Der Prophet, Teil 2
Der Prophet, Teil 2
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.
So sehr ihm Celestus da entgegen kam, gefiel es Joro nicht. Das war doch nicht die Art und Weise, wie man einen Gott sehen konnte... oder doch?
Nüchtern betrachtet war es immer so gewesen, das verblüffte ihn. Von der Lebensrettung durch Celestus abgesehen, trafen seine Worte schlichtweg zu.
„Dein Zweifel erstaunt mich ein wenig. Immerhin hast du doch eben noch auf Selbstbestimmung verwiesen.“
„Das habe ich mir auch nicht anders überlegt, nur...“, Joro stand vom Überlegen Schweiß auf der Stirn und er fuhr sich durch die Haare, „Irgendwie sollen wir Sterblichen doch die Götter als übergeordnete Wesen anbeten. Das was du gerade gesagt hast, hört sich an wie ein Freundschaftsangebot und stimmt nicht mit dem Geist überein, in dem ich dir vor wenigen Wochen ein Versprechen abgegeben habe.“
Joro bekam es langsam wirklich mit der Angst zu tun. Allerdings war das vielmehr darauf zurückzuführen, daß er sich mit einem Male sehr unsicher fühlte. Wo sich seine Gefühle zwischen blindem Vertrauen und dem Willen zur eigenen Entscheidung aneinander rieben war, wie ihm vordergründig bisher nicht klar gewesen war, das Vertrauen der wichtigere Punkt.
Was das Ganze aber potenzierte war, das Celestus ihm gegenüber in diesem Moment seine Souveränität eingebüßt hatte.
Der Zorn des Gottes, den er nun erwartete, blieb aber aus. Stattdessen ging er auf Joro zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Als die schwarze Hand ihn berührte, drang sie in seinen Körper ein und für den Bruchteil eines Momentes spürte er die Gegenwart seines Gottes in einer Intensität, wie er es vorher nur ein einziges Mal erlebt hatte: Einige Monate zuvor im Wald vor Bargum.
Die Zweifel waren fort.
Und Joro schämte sich maßlos.
„Danke. Ich glaube, das hätte ich nicht brauchen sollen.“
„Der Unterschied zwischen uns beiden ist, daß du ein Mensch bist und ich nicht. Was wir allerdings beide gemein haben, ist, daß ich einmal ein Mensch war und daher weiß, wie man sich manchmal fühlt Joro.“ Joro nickte.
„Im Übrigen“, fuhr Celestus fort, „schließt das eine das andere nicht aus.“
„Was?“
„Ich kann dein Gott sein, aber trotzdem auch dein Ratgeber und, wenn du so willst, Freund.“ „Ja...Ich denke ich gehe lieber wieder nach draußen, es beschleicht mich gerade das Gefühl, daß ich einen bis zwanzig Schlucke Bier brauche“, Joro verbeugte sich und wandte sich zum Gehen. Als er fast aus der Halle heraus war, sagte Celestus leise: „Joro?“
„Ja?“
„Du hast Recht. Es war ein totaler Fehlschlag, den ich mir nur schwer verzeihen kann.“
Kapitel 6
Es war schon vor einer ganzen Weile dunkel geworden, als die letzten Gäste sich schließlich verabschiedeten. Die einzigen, noch verbliebenen Anwesenden war die tägliche Abendgesellschaft, bestehend aus den Drow, Joro, dem Fürsten und Hrynn.
Omareth konnte sich nicht mehr zusammenreißen und fragte.
„Was war eigentlich vorhin los?“
„Wieso?“, fragte Joro überrascht.
„Du hast einen sehr seltsamen Gesichtsausdruck bekommen, bevor du ins Haus gingst und als du wiederkamst, war er sogar noch seltsamer.“
Der Bischof seufzte.
„Es war wieder einmal eine kleine Meinungsverschiedenheit zwischen Celestus und mir. Außerdem hat er mich an etwas erinnert“, er griff in den Beutel an seinem Gürtel, holte die Kette heraus und erschrak, als der Shura plötzlich neben ihm stand.
Ghaundar verzog sein Gesicht, als er die Knochen in Joros Hand sah.
„Das hatte ich schon ganz vergessen... Hat Celestus gesagt, daß es Zeit ist, dort hinzugehen?“ „Nein, er hat mich eigentlich nur darauf hingewiesen, daß ich sie noch habe.“
„Und?“, fragte Alystin, „Was hast du dir überlegt?“
„Noch nichts, ich wollte erst mit euch besprechen, was ihr von der Sache haltet.“
„Das ist ja mal ein erstaunlicher Bruch mit alten Gewohnheiten“, grunzte Omareth und hob demonstrativ seinen Humpen zum Mund.
„Hab ich irgendetwas falsch gemacht?“, fragte Joro verwirrt.
„Nein, ich hab nur einfach gerade keine Lust, mir vorzustellen, wie wir wieder einmal mit naivem Optimismus in eine Jauchegrube zu hüpfen. Es grenzt so oder so an ein Wunder, daß wir nicht schon bei unseren vorherigen Ausflügen ins Gras gebissen haben.“
„Harte Zeiten fordern harte Mittel, oder?“
„Jedes Mal wenn wieder so etwas ansteht wird es potentiell gefährlicher. Ich frage mich manchmal, wann Celestus auf die Idee kommt, uns nach Orridin zu schicken...“
Joro kannte den alten Drow mittlerweile gut genug, um zu wissen, daß sich hinter seiner griesgrämigen Art oft genug auch einfach nur Sorge steckte. Dennoch...
„Celestus hat, soweit ich das einsehen kann, nichts damit zu tun.“ „Das ändert nichts daran, daß es wesentlich nettere Arten gibt, sich umzubringen, als ausgerechnet zu einem Orkstamm zu reisen, sich vor sie hinzustellen und zu sagen „ach übrigens, ich hab da diese Kette gefunden, ich glaube die gehört euch!““ „Totsaufen zum Beispiel?“
„Halt die Klappe, Ghaundar!“, Omareths Augen leuchteten leicht rötlich.
Joro wußte nicht genau, wie er fortfahren sollte.
‚Sag mal, hast du da eigentlich Einfluß genommen oder nicht?’, fragte er Celestus.
Der Gott zögerte kurz, dann sagte er: ‚Es besteht die Möglichkeit, daß ich indirekt damit zu tun habe, aber ich habe dir nicht die Kette zugespielt, wenn du das meinst.’
‚Kannst du das präzisieren?’
‚Es ist so, daß die Orcs dort leben, wo einst das Königreich lag, aus dem Nuktu stammte. Ich weiß jedoch nicht, inwieweit deren Vorfahren mit ihm zu tun hatten, oder ob sie vielleicht als Nomaden erst später in diese Gegend kamen.’
„Und, was sagt er?“, Omareths Stimme klang genervt.
„Er ist unschlüssig. Es kann aber sein, daß Nuktu eine Rolle spielt.“ „Na prima...“, der Drow stand auf, zog die Nase hoch und meinte dann: „Darüber muß ich erst einmal eine Nacht schlafen. Zu viele schlechte Nachrichten auf einmal.“
Nachdem er gegangen war, entschloß sich auch der Rest der Gesellschaft, ins Bett zu gehen, denn es war schon sehr spät geworden. Joro konnte nicht umhin, zu bemerken, daß unter allen Anwesenden eine gedrückte Stimmung geherrscht hatte und auch Alystin war da keine Ausnahme. Als sie eine halbe Stunde später zusammen in der Zelle lagen, fragte er sie:
„Ist die Vorstellung so schlimm? Wir können doch jede Hilfe brauchen, die sich uns bietet...“ Sie richtete sich auf und sah ihm in die Augen.
„Hast du ernsthaft in Betracht gezogen, daß sich ausgerechnet Orcs uns anschließen könnten? Und komm mir jetzt bloß nicht wieder mit dem Drow/Menschenargument.“
„Keine Ahnung, es sind doch schon einige sehr unwahrscheinliche Dinge geschehen, warum sollte sich da nicht auch eine Gelegenheit bieten? Zumindest theoretisch...“
Alystin seufzte, legte sich wieder hin und starrte an die Decke.
„Nimm es mir bitte nicht übel, aber deine Naivität treibt hier gerade sehr seltsame Blüten.“ Joro überlegte. Dann faßte er einen Entschluß.
„Dieses Mal sage ich es dir vorher und ich muß von dir verlangen, daß du dich nicht gegen mich entscheidest...“
Sie richtete sich wieder auf und in ihrem Blick war große Sorge.
„Was?“
„Ich habe mich schon einmal entschieden, dich nicht in Gefahr zu bringen und ich kann nicht umhin, mich noch einmal so zu entscheiden.“
Ihr Gesicht war ausgesprochen angespannt und er bemerkte auch einen roten Schimmer in ihrer Retina.
„Du wirst mir jetzt nicht sagen, daß du alleine zu den Orcs gehen willst, oder?“ „Ich bin durch ein Versprechen gebunden. Es ist so oder so unmöglich jetzt einen Rückzieher zu machen, aber ich sehe, daß ihr alle die Meinung teilt, daß es eine verdammt dumme Idee ist, das zu tun, was ich vor habe.“ Alystins Blick war nun vollends böse.
„Das kannst du doch nicht ernst meinen!“
Joro starrte an die Decke und spürte Verzweiflung in sich aufsteigen.
„Du… du verstehst das nicht…“
„Dann erkläre es mir.“
„Ich“, er rang nach Worten, „ich lebe nur noch in Angst und Anspannung. Das Kloster, die Enklave, der Krieg, die Legion, Verantwortung, Planungen, was auch immer…“
Ihre Miene war immernoch böse, aber immerhin unterbrach sie ihn nicht. Den Blick weiterhin an der Zimmerdecke dachte er nach. Es lief alles auf einen Punkt hinaus.
„Weißt du, es ist ein entscheidender Punkt. Ich bin neunzehn Jahre alt und der Sohn eines Bauern. Alles, was ich für andere bin sind Rollen und Kostüme, die sie mir angezogen haben, ob nun Bischof, Freund oder…“
„Geliebter?“, es schwang eine gehörige Portion Unheil in ihrer Stimme mit.
Joro schüttelte den Kopf.
„Nein, das Seltsame ist, daß du bei allem, was andere von mir erwarten und wollen, der einzige Faktor in meinem Leben bist, der mir davon losgelöst erscheint.“
„Ohne das Mal an deinem Hals hätte ich dich jetzt als Lügner bezeichnet und dir ins Gesicht geschlagen.“
Er lächelte gequält.
„Du wirst vielleicht verstehen, daß mich das gerade wenig tröstet…“ „Worauf willst du eigentlich hinaus?“
Jetzt war Joro es, der sich aufrichtete, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein.
Die großen, mandelförmigen, violetten Seelenspiegel in ihrem Gesicht waren nur noch leicht rot untermalt und funkelten wunderbar im Mondlicht, das durch das Butzenfenster schien, über ihren Wangenknochen.
„Omareth und Ghaundar sind hier gebunden und das ist auch gut so. Und du…“, er mußte sich davon abhalten in Tränen auszubrechen, „sollst niemals Schaden nehmen, wenn ich es nicht verhindern kann.“
Alystin schlug die Augen nieder und er meinte einen leicht feuchten Schimmer in ihnen zu sehen.
„Ich kann dich nicht dazu zwingen, hier zu bleiben“, sagte sie leise, „aber ich hoffe du weißt, daß du nicht der Einzige bist, der den anderen beschützen will.“
Er berührte sie sanft an der Wange.
„Man sagt immer, daß es Dinge gibt im Leben, die ein Mann alleine tun muß. Vielleicht ist genau das hier eines dieser Dinge. Wahrscheinlich habe ich noch mehr Angst, als du, aber wenn ich jetzt nicht die Gelegenheit wahrnehme, herauszufinden, was ich eigentlich will, bin und sein soll, werde ich sie vielleicht niemals bekommen.“
Sie nickte schwach und schaute wieder auf.
„Wenn es dir so wichtig ist, werde ich dich nicht aufhalten, aber schwöre mir bitte, daß du nicht einfach nur fortlaufen willst.“
Sein Blick fuhr tief in ihre Augen, so tief, daß sie unwillkürlich zusammenzuckte.
„Es gibt nur einen Ort auf der Welt, von dem ich niemals flüchten würde. Und das ist zu jeder Zeit genau der Ort, an dem du dich gerade befindest.“
Es war früher Morgen, als Joro, in voller Rüstung und mit einem Bündel über den Schultern am Stadttor stand, die Sonne hatte gerade begonnen, den Horizont zu überqueren.
Alystin stand neben ihm und beide sahen, die Lungen tief mit dem klaren Wind des Frühlings füllend, in den Himmel hinauf.
Er blickte zu ihr herab und sie zu ihm herauf.
„Ich werde mich beeilen. Wenn ich in vier Wochen nicht wieder da bin, dann sucht nicht nach mir.“
„Wenn du in vier Wochen tatsächlich nicht wieder da bist, werde ich an der Spitze eines Heeres nach Norden ziehen und mir einen Gürtel aus Orcohren machen“, gab sie trocken zurück.
Joro grinste, auch wenn ihm eher nach Weinen zu Mute war.
„Celestus ist mit mir. Das, gepaart mit deiner Liebe, gibt mir mehr Kraft, als irgend jemand oder irgendetwas jemals aufzuhalten im Stande wäre.“
Sie stellte sich auf die Fußspitzen und gab ihm einen sehr langen Kuß. Dann sah sie ihn ernst an.
„Ich hinterfrage nicht, warum du das hier tust, Joro. Aber ich hoffe, daß du dir klar bist, daß du allmählich tief in meiner Schuld stehst.“
„Schon verstanden, Alystin. Ich liebe dich.“
Erst gegen Nachmittag bemerkte Joro, daß er die Taubheit, die ihn die ganze Zeit davon abgehalten hatte, zu fühlen, wie er fühlte, von ihm wich.
Das Resultat war, daß er sich mitten im Wald an einen Baum lehnte und für beinahe eine Stunde völlig ungehemmt weinte. Danach, als er sich langsam beruhigte, durchströmte eine furchtbare Mattheit seinen ganzen Körper und er starrte eine ganze Weile nur vor sich hin.
Was hatte ihn überhaupt geritten, solch eine Wahnsinnsidee alleine umsetzen zu wollen.
Es war wirklich nicht die Zeit Held zu spielen, aber auf der anderen Seite drückte dieses Unwissen, wer er eigentlich war, auf seine Schultern wie eine ganze Kiepe voll Granit.
Joro vermied es, mit Celestus darüber zu reden. Er hatte nicht das Bedürfnis, sich irgendwelche zynischen Kommentare von seinem Gott anhören zu müssen und er war sich sicher, daß genau diese kommen würden.
Schlimmer noch.
Es war ihm zwar bewußt, daß dieser ihn nie hätte gehen lassen, wäre es nicht sein Wille gewesen, aber fröhlich konnte er mit seiner Entscheidung ebenfalls nicht sein, denn Joro hätte auch darauf bestehen können, daß ihn seine Freunde begleiteten.
Der Bischof stand auf, rückte die Rüstung zurecht und ging weiter den Weg ins Hochland hinauf. Schon nach wenigen Schritten trat er mit voller Wucht hinter einen Stein, der auf dem Pfad lag. Es war einfach zum aus der Haut fahren. Egal wie auch immer er sich entschied, auf die eine oder andere Art und Weise konnte und mußte nur jeder in seinem Umfeld darunter zu leiden haben. Immerhin würden so, wie es jetzt war, keiner seiner Freunde sterben müssen, falls er eine falsche Wahl traf.
Er grübelte den ganzen Rest des Tages und auch die nächsten beiden über die verzwickte Lage.
Nachdem Joro so weit nach Südosten gelaufen war, daß er das Waldstück sehen konnte, in dem er den Geist zuerst getroffen hatte, erinnerte er sich daran, wohin Ghaundar damals gezeigt hatte und korrigierte seinen Kurs in diese Richtung.
Schon nach einem halben Tag und mit immer größerer Angst, über einen Steinriesen zu stolpern, wurde die Landschaft so derart karg, daß selbst Büsche nicht mehr höher waren als seine Knie.
Die Sonne brannte tagsüber in seinem Nacken und nachts war es so verdammt kalt, daß es ihn, selbst wenn er praktisch direkt an der Feuerstelle lag, immernoch frösteln ließ. Frühling war hier oben einfach nur eine geringfügig wärmere Version von Winter.
Nicht genug damit.
Als er am nächsten Tag aufstand, hatte er eine kleine Schicht Schnee auf der Rüstung und als er sich umsah, konnte er sehen, daß überall der Boden mit einem grauen Schimmer überzogen war.
‚Hättest du mir nicht den Tip geben können, ein Zelt mitzunehmen?’
‚Bist du erwachsen? Warst du schon einmal im Hochgebirge?’
Joro seufzte.
‚Also nehme ich an, daß du auch schlecht geschlafen hast?’
‚Götter schlafen nicht, es sei denn sie wollen es.’
‚Was ist es denn dann?’
‚Nichts, was dich direkt betrifft. Ich bin unzufrieden mit der Lage im Süden.’
Der Bischof horchte auf.
‚Gibt es etwas, das du mir erzählen kannst? Das würde auch das Reisen ein wenig erleichtern, es lenkt von Kälte und Müdigkeit ab.’
Celestus manifestierte sich im Laufen neben ihm und schritt neben ihm her. Seine Körperhaltung drückte sorgenvolle Gedanken aus.
„Es ist von vorne bis hinten alles zum Brechen…“
„Die Ereignisse überschlagen sich, was?“
„Richtig. Die Vermutung, daß es in den Westreichen Fürsten gibt, die mit der Legion eine Sache machen hat sich leider bewahrheitet.“
„Verdammt!“
„Und damit nicht genug, sie greifen nicht nur ihre alten Rivalen, sondern auch Hanlar von der Seite an.“
Joro kratzte sich am Kopf und schaute nach oben.
„Manchmal kann ich nicht verstehen, warum sich Menschen dazu entscheiden, das zu tun, was sie tun.“
„Mich brauchst du da nicht zu fragen, seit meinem Aufstieg hat sich an meiner Einsicht in das Wesen des Menschen leider nur sehr wenig verändert.“
„Albrecht hätte jetzt einen bissigen Kommentar eingestreut.“
„Aber du bist nicht Albrecht und ich hoffe, daß du das auch niemals wirst.“
„Das hoffe ich auch.“
Celestus sah sich um, während sie weiter durch die kleinen Büsche der Tundra stapften.
„Irgendwie kommt mir die Gegend hier bekannt vor…“
In Joros Hirn schrillten die Alarmglocken so laut, daß sogar der Gott zusammenzuckte.
„Was war das denn eben?“
„Verzeihung“, antwortete Joro, „Aber ich habe, wie du weißt, ein ungutes Gefühl, inwieweit du in die Sache mit dem Orc verstrickt bist.“
„Ich hatte ja keine Ahnung, daß das so tief drin sitzt…“
„Tut es.“
Der Gott schüttelte den Kopf.
„Es ist nichts, was mir klar vor Augen steht, aber ich werde die nächste Zeit darüber nachdenken, wann ich das hier schon einmal gesehen habe.“
„Danke, je eher ich da eine Information bekommen kann, desto besser ist es. Vielleicht kannst du ja durch die Zeit reisen und es dir noch einmal ansehen..?“
Ein Schuß ins Blaue, der leider nicht einmal ansatzweise irgendetwas traf.
„Zeitreisen sind nur den mächtigsten der Götter vorbehalten. Hast du vergessen, daß ich nur ein Gott der Bauern und einer kleinen Schar von Menschen in Bargum bin?“
„Verzeihung, ich wollte dich nicht beleidigen“, Joro blickte schamhaft zu Boden.
„Erstens hör auf, dich zu entschuldigen“, grunzte Celestus, „und zweitens war es eher schmeichelhaft, daß du mir so etwas zutraust. Aber ich werde einmal Eilistraee fragen, sie ist wesentlich länger in diesen Gefilden unterwegs als ich.“
„Danke…“
Ein Flimmern in der Luft und der Gott war verschwunden. Nicht gerade die abendfüllende Konversation, auf die Joro vielleicht gehofft hatte, aber immerhin konnte er Omareth bei seiner Rückkehr in Bargum eine wertvolle Information geben.
Falls er je zurückkehrte.
Schritt für Schritt durch unwegsames Gelände und mit jedem Schritt kam ein Bild in seinen Kopf von denen, die er liebte und denen, die im entgegenstanden.
Rannte er in sein Verderben? War es ein notwendiges Übel? Oder vielleicht doch eher eine Chance, wofür auch immer?
Vor allem fragte er sich, warum Alystin eigentlich so verhältnismäßig schnell eingewilligt hatte, ihn alleine gehen zu lassen.
Joro schlug sich vor die Stirn und rief: „Scheiße!“
Er hielt an und sah hinter sich. Nirgends war etwas zu sehen, aber das hieß nichts, wenn sie wollte, konnte sie sich bis auf Armlänge an ihn heranschleichen, ohne, daß er auch nur das Geringste davon merkte.
Vielleicht war dies auch nur ein Anfall von Verfolgungswahn, weil er mit sich selbst uneins war.
Nein, das war es auch nicht. Er hätte Alystin gerne mitgenommen, genauer gesagt hätte er vor allem in den letzten Wochen am liebsten einfach ihre Hand nehmen und ans Ende der Welt rennen wollen, um mit ihr in Sicherheit und alleine zu sein.
Am Abend rastete Joro an einem kleinen Rinnsal in der Tundra, riß ein paar Büsche aus dem Boden und klebte diese, seinen Wasserschlauch und den Streithammer benutzend, mit kleinen Eiskugeln zu einem Windschutz zusammen. Es war sehr kalt geworden und der Himmel ließ vermuten, daß sich in der Nacht wieder der eine oder andere Schneeschauer über das Land ergießen würde. Nach oben konnte er sich nicht abdecken, außer mit seinem Umhang, aber wenigstens der verdammte Wind sollte ihm nicht wieder unter die Rüstung fahren.
Es dauerte unendlich lange, bis das Feuer endlich brannte, denn er hatte am Nachmittag nur eine kleine Menge von der Sonne mühsam getrocknetes Holz mitgenommen und die Büsche, die hier wuchsen waren alle feucht. Schließlich knisterte es aber vor ihm in einer Erdmulde und er wärmte sich die Hände daran, eng in seinen Umhang gewickelt.
In die Glut seines Feuers blickend, fing Joro wieder an, über seine Bestimmung nachzudenken. Vielleicht war er besser beraten, die Sache analytisch anzugehen.
Vor seinem Tod war er ein Niemand gewesen. Außer Schweine und Rinder zu hüten hatte er eigentlich nichts gemacht im Leben. Gut, er hatte sehr viel gelesen und von seinem Großvater gelernt, aber wenn man es genau betrachtete, hatte er es verpaßt, einen richtigen Beruf zu lernen. Ohne das, was ihm nun einmal geschehen war, nachdem Celestus ihn gerettet hatte, wäre er heute noch immer ein Hilfsarbeiter auf einem Bauernhof. Nicht ganz ohne Unmut gegen seine eigene Person stellte er innerlich fest, daß er die Zeit auf dem Hof seines Vaters nur damit verbracht hatte, von dessen Essen zu leben und nur so viel zu arbeiten, wie es unbedingt nötig war. Den Rest der Zeit hatte er mit Träumen verbracht.
Zugegeben, er hatte mehr als einmal mit dem Gedanken gespielt, ein Magier zu werden und innerlich immer gehofft, sein Vater würde ihm vielleicht die Ausbildung in Tont finanzieren. Das wäre bei dem Einkommen, das der Hof erwirtschaftete durchaus möglich gewesen, aber aufgrund der Einstellung seines Vaters zu solchen Dingen niemals geschehen. Die Landbevölkerung von Daishan war extrem abergläubisch und Joro wußte von mehreren Gelegenheiten, an denen reisende, eigentlich harmlose Magister ohne erfindlichen Grund von Dörflern gelyncht und vertrieben worden waren.
Eine Ausbildung zum Priester wäre auch nicht in Frage gekommen, seine Eltern waren keine Angehörigen einer Religion gewesen und niemals besonders gläubig. Ihr religiösen Aktivitäten beschränkten sich auf das Aufstellen von kleinen Tellern und Bechern mit Speisegaben für die Hausgeister.
Joro hatte schon mit fünf Jahren gesehen, daß die Katzen des Hofes dafür sorgten, daß die Teller am nächsten Tag leer waren und daher nicht einmal einen Aberglauben entwickelt.
Diese Überlegungen brachten eine erste fundamentale Erkenntnis:
Seine innere Weigerung, ein einfacher Bauer zu werden, hätte ihn irgendwann tatsächlich in ein Leben als Hilfsknecht getrieben, denn keiner der anderen Dorfbewohner hätte auch nur im Traum daran gedacht, einem Taugenichts wie ihm die Tochter zur Frau und damit auch den eigenen Hof zu überlassen. Er hatte auch keinen Zweifel daran, daß sein nächstälterer Bruder ihn niemals auf der Zucht behalten hätte, denn die beiden hatten keine gute Beziehung zueinander gehabt.
Er blickte hoch zum Himmel und gab einen Laut des Erschreckens von sich.
Mit anderen Worten: Ohne den Tod seiner Familie hätte er ein genauso schlechtes Leben führen müssen, wie nach ihrem tatsächlichen Ableben.
Joros Blick senkte sich wieder in die Glut und er merkte, daß in ihm unterschwellig immernoch große Trauer und Wut kochte, daß jemand alle seine Verwandten ermordet hatte, in seinen Augenwinkeln bildeten sich Tränen.
Genug der weibischen Heulerei. Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und reckte das Kinn vor.
Es war eine Mission zu erfüllen und er würde im Zweifelsfall bei dem Versuch, das zu tun sterben.
Vier Tage später erreichte er ein Gebiet, in dem die Landschaft wesentlich hügelreicher und wieder mit Tafelbergen durchsetzt war und er kam nur noch sehr schlecht voran. So kam es dazu, daß er am Ende des vierten Tages in einer kleinen Senke mit einem Bach rastete.
Joro fuhr hoch und sah sich um. Die Sonne war noch nicht vollständig aufgegangen und auf den Büschen und Felsen um ihn herum war überall Rauhreif.
Für einen kleinen Moment konnte er einen Schatten auf einem Hügelkamm, keine zweihundert Schritt von ihm entfernt sehen, dann bewegte sich nichts mehr.
Er griff den Hammer und versuchte sich aufzurichten, nur mußte er mit großer Frustration feststellen, daß er ihn zu dicht an den Bach gelegt hatte. Unter Zuhilfenahme des kleinen Dolches, den er zum Schneiden von Brot dabei hatte, hackte er, fluchend und sich ständig umsehend, die Scholle vom Hammerkopf, um diesen dann schließlich aufzuheben.
‚Magische Waffen. Man muß sie lieben’, dachte er und meinte, Celestus leise kichern zu hören.
Die paar Dinge, die er mit sich trug, hatte er schnell zusammengerafft und bewegte sich dann, Schild auf dem Arm und Hammer fest umschlossen, vorsichtig den Hügel hinauf.
Am Kamm angekommen, fand er dort nichts, aber als er seinen Blick schweifen ließ, konnte er am Horizont eine kleine Gruppe von drei Reitern erkennen. Und was für Reiter…
Es waren unzweifelhaft Orcs, die auf riesigen Worgen in Richtung einer Schlucht ritten, die in einem der vielen Tafelbergen war. Sie schienen es eilig zu haben, denn die Wölfe galoppierten mit gigantischen Sätzen auf die Kluft im Stein zu.
Dort war also das Lager. Keine Wochenreise von Bargum entfernt.
‚Das wird Omareth aber freuen, wenn er das hört’, meinte Joro spöttisch.
‚Keine Frage, er wird richtig begeistert sein’, Celestus klang nicht gerade entspannt.
‚Soll ich da wirklich hingehen?’
‚Deine Entscheidung.’
Der Bischof ging noch gut einen halben Tag weiter, wobei er immer langsamer wurde, je näher er dem Berg kam. Das schwarze Gestein des ehemaligen Vulkankraters wirkte bedrohlich.
Schließlich stand er plötzlich, nachdem er einige Zeit mit gesenktem Haupt grübelnd vor sich hingelaufen war, vor einer Stange.
Es war ein Holzpfahl, auf dem, an einem Querbalken hängend, eine ganze Reihe von Schädeln baumelte. Orcschädel, Rentierschädel, …Menschenschädel.
Joro schluckte.
‚Vielleicht…’
‚Ja?’
‚Warum hänge ich nicht einfach die Kette hier hin und gehe nach Hause?’
‚Vielleicht, weil du ein Versprechen gegeben hast?’
‚Aber…’, er schluckte noch einmal, diesmal so heftig, daß eine Portion Luft mit durch die Kehle wanderte, ‚ ich bin nur ein Bauer, der zu viel Glück gehabt hat. Was tue ich hier, außer mich selbst zum Narren zu machen?’
Celestus manifestierte sich vor ihm, die Arme vor der Brust verschränkt. Als er sie auseinander nahm und dann hob, bildete sich vor dem Gott ein Flimmern in der Luft und dann kristallisierte sich ein mannshoher Spiegel daraus.
Joro blickte in sein eigenes Gesicht und dann an seinem Körper herauf und herunter.
„Sieht so ein Bauer aus, Joro?“, fragte Celestus leise.
Etwas im Kopf des Bischofs wollte sagen: ‚Wenn man ein Schwein in ein Ballkleid steckt, hat man immernoch ein Schwein, nur eben eins mit einem Ballkleid.’ Das hatte sein Großvater oft gesagt.
Aber ein anderer Teil seines Bewußtseins brachte diesen Gedanken zum Schweigen.
„Nein. Ich bin der Bischof von Bargum und das Oberhaupt der einigen Celestuskirche.“
„Dann gehe und löse dein Versprechen ein.“
Plok saß auf seinem Thron in seinem Palast - also realistisch betrachtet einer überdimensionalen, schlecht gezimmerten Bretterbude - und sah auf den für Orkverhältnisse schmächtigen und schlanken Späher herunter.
Die Nachricht, die dieser ihm am Morgen gebracht hatte, war unglaublich gewesen: Ein einzelner Mensch war auf dem Weg zu ihnen.
Normalerweise hätte ihn das nicht gewundert, es gab selbst hier, in seinem Reich einige dumme Menschen, die glaubten, sie seien alleine sicher. Händler, Jäger, was auch immer.
Aber was diesen Mann anging, der da auf seinen Berg zugelaufen kam, hatte es zwei Dinge auf sich, die ihm seltsam vorkamen.
Erstens war dieser Mensch nicht nur einfach im Gebirge unterwegs, sondern lief schnurstracks auf seinen Berg zu. Selbst das hätte noch allein ein Zeichen von Irrsinn sein können, und Menschen spannen alle gewaltig, das wußte Plok.
Das Andere jedoch, was ihn wunderte und sogar ein wenig, nun, Angst hatte er natürlich nicht, Angst kannten nur Frauen und Idioten, also gestand er sich Sorge zu, war, daß ihm der Späher berichtet hatte, daß der Mann, der da kam ein Geist sein mußte. Genauer gesagt ein böser Geist, von dem man kleinen Orcs erzählte, wenn sie ihren Zwergen nicht aufessen wollten.
„Nuktu ist tot, Dummbeutel!“
„Aber, die Geschichten..?“
„Die Geschichten sind für solche Hohlköpfe wie dich. Ich gehe persönlich zum Tor und werde diesem Menschen den Kopf abhacken. Du kannst froh sein, wenn ich dich seinen Darm essen lasse. Ungesäubert!“
Plok stand auf. Er war ein riesiger Krieger, selbst für einen Orc. Seine Schultern waren so breit wie die eines Ochsen und sein Nacken etwa so stark. Mit der Hand fest um den Griff seiner fast zwei Schritt langen Streitaxt, trat er aus dem Bretterverschlag und ging den Abhang herunter in die Mitte der Schlucht, in dem sein Stamm lagerte. Unten hatte sich schon eine große Menge von Kriegern versammelt, die alle wie wild durcheinanderdiskutierten.
Es war eine weitverbreitete, aber unwahre Legende der Menschen, daß die Orcs nicht über eine distinguierte Sprache verfügten. Sicherlich, ihr Wortschatz war vielleicht um einige Begriffe wie „Harfe“ oder „Unterhose“ ärmer, aber warum sollte man extra Worte erfinden, wenn man stattdessen „Klimperdingens“ oder „Frauenlappen“ sagen konnte.
Die Diskussion in der Mitte verstummte sofort, als sie ihren Häuptling den Berghang herunterstapfen sahen.
Viele der Krieger hatten ihre Stirn gerunzelt und hofften auf eine Ermutigung oder einen Schlachtaufruf von ihm, aber den Gefallen würde er ihnen nicht tun. Wenn sie sich schon wie die Frauen beim Kochen verhielten, würde er sie keines Wortes bedenken, sondern einfach nur an ihnen vorbei zum Tor laufen.
Er grunzte verächtlich und rempelte einen von ihnen im Vorbeigehen vorsätzlich an.
Die Krieger folgten Plok in einem großen Abstand. Wenn er nicht einmal etwas sagte, dann war er ausgesprochen schlecht gelaunt und wenn ihm jetzt einer quer kam, würde das mit einem eingeschlagenen Schädel enden.
Joro kam dem Tafelberg jetzt so nahe, daß er eine Palisade sehen konnte. Außerdem waren zwei Wachtürme an den Rändern des Schluchteinganges aufgebaut, auf denen jeweils zwei Orcs mit kurzen Bögen standen, die sich aber aus irgendeinem Grund, auch als er schon deutlich in Schußreichweite war, nicht dazu entschließen konnten, auf ihn anzulegen.
‚Ähm?’
Celestus schwieg und Joro keuchte vor Anspannung. Das war alles mehr als seltsam.
Als dann auch noch das Tor in der Palisade aufging und ein Riese von einem Orc hindurchtrat, eine gewaltige Axt auf der Schulter, die man ohne Zweifel auch hinter ein Pferd als Pflug hätte spannen können, rutschte ihm das Herz beinahe in die Hose.
Der Bischof hielt an und mußte sich stark beherrschen, weder Hammer noch Schild bereit zu machen.
Irrte er sich oder war der Orc, der da auf ihn zukam, auch immer unsicherer?
Auf zwanzig Schritte aneinander herangekommen, blieben Orc und Mensch stehen und sahen sich lange an. Joro hatte die Maske heruntergeklappt, dahinter fühlte er sich sicherer.
„Was du hier wollen?“ Die Stimme des Orcs war tief und dumpf.
„Ich bin hier, um euch etwas zu bringen.“
„Bringen?“, der Orc drehte sich halb um und schielte hinter sich, ohne Joro dabei aus den Augen zu lassen, „Was soll Mensch schon bringen?“
Joro griff in den Beutel, wobei der Riese vor ihm unwillkürlich zusammenzuckte und um ein Haar auf ihn losgestürmt wäre. Er biß sich auf die Lippe, wie konnte er so unvorsichtig sein.
Langsam zog er die Hand heraus und zeigte dem Orc dann die Knochenkette.
Das Gesicht des Grünhäuters wurde von Panik verzerrt und es mußte ihn unglaubliche Willenskraft kosten, nicht auf der Stelle zu fliehen. Joro kam sich lächerlich vor, denn immerhin hatte er doch nur eine alberne Kette in der Hand… Oder… war es mehr als nur das?
„Du Nuktu!“
„Wuss?“
„Du Nuktu! Du kommen meinen Kopf abzuhauen!“
„Erstens bin ich nicht Nuktu…“
„Doch!! Du Nuktu! Ich mit dir kämpfen, jetzt, hier!“
Der Orc griff die Axt mit beiden Händen und setzte an, auf Joro zuzustürmen. Dieser überlegte für den Bruchteil eines Wimpernschlages, ob er die Waffe greifen sollte, um sich zu verteidigen, aber dann klappte er einfach nur das Visier hoch.
Sein Gegenüber erstarrte mitten in der Bewegung. Dann ließ er die Axt vorsichtig auf halbe Höhe sinken, immernoch sprungbereit.
„Ich bin nicht Nuktu, glaub es mir doch bitte einfach!“
„Woher du dann haben Kette?“, der Orc zog eine Augenwulst hoch.
„Von einem deiner Ahnen, er hat sie mir gegeben.“
„Du lügen! Nuktu geraubt Kette von Vorfahre!“
„Ich bin ein Daishani, ich kann nicht lügen“, Joro zog die Halsberge herunter und zeigte einen Hals. Der Orc zuckte mit den Schultern, weil er es offensichtlich nicht verstand und Joro seufzte resigniert.
„Starke Magie. Kann nicht lügen. Böse Rune verbrennt mich wenn ich lüge.“
„Beweisen!“, die Axt hob sich wieder.
Wenn es sein mußte, mußte es eben sein.
„Ich bin der Kaiser von Hanlar“, sagte Joro betont ruhig, vorbereitet auf den kommenden Schmerz. Es war schon sehr viele Jahre her, daß er einmal gelogen hatte, damals, als er dem Nachbarn einen Apfel gestohlen hatte, aber die Erinnerung war frisch wie vom Vortag.
Die Rune an seinem Hals leuchtete rot auf und das Fleisch um sie herum begann zu dampfen, was ihn sofort dazu brachte: „Nein, bin ich nicht!!!“ zu brüllen. Der Schmerz hatte ihn fast in die Knie gezwungen, aber er wußte, daß er das auf keinen Fall zulassen durfte. Langsam erlosch das Zeichen an seinem Hals wieder und ein widerlicher Bratengeruch stieg in seine Nase.
Ein erstaunter Blick lag auf dem Gesicht des Orcs und er ließ die Axt vorsichtig sinken.
„Warum du dann haben Kette? Nicht verstehe.“
„Ich habe in einem Waldstück, einige Tagesreisen im Süden, ein Skelett gefunden, das wohl einmal einer deiner Vorfahren war“, keuchte Joro, immernoch nicht ganz erholt, „und er hat mich gebeten, sie dir zu bringen.“
„Aber Nuktu hat gestohlen Kette von Vorfahre.“
„Nein, hat er offensichtlich nicht.“
„Doch, doch!“
Langsam reichte es dem Bischof.
„Nein! Mein Gott, hör mir doch einmal zu! Ich habe Nuktu vernichtet, er existiert nicht mehr! Und diese Kette war nicht in seinem Grab, sondern in diesem Waldstück, bei dem Skelett deines Ahnen!“
„Du getötet Nuktu?“
„Ja, woher habe ich wohl sonst diese Rüstung?“
„Weiß nicht.“
Joro seufzte.
„Ja, ich habe Nuktu getötet.“
Dem Orc war anzusehen, daß er, trotz der Demonstration der Rune nicht ganz glauben konnte, was sein Gegenüber ihm da versuchte zu erzählen. Joro war sich langsam sicher, daß der legendäre Kriegsherr bei diesem Stamm einen mythischen Status genießen mußte und mit Sicherheit keinen guten.
„Es ist Nuktus Rüstung und dies ist sein Hammer“, der Bischof deutete mit der rechten Hand auf die Waffe, „Du glaubst doch nicht, daß er das freiwillig herausgerückt hätte, oder?“
„Aber Kette nicht in Grab?“, der Orc kratzte sich am Kopf, „Geschichte sagt Kette gestohlen von Nuktu.“
„Nein, der Geist deines Ahnen hat sie mir gegeben.“
„Du ihn auch besiegt?“, fragte der Orc lauernd.
„Er war tot, sein Geist ist erschienen und hat mich gebeten, sie hier herzubringen, also nimm sie bitte an dich“, Joro streckte die Hand aus und hielt ihm die Knochen entgegen. Sehr zu seinem Erstaunen wich der grünhäutige Riese zurück.
„Nein. Nein, du behalten.“
„Öh…“
„Kette böse, verflucht, Nuktu hat verflucht.“
„Nuktu konnte gar nichts verfluchen. Davon abgesehen hat er sie doch sowieso niemals bekommen.“
Den Satz hätte er sich sparen können, das wußte Joro schon, als er ihn sagte. Dementsprechend wunderte es ihn überhaupt nicht, als sein Gegenüber heftig mit dem Kopf schüttelte und die Hand abwehrend ausstreckte.
‚Was passiert eigentlich, wenn ich einen Shura rufe, wenn jemand zugegen ist, der ihm eigentlich etwas bedeuten sollte?’, fragte er die Stimme in seinem Kopf.
‚Ich habe keine Ahnung, das hat soweit ich weiß noch niemals irgend jemand getan’, antwortete der Gott ratlos.
Joro versuchte sich auf den einen bestimmten Geist zu konzentrieren. Dabei erinnerte er sich an die Vision, die dieser ihm damals geschickt hatte und fokussierte sich ganz darauf.
Das Sirren wurde schnell stärker und dann manifestierte sich ein Shura neben ihm. Der Orc seinerseits holte sofort mit seiner Axt aus, um nach ihm zu schlagen, aber ein einzelner Hieb der krallenbewehrten Hand des Geistes durchtrennte den Stiel und ließ das Axtblatt dicht an Joros Kopf vorbeisegeln.
Verblüfft hielt der große Grünhäuter inne und starrte die schemenhafte Gestalt an. Der Shura machte einen Schritt zu Joro und nahm ihm die Kette aus der Hand, wobei alleine die Berührung der Krallen zwei blutige Schnitte auf der Haut hinterließen, als seien sie von einem unsichtbaren Feld der Schärfe umgeben.
Die Kette beschädigten sie jedoch nicht, der Shura ging einige Schritte auf den Orc zu und reichte sie ihm entgegen.
Zunächst zögerte der Riese aber dann fiel er auf die Knie, senkte den Kopf und nahm sie mit beiden Händen entgegen.
Joro wagte nicht zu atmen.
Kurz nachdem die Kette den Besitzer gewechselt hatte, verschwand die schemenhafte Kontur des Geistes und der Bischof konnte zum ersten Mal in seinem Leben ein völlig fassungsloses Gesicht auf einem Orcschädel sehen.
Der Grünhäuter sagte lange nichts und Joro bemerkte mit Unbehagen, daß die Orcs auf den Wachtürmen immer unruhiger wurden.
Dann stand der riesige Orc zögerlich auf und sah ihm in die Augen.
„Ich Plok. Sohn von Runk.“
„Äh, angenehm, ich bin Joro Macun, Bischof von Bargum.“
„Von dir gehört“, Plok wischte sich mit der linken Hand Rotz unter der Nase weg, während er auf die Kette in seiner Rechten starrte, „mächtiger Zauber, das. Nicht gut du bringen hier.“
„Moment mal, du hast von mir gehört?“, fragte Joro fassungslos.
„Orcs nicht dumm, Orcs nur leben anders als Menschen.“
„Das kann man wohl sagen, ihr…“, der Bischof erwischte sich dabei, wie er beinahe etwas gesagt hätte, von dem er eigentlich keine Ahnung hatte, deshalb schüttelte er den Kopf „vergiß es, ich bin gerade nur etwas verblüfft.“
Plok beobachtete ihn und sah immer wieder zwischendurch auf die Knochen in der Hand.
„Nicht wissen, warum du nicht tot…“
„Warum sollte ich tot sein?“
Der Orc sagte nichts, sondern hängte die Kette vorsichtig um den Hals und murmelte, die Faust fest um einen Kaninchenschädel, der Teil der Kette war geschlossen ein paar Worte in seiner Muttersprache, dann streckte er den anderen Arm auf und deutete auf einen etwas höheren Busch in der Nähe.
Joro ließ einen Laut des Schreckens aus dem Mund, als er sah, wie der Busch plötzlich schwarz zu qualmen anfing und dann die Blätter wie Wasser von den Ästen tropften.
Wenige Augenblicke später war der Busch verschwunden.
„Ich…ich hatte ja keine Ahnung…“, er schluckte und fügte im Geiste hinzu: ‚Sag mir bitte, daß du das nicht wußtest!!!’
Celestus antwortete nicht, aber Plok tat es.
„Kette sind Fingerknochen von Vorfahren und heilige Tiere. Seit viele Generationen gesammelt Finger von mächtigste Schamanen. Und von besondere Tiere. Kaninchen zwei Köpfe gehabt, aber nur einer davon drei Augen!“ Er deutete auf den Schädel und in der Tat hatte dieser drei Augenhöhlen.
„Bist du auch ein Schamane?“
„Ich Häuptling. Wissen viel über Geister, aber nicht Schamane.“
„Oh, verzeih mir, ich wußte nicht, daß du der Anführer dieses Stammes bist“, Joro verbeugte sich tief und zu seinem Erstaunen hatten sich danach die Orcs auf den Türmen wieder ein Wenig beruhigt.
„Warum ich wohl herausgekommen?“, grunzte der Orc verächtlich.
„Ich gestehe dir, daß ich über Orcs nur die Geschichten kenne, die Menscheneltern ihren Kinder erzählen, wenn sie unartig waren.“
Plok legte den Kopf schief und hob einen Augenwulst – Joro wurde bewußt, daß der Mann vor ihm tatsächlich außer auf dem Schädel nicht ein einziges Haar am Körper zu haben schien – aber sagte nichts. Es war ihm anzusehen, daß er nachdachte.
„Nun, ich habe dir die Kette gebracht, ich hoffe, daß der Wille deines Vorfahren damit erfüllt ist. Lebe wohl.“
Joro wollte sich zum Gehen wenden, aber der Orc machte ein abweisenden Geste.
„Ich dich nicht gehen lassen.“
Des Bischofs Hand fuhr unbewußt an seinen Gürtel, aber Plok schüttelte den Kopf.
„Du mein Gast. Ich schulden dir das.“
Nicht ohne die Sorge, daß dies eine Geiselnahme sein könnte, nickte Joro, als ihm Plok deutete, mit ihm in die Schlucht zu kommen. Wer hätte jemals von gastfreundlichen Orcs gehört. Im besten Falle konnte er sich ja vielleicht darauf freuen, der Hauptgang des Abends zu werden…
Doch schon als sie das Tor in der Palisade passierten, war ihm klar, daß es nicht zwangsläufig dazu kommen mußte. Es war nämlich zu bemerken, daß die Orcs offensichtlich nicht nur generell vor ihrem Häuptling, sondern vor allem auch vor der Kette, die er nun um den Hals trug, Angst hatten. Ehrlich gesagt ignorierten sie ihn beinahe, sondern schauten nur voller Entsetzen auf die Knochen an Ploks Hals.
Die Schlucht war innen in einem grauenhaften Zustand. Überall lagen Unrat, Tierkadaver und Exkremente herum und die Orcs standen mittendrin, ohne daß es sie zu stören schien. An den Wänden waren Bretterverschläge gebaut, aber es gab auch Lager, die nur mit einem Tarp überdacht waren, deren Material Joro nicht näher begutachten wollte. Es war wohl Leder, aber er erkannte sehr unangenehme Formen von Körpern wieder.
In der Mitte der Schlucht gab es eine große Feuerstelle, auf der ein echter Scheiterhaufen brannte. Durch die Form der Schlucht, die sich oben verjüngte, erzeugte dieses Höllenfeuer ein erstaunlich warmes Klima, allerdings verstärkte diese Wärme wohl auch die Gerüche.
Und es stank bestialisch.
Weit oben am Hang konnte er eine ausgesprochen große Bretterbude sehen, über deren Eingang der Schädel eines Riesen prangte. Ohne Zweifel war das Ploks Refugium und darauf steuerten sie auch zu.
Es entging ihm auch nicht, daß auf der genau gegenüberliegenden Seite der Schlucht, ebenfalls hoch am Hang eine zweite, wenn auch etwas kleinere Behausung stand, die allerdings, anders als alle anderen, aus Steinen gemacht war. Der Bau war zylindrisch und bestand aus sehr schlecht behauenen Basaltblöcken, die Wände waren in vielen verschiedenen Farben mit Zeichen und Bildern bemalt.
Plok war nicht entgangen, daß Joro dort hinaufsah und meinte nur knapp: „Das Tempel.“
Sie betraten Ploks „Palast“ und der Geruch war fast schlagartig fort. Nicht nur das, es roch sogar einigermaßen gut darin, vornehmlich nach Essen.
Der Bischof war erstaunt, aber sagte nichts, da er nicht wußte, ob das nicht zu einem Fettnäpfchen werden konnte.
Sie erreichten den „Thronsaal“ und Plok gebot ihm, sich auf einen Schemel zu setzen, der dort stand. Der große Raum war rund und mit allerlei Beutestücken ausgeschmückt und Joro konnte anhand der schieren Masse derselben, sowie der Verschiedenartigkeit erkennen, daß der Häuptling sehr weit gereist, oder zumindest schon eine ganze Weile sehr weite Raubzüge unternehmen sein mußte.
Plok hatte den Menschen sehr intensiv beobachten und dessen Interesse an seinen Trophäen ließ den Orc auf seinem Thron ein paar Fingerbreit wachsen.
„Schatz meiner Ahnen! Aber natürlich ich das meiste gesammelt!“, fügte er hastig hinzu.
„Beeindruckend.“
Der Häuptling machte ein zufriedenes Gesicht und brüllte etwas in seiner Muttersprache.
Eine kleine, nackte Orcfrau betrat den Raum und fragte sehr leise etwas, Plok antwortete und sie verließ den Raum wieder.
Joro war ein wenig perplex und konnte sich auch eines gewissen Ekels nicht erwehren.
„Du haben Problem?“
„Ist das normal, daß eure Frauen nackt herumlaufen?“
„Frauen nur gut zum Kochen und für Nacht. Und wenn das nicht klappen, schmecken gut.“
Es fiel dem Bischof schwer, darauf irgendetwas zu entgegnen, deshalb sagte er stattdessen nichts und sah sich weiter um. Ihm fiel auf, daß es sich bei dem Beutegut in diesem Raum größtenteils um Gegenstände von Zwergen und Drow handeln mußte, allerdings waren auch durchaus einige Kunstgegenstände von menschlicher Hand. Dabei war aber keine Kohärenz in der Art der Objekte zu finden. Teils war es vergoldetes Geschirr und dann wieder Gemälde oder verzierte Waffen. Letztere waren vor allem an die Wände gehängt, was ihn nicht verwunderte. Bei einem Volk, daß Stärke und Kampf über alles andere stellte, waren Waffen und Rüstungen zweifelsohne die wertvollsten Jagdtrophäen.
Die Frau kam wieder in den Raum und trug dabei schwankend ein überproportioniertes Tablett herein, was sie auf einen gußeisernen Ständer stellte, der rechts neben dem Thron stand. Nach dem Absetzen beeilte sie sich, davonzuhuschen, denn Plok hatte bereits nach ihr ausgeholt.
Der Häuptling griff sich mit der einen Hand ein gebratenes Tier, daß Joro nicht identifizieren konnte und warf dann mit der anderen ein kleineres direkt vor den Bischof auf den Boden.
„Du essen, sehen hungrig aus.“
Joro hob es auf und bemühte sich, einigermaßen unauffällig den Staub herunterzustreichen, bevor er hineinbiß. Er war erleichtert, daß es sich um eine Bergratte handelte und nicht um die Überreste eines denkenden Wesens. Zudem mußte er sich eingestehen, daß er wirklich Hunger hatte.
Dennoch, von einem formellen Festessen konnte hier keine Rede sein, also wagte Joro, eine Frage zu stellen.
„Bin ich dein Gefangener?“
Der Orc sah ihn schief an und nuschelte, das Gesicht hinter seinem Braten:
„Gefanger oder Gast, was Unterschied?“
„Bei Menschen gibt es da einen und auch wenn du sicherlich gleich darauf hinweisen wirst, daß ich hier bei Orcs bin, sollte ich dich vielleicht darauf hinweisen, daß es eine schlechte Idee wäre, mich als Gefangenen zu nehmen.“
„Aha?“
„Jupp.“
Plok ließ den Braten sinken und fragte dann, Fleischstücke durch den Raum verteilend:
„Und warum das?“
„Weil ich in knapp zwei Wochen wieder in Bargum sein muß. Sollte das nicht geschehen, kommt hier eine Streitmacht von mindestens eintausend Mann an, Duergar, Drow und Menschen und wird hier alles dem Boden gleichmachen.“
Es war ihm klar, daß es sicherlich unter normalen Umständen eine schlechte Idee wäre, einem Gegenüber in so einer Situation zu drohen, aber immerhin waren Orcs dafür berühmt, Stärke zu respektieren.
„Kümmert mich nicht“, der Häuptling nahm den Braten wieder zum Gesicht und kaute darauf herum.
Das hatte also nicht geklappt. Also mußte er etwas Anderes versuchen.
„Außerdem diene ich dem Gott, dem auch Nuktu gedient hat. Darüber solltest du einmal nachdenken.“
Wieder ein Schuß ins Blaue, aber dieses Mal hielt der Orc tatsächlich inne und schaute ihn mit einer Mischung aus Angst und Zorn an.
„Du drohen mir schon wieder?“
„Ich habe dir nur klar deutlich gemacht, daß ich nicht einfach so als Gefangener in deinen Händen sein werde. Wenn es sein muß, werde ich auch gegen dich kämpfen.“
Plok sprang auf, warf den Braten in eine Ecke des Raumes und riß wahllos eine Waffe von der Wand, einen armlangen Streitkolben.
Aber der riesige Orc zögerte, unwillkürlich griff seine Hand an die Kette an seinem Hals, was Joro seinerseits aufspringen und sowohl Hammer als auch Schild bereitmachen und innerlich ein Stoßgebet an Celestus senden ließ.
Doch Plok bewegte sich nicht, sondern schien zu überlegen.
Eine Stimme erscholl am Eingang des Raumes, die in der Orcsprache sprach. Plok starrte weiter auf Joro und der wiederum wagte nicht, den Blick von dem Mann vor sich abzuwenden.
Der Häuptling sagte leise etwas, was von dem Neuankömmling mit eine Grunzen und dann mit einem Lachen beantwortet wurde. Doch als Plok den Talisman um seinen Hals anhob und präsentierte, wandelte sich das Lachen in ein angstvolles Schnauben.
Es ertönten Schritte neben Joro und in sein Blickfeld trat ein Orc mit weißer Kopfbehaarung und unglaublich vielen Narben im Gesicht und seinem nur mit einem Lendenschurz und einem Umhang bekleideten Körper. Kein Fleck seiner muskulösen Statur war nicht mit ehemaligen Schnitten und Stichen übersät, manche von ihnen bildeten sogar Muster, weshalb sich Joro fragte, ob sie nicht teilweise Ziernarben waren.
Der Neuankömmling machte noch ein paar Schritte auf Plok zu und sah dann hektisch zwischen Joro und der Halskette hin und her. Dann sprach er einige sehr hastige Sätze, bei denen er sogar vergaß zu schlucken, was sich in einem Speichelfaden im Mundwinkel manifestierte. Plok antwortete genauso schnell und sah dabei weiterhin dem Menschen in die Augen, den Streitkolben fest in der Faust.
Der alte Orc schüttelte jedoch den Kopf und ging dann auf Joro zu, den Arm ausgestreckt, um dann vorsichtig den Schild zu berühren, den dieser vor sich hielt. Als der grüne Finger den Rand berührte, zuckte er jedoch zusammen und taumelte ein paar Schritte zurück. Plok hob den Streitkolben, auf dem Sprung zum Angriff, aber der Alte hielt ihm die Hand vor die Brust und sagte ein paar leise Worte.
Des Häuptlings Blick war skeptisch, aber er ließ den Streitkolben sinken, immer noch Wut im Gesicht.
„Du mußt den Jungen entschuldigen, Priester, er weiß nichts über dein Volk, außer vielleicht, wie man es am besten zubereitet“, sagte der Alte in klar verständlicher Menschensprache, sogar mit leicht daishanischem Akzent.
Auch wenn er verblüfft war, ließ er weder Waffe noch Deckung sinken, so wie es ihn Omareth gelehrt hatte. Niemals glauben, man sei in Sicherheit, es sei denn man ist nur von Freunden umgeben. Und selbst dann… naja, hier fing dann eine seiner obligatorischen Drowansprachen an, die Joro meist überhörte, aber das war jetzt auch nicht wichtig.
„Ich… ich bin erstaunt…“
„Was, daß ich eure Sprache spreche? Orcs sind nicht dumm…“
„Jaja, ihr lebt nur anders, das hat mit Plok schon gesagt“, fuhr Joro ihm ungehalten dazwischen.
„Oh, das hat er gesagt?“, der Alte sah mit einem zweifelnden Blick zum Häuptling, dieser nickte nur grimmig.
„Ja, vorhin vor der Schlucht.“
„Es war ein großer Fehler von ihm, dich hier herzubringen und ich glaube, daß du mir zustimmen wirst.“
„Ich kenne eure Bräuche nicht gut genug, als daß ich dazu etwas sagen könnte. Allerdings war es wirklich eine dumme Idee, falls seine Absicht war, mich am Ende des Tages zu kochen und meine persönlichen Gegenstände als Trophäen zu behalten…“
In der Sicherheit, daß in den kommenden Augenblicken über Leben und Tod entscheiden würden, suchte ein Teil von ihm unbewußt nach Shuras in der Umgebung. Das Resultat brachte ihn kurzzeitig zum Taumeln.
Die Schlucht war bis zum Rand gefüllt mit den Geistern haßerfüllter Toter, die Orcs mußten hier eine gewaltige Menge Menschen, Zwerge, Elfen und anderer Völker getötet haben.
Plok setzte aufgrund seiner Schwäche zum Angriff an, aber der Alte brüllte, ebenfalls taumelnd, in unglaublicher Lautstärke ein paar Worte, die sowohl Joro als auch den Häuptling zusammenzucken ließen.
Die Shuras waren fort, oder zumindest konnte Joro sie nicht mehr wahrnehmen, aber jetzt war es der Alte, der ihn voller Schrecken ansah, was sich auch auf Plok übertrug, als er dessen Zustand bemerkte.
Der alte Orc kramte in einem Beutel, der an seinem Lendenschurz hing und holte ein weißes Pulver heraus, daß er so schnell er konnte hastig vor dem Thron auf den Boden streute.
Dabei murmelte er in einem leisen Singsang vor sich hin und klopfte sich dann drei Mal die Hände ab.
Dann sah er wieder zu Joro.
„Ich sehe, daß Plok einen größeren Fehler begangen hat, als er sich selbst je bewußt werden wird“, er wischte sich Schweiß von der Stirn, „und ich frage mich, wie wir diese Situation lösen können.“
Der Bischof hatte sich wieder gefangen und schaute jetzt nachdenklich auf den Alten.
„Du bist der Schamane, sehe ich das richtig?“
„Ich heiße Runk. Ich bin nicht nur der Schamane dieses Stammes, ich bin auch Ploks Vater“, er sah zu seinem Sohn herüber, „auch wenn ich schon mehr als einmal bereut habe, daß ich das bin.“
Kapitel 7
Der Sohn sah den Vater an und grunzte dabei abfällig.
„Du schwach! Zu viel Zeit mit Menschen verbracht!“
„Und du bist der größte Dummbeutel, den dieser Stamm je hervorgebracht hat, leider bist du aber mein Sohn und ein Kraftprotz, deshalb hast du es irgendwie geschafft, Anführer zu werden.“
„Ich dir sollten Kopf abreißen“, das klang nicht wie eine Drohung, sondern eher wie der Versuch, sich zu beschweren.
Wieder zu Joro gewandt redete der Schamane weiter:
„Du mußt unbedingt von hier verschwinden. Je eher unsere Leute erfahren, wer oder was du bist, desto eher werden sie von mir oder Plok fordern, dich den Geistern zu opfern. Nur wissen wir beide, welchem Geist du dienst und zu was du im schlimmsten Falle fähig bist.“
„Ich will hier niemanden provozieren, aber ich dachte immer, Orcs fürchteten sich vor gar nichts in der Welt?“
„Das ist auch normalerweise richtig. Aber die Legende über den, dessen Rüstung du trägst hat für unseren Stamm eine wichtige Bedeutung.“
„Nämlich welche?“
Runk lauschte für einen Moment, dann ging er zur Tür, riß sie auf und verpaßte der Frau, die dahinter stand einen gewaltigen Kinnhaken. Danach schlug er die Tür wieder zu und schob einen in der Nähe stehenden Kriegsflegel so in die Angeln, daß sie verkeilt war.
Was ein Hohn, die Wände waren so schlecht gezimmert, daß man praktisch hindurchsehen konnte, dachte sich Joro.
Doch der alte Orc ging weiter, er nahm aus einem anderen Beutel an seinem Gürtel ein Tongefäß, in dem eine zähflüssige rote Substanz war und begann, an die Wände Zeichen zu malen.
Während Joro interessiert zusah, bemerkte er im Augenwinkel, wo er immernoch den Häuptling beobachtete, daß dieser sich mit einem genervten Gesichtsausdruck wieder auf den Thron sinken ließ, den Streitkolben an die Seite lehnte und dann ein weiteres Stück Fleisch von der Platte nahm.
Runk war fertig, murmelte ein paar Worte auf Orcisch und ein leichtes Flimmern erschien hinter ihm in der Luft, ein wager Schemen, den Joro nicht identifizieren konnte.
Kurz darauf legte sich ein samtiges Gefühl auf des Bischofs Ohren und als der Schamane daraufhin sprach, klang es dumpf.
„Die Geister haben den Lauf der Zeit in diesem Raum verlangsamt, damit wir zumindest einen Moment haben, die Lage zu klären. Sie tun das allerdings leider nur ungern, deshalb sollten wir uns sputen.“
„Also, was machen wir jetzt?“, Joro entspannte sich wieder ein wenig, behielt Schild und Hammer jedoch in den Händen.
„Das neugierige Miststück da draußen hat sicherlich schon allen Bescheid gesagt und ist nur wiedergekommen, um herauszufinden, was sonst noch geschieht. Immerhin weiß ich so, was ich heute Abend essen werde…Aber ich lasse mich ablenken, also: wir sollten versuchen, dich irgendwie unter einem Vorwand aus der Schlucht zu bekommen…“
Joro schüttelte heftig den Kopf.
„Zunächst einmal würden mich die Umstände interessieren, vor allem was diese Kette und was Nuktu angeht.“