Der Prophet, Teil 2
Der Prophet, Teil 2
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.
Marinus stand mit einem Schreibbrett vor dem Eingang des Hauptgebäudes und notierte sich alles, was ihm Leute, die an ihm vorbeigingen mitteilten, wobei er hin und wieder hektisch aufblickte. Als er Joro erkannte, legte er das Brett auf einen Schemel, der ebenfalls neben der Tür stand und kam mit schnellen Schritten und einem freudigen Lächeln auf dem Gesicht auf ihn zugelaufen.
„Eminenz, es ist wunderbar, Euch wohlbehalten zurückzubekommen. Es hatte mir ernste Sorgen bereitet zu hören, daß ihr alleine in die nördliche Wildnis aufgebrochen seid!”
„War alles weniger schlimm, als du vielleicht denken würdest, Marinus”, Joro grinste, „ aber ich bin leider nicht hier, um meine Rückkehr zu feiern. Ich muß mich so schnell wie es geht auf das abendliche Treffen mit allen Parteien vorbereiten.”
„Ihr habt keine Ahnung wie wenig ihr dem alten Bischof ähnelt, Eminenz. Der hätte sich vermutlich erst einmal in seine Badewanne gelegt und hinterher geschlafen”, Marinus lachte fröhlich.
„Mit dem alten Bischof wäre dieses Kloster ein schwelender Haufen Altholz und die Stadt vermutlich schon aufgegeben”, Joro hielt inne und bemerkte, daß ihm durchaus alles wehtat, „Ich wäre allerdings schon dankbar, wenn die Wanne vorbereitet werden könnte, es dauert ja so oder so eine Weile bis sie fertig ist und so wie ich derzeit aussehe und rieche kann ich unmöglich in irgendeine Tagung gehen.”
Marinus nickte und deutete nur auf die schwere Eingangstür.
„Euer Amtszimmer ist bereit und ich werde Bescheid geben, wenn wir das Bad vorbereitet haben, ich werde zudem Franz anleiten, etwas Kleines zu essen für euch bereitzuhalten.”
Der Magen des Bischofs begrüßte diese Idee.
Joro machte kurz halt in seinem Schlafgemach, um die Rüstung abzulegen. Die Unterkleidung behielt er an, weil sie sowieso nach Bärenhöhle roch und es keinen Sinn machte auf den schmutzigen Körper frische Kleidung zu ziehen.
Also lief er barfuß und nur in ein einfaches Hemd und Hose gekleidet den Gang herunter und durch die Schreibstube, um schließlich vor einem Haufen Pergamente und, wie ihm auffiel, dem in Daishan viel weniger gebräuchlichen, weil teureren Papier zu stehen. Irgendwo da drunter war sein Schreibtisch, da war er sicher. Aber es würde wohl eine ganze Weile dauern, diesen ausfindig zu machen.
Olgerich hatte allerdings Recht behalten, auf jeden einzelnen Stapel war ein kleiner Zettel gelegt, der in Stichworten beschrieb, was der jeweilige Haufen thematisch mit einschloß.
Provisionen, Waffen, Rohstoffe... Nein, das war erst einmal nicht interessant.
Truppen, Ausbildungsrapporte,
Ausgaben/Einnahmen/Schatzkammer...
Er fand einen kleinen Stapel, der ausschließlich aus Papier bestand, auf dem „Kundschafterberichte/Hanlar” als Thema stand.
Seufzend nahm er sich das erste Dokument und begann zu lesen.
Joro hatte nicht das Gefühl, weit gekommen zu sein, als Marinus leise an die offene Tür klopfte und verkündete, daß das Bad bereit sei und daß in seinem Schlafgemach ein Besucher auf ihn wartete. Also legte er eine Liste mit den Truppenstärken des Kaiserreiches und deren Stationierung beiseite und ging mit einem langen Seufzer in Richtung Badezimmer. Als er die Tür zum Privatgemach aufmachte, sah er dort Alystin am Fenster sitzen, die sich zu ihm umdrehte. Ihre Augen waren veilchenblau.
„Hallo Joro. Ist das deine neue Alltagskleidung?”
Er sah an sich herunter und kam sich unglaublich schäbig vor.
„Wie lief das Erwürgen?”
„Gut. Ich glaube kaum, daß Omareth sich noch einmal anmaßen wird, solche Entscheidungen ohne meine Ausdrückliche Erlaubnis zu treffen. Kooperation schön und gut, und ich verstehe auch den Sinn des Portals, aber, und ich hoffe du verstehst das nicht falsch, die Idee hier, wo potentiell jeder ein Spion sein kann ein Portal zu bauen, das mit unserer geheimsten Magie funktioniert war etwas, das er schlicht und ergreifend nicht hätte tun dürfen.”
„Aber da unten sind die doch gut dabei, das Ding fertigzustellen?”
„Ja. Weil Omareth mir sehr gute Gründe dafür geben konnte, warum es strategisch notwendig ist. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß er diese Entscheidung nicht alleine machen durfte. Und was meine Stellvertreterin angeht...”, sie machte eine Pause und dachte kurz nach, „Was meine Stellvertreterin angeht ist das eine interne Affäre und ich erwarte, daß du dich da nicht einmischt.”
Eigentlich wollte Joro erst nachfragen, aber dann wurde ihm klar, daß das nicht klug gewesen wäre, also hielt er lieber den Mund. Stattdessen kam ihm eine Frage in den Sinn.
„Wie habt ihr das Problem mit potentiellen Spionen denn gelöst?”
Alystin legte den Kopf schief und schien kurzzeitig zu Überlegen, ihm nicht zu antworten, aber dann seufzte sie und sagte:
„Da du formell einer von uns bist: das Portal im Innenhof ist eine Attrappe. Das richtige Portal wird im Keller gebaut, in einem Teil des Klosters, den außer Marinus und vielleicht dem Koch sonst keiner je bemerkt hat.”
„Das war Ghaundars und Omareths Idee und deshalb bist du auch gerade nicht so böse, wie ich es erwartet hatte, richtig?”
Sie lächelte.
„Richtig. Am Ende war meine Sorge unberechtigt und ich hätte mich um ein Haar lächerlich gemacht. Die Entscheidungsfrage war eine Formsache und alle Verantwortlichen haben sich bei mir entschuldigt, aber haben gleichzeitig auf Putativnotstand plädiert.”
„Das is ja nu ein wenig übertrieben”, nuschelte Joro während er sich das Hemd über den Kopf zog.
„Den Ausdruck kannte ich vorher auch nicht, aber ich bin mir sicher, daß Ghaundar den in irgendeinem Wörterbuch gefunden hat und Omareth gesagt hat, er solle das als Grund anführen.”
Joro zog derweil seine Hose runter und der hochwogende Mock gab ihm nun endgültig den Impuls, so schnell wie möglich ins Bad zu steigen.
Während er in den Bassin stieg, kam Alystin langsam hinter ihm her und lehnte sich in die Türfüllung. Sie betrachtete ihn aufmerksam, während er sich glücklich ächzend in das heiße Wasser niederließ.
„Soll ich dir ein paar Kräuter ins Wasser tun, die dich für den Abend frisch und konzentriert machen?”
Joro grinste.
„Ich könnte mir da ein schwarzes Kräuterlein vorstellen, daß ich sehr gerne im Wasser hätte, allerdings würde mir das vermutlich den letzten Lebenssaft aussaugen.”
„Depp”, sie grinste zurück.
„Haben die Nebenwirkungen?”
„Nein, nur wirst du vermutlich erst spät einschlafen können. Was mir durchaus gelegenkommt”, ihr Grinsen wurde beinahe dämonisch. Sie hielt einen Moment mit der Hand in ihrer Kräutertasche inne und sah ihn dann mit leicht sorgenvollem Blick an.
„Stört es dich, daß ich manchmal jähzornig bin?”
Joro gab einen liebevollen Blick zurück.
„Dein Temperament ist eins der Dinge, die ich an dir liebe, Alystin. Daß das auch Schattenseiten hat kann ich gut verkraften.”
Sie lächelte glücklich und begann dann, ein paar Büschel aus ihrer Tasche zu holen, einige Stengel auszusortieren, von denen sie die Blätter abstrich und dann zwischen den Händen zerrieb. Dann ließ sie ihre Hände vorsichtig ins Wasser sinken und begann langsam umzurühren. Die Berührung an einer interessanten Stelle wertete Joro als versehentliche Aktion im vollständig konzentrierten Geisteszustand, weil die andere Option arbeiten für den Rest des Tages unmöglich gemacht hätte.
Der Effekt der Kräuter stellte sich nicht sofort ein, aber schon nach einigen Minuten fühlte er ein Prickeln auf der Haut und die Schmerzen in den Gliedern (fast allen, das Selbstbelügen aktivierte zwar nicht die Rune aber schien bei Daishanis trotzdem nicht zu funktionieren) verschwanden gemächlich.
Alystin rührte während der ganzen Zeit weiter im Wasser.
„Kriegst du jetzt nicht hyperaktive Hände?”
Sie kicherte leise und ließ sich nicht stören.
Schließlich richtete sie sich auf und sagte:
„Jetzt sofort aus dem Wasser und übergieße dich mit kaltem Wasser.”
„Weil ich...äh...?”
„Nein, nicht weil du dich freust mich zu sehen, sondern weil du sonst in einer halben Stunde so tief schläfst, daß dich selbst eine neue Attacke der Legion nicht wieder aufwecken wird.”
Joro stieg aus dem Wasser, mit einem anzüglichen Blick Alystins bedacht und ging in die Ecke des Raumes, in dem ein Eimer mit eiskaltem Wasser stand, den er sich dann mit einem einzigen Ruck über den Kopf goß.
Durch seinen ganzen Körper zuckte etwas, was sich wie ein Feuerstrahl anfühlte und er schrie laut auf. Der Schmerz war aber nur augenblicklich und als er sich ein wenig beruhigt hatte, fühlte er in seinem ganzen Körper eine wohlige Wärme.
„Besser?”
„Hättest du mich nicht vorwarnen können?”
Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
„Nein. Man darf nicht zögern, der Effekt verschwindet sonst sehr schnell und man ist noch matter und müder als zuvor.”
Mit einem gespielten Ächzen streckte sich Joro und ging dann zu ihr herüber und nahm sie in den Arm, was sie mit einem ebenso gespielten Kreischen kommentierte. Sie küßten sich lange und intensiv, und dann ging er zu seiner Garderobe im anderen Zimmer, um sich etwas Anzuziehen zu suchen.
Alystin lehnte sich erneut in die Tür und sah an sich herunter.
„War das mit den nassen Klamotten die Rache für den Schock?”
Joro kicherte.
„Ich bin nicht rachsüchtig, das weißt du genau.”
„Deine Schuld, wenn ich den Rest des Tages nackt herumlaufen muß...”
Er drehte sich um und machte ein gespielt böses Gesicht.
„Ich muß arbeiten, das ist fies!”
Sie lachte, kam herüber und gab ihm noch einen Kuß.
„Keine Sorge, ich hab noch das Eine oder Andere zum Umziehen. Wir sehen uns heute Abend im Schloß, ich habe noch eine Menge Dinge zu erledigen.”
Alystin verließ den Raum und Joro, der sich noch eine kleine Weile mit einem Erregungszustand herumplagen mußte, zog sich Unterkleidung und eine einfache, schwarze Robe an. Dann ging er zurück in sein Arbeitszimmer und setzte seine Informationsbetankung fort.
Alles in allem erschien es ihm fast unmöglich, daß alles was er las echt sein konnte. Wie hatte es Ghaundar geschafft, in so kurzer Zeit so derart viel in Erfahrung zu bringen?
Luftschiff oder nicht, nach Hanlar waren es mehrere hundert Meilen, zumindest wenn man bis nach Tont kommen wollte, der Hauptstadt. Zugegeben, vieles war wage und eine Reihe von Einzelheiten wirkten nicht sonderlich wertvoll, zum Beispiel daß ein gewisses Regiment, das an der Grenze zu Daishan stationiert war sich weigerte zu marschieren, weil sie seit Wochen nur Kohlsuppe zu essen bekamen.
Aber auf der anderen Seite waren hier spezifisch die Loyalitäten einzelner Fürsten beschrieben und daß der Kaiser wohl gleichzeitig eine Invasion zurückschlagen und dabei die Einigkeit seiner Lehnsleute bewahren mußte.
Politik. Die Wurzel allen Übels.
Joro seufzte und nahm sich einen anderen Stapel vor, nicht bevor er bemerkt hatte, wie schnell er durch diesen gegangen war.
Dieser war alles, was sich über die Legion und den Propheten in Erfahrung lassen hatte. Er hatte ihn erst übersehen, denn er war merklich klein, und was er zu lesen bekam war nicht sonderlich erfreulich, denn Informationen waren, wie es schien, dünn und sehr ungenau. Im Großen und Ganzen war die Invasionsarmee gewaltig und griff von drei Seiten an, im Westen zudem unterstützt von Truppen der sogenannten Könige im Westen, einer der Rapporte ließ sich lang und breit darüber aus, daß es sich bei diesen Möchtegernmonarchen eher um eine Rotte halbzivilisierter Hirtenhäuptlinge und mit Ziegen verkehrender Idioten handelte, in der Mitte und im Osten aber mit umso größerer Anzahl. Das mußte eine Mitschrift einer Unterhaltung sein.
Bisher hatte das Kaiserreich es geschafft, die Hochelfen zumindest zu bremsen, aber es waren bereits einige Provinzen dem Feind in die Hände gefallen.
Es machte Joro schlucken, daß es keinerlei Berichte aus den besetzten Gebieten gab, auf einem Dokument war klar vermerkt, daß solche nicht zu existieren schienen. Er legte das Blatt vor sich und schaute an die Decke.
Keine Berichte. Was auch immer da vor sich ging konnte absolut nicht gut sein. Eine Evaluierung der Situation am Ende des Stapels sprach davon, daß die Hauptstadt des Reiches, Tont, aufgrund seiner geographischen Lage ziemlich im Mittelpunkt innerhalb der nächsten sechs Monate unter Belagerung kommen würde.
Joro schüttelte energisch den Kopf und machte einen Laut des Unmutes. Das durfte auf gar keinen Fall geschehen. Die Hilfe, die er und seine Freunde dem Kaiser bieten konnten war vielleicht ausreichend, um die Hochelfen zu besiegen und zurückzutreiben, aber alleine konnten und würden sie es niemals schaffen. Sollte Tont fallen, waren sie alle tot.
Franz war zwischenzeitig mit einem freundlichen Wort in seinem kaum verständlichen süddaishanischen Akzent in den Raum gekommen und hatte ein kleines Tablett auf einem Bock neben dem Pult plaziert, und war dann ebenso schnell wieder verschwunden.
Joro griff sich einen Happen Schinken, stand auf und ging zum Fenster.
Draußen war es später Nachmittag, drinnen auch und er fand die Formulierung albern.
Im Hof waren die Arbeiter damit beschäftigt, ihr Tageswerk abzuschließen, Taue an den Kränen wurden festgezogen und Werkzeug in Kisten verstaut.
Die angeblich am Portal arbeitenden Dunkelelfen saßen am Fuße des Podestes und diskutierten eifrig mit Alystin, die mit einer Hand auf die Hüfte gestützt vor ihnen stand. Hin und wieder lachten sie, also konnte es da keine weitreichenden Probleme geben, Joro hoffte nur, daß ihr Wutausbruch keinen Schaden verursacht hatte. Auf der anderen Seite war das sicher nicht der erste gewesen und sie war immernoch Hohepriesterin, also war da bestimmt alles in Butter.
Er seufzte leise. Eine Vorahnung sagte ihm, daß die Zeiten des Lachen und Herumsitzens bald vorbei sein würden und ihm wurde auch klar, daß eine ganze Reihe von Leuten, die heute noch lebten in der nahen Zukunft vielleicht nicht mehr da sein würden.
Bei dem Gedanken, daß Alystin vielleicht sterben könnte wurde ihm eiskalt auf dem Rücken. Er schwor sich, das unter allen Umständen zu verhindern.
'Wenn ihre Zeit gekommen ist, wirst weder du noch ich etwas daran ändern können.'
Joro ließ den Kopf sinken.
'Ich weiß. Aber das wird mich nicht daran hindern, alles zu tun, das in meiner Macht steht, daß das nicht passiert bevor sie alt und, äh, naja, du weißt schon.'
Kapitel 11
Als die Glocke zum Abendgottesdienst schlug, legte Joro alle Dokumente beiseite und ging zum Tempel herüber, um daran teilzunehmen.
Er fühlte sich nicht in der Lage, sich auf den Ritus zu konzentrieren und bat deshalb Marinus darum, ihm zu vertreten, was dieser ohne eine Frage tat.
Celestus schnalzte zwar mißbilligend mit der imaginären Zunge, aber er ließ Joro ansonsten in seinen Gedanken und diese waren so viele, daß es sich beinahe so anfühlte, als würde ihm der Kopf platzen.
Nicht nur das, Joro fühlte sich um ein weiteres Mal überfordert. Nicht, daß ihm nicht klar gewesen wäre, daß er eine ganze Reihe wirklich fähiger Freunde und Verbündeter um sich herum hatte, das war ja nicht einmal die Frage. Eher, was er sagen sollte, wenn sie nach seiner Meinung fragten.
Seine Gedanken hingen sich am Ende an einem Punkte auf: er würde sich in Zukunft wie auch schon zuvor um die Belange der Kirche kümmern und das war alles. Er hatte sich schon in der Vergangenheit zu viel in Dinge eingemischt, von denen er keine Ahnung hatte, und selbst hier, in diesem Gebäudekomplex hatte er mehr oder minder nur die Kirchenregeln und ein paar wilde Ideen als Grundlage für sein Handeln und kaum etwas mehr.
Joro unterdrückte ein zufriedenes Grunzen, das sonst die Stille nach dem Abschiedssegen ruiniert hätte.
Nichtsdestotrotz konnte sich Celestus ein solches nicht verkneifen. Wenn auch glücklicherweise nur in Joros Kopf.
Mit neuem Mut versehen verabschiedete er sich von allen Totengräbern und machte sich auf den Weg ins Stadtschloß. Der Hauptmann der Stadtgarde stand am Tor des Klosters und nachdem er heftig salutiert hatte wies er Joro an, ihm zu folgen.
Nach ein paar Schritten kam dem Bischof ein Gedanke.
„Ich habe dich niemals nach deinem Namen gefragt, Hauptmann.”
„Das ist richtig. Ich heiße Joken.”
Joro zuckte zusammen, denn sein ältester Bruder hatte den selben Namen getragen.
„Ah, gut, Joken. Wie läuft das Training der Klosterwache?”
„Gut, Euer Eminenz, wir haben zwei Kompanien von Rekruten, die nicht vollständig untauglich sind. Es kommen außerdem immer mehr junge Männer aus der Umgebung, die ein Abenteuer suchen. Eine ganze Reihe von denen wird schnell merken, daß das hier kein Platz für Kinderspiele ist, darauf könnt Ihr euch verlassen, aber hin und wieder sind einer oder zwei dabei, die ich gebrauchen kann.”
„Wunderbar.”
„Ich... ich wollte Euch um etwas bitten, Eminenz.”
„Sicher, Joken, nur raus damit.”
Der Hauptmann machte mit seinem Kiefer Bewegungen als wollten die Worte seinen Mund nicht verlassen, doch dann blickte er Joro an und sagte:
„Da ich für das Ausbilden der Klosterwache verantwortlich bin, kann ich mich nicht mehr ausreichend um meine Pflichten als Kommandant der Stadtwache kümmern. Fürst Olgerich ist mit mir da einer Meinung, aber er hat die Entscheidung darüber, wie damit umgegangen wird in Eure Hände gelegt.”
Das überraschte Joro.
„Verzeihung, aber wir kommt das?”
„Die Motive des Fürsten sind nicht meine Angelegenheit, Eminenz.”
„Nein, natürlich nicht... Ich werde mit ihm darüber reden.”
„Gut.”
Joken schwieg den Rest des Weges und Joro fragte nicht weiter.
Am Stadtschloß angekommen salutierte der Hauptmann um ein weiteres Mal und Joro ging durch das Hauptportal in den Empfangssaal, wo er auch gleich weiter ins Kabinett geleitet wurde. Dort saßen Olgerich, Hrynn, Omareth, Alystin, Ghaundar und Ulfr beisammen und waren bereits heftig am diskutieren. Als Joro in den Raum trat standen alle auf und begrüßten ihn förmlich.
Olgerich ergriff das Wort:
„Ich bin höchst erfreut heute Abend eine komplette Sitzung abhalten zu können. In den letzten Wochen hat Marinus als Euer Stellvertreter beigesessen, aber in einigen Punkten konnte er natürlich nicht einfach Entscheidungen treffen.”
Joro schluckte und setzte sich, wie ihm auffiel betont vorsichtig, auf den ihm zugewiesenen Stuhl und raffte kurz alle seine Gedanken zu einem praktischen Bündel zusammen.
„Ich freue mich über die freundliche Begrüßung und kann immerhin mitteilen, daß ich mich am heutigen Nachmittag über die Dinge, die anstehen so grundlegend wie nur möglich informiert habe. Zunächst möchte ich allerdings lieber erst nur zuhören und mir einen Überblick über das Tagesgeschehen verschaffen.”
„Natürlich. Hrynn, ich denke, daß es helfen könnte, noch einmal von vorne zu beginnen.”
Der Abt nickte, räusperte sich und sagte dann:
„Um es noch einmal zusammenzufassen: Herr Omareth und ich kommen überein, daß die Versorgung der Anwesenden Truppen, inklusive einer Überschlagsmenge von Neuzugängen, die sich in den letzten Wochen eingefunden hat, ist derzeit kritisch, bis zur ersten Ernte werden wir mit beinahe einhunderprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht durchhalten.”
„Und die Forderung, daß mein Volk, daß von dieser Situation absolut unbehelligt ist, da wir uns vollständig selbst versorgen können, da Hilfe geben soll ist absurd”, warf Ulfr ein.
„Wir sind alle ein Volk”, sagte Olgerich, mit Anspannung in der Stimme, „wenn auch vielleicht nicht kulturell, so doch in dem was vor uns liegt. Wir können uns Uneinigkeit nicht leisten und jeder muß seinen Teil dazu beitragen, daß das Ganze als Einheit funktioniert.”
Die drei Männer waren kurz davor, wieder anzufangen, sich gegenseitig anzubrüllen, doch dann hielten sie alle inne und sahen zu Joro hinüber.
Der Bischof hatte so etwas schon erwartet und erinnerte sich an seinen Beschluß.
„Meine Herren, ich kann mich nicht wirklich in eine derartige Entscheidung einmischen, da es sich nicht direkt um eine Angelegenheit der Kirche handelt”, den Anwesenden war spontan Überraschung anzusehen, „und da ich mich entschlossen habe, mich nicht in Dinge einzumischen, die nicht direkt in meinem Verantwortungsbereich liegen, damit ich mich auf das, was für meine Position ausschlaggebend wichtig ist konzentrieren kann, ist alles, was ich geben kann ein Ratschlag und was ich selbst denke, in dieser Situation beisteuern zu können.”
Olgerich kratzte sich am Kopf, sagte aber nichts.
„Was ich also zu tun gedenke ist das Folgende”, setzte Joro fort, „erstens werde ich eine Aufstellung machen, wieviel der Schatzkammer des Klosters wir auf das Einkaufen von weiterer Ausrüstung, Rohmaterialien et cetera benutzen können, und dann werde ich einen Teil davon für den Einkauf von Provisionen bereitstellen. Ich stimme mit Fürst Olgerich übereins, daß wir entweder alle zusammenarbeiten, oder jegliche Anstrengung, die wir bisher unternommen haben war so oder so vergebens.”
Ulfrs Stirn kräuselte sich in einer Mischung aus Frustration und Ärger.
„Mein Volk ist hier, weil wir unsere Heimat verteidigen wollen und, mit Verlaub, meine geschätzten Anwesenden, eine Wiederholung der Jahre unter Welverin auf gar keinen Fall gestatten können und wollen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß die bisher wunderbar funktionierende Selbstversorgung in Gefahr geriete, falls wir anfingen, unsere Ressourcen an andere zu verteilen.”
Hrynn massierte sich die Schläfen.
„Werter Ulfr, ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihr nichts, aber auch gar nichts über habt, das ihr nicht als Reserve in der Hinterhand behaltet. Wir werden in weniger als drei Monaten so oder so nach Süden marschieren und es wird schlichtweg nicht möglich sein, eure gewaltigen Herden mitzunehmen. Selbst hier, wo der Krieg noch nicht angekommen ist geht der Weidegrund jetzt schon zu Ende. Nicht zu vergessen, daß sich die Bauern in der Umgebung nun schon seit Wochen beklagen, daß die Ziegen und Schafe ihnen die Aussaat unmöglich machen werden.”
Jetzt war es an Omareth, die Stimme zu erheben.
„Wenn wir abmarschieren werden die Tiere auf die eine oder andere Weise mit uns mitkommen müssen. Entweder lebend oder als Vorrat in einem Faß mit reichlich Salz oben drauf. Dann können die Bauern in aller Ruhe säen und ernten. Die Frage ist also einzig und allein die, ob wir es schaffen, unseren Soldaten und deren Anhang noch zwei Monate lang genug zu essen auf den Tisch zu bringen. Eine Armee marschiert nicht nur auf dem Magen, im Lager liegt sie auf ihm.”
Ulfrs Gesicht verzog sich nun in Abscheu, Joro wußte, daß die Vorstellung, auch nur ein einziges Tier zu schlachten, wenn es nicht absolut notwendig war, für einen Nordmann beinahe ein Sakrileg darstellte. Die Tiere waren nicht nur ein klares Zeichen für den Wohlstand eines Mannes, sondern auch als Geber von Milch und Wolle lebend mindestens genausoviel wert wie als Fleisch. Zu seiner Überraschung kommentierte der Jarl allerdings Omareths Aussage nicht, sondern sah stattdessen zu Joro herüber, mit einem Blick, den man nur als hilfesuchend bezeichnen konnte.
Joro seufzte. Bei seinem Entschluß, sich aufs Kloster und die Kirche zu fokussieren hatte er vermutlich den einen Teil, der vorher schon oft genug eine Rolle gespielt hatte entweder ignoriert oder vielleicht eher gehofft hatte, umgehen zu können. Er stand als geistliche Autorität ein wenig abseits. Außerdem erinnerte er sich daran, daß er höchstpersönlich die Idee gehabt hatte, die Hirtenvölker nach Bargum einzuladen und das machte ihn in Ulfrs Augen sicherlich zur wichtigsten Person in diesem Raum.
Er seufzte noch einmal und blickte dann zu Ulfr auf.
„Ulfr, wenn wir rechnen, daß wir in drei Monaten so oder so von hier aufbrechen müssen und ein Mitnehmen der ganzen Herden aus logischen Gründen im allerbesten Falle trotzdem nur für eine kurze Zeit möglich sein wird, weil wir die Tiere auf den Feldern Hanlars so oder so nicht weiden lassen können: Kannst du dir eine Lösung vorstellen, in der die wohlhabensten unter deinen Häuptlingen das, was sie nicht wirklich für ihren eigenen Gebrauch behalten müssen der Allgemeinheit zugute kommen lassen können?”
Der Jarl entblößte betont die Rune an seinem Hals und sagte:
„Können? Ja, vielleicht. Aber werden sie es wollen: Nein. Ich würde zudem meine Autorität zutiefst in Frage stellen, sollte ich so etwas auch nur vorschlagen. Sollte ich es befehlen würde das unter Umständen zu einem Bruch von Treueeiden führen.”
„Dann müssen wir einen Weg finden, wie sie das trotzdem tun, es aber für ihre eigene Idee halten. Der Gemeinschaftssinn deines Volkes ist legendär, Ulfr und ich denke, daß es irgendeinen Präzedenzfall geben muß, wo die Hirten ihren Nachbarn geholfen haben, über eine schwere Zeit hinwegzukommen.”
Der Jarl rümpfte die Nase.
„Die Idee ist besser als gar keine. Ich werde mich wohl mit meinem Schamanen einmal darüber unterhalten. Aber ich verspreche nichts.”
Olgerich war seine Erleichterung anzumerken.
„Gut, dann hätten wir das zumindest schon vom Tisch. Ich hoffe, daß ich in Bälde vom Kloster Nachricht erhalten werde, wieviel Gold zum Einkauf von Versorgungsgütern zur Verfügung gestellt werden kann.”
Joro nickte.
„So schnell es geht.”
Omareth ergriff das Wort.
„Wo wir schon einmal vom Abmarschieren gesprochen haben: Wir können in Kürze einen Botschafter Hanlars erwarten. So wie es scheint haben die auch endlich gemerkt, daß sich in Daishan etwas tut, zudem wissen wir, daß unser Leib- und Magenkumpel Sorael dort auch schon vorstellig geworden ist. Während wir nur wenig über dessen Unterredung mit Kaiser Rilkin wissen, weil diese natürlich unter vier Augen stattgefunden hat, bin ich mir sicher, daß er nicht viel freundlicher war als hier und daß es dem Kaiser nunmehr offensichtlich ist, daß er auf keine Hilfe verzichten kann. Was auch immer am Ende die Gründe sind, dürfte jener Botschafter in zwei oder drei Tagen hier eintreffen und dann werden wir auch eine Antwort bekommen, ob und wann und unter welchen Umständen wir nach Süden aufbrechen müssen.”
Alle Anwesenden nickten oder machten ein zustimmendes Geräusch.
Hrynn räusperte sich.
„Ich kann allerdings nur davon abraten, schon in Kürze aufzubrechen. Die Truppen, die wir bisher gesammelt haben sind in keiner Form, um in den Krieg zu ziehen, gute Ausrüstung oder nicht. Wenn die Männer und Frauen, die sich uns angeschlossen haben nicht noch mindestens vier bis acht Wochen mit ihren Waffen und Formationen üben können, sind sie nichts weiter als ein überraschend gut bewaffneter Mob. Die Einzigen, die das wollen können sind die Legionäre.”
Omareth war der selben Meinung.
„Wir haben alles daran gesetzt, einfache Kompanien aufzubauen, die zumindest als Hilfstruppen für die kaiserliche Armee agieren können. Die Duergar und wir Drow können Kämpfer dazugeben, die den Kern einer Truppe ausmachen können. Vor allem Balthasars Soldaten dürften die schwerste Infanterie auf dem ganzen Kontinent sein.”
„Das ist noch ein Punkt, über den wir sprechen müssen”, warf Hrynn ein, „Torkum war nur eine halbe Woche hier und ist dann wieder in Richtung Enklave abgereist. Es wäre von Vorteil, wenn wir einen Angehörigen von Balthasars Hof als reguläres Mitglied dieses Gremiums hätten.”
Alystin meldete sich zu Wort.
„Ich habe da eine Idee und wenn ich mich nicht völlig irre wird die sogar wunderbar funktionieren.”
Alle Gesichter wandten sich zu ihr.
„Als wir zu Gast an seinem Hofe waren, ist mir zwar aufgefallen, daß Torkum als sein Marschall sicherlich sehr korrekt und loyal agiert, aber es gab nur eine Person, die ich da getroffen habe, die nicht nur einen disziplinierten Eindruck gemacht hat, sondern auch so etwas wie eine Macht über den König gehabt zu haben schien.”
Joro ging ein Licht auf.
„Du willst Myelin als Botschafter nach Bargum berufen?”
Sie lächelte.
„Kannst du dir irgendwen anderes vorstellen, der Balthasar ein Versprechen abringen kann, das dieser sich dann auch gezwungen fühlt, einzuhalten?”
Olgerich lachte leise.
„Das ist genial, Hohepriesterin. Wenn wir das hinbekommen, sollten wir keine Probleme mit seiner Unterstützung haben.”
Omareth hatte seine gewohnte Ernsthaftigkeit behalten.
„Zudem habe ich da Gerüchte gehört, daß sich ein Orkstamm auf dem Weg nach Bargum befindet?”
Joro schluckte.
„Nein, noch nicht. Plok wird in einem Monat Richtung Süden aufbrechen.”
„Ein wenig mehr Informationen wären erfreulich..?”
Der Bischof erzählte in kurzen Worten das, was er erlebt hatte und als er fertig war, war er mit fünf sehr zweifelnden Gesichtern konfrontiert, selbst Alystin, die die Geschichte ja nun schon kannte, konnte sich das nicht ganz verkneifen.
„Ich sollte vielleicht noch einmal deutlich erklären, daß ich nicht nur offiziell der Schamane von Ploks Stamm bin, sondern daß Celestus persönlich seine Hilfe nicht nur angeboten, sondern auch gegeben hat.”
„Du sprichst von etwas über zweihundert”, sagte Omareth, „wenn man nicht mitrechnet, was der Grünhäuter vielleicht noch unterwegs aufgegabelt.”
„Richtig.”
„Ich muß dir hoffentlich nicht erzählen, was das schon in sich für ein theoretisches Problem darstellt. Wenn er nun vielleicht dazu in der Lage wäre, mit der „Hilfe”, die du ihm gegeben hast, von dem Amulett mal ganz abgesehen, das ihn ohnehin vermutlich schon stärker macht als jeden anderen Häuptling, die Anzahl seiner Krieger zu verdoppeln oder verdreifachen, dann kann man sich kaum ausmalen, was hier los sein wird, wenn mit einem Mal eine Horde von sechshundert Orcs auftauchen.”
„Soweit ich das richtig verstanden habe, sind sechshundert Orcs noch keine Horde.”
Der Drow sah ihn verwirrt und ein wenig verärgert an.
„Es ist völlig unerheblich, wie sich das nennt, sechshundert Grünhäute sind genug, um uns einen guten Teil unserer Soldaten zu kosten, sollten die sich dazu entschließen, das Fürstentum zu plündern. Dafür haben wir weder Zeit noch die nötigen Ressourcen!”
Joro merkte erst Trotz in sich aufwallen, dann beruhigte er sich aber schnell. Es würde keinem helfen, einen Streit vom Zaun zu brechen.
„Du hast natürlich Recht Omareth, aber ich bin zuversichtlich, daß es nicht dazu kommen wird. Nenne es Intuition, nenne es Vertrauen in meinen Gott oder vielleicht sogar eine Kombination beider Dinge. Auf jeden Fall denke ich, daß wir mit Plok als Verbündetem rechnen können.”
'Ähm, ja. Da gibt es etwas, worüber wir reden müssen, aber das hat Zeit bis später.' Celestus klang irgendwo zwischen unsicher und peinlich berührt.
Nun war es an Ghaundar, das Wort zu ergreifen.
„Ich habe noch eine Sache, die wir heute bereden müssen, danach geht es nur noch um Ziffern, Summen und Bestände.”
Olgerich machte eine Geste, die ihn aufforderte, fortzufahren.
„Mal davon abgesehen, daß ich andauernd Berichte auf den Tisch bekomme, die sich zunächst schwachsinnig anhören, sich dann aber bewahrheiten, gibt es einen, der in den letzten Tagen heraussticht. Gehörig”, er räusperte sich und kratzte sich dabei am Kopf, „So wie es aussieht, befindet sich eine Gruppe von Steinriesen auf dem Weg nach Bargum.”
Joro verwirrte das.
„Steinriesen? Soweit ich das verstanden habe, können die Menschen, oder genauer gesagt eigentlich niemanden so gut leiden. Warum sollten ausgerechnet...”
Ghaundar unterbrach ihn.
„Die Sache ist ein wenig verzwickt, aber ich habe in Erfahrung bringen können, daß es in den Bergen wohl mehr als nur einen Zwischenfall mit der Legion gegeben hat. Der Angriff auf Noth war nur ein Teil der Anstrengungen, deine Rüstung und den Hammer in die Hände zu bekommen und wie es scheint haben sie so ziemlich jede noch so kleine Höhle ins Auge genommen, die sich in den Bergen finden ließ.”
„Steinriesen leben in Höhlen...”
„Stimmt. Nun hattest du ja schon erwähnt, daß dieses Volk nicht sehr gesellig ist, und wenn man dem Bericht glauben darf, was ich in der Tat tue, dann hat es ein Scharmützel gegeben, in dem einige Riesen und eine ganze Reihe von Legionären ihr Ende gefunden haben. Warum nun aber diese Gruppe ausgerechnet hier herkommt ist mir schleierhaft. Wir müssen uns überlegen, wie wir mit der Situation umgehen wollen. Mit Riesen ist nicht zu spaßen.”
Joro überlegte, dann hob er seinen Zeigefinger.
„Ich glaube, daß wir erst noch einmal nachlesen sollten, was über Steinriesen an Informationen zu finden ist, ich gehe nachher in die Klosterbibliothek und suche heraus, was ich finden kann. Die Sache macht mir ein seltsames Gefühl im Magen.”
„Nicht nur dir... Wir haben vermutlich noch eine Woche, bis die in die Nähe Bargums kommen.”
Der Bischof überlegte kurz, ob er sich nicht wieder zu weit aus dem Fenster lehnte und sich in Dinge einmischte, die nicht direkt in Bezug auf die Kirche standen, aber eine Bedrohung für die Stadt war eine Bedrohung für das Kloster, also akzeptierte er seine Eifer und nickte sich innerlich selbst zu.
„Gut, ich gebe morgen früh Bescheid, was ich herausgefunden habe.”
Ghaundar hatte Recht behalten, es ging im Folgenden nur noch um Statistiken und Organisatorisches. Am Ende waren alle müde und Ulfr war der Erste, der sich verabschiedete. Alystin und Olgerich waren noch in ein Gespräch bezüglich Vorräten an Heilkräutern und der generellen medizinischen Versorgung der Stadt vertieft, kamen aber auch irgendwann zum Punkt und die Drow stand auf, verabschiedete sich von Olgerich und sagte Joro, daß sie später im Kloster vorbeikommen würde.
Als der Bischof mit dem Fürsten allein war, fragte ihn dieser:
„Ich nehme an, daß Ihr noch hier seid, weil Joken mit Euch gesprochen hat.”
„Das ist in der Tat der Fall, Durchlaucht.”
Olgerich seufzte und ließ die Schultern hängen.
„Der Mann ist ein besserer Soldat, als ich ihn jemals getroffen habe. Hrynn und Omareth halten ebenfalls ausgesprochen hohe Stücke auf ihn. Aber in den Wochen, in denen er sich nun mit der Ausbildung der Klostergarde beschäftigt hat, wurde mir immer mehr und mehr klar, daß er mit seinen Aufgaben mit der Stadtwache unterfordert gewesen ist. Nicht was die Arbeitsmenge angeht, sondern was den Inhalt seiner Pflichten betrifft. Vor einer Woche habe ich ihn dann zu mir gebeten und ihn gefragt, ob er sich noch imstande fühlt, beide Aufgaben gewissenhaft zu erfüllen und er hat mir zum ersten Mal in der ganzen Zeit, die er hier verbracht hat eine negative Antwort gegeben.”
„Er will also nicht mehr für Euch arbeiten?”
Der Fürst machte einen bekümmerten Laut und schüttelte dann den Kopf.
„So einfach ist es nicht. Er fühlt sich uneingeschränkt der Wache zugehörig und weigert sich, seinen Posten aufzugeben, falls es keinen Nachfolger in seiner Position gibt, der seinem eigenen Standard entspricht, und der ist hoch. Auf der anderen Seite weiß ich, daß ihn die Ausbildung der Klostergarde mehr Erfüllung verschafft, als der Dienst mit den Soldaten der Wache. Also sitzen sowohl er als auch ich zwischen zwei Stühlen.”
Joro verstand. Olgerich hatte ihm den Hauptmann zur Seite gestellt, wohl teilweise als Geste guten Willens, und das Ergebnis war, daß die Stadtwache einen beschäftigten Kommandanten hatte, der seine ursprüngliche Arbeit nicht mehr auf einem Niveau ausführen konnte, das für alle Parteien akzeptabel war.
Sein erster Gedanke war, vorzuschlagen, die Stadtwache einfach in die Armee zu inkorporieren, aber das wäre außerhalb seiner Entscheidungsmacht. Außerdem mußte es auch bei Abzug der Armee immernoch eine Wache geben, die sich um die Belange der Stadt kümmerte.
„Es gibt niemanden, der seine Arbeit als Hauptmann der Wache übernehmen kann? Einen Sergeanten oder dergleichen?”
„Joken hat mir eindeutig klar gemacht, daß sein Stellvertreter ihn ersetzen könnte, aber daß er nicht genug Vertrauen für den Mann besitzt, um ihn zu empfehlen.”
„Hat das spezifische Gründe?”
Olgerich wirkte unentschlossen.
„Auf der einen Seite bin ich mir nicht sicher, inwiefern Joken gewisse Probleme mit Kontrollzwang besitzt. Auf der anderen Seite spielt eventuell eine Rolle, daß die beiden vor ihrem Dienst hier in rivalisierenden Söldnerregimenten verdingt waren. Da war immer eine Rivalität, die ich allerdings als Quelle für Ansporn für beide gesehen habe.”
Joro runzelte die Stirn.
„Ich würde ihn wirklich gerne behalten und er hat mir gesagt, daß Ihr die Entscheidung in meine Hände legen wollt.”
„Das ist richtig.”
„Dann wäre ich der Ansicht, daß Ihr ihn aus Eurem Dienst entlassen sollt, ich ihm einen Treueeid abverlangen werde und ihn somit als Mitglied der Kirche einstellen werde. Auf die Art und Weise wird er keinerlei Grund oder Handhabe behalten, sich in die Geschäfte der Stadtwache einzumischen und gleichzeitig wird er sich voll und ganz auf seine Aufgabe im Kloster konzentrieren können.”
Der Fürst schien erleichtert und enttäuscht zugleich.
„Ich lasse ihn wirklich ungern gehen, aber es ist offensichtlich, daß er mit der derzeitigen Situation nicht zufrieden ist. Vermutlich ist Euer Vorschlag die beste Lösung.”
„Sein Stellvertreter hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, oder?”
Ein Lächeln schmiegte sich über das Antlitz des Fürsten.
„Nein, und ich glaube sogar, daß er sich doppelt anstrengen wird, um es dem „Bastard”, wie er Joken hinter seinem Rücken nennt zu beweisen.”
Joro stand auf und reichte Olgerich die Hand.
„Abgemacht, ich nehme ihn sofort mit, wenn Euch das Recht ist.”
Der Fürst hatte zugestimmt und als Joro aus dem Portal des Schlosses trat, ging er direkt und schnellen Fußes auf Joken zu.
„Hauptmann, ich muß dich sowohl um deine Insignien, als auch dein Schwert, deinen Helm und deinen Wappenrock bitten.”
Joken war einen Moment verdutzt, doch dann trat ein breites Lächeln auf sein Gesicht und er begann, seinen Stab und alle anderen Dinge, von denen Joro gesprochen hatte an einen seiner Weibel zu geben. Dann wandte er sich dem Bischof zu und fragte:
„Also werdet Ihr mich sofort in Euren Dienst nehmen?”
„Das hängt davon ab, ob du dir voll und ganz darüber im Klaren bist, was deine neue Aufgabe beinhaltet.”
„Ich bin ganz Ohr.”
„Wenn du in meinen Dienst eintrittst, wirst du nicht mir, sondern der Kirche dienen. Deine Pflicht wird darin bestehen, die Gläubigen zu verteidigen und das geistige und weltliche Gut der Kirche zu bewachen, bis ans Ende deines Lebens. Kannst du das akzeptieren?”
Joken war unschlüssig.
„Ich bin Zeit meines Lebens nicht unbedingt der Gläubigste gewesen, Eminenz...”
„Was nicht ist, kann ja noch werden. Davon abgesehen habe ich nicht gesagt, daß du ein Zelot vor dem Herren werden mußt, wenn du deine Aufgaben pflichtgetreu erledigst, bin ich schon zufrieden. Genaugenommen kannst du das Beten den Mönchen überlassen, solange du dafür sorgst, daß sie das ungestört machen können, wenn du verstehst was ich meine.”
Des Hauptmanns Gesicht hellte sich auf.
„Das krieg' ich hin, Eminenz.”
„Gut. Folge mir zum Kloster. Ich werde dir etwas zu lesen geben... du kannst doch lesen, oder?”
Die Antwort war ein Schnauben.
„Natürlich. Habt Ihr eine Idee, wieviel Papierkram ein Hauptmannsposten ist?”
„Guter Punkt. Ich fürchte, daß sich daran nicht viel ändern wird, ich bin nämlich ziemlich penibel mit Dokumentation aller Art. Aber was ich dir zu lesen geben will ist ein kleines Büchlein, daß ich geschrieben habe. Oder besser formuliert: überarbeitet. Das wird deine Aufgabe für heute Nacht sein. Wenn du damit fertig bist, werden wir uns morgen früh darüber unterhalten, ob du mich wirklich als Dienstherren haben willst oder nicht.”
Gesagt, getan. Joro brachte Joken ins Kloster, wies ihm eine Zelle zu und ließ einen der Totengräber in die Schreibstube eilen und eines der Exemplare der neuen Kirchenregeln holen, die man dort bereits begonnen hatte zu kopieren.
Er drückte dem Hauptmann das Buch in die Hand und verabschiedete sich von ihm, Joken hatte bereits zu dem Zeitpunkt an dem sich Joro zum Gehen wandte begonnen zu lesen, was ihm ein gutes Gefühl machte.
Nun stand er einen Moment unschlüssig im Hof, bis auf ein paar Totengräber, die beim Schein von Öllampen damit beschäftigt waren, die Vorräte zu inventarisieren war sonst keiner mehr auf den Beinen. Es kam ihm eine Idee und er ging zielgerichtet zu Marinus Zelle.
Der hatte schon geschlafen und Joro bekam ein schlechtes Gewissen, als er das vom Anstrengung zerfurchte, müde Gesicht seines Kollegen sah, aber wie immer erhellte sich das Gesicht des Totengräbers sofort zu einem freundlichen Lächeln, als er seinen Bischof erkannte.
„Wie kann ich Euch helfen, Eminenz?”
„Ich bräuchte den Schlüssel zur Schatzkammer, Marinus. Mir ist eine Erinnerung gekommen, daß da etwas war, das ich gut gebrauchen kann und es kann leider nicht warten.”
„Ihr braucht Euch doch nicht zu entschuldigen, Euer Eminenz, der Schlüssel ist von Rechts wegen Eurer.”
Marinus kramte im Haufen seiner Kleider und holte den großen, schweren Bund hervor, um ihn dann an Joro zu reichen.
„Darf ich fragen, was Ihr benötigt?”
„Es ist nur eine Idee und es kann sein, daß ich mich falsch erinnere, aber hatten wir nicht eine ganze Reihe sehr teurer und alter Waffen in der Schatzkammer? Etwas, das man wohl als „Sammlerstücke” oder gar „Artefakte” bezeichnen könnte?”
Der Totengräber lächelte müde.
„Sammlerstücke trifft es schon eher. Das meiste sind Waffen und Rüstungen, die eher aufgrund ihres Materialwertes und Einzigartigkeit dort gelandet sind, als aufgrund ihrer Anwendbarkeit. Aber es stimmt schon, daß ein Teil der Kammer damit vollgestopft ist. Sie stehen auf der Inventarliste unter „Einschmelzbares”.”
„Dann werde ich mir die mal ansehen. Ich bringe den Schlüssel morgen früh zurück.”
Die Tür zur Schatzkammer war mittlerweile sehr gut geölt und öffnete sich trotz ihrer immensen Größe und Gewichtes lautlos. Der Haufen Gold und Silber, den Joro in Erinnerung gehabt hatte war deutlich geschrumpft, aber es war immernoch so viel aufgestapelt, daß es ihm fast wie ein Wunder schien, daß in Jahrzehnten kein Kriegsherr auf die Idee gekommen war, Bargum zu plündern.
„Ich habe alle Kraft, die ich noch übrig hatte darauf verwandt, das zu verhindern, Joro. Immer in der Hoffnung, daß eines Tages jemand wie du daherkommt, der diese Schätze für etwas Gutes einsetzt.”
Celestus stand ein wenig Abseits und betrachtete ein Ölgemälde an der Wand, das eine Prozession von Totengräbern auf dem Weg den Hügel hinauf zum Kloster darstellte.
„Das muß anstrengend gewesen sein, vor allem mit dem Gedanken, daß diejenigen, die all das hier angehäuft haben mit Sicherheit kein Interesse an dir hatten. Nur an ihren eigenen, fetten Mägen.”
„Das trifft es auf den Punkt genau, mein Sohn. Glaube ja nicht, daß ich auch nur eine Minute davon genossen habe, aber auch für Götter stimmt am Ende, daß die Hoffnung zuletzt stirbt.”
Joro schaute in das dicke Buch, daß auf einem Pult am Eingang stand und fand recht schnell den Eintrag, den Marinus dort gemacht hatte. Dann sah er sich um und ging in den hinteren Teil der Kammer, die man wohl mit Fug und Recht eine Halle nennen konnte und fand dort mehrere Kisten und Truhen, die mit dem gleichen Zeichen wie der Eintrag im Inventar versehen worden waren.
Marinus hatte Recht behalten, der Inhalt der meisten Behältnisse war enttäuschend. Harnische und Helme, die nur so vor Gold und Edelsteinen protzten, eine Reihe zeremonieller Streitkolben, die man wohl eher als überschwere Zepter für den Kaiser mit den dicken Unterarmen hätte akzeptabel finden können, aber selbst Joro hatte so viel Ahnung von Metallurgie, daß es ihm klar war, daß ein Streitkolben aus purem Gold für etwa einen Schlag gut war, dann hatte man eine Streitkartoffel.
Er ließ sich auf seine Fersen sinken und seufzte. Eitelkeit und Gier hatten selbst in manchen auf den ersten Blick unklaren Weisen wirklich selten irgendeinen Nutzen.
Celestus hatte ihn aufmerksam betrachtet und ging nun langsam zum Pult, nahm das mindestens zwanzig Kilo wiegende Buch mit einer Hand herunter und kam dann zu Joro hinüber.
„Ich glaube, daß du einfach nur an der falschen Stelle suchst.”
Der Bischof wischte sich Schweiß von der Stirn und drehte sich zu seinem Gott um:
„Was meinst du?”
„Hier steht etwas von „Kuriositäten”. In meiner Erfahrung ist das fast immer genau der richtige Ort um damit zu beginnen etwas zu suchen von dem man keine Ahnung hat, was es ist.”
„Wer sagt denn, daß ich keine Ahnung habe?”
„Schon vergessen, daß ich deine Gedanken lesen kann?”
„Guter Punkt. Was ist denn das Zeichen für Kuriositäten?”
„Ein Stern mit sieben Zacken.”
Joro stand auf und blickte sich um. Im hinteren Teil der Halle, in den er sich gerade befand waren fast alle Kisten mit dem gleichen Zeichen vermerkt wie diejenige, die er eben durchsucht hatte. Doch in einer der Ecken standen drei kleinere Kisten, die etwas abseits plaziert waren.
„Dort?”
„Sieht fast so aus.”
Die Kisten waren alle drei aus dem gleichen, schwarzen Holz, das zwar ein wenig an Ebenholz erinnerte, aber ausgesprochen aromatisch und fremdartig roch.
In der ersten waren einige, von Motten zerfressene Kleider von ihm unbekannter Machart, eventuell vom Ostkontinent, aber sicherlich nur deshalb hier aufbewahrt, weil sie mit Goldfäden durchwebt waren. In der zweiten befand sich eine Armbrust, wie sie Joro vorher noch nie gesehen hatte. Die schweren Armbrusten, die die Duergar benutzten hatten eine Art Seilwinde, die man auf das eine Ende des Stockes aufsteckte und dann mußte man erst einen schweren Eisenhaken in die Sehne einbringen, bevor man mühsam die Selbige bis zum Anschlag hochkurbelte.
Dieses Gerät hatte eine eingebaute Winde, die merklich klein aussah, wenn man bedachte, daß die Waffe von ihrer Bauart und Größe her denen der Duergar in nichts nachstand.
„Ganz schön alt, das Ding. Es erstaunt mich, daß sie so gut in Schuß zu sein scheint.”
Celestus war ebenfalls in seine „Knie” gegangen und schaute Joro über die Schulter.
„Es ist schon eine ganze Weile her, daß ich so etwas gesehen habe.”
„Was meinst du?”
„Das erste Reich. Vor beinahe eintausend Jahren.”
„Zu deinen „Leb”-Zeiten?”
„Ein wenig früher, aber prinzipiell: ja. Die Menschen im ersten Reich waren ausgesprochen erfindungsreich und das Modell, das du hier vor dir liegen siehst ist eine typische Infanteriewaffe dieser Zeit. Ich frage mich ehrlich gesagt, wie die überhaupt hier hergekommen ist.”
Es lag Joro auf der Zunge, etwas von Vorsehung zu witzeln, aber da er sowieso wußte, daß Celestus mitlas, verkniff er sich, das auch auszusprechen. Etwas anderes interessierte ihn mehr.
„Wenn sie eine typische Infanteriewaffe war, dann muß sie sich auch bewährt haben. Davon abgesehen sieht das mit der Winde einfach aus als mit den Seilen, die die Duergar benutzen. Vielleicht wäre das hier interessant für unsere Soldaten?”
„Ich weiß nicht, ob das Vorsehung war, meine jedenfalls nicht. Aber du hast Recht, das könnte vielleicht interessant sein. Allerdings ist das hier nicht, wonach du gesucht hast, oder?”
„Nein. Nicht wirklich.”
Celestus deutete auf die dritte Kiste.
„Einen Versuch hast du noch.”
Die dritte Kiste war eine totale Enttäuschung. Zumindest was potentielle Erwartungen anging, denn hier fand sich nur ein Sammelsurium an kleinen Porzellanfiguren, zwei mit Tinte auf Papyrus gemalte Landschaftsfiguren mit Menschen die seltsam aussahen, mit weißer Haut und Schlitzaugen und ein Spiegel aus Obsidian, an dessen Kanten etwas klebte, das wie getrocknetes Blut aussah.
Ansonsten Fehlanzeige.
Mit einem enttäuschten Ächzen ließ sich Joro auf seinen Hintern sinken und ließ einen zusätzlichen Laut des Unmutes von sich.
„Es wäre vielleicht einfacher gewesen, falls du gewußt hättest, was du eigentlich suchst. „Irgendwas Brauchbares” war nicht spezifisch genug.”
„Joken soll etwas in die Hand bekommen, das nicht nur für seine Position symbolisch ist, sondern auch für die Zukunft als eine Form von Symbol für die Garde dienen kann...”
Joro stand auf und trat mißmutig gegen die Kiste mit den zerfressenen Kleidern, was ein unerwartetes „Klonk” produzierte.
„Ich bin ja vielleicht nur ein Gott, aber ich kann mich nicht daran erinnern, Kleider jemals „Klonk” machen gehört zu haben”, meinte Celestus.
Der Bischof fiel auf seine Knie und begann in der Kiste zu wühlen. Mit einem Mal spürte er einen stechenden Schmerz und zog instinktiv seine Hand zurück. In seiner Handfläche war eine Schnittwunde.
„Beißen tun sie für gewöhnlich auch nicht”, Celestus schob ihn vorsichtig zur Seite und nahm mit einiger Vorsicht die Kleider aus der Kiste. Auf dem Boden lag ein seltsam geformtes Etwas, das man als eine Mischung aus Handaxt, Stilett und Kriegshammer hätte bezeichnen können. Der Griff war nur etwa drei Spannen lang und hatte am Ende eine Aushöhlung.
Der Gott hob es an und wischte mit einer Handbewegung sämtlichen Staub und alle Kleiderfetzen, die darauf lagen davon. Er machte ein leise pfeifendes Geräusch.
„Das sieht man nicht alle Tage.”
Joro, der damit beschäftigt war, einen Streifen Stoff von seinem Unterhemd um die Handfläche zu wickeln und sich dabei ausmalte, ob er nicht eintausend Jahre alten Wundbrand zu erwarten hatte, schaute fragend auf die Waffe.
„Auch ein Artefakt aus dem ersten Reich?”
„Nein, das hier ist beileibe nicht so alt, aber nichtsdestotrotz kostbar. Allerdings glaube ich kaum, daß es in dieser Kiste unter alten Klamotten begraben war, weil jemand es besonders wertvoll fand. Ich denke eher, daß es damit zu tun hat, daß es einmal einem guten alten Freund von mir gehört hat.”
„Laß mich raten: Nuktu?”
„Richtig...”
„Es ist aber nicht magisch, oder?”
„Nein, aber es ist in den richtigen Händen eine furchtbare Waffe.”
„Ich dachte immer, Nuktu sei mit dem Hammer und der Rüstung unterwegs gewesen?”
Celestus schüttelte den Kopf.
„Am Anfang war er nichts anderes als ein Mitglied eines Stammes, der sich darauf spezialisiert hatte, im Süden Daishans Handelskarawanen zu überfallen. Da aber diese fast immer berittene Eskorten hatten und wie du weißt die Pferde Daishans nicht nur rar gesät, sondern auch alles andere als Streitrösser sind, hatten sie damit oftmals Probleme.”
„Aha...”
Der Gott wandte sich zu Joro um und schnalzte tadelnd mit einer Zunge, die es nicht gab.
„Du solltest diese Geschichte ernst nehmen, denn das hier”, er streckte seine Hand mit der Waffe aus, „ könnte ein kommendes Problem lösen.”
„Schon gut, verzeih mir bitte. Fahr fort.”
„Dieser Waffe war der Grund, warum er überhaupt dazu kam, der zu werden, der er war. Zwar hat er sie nicht erfunden, das war der Schmied seines Stammes, aber Nuktu hat als erster das Potential erkannt, das darin steckte und hat sich quasi den Ruhm der Erfindung eingeheimst.”
Joro nahm die Waffe vorsichtig entgegen und war überrascht, daß sie verhältnismäßig gut ausbalanciert war, trotz des großen Axt/Hammer/Dornkopfes. Ein wenig kopflastig, aber dennoch nicht zu schwer.
„Warum ist da eine Aushöhlung im Griff?”
„Damit man eine Stange anbringen und das Ganze dann wie eine Hellebarde benutzen kann.”
Der Bischof pfiff leise durch die Zähne.
„Wiegt nicht viel, mit dem Dorn kann man stoßen, mit der Axt schneiden und dem Hammer, naja, hämmern.”
„Richtig. Der Erfolg war immens und schon bald war Nuktu so mächtig geworden, daß die Südreiche vor ihm zitterten.”
Joro wog die Waffe in seinen Händen, während sich in seinem Kopf ein Sturm von Ideen und möglichen Szenarien abspielte. Das war genau das, wonach er gesucht hatte. Er legte sie vorsichtig zurück in die Kiste und fragte dann:
„Hatte das auch einen Namen?”
„Im alten Daishani nannten sie es „Mech'rek”, was so viel wie „Der Fleischer vom Dienst” bedeutet.”
„Poetisch.”
„Treffend.”
Als Joro in seine Zelle kam, konnte er im Halbdunkel einen bekannten Schemen unter der Bettdecke erspähen. Da er aber wie immer auf der Hut vor dummen Streichen seitens Ghaundar war, ob er nun vielbeschäftigt war oder nicht spielte keine Rolle, kniff er erst vorsichtig in den Fuß der Person, die da lag.
Alystin schlug die Decke zurück und gab einen überrascht-ärgerlichen Laut von sich, was ihn zum Lachen brachte. Und dann dazu, seine Kleider von sich zu reißen und mit aufs Bett zu huschen.
Kapitel 12
Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne aufgegangen war, holte Joro, nachdem er alles Andere vorbereitet hatte, Joken aus seiner Zelle, ging mit ihm schnurstracks in den großen Audienzsaal, wo bereits eine Menge Totengräber, Marinus inklusive, warteten und ließ ihn vor dem Thron knien.
Er sah ein Mal in die Runde, nickte dann zufrieden und erhob die Stimme.
„Joken, Sohn des, Moment, wie hieß eigentlich dein Vater..?”
„Keine Ahnung...”
„Gut, äh, Joken, Sohn Daishans, du stehst hier und heute vor uns, um einen Eid auf die Kirche abzulegen. Hast du die Gesetze der Kirche gelesen und für dich entschlossen, daß du ihnen folgen wirst?”
„Das schwöre ich.”
„Wirst du von jetzt an bis zu deinem Tode treu dienen und, so Celestus es will, dein Leben für die Verteidigung des Glaubens geben?”
„Das schwöre ich auch.”
„Dann erhebe dich, Hauptmann der schwarzen Garde und sei willkommen in unserer Mitte!”
Joken stand vorsichtig auf und die anwesenden Totengräber umringten ihn und jeder einzelne von ihnen gab ihm eine Umarmung und einen Handschlag.
Als sie alle damit fertig waren, stellte sich ein jeder wieder auf seinen Platz und Joken trat vor und sah Joro erwartungsvoll an.
'Sag mal, hätte man da nicht vielleicht auch etwas mit einem, wie hieß das noch gleich, Dweomer machen können?'
'Das fällt dir jetzt ein?'
'Ich war gestern so aufgeregt...'
'Hab ich mitbekommen...'
Wortlos ging der Bischof zu einem Pult, das neben dem Thron stand, auf dem sich, in schwarzes Tuch eingewickelt, ein Gegenstand lag. Er hob ihn betont vorsichtig an und ging dann zu Joken herüber. Vorsichtig nahm er das Tuch herunter und überreichte dem Hauptmann die Waffe.
„Dies soll von nun an die Waffe unserer Krieger sein. Die erste sollst du als Zeichen deines Ranges und deiner Position bekommen.”
Joken sah offen verwirrt auf das seltsame Konstrukt vor sich und rang sich dann ein würdigendes Nicken ab und nahm es in Empfang.
Die anwesenden Totengräber applaudierten und eilten dann aus dem Saal, um der Morgenmesse beizuwohnen.
Am Ende waren nur Joro und Joken allein zurückgeblieben.
Der Hauptmann fand als erster Worte.
„Rein technisch gesehen bin ich aus Hanlar...”
„Macht nichts.”
„Und was ist jetzt mit Frauen?”
„Totengräber dürfen heiraten. Außerdem bist du kein Priester.”
Stille. Dann:
„Was zum Henker ist das hier überhaupt?”
„Du bist von uns beiden der Berufssoldat. Was fällt dir dazu ein?”