer spärlich zum Tempel gekommen waren in zunehmender Anzahl erschienen. Marinus hatte zudem in der Stadt selbst, auf Joros Geheiß, sechs Häuser so ausgestattet, daß sowohl die Speisung von Armen als auch deren geistliche Bedürfnisse dort versorgt werden konnten. Der Friedhof vor der Stadt, in dem Joro die ersten Wochen und Monate seines Priesterdienstes verrichtet hatte war zum Hauptfriedhof der Stadt avanciert und hatte eine etwa hüfthohe, schwarz getünchte Mauer bekommen, zudem war er auch gehörig gewachsen, was Joro immer mit einer bittersüßen Emotion belegte.
Wann immer er konnte, ging er selbst in die Stadt, zunehmend weniger humpelnd, dank Alystins Heilkünsten, und horchte, wo auch immer er hinkam, was die Leute so sagten. Zu Beginn half es nicht sonderlich, daß er in der Stadt so immens populär war, denn er kam kaum voran, wenn ihn jemand auf der Straße erblickte, aber schon weniger als einer Woche waren die dauernden Menschenaufläufe abgeklungen und er konnte sich halbwegs frei bewegen.
Bis auf die Eskorte aus sechs Soldaten der Klostergarde, auf die sowohl Ghaundar, Olgerich, als auch Joken bestanden. Aber die machte definitiv Sinn, man konnte nicht zu vorsichtig sein, insbesondere mit der Vermutung, daß die Hochelfen ihre eigenen Spione weit nach Norden schickten. Außerdem verzichtete Joro während seiner Aufenthalte in der Stadt auf seine Rüstung und die Waffen, bis auf einen Dolch und dem Wissen, daß ihm Celestus im Zweifelsfalle wieder einen Schattenschild und den dazugehörenden Hammer geben würde trug er nichts bei sich. Er hatte für sich bestimmt, daß das auch ein Zeichen setzten konnte, wenn der Bischof sich offenbar in der Stadt sicher fühlte, konnten das die Einwohner auch.
Bargum hatte sich gewandelt, das war sicher.
Die kleine, verschlafene Stadt von vielleicht sechstausend Einwohnern mit dem schwarzen Tumor am Kopf, das es bei seiner ersten Ankunft gewesen war hatte sich in seiner Größe beinahe verdoppelt. Sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadttore waren Menschen überall damit beschäftigt, sich nützlich zu machen, es gab kaum eine Stelle, wo jemand einfach nur herumsaß. Gut. Ein paar alte Männer vielleicht, die vor ihren Häusern saßen und dem allgemeinen Treiben zusahen. Und die alten Frauen zwei Häuser weiter, die sich über die faulen, alten Säcke aufregten.
Normalität, wie sie im Buche stand.
Die Ausflüge vor die Stadt hatten ihn auch oft zu den Hirten gebracht, aber das mußte er im vornherein immer mit seinem Magen abstimmen, denn aufgrund der Traditionen der Nordmänner war es die Pflicht jedes Gastgebers, einem Neuankömmling Essen zu reichen und die Pflicht des Gastes, das gebotene Essen auch zu verspeisen.
Natürlich gab es da Vorsichtsmaßnahmen, so war die Menge des Gereichten immer eher symbolisch, aber für jeden Haushalt gebot sich der selbe Vorgang und nach etwa fünf bis sechs Familien war Joro jedes Mal so vollgestopft, daß er einfach nicht weitermachen konnte.
Dennoch konnte er es sich nicht verkneifen, in regelmäßigen Abständen bei ihnen vorbeizusehen, teils weil es ihn interessierte, wie es mit den Steinriesen lief, teils weil Ulfr ihm mitgeteilt hatte, daß seine Präsenz sowohl für ihn selbst als auch für Joro von großem Vorteil sei. Es bewahrheitete sich in der Tat recht schnell, daß ein persönlicher Kontakt mit den Hirten einen positiven Effekt hatte, denn einige der Häuptlinge hatten mehr oder eher weniger hinter vorgehaltener Hand gewitzelt, daß der Bischof, der ja unbedingt ihre Hilfe haben wollte nichts als ein grüner Jungspund war, der vom Leben etwa so viel wußte wie... naja, ein grüner Jungspund eben.
Ulfr hatte ihm geraten, die Ärmel seiner Robe hochzukrempeln, wenn er sich unter den Hirten bewegte, egal wie kalt es war und Joro hatte diesen Rat befolgt.
Seit der Schlacht mit den Luftschiffen hatte er einige durchaus sichtbare Narben auf den Armen, besonders an den Stellen wo ihn Schwerthiebe auf die blanke Rüstung, am Schuld vorbei getroffen hatten. Es waren wohlgemerkt keine Schnittwunden gewesen, aber die Wucht der Hiebe hatte an einigen Stellen seine Haut aufgerissen und seit deren Heilung hatte er ein Muster von Linien auf dem linken Oberarm.
Natürlich hatte sich auch die Nachricht von der Schlacht bei ihnen verbreitet und die Riesen hatten ihren eigenen Anteil daran gehabt, das Bild des Bischofs bei den Zweiflern zu verändern, schon nach wenigen Tagen kam zum Magenproblem noch das Problem der stetig sinkenden Nüchternheit dazu, aber Joro genoß es jedes Mal. Auf eine gewisse Art und Weise waren die Hirten für ihn viel typischer für Daishan als es die Stadtbewohner waren, auch wenn er sich keine Illusionen machte, daß er „zivilisiert” genug war, um deren Leben nicht einen einzigen Winter überstehen zu können.
An einem kleinen Bach vor der Stadt, nahe des Hirtenlagers, war eine regelrechte Lederindustrie entstanden, aufgrund des Mangels an Eisen war der Bedarf an Lederrüstungen beträchtlich und hier arbeiteten die ärmsten der Stadt als Tagelöhner. Selbst hier war die Motivation der Leute beinahe greifbar, auch wenn der Gestank das fast surreal erscheinen ließ. Joros Vater hatte irgendwann einmal berichtet, daß Menschen, die als Gerber arbeiteten nach einer Weile ihren Geruchssinn verloren. Das konnte nur ein Segen sein.
Auch auf dem Weg in die Stadt, vorbei am Friedhof hatte sich vieles verändert. Die Häuser, die der Zimmermann Parek in kürzester Zeit aufgebaut hatte, Holz in Leichtbauweise, aber immerhin mit Schutz gegen die Elemente, standen dicht an dicht und viele von ihnen waren bereits ausgeschmückt und hatten einen individuelles Aussehen angenommen, wo es ging hatten die Bewohner zumindest im unteren Stockwerk eine grobe Steinmauer um ihre Wände ihrer Behausungen gezogen, um die Dichtung gegen Wind und Regen noch zu verbessern.
Auf den Straßen waren einfache Gräben zur Entsorgung von Abwasser gezogen worden und auch wenn der Geruch hier nicht viel besser war als bei den Gerbern, konnte man sehen, daß ständig daran gearbeitet wurde. Als Joro ein paar Straßen weitergegangen war, sah er, daß dort Arbeiter damit beschäftigt waren, einen einfachen, gemauerten Abwasserkanal zu ziehen.
So vergangen drei Wochen und die Erntezeit kam näher und näher, wobei die Essensvorräte in Bargum schmaler und schmaler wurden.
Sämtliche Bewohner der Stadt waren gezwungen, ihre Nahrung einzuteilen und wann immer ein Händler in die Stadt kam, wurden diese direkt zum Kloster geschickt und alles, was für die Truppen der Stadt verwandt werden konnte wurde dort requiriert. Dabei kam es regelmäßig zu Ärger, weil die Händler natürlich wußten, wie es in der Stadt aussah und Preise verlangten, die gelinde gesagt halsabschneiderisch waren.
Es half aber nichts, die Händler zu verärgern hätte dazu geführt, daß sie nicht wiederkamen, also war Verhandlungsgeschick benötigt und hier erwies sich ums wiederholte Mal Marinus als ein Geschenk der Götter.
Dennoch nahm sowohl im Stadtschloß als auch im Kloster die allgemeine Masse an Silber und Gold beträchtlich ab.
Von den Haufen an Goldmünzen und Juwelen, die zumindest dereinst im Kloster gelegen haben, war mittlerweile mehr als die Hälfte verschwunden und Joro wußte, daß die Armee dringend in Bewegung gesetzt werden mußte, weil sonst eine Katastrophe eintreten würde.
Er wurde eines Morgens aus seinen Sorgen gerissen, weil ein schwitzender, aufgeregter Ghaundar plötzlich in seinem Amtszimmer stand.
„Ich glaube, daß wir bald herausfinden werden, was deine Unternehmungen bei den Orcs wirklich für einen Effekt gehabt haben.”
Joro sprang von seinem Stuhl auf.
„Plok kommt? Ich hatte mich schon gefragt, was passiert ist, er ist spät dran.”
„Ob nun Plok kommt oder nicht kann ich nicht sagen, aber der Große Rabe hat gestern eine Runde über die Hochebene gemacht und sind dann panisch wieder hier hergekommen. Wie es scheint haben wir eine mindere Invasion zu erwarten.”
„Ich empfehle, das Ganze als letzten Mosaikstein für die Vorbereitungen zum Marsch nach Süden zu betrachten”, Celestus hatte sich auf einem der Besucherstühle manifestiert.
Ghaundar und Joro verbeugten sich und dann frage der Bischof:
„Kannst du das bitte etwas genauer erklären?”
Der Gott bewegte sich ein wenig unruhig auf seinem Stuhl hin und her und sagte dann:
„Sagen wir einfach, daß ich die eine oder andere Unterredung mit Plok gehabt habe. Ich hatte ein schlechtes Gewissen bezüglich des Feuerstahls.”
„Feuerstahl?” Ghaundar sah verwirrt in die Runde.
„An dem Feuerstahl war nichts Falsches”, murrte Joro.
„Wie dem auch sei”, setzte der Gott fort, „hatte ich wohl die Bereitschaft Ploks, sich auf meine Vorschläge einzulassen ein Wenig unterschätzt. Vielleicht nicht nur ein Wenig...”
Drow und Mensch sahen mit halb ängstlicher/halb genervter Miene zu ihm herüber aber der Gott ging nicht darauf ein, sondern fuhr fort:
„Die Orcs haben großen Gefallen an einer eigenen Version des Totenkultes gefunden, Glaube an ihre Vorfahren hatten sie ja so oder so schon. Es ist nur... sie übertreiben es ein Bißchen und das mag wohl als mein Fehler angerechnet werden.”
Ghaundar ächzte und sah zu Boden.
„Das erklärt zumindest die Berge an Knochen, die sie alle am Leibe tragen”, er hielt kurz inne, „und da war irgendwas mit mehr als der Hälfte von ihnen, die sich eine Totengräbermaske auf das Gesicht malen...”
Celestus hüstelte.
„Tätowiert...”
Joro stöhnte nun ebenfalls und sah bettelnd zu Celestus.
„Sag mir bitte, daß die keine Dummheiten machen werden, wenn sie hier ankommen.”
„Mit Sicherheit nicht”, der Gott klang beinahe beleidigt, „du wirst dich wundern, wie diszipliniert sie sind. Plok ist in der Tat weitaus klüger, als man das jemals von einem Orc erwarten könnte.” Nach einer Pause fügte er hinzu: „Außerdem habe ich sein sprachlich-orthographisches Problem gelöst. Seine ständig wechselnde Verwendung von Infinitiven und bestimmten Formen ging mir auf den Geist.”
„Man darf den Blick für das Wesentliche nicht verlieren”, kroch es aus Ghaundars Mund, nur um ihn im selben Augenblick zusammenzucken zu lassen.
„Ich entschuldige mich in aller Form, ich hatte nicht die Absicht...”
„Schon gut”, gab Celestus zurück, „Kommentar verstanden und akzeptiert. Nenne es eine organisatorische Maßnahme am Arbeitsplatz zur Effektivierung.”
„Wieviele hat er denn zusammenbekommen?”
„Einen Haufen. Also etwa sechshundert.”
Ghaundar schüttelte den Kopf.
„Wir haben es ja bisher irgendwie geschafft, die einzelnen Bevölkerungsgruppen in der Stadt unter einen Hut zu bringen, aber sechshundert Orcs werden auf gar keinen Fall funktionieren. Das gibt Ausschreitungen.”
Der Gott wandte sein Gesicht in seiner Richtung und Joro wußte intuitiv, daß dieser lächelte.
„Keine Sorge, ich glaube, daß sich das sehr schnell und einfach lösen wird.”
Mit diesen Worten verschwand der Gott.
Joro sah zum Drow, dem Anstrengung ins Gesicht geschrieben stand.
„Sags einfach..”
„Würd ich ja gerne, aber ich weiß ja, daß er immer mithört.”
„Im Zweifelsfall kann er auch deine Gedanken lesen, also laß zumindest mich nicht im Unwissen.”
Ghaundar schluckte und machte einen kurzen Blick nach oben, einen Blitzschlag erwartend, dann sagte er:
„Ich habe ein unglaublich ungutes Gefühl, was die ganze Sache angeht. Was soll ich denn überhaupt der Stadtwache sagen?”
„Warte hier”, sagte Joro und verschwand kurz aus dem Raum. Als er zurückkam, hatte er eine Maske in der Hand. „Wir schicken den Orcs eine Patrouille von berittenen Klostergardisten entgegen, die Plok die Maske geben sollen. Ich denke, daß sich dann der Rest wirklich von alleine lösen wird.”
Joro konnte die Orcs hören, bevor auch nur einer von ihnen je in der Stadt ankam. Zugegeben, sein Amtszimmer war im der Außenseite der Stadt zugewandten teil des Klosters, was bedeutete, daß die Straße zum Bergpaß darunter entlangführte, aber das änderte nichts daran, daß es unglaublich laut war. Die Grünhäuter mußten eine Masse an Trommeln und Rasseln mitgebracht haben und trotz der Absprache mit Ghaundar kam kurze Zeit nachdem der Lärm begonnen hatte Olgerich in Joros Zimmer gestürzt.
„Eminenz...? Ist... das ein Angriff?”
Joro versuchte, entspannt zu wirken.
„Nein, laut Celestus selbst ist das der letzte Mosaikstein in unseren Vorbereitungen. Plok ist auf dem Weg und er hat sechshundert Orcs dabei.”
Der Fürst schnappte nach Atem.
„Das...” Er sackte auf einen der Stühle und Joro sprang seinerseits auf und hole ein Glas mit Wasser.
„Ihr solltet erst einmal wieder zu Atem finden, Durchlaucht. Ich versichere Euch, daß wir nicht in Gefahr sind.”
„Vor den Toren sind die Menschen kurz davor, in Panik auszubrechen.”
Das hatte Joro vorausgesehen und hatte Joken und den Rest der Garde vor die Stadt geschickt, um für Ruhe zu sorgen.
„Das wird sich alles in Grenzen halten. Wenn ich das richtig einschätze wird Plok mit seinen Anführern und seinem Stellvortreter, nicht fragen, hier zum Kloster kommen. Joken hat Anweisungen, den Orcs die gerodeten Flächen im Süden vor der Stadt als Lagerplatz anzubieten.”
„Ich hoffe stark, daß Eure Pläne alle aufgehen, Eminenz. Zudem hoffe ich, daß die Orcs sich etwas zu essen mitgebracht haben, sechshundert weitere Münder können wir leider absolut nicht füllen.”
Das Trommeln und Rasseln verstummte abrupt und dann ging ein Gegröhle los, gefolgt von einer erneuten Stille. Olgerich und Joro gingen vom Amtszimmer zu einer der Schreibstuben, die einen Blick aus der Stadt heraus ermöglichten und trafen dort auf Dutzende Totengräber, die sich bereits um die Fenster drängten. Sie machten Platz und der Anblick, der sich unter dem Kloster bot war gewaltig.
Die Straße vor der Stadt war schwarz. Ein chaotisches Gewimmel von leicht gebückt gehenden Gestalten wuselte sich vor und zurück. An der Spitze des schwarzen Knäuels konnte Joro eine bekannte Gestalt erblicken, die mit einer Hand fuchtelnd und mit der anderen jeden anderen Orc, der ihr zu nahe kam auf den Kopf schlagend mit der vom Kloster geschickten Eskorte diskutierte. Als Joken, der sich freiwillig gemeldet hatte, die Männer anzuführen unter seinen Umhang griff und die Maske herauszog, die Joro ihm gegeben hatte, verstummte der ganze Haufen auf der Stelle und die Orcs blickten ehrfürchtig auf den Hauptmann, nur um noch ehrfürchtiger auf Plok zu starren, als dieser die Maske mit beinahe übertriebener Vorsicht entgegennahm. Dann reckte Plok den Arm gen Himmel und stieß ein Brüllen aus, das Joro bis oben ins Kloster hören konnte und seine versammelten Anhänger stimmten ein.
Joken hatte bis zu diesem Zeitpunkt eine angespannte Körperhaltung gehabt, nun schien er sich ein wenig zu entspannen und lächelte sogar.
Der Orc klopfte seinem Pferd auf den Hals, dann dem Hauptmann auf den Arm und wechselte ein paar Worte mit ihm. Dann wandte er sich zum Stellvortreter, den Joro kurz hinter ihm stehen sehen konnte und gab eine Reihe von Befehlen und deutete gen Süden. Alsbald nahm dieser eine Keule, die er bisher auf der Schulter getragen hatte, schwang diese und brüllte wie ein Ochse und langsam aber sicher bewegte sich das schwarze Gewusel von der Stadt fort nach Süden, wo ein großer Teil des daishanischen Urwalds als Baumaterial sein Leben hatte einbüßen müssen.
Zurück blieben eine Reihe von Orcs, von denen Joro aus der Ferne keiner bekannt vorkam, aber er wußte irgendwie, daß er sie alle in Kürze sehen würde. Er wandte sich zu Olgerich um.
„Wir haben nicht viel Zeit und ich glaube, daß wir für die eine oder andere Sache sorgen müssen, bevor Plok hier ankommt.”
Der Fürst wischte sich Schweiß von der Stirn.
„Das kann man wohl sagen, Eminenz, ich werde sofort zum Schloß reiten und die notwendigen Vorbereitungen treffen um zu verhindern, daß die Leute in der Stadt auf falsche Gedanken kommen.”
Während sich der Fürst halb rennend auf den Weg in die Stadt machte, ging Joro schnellen Schrittes in die Eingangshalle, deutete Marinus, alles liegen zu lassen und stellte sich ins Eingangstür.
„Alle sammeln, ich wiederhole: alle sammeln sich im Hof und zwar schnell, wenns recht ist!”
Innerhalb kurzer Zeit kamen alle im Kloster beschäftigten vor dem Hauptportal zusammen und als es schien als seien es alle, schaute Joro einmal in die Runde, nickte zufrieden und rief dann:
„Ich will, daß ihr alle sofort in eure Unterkünfte geht und eure beste Kleidung herausholt und anzieht. Für Totengräber und Novizen gilt: Alle setzen die Maske auf, keinerlei Ausnahmen. Die zuständige Gruppe richtet sofort den Tempel her, als sei es Mittwintersonne, auf die Misteln könnt ihr pfeifen, aber ich will daß da alles so aussieht als stünde ein großes Fest bevor. Ansonsten will ich nicht einen einzigen sehen, der nichts zu tun hat, auch wenn ich mir sicher bin, daß es keinen solchen gibt. Wir bekommen wichtigen Besuch und der muß stark beeindruckt sein, wenn er hier wieder abzieht. Ich erkläre euch später alles, was ihr vielleicht wissen wollt, aber jetzt heißt es erst einmal Arschbacken zusammen und ran an die Arbeit!”
Die Anwesenden sprangen alle in unterschiedliche Richtungen davon und Marinus räusperte sich hinter ihm.
„Dürfte ich bitte jetzt schon wissen, was Euch in solche Tatkraft versetzt hat, Eminenz?”
„Plok kommt und wenn ich unseren Herrn richtig verstanden habe, ist es wichtig, daß er die Kirche in ihrer besten Form zu sehen bekommt.”
„Ich bitte, meine Ignoranz zu verzeihen, Eminenz, aber warum sollte sich ein Orc um die Kirche kümmern?”
Joro erklärte ihm knapp, daß Celestus die erste Saat, die Joro selbst gepflanzt hatte, ihn als einen mächtigen Geist anzusehen, scheinbar ordentlich gedüngt und reifen lassen hatte. Die plötzliche Dominanz von schwarz tätowierten Gesichtern und geschwärzter Kleidung, die die Orcs trugen sprachen da auch für sich.
Marinus' Reaktion war freundlich aber vorsichtig.
„Ich verstehe. Dann sollten wir zusehen, daß wir ihnen einen besonderen Empfang bereiten können. Ich glaube allerdings, daß wir stark darauf achten sollten, daß sie nicht auf falsche Ideen kommen, dies hier ist ein Ort der Geistlichkeit und des Friedens. Wenn nicht gerade Hochelfen meinen, das Kloster in Brand stecken zu müssen, versteht sich.”
Joro verstand Marinus und seine Sorgen und nickte deshalb.
„Ich glaube nicht, daß Plok mit einer großen Anzahl seiner Männer hier herkommen wird, außerdem wirst du schnell sehen, daß er mir gegenüber eine sehr, sagen wir mal, „kooperative” Person ist.”
„Darauf werde ich stark hoffen, Eminenz”, der Totengräber machte sich wieder ans Werk und Joro ging in seine privaten Gemächer, um seine Rüstung anzulegen. Es mußte wirklich alles perfekt funktionieren.
Es dauerte fast eine Stunde, bis schließlich das Tor zum Kloster etwas nonchalant aufgestoßen wurde und sieben Orcs durch den Bogen getrottet kamen, eine unglaublich müde aussehende Eskorte hinter sich herschleppend. Joken sah aus, als hätte er gebadet, sein Wappenrock war am Hals vollständig naßgeschwitzt und die anderen Reiter saßen auf ihren Pferden als seien sie von verprügelt worden. Der Hauptmann machte eine Geste, die wohl „Die sind jetzt dein Problem...” aussagen sollte, aber das hinderte ihn nicht daran, die Eskorte anzuhalten, absitzen zu lassen und dann Order zu geben, hinter Plok und seinen sechs Spießgesellen herzumarschieren.
Als Plok Joro erblickte, begann er schon von Weitem fröhlich zu Grinsen. Der Orc hatte sich verändert, wie dem Bischof sofort aufgefallen war. Wo er vorher noch bis auf einen Lendenschurz und eine ganze Reihe von Knochenketten praktisch nackt gewesen war, trug er nun eine etwas zu lang geratene Tunika aus geschwärztem Schafsfell, die Ketten waren, bis auf das Amulett, daß Joro zu ihm gebracht hatte, vollständig verschwunden.
Die Totengräbermaske, die Joken mitgegeben worden war hing an einem Gürtel der unmöglich orcischen Handwerks sein konnte, und auch die Waffen, die der Orc trug waren scheinbar anderen Ursprungs.
Hinter ihm gingen die sechs Orcs, allesamt in ähnliche Tuniken gewandet. Zu Joros Überraschung waren nur vier von ihnen dem Anschein nach Krieger, die anderen beiden waren eher schmal, wirkten gar alt und stützten sich auf lange Stäbe. Schamanen vielleicht?
Gemein hatten sie zumindest, daß alle ihre Gesichter schwarz tätowiert hatten, mit einer kruden Version der Maske, die Joro in seinem Visier hatte.
Als diese nun Joro erblickten, blieben sie ehrfürchtig dreinblickend stehen und sahen ihn an wie ein Kind ein Mittsommernachtsgeschenk, die beiden alten Orcs blieben zwar stehen, aber die vier Krieger fielen auf ein Knie nieder und hielten ihre rechten Arme zum Gruß vor der Brust.
Plok war zwar auch stehen geblieben, aber als seine Anhänger ihre Ehrbekundungen ausgeführt hatten, trat er einen Schritt auf den Bischof zu.
„Es tut mir ganz ausgesprochen Leid, daß ich später erscheine, als ich das ursprünglich gelobt habe, Mann der mit dem Geist geht, aber es gab einen guten Grund, warum es dazu kam.”
Zunächst konnte Joro kaum glauben, daß diese Worte aus Ploks Mund gekommen waren. Celestus hatte sich wohl richtig Mühe gegeben.
'Das tue ich immer, vor allem wenn mir jemand auf den Geist geht.'
„Wie ich sehen konnte hat sich deine Rotte in einen Haufen verwandelt. Das nenne ich einmal eine ausgesprochen erfolgreiche Politik.”
Der Orc grinste.
„Der Geist mag mir vielleicht in den Kopf gekrochen sein und irgendwie meine Art und Weise zu sprechen verändert haben, aber das ändert nicht viel daran, daß ich es sehr genieße ein Orc zu sein. Politik gehört definitiv dazu.”
Joro klappte sein Visier hoch, was bei den anderen Orcs ein mißtrauisches Gemurmel aufkommen ließ, doch sie verstummten schnell, als Plok sich kurz mit gefletschten Hauern umdrehte.
Der Bischof mußte sich ein Grinsen verkneifen und fragte dann:
„Wie ich sehen kann, habt ihr euch dem Dienste Celestus' verschrieben.”
Plok machte ein ernstes Gesicht und nickte.
„Ich habe das eine oder andere Mal ein paar sehr klare Worte von ihm gehört und muß mir eingestehen, daß mich das sehr nachdenklich gemacht hat.”
„In der Tat?”
„Ja. Wir haben über Generationen hinweg die Geister eigentlich eher als als eine Form von wilden Kreaturen betrachtet, denen man zwar in gewisser Weise gehorchen kann, die aber dennoch tun oder lassen, was sie wollen. Dieser Geist ist anders und mein Haufen hat das sehr schnell begriffen. Politik ist eine Sache, aber die meisten von ihnen sind wild darauf, in die Gunst dieses Geistes zu kommen, was du auch an ihrem Äußeren erkennen kannst.”
Joro kratzte sich an der Stirn.
„Ist mir nicht entgangen, die schwarzen Klamotten, nicht von den Tätowierungen zu schweigen.”
Plok grinste.
„Nicht nur das, sie haben auch alle Knochenamulette vergraben, weigern sich, neue zu machen und plötzlich sind alle von uns, die auch nur ein wenig schmieden können sehr gefragt, weil sie einfache Sicheln herstellen können. Das ist sozusagen die Mode geworden”, er machte eine Pause und ein angeekeltes Gesicht, „warum kenne ich Worte wie „Mode”...”
'Das wird er dir nachtragen, Mein Herr...'
'Ich mußte schon mit Schlimmerem leben.'
„Dann bleibt noch eine Frage, bevor ich euch das Kloster zeige, Plok”, Joro versuchte immernoch ein Kichern zu unterdrücken, „und das ist, woher ihr die Waffen habt.”
Nun spannte sich ein Ohr-zu-Ohr-Grinsen über Ploks Gesicht.
„Der größte Teil meines Haufens sind die Überreste des Knochenbrecherclans. Die waren einmal der größte Clan im Norden und locker eine Horde, aber das ist schon viele Generationen her. Ursprünglich sind sie so stark geworden, weil sie ein kleineres Zwergenkönigreich vernichtet haben, aber das war nur die Legende. In Wirklichkeit haben sie einfach nur ein altes Loch im Berg gefunden, wo einmal Zwerge gelebt haben, und dort haben sie von den Skeletten und allem anderen, was zu finden war die Rüstungen und Waffen geklaut. Das Problem war aber Orcpolitik. Ständig wechselnde Anführer und die damit verbundenen Unruhen haben sie immer schwächer gemacht, als ich ankam waren da nur noch, äh...”, der Orc machte ein hilfloses Gesicht und wechselte dann zu ärgerlich, „Na toll, ich weiß was Mode ist, aber kann immernoch keine Zahlen.”
Plok hielt einen Moment inne und schien zu lauschen, dann erhellte sich sein Gesicht.
„Vierhundertundeinundzwanzig.”
„Also nur ein Haufen.”
„Fast eine Rotte. Aber die haben sich nicht auf Politik eingelassen, sondern sind stattdessen wie unzivilisierte Idioten in den Kampf gezogen. Wir haben sie natürlich besiegt und konnten dann ihre gesammelten Schätze, oder das, was davon übrig war, einsacken.”
Joro schielte auf den gewaltigen Hammer, den Plok auf seinem Rücken hängen hatte und konnte nicht umhin zu bemerken, daß der Stiel der Waffe im Gegensatz zu dessen Kopf kaum, wenn nicht keine Verzierungen aufwies.
Der Orc hatte seinen Blick bemerkt und lächelte verschmitzt, was aufgrund seiner riesigen Hauer eher diabolisch als humorvoll wirkte.
„Was sollen wir denn machen, wenn alles, was man da finden konnte für Leute gemacht ist, die kaum größer als einen Schritt sind. Ich kann ja Zwerge nicht sonderlich gut leiden, aber jemand, der einen so großen Hammer mit einem unterarmlangen Stiel zu führen im Stande ist, muß wirklich muskulöse Arme haben.”
„Mit anderen Worten: ihr habt die eine oder andere Anpassung durchgeführt.”
„Meine Schmiede werden ständig besser und die ersten umgebauten Rüstungen werden auch langsam fertig”, man konnte den Stolz in Ploks Miene sehen, „Besonders meine sieht bereits ausgesprochen interessant aus.”
Auch wenn Joro sich die Neugier zugestehen mußte, sehen zu wollen, wie es wohl aussähe, wenn ein Orc modifizierte Zwergenrüstung trug, wollte er nicht weiter auf die Einzelheiten eingehen, vor allem, weil er aus den Augenwinkeln überall Totengräber sehen konnte, die nervös zwischen ihm und den Orcs hin und her starrten. Also rückte er sich zurecht und wies dann in Richtung des Tempels.
„Dann wollen wir mal keine Zeit verlieren und ich werde euch ein wenig herumführen.”
Innerlich war da jedoch immernoch eine Frage, die es zu klären galt.
'Mit anderen Worten: du kommunizierst auch mit ihm?'
'Eifersüchtig?'
'Ich bin mir nicht so sicher, zuvor hatte ich immer das Gefühl, daß ich da in einer besonderen Position war...'
'Bist du auch, aber die Art und Weise, wie ich mit Plok rede ist sehr unterschiedlich.'
'Inwiefern?'
'Erst eifersüchtig und dann auch noch neugierig?'
Joro konnte sich eine schmollendes Gesicht nicht verkneifen, was Plok mit Unverständnis aufnahm, aber der Bischof hatte nicht vor, es ihm zu erklären.
'Neugierig ja, aber ich bin nicht eifersüchtig, du kannst natürlich tun und lassen, was du willst, Herr...'
'Richtig. Aber da die Frage nun einmal im Raume deines Gehirnes steht: Plok braucht hin und wieder einen kleinen Stoß in die richtige Richtung, und da du in den letzten sechs Wochen nicht zugegen warst, habe ich diese Rolle für dich übernommen. In Zukunft wirst du das allerdings selber machen müssen, ich habe da nur eine Zeit lang die Vortretung übernommen', Celestus konnte sich ein Lachen über den eigenen Witz nicht verkneifen.
'Ich glaube, daß mein größtes Problem darin liegen wird, mit ihm zu reden. Er klingt wirklich völlig anders.'
'Das wird schon...'
Sie waren im Tempel angekommen und kaum durch die Tür warfen sich alle sieben Orcs ehrfürchtig auf den Boden.
Joro stand daneben und auch wenn er erst erwartet hätte, daß sie wieder aufstehen würden, tat das keiner von ihnen.
'Ähh...'
'Was?'
'Wie lange bleiben die da nun?'
'Bis du ihnen sagst, daß sie aufstehen dürfen.'
„Ähm, ich denke ihr könnt euch erheben.”
Plok stand als erster auf und dann deutete er dem Rest, es ihm gleich zu tun. Langsam und im Falle der beiden Schamanen mit knackenden Gelenken erhoben sich die anderen sechs Orcs ebenfalls vom Boden. Dann sahen sie sich interessiert um.
Das Innere des Tempels war seit Joros Amtsantritt zwar von Unmengen an goldenem und silbernem Ramsch befreit worden, aber die gigantische Sichel mit zwei Schritten Durchmesser, die über dem Altar hing und vollständig mit leicht Rotgold überzogen war, hing immernoch dort und machte einen spektakulären Eindruck auf die Grünhäuter. Dies äußerte sich mit offenstehenden Mündern und langen Speichelfäden, die durch Mangel an Schlucken langsam ihren Weg gen Boden antraten.
Beide Schamanen bestanden darauf, einen Ritus zu hören, also zog sich Joro die Meßgewänder über die Rüstung und entsprach ihrem Wunsch. Daraufhin ging er ins Refektorium und überreichte beiden jeweils eine Robe in Schwarz, die diese mit großem Respekt entgegennahmen. Den vier Kriegern war anzusehen, daß sie das ein wenig eifersüchtig machte, aber Joro war bereits fest entschlossen, ihnen ebenfalls etwas angedeihen zu lassen, wenn er auch noch nicht wußte was.
Als sie wenig später durch die Reliquienhalle im Hauptgebäude gingen, wiederholte sich die Situation mit den Speichelfäden und dieses Mal war selbst Plok beeindruckt. Besonders intensiv wurde es allerdings, als sie am Bilde Nuktus vorbeikamen.
Hier waren die Orcs praktisch paralysiert, und starrten abwechselnd auf Joros Rüstung und das mannshohe Portrait vor ihnen.
Nun sprach zum ersten Mal einer der Schamanen, seine Stimme war rauh und sehr tief.
„Amulett das Plok tragen. Mann hat von seinem Stamm genommen. Du zurückgebracht, aber nicht selber Mann. Aber selbe Rüstung. Was bedeuten?”
'Erklärungsnotstand.'
'Denk dir was aus.'
„Nun...also... Es bedeutet, daß der Kreis sich geschlossen hat.”
Das reichte sichtlich keinem der Orcs, also mußte wohl noch mehr gesponnen werden.
„Was ursprünglich verloren wurde, weil es böse war, wurde gereinigt zurückgegeben, weil...” er hielt inne, denn er bewegte sich auf sehr dünnem Eis.
'Ich kann denen unmöglich sagen, daß das von vorneherein deine Idee gewesen ist, das ist eine klare Lüge.'
Celestus seufzte.
'Es war natürlich nicht geplant, aber manchmal kann man einen Zufall als glücklichen Wink des Schicksals ansehen, oder?'
„...weil es so vorgesehen war.”
„Von wem?”, fragte Plok mißtrauisch.
„Celestus hat mir gesagt, daß es vom Schicksal so gewollt wurde und daß es den Geistern vorbehalten sein muß, warum es so gekommen ist.”
'Gut ausgewichen.'
So richtig zufrieden mit der Antwort waren die Orcs allerdings immernoch nicht. Der Schamane deutete erneut auf Joros Rüstung.
„Und was bedeuten Rüstung?”
Hier stand Joro glücklicherweise auf sicheren Füßen.
„Die Rüstung ist ein Symbol dafür, daß eine großes Übel, daß in der Vergangenheit stattfand überwunden ist und heute steht sie für einen neuen Anfang und einen Dienst im Sinne Celestus'. Derjenige, der sie zuerst trug hat den Willen des Geistes ignoriert und wurde dafür bestraft. Ich bin derjenige, der sie als Zeichen für den rechten Weg trägt”, 'hoffe ich zumindest...' fügte er im Geiste hinzu.
'Bisher kann ich mich nicht beklagen.'
Joro war sich nicht sicher, ob der Schamane das, was er gesagt hatte richtig verstanden hatte, aber wenn dies so war, machte er sich erfolgreich die Mühe, das nicht zu zeigen. Stattdessen nickte er und sah den Bischof mit großen Augen an.
„Das heißen du oberste Schamane von Geist, ja?”
„Das ist das Amt, das mir auferlegt worden ist”, Joro nickte.
Beide Schamanen betrachteten einander kurz, dann fielen sie beide vor dem Bischof auf die Knie.
„Du uns lehren alles was du weißt.”
Das kam sehr überraschend und für einen Moment wußte Joro nicht genau, was er tun sollte, doch dann kam ihm eine Idee.
„Könnt ihr beiden lesen?”
Unverständnis in zwei grünen Gesichtern war die Antwort.
„Wißt ihr, was Schrift ist?”
Wieder keine Antwort, nur fragendes Schweigen.
„Gut. Dann werden wir damit anfangen müssen. Aber nicht heute, denn es stehen erst wichtigere Dinge an. Plok und ich werden über eine ganze Reihe von Themen reden müssen und das hat vor allem Anderen Vorrang.”
Er machte eine kurze Pause und wandte sich dann an den Häuptling.
„Was ist der Rang dieser vier Krieger?”
„Das sind meine Ersten. Von allen Kriegern, die ich habe sind sie die stärksten und wildesten, Krut einmal ausgenommen.”
„Ich habe bereits eine Idee, wie wir sie als solche auszeichnen können und werden. Aber ich denke, daß wir das in einer Zeremonie vor den anderen Orcs tun sollten. Was Celestus angeht ist dieser Ort wichtiger und wie du mir vor einiger Zeit gesagt hast sind die Wege der Schamanen ihre eigenen. Ich denke, daß das mit den Kriegern anders gehandhabt werden sollte.”
Plok nickte.
„Das sehe ich genauso. Wir machen das später, vielleicht heute Nachmittag?”
„Ich denke, daß sich das einrichten läßt”, gab Joro mit einem Lächeln zurück, „aber jetzt werden wir erst einmal über die Zukunft reden müssen.”
Die sechs Orcs in Ploks Gefolge wurden in Marinus Obhut übergeben, was dem Totengräber sichtliche Unruhe verursachte, aber ihm dennoch kein Klagen abrang. Dann gingen Plok und Joro in dessen Amtsstube und setzten sich dort hin, um zu palavern. Der Besuchersessel, auf den sich der Orc niederließ knarzte zwar klagend, aber er hielt dem Gewicht des Grünhäuters stand.
Sie schwiegen beide eine Weile, bis Plok sich nicht mehr halten konnte.
„Ich kann mit ehrlichem Erstaunen sagen, daß ich vor nicht einmal drei Monaten nicht im Geringsten gedacht hätte, einmal hier zu sitzen. Was noch als Spitze auf der ganzen Situation sitzt ist die Art und Weise, wie sich meine Perspektive gegenüber allem, und das meine ich wörtlich, verändert hat.”
Joro seufzte.
„Du hast keine Ahnung, wie sehr ich dir das nachfühlen kann, auch wenn es für mich jetzt fast ein Jahr her ist.” Ihm wurde das nur doppelt bewußt wenn er daran dachte, daß draußen nach etlichen Wochen mit Regen so langsam etwas wie beginnender Spätsommer einsetzte. Drinnen auch. Immernoch eine reichlich dämliche Formulierung.
„Nun, laß uns darüber reden, was jetzt alles geschehen wird.”
Der Bischof raffte sich auf, dachte kurz nach und sagte dann:
„Zunächst werde ich den beiden Schamanen wohl Lesen und Schreiben beibringen müssen. Ich nehme an, daß du das auch lernen wollen wirst.”
Plok lächelte verschmitzt, nahm ein Stück Papier von einem der Haufen auf Joros Pult und las dann, langsam, aber nicht stockend:
„Im Verlaufe der nächsten drei Wochen sind mindestens vier Wagenladungen Weizen aus Lirdwig zu erwarten, die der dortige Fürst gegen eine Bezahlung von...”
„In Ordnung, ich denke ich weiß wer dir diese Fertigkeit vermittelt hat.”
„Stell dir meine Verwirrung vor, als ich das erste Ortsschild auf der Straße nach Bargum gesehen habe. Noch vor zwei Monaten hätte ich es für Schmutz auf einem Holzbrett gehalten, aber jetzt...”
„Kann ich mir gut vorstellen... Was deine Ersten angeht, beabsichtige ich, ihnen als Zeichen für ihre Stellung die Waffen der Klostergarde zu übergeben, allerdings weiß ich nicht, ob sie damit einverstanden sind oder nicht. Wenn man bedenkt, was ihr von den Knochenbrechern erbeutet habt...”
Plok runzelte die Stirn.
„Von welchen Waffen reden wir denn da?”
„Hast du die Soldaten mit den schwarzen Waffenröcken gesehen, die überall im Kloster verteilt auf ihren Posten stehen?”
„Ja. Die haben einen sehr imposanten Eindruck gemacht für Menschen. Einer meiner Ersten hat kommentiert, daß das seltsame Beil, das sie an ihren Gürteln tragen an eine alte orcische Waffe erinnern, die irgendwann aus der Mo... oh Geister!Jetzt hätte ich das um ein Haar wieder gesagt!”
Joro ging kurz aus dem Raum und bat einen der Gardisten im Korridor, ihm seine Schaufel zu geben, dann ging er zurück zu Plok.
„Hier. Das ist offiziell die Waffe der Gardisten.”
Plok nahm die Waffe in die Hand und meinte dann mit einem Grinsen:
„Mech'rek.”
„Wie bitte?”
„Orcisch. Bedeutet buchstäblich „Werkzeug”, aber eins zum Ausweiden von Tieren.”
Der Bischof war verblüfft.
„Laut Celestus ist das ein altes Daishaniwort und bedeutet „Schlachter vom Dienst”.”
Der Häuptling lachte laut.
„Ich kann dir versprechen, daß praktisch jeder meiner Jäger eine kleinere Version, allerdings mit weitaus kürzerem Sporn und ohne den Hammerkopf bei sich trägt. Für eine Weile hatten ein oder zwei Clans im Nordwesten die Idee, das ganze in größerer Form und mit einer Kugel an der Stelle wo jetzt der Hammer sitzt zu benutzen. Das ist allerdings schon sehr lange her und die Waffe war aus Steinen und einem Knochensporn gefertigt. Weil das aber nur mit Leim und Sehnen an Ort und Stelle verankert war, gingen die im Kampf ständig zu Bruch, weshalb sie sehr schnell nicht mehr benutzt wurden.”
'Mit anderen Worten: Die Geschichte von Nuktus Anhänger oder Kameraden oder was auch immer ist auch wieder nur eine Legende.'
'Es ist die offizielle Version. Woher der Schmied die Idee hatte weiß ich nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, daß er eventuell irgendwann einmal mit Orcs Kontakt hatte. Zu Nuktus Zeiten waren die Menschen und Orcs in Daishan konstant im Krieg miteinander, denk daran, was die Kette dir für eine Vision geschickt hat, als du sie gefunden hast.”
„Was allerdings an diesem hier anders ist”, fuhr Plok mit deutlich versöhnlicher Stimme fort, „ist die Tatsache, daß sie aus Eisen ist.” Er fummelte eine Weile am Schaft herum und machte dann eine Reihe von testenden Bewegungen mit der Schaufel.
„Für einen Orc müßte sie allerdings schwerer und größer sein, glaubst du, daß sich das machen läßt?”
Dem Bischof fielen drei kleine, dicke Männer ein, die das mit Sicherheit bewerkstelligen konnten. Gerüchten zufolge waren die Duergarschmiede so derart erfreut gewesen, als sie den Auftrag bekamen, endlich eine männliche Waffe herzustellen, daß sie sich überenthusiastisch ans Werk begeben und kurzer Zeit eine viel zu hohe Menge an Schaufeln hergestellt hatten.
„Sag mal, Plok, wie stehen eigentlich Orcs zu Duergar?”
„Du meinst die kleinen, grauen Zwerge, die die anderen nicht leiden können?”
„Äh, ja, richtig.”
„Och, der Feind meines Feindes ist mein Freund, nicht wahr? Wir haben, solange wir denken können, immer freundschaftlichen Ärger mit ihnen gehabt. Mal wurde gehandelt, mal wurde sich gegenseitig umgebracht, je nachdem, was mehr Laune machte.”
„Und anders herum?”
„Ich denke einmal, daß die Duergar immer froh waren, wenn sie uns ihren Schrott andrehen konnten. Wenn es irgendwas gibt, was die lieben, dann sind es wertvolle Dinge, die sie in irgendeine Truhe stopfen können und wenn sie dann ihren Abfall noch gleichzeitig loswerden können macht sie das nur um so fröhlicher.”
„Das klingt nicht gerade positiv, wenn ich ehrlich sein soll”, meinte Joro mit verzogenem Mund.
„Das mag sicherlich sein, aber des einen Abfall ist des anderen Schatz. Was für die Grauzwerge wertlos war, war für uns immer ein Weg, einen Vorteil über unsere Feinde oder innerhalb unserer Gesellschaft zu erlangen, also waren derlei Geschäfte für beide Seiten lohnend. Ich kann mich erinnern, daß mein Vater eine ganze Zeit lang einen Dolch bei sich getragen hat, der in Wirklichkeit nur schlecht schwarzrot angemaltes Eisen war, aber trotzdem so gut gemacht, daß die anderen Orcs dachten, es sei ein Adamantitdolch. Wenn es seinen Zweck erfüllt, dann hat es seinen Wert, wir sind ein pragmatisches Volk, Joro.”
„Du sagtest „hatte”, was ist denn mit dem Dolch am Ende passiert?”
Plok grinste über sein gesamtes, breites Gesicht.
„Ein Schamane von einem anderen Stamm hat ihn gegen einen sehr starken Talisman eingetauscht. Das Gesicht von dem Idioten hätte ich gerne gesehen, als ihm auffiel, welchen Ramsch er von Runk bekommen hatte.”
„Opportunisten seid ihr also auch”, gab der Bischof mit einem Lächeln zurück.
„Natürlich”, gab Plok ernst zurück, „Wenn du in den Bergen lebst und Winter überstehen mußt, in denen jeder Einzelne, nicht einmal ein Häuptling, wissen kann, ob er den nächsten Frühling noch erleben wird, dann lernst du alles zu nutzen, was dir in die Hände fällt.”
Joro fühlte sich entschlossen, den Orcs keinen Ramsch in die Hände zu geben. Stattdessen schrieb er eine kurze Notiz und rief dann einen Gardisten in seinen Raum, um ihn mit dem Auftrag, die Notiz an Olgerich weiterzugeben zum Stadtschloß zu schicken.
„Heute Nachmittag wird vielleicht ein wenig zu früh sein, aber ich denke, daß wir in Kürze die angebrachten Waffen für deine Ersten haben werden. Zwei große Zweihandversionen und dann jeweils zwei Einhandversionen, wenn ich mich recht erinnere?”
„Richtig. Gut beobachtet.”
„Wunderbar. Dann bleibt da noch eine Sache...”
„Ich nehme an, die beinhaltet, daß wir uns zu benehmen haben und das wir uns darauf vorbereiten sollen, nach Süden zu ziehen?”
„Nein”, antwortete Joro, „Denn ich denke, daß sich das von selbst versteht. Worum es mir eigentlich mehr geht ist, inwiefern Celestus euch nun wirklich auf ihn eingeschworen hat.”
Plok sah ihn verwirrt an.
„Das hat er dir nicht gesagt?”
„Nein und ich denke, daß das so ist, weil er nur eine Grundlage schaffen wollte und ich den Rest machen soll.”
Der Orc schielte auf die Rune an Joros Hals.
„Er hat mir zumindest gesagt, daß ich mich darauf vorbereiten soll, daß ich von dir eine Reihe von Aussagen und Antworten zu erwarten habe, die mir vielleicht nicht sonderlich gut gefallen werden.”
Der Bischof machte ein schmerzverzerrtes Gesicht und meinte dann:
„Ich bin ein Daishani und habe die Vermutung, daß du weißt, was das Zeichen auf meiner Kehle bedeutet.”
„Ja.”
„Gut. Die Wahrheit ist, daß ich eigentlich nur mit der Kette zu euch gekommen bin, weil dein Vorvater mich dazu aufgefordert hat und ich diesem ein Versprechen gegeben habe. Die Rune hat damit weniger zu tun, aber es ist eine Eigenheit meines Volkes, Versprechen bedingungslos einzulösen.”
„Eine ganze Reihe von Orcs würden das für eine ausgesprochen dumme Eigenschaft halten”, gab Plok zurück, „aber in meinem Falle kann ich sagen, daß ich das für sinnvoll halte. Und weiter?”
„Mich hat das Resultat meiner Handlungen, die zum Tode des Großteils deines Stammes geführt haben tief betroffen, ich hatte nicht beabsichtigt, einen minderen Völkermord zu begehen.”
Der Häuptling machte eine abwehrende Geste.
„Es hat keinen Falschen getroffen, soviel kann ich dir sagen. Wäre ich weiterhin in dieser alten Schlucht Anführer gewesen, hätte ich mich bis ans Ende meines Lebens jede Woche gegen irgendeinen Schwachkopf verteidigen müssen, der meine Rolle einnehmen wollte, bis ich irgendwann zu alt gewesen wäre und, naja, denk dir den Rest...”
„Das ist jetzt anders?”
„Völlig. Kein einziger von meinen Anhängern würde wagen, mich anzurühren und das ist zu einem großen Teil dein Verdienst”, er hielt kurz inne, schielte verstohlen an die Decke und fügte dann hinzu: „Nicht zu vergessen der des schwarzen Geistes.”
„Du hast also akzeptiert, Celestus zu dienen?”
„Der Geist gibt uns Kraft und dafür geben wir ihm unseren Dank. So ist es bei uns immer gewesen und so wird es immer sein.”
Das war praktisch betrachtet genau die umgekehrte Version dessen, was das Dogma der Celestuskirche ausmachte, nämlich Glauben vor Unterstützung durch die Gottheit.