Der Prophet, Teil 2
Der Prophet, Teil 2
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.
Joro schrak hoch und fühlte eine Hand, die sich hart auf seinen Mund preßte. Die instinktive Reaktion war, nach seinem Hammer zu greifen, aber sein rechter Arm wurde auch festgehalten. Was er auch tat, er konnte sich nicht bewegen.
Eine Stimme flüsterte leise:
„Versuch es gar nicht erst. Beruhige dich lieber und dann können wir reden.“ Das war einfacher gesagt, als getan, aber als er sich an die Dunkelheit im nur von Glut erhellten Raum gewöhnt hatte, machte er vage Gesichtszüge aus.
„Alystin?“
Sie nahm die Hand ein Stück fort und legte ihm dann den Finger auf die Lippen.
„Leise, wir wollen niemanden aufwecken.“
„Was machst du hier?”
Die kurze Pause, die auf seine Frage folgte füllte er in seinem Kopf mit einem Bild ihres Gesichtes, daß eine hoch gezogene Augenbraue mit einschloß.
„Hast du allerernstens geglaubt, daß ich vier Wochen in Bargum sitzen und darauf warten würde, daß eines Tages ein Bote mit deinem Kopf in einem Korb vorbeikommt?”
Er setzte an, etwas zu antworten, aber die Finger erhöhten ihren Druck.
„Mir ist sehr wohl bewußt, daß du das hier alleine machen wolltest und ich habe es dich alleine machen lassen. Aber es gibt irgendwo eine Grenze, was das Heldenspielen angeht und spätestens zu sehen, daß du ohne deine Rüstung in einer Hütte inmitten eines Orcdorfes liegst macht mir eine gravierende Übelkeit. Könnte Omareth dich so sehen prügelte er dir die Haut vom Rücken und böte sie anschließend den Orcs gegrillt als Abendessen an.”
Joro wußte, daß letzteres ein recht wahrscheinliches Szenario darstellte. Aber es machte ihn trotzdem böse, daß seinem Wunsch nicht nachgekommen war. Zudem ärgerte er sich, weil er sich übergangen fühlte. Aber konnte er ihr eigentlich vorhalten, daß sie sich Sorgen um ihn machte? Nein. Wohl eher nicht. Davon abgesehen gab es kaum einen Zweifel daran, daß sie ziemlich gut alleine zurecht kam, ein Faktum das sie generell nicht müde wurde, sowohl zu zeigen, als auch zu erwähnen.
„Du hast mit beiden sicherlich Recht, aber ich habe ein wenig das Gefühl, daß ihr mich nicht vollständig ernst nehmt, Alystin.”
„Erstens: wer sind „wir”, zweitens: ich habe weder Zweifel an deinem Selbstvertrauen, Joro, noch an deinem tatsächlichen Können. Aber mal davon abgesehen, daß ich mich oft genug frage, ob du dich nicht oftmals in dem, was du tust überschätzt.”
„Soll das heißen, daß Omareth und Ghaundar nicht einmal wissen, daß du hier bist?”
„Das ist unerheblich, weil die beiden keinen Einfluß auf meine Entscheidung, hinter dir herzugehen gehabt, geschweige denn gewagt hätten, einen zu haben.”
Joro runzelte die Stirn.
„Was das Überschätzen angeht kann ich nur sagen, daß es nicht so aussieht als sei hier irgendetwas schiefgelaufen.”
„Sag das ein paar hundert toten Orcs in einer gewissen Schlucht, die nicht weit von hier liegt. Außerdem: Was glaubst du, was der große Grüne mit dir macht, wenn er das Gefühl bekommt dich nicht mehr zu brauchen, hm?”
Er setzte sich halb auf, was ihm Alystin gestattete, und kratzte sich am Kinn.
„Technisch gesehen bin ich sein Boß.”
„Ach was...” Mittlerweile waren seine Augen so gut an die Dunkelheit gewöhnt, daß die Augenbraue ein Faktum war.
Joro erzählte kurz, was in der Schlucht und den Tagen danach geschehen war und das er sich ziemlich sicher war, daß Plok ihn als Autoritätsperson akzeptiert hatte.
„Wie kannst du dir da sicher sein?”
„Nun, zunächst einmal ist Plok extrem intelligent, verschlagen auch, ja, aber vor allem intelligent. Außerdem habe ich recht schnell begriffen, daß er von der Unterstützung seines Vaters abhängig war, wir haben nicht viel darüber geredet, aber Plok ist schon ungewöhnlich lange Häuptling seines Stammes und das wäre ohne Runk nicht möglich gewesen. Ich habe in den letzten Tagen bemerkt, daß ich, ohne es zu wollen oder bemerken die Rolle des Schamanen übernommen habe. Und ob man es nun glaubt oder nicht, Orcs scheinen ausgesprochen religiös, oder vielleicht besser gesagt spirituell zu sein. Du wirst keinen finden, der nicht mindestens ein halbes Dutzend Amulette, Ohrringe oder Armbänder trägt, die er mit den Geistern verbindet.”
Alystin legte einen Finger auf den Mund und legte den Kopf schief.
„Und Herr Völkerverständigung akzeptiert es einfach so, zu einer religiösen Figur gemacht zu werden und spielt die Rolle, weil sie ihm in den Kram paßt?”
Joro fühlte echten Ärger in sich.
„Was Frau Llothpriesterin vielleicht als Sorge um meine Integrität empfindet hätte sie vielleicht ein wenig anders ausdrücken können.”
Zu seiner Überraschung reagierte sie nicht zornig sondern mit einem Aufblitzen in ihren Augen, daß er nicht erwartet hätte. Von dem, was sich in den nächsten fünf bis zehn Minuten abspielte mal ganz abgesehen.
Als er wieder einigermaßen klar denken konnte, wandte er seinen Kopf zu Seite, wo Alystin mit einem zuckersüßen Lächeln bereits seinen Blick erwartete.
„Wofür war das jetzt?”
„Oh, mindestens zwei Gründe.”
„Nämlich?”
„Ich war die letzten Wochen ein wenig einsam. Und davon abgesehen bin ich sehr erfreut zu sehen, daß du deine Tage des ständigen Entschuldigens langsam hinter dir läßt, mein Joro.”
Nun war er doppelt verwirrt.
„Soll das heißen, daß du mit der Entwicklung hier einverstanden bist?”
„Selbst wenn ich das nicht wäre, ist es deine eigene Entscheidung gewesen und du hast offensichtlich Erfolg gehabt, auch wenn es sich schwer abschätzen läßt, inwiefern und -weit sich dieser am Ende rentieren wird.”
Ein plötzlicher Gedanke ließ ihn hochfahren.
„Wenn die dich hier sehen...”
„Werden sie nicht. Davon abgesehen sind die Orcs gerade alle so derart von fermentierter Ziegenmilch betrunken, daß sie es vermutlich nicht einmal einordnen könnten. Du hast vielleicht bemerkt, daß es diesem Volk an Disziplin fehlt.”
Der spontane Einwand, der sich praktisch automatisch im Kopf von Herrn
Völkerverständigung bildete wurde von einer harten, logischen Überlegung sofort gekontert: Sie hatte Recht. Die Leichtigkeit, mit der Plok den anderen Stamm durch das einfache Töten des ehemaligen Häuptlinges übernommen hatte war, von einem strategischen Standpunk gesehen, katastrophal. Sollte Plok etwas zustoßen, was würde mit ihm geschehen?
Mehr noch: Konnte es nicht auch so sein, daß das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, daß der alte Schamane mit ihm gehabt hatte nichts Anderes als eine fatale, gegenseitige Abhängigkeit gewesen sein?
„Stirbt der Schamane, stirbt der Häuptling. Und anders herum.”
Alystin sah ihn mit einem Blick an der verriet, daß sie diesen Gedanken schon die ganze Zeit in sich getragen hatte. Sie nickte.
„Richtig. Deshalb sagte ich ja, daß dein Erfolg hier im schlimmsten Falle auf tönernen Füßen steht. Aber das bedeutet ja nicht gleichzeitig, daß er sich nicht auf auf gute Weise anwenden läßt...”
Joro nickte ebenfalls, auch wenn ihm ein kaltes Gefühl langsam den Rücken hochstieg. Es war gefährlich.
Er versuchte das Thema zu wechseln.
„Wie sieht die Lage in Bargum aus?”
„Kann ich dir beim besten Willen nicht sagen. Ich bin nur zwei Tage nach deiner Abreise selbst losgewandert. Du bist übrigens gar nicht so langsam.”
„Äh, danke.”
„Ich denke allerdings, daß, wenn nun alles nach Plan verläuft, die Vorbereitungen zum Abmarsch bald begonnen werden können.”
„Abmarsch?”, Joro sah sie verdutzt an, „Abmarsch wohin denn?”
Nun war sie es, die überrascht aussah.
„Ich dachte, dir sei bewußt, daß wir nicht auf ewig in Bargum bleiben würden, oder?”
„Nein... nicht wirklich... aber wo sollen wir denn hingehen und vor allem sind denn alle gut ausgerüstet, und...”
Sie schüttelte den Kopf.
„Bargum hat zwar eine Stadtmauer und das Kloster ließe sich fast wie eine Burg verteidigen, aber gegen eine richtige Armee, zudem mit fliegenden Truppen, könnte die Stadt keine Woche standhalten. Und was die Ausrüstung der eigenen Soldaten angeht: das verläuft wesentlich schneller, als du denkst. Einfache Waffen kann schon ein einfacher Hufschmied anfertigen, aber wir haben nicht nur eine ganze Reihe von Schmieden in der Stadt, sondern auch in der Enklave. Außerdem sind alle Hirten mehr oder minder dazu in der Lage, sich selbst Lederrüstungen und Waffen anzufertigen, einige von ihnen sind sogar richtige Schmiede und arbeiten, als hinge ihr Leben davon ab, was vermutlich auch der Fall ist”, sie hielt kurz inne, „und dann sind da noch die drei widerlichen, dicken...”
„Ja?” Joro grinste.
„Ich bin nach wie vor nicht davon überzeugt, daß es eine gute Idee war, mit Balthasar gemeinsame Sache zu machen. Duergar sind, unabhängig von deiner persönlichen Einstellung, im großen und ganzen unzuverlässig.”
„Es hängt ein riesiges „Aber” im Raume, meine kleine, schwarze Perle.”
Sie ignorierte das.
„Die drei Schmiede, die unser dicker König geschickt hat, sind kaum etwas Anderes als unglaublich zu nennen. Ein normaler Schmied braucht für ein Schwert von akzeptabler Qualität mindestens einen ganzen Monat. Für ein gutes Schwert zwei und für ein richtig gutes drei.”
„Und?”
„Sie fertigen fünf bis zehn am Tag. Und es sind gute Schwerter.”
Joro sah sie forschend an.
„Aber soweit ich Balthasar verstanden habe, sind sie Runenschmiede. Spielt da nicht auch Magie mit?”
„Nicht mit der Esse, die sie verwenden, zumindest glaube ich das nicht, wobei ich auch nicht allzuviel über Runenschmiede weiß. Ich konnte es mir nicht verkneifen und habe einen von ihnen gefragt, wie sie es im Namen der Götter hinbekommen, so schnell zu arbeiten. Und die Antwort, die ich bekam war ein höchst arrogantes „Es ist doch nur Eisen”...”
Der Bischof nickte.
„Das könnte die Erklärung sein. Ich habe keinen einzigen von Balthasars Soldaten mit auch nur einem Stück Eisen am Körper gesehen.”
„Laut Balthasar persönlich ist Eisen ein Abfallprodukt beim Bergbau von Adamantit und Mithril, was auch erklärt, warum nur einen Tag nach deiner Abreise gleich zwölf weitere Maulesel mit Eisenbarren in Bargum eintrafen.”
„Hm. Also ist die Ausrüstung kein Problem, aber wohin wollen denn nun Omareth und Olgerich abmarschieren.”
Alystin wirkte unsicher.
„Nach Süden, sicherlich. Aber wohin genau weiß ich selbst nicht, weil im letzten Treffen, das wir hatten noch immer kein Konsens geschaffen war”, sie hob den Kopf und lauschte, „ich muß gehen. Wir sprechen morgen abend, wenn es sich einrichten läßt.”
In Windeseile war sie angezogen und verschwand aus dem Verschlag.
Kapitel 10
Am nächsten Morgen trat Joro zum Lärm klingender Waffen aus der Tür und sah, daß Ploks Vortreter damit beschäftigt war, die assimilierten Orcs dazu anzutreiben, sich gegenseitig zu verprügeln. Es hatte beileibe nichts von einem geordneten Training, wie es Omareth organisiert hätte, aber als Joro sich neben ihn stellte grinste ihn Krut nur an (mit einer halben Mahlzeit zwischen den Zähnen, Joro nahm an, daß er vielleicht für später aufhob).
„Orcs trenihren.”
„Das sehe ich”, der Bischof ließ seinen Blick über das Chaos wandern, „Ist das normal, daß da hinten ein oder zwei nur rumliegen?”
Plok trat neben ihn, die Brust stolz herausgepreßt und lachte laut.
„Die zu schwach. Nicht mehr trainieren.”
„Wenn du mich fragst, sehen die ziemlich tot aus...”
„Ich ja sagen: Zu schwach!”
Joro kratzte sich an der Stirn.
„Wenn wir alle die, die zu schwach sind einfach sterben lassen, haben wir irgendwann keinen mehr, der kämpft.”
Der Orc zuckte mit den Schultern.
„Orcs machen viele Kinder. Wachsen schnell. Stark überlebt, schwach nicht.”
„Wie lange braucht denn ein Orckind, bis es erwachsen ist?”
Plok streckte die Finger an seiner rechten Hand aus, tippte mit dem linken Zeigefinger darauf (auf einige mehrfach, wie Joro auffiel) und wechselte dann zur anderen Hand. Dann seufzte der Orc und hielt unbeholfen sechs Finger hoch, vier an der rechten und zwei an der linken und sagte:
„So viele Monde.”
Der Bischof war verblüfft.
„Nur ein halbes Jahr?”
Der Häuptling zuckte wiederum mit den Schultern.
„Wenn du das sagen... aber so viele Monde”, er wiederholte die Geste.
Joro fand sich wiederum mit einem unangenehmen Gedanken konfrontiert. Wenn Orcs sich in der Tat so unglaublich schnell fortpflanzen konnten, war es vielleicht ein Segen, daß ihr Lebensstil in einem großen Fall der Fälle ein vorzeitiges Ende mit einschloß. Sonst wäre die Konsequenz für den gesammelten Rest der Welt mit Sicherheit nicht erfreulich gewesen.
„Wie lange lebt ihr denn?”
Plok sah ihn verständnislos an und es dämmerte dem Bischof, daß Orcs, vermutlich auch beruhend auf eben jenem Lebensstil, kein Konzept von Jahren hatten. Also versuchte er es anders.
„Wieviele Winter lebt ein Orc, wenn er nicht vorher an irgendetwas anderem stirbt.”
Die Verständnislosigkeit in Ploks Blick blieb noch in paar Sekunden, bis es ihm zu dämmern schien, was Joro meinte. Sofort veränderte sich sein Blick zu etwas Abschätzigem.
„Du meinen sterben weil alt und schwach?”
„Ja, richtig.”
„Nicht passieren. Ist feige.”
„Also geht ein Orc, der bemerkt, daß er alt wird und bringt sich irgendwie um?”
Wiederum Verständnislosigkeit, diesmal gepaart mit einem Wenig „mußt-du-so-doofe-Fragen-stellen” im Gesicht des Orcs
„Nicht passieren, Joro.”
„Aber dein Vater hatte graue Haare, das ist zumindest bei fast allen anderen Völkern ein klares Zeichen von Alter.”
„Runk reden mit Geistern. Geister entscheiden wann sterben. Krieger nie haben graue Haare, ist feige. Keiner respektiert Krieger mit graue Haare.”
Joro fand das seltsam. Soweit ihm das selbst bekannt war, wurden Krieger zumindest bei den Menschen sehr dafür geschätzt wenn sie alt und erfahren wurden. Sie konnten vielleicht nicht mehr in der ersten Reihe mitmarschieren, auch wenn es genug Geschichten gab, wo sie das dennoch taten und dann einen heldenhaften Tod fanden, aber sie hatten Erfahrung, die sie an jüngere Generationen weiterreichen konnten, und immerhin waren auch eine ganz Reihe von berühmten Feldherren nicht unbedingt noch in der Blüte ihres Lebens gewesen.
Als er Plok dieses Konzept erklärte, überraschte ihn dessen Reaktion. Der Orc sah plötzlich recht nachdenklich aus.
„Hmmm. Du meinen Krieger so gut, daß überleben bis alt und grau? Kann ich nicht vorstellen, wie soll das funktionieren?”
„Man könnte damit anfangen, ihnen zum üben statt scharfen Waffen und Eisenkeulen lieber Holzschwerter zu geben, damit sie sich nicht dauernd gegenseitig umbringen.”
Ploks Unterkiefer klappte herunter, dann wandte er sich zu Krut um. Kurze Momente später brachen beide in krachendes Gelächter aus.
Joro stand mit einer Schnute daneben und wartete mit verschränkten Armen, bis sie fertig waren.
Der Häuptling war völlig außer Atem, hatte auch Tränen in den Augen und stützte sich, immernoch kichernd und keuchend mit einem Arm auf Joros Schulter, was ihn fast umfallen ließ.
„Das gut! Das wirklich gut! Und lassen anziehen Schafspelze auch?”
Joro Blick wanderte zu den Orcs herunter. Zum ersten Mal fiel ihm bewußt auf, das nicht ein einziger Orckrieger wirklich so etwas wie eine Rüstung trug. Nicht nur das: Die kleinen, runden Schilde, die sie benutzten waren kaum mehr als ein Stück Holz mit einem Griff darauf. Die meisten bevorzugten sowieso eher, mit übertrieben großen zweihändigen Waffen zu kämpfen oder hatten eine in jeder Hand.
Er wandte sich wieder Plok zu.
„Genau.”
Es dauerte eine ganze Weile, bis er Plok und Krut so weit beackert hatte, daß sie einwilligten, es zumindest zu versuchen. Dies schließ allerdings auch mit ein, daß der gesamte Rest der Orcs ihre beiden Anführer ansahen, als hätten sie vollständig den Verstand verloren.
Also seufzte Joro, deutete Plok, ihm dabei zu helfen, die Rüstung abzulegen und nahm dann einen Schafspelz und band ihn sich mit Lederstreifen über den Oberkörper. Dann ging er zu einem der vielen Holzstapel und griff sich zwei lange, halbwegs grade Knüppel und ging zurück in die Mitte, jetzt umringt von einer Schar grinsender, auf Unterhaltung wartender Orcs. Er deutete Plok, es ihm gleich zu tun, und auch wenn der Häuptling erst Einwände zu haben schien, verstand er kurz darauf warum und ging, grinsend wie der Rest der Bande, mit der neuen Ausrüstung auf Joro zu.
'Das ist nicht nur gefährlich, sondern auch hirnrissig, Joro.'
'Ist mir egal, Celestus. Ich hab irgendwann mal gelesen, daß man durch Beispiel anführen muß, weil es nichts gibt, daß überzeugender ist.'
'Und wer sagt dir, daß Plok nicht diese Gelegenheit zum Anlaß nehmen wird, seine Stärke demonstrieren zu wollen, indem er dich zu einem blutigen Klumpen haut?'
'Weil er klug genug ist, um zu wissen, daß er mich braucht, und weil er auch weiß, daß ich Dinge weiß, die er eben nicht weiß. Ich glaube kaum, daß er sich auf eine potentiell für ihn selbst demütigende Situation einließe, sähe er nicht einen potentiellen Nutzen.'
'Dein Wort in meinem Ohr.'
Plok sah mißbilligend auf den Knüppel in seiner Hand, dann auf seine leere Linke und sah dann Joro an.
„Und nun?”
„Einfache, grundlegende Angriffe und Paraden.”
Der Häuptling zuckte mit den Achseln und begann wild auf ihn einzuprügeln.
Es wußte, daß er in jedem anderen Falle, so Plok den Kampf ernstgenommen, oder gar, wie vorher geschehen, zwei Waffen gehabt hätte, nach einer halben Minute in der Tat als Blutklumpen in der Landschaft geendet wäre. Aber er hatte mit einem Drow trainiert. Einem sehr ernsten, zielbewußten solchen.
Er parierte jeden einzelnen Schlag und konnte sogar einem Schulterstoß des Orcs mit Leichtigkeit ausweichen. Ohne die schwere Rüstung am Körper war es einfacher, sich schnell und agiler zu bewegen.
Nach ein paar Momenten brachen sie auseinander und Plok musterte ihn. Er lächelte nicht mehr.
Der zweite Zusammenstoß war wesentlich heftiger, weil der Orc zwar immernoch wild drosch, aber dieses Mal gezielter zur Sache ging. Der letzte Schlag des Orcs traf ihn in der Seite und Joro konnte nur mit seiner vollständigen Willenskraft verhindern, mit einem Knie zu Boden zu gehen.
Er ächzte, aber hielt sich auf den Füßen, während er den Abstand zwischen ihm und dem Orc vergrößerte.
Außer Atem hob er seinen Knüppel und zeigte in die gesammelte Runde der Orcs
„Was wäre wohl passiert, wenn Plok eine richtige Waffe in der Hand gehabt hätte?”
Plok grinste.
„Du tot.”
„Richtig. Und was wäre passiert wenn ich das Fell nicht um den Leib gebunden hätte?”
„Rippen kaputt. Und vielleicht...”, der Orc hielt kurz inne und dann erhellte sich seine Miene, „und vielleicht auch tot...”
Der Häuptling warf seinen Knüppel fort und begann einen Schwall von Befehlen zu brüllen, dem die anderen Orcs zunächst noch skeptisch, aber dann mit immer mehr Begeisterung anhörten, bis die gesammelte Bande alle ihre Waffen von sich schmiß und nach Knüppeln zu suchen begann.
Joro war sich nicht so ganz sicher, ob er nicht vielleicht doch eine gebrochene Rippe hatte, zumindest tat ihm die Seite weh, als hätte ihn dort ein Bulle gerammt. Aber solange es der Bildung zugute kam sollte es ihm recht sein.
Er quetschte sich wieder in seine Rüstung und bemerkte, daß ihn Krut dabei eindringlich beobachtete.
„Das gute Idee, Mensch.”
„Natürlich. Ein Krieger, der einen Fehler macht und dadurch nicht umkommt, hat immerhin die Chance, aus diesem Fehler zu lernen und wird dadurch im Zweifelsfall ein besserer Krieger.”
Der Orc nickte.
„Bißchen weibisch, aber vielleicht funktionieren.”
Plok kam zu ihnen herüber, frenetisch den Kopf kratzend.
„Nur hoffen, daß nicht verweichlichen. Knüppel tun weh vielleicht, aber Blut ist Blut. Krieger der nicht lernt bluten kein guter Krieger.”
Joro schüttelte den Kopf.
„Ich habe mit Dunkelelfen trainiert, die vermutlich mehr Blut gesehen haben als in all Adern all deiner Krieger fließt, Plok. Und ich denke, daß die Drow recht gut als fähige Kämpfer bekannt sind.”
Der Orc sah zunächst nicht so aus, als verstünde er, was Joro gesagt hatte, aber dann ging ihm ein Licht auf und sein Gesicht nahm einen beinahe ängstlichen Ausdruck an.
„Drow sind kleine schwarze Elfen?”
„Genau.”
Plok trat einen Schritt zurück und sah Joro ungläubig an.
„Du kennen Drow?”
Joro war sich eigentlich sicher, das irgendwann vorher erwähnt zu haben, aber wie dem auch sei hatte Plok das vermutlich nicht richtig verstanden oder unterbewußt ignoriert.
„Ich lebe mit Drow, genaugenommen gibt es da sogar eine Frau unter ihnen, die mir sehr nahe steht.”
Der Häuptling schüttelte den Kopf und begann auf und ab zu gehen.
„Drow schlechte Neuigkeiten. Nehmen Orcs als Sklaven. Nehmen Menschen als Sklaven. Töten alle die nicht koo...ko... mitmachen.”
„Oh, das ist für eine ganze Reihe von ihnen tatsächlich die Art und Weise wie sie leben. Aber diejenigen, mit denen ich seit einiger Zeit Umgang pflege sind anders, Plok.”
Dieser sah ihn zweifelnd an.
„Schwer zu glauben.”
„Ist aber so. Die Drow mit denen ich lebe sind Ausgestoßene, die nicht mehr unter der Erde leben. Sie sind vielleicht auch manchmal ein wenig brutal, aber das erscheint mir nicht als eine Eigenschaft, die dir so sonderlich fremd wäre.”
Plok konnte sich zwar immernoch nicht mit dem Gedanken abfinden, daß es vielleicht auch Drow gab, die nicht alles in Reichweite entweder unterwarfen oder auslöschten, aber was für Joro besonders interessant war, war die Tatsache, daß der Orc offensichtlich einen Heidenrespekt vor den Dunkelelfen haben mußte. Es schien fast so, als fühlte er sich extrem unbequem damit, nur an sie zu denken. Das konnte von Vorteil sein. Sehr sogar. Böser Gedanke, böser, böser Gedanke.
Es dauerte eine Weile bis auch der letzte Orc die ganze Idee mit den Knüppeln ernst nahm, aber es war auch gut zu erkennen, daß Krut schnell das Faktum, Leuten auf den Kopf hauen zu können, ohne das sie gleich tot waren, zu genießen lernte. Und nachdem sich auch der letzte Orc bis zur völligen Erschöpfung mit seinen Artgenossen geprügelt hatte, gab der Vortreter ein Zeichen und die Schläuche mit der Ziegenmilch wurden herumgereicht.
Plok hatte sich, wie es sich wohl auch für einen Häuptling gehört, mit den Besten der Besten gemessen und war sehr zufrieden mit sich selbst, er saß mit einer ganzen Reihe hellvioletter Flecke auf seiner Haut vor dem Verschlag, den er bezogen hatte und nahm tiefe Schlucke aus dem ihm gereichten Schlauch.
Er hatte natürlich auf jegliche Form von Schutz verzichtet, aber Joro akkreditierte das kulturellen Zwängen.
Aber er war gut gestimmt und winkte Joro zu sich herüber.
„Hat gut funktioniert. Macht sogar Spaß. Erinnert ein wenig an Frühlingsfest, aber besser!”
Joro wollte sich gar nicht vorstellen, wie wohl ein orcisches Frühlingsfest aussah, auch wenn er spätestens nach diesem Kommentar eine recht gute Vorstellung davon hatte, wie das aussah.
„Ist es besser, weil die Krieger noch etwas dabei lernen?”
„Ja, ich denken, daß vielleicht paar gute Krieger dabei sind. Und mit deiner Idee überleben die vielleicht auch eine Weile. Gute Idee, wenn auch Bißchen weibisch.”
Der Bischof machte eine Kurze Pause, dann sagte er:
„Ich denke auch, daß sich schon in Kürze ein positiver Effekt einstellen kann. Wir müssen allerdings sehr bald losmarschieren, Plok. Mir läuft die Zeit weg und ich muß so schnell wie möglich nach Bargum zurück.”
Krut und Plok tauschten einen Blick und dann sah ihn der Häuptling ernst an.
„Du gehen nach Bargum, ich rekrutieren mindestens Rotte. Dann kommen und helfen.”
„Meinst du das ernst?”, die Anspannung, die Joro empfunden hatte ließ ein wenig nach.
„Ja. Du Schamane von Stamm, aber Schamane macht was Geister wollen, nicht was Stamm will. Wenn du gehen müssen, du gehen, wir kommen nach wenn fertig hier.”
Joro war sich nicht völlig sicher ob er nun glücklich oder mißtrauisch sein sollte. Auf der anderen Seite war ihm der Drang, nach Bargum zu gehen und nach dem Rechten zu sehen in den letzten Tagen beinahe unerträglich stark geworden und er hatte sich innerlich eine einfache und schnelle Lösung gewünscht. Dennoch. Es war ein wenig überraschend, daß der Orc ihn so schnell loswerden wollte, aber er konnte sich nicht so genau entscheiden, ob da nur seine verletzte Eitelkeit sprach oder ob Plok vielleicht etwas im Schilde führte.
Der Orc hatte wohl seine Gedanken erraten.
„Du Schamane von Stamm jetzt. Du verstehen?”
„Ich bin mir immernoch nicht so ganz sicher, was das genau bedeutet.”
„Das bedeuten, daß du das sein bis du sterben. Egal was passieren.”
Um ein Haar hätte Joro einen Kommentar bezüglich seiner Historie des Ablebens gemacht, aber er verkniff sich das. Mußte wohl Ghaundars schlechter Einfluß sein, der da am Werk war.
Stattdessen nickte er und sah sich einmal komplett im Dorf um.
Er hatte so oder so keine Wahl. Wenn das, was ihm Alystin gesagt hatte stimmte, war es höchste Zeit, nach Bargum zurückzukehren und zuzusehen, was Olgerich, Omareth und der Rest geplant hatten und beabsichtigten. Und warum sollte er auch kein Vertrauen haben. Wie bereits erwähnt war er sicher, daß Plok ohne ihn auf sehr unsicheren Füßen stand.
„Dann werde ich mich morgen früh auf den Weg machen. Ich hoffe doch, daß ihr konsequent weiter versucht, euch nicht gegenseitig umzubringen und zuseht, daß ihr eure Krieger besser werden läßt. Wie kann ich euch erreichen, wenn ich eure Hilfe brauche?”
Plok grunzte nur.
„Ein Mond und wir sind mit Politik fertig. Dann kommen nach Bargum.”
Dabei blieb es und während der ganzen folgenden Nacht lag Joro wach und fragte sich, ob das wirklich eine gute Idee war. Aber wenn sich diese Alternative nun bot, wäre er ein Idiot gewesen, diese nicht beim Schopfe zu packen. Zumindest war er davon überzeugt.
Zudem kam Alystin diese Nacht nicht zu ihm, was ihn nur noch mehr grübeln ließ. Die Orcs waren genauso betrunken wie die Nacht davor, aber er kannte sie gut genug, um zu wissen, daß sie ihre Gründe hatte.
Am nächsten Morgen erwachte er zu einem nun bekannten Geräusch. Draußen waren alle Orcs damit beschäftigt, sich gegenseitig bewußtlos zu prügeln. Dem Gelächter und den anspornenden Rufen der bereits auf dem Boden liegenden war zu entnehmen, daß sie ihren Spaß hatten, und mehr war vermutlich auch nicht zu wollen.
Joro hatte seine Sachen recht schnell gepackt und trat aus dem Verschlag. Der Anblick, der sich ihm bot entsprach vollends seinen Vorstellungen und mit einem schiefen Lächeln ging er gemächlich zu Plok herüber.
'Ich brauche etwas, das ich ihm geben kann.'
Celestus machte ein überrascht aufhorchendes Geräusch.
'Wie zum Beispiel..?'
'Einen Talisman, ein Amulett, keine Ahnung. Etwas, das klar Macht ausstrahlt, aber es muß vermutlich nicht besonders stark sein. Ich denke, daß das als Geste wichtig ist.'
Der Gott antwortete eine Weile nicht, dann fragte er:
'Was hast du denn anzubieten?'
Joro hatte sich das gut überlegt. Er hatte, gemäß dem, was Ghaundar und Omareth ihm beigebracht hatten, einen zweiten Feuerstahl mitgenommen, denn laut den beiden konnte es nie schaden, einen zweiten als Ersatz zu haben, falls einer verloren ging.
'Der Ersatzfeuerstahl. Ich habe gesehen, daß Orcs Feuer genauso machen wie wir, also könnte ein solcher, der garantiert jedes Mal Feuer macht, egal wie naß alles ist, ein guter Talisman sein.'
'Davon einmal abgesehen, daß du mich gerade darum bittest, einen Teil meiner Essenz darauf zu verwenden, einen Gegenstand mit verhältnismäßig wenig Bedeutung magisch zu machen, stört mich am allermeisten, daß die Orcs das am Ende als Geschenk irgendwelcher Geister ansehen werden.'
Joro hielt inne und kratzte sich am Kopf.
'Das ist so oder so etwas, das ich dich einmal fragen wollte, eigentlich schon seitdem die Hirten in Bargum ankamen: Gibt es die Geister, zu denen die beten, eigentlich überhaupt wirklich?'
Celestus schwieg einen Moment und sagte dann:
'Ja, die gibt es wirklich und ich rate dir, immer auf der Hut zu sein. Es sind zwar keine Götter, aber Personifikationen von Naturkräften. Ein arroganterer Gott würde das niemals akzeptieren, aber ich habe einen gehörigen Respekt vor ihnen.'
'Wirklich?'
'Was glaubst du, was Großvater Winter, und ja, der existiert in der Tat, für eine Macht besitzt. Und das ist nur ein Beispiel.'
'Könnte man die Orcs nicht davon überzeugen, daß du auch ein Geist bist. Oder so etwas Ähnliches, zumindest?'
Wiederum eine kurze Pause.
'Ich sage prinzipiell nicht nein, aber ich bin einmal sehr gespannt, wie du denen das verkaufen willst, Joro. Eine Gottheit, die Tote auf ihrem Weg ins Jenseits leitet ist nichts, was für einen Orc interessant ist. Ihrem Glaube zufolge kommt alles aus dem Matsch und wenn einer von ihnen stirbt, wird er wieder Matsch. Inklusive des Matsches der aus der Rückseite der Tiere kommt, die die Leichen fressen.'
'Laß mich mal machen, nur der Feuerstahl muß funktionieren.'
Joro ging nun wieder auf Plok zu, der ihn fragend ansah.
„Plok, ich habe mit meinem Gott, äh, dem Geist geredet, dem ich diene.”
„Aaah, und was sagen?”, mit der rechten Hand machte der Orc eine Geste, die beschwörerisch aussah.
„Er hat beschlossen, daß du mit deiner Aufgabe hier oben in den Bergen nicht einsam sein sollst. Da ich aber gehen muß hat er mir einen Talisman gegeben, der dich daran erinnern soll, daß du ihm nun auch dienst.”
Plok zog eine Augenbraue hoch.
„Ich soll Geist dienen?”
„Dieser Geist kann sehr wütend werden, wenn man ihm nicht gehorcht.” 'Oder?' 'Maßlos. Rede weiter, ich bin ganz Ohr...'
Der Orc machte ein schmerzhaftes Gesicht.
„Was wollen Geist wenn nicht böse werden soll?”
„Ihr sollt mit dem weitermachen, daß ihr angefangen habt. Außerdem sollt ihr in Zukunft eure Toten begraben”, er sah sich um und testete den Boden kurz, „oder zumindest Steine über die Toten stapeln, damit sie in Ruhe zu ihren Vorvätern gehen können.”
Plok schüttelte den Kopf.
„Du bist seltsam, Mensch. Und deine Ideen sein auch seltsam. Aber wenn das uns Kraft geben, dann soll so sein. Was machen Talisman?”
„Mein Go..Geist sagt, daß er sicherstellen will, daß ihr immer die Macht des Feuers habt. Auch wenn es regnet, auch wenn es schneit. Das soll euch daran erinnern, daß er immer auf euch schaut.”
Der Orc wirkte interessiert.
„Was soll heißen?”
Joro holte den Feuerstahl aus seiner Tasche und hielt ihn vor sich.
„Dieser Feuerstahl wird immer Feuer erzeugen, egal wie die Umstände sind, selbst wenn das Holz naß ist.”
Das machte recht wenig Eindruck, wie es schien, bis es plötzlich sehr dunkel wurde, als hätte sich eine gigantische Wolke vor die Sonne geschoben, und ein Strahl absoluter Finsternis auf Joros Hand herabfuhr. Sämtliche Orcs hatten sich auf den Boden geworfen, einige der kleineren wimmerten sogar. Selbst Plok, sonst immer um eine Demonstration seiner Überlegenheit und Stärke bemüht, zuckte merklich zusammen.
'Für die Spezialeffekte berechne ich für gewöhnlich extra, aber wenn ich dran denke, daß dir nichts Besseres als der „Feuerstahl Super Deluxe” eingefallen ist, war das wohl im Preis inbegriffen.'
'Was hätte ich denn sonst machen sollen? Ihm meinen Hammer schenken?'
'Wir reden da ein anderes Mal drüber. Ich denke, daß es funktioniert hat.'
In der Tat. Als die Dunkelheit verschwand, und die ersten Orcs wieder vorsichtig gen Himmel blickten, streckte Plok sehr vorsichtig seine Hand aus und nahm das Stück Stahl mit einer Achtsamkeit entgegen, als sei es ein Kleinkind.
„Geist mächtig, auch wenn Talisman irgendwie...”, er hielt inne, als es plötzlich wieder ein wenig dunkler wurde, „Ich meine: Talisman sehr beeindruckend. Werde gut aufpassen.” Auf seiner Stirn glitzerten Schweißperlen.
„Und denk daran, wenn einer von euch stirbt, dann vergrabt ihn. Das gilt auch für gefallene Feinde. Solltet ihr das nicht tun, wird der Geist sehr böse.”
Plok nickte hektisch.
„Ja, ja. Verstehen!”
„Gut. Wenn ihr das tut, ist der Geist mit euch.”
Er strich seine Robe glatt und sah nach Süden.
„Und ich werde jetzt gehen. In einem Mond erwarte ich euch in Bargum”, er wollte dich schon zum gehen wenden, da fiel ihm etwas ein, „Wenn ihr nach Süden zieht, dann seid euch bewußt, das viele Menschen dort dem selben Geist dienen wie ich. Also benehmt euch zivilisiert. Kein Brandschatzen, kein Töten. Es sei denn ihr lauft Hochelfen über den Weg, dann dürft ihr euch so viele Schädel als Trophäen nehmen wie ihr wollt.”
Auch wenn Plok den Anfang des Satzes offensichtlich gemißbilligt hatte, leuchteten seine Augen beim zweiten Teil merklich auf.
„Das wir können machen!” Er grinste und nickte.
„Wunderbar. Also in einem Monat.”
„Ein Mond, ja.”
Nach ein paar Stunden hielt Joro an und nahm sich etwas zu essen aus seiner Tasche. Im Großen und Ganzen war er mit sich und seinen Errungenschaften zufrieden. Das Einzige, was ihm ein wenig Unbehagen bereitete, war, daß er zwar, seiner Natur gemäß nicht gelogen hatte, aber es war eine Menge des Manipulierens in der Art und Weise, wie er die Orcs auf seine Seite gebracht hatte. Zugegeben, das war nicht das gleiche wie Lügen, aber es fühlte sich ein wenig so an.
Celestus manifestierte sich, auf einem Stein sitzend, vor ihm.
„Feuerstahl...”
„Jaja, ich habs begriffen. Und daß das mit der Symbolik auch nicht wirklich passend war ist mir auch klar. Aber immerhin hat es funktioniert, und das ist was zählen sollte.”
Der Gott legte den Kopf schief, aber nickte dann zustimmend.
„Das kann ich nicht bestreiten. Ich habe trotzdem das Gefühl, daß ich ein Auge auf Plok und seine Spießgesellen behalten sollte. Orcs sind nun einmal Orcs, egal ob sie freundlich erscheinen oder nicht. Zudem sehe ich Potential in dem großen Grünhäuter.”
„Inwiefern?”
„Plok ist herausragend intelligent für seine Rasse. Ich glaube, daß er mit ein paar kleinen Stößen in die richtige Richtung durchaus ein wertvoller Verbündeter sein könnte.”
„Das Gefühl hatte ich von Anfang an.”
Eine Stimme erscholl hinter Joro.
„Ich grüße dich, Gott der Toten.”
Der Bischof fuhr herum und sah Alystin um einen Findling biegen.
„Du bist mir immer willkommen, Hohepriesterin”, gab der Gott zurück und verneigte sich. Ein kleines Wenig.
„Wie ich sehe bist du auf dem Weg nach Süden, Erzbischof. Ich will nicht stören, aber da ich selbst vor hatte, in diese Richtung zu gehen, schlüge ich vor, daß wir gemeinsam reisen.”
Joro hätte schwören können, Celestus kichern gehört zu haben, aber seine Aufmerksamkeit blieb dann doch bei einer gewissen Frau hängen.
„Gerne, gute Gesellschaft macht Reisen immer zu einer Freude.”
„Ich geh' dann mal...”, sagte der Gott mit übertrieben leidender Stimme, und fügte in Joros Kopf hinzu: 'Ich werde dich auf dem Laufenden halten, was Plok anstellt. Jetzt sieh' zu, daß du deine Frau glücklich machst.'
Zugegeben, sie hatte ihm wirklich gefehlt. Und bis auf die eine Nacht hatte es ja auch keine Gelegenheit gegeben, mit ihr zu reden, oder...
Wie dem auch sei, sie kamen nicht weit und bis zum frühen Nachmittag des nächsten Tages änderte sich auch nichts an dieser Tatsache. Als sie dann endlich ihre Sachen aufrafften und Joro sich ächzend in seine Rüstung quetschte, waren sie beide glücklich und liefen sogar einen Teil des Weges Hand in Hand, eine Geste, die sich Alystin in Gegenwart aller anderer Drow niemals erlaubt hätte.
„Ich hoffe, daß nicht Ghaundar irgendwo ist und uns beobachtet, ansonsten wäre das hier kompromittierend”, sagte Joro.
Alystin schüttelte den Kopf.
„Keine Chance. Ich habe ihm ausdrücklich und mit meinem bösesten Gesicht verboten, hinter mir herzulaufen. Außerdem hat er alle Hände voll zu tun. Die Idee mit den Spionen hat ihn völlig in seinen Bann gezogen und als ich ihn das letzte Mal traf hat er mir kaum zugehört, weil er derart in Planungen vertieft war. Ich glaube, daß er sich nach all den Jahrzehnten endlich wieder zu etwas Nutze fühlt.”
„Wirklich? Ich hatte ja immer so eine Ahnung, daß er mit seinem Leben unzufrieden und das dauernde Gewitzel eine Form von Kompensation dafür ist.”
„Oh, das stimmt so nicht ganz. Es war nur stärker und noch nerviger, solange er nichts wirklich Interessantes zu tun hatte. Jetzt, wo er wenigstens jeden Tag hart arbeiten muß, ist er um einiges erträglicher.”
„Und Omareth?”
Alystin sah erst zu Boden und dann gen Himmel.
„Omareth ist gefangen zwischen dem, was von ihm erwartet wird und dem, was er von sich selbst erwartet. Und dann ist da auch noch seine Frau, die ihm, wie du weißt, ständig das Leben zur Hölle macht. Außerdem... Ich habe hin und wieder das Gefühl, daß er seine Kompetenzen überschätzt.”
„Ja, stimmt, so richtig glücklich hab ich ihn nur sehr selten erlebt.”
„Versteh ihn niemals falsch. Omareth ist glücklich wenn er etwas tun kann, das von ihm keine moralischen Entscheidungen abverlangt. Zum Beispiel wenn er einen Zaun oder Möbel bauen kann. Aber sobald er über das Leben anderer entscheiden muß wird er angespannt, weil er auf der einen Seite große Verantwortung empfindet, aber auf der anderen von einer Fülle von schlechten Erfahrungen und daraus resultierenden Zweifeln geplagt wird. Vielleicht ist es auch einfach nicht mehr gewohnt, zu kommandieren.”
„Ich dachte eigentlich immer, daß ihm die Anführerrolle gefällt?”
„Nein. Omareth ist eine Pflichtperson. Er tut prinzipiell das, was ihm nötig erscheint, aber das bedeutet noch lange nicht, daß ihm das auch gefällt. Aber wie gesagt: versteh ihn nicht falsch. Er tut das, was er tut immer mit maximalem Gewissen.”
Joro grübelte eine Weile, aber prägte sich das, was ihm Alystin gesagt hatte tief ein. Er hatte schon öfter überlegt, warum die Drow eigentlich so schnell und enthusiastisch seine eigene Sache zu ihrer gemacht hatten. Überraschenderweise hatte aber nie den Gedanken bekommen, daß es vielleicht daran hätte liegen können, daß die kleine Gruppe von Ausgestoßenen, die die Enklave ja nun darstellte, vielleicht schon seit Jahren darauf gewartet hatte, endlich etwas zu haben, was ihnen ein Sinn gab. Auf der anderen Seite plagte ihn ständig das unterbewußte Gefühl, daß alles das, was ihnen bevorstand möglicherweise nicht das war, daß sie sich erwartet hätten.
„Du wirst mir jetzt aber nicht sagen, daß du Mitleid mit uns hast, oder?”, Alystin sah ihn forschend von der Seite an.
„Nein. Mitleid ist das falsche Wort. Mitgefühl trifft es wesentlich besser, immerhin kann ich sehr gut nachvollziehen, wie sich ein Leben anfühlt, in dem ein Tag wie der andere aussieht und man sich ständig fragt, ob das alles war, das man sich vom Leben erwarten kann. Kannst du eigentlich meine Gedanken lesen?”
„Nein, aber ich kenne den Gesichtsausdruck, den du eben hattest.”
Joro setzte einen übertrieben schüchternen Blick auf.
„Ich bin halt so...”
Die Antwort darauf war ein Schmatz auf die Wange und ein helles Lachen, daß ihm Schmetterlinge im Magen machte.
„Ich weiß. Deshalb bin ich jetzt auch gerade bei dir, mein Joro.”
Die Rückreise verlief ohne Zwischenfälle und als sie endlich das Kloster von Bargum am Horizont erblicken konnten, merkte Joro, daß er nervös wurde. Natürlich freute er sich darauf, seine Freunde und Verbündeten wiederzusehen, aber dennoch bemerkte er auch, daß die Tage mit Alystin, unter freiem Himmel, nur sie und er...
Nein. Er hatte sich auf dem Weg zu den Orcs gefragt wer er eigentlich war. Die Antwort war ihm nun klar und sie war eine einfache: Joro war für eine Menge von Menschen, Drow und vielleicht sogar Duergar eine ausgesprochen wichtige Person, und nun waren auch noch mehrere Hundert Orcs dazugekommen. Was ihm sein Bauch sagte konnte und durfte keinerlei Einfluß auf das haben, was ihm sein Herz und sein Gehirn sagten.
Er blickte zu Alystin herüber, die in ihren gewohnt wiegenden Schritten gemächlich neben ihm herlief und als sie ihn ansah und lächelte wußte er, daß die eine Sache die andere niemals ausschließen würde. Solange diese Frau bei und mit ihm war, konnte er alles erreichen, daß er wollte oder mußte.
Kapitel 10
Joro hatte eigentlich fast erwartet, daß die Begrüßung in der Stadt wie vorher informell geschehen würde. Das war dieses Mal allerdings nicht der Fall.
Stattdessen wurden Alystin und er zwei Kilometer vor der Stadt von einer berittenen Patrouille aufgehalten. Sechs Reiter auf schwarzen Pferden, in Kettenhemden gehüllt und Wappenröcken mit dem Banner Olgerichs.
„Halt, wer da?”
„Der Erzbischof und die Hohepriesterin der Enklave.”
Der Anführer der Gruppe, ein Mann, den Joro sicher war, niemals vorher getroffen zu haben, sah höhnisch zu ihm herab.
„Und ich bin der Kaiser von Hanlar.”
Alystins Augen schimmerten leicht rötlich, aber Joro machte eine beschwichtigende Geste.
Er trat zwei Schritte vor und wie er erwartet hatte, wurden die Pferde unruhig. Schon in seiner Kindheit war dieser Effekt immer eingetreten, aber seit seinem Tode hatte er eine Verstärkung bemerkt.
„Ich bin ein ausgesprochen geduldiger Mensch und verstehe auch, daß ihr vielleicht Langeweile habt oder vielleicht wirklich der Ansicht seid, eure Pflicht zu erfüllen. Aber am Ende dieses Tages werdet ihr euch wesentlich besser in euren Häuten fühlen, wenn ihr jetzt einfach einmal die Augen aufmacht, euch meine Rüstung, meinen Hammer und meine Robe anseht und dann friedlich umkehrt und Marinus, Olgerich und General Omareth Bericht erstattet, daß der Erzbischof auf dem Weg in die Stadt ist.”
Für einen kurzen Moment herrschte, bis auf das nervöse Schnauben der Pferde, völlige Stille. Dann sagte der Anführer der Reiter, nachdem er geschluckt hatte:
„Ja, ja... Ich glaube Ihr habt Recht Eminenz, ich habe mich wohl ein wenig im Ton vergriffen. Und es ist eine Mischung aus Langeweile und Pflichtgefühl. Benötigt ihr eine Eskorte?”
„Nein, wenn ich ein paar Wochen alleine in den Bergen überlebe, dann werde ich auch noch zwanzig Minuten vor den Toren Bargums verkraften können.”
Die Reiter salutierten und ritten in die entgegengesetze Richtung davon.
Alystin starrte Joro mit einer Mischung aus Faszination und Unglauben an.
„Mir war ja gar nicht bewußt, daß du so souverän sein kannst. Mein Joro wird allmählich erwachsen, wie es scheint.”
„Das ist ja wohl nicht das erste Mal, daß ich mich so verhalte”, gab dieser mit einer Schnute zurück.
„Das vielleicht nicht, aber da war keinerlei Unsicherheit in deiner Stimme. Das ist eine Veränderung.”
Joro zuckte mit den Achseln.
„Manchmal muß man einfach machen, was ansteht.”
Alystin sagte nichts, aber in ihren Augen war Stolz zu sehen.
Als sie am Stadttor ankamen wartete dort trotz alledem eine Eskorte von zwanzig Soldaten, die allerdings allesamt in Schwarz gekleidet und gerüstet waren. Joro sah mit großer Freude, daß die Klosterwache allmählich Formen annahm.
So trotten sie langsam inmitten zweier Kolonnen von Soldaten in Richtung Stadtmitte und mit jedem Schritt, wie es schien, sammelten sich immer mehr Menschen, um zu sehen, was vor sich ging.
Schon nach wenigen Minuten war die Schar so groß geworden, daß die Wachen dazu gezwungen waren, Leute aus dem Weg zu schieben.
Joro lauschte konzentriert, was die Leute tuschelten und riefen.
Es erleichterte ihn sehr, daß praktisch alle zustimmende Worte von sich gaben. Hin und wieder bat jemand laut um einen Segen und gemäß seiner Pflicht hielt Joro an und erteilte diesen, was sowohl von den Rezipienten als auch den Umstehenden mit Beifall oder zustimmenden Worten bedacht wurde.
Wenn man sich vor Augen führte, daß die Stadt in den letzten Wochen von einer kleiner, provinziellen Handelssiedlung mit einem Wasserkopf kirchlicher Institution praktisch zu einem Kriegslager gewachsen war, konnte es nur vom Willen und der Einheit der Menschen hier sprechen, daß es keinen offenen Unmut deshalb gab. Die nächtliche Attacke auf das Kloster hatte sicherlich ihren eigenen Teil dazu beigetragen, daß sich auch der Letzte in der Stadt der tatsächlichen Gefahr für die eigene Haut bewußt war.
Es war Joro auch klar, daß die Daishani an sich, vor allem die älteren Generationen, so oder so ein starkes Gemeinschaftsgefühl hatten, vermutlich das einzig Gute, daß der Drowkrieg jemals als Folge gehabt hatte.
Dementsprechend war er auch guten Sinnes, als er schließlich mit seiner kleinen Truppe am Stadtschloß ankam, wo ihn Fürst Olgerich erfreut in Empfang nahm.
„Eminenz, es ist wunderbar, Euch in guter Gesundheit willkommen zu heißen!”, der alte Mann kam mit ausgestreckten Armen auf ihn zu und gab ihm eine lange Umarmung.
Dabei war Joro etwas aufgefallen.
„Kann es etwa sein, daß Ihr Euch eine Rune setzen gelassen habt?”
Der Fürst trat einen Schritt zurück und entblößte seinen Hals. Die Ränder des Zeichens waren immernoch ein wenig rot, was darauf schließen ließ, daß es noch nicht lange her sein konnte, seitdem sie appliziert worden war.
„Das ist richtig, ich dachte, daß es sich für einen Mann meiner Stellung und in dieser Situation absolut notwendig ist. Im Nachhinein frage ich mich, warum ich das nicht schon viel früher gemacht habe.”
„Und seid Ihr noch in der Gewöhnungsphase?”
Olgerich lachte leise.
„Nun, ich habe lange genug in diesem Land gelebt, um eine grundehrliche Einstellung zu haben, denke ich. Aber ja, ein oder zwei Mal sind mir kleine Alltagslügen schon zum Verhängnis geworden.”
Joro klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter.
„Willkommen im Klub. Man gewöhnt sich dran...”
„Genug von mir, wie ist es Euch ergangen, Eminenz?”, Olgerich führte Alystin und ihn in die Eingangshalle des Stadtschlosses und rief kurz nach dem Majordomus, der auch schnell antrabte und dabei hektisch Befehle an die gesamte Dienerschaft verteilte.
Der Bischof überlegte kurz, wie er anfangen sollte, entschloß sich dann aber dazu, einfach eine kurze Version der Geschichte zu erzählen.
„Ich habe das Artefakt, das ich in den Bergen gefunden hatte zu den Orcs zurückgebracht und im Zuge dessen diese als Alliierte gewonnen.”
Olgerich blieb stehen und starrte ihn einen Moment lang an. Dann ging er weiter und schüttelte dabei mit dem Kopf.
„Da hatte ich mich gerade halbwegs an Duergar und Drow in der Stadt gewöhnt... Und nun berichtet Ihr mir, daß ich mich auf einen Orcstamm einrichten kann?”
„Was heißt denn hier 'halbwegs', Durchlaucht?”
Ghaundar kam eine der Treppen heruntergeeilt und ging fröhlich lächelnd auf die drei zu.
Er begrüßte alle drei und gab Olgerich dann eine dicke Pergamentrolle in die Hand, wandte sich gleich wieder zum gehen und hielt dann doch kurz inne, zeigte auf Joro und sagte:
„Heute abend essen wir zusammen und ich will die ganze Geschichte hören. Bis dahin viel Spaß.”
Der Drow eilte die selbe Treppe hoch und verschwand im Obergeschoß.
Joro schielte zu Alystin.
„Ich glaube ich weiß jetzt, was du meintest, als du gesagt hast, daß er endlich was zu tun hat.”
„In der Tat”, warf Olgerich ein, „arbeitet Herr Ghaundar ausgesprochen hart. Er hat von Marinus, Omareth und mir die Verantwortung für den Informationsdienst bekommen und erfüllt seine Aufgaben mit makelloser Präzision und Hingabe.”
„Ja, das ist der Ghaundar, den ich kenne”, sagte Joro mit weitaus mehr Ironie in der Stimme, als er es beabsichtigt hatte.
„Ihr werdet in den nächsten Tagen eine ganze Reihe von erstaunlichen Dingen sehen und erfahren, die er erarbeitet hat”, sie waren am Audienzsaal vorbeigegangen und traten nun in einen mit dunklen Holzpanelen ausgekleideten Raum, den Joro vorher noch nie gesehen hatte. In der Mitte stand ein großer, runder Tisch mit zwölf Stühlen darum herum. Olgerich gebot Alystin und Joro, sich zu setzen.
„Hier im Kabinett haben wir in den letzten drei Wochen täglich morgens und abends getagt. Die Morgensitzung ist schon vorbei, aber heute Abend werden wir uns wieder treffen, bei Sonnenuntergang, und alles, was am Tage geschehen ist beurteilen. Ghaundar und seine Vögelchen, wie er sie liebevoll nennt, haben in den letzten Wochen eine ganze Reihe erstaunlicher Informationen sammeln können.”
„Drei Wochen erscheinen nicht sonderlich viel, um sich wirklich über die Lage schlau zu machen. Alleine bis Tont braucht man zu Pferd schon zwei Wochen, oder nicht?”, fragte Joro.
„Das ist völlig richtig”, gab Olgerich mit einem Lächeln zurück, „Mit einem Pferd dauert das in der Tat sehr lange. Mit einem Luftschiff allerdings...”
Alystin und Joro starrten ihn beide ungläubig an.
Die Hohepriesterin fand als erste Worte: „Soll das heißen, daß Ihr es irgendwie geschafft habt, ein Luftschiff zu erbeuten?”
Olgerich lachte.
„Die Geschichte ist so unglaublich, daß ich sie selbst nicht glaubte, wenn es nicht vor meinen Augen geschehen wäre. Wie es aussieht, war das Schiff, daß unser Herr Erzbischof mit seinem eigenen Blute vom Himmel geholt hat nicht nur weniger beschädigt als angenommen, sondern tatsächlich in einem Zustand, der sich reparieren ließ. Einer der Runenschmiede hat sich maßlos dafür interessiert, es wieder flugfähig zu machen. Und als wir ihm gesagt haben, daß es inakzeptabel ist, daß er seine Arbeit an der Esse vernachlässigt, hat er nur gegrunzt und hat stattdessen nachts am Schiff gearbeitet und tagsüber geschmiedet”, er räusperte sich, „Ich hatte die Duergar erst für faul oder arrogant gehalten, und Letzteres ist vermutlich auch gar nicht falsch, aber das Interesse für die Technik des Flugschiffes hat den Mann wie ein kleines Kind mit den Augen glänzen lassen. Seitdem sind alle drei weitaus umgänglicher.”
Alystin machte ein forschendes Gesicht.
„Soweit ich weiß, ist bei den hochelfischen Luftschiffen das Segel der tragende Faktor und die benötigten Dweomere sind reine Magie, zu der nur ausgesprochen wenige Duergar fähig sind.”
„Was sind Dweomere?”, fragte Joro.
„Ein Dweomer ist ein magisches Konstrukt, man könnte sagen eine Matrix aus magischen Effekten, die zu einer Einheit kombiniert werden. Ihr Menschen nennt es für gewöhnlich eine 'Verzauberung'.”
Olgerich nickte zustimmend.
„Das wurde mir ebenfalls so erklärt, aber es fanden sich zwei eurer Gefolgsleute, die sich in den arkanen Wegen gut genug auskannten, um dem Schmied dabei zu helfen, neue Segel herzustellen.”
Alystin sah Olgerich noch mißtrauischer an als vorher.
„Zwei Drow haben dem Zwerg geholfen, das Schiff wieder tüchtig zu machen? Das halte ich für beinahe ausgeschlossen.”
Der Fürst lächelte.
„Herr Ghaundar und Herr Omareth hatten die Idee, bei den Magiern der Enklave anzufragen, ob es möglich sei, dem Schmied zu helfen. Wie es scheint waren beide der festen Überzeugung, daß sowohl das studieren der feindlichen Technologie, als auch die Möglichkeiten, die sich mit einem funktionierenden Schiff eröffnen würden jeglichen kulturellen Problemen übergeordnet werden müssen. Seitdem das Schiff fertig ist, arbeiten die beiden Magier daran, ein Portal zur Enklave im Kloster zu errichten.”
Alystin stand recht abrupt aus ihrem Stuhl auf und man konnte an ihren Augen sehen, daß sie Mühe hatte, ihren Zorn im Zaum zu halten. Dennoch bemühte sie sich um Höflichkeit.
„Ich werde mich verabschieden müssen, da ich gerade das dringende Bedürfnis entwickelt habe, jemanden zu erwürgen.” Sie verließ umgehend den Raum und Joro, der nichts Gutes ahnte hatte für einen Moment den Impuls, hinter ihr herzueilen. Aber es kam ihm schnell in den Geist, daß es keine gute Idee war, hier handelte es sich um Interna, die ihn schlicht nichts angingen.
Stattdessen seufzte er und ließ sich in seinen Stuhl sinken. Olgerich, der ihm gegenüber saß machte nur ein mitleidiges Gesicht.
„Willkommen im Klub? Nun, ich denke, ich kann das jetzt zurückgeben. Die Reibereien zwischen Drow und Duergar, aber auch zwischen Hirten und Stadtbevölkerung sind in den letzten Wochen ein ständiges Thema gewesen.”
„Ein großes Problem?”
„Der gemeinsame Gedanke, sich wehren zu müssen verhindert eine Menge, was sonst vielleicht geschehen könnte. Allerdings ändert das nichts an der Tatsache, daß wir praktisch ständig kleinere Probleme aus der Welt schaffen und Kompromisse eingehen müssen, um zu dafür zu sorgen, daß nicht in der Zukunft echte Probleme entstehen. Die Kooperation zwischen Drow und Duergar, die Frau Alystin so wütend gemacht hat war eine Notwendigkeit. Die Magier haben fast zeitgleich Interesse angemeldet, aber noch am selben Abend sind sowohl sie als auch der Schmied separat voneinander bei Herrn Ghaundar vorstellig geworden und haben zugeben müssen, daß sie es alleine nicht bewerkstelligen könnten.”
Das machte Sinn. Zudem glaubte er auch nicht, daß Alystin zornig war, weil Duergar und Drow zusammenarbeiteten, denn das hatten sie ja in der Enklave beim Durchzug Balthasars auch schon getan.
„Ich vermute eher, daß sie der Ansicht ist, daß über ihren Kopf hinweg entschieden worden ist. Zudem ist das mit dem Portal auch noch so eine Sache...”
Olgerich seufzte.
„Mir ist mehr als nur klar, daß die Drow trotz allem, was derzeit vor sich geht immernoch eine Unabhängigkeit oder ein gewisses Maß an Sicherheit behalten wollen. Aber es kann kein „Ich” mehr geben. Wir brauchen ein vollständiges und einheitliches „Wir”, weil ansonsten jedes Resultat eine Katastrophe nach sich zöge.”
Joro schluckte.
„Ich glaube, daß ich jetzt sofort in mein Amtszimmer gehen und alles an Berichten lesen sollte, was da auf meinem Tisch liegt.”
„Das ist eine ausgesprochen gute Idee, Eminenz. Laßt Euch aber nicht von der Größe des Stapels einschüchtern, ich bin mir sicher, daß Herr Ghaundar alles gut organisiert hat. Mein Rat ist es, mit den Berichten aus Hanlar und den Westkönigreichen anzufangen.”
Der Bischof verabschiedete sich förmlich und eilte dann, an den verdutzten Wachen vorbei, aus dem Schloß und ging mit zügigem Schritt die Straße zum Kloster hoch.
Die Menge vor dem Schloß war zwar noch anwesend, aber bevor sie ihn bemerkt hatten war er schon den halben Weg zum Klostertor gehastet und trat auch schon kurze Zeit später in dessen Hof.
Hier war eine einzige, große Baustelle. Im Hof mit den Zellen standen große Zelte, in denen Lebensmittel und Materialien gestapelt waren, im Haupthof war, neben dem Fundament des Portals, daß dezent in einer Ecke plaziert war, auch ein ganzer Trupp Maurer und Zimmerleute dabei, die Befestigungen der Mauern aufzurüsten. Überall lagen Baumaterialien und Werkzeuge und an zwei Stellen hatte man große Kräne aufgebaut, um die Steine auf die Zinnen zu bekommen.