Der Prophet, Teil 2
Der Prophet, Teil 2
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.
Joken sah prüfend auf die Waffe und blickte dann hoch.
„Sieht aus, als hätte jemand nicht nur zu viele Waffen auf einmal favorisiert, sondern auch zu wenig Holz für eine Hellebarde gehabt...”
„Wie wäre es mit einer Evaluierung basierend auf dem zweiten Eindruck?”
„Das waren schon die ersten beiden.”
„Gut. Der dritte?”
Es folgten eine Reihe von prüfenden Armbewegungen, bei denen Joken die Waffe erst schwang, dann damit stieß und dann ein paar parierende Bewegungen machte. Seine Miene erhellte sich ein wenig.
„An sich gar nicht mal so schlecht. Wenn man den Hammerkopf ein wenig dünner machte und damit Gewicht einsparte, könnte das im kurzen Zustand als Fechtwaffe taugen. Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob die Verankerung einer Stange in den Griff das ganze stabil genug macht, um es in einem Speerwall zu benutzen.”
„Meines Wissens nach wurde diese Waffe vor ein paar Jahrhunderten erfolgreich gegen Reiter und Infanterie eingesetzt. Zudem ist sie von der Länge her kurz genug, sie in einer Schildformation zu benutzen, aber lang genug, um um einen Turmschild herum benutzt zu werden.”
Der Hauptmann sah noch begeisterter aus und nickte heftig.
„Sie ist grauenhaft häßlich, aber Ihr habt da durchaus Recht, Eminenz.”
„Sie?”
„Naja, wenn wir hier schon alle mehr oder minder Totengräber sind, dann kommt mir als Name als erstes „Schaufel” in den Sinn.”
Die Taufe war fertig und ehrlich gesagt fand Joro „Schaufel” auch nicht schlechter als „Fleischer”. Joken machte sich, nachdem er noch von Joro das Versprechen bekommen hatte, in Kürze mit einer seiner Station angemessenen Version der Rüstung der Garde versehen zu werden, auf zum Stadtschloß, um mit den Duergarschmieden Palaver zu halten. Irgendetwas sagte Joro, daß den dreien die Schaufel sehr zusagen würde, eine glorifizierte Mischpoke mindestens zweier Waffen, die die Zwerge bekannterweise liebten, und eine Extraspitze konnte ja nicht schaden.
Er selbst machte sich daran, in seinem Amtszimmer schnell noch eine Reihe von Dokumenten zu lesen, um dann eine Stunde nach Sonnenaufgang im Stadtschloß mit den versammelten Honorationen zu tagen.
Auch wenn Joro konzentriert bei der Sache war hatte praktisch alles, was zu besprechen war einen so routinierten Charakter, daß es ihn nicht weiter begeisterte. Weitestgehend waren es wieder Zahlen und Statistiken, nur dieses Mal das, was vom Tag erwartet wurde.
Die Sitzung dauerte auch nicht lange und Joro fand sich mit einem Mal vor dem Schloß stehend, ohne eine Idee, was er tun sollte.
Ghaundar trat plötzlich neben ihn, gewohnt lautlos.
„Zu viel oder zu wenig zu tun?”
„Ich hab nicht einmal eine Ahnung, welches von Beidem...”
„Hast du alle Berichte gelesen, die Marinus dir auf den Tisch gelegt hat?”
„Die Hälfte etwa, vieles ist repetitiv.”
„Willkommen in meiner Welt. Zumindest der, in der ich jetzt lebe. Hilft es, wenn ich dir sage, daß du den ersten Bericht lesen kannst und dann alle weiteren eigentlich nur auf Veränderungen durchsieben mußt? Wir halten die Formulierungen normalerweise so, daß Veränderungen sofort auffallen.”
Joro nickte.
„Das war mir schon aufgefallen. Sonst wäre ich sicherlich noch nicht zur Hälfte durchgekommen.”
Ghaundar zog eine Pergamentrolle aus seinem Ärmel und reichte sie Joro.
„Das hier ist der Status Quo. Ich denke, daß dir das erst einmal reichen kann, falls du nicht vor Neugier brennst, wie alles so schnell so schiefgehen konnte.”
Der Bischof nahm die Rolle dankbar entgegen.
„Sehr gut, das wird mir eine Menge Zeit sparen. Gibt es sonst noch etwas, womit ich vielleicht dir helfen kann?”
Ghaundar machte ein übertrieben überraschtes Gesicht.
„Jetzt wo du es sagst... Ja. Was hast du über die Steinriesen herausbekommen, wir hatten das in der Sitzung gar nicht besprochen.”
Joro schoß das Blut in die Wangen.
„Das habe ich total vergessen, ich bitte um Verzeihung.”
„Komisch, Alystin hatte erwähnt, daß du endlich damit aufgehört hast...”
Der Bischof machte eine ärgerliche Geste mit der rechten Hand und sagte dann:
„Ich gehe sofort zur Bibliothek und werde dir Bescheid geben, wenn ich mehr weiß.”
Ghaundar sah sich um, dann gen Himmel und zuckte schließlich mit den Achseln.
„Dann werde ich dich begleiten, die Späher sind nicht vor heute Nachmittag zurück und die olle Bücherei ist ziemlich groß. Zu zweit finden wir schneller mehr heraus.”
Sie gingen die Straße zum Kloster hoch.
„Warum hast du eigentlich nicht selbst schon nachgeforscht, Ghaundar, hast du zu viel zu tun?”
„Prinzipiell ja, aber Marinus hat deutlich gemacht, daß die Bibliothek des Klosters eine Tabuzone ist, solange der Bischof nicht in der Stadt ist. Vermutlich weil da so viele, kleine, böse Geheimnisse aufgeschrieben sind.”
„Das muß dir derbe in den Fingern gejuckt haben”, Joro hielt inne und wandte sich dem Drow zu, „Moment mal, ich kann mir nicht vorstellen, daß dich das abhalten würde.”
Ghaundar schien einen Moment zu überlegen, dann zuckte er mit den Achseln.
„Nein, rein theoretisch würde es das auch nicht, aber ich habe Respekt vor dir und deshalb habe ich meine Neugier im Zaum gehalten. Allerdings sind die Sicherheitsmaßnahmen unterirdisch. Eine Alte Frau mit einer Haarnadel und einem Mop auf dem Kopf könnte da beinahe einfach hereinmarschieren.”
„Warum der Mop?”
„Verkleidung.”
Nach drei Stunden intensiver Suche und einem kleinen Imbiß, den Franz vorbeigebracht hatte, lagen schließlich zwei Wälzer auf den Lesepulten der Bibliothek. Seitdem Joro das erste Mal einen Blick in diese Halle geworfen hatte, hatte sich viel getan, auch hier war die Handschrift von Marinus deutlich zu spüren und sehen. Die Leuchter an der Decke, die vormals Kerzen getragen hatten, waren durch abgeschirmte Öllampen ersetzt worden und wenn diese auch dennoch nicht überall Licht spendeten, denn die Regale standen sehr dicht beieinander, war der generelle Lichtpegel besser. Dennoch freute er sich, Ghaundar dabeizuhaben, denn die Nachtsicht des Drow ermöglichte ein schnelleres und effektiveres Suchen.
Die beiden Bücher waren in sehr altbackenem Daishani geschrieben, aber dennoch verständlich. Eines davon hatte Joros Großvater in einer stark vereinfachten Version besessen, das andere war eine Enzyklopädie aus Hanlar.
Während das Lexikon erwartungsgemäß kurz und bündig und nicht sonderlich informativ nur eine Reihe von allgemein anerkannten Fakten präsentierte, die nach der Wahrheit zu durchforsten waren, war das andere Buch, „Eyn Historia der Fölker des Nourdens” eine Goldgrube.
Wer auch immer es geschrieben hatte, dem Titel nach ein „Constantin von Reiva”, mußte mit großer Wahrscheinlichkeit entweder über hellsichtige Fähigkeiten oder gar direkte Erfahrungen mit einer ganzen Reihe der beschriebenen Völker verfügt haben.
Ghaundar las die drei Seiten über die Drow und schluckte hinterher.
„Ich glaube, daß Menschen gar keine so schlechten Spione sind, wie wir sie immer gerne hätten.”
'Erzähl ihm, was du riechst.'
'Wie bitte?'
'Rieche an dem Buch und sag ihm dann, was du riechst.'
Joro lies die Nase über den Einband fahren, was Ghaundar ein erstauntes Kichern verursachte, er sagte aber nichts. Der Geruch des Buches kam ihm bekannt vor, aber er konnte nicht einordnen warum. Irgendwie modrig, alt... tot?
„Dieses Buch hat ein Leichnam geschrieben. Ich glaube allerdings nicht, daß das Albrecht war.”
'Richtig und richtig.'
„Woher willst du das wissen?”
„Geheime magische Fähigkeiten, die nur eingeweihte Priester der Celestuskirche besitzen.”
„Celestus hat es dir verraten, oder?”
„Aufmerksam gemacht. Nicht verraten.”
„Nun gut, also der Wälzer ist durch die Hände eines Leichnams gegangen. Was bedeutet das?”
Joro war sich selbst nicht so sicher.
„Ich vermute mal, daß das bedeutet, daß die Informationen hier drin recht akkurat sind.”
Ghaundar rümpfte die Nase.
„Bezüglich uns Drow sind mir die absolut zu akkurat. Aber ich weiß, was du meinst. Schau mal unter Steinriese und dann wollen wir sehen, was die für eine durchschnittliche Schuhgröße haben...”
Der Eintrag „S” war, seiner Natur gemäß reicht weit hinten im Buch und begann mit einer Lebensechten Zeichnung eines Steinriesen, Joro fühlte sich an die Beinahe-Begegnung auf dem Weg zur Bruderschaft von Jarta erinnert.
„Hier. Steinriesen messen für gewöhnlich vier bis sechs Schritte in ihrer Körperhöhe. Auffallend ist das völlige Fehlen von Haaren an ihren Körpern und das ebenfalls völlig absente Körperfett.” Das stimmte, der Riese, an den sich Joro erinnerte war eine einzige Ansammlung aus Sehnen, Knochen und imposanten Muskeln gewesen. „Die Weibchen dieses Volkes unterscheiden sich äußerlich nur durch ihre sekundären Geschlechtsmerkmale, die Angesichter wirken auch bei ihnen wie schlecht aus einem Felsen gehauen.”
„Scheint mir, als sei er enttäuscht gewesen ob dem Mangel an möglichen Romanzen”, warf Ghaundar ein, aber Joro ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
„Steinriesen leben in großen Familienverbänden von zwanzig bis vierzig Individuen zusammen, in denen für gewöhnlich das älteste Subjekt, unabhängig vom Geschlecht, die Rolle eines Anführers übernimmt. Eine spirituelle Neigung ist bei ihnen nicht festzustellen, jedoch tragen sie ihren Namen zu Recht, denn abgesehen von Fellen, die sie von erjagten Tieren zu Kleidung und Alltagsgegenständen verarbeiten, umgeben sie sich sowohl was Werkzeuge als auch Wohnraum angeht mit Felsen und Mineralen, die sie aus dem Berg hauen.”
„Soweit so gut. Das wußte ich bereits alles. Was noch?”
Joro kratzte sich am Kopf.
„Hier ist eine ganze Geschichte der Beobachtung eines Clans über einen Zeitraum von zwanzig Jahren, inklusive Verschiebungen im sozialen Gefüge und einem Vermerk, daß Steinriesen im Stehen gebären und Neugeborene, die davon verletzt werden in der Wildnis aussetzen.”
„Ich habe Schlimmeres gehört und leider auch gesehen, Joro. Irgendetwas, das uns helfen kann?”
„Hmmm, Steinriesen sind dafür bekannt, daß sie als Wohnstätte abgelegene Gegenden im Hochgebirge bevorzugen und diese äußert xenophob verteidigen... wußten wir auch schon... Moment!”
„Was?”
„Das hier ist interessant. Weißt du, was ein Geas ist?”
„Ein Dweomer, daß eine Person an eine Tat oder einen Bestimmungsort bindet und ihm oder ihr Schaden zufügt, sobald er oder sie davon abweicht, dieses Ziel zu erreichen.”
„Genau. Dieser Constantin schreibt hier, daß Steinriesen, trotz der bewiesenen völligen Absenz magischer Kräfte in ihrem Volk scheinbar dazu in der Lage sind, sich selbst ein Geas aufzuerlegen. Und hier wird es erst interessant! Die Ursachen dafür können vielartig sein, haben aber fast immer mit Verlust von Eigentum oder Familie oder einer Verletzung des als eigenem Territorium verstanden Areales zu tun. Ein Steinriese wird das Ziel seines Geas bis zur kompletten Selbstaufgabe verfolgen, die seinem Volke grundeigene Sturheit nur noch ins Unermeßliche verstärkt.”
„Du glaubst, daß die Riesen, die auf dem Weg hier her sind unter einem Geas stehen?”
„Wäre doch möglich?”
Ghaundar machte einen ärgerlichen Laut und spuckte eine schwarze, unappetitlich aussehende Masse in seine Hand.
„Ich muß mir beizeiten einmal wieder das Original von Balthasar besorgen. Das Zeug, das wir hier als Ersatz haben ist nicht das Wahre”, er nahm ein Tuch aus der Tasche und wischte den Klumpen vorsichtig daran ab, was dunkelbraune Flecken auf der Seide verursachte, „ Aber um mal darauf einzugehen, was da steht: Wir sollten dringend herausfinden, was das Ziel dieses Geas ist und das schnellstens. Laut meinen Spähern sind es zwanzig Riesen und das könnte ein großes Problem werden, Wortspiel dieses Mal unbeabsichtigt.”
Joro runzelte die Stirn.
„Aber was, wenn... Nur einmal angenommen, daß die Hochelfen da oben ein Massaker angerichtet oder zumindest versucht haben, eins zu veranstalten und die Riesen haben ihnen das wirklich, wirklich übel genommen. Vielleicht gar so übel, daß sie sich auf den Weg nach Süden gemacht haben, um ein paar Schädel einzuhauen.”
„So weit so gut?”
„Vielleicht sind die ja gar nicht auf dem Weg nach Bargum. Der Paß, der vom Plateau herunterführt ist nur wenige Tage von der Stadt entfernt und welchen Weg sie einschlagen, wenn sie durch diesen hindurch sind ist noch lange nicht sicher.”
Ghaundar zog die Schultern hoch.
„Das ist ja alles schön und gut, aber erstens müssen wir trotzdem ein Auge auf ihnen behalten und zweitens verstehe ich gerade nicht... oh nein. Du willst nicht wirklich...”
Joro grinste.
„Doch, genau das habe ich vor.”
Als Joro seine Idee beim gemeinsamen Mittagessen mit Omareth, Ghaundar und Alystin allen Anwesenden erörterte, konnte man im gesamten Stock das Klopfen von Zeigefingern auf Stirnen hören.
„Ich kann dich wirklich gut leiden, Joro, aber du überraschst mich immer wieder mit Vorschlägen, die noch bekloppter sind als das, was du bisher getan hast”, meinte Omareth mit halbvollem Mund, „und auch wenn ich dir nicht übergeordnet bin, kann ich nicht anders als zumindest zu versuchen, es dir zu verbieten. Ein wenig Hilfe diesbezüglich käme mir sehr gelegen, Alystin.”
Die hielt sich zurück und schaute stattdessen auffordernd in Ghaundars Richtung.
Jener schüttelte den Kopf.
„Ihr wißt es alle besser. Wenn der Mensch hier eine seiner Ideen hat, könnt ihr ihn eh nicht davon abbringen. Also am besten erst gar nicht versuchen.”
Joro hätte noch vor ein paar Wochen seine Arme schmollend vor der Brust verschränkt, aber ihm fiel auf, daß ihm die Meinung seiner Freunde sehr viel bedeutete und er sah nun stattdessen fragend in Alystins Richtung. Die Hohepriesterin machte auf ihn trotz der Ablehnung der beiden anderen einen überraschend entspannten Eindruck.
Es schien erst, als wolle sie sich gar nicht dazu äußern, aber dann sah sie erst zu Omareth, dann zu Ghaundar und schließlich Joro, der wie -fast- immer, wenn ihre Augen die seinen trafen einen leichten Stich des Glücks durch seinen Körper zucken fühlte.
„Wenn wir etwas in den letzten Monaten gelernt haben, dann daß das Allermeiste, was Joro anfaßt auf die eine oder andere Art und Weise gelingt. Inwiefern da Glück oder die Tatsache, daß wir seine Fehler ausbügeln eine Rolle spielt, sei dahingestellt, zumindest ein kleines Wenig Talent und gute Intuition müßt ihr ihm beide zusprechen.”
In der Tat konnten sich sowohl Ghaundar als auch Omareth ein grummelndes Nicken nicht verkneifen.
„Davon ausgehend”, fuhr sie fort, „halte ich es dieses Mal auch für eine bescheuerte Idee, weil unabhängig von deiner Einstellung, mein Joro, jeden und alle gleich zu behandeln, gewisse Dinge einfach in Stein gemeißelt sind, und da gehört unter anderem das Faktum hinzu, daß man mit Steinriesen einfach nicht verhandeln kann. Ich will die Steinallegorie jetzt nicht bis zum Erbrechen ausreizen, aber dem Umstand genüge tragend kann ich nicht umhin zu sagen, daß du auch genausogut versuchen könntest, mit einem Felsen zu reden.”
Er setzte an, etwas zu entgegnen, aber ihr erhobener Zeigefinger ließ ihn innehalten.
„Jedoch”, sie nahm einen Schluck Wein, „bin ich auch der Ansicht, daß nach allem was wir in den letzten Monaten getan und dabei aus welchen Gründen auch immer erreicht haben, deine Idee nicht halb so bescheuert wirkt, wenn man dies alles als Grundlage nimmt.”
„Soll das heißen, daß du meinst, daß ich es versuchen sollte?” fragte Joro mißtrauisch.
Sie zuckte mit den Achseln und nahm noch einen Schluck Wein.
„Wenn ich dir einen Rat geben soll, dann sage ich, daß du dir das noch einmal gründlich überlegen solltest. Zwei oder drei Tage hast du dafür noch Zeit, dann müssen wir im Zweifelsfall handeln. Ansonsten ist es deine Entscheidung”, sie machte eine kurze Pause und sah ihm dann wieder direkt in die Augen, „aber ich egal wie du dich entscheidest werde ich dich unterstützen. Sollte irgendeiner der Anwesenden damit nicht zufrieden sein, oder gar bei irgend jemandem petzen gehen, wird das entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen.”
Omareth sah starr zu Boden und sagte leise:
„Es ist meine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß das von manchen als ein Zeichen des Verlustes deiner Urteilsfähigkeit angesehen werden könnte, Hohepriesterin. Was mit Joro geschieht ist für die Enklave weniger bedeutend als die Tatsache, daß du dich für ihn in, wie es aussieht, unnötige Gefahr begibst”, er wandte sich zu Joro, „ Verzeih' mir bitte, Joro.”
Der Bischof wollte just entgegnen, daß er dafür Verständnis hatte, als Alystin mit ebenso leiser, aber eiskalter Stimme zurückgab: „Dein Einspruch ist notiert, Omareth und ich mache dir auch keinen Vorwurf. Aber wie ich bereits in der Vergangenheit mehr als einmal klar gemacht habe, ist Joro einer von uns, Drow oder nicht, und selbst wenn ich nicht eine besondere Beziehung mit ihm hätte, wäre meine Einstellung die gleiche. Ich bin jederzeit dazu bereit, für ihn die selben potentiellen oder realen Opfer zu bringen wie für dich, Ghaundar oder jeden anderen in meiner näheren Umgebung.”
Omareth sah auf und Joro konnte eine Mischung von Erleichterung und Verständnis in seinen Augen erblicken.
„Dann haben wir das Formelle geklärt. Es gefällt mir trotzdem nicht, aber ich werde da sein, wenn du aufbrichst, Joro.”
„Ich auch”, fügte Ghaundar mit vollem Mund hinzu, „Wird schön sein, das olle Büro einmal hinter sich zu lassen.”
Joro war überglücklich, auch wenn er mit dem Ausgang dieser Unterhaltung, vor allem mit Blick auf deren Beginn niemals gerechnet hätte.
Den gesamten Nachmittag verbrachte Joro damit, darüber nachzudenken, wie er das Ganze eigentlich angehen sollte. Er hatte sich noch einmal in die Bibliothek gehockt und war sämtliche Regale durchgegangen. Dabei hatte er nicht nur das Buch des Herren Constantin noch ein weiteres Mal nach mehr Informationen durchsucht, sondern auch den Autoren selbst in die Suche mit eingeschlossen. Interessant war, daß sämtliche Versuche, etwas über ihn herauszufinden im Sande verliefen. Es gab zwar durchaus Querverweise, aber wo auch immer er ankam, fehlten entweder Seiten in den entsprechenden Büchern, oder es waren ganze Passagen entweder überschrieben oder ausradiert. Joro war sich unsicher, ob das nun für oder gegen die Glaubwürdigkeit des Verfassers sprach, aber er wurde das Gefühl nicht los, daß da noch ein weiteres Geheimnis wartete, das es beizeiten zu ergründen gab.
Er klappte seufzend einen weiteren Wälzer zu und saß dann, das Kinn auf die Hände gestützt sinnierend am Pult.
Alystin und die anderen hatten ihm ihre Hilfe zugesprochen, auch wenn sie alle der einhelligen Ansicht waren, daß es gelinde gesagt schwachsinnig war, mit den Riesen zu reden zu versuchen.
Es war schon nicht ganz unrichtig, daß es eine ausgesprochen wage Idee war und ein erfolgreicher Ausgang dieser Unternehmung war nicht nur nicht garantiert, sondern auf den Punkt gebracht extrem unwahrscheinlich. Aber er hatte um ein wiederholtes Mal eine Ahnung, ein Gefühl, daß es etwas bedeutete. Natürlich würde er auch dieses Mal nicht bei Celestus nachfragen, ob er irgendeine Hand im Spiel hatte oder was er zu erwarten hatte. Sein Gott hatte ihm schon sehr früh klar gemacht, daß er nur seinem Herzen, seiner Intuition folgen sollte und daß das am Ende schon seine Richtigkeit haben würde.
Riesen. Warum auch nicht. Joro hatte es mit Hilfe seiner Freunde schon geschafft, nicht nur Duergar und Drow an einen Tisch zu bringen, von Torkums konsequenter Absenz im Kabinett einmal abgesehen, Hirten und Stadtbevölkerung für eine Sache zu vereinen und dann waren da noch Plok und seine Rotte. Oder großer Haufen. Was auch immer.
Da war allerdings noch eine Sache, die ihm schon eine Weile auf dem Herzen lag und die er aus der Welt schaffen wollte.
'Mir ist in den letzten Wochen immer mehr bewußt geworden, daß ich mich nicht wirklich viel um die geistlichen Belange im Kloster kümmere, Celestus. Teils war das ja auch nicht möglich, weil ich ständig unterwegs war. Du hast auch bisher nichts dazu gesagt, aber ich will das nicht einfach so im Raum stehen lassen, wenn du mit mir unzufrieden bist, dann möchte ich das lieber wissen bevor es zu spät ist.'
'Hast du nicht eben noch darüber sinniert, daß ich dir gesagt habe, daß du deinem Herzen folgen sollst?'
'Stimmt, aber das kann ja trotzdem beinhalten, daß ich ein schlechter Bischof bin.'
'Erzbischof.'
'Wenn du schon so anfängst, dann hört es sich noch schlimmer an.'
Ein Seufzen.
'Joro, du hast in wenigen Monaten mehr für die Kirche getan, spirituell oder nicht, als es die letzten fünf Männer in deiner Position in ihren ganzen Leben zusammen erreicht haben.'
'Mir geht es nicht um einen Vergleich.'
'Nein, aber du solltest dir auch darüber im Klaren sein, daß es für die Kirche in den letzten Jahrhunderten nicht einmal während Welverins Angriff gegen das Oberreich auch nur einen Moment des Kriegszustandes gegeben hat. Bargum lag weitab vom Schuß und es wurde nirgends in der Nähe einen Augenblick gekämpft.'
'Mit anderen Worten: die Umstände machen die Situation aus?'
'Richtig. Davon abgesehen gefällt mir deine Version der Kirchenregeln ausgesprochen gut und das sehe ich schon als den größten Dienst an der Kirche, den irgend jemand seit Albrecht gemacht getan hat.'
Joro kratzte sich am Kinn und mußte dann lachen.
'Was?', fragte der Gott mit mißtrauischer Stimme.
'Ich hätte nie gedacht, daß Albrecht und du einmal einer Meinung sein würden.'
'Das waren wir mal eine ganze Weile', gab der Gott leicht säuerlich zurück.
'Was ist passiert?'
'Albrecht ist einmal zu oft gestorben.'
Joro hatte, selbst als er sich von der Bibliothek in den Klosterhof aufgemacht hatte, um dort zu sehen, wie er mithelfen konnte, ein sehr bitteres Gefühl im Magen.
Der letzte Satz Celestus' hing ihm im Kopf und er wußte nicht einmal warum.
Er fand schnell Arbeit und half den Totengräbern, die damit beschäftigt waren Versorgungsgüter zu sortieren bei der täglichen Sisyphusarbeit, alle Listen auf dem neuesten Stand zu bringen und konnte sich so auf andere Gedanken bringen. Dennoch blieb es ihm irgendwo im Unterbewußtsein hängen und nagte an ihm.
Als die Sonne unterging und er sich auf den Weg zum Stadtschloß machte, hatte er es irgendwie überwunden, ob nun verdrängt oder akzeptiert wußte er selbst nicht, aber er wollte auch nicht weiter darüber nachdenken.
Das Treffen im Schloß hatte, neben den obligatorischen Ziffern zumindest eine gute Veränderung zu vermelden und das war, daß Ulfr mit einigem Geschick und wohl auch einer ganzen Reihe von Bestechungen die drei wichtigsten seiner Gefolgsleute davon überzeugt hatte, mit guten Beispiel voran zu gehen und die schwächsten Tiere ihrer Herden zum Schlachten freizugeben. Natürlich wollten diese für ihren „Verlust” eine Entschädigung haben, aber Joro winkte das nur müde beiseite und versprach Ulfr, daß das Kloster dafür aufkommen würde. Olgerich war ob dieses Versprechens seinerseits sehr erfreut, denn die Schatzkammer der Stadt war in den vorangehenden Wochen immer spärlicher gefüllt gewesen.
Der Fürst konnte dennoch nicht umhin, seine Sorge auszusprechen.
„Die Frage nach der Finanzierung unserer Expedition nach Süden ist immernoch im Raum und ich glaube, daß wir alle schon zu lange nicht darauf eingegangen sind: Wer wird eigentlich unsere Soldaten bezahlen? Und womit?”
Stille herrschte im Raum. Dann war es Ulfr, der als erster das Wort ergriff.
„Meine Männer und Frauen kämpfen für die Sache und auch wenn meine Häuptlinge sicherlich ihren Anteil an der Kriegsbeute fordern werden, wird ein jeder solange kämpfen, wie es Essen gibt.”
Omareth nickte.
„Für die Drow gilt das Selbe. Wir haben wenig Anwendung für Reichtümer und solange wir eine Essensversorgung aufrechterhalten können sehe ich keine Probleme. Was die Duergar angeht kann ich da allerdings nichts sagen.”
„Das wird sich schon in Kürze klären, Myelin ist auf dem Weg hierher”, Alystin hatte ein zuckersüßes und leicht selbstzufriedenes Lächeln auf den Lippen.
„Wirklich?”, fragte Joro.
„Ich habe heute Morgen einen Raben empfangen, der eine Nachricht von ihr trug. Sie ist gestern aufgebrochen und dürfte in zwei oder drei Tagen hier ankommen.”
„Wollen wir nur hoffen, daß sie nicht...”, Joro beendete den Satz nicht, denn bei allen Anwesenden waren gleichzeitig die Alarmglocken angesprungen.
Eine Stunde später waren Omareth, Ghaundar, Alystin, Joro und Irruit im Eilmarsch auf dem Weg zum Bergpaß. Alystin hatte darauf bestanden, die junge Drow mitzunehmen, dieses Mal allerdings weniger, um Omareth zu foppen, wie es schien.
Dennoch war Omareth in einem seiner grummelnden Gemütszustände, was für eine Spannung sorgte, denn Alystin war wiederum anzusehen, daß sie sich ob ihres Fehlers ärgerte.
Joro und Irruit gingen am Ende der Kolonne, beide wohl bewußt, daß die Stimmung zwischen den beiden Anführern der Drow ziemlich schnell außer Kontrolle geraten konnte und keiner von den beiden hatte Lust dann in der Mitte zu stehen. Sie hatten sich nur kurz wissend angesehen und waren dann sozusagen eine Allianz eingegangen, deren einziges Ziel es war, sich aus der Sache herauszuhalten.
Ghaundar war während des Wanderns damit beschäftigt, immer wieder Schriftrollen aus dem übertrieben großen Rucksack zu holen, den er mitgenommen hatte und deren Inhalt zu studieren. Joro hatte sich erst überlegt zu fragen, was denn so wichtig war, daß es auf gar keinen Fall bis zur Rückkehr nach Bargum warten konnte. Als allerdings nach nur zwei Stunden plötzlich ein Rabe angeflogen kam und auf Ghaundars Schulter landete, wußte er die Antwort. Der Assassine, der nunmehr der Chef des Nachrichtendienstes war konnte tatsächlich selbst unterwegs einen Teil seiner Aufgaben erfüllen.
„Wo kommen eigentlich die Raben her?”, fragte er leise Irruit.
„Die gehören eigentlich Olgerich, aber er hat sie fast nie benutzen müssen, daher hat er sie alle Ghaundar vermacht. Die armen Tiere kommen kaum zum Schlafen.”
„Mir scheint fast, daß der gute Ghaundar ein Händchen für die Vögel hat”, meinte Joro mit einem Lächeln. In der Tat ging der Drow mit dem Vogel, der auf seiner Schulter saß erstaunlich liebevoll um. Als erstes hatte er ihm einen Happen Trockenfleisch gegeben, den der große schwarze Vogel mit einem einzigen Schluck verschlang. Während er dann eine Nachricht als Antwort auf einen kleinen Fetzen Papier schrieb, liebkoste er das Tier vorsichtig mit der Seite seines Kopfes, was der Rabe mit einem leisen Krächzen erwiderte.
„Wer hätte je gedacht...”, weiter kam Joro nicht, denn die Spannung zwischen Omareth und Alystin entlud sich schlußendlich und die Folge war ein Wortschwall in der Drowsprache, den Joro nicht verstand, von ein paar Worten einmal ausgenommen, deren Bedeutung alles andere als freundlich war.
Sie schrien sich gegenseitig gleichzeitig an und an einem Punkt war sich Joro sicher, daß beide kurz davor waren, ihre Waffen zu ziehen. Er machte einen Schritt vorwärts um einzugreifen, aber Ghaundar drehte sich blitzschnell um und hielt ihm die Hand vor die Brust. Dann gestikulierte er 'Laß' es. Du machst es sonst noch schlimmer.'
'Was ist denn überhaupt das Problem?', gab Joro zurück, etwas unbeholfen, weil er lange nicht mehr mit Gestensprache gesprochen hatte.
'Später', und damit war die Sache gegessen. Ghaundar setzte betont uninteressiert seine Arbeit mit der Nachricht, die er schrieb fort und schickte dann den Raben, der durch das Gebrülle zweier der Anwesenden sichtlich nervös geworden war Richtung Himmel.
Irruit stand derweil mit der Drowversion eines roten Gesichtes, irgendwo zwischen violett und blaugrau etwas abseits und schaute bestürzt zu Boden.
Zumindest kam es nicht zu einem physischen Schlagabtausch zwischen Priesterin und General, aber sie kamen scheinbar zu einem Patt, denn irgendwann stampfte Alystin einfach weiter in Reiserichtung und Omareth ging demonstrativ zum Ende der kleinen Gruppe und wies Irruit und Joro mit einer ärgerlichen Handbewegung an, weiterzugehen.
So stapften sie etwa eine Stunde weiter, bis es Joro schließlich reichte.
Er hielt an und setzte sich auf einen Findling, der etwas abseits des Weges stand.
Ghaundar bedachte ihn mit einem fragenden Blick und der Bischof lächelte ihn herausfordernd an. Es dauerte einen kleinen Augenblick, dann zuckte der Drow mit den Achseln und setzte sich neben ihn.
Irruit blickte derweil mit wachsender Unsicherheit, die an Panik grenzte zwischen den beiden auf dem Felsen und Omareth und Alystin hin und her, machte dann aber ein leise stöhnendes Geräusch, zuckte mit den Achseln und setzte sich ebenfalls dorthin.
Die beiden Streithähne waren jeweils so tief in ihren Gedanken versunken gewesen, daß sie fast zweihundert Schritte weitergelaufen waren, bis sie bemerkten, daß sich der Teil der Gruppe, der sich zwischen ihnen befanden hatte verschwunden war.
Beide blieben verdutzt stehen und sahen sich um. Joro saß und stopfte sich einen Klumpen Kautabak in den Mund, Ghaundar putzte mit einem seiner Dolche seine Fingernägel und Irruit hatte ihre Flöte aus dem Wams gezogen und machte Fingerübungen.
Alystin ging erst einige wütende Schritte auf sie zu, dann merkte sie, daß sie das gefährlich nahe Omareth brachte, der seinerzeit mit angespannter Körperhaltung da stand und mit seiner Gemütshaltung kämpfte.
Sie stellte sich stattdessen mit ihren Händen auf den Hüften hin und fragte mit mühsam beherrschter Stimme.
„Was hat das jetzt zu bedeuten?”
Ghaundar sah zu Joro und sagte:
„Deine Idee. Keine schlechte, aber trotzdem deine Idee.”
Der Bischof schloß betont langsam das Nachladen des Tabaks ab, wischte sich dann seine Finger, ebenso langsam, an seinem Schnupftuch ab und blickte dann erst zu Alystin, dann zu Omareth und dann wieder auf die Hohepriesterin.
„Eigentlich nichts, ich hatte nur das Gefühl, daß ihr beiden immernoch nicht fertig seid und ich habe ehrlich gesagt keine Lust, die Reise fortzusetzen während hier Uneinigkeit herrscht.”
Omareth setzte an, etwas zu sagen, aber Joro hob die Hand und brachte ihn zum Schweigen.
„Ich bin noch nicht fertig. Mir persönlich könnte es ja eigentlich egal sein, warum ihr beiden euch gegenseitig an die Kehle geht, aber seit dem Zeitpunkt an dem ihr beide eure Hände auf euren Waffen hattet, ist der Spaß vorbei. Weder ich noch irgend jemand anders kann und will eine Situation ertragen müssen in der die beiden wichtigsten Personen der Enklave nicht dazu in der Lage sind, ihre Differenzen mit Worten zu bereinigen, welche es auch immer sind”, er machte eine kurze Pause und dann eine abfertigende Geste, „und ehrlich gesagt will ich es auch gar nicht wissen, weil es mich vermutlich so oder so nichts angeht. Aber ich weigere mich, einen einzigen Schritt weiterzugehen bevor ihr euch nicht hinsetzt und es aus der Welt schafft. Uneinigkeit ist für jeden einzelnen unter eurer Obhut im Zweifelsfall gleichbedeutend mit Sterben.”
Alystin und Omareth sahen sich gegenseitig mit einer Mischung aus Bestürzung und schlechtem Gewissen an.
„Und was mich daran wirklich wütend macht”, setzte Joro fort, „ist, daß ich das eigentlich keinem von euch beiden erklären müssen sollte.” Die letzten Worte hatte er beinahe geschrien und nun starrten ihn alle Anwesenden an. Außer Irruit, die hinter ihm saß und einen offenen Versuch machte, zu Schrumpfen.
Omareth raffte sich als erster auf.
„Ich bitte für mein Fehlverhalten um Verzeihung, Hohepriesterin. Meine Worte waren unangemessen und ohne es als Entschuldigung gebrauchen zu wollen: die Anspannung die die Verantwortung, die nunmehr auf meinen Schultern lastet hat mich dazu gebracht, außerhalb meiner Stellung zu agieren und mich in einen Geisteszustand gebracht, der meinen Horizont stark verringert hat.”
Alystin schüttelte nun den Kopf.
„Wir haben fast einhundert Jahre mit klaren Fronten verbracht, was sich in den vergangenen Monaten stark verändert hat, Omareth, und ich werde einen Teil der Verantwortung wohl auf meine eigenen Schultern nehmen müssen. Wenn du der Ansicht bist, daß ich Fehlentscheidungen treffe, dann hast du deine Gründe”, ihr war anzumerken, daß ihr der Satz schwer fiel, „und ich werde mich fragen müssen, ob du mit dem was du anmerkst nicht Recht hast. Aber du wirst auch verstehen müssen, daß ich nicht gewillt bin, mir von irgend jemandem meine Autorität in Frage stellen zu lassen, inklusive dir.”
Omareth versteifte sich wieder und Joro merkte, daß ihn seine Geduld im Stich ließ, aber dann raffte sich der General auf und streckte seine Hand aus.
„Für die Art und Weise, wie ich meine Bedenken ausgedrückt habe, bitte ich von ganzem Herzen um Verzeihung, Alystin, aber für deren Inhalt kann, will und werde ich mich nicht entschuldigen.”
Es schien kurz als würde Alystin seine Geste ausschlagen, aber sie kannte Omareth gut genug, um zu wissen, daß es ihn viel Überwindung gekostet hatte, seinen eigenen Stolz hinten an zu stellen. Sie schlug ein und sagte:
„Ich schätze deinen Ratschlag, Omareth, jetzt und immer. Außerdem wissen wir beide, daß Joro vollständig Recht hat. Laß' uns versuchen, die Autoritätsfrage in der Zukunft nicht noch einmal zwischen uns kommen zu lassen.”
Nach dem Handschlag gingen beide wieder weiter in Richtung Bergpaß, dieses Mal in ein ernstes, aber zumindest nicht gewaltsames Gespräch vertieft und die anderen drei völlig ignorierend.
Der Bischof sah ungläubig zu Ghaundar.
„Nur damit ich das jetzt richtig verstehe, der einzige Streitpunkt war, wer bei den Drow das sagen hat?”
„Im Prinzip ja. Wenn auch in einem etwas komplexeren Zusammenhang”, Ghaundar raffte seine Siebensachen zusammen und deutete den anderen beiden aufzubrechen.
Doch Joro war noch nicht zufrieden.
„Alystin trifft Entscheidungen, die Omareth nicht gefallen, er giftet sie deshalb an und dann hauen sie sich beinahe gegenseitig den Schädel ein? Ich bin mir nicht so sicher, wie du das mit soviel Ruhe betrachten kannst, Ghaundar. Das geht dich genausoviel an wie den Rest der Enklave.”
Der Assassine zuckte mit den Achseln.
„Du weißt nach wie vor nicht genug über unser Volk, wie mir scheint, Joro. Wären die beiden Unterreichsdrow, hätte einer den anderen schon vor langen Jahren getötet. Nun sind wir aber alle keine solchen mehr und das ist auch gut so, es ändert aber nichts daran, daß es jederzeit geschehen kann, daß sich ein Konflikt eventuell mit Waffengewalt entlädt. Es wäre allerdings sicherlich nicht dazu gekommen, daß einer den anderen getötet hätte, denn unserer Göttin hätte das sehr wenig gefallen.”
Joro stand langsam auf und schaute hinter den beiden her, die langsam um eine Kurve bogen, wobei Omareth eine Militärgeste machte, die „Aufbruch” bedeutete.
Er hatte einen bitteren Geschmack im Hals.
„Bisher hatte ich immer den Eindruck von den beiden, daß sie ihre Aufgaben mit hoher Professionalität bewältigen. Solche Temperamentsausbrüche vermindern mein Vertrauen ein kleines Wenig...”
„Das sollten sie aber nicht, Joro. Wenn es hart auf hart kommt, sind die beiden immer sofort konzentriert bei der Sache und das weißt du. Ich glaube, daß der ganze Konflikt nur aus drei Gründen überhaupt aufgetreten ist.”
„Und welche wären das bitte?”
Es war Irruit, die antwortete.
„Die Hohepriesterin ist nicht gewohnt, das Kommando zu teilen, mein Vater ist es nicht mehr gewohnt zu führen und wenn ich das richtig sehe sind sie beide einfach zu sehr von der Tatsache genervt, daß sie auf dem Hintern sitzen müssen, ohne etwas tun zu können, bevor wir abmarschieren können. Ich glaube, daß die beiden sich langweilen.”
Joro hätte eigentlich erwartet, daß ihn das fassungslos machen würde, aber dann setzte bei ihm Erkenntnis ein. So wie er die beiden kannte, hatte Irruit es auf den Punkt gebracht.
Kapitel 13
Am Abend des ersten Reisetages hatten sich die Fronten zwischen Alystin und Omareth scheinbar geklärt, sie teilten sogar einen Schluck Branntwein miteinander, was deutlich für eine bessere Stimmung sprach, denn Alystin trank höchst selten und wenn dann keinen Schnaps.
Es brachte Joro die benötigte Seelenruhe, denn er war äußerst nervös, was die kommende Aufgabe anging. Dabei war er erstaunt darüber, daß er sich weniger Sorgen um das Wohlbehalten Myelins machte, denn er war sich sicher, daß Balthasar seine Frau nicht nur sicherlich mit einer übertriebenen Eskorte schicken würde, sondern daß die kleine, dicke Duergarfrau mit großer Wahrscheinlichkeit auch dazu in der Lage war, auf eigenen Füßen zu stehen, wenn es notwendig war. Manche Legenden und Vorurteile stellen sich ja regelmäßig als Fakten heraus und bei den Duergar, wie auch bei allen anderen Unterreichsvölkern waren die Frauen in die Verteidigung der eigenen vier Höhlenwände genauso eingebunden wie die Männer. In einer so feindlichen Umgebung wie den endlosen Kavernen unter dem Berg konnte man es sich einfach nicht leisten, daß auch nur ein einziges Individuum nicht die eigene Last zu tragen imstande war.
Er war sich natürlich auch darüber im Klaren, daß der mögliche Tod Myelins fatale Folgen für die ohnehin schwierige Allianz mit dem dicken König haben konnte. Aber die Idee, die Steinriesen auf die eigene Seite zu bringen ließ ihn nicht los. Die schiere Masse an Möglichkeiten, die sich mit ihnen auftun konnten war machte ihn beinahe schwindelig.
Alystin riß ihn aus seinen Gedanken.
„Hast du dir schon überlegt, wie du das riesige Problem angehen willst?”
Irruit kicherte leise.
„Nein, bisher tappe ich immernoch im Dunkeln. Ich denke, daß es vermutlich damit stehen oder fallen wird, ob wir sie zum Reden bekommen oder nicht. Dafür brauchen wir aber erstens einen guten Grund, den sie sich auch anhören wollen...”
„Nicht zu vergessen die Gelegenheit, bevor der eine oder andere von uns einen Stein auf den Kopf geworfen bekommt”, grunzte Omareth.
„Ja”, gab Joro erschöpft zurück, „Das ist von den beiden das schwere...”
Der General grunzte noch einmal und nahm sich ein weiteres Stück vom Hasen, der das große Unglück gehabt hatte, Ghaundar vor die Armbrust zu laufen.
Irruit hob die Hand und Alystin sagte lächelnd: „Dies ist keine Unterweisung, Irruit, wenn du etwas sagen willst, dann tue es einfach.”
„Ich habe eine Idee, aber ich weiß nicht, ob sie funktioniert.”
„Immer heraus damit.”
„Die Duergar haben eine angeborene Fähigkeit, für eine kurze Weile ihre Körpergröße drastisch zu erhöhen. Ich habe das selbst zwar noch nie gesehen, aber schon oft gehört. Zudem weiß ich, daß es einige Zauberer gibt, die diesen Effekt ebenfalls beherrschen. Wäre das nicht eine Lösung?”
Alystin blickte sie nachdenklich an und meinte dann: „Ich habe zwar schon mehrfach davon gehört, daß Magier diese Formel anwenden, aber meines Wissens gibt es keinen Gott, der derartige Fähigkeiten verleiht.”
'Celestus?'
'Jaaaa?'
'Du weißt schon.'
'Jetzt mal nicht denkfaul werden, hier!'
'Steht es in deiner Macht, uns das zu verleihen oder nicht?'
Der Gott schwieg einen Moment. Dann sagte er:
'Ich werde vermutlich eine dritte Partei zur Hilfe nehmen müssen, aber ich denke das ist machbar. Dir ist allerdings hoffentlich klar, daß es euch trotzdem nicht größer als die Riesen machen wird, oder?'
'Wie groß denn ungefähr?'
'Doppelt so viel, wie es jetzt gerade ist. Außerdem stellt sich da noch das Sprachproblem.'
'Daran hatte ich schon gedacht, läßt sich das nicht irgendwie auch umgehen?'
'Du bist ganz schön fordernd manchmal, mein Joro...'
'Alles für die gute Sache, mein Gott.'
'Dein Helm, mein Joro. Du hast noch lange nicht alles ausgeschöpft, was dieser zu bieten hat.'
Die Drow hatten ein Aufhellen seines Gesichtes bemerkt und sahen alle interessiert in seine Richtung und er setzte sogleich ein fröhliches Grinsen auf.
„Sprache wird kein Problem darstellen und Celestus meint, er könne mit der Größe helfen. Ob es nun funktionieren wird oder nicht ist natürlich immernoch nicht klar, aber immerhin haben wir so eine Möglichkeit, ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf negative Art und Weise zu erregen. Den Rest werden wir dann sehen.”
Ghaundar schüttelte ungläubig seinen Kopf und lachte dann.
„Bei jedem Anderen würde ich das sofort naive Unbeschwertheit nennen, aber du bist wirklich fest davon überzeugt, daß das alles gut laufen wird, oder?”
„Fest überzeugt nein, aber ich bin optimistisch, daß wir eine Chance haben. Davon abgesehen sind wir auch in der Lage, den Ort des Treffens selbst zu bestimmen, denn wir wissen, daß die unterwegs sind...”
„... aber die nicht, daß wir kommen”, beendete Omareth seinen Satz und auch seine Miene erhellte sich ein kleines Wenig, „Das verschafft uns einen strategischen Vorteil.”
„Mit anderen Worten: wir können uns so positionieren, daß wir uns im Zweifelsfall zurückziehen können, falls alles schiefgeht”, schloß Alystin die Überlegung ab und alle nickten.
„Oder aber wir werden der formschönste Haufen Blut und Knochen, den die Wildnis Daishans jemals gesehen hat”, fügte Ghaundar hinzu, nur um mit vernichtenden Blicken aus allen Richtungen abgestraft zu werden. „Schon gut, ich halte die Klappe.”
„Du bist noch unwitziger geworden, seitdem du dauernd in deiner Amtsstube hockst, Ghaundar”, sagte Omareth.
„Ich gebe zu, daß ich aus der Übung bin, aber ich arbeite daran.”
Am nächsten Tag kamen bereits die Berge in Sicht, aber seit dem vorangehenden Abend war die Stimmung weitaus besser als zuvor. Omareth und Alystin verbrachten den ganzen Tag damit, intensiv miteinander zu diskutieren und Ghaundar empfing vier Raben, die kurze Zeit später wieder ihren Flug nach Bargum antraten.
So war Joros einziger Gesprächspartner Irruit und er fragte sich fast, ob das einer der Gründe war, warum Alystin sie mitgenommen hatte. Als sie das erste Mal mit der Gruppe gereist war hatte es kaum Gelegenheit gegeben, mit ihr zu sprechen, teilweise, weil sie sehr schüchtern war und teilweise, weil Alystin sie von den drei Männern ferngehalten hatte, wohl um ihre sanfte Seele zu schützen, wie Joro vermutete. Dieses Mal allerdings war ihre Vorgesetzte anderweitig beschäftigt und der Bischof war neugierig, mehr über sie herauszufinden.
Das Einzige, was er bisher wußte war, daß sie nach Drowmaßstäben praktisch ein kleines Kind war, auch wenn sie rein praktisch betrachtet doppelt so alt war wie er.
Zudem wußte er nicht wirklich, wie er ein Gespräch beginnen sollte. Sie kam ihm zuvor.
„Es ist schön, zu reisen, ich habe mein ganzes vorheriges Leben nur in der Enklave verbracht. Ich danke für die Gelegenheit, Eminenz.”
„Du brauchst nicht so formell zu sein, Irruit”, sagte Joro peinlich berührt, „Wir sind hier unter Freunden und ich habe generell ein Problem damit, wenn mich jemand, der älter ist als ich mit meinem Titel anspricht, es sei denn es ist eine offizielle Situation. Sag bitte „du” und „Joro” zu mir.”
Die kleine Drow, die ihm knapp bis zur Hüfte reichte sah zu ihm herauf, zunächst verwundert, doch dann lachte sie.
„Das mag sein, aber wenn ich das mit den Menschenjahren richtig verstanden haben, seid Ihr...bist du fast drei Mal so alt wie ich.”
Er lächelte zurück.
„Jahre sind Jahre und ich habe schon früh verstanden, daß Alter noch lange nicht Weisheit bedeutet. Wir hatten einen Mann in unserem Dorf von dem keiner wußte wie alt er wirklich war, in richtiger Greis”, er bemerkte, daß ihm Irruit sehr aufmerksam zuhörte, „ Der war mindestens siebzig oder achtzig, hatte keinerlei Zähne mehr im Mund und roch immer ein wenig muffig. Auf jeden Fall bestand er darauf, einmal ein großer Feldherr gewesen zu sein und gegen Welverin gestritten zu haben. Als ich etwa zwölf war hat mir meine Mutter erzählt, daß er in Wirklichkeit einmal ein Köhler gewesen war, der sich selbst und seine Familie ruiniert hatte und daran geistig zerbrochen war.”
„Aber Wahnsinn kann doch jeden treffen, das hat nichts mit Alter zu tun.”
Joro nickte.
„Das ist zwar richtig, aber das hat ihn dennoch nicht daran gehindert, als erwachsener Mann all sein Geld zu verspielen und seine Familie im Stich zu lassen. Worauf ich hinaus will ist, daß das Alter einer Person keine Rolle spielt, was deren Weitsicht oder Entscheidungen angeht.”
Sie überlegte eine Weile und nickte dann verständnisvoll.
„Wenn wir also von der Altersfrage absehen, ist es nicht dennoch so, daß du mehr von der Welt gesehen hast als ich und vor allem, daß du mehr Erfahrungen gesammelt hast?”
„Das ist auch richtig, ja.”
„Dann sehe ich es trotzdem als meine Pflicht an, dich als Respektperson zu betrachten. Ich kann allerdings trotzdem „du” sagen, wenn du das bevorzugst.”
Das machte Sinn, also sollte es Joro auch recht sein.
„Was erhoffst du dir denn, von der Welt zu sehen, Irruit?”
„Das weiß ich selber nicht so genau, Joro. Solange es interessant und lehrreich ist, ist mir eigentlich alles recht.”
„Du solltest nicht leichtfertig über so etwas denken. Die Welt in der wir leben ist manchmal ziemlich gefährlich.”
Sie warf einen schüchternen Blick gen Boden.
„Verzeihung, ich hatte ganz vergessen, daß du das schon einmal auf sehr harte Weise lernen mußtest.”
Joro lächelte.
„Das macht nichts, ich bin ja trotzdem irgendwie durch die Krise hindurchgeschlittert. Aber das war zu einem großen Teil Glück und damit sollte man nicht rechnen.”
Sie drugste einen Augenblick herum, aber Joro wußte schon, was sie fragen wollte.
„Du willst wissen, wie es ist zu sterben, oder?”
Irruit nickte hektisch.
„Das läßt sich nicht gut beschreiben und in meinem Falle ging es sehr schnell, der Bolzen muß von einer schweren Armbrust gekommen sein, denn ich hatte ein ziemlich großes Loch in der Brust.”
„Tat es weh?”
„Ich kann mich nicht daran erinnern, aber ich glaube, daß es sehr weh tat, ja.”
„Wenn es so schnell ging, tat es vielleicht nur einen sehr kurzen Augenblick weh. Das ist besser als wenn es sehr lange dauert.”
„So wie bei Illivara?”
Sie sah zu ihm hoch und Joro konnte nicht genau ausmachen ob sie bestürzt oder ärgerlich war. Doch sie schien schnell zu begreifen, daß er es nicht böse gemeint hatte.
Irruit sah wieder zu Boden, dieses Mal allerdings nicht aus Schüchternheit, wie Joro klar war.
„Illivara ist eine unglaublich starke Person. Die Schmerzen, mit denen sie jeden einzelnen Tag umgehen muß sind immens und ich glaube kaum, daß es eine Person auf dieser Welt gibt, die dazu in der Lage wäre.”
„Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen und das nur kurz. Sie war ziemlich unfreundlich, aber Omareth hat mir später erzählt, was ihr passiert ist. Sie tut mir sehr leid.”
Die junge Drow sah wieder zu ihm hoch und Joro war von dem intensiven, klaren Blick in ihren strahlend gelben Augen überrascht.
„Das sollte sie nicht. Illivara mag auf den ersten Blick wie eine haßerfüllte Person wirken, aber sie hat eine Seite an sich, die nur wenige sehen. Vor ihrem...Unglück war sie selbst bei den Unterreichdrow eine gefragte Künstlerin, sowohl als Malerin als auch als Dichterin. Was ihr geschehen ist, ist eine Sache, aber was in ihr wohnt...”, sie hielt kurz inne, „Du warst auch bei der Neujahrsfeier, oder?”
Joro nickte.
„Dann kannst du dich auch noch an das Lied erinnern, das wir gesungen haben?”
„Ja, das war wirklich schön.”
Irruit sagte eine Weile nichts und Joro verstand.
Der Bischof blickte nach vorne, wo Omareth und Alystin zeitgleich sprechend und gestikulierend eine Unterhaltung auf zwei Ebenen führten.
„Irruit?”
„Ja?”
„Die Probleme zwischen Alystin und Omareth haben aber doch hoffentlich nichts mit Illivara zu tun? Ich hoffe daß diese Frage nicht zu privat ist.”
Die Drow lachte leise.
„Macht die Rune eigentlich auch, daß du immer sagst, was du denkst?”
Er wurde ein wenig rot.
„Nein, nicht notwendigerweise, ich denke, daß das nur eine Eigenheit von mir ist. Ich mache mir Sorgen, weißt du?”
„Schon gut, ich verrate es keinem, der es nicht ohnehin schon weiß. Nein, ich glaube nicht, daß das ein Faktor ist. Allerdings weiß ich es auch nicht genau, Illivara ist ja in der Enklave und Omareth ist hier und ich weiß nicht, inwiefern die beiden miteinander kommunizieren. Wenn das Portal im Kloster fertiggestellt ist wird alles wieder ein wenig einfacher.”
„Wessen Idee war das eigentlich?”
Die Reaktion, die Joro darauf bekam überraschte und bestürzte ihn. Irruit zuckte zusammen und machte reflexartig eine abwehrende Geste.
„Darüber darf ich nicht reden, Eminenz...”
„Schon gut, ich frage nicht weiter. Ich dachte mir schon, daß das ein größeres Problem ist, als das von irgendwem zugegeben würde”, er hielt kurz inne, „Mit wem kann ich denn darüber reden, ohne daß es zu einem noch größerem Problem wird?”
„Hat die Hohepriesterin irgendetwas darüber gesagt?”
„Nur, daß ich nicht fragen soll, was mit ihrer Stellvertreterin passiert ist.”
Irruit schluckte merklich.
„Dann rate ich dringend davon ab, irgend jemanden zu fragen, Joro.”
Wohl merkend, daß das letzte Thema die Unterhaltung getötet hatte, beschloß Joro, erst einmal die Klappe zu halten und weiterzumarschieren und Irruit war anzumerken, daß sie darüber glücklich war. Im Verlaufe des Nachmittags begannen sie allerdings wieder damit, ein wenig zu tratschen, und dieses Mal über unverfänglichere Themen wie Kleidung, Essen und die Tatsache, daß sich Irruit schon seit geraumer Zeit einen Freund wünschte, aber als Novizin war das extrem schwierig, nicht nur weil sie andauernd beschäftigt war, sondern auch weil sowohl Alystin als auch Illivara bei den jungen Männern der Enklave für ihre Strenge gefürchtet waren.
„Ich glaube kaum, daß Alystin etwas dagegen hätte, solange du nicht deine Pflichten vernachlässigst, Irruit.”
Sie nickte, aber machte zeitgleich ein seufzendes Geräusch.
„Das ist nicht das Problem. Es ist eher, daß die Jungen in meinem Alter alle so furchtbar unreif sind.”
Joro erinnerte sich an ein Gespräch mit einer etwa vier Handspannen großen Drow, das mehrere Monate zurücklag. Er erzählte das Irruit und sie mußte lachen.
„Das war eine meiner Cousinen. Und sie hat recht, an der Situation ändert sich auch dreißig Jahre später nicht viel, die meisten von uns sind bis zu ihren sechzigsten Geburtstag ohne Partner. Jungen brauchen ein wenig länger als Mädchen, wenn du verstehst, was ich meine.”
Der Bischof mußte grinsen.
„Das ist bei Menschen auch nicht anders.”
Gegen Abend machten sie, schon in Sichtweite des Passes, an einem kleinen Bach halt und sehr zu Joros Erleichterung waren Alystin und Omareth wohl endlich auf der selben Ebene angekommen. Kurz bevor sie angehalten waren hatten sie schlußendlich beide ein lautes Seufzen von sich gegeben und hatten sich dann umarmt. Joro erleichterte das ungemein, und auch Irruit machte einen Laut der Entspannung.
Ein Rabe kam geflogen und setzte sich auf Ghaundars Schulter. Er nahm den Zettel in Empfang und sein Gesicht nahm einen höchst besorgten Ausdruck an.
„Alles in Ordnung, Ghaundar?”
„Ich...nein...Moment.”
Nun sahen auch Omareth und Alystin ein wenig besorgt zu ihm herüber.
„Irgendetwas, das wir wissen sollten?”, fragte Omareth.
Ghaundar begann, in seinen Papieren zu kramen und warf dann mit einem Laut der Frustration einen ganzen Stapel von sich.
„Der 'Große Rabe' ist heute morgen nach Bargum zurückgekehrt. In extrem schlechtem Zustand und mit einer ganzen Reihe Verletzter an Bord. Ich habe drei unterschiedliche Berichte, wie es dazu gekommen ist, und ich glaube keinen einzigen davon, aber trotzdem muß mindestens einer der Wahrheit entsprechen, oder, wenn man davon ausgehen kann, daß zumindest anteilig etwas von allen dreien stimmt, ist es trotzdem Humbug.”
Omareth kniff die Augen zusammen und fragte:
„Erstens: hat es Tote gegeben und zweitens: warum ist das Schiff beschädigt?”
Ghaundar blickte auf.
„Drei meiner besten Männer sind tot, einer hat es nicht einmal zum vereinbarten Treffpunkt geschafft, die anderen sind beim Angriff auf das Schiff verletzt worden.”
„Wer hat angegriffen und wo und wie?”, Omareth klang ein wenig ungeduldig.
„Laut der Nachricht hat eine Gruppe von sechs Schiffen der Legion sie kurz hinter der Grenze zu Hanlar abgefangen. Ohne die Modifikationen, die die Duergar am Schiff durchgeführt haben wären sie abgeschossen worden”, Ghaundars Augen hatten angefangen eine tiefrote Farbe anzunehmen, „und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sechs Schiffe es geschafft haben, durch unsere Beobachtungslinien zu kommen.”
„Sehr hoch geflogen, vielleicht, über den Wolken?”, versuchte Joro zu helfen.
„Möglich, aber unwahrscheinlich. Ich bekomme langsam das Gefühl, daß die ein Geheimnis haben, denn die Schiffe, die im Nordland und in den Bergen unterwegs waren haben wir auch zu keinem Zeitpunkt jemals erfassen können”, die Frustration stand Ghaundar ins Gesicht geschrieben, „Außerdem kann ich mir bei besten Willen nicht erklären, wie sie es geschafft haben, den Raben zu finden.”
Omareth nahm einen Stein vom Boden und warf ihn wütend ins Unterholz.
„Na toll. Jetzt haben wir eine Schwadron Hochelfen direkt vor der Haustür. Ist Bargum in Alarmbereitschaft versetzt?”
„Natürlich, und meine Jungs haben auch sofort Kundschafter ausgesandt, um in großem Bogen um die Stadt herum zu patrouillieren. Aber ein Pferd ist dennoch nur halb so schnell wie ein Luftschiff.”
„Dann müssen wir uns die Frage stellen, ob wir nicht sofort zurück zur Stadt gehen sollen”, sagte Alystin.
„Nein”, gab Joro zurück, „Myelin und die Riesen sind wichtiger. Wir vier, Verzeihung Irruit, fünf werden am Ende nicht das Zünglein an der Waage sein und wenn Myelin stirbt, richtet das mindestens genausoviel Schaden an, wie eine Attacke auf die Stadt, wenn nicht gar mehr. Außerdem ist das Kloster mittlerweile so dermaßen mit Ballisten vollgeladen, daß es für sechs Schiffe trotzdem reiner Selbstmord wäre, das zu versuchen.”
Ghaundar legte den Kopf schief und dachte nach. Dann nickte er und sah Joro mit einem forschenden Blick an.
„Du hast Recht, aber das wirft eine weitere Frage auf: Wissen die das? Wenn sie schon wußten wo der Rabe war, müssen sie Informanten in der Stadt haben, und das vielleicht sogar sehr in meiner Nähe.”
„Möglich, aber jetzt akut uninteressant, oder?”
Der Assassine nickte ein weiteres Mal und meinte dann:
„Das bedeutet also, daß sie es auf etwas oder jemanden anderes abgesehen haben. Die Frage ist was oder wen.”
„Hmmm. Entweder die Herden der Hirten, oder...”, weiter kam sie nicht, denn sie hörten alle ein sehr bekanntes Geräusch. Ein Sirren, gepaart mit dem Ächzen und Knacken von Holz und Tauen.
„Sssussun!”, Omareth sprang auf und starrte gen Himmel, nur um von Alystin und Ghaundar sofort wieder zu Boden gerissen zu werden. Joro und Irruit ließen sich ebenfalls sofort auf den Boden fallen, der Bischof kippte dabei den stets neben dem Feuer stehenden Eimer mit Wasser auf die Flammen.
Über ihnen glitten sechs Schatten in Richtung Norden auf den Paß zu, mit ungewohnt langsamer Geschwindigkeit. Als Joro nach oben lugte, packte ihn eiskalte Überraschung. Die Geräusche und ein Schatten waren da, aber die Schiffe selbst waren nicht zu erkennen, es war nur ein Flimmern in der Luft.