Der Prophet, Teil 2
Der Prophet, Teil 2
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 11 Teile geteilt.
'Unsichtbar', gestikulierte er, aber Alystin schüttelte den Kopf und gab 'Tarnung' zurück.
'Wir müssen sofort zum Paß', fuchtelte Ghaundar hektisch, 'ich glaube wir wissen alle, was die hier wollen.'
Sie ließen ihre Ausrüstung liegen, griffen nur ihre Waffen und hasteten dann im Schatten der wenigen Bäume und Büsche hinter den Schiffen her.
Kapitel 14
Alystin hatte leise zu singen begonnen und das hielt sie bei Atem. Joro war überglücklich, daß er sich angewöhnt hatte, seine Rüstung auf Reisen immer solange anzubehalten, bis Wachen eingeteilt worden waren, denn sonst hätte er sich jetzt Vorwürfe machen müssen. Über ihnen waren, wenn er das richtig einschätzte, über zweihundert Legionäre und das war schon gefährlich genug.
Die Schiffe bewegten sich sehr langsam und je näher sie dem Paß kamen desto mehr verbreiterten sie ihre Formation.
„Die suchen”, flüsterte Joro.
„Das Selbe wie wir, da bin ich mir sicher”, stimmte Ghaundar zu.
Ungefähr eine halbe Stunde später waren sie am Fuße des Passes und die Schiffe über ihnen waren zu einem Halt gekommen, wartend.
„Klapp' dein Visier runter, Joro”, sagte Alystin und nachdem er das getan hatte, senkte sich eine Halbkugel der völligen Finsternis über die Gruppe. Er war dankbar, daß Balthasar dafür gesorgt hatte, das magische Dunkelheit kein Hindernis für ihn darstellte und so bewegten sie sich schnell und zielsicher durch den steilen Bergpfad. An den Augen seiner vier Begleiter konnte er sehen, daß sie ebenfalls keine Probleme hatten, durch den übermächtigen Schatten zu sehen, der leicht zinnoberrote Schimmer über ihren Pupillen zeigte, daß sie ihre Dunkelsicht benutzten, distinkt unterschieden vom blutroten leuchten, daß für Zorn sprach.
Kurz bevor sie die Mündung der Schlucht erreichten, erscholl ein Krachen über ihnen und Irruit wich in letzter Sekunde einer zu Boden stürzenden, mannslangen Planke aus.
Ein weiteres Krachen erscholl und eine Wolke von Splittern raste zu Boden.
Ghaundar war als Erster am Ausgang der Schlucht angelangt und warf sich sofort blindlings auf die Erde. Einen Bruchteil eines Wimpernschlages später brach über ihnen die Hölle los, als alle sechs Schiffe gleichzeitig ihre Geschütze abfeuerten. Zwei Dutzend feurige Linien zogen sich über den Himmel und nach wenigen Augenblicken hörten sie eine ganze Kette von Explosionen, gepaart mit einem unglaublich lauten, tiefen und wütenden Aufschrei aus mehreren Kehlen. Joro kam ebenfalls am Ende der Schlucht an und warf sich neben Ghaundar auf die Erde.
Keine hundert Schritte von ihnen entfernt standen mehrere gigantische, humanoide Schatten, von denen sich gerade einige zu Boden bückten, um Findlinge von der Größe eines Pferdes aus der Erde zu ziehen und sie dann gen Himmel zu schleudern. Drei der Gestalten wanden sich auf den Boden, während weitere um sie herumstanden und mit großen Fellen Flammen an deren Körpern ausschlugen.
Die Felsen trafen mit gewaltiger Wucht auf die Schiffe und eines von ihnen ging in einer einzigen großen Flamme auf und begann abzuschmieren.
Ghaundar deutete auf die Riesen, die in der vordersten Linie standen.
„Die sind mit Ballistenbolzen gespickt und stehen immernoch. Kein Wunder, daß sie der Legion ordentlich eingeheizt haben, als diese ihre Heimstatt angegriffen hat.”
„Das wird ihnen dieses Mal nicht helfen”, brüllte Omareth über den chaotischen Lärm und zeigte auf die zwei Schiffe am äußersten Rand links von ihnen, „der erste Angriff war ein Ablenkungsmanöver.”
In der Tat waren diese beiden Schiffe damit beschäftigt, sich mit erhöhter Geschwindigkeit hinter die Riesen zu begeben. Von den anderen dreien, die noch still in der Luft standen seilten sich blinkende Gestalten ab, um sich dann in breiter, loser Formation aufzustellen.
„Wenn wir jetzt rennen, können wir zu den Riesen kommen, bevor die Legionäre angreifen”, rief Joro und machte Anstalten, aufzustehen, doch Ghaundar hielt ihn an der Schulter fest.
„Bist du vollkommen von Sinnen? Die werden uns sofort als Feinde ansehen und uns zertrampeln.”
'Celestus?'
'Schon klar, Zeit für das Gegenteil einer Diät.'
Joro sprang auf und bemerkte im Rennen, wie sich in seinem Körper ein widerliches Ziehen in allen Gliedern breitmachte. Dann senkte sich der Boden so schnell vor seinen Augen, daß ihm einen kleinen Moment lang schwindelig wurde. Hinter ihm brüllte Omareth erst Verwünschungen, dann änderte sich sein Fluchen in einen erstaunten Aufschrei.
Zwei Riesen, die in vorderster Reihe standen und gerade wieder Felsen aufgehoben hatten hielten für einen Moment verblüfft inne, als sie fünf zwar deutlich, aber eben auch nicht viel kleinere Gestalten auf sie zurennen sahen. Sie sahen einander kurz fragend an, dann hielten sie die Felsen in Bereitschaft.
Joro war glücklich, daß sein Hammer und sein Schild, genau wie seine Rüstung, mit ihm mitgewachsen waren und außerdem, daß er aufgrund seiner ursprünglichen Körpergröße der tatsächlichen Höhe der Steinriesen immerhin ein wenig nahe kam. Bis zum Bauch ungefähr.
Er hielt seine beiden Hände ausgestreckt und sandte noch ein Stoßgebet zu Celestus, daß der Helm seine Aufgabe erfüllen würde.
„Wir sind Freunde, das da drüben sind unsere Feinde!”, brüllte er und einer der Riesen ließ seinen Findling immerhin ein kleines wenig sinken. Dann wandte er sich wieder den Schiffen zu und schwang seinen Arm in weitem Bogen, was den Stein mit einem ohrenbetäubenden Sausen nur wenige Meter von Joros Kopf durch die Luft fliegen ließ. Der Felsen schlug nur einige Schritte vor den ersten Legionären, die am Boden angekommen waren auf und rollte dann mit einem mahlenden Geräusch über sie herüber.
Der andere Steinriese hatte seinen Stein derweil in Richtung Schiff geworfen und ein weiteres Krachen erscholl, gepaart mit Todesschreien von Legionären deren Seile durch den Treffer gekappt worden waren.
Ghaundar war kurz hinter ihm.
„Die Geschütze müssen jeden Augenblick nachgeladen sein, sag denen, daß sie sich darauf vorbereiten müssen.”
Joro deutete auf die Schiffe und schrie: „Geschütze! Vorsicht!”
Die Riesen mußten ihn tatsächlich verstehen, denn alle nahmen nun die Steine, die sie in der Hand hatten und hielten sie vor sich. Tatsächlich hatte diese Salve einen weitaus geringeren Effekt als die erste, Joro hatte sich hinter seinen Schild gepreßt und sowohl Irruit, als auch Ghaundar hatten ebenfalls dahinter Schutz gesucht. Er blickte sich hektisch nach Omareth und Alystin um, aber diese waren mit langen Schritten an der Riesengruppe vorbei in ein kleines Waldstück auf der anderen Seite des Schauplatzes gerannt.
Als Joro den Kopf wieder hervorstreckte, holten die ersten Riesen schon wieder zum Wurf aus. Ghaundar nahm Irruit beiseite und begann leise und bestimmt auf sie einzureden und der Bischof versuchte, seinerseits etwas zu finden, daß er tun konnte.
Dann gab er dem Assassinen ein Zeichen, daß er in die Mitte der Riesengruppe zu laufen beabsichtigte, was dieser mit einem Nicken quittierte und 'Irruit und ich haben etwas vor' mit einem kalten Grinsen auf seinem Gesicht zurückgestikulierte.
Joro kam sehr schnell zu den drei Riesen, die sich am Boden wälzten, einer davon offensichtlich eine Frau, was aber, wie dem Buch zu entnehmen gewesen war, nur durch die gewaltigen Brüste zu erkennen war.
Die anderen Steinriesen, die um sie herumstanden wollten sich erst in den Weg stellen, doch als Joro „Ich bin Heiler” rief, traten sie vorsichtig zur Seite.
Der Bischof rammte seinen Schild in den Boden, so daß er zumindest prinzipiell zwischen Angreifern und Verletzten stand und ließ sich dann vor dem ersten, stark blutenden Riesen auf die Knie sinken.
'Celestus gib mir Kraft.'
'Ich bin immer bei dir, Joro.'
Seine Hände begannen zu wabern und die sich herabsenkenden Schwaden von Dunkelheit schlossen langsam aber stetig die Wunden des Riesen, eine davon eine Brandwunde von der Größe eines Mittagstisches. Vorsichtig brach Joro die Enden der Bolzen ab, die im Fleisch des gewaltigen Humanoiden steckten und zog sie aus seinem Fleisch, was mit einem Ächzen quittiert wurde, daß ihm seine Zähne vibrieren ließ.
Die anfänglich mißtrauischen Umherstehenden machten alle laute der Verwunderung, dann bellte einer von ihnen einen Befehl, sich des Feindes anzunehmen. Danach deutete er auf die Frau, die am Boden lag und sagte ebenso laut: „Diese. Jetzt.”
Joro deutete einem der Riesen, einen Stein vor den von ihm behandelten Verwundeten zu legen und seiner Aufforderung wurde nachgekommen. Dann nahm er seinen Schild hoch, bewegte sich so schnell er konnte zu der Frau herüber und begann die gleiche Prozedur.
Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, daß Irruit ihr Rapier und einen Linkshänder gezogen hatte und Ghaundar seinerseits seine Dolche in den Händen hatte.
Die junge Drow sah noch einmal zu Ghaundar, und der bestätigte ihren Blick.
Dann öffnete sie ihren Mund und fing an zu singen und eine schwarz-violette Aura umgab die beiden. Mit zunächst langsamen Schritten begannen die beiden, umeinander herumzutanzen, wurden immer schneller und dann bewegten sie sich in einem Wirbel auf die Legionäre zu.
Die Riesenfrau vor ihm war in noch schlechterer Verfassung als der erste Verwundete. Sie atmete nur flach und das Gras um sie herum war mit Blut getränkt. Sie war zwar von keinem der Brandgeschosse getroffen worden, aber zwei Bolzen hatten sie gefährlich nahe des Herzens durchbohrt und es erschien fast wie ein Wunder, daß sie überhaupt noch am Leben war.
'Kannst du sie retten, Herr?'
'Das hängt ganz von ihr ab, sie steht an der Grenze von dieser Welt zur nächsten.' Celestus klang sorgenvoll.
Joro senkte sein Gesicht, wenn es auch von der Maske bedeckt war, so nahe wie möglich an den gigantischen Schädel vor sich herab.
„Du kannst leben, wenn du willst, ich bin hier um dir einen weiteren Tag zu schenken, Schwester.”
Die Augen, beinahe so groß wie ein Bucklerschild, sahen leicht glasig zurück und mit leiser Stimme flüsterte die Riesin: „Bist du der Bote, der mich in die weißen Berge bringen soll?”
„Ich bin der Bote des Gottes der Toten, der er lieber sehen würde, wenn du deine Reise noch nicht antrittst.”
Sie hustete leise und sagte dann:
„Ich kann den Wind in den Klippen hören.”
„Das ist deine Familie, die um ihr Leben kämpft. Sie brauchen dich!”
Die Augen der Riesen wurden klar und die wabernde Dunkelheit um Joros Hände, die sich vorher nicht gerührt hatte, senkte sich nun auch auf ihren Körper.
Als er schließlich die Bolzen aus ihrem Körper entfernt hatte, während eine weitere Salve der Schiffe über die Senke prasselte und einen weiteren der Riesen fällte, schloß sie kurz die Augen, als würde sie einschlafen, oder gar dennoch den Geist aufgeben, aber dann öffnete sie sie wieder und stand langsam und vorsichtig auf. Joro half ihr dabei, so gut es ging, doch das Buch hatte maßlos untertrieben. Die Riesin war kleiner als ihre Artgenossen und maß voll aufgerichtet dennoch mehr als fünf Schritte und selbst im vergrößerten Zustand reichte er ihr gerade einmal bis zu ihrer (gewaltigen, das sollte man noch einmal erwähnen) Brust.
Sie lächelte, was Joro überraschte, und griff dann eine Steinkeule, lang wie ein junger Baum und rief ihren Artgenossen eine Reihe von Befehlen zu, die Joro aufgrund des Lärmpegels nur schlecht verstand.
Die Reaktion der Riesen war allerdings umso eindeutiger. Gut die Hälfte von ihnen griff ebenfalls nach Keulen, die auf dem Boden gelegen hatten und ging dann mit donnernden Schritten auf die Legionäre zu.
Joro hatte einen Augenblick zum Verschnaufen und schaute, hinter seinen Schild geduckt, in die andere Richtung. Von Omareth und Alystin war nichts zu sehen und auch die Hochelfenschiffe waren nirgends zu erblicken.
Was auch immer da ausbaldowert wurde, es konnte nicht sonderlich gut sein.
Derweil hatten Ghaundar und Irruit ihren Reigen der Klingen bis zu den Legionären gebracht und richteten genug Schaden und Ablenkung an, daß die Soldaten der Hochelfen nicht ausreichend vorbereitet waren, als die Riesen sie erreichten.
Die Riesin marschierte in erster Reihe mit, was Joro beinahe als abschätzig gegenüber seinen Anstrengungen ansah, aber er mußte sich noch auf den dritten Riesen konzentrieren, der nicht weit von ihm auf dem Boden lag. Dieser hatte eine ganze Reihe von Brandverletzungen, blutete aber wenigstens nicht.
Auch dieser ließ die Prozedur über sich ergehen, während er Joro die ganze Zeit erstaunt ansah. Der Bischof bekam das Gefühl, daß dieser jünger war als die meisten anderen, allein von seiner Länge her war das anzunehmen, denn Joro war kaum kürzer, soweit er das einschätzen konnte. Als er fertig war und die Wunden geheilt waren, wenn auch Narben zurückblieben, stand er vorsichtig auf und schaute sich erst ein wenig hektisch um und dann zu Joro.
„Wer bist du?”
„Ich heiße Joro und ich bin ein Freund.”
„Warum hilfst du uns? Wir haben keine Freunde.”
„Mindestens fünf”, Joro streckte alle Finger seiner rechten Hand aus, „Und die da oben sind unsere Feinde, genauso wie eure.”
„Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Ja”, der junge Riese wirkte unschlüssig.
„Du weißt nicht, was du tun sollst?”
„Nein. Kannst du meinem Onkel helfen? Ich werde dich beschützen”, er deutete auf den Riesen den die vorletzte Salve niedergestreckt hatte.
Joro konnte sehen, daß sich drei Bolzen durch seinen Kopf gebohrt hatten und er schüttelte traurig den eigenen.
„Nein, ich fürchte für ihn kommt alle Hilfe zu spät.”
Im Halbdunkel konnte er sehen, daß dem jungen Riesen Tränen aus dem Gesicht liefen.
„Dann hilf mir seinen Tod zu rächen”, er nahm eine Keule vom Boden und machte Anstalten, hinter den anderen herzulaufen, aber Joro hielt ihn am Ellenbogen fest.
„Ich habe eine Idee, wie du den Tod deines Onkels rächen kannst, aber wir müssen in die andere Richtung gehen.”
„Aber der Feind ist dort”, der Riese wies mit seiner Keule zum Rest seiner Gruppe.
„Das mag sein, aber zwei der Schiffe sind in die andere Richtung geflogen und können uns jeden Moment von hinten angreifen.”
Der Riese blickte gen Himmel und machte mit der linken Hand eine zählende Geste.
„Du hast Recht, da fehlen zwei”, er wandte sich um und schaute auf den Himmel über dem Waldstück.
„Komm, wir gehen und sehen, was da vor sich geht, zwei meiner Freunde sind bereits in diese Richtung gelaufen und ich kann mir vorstellen, daß die Hilfe brauchen”, Joro nahm seinen Schild auf und ging los. Den dumpfen Vibrationen hinter sich entnahm er, daß der junge Riese ihm folgte.
Auf der anderen Seite des Waldstückes hatten sich Omareth und Alystin, so gut es eben ging, zwischen den Bäumen verborgen und konnten sehen, daß die Schiffe dicht über dem Boden angehalten hatten. An den Vorderstegen bauten die Mannschaften eifrig und eilig etwas auf, das aufgrund der Lichtverhältnisse nicht gut zu erkennen war, die natürliche Dunkelsicht der Drow hatte eine begrenzte Reichweite und sie wollten aufgrund ihrer derzeitigen Körpergröße nicht wagen, näher heranzugehen. Als sie ein stapfendes Rumpeln hinter sich hörte, fuhren beide herum, aber die beiden Schemen, die sich ihnen näherten erkannten sie sofort.
„Du schleichst wie die Axt im Walde, Joro”, grummelte Omareth, aber Alystin sah Joro freudig an.
„Wie groß du geworden bist, mein Bischof.”
Joro überlegte kurz, einen Kommentar bezüglich seines Genitales anzustrengen, aber entschied sich dann aus Taktgründen dazu, das für später aufzuheben.
„Was geht hier vor sich?”, fragte er stattdessen, mühsam ein Grinsen unterdrückend, das sowieso keiner gesehen hätte mit der Maske und so.
„Die bauen irgendwas auf da oben und was auch immer es ist, es bedeutet sicher nichts Gutes”, gab Omareth zurück.
„Und was machen wir jetzt?”
Der junge Riese machte einen Schritt vorwärts, doch wurde dann wieder von Vorsichtigkeit übermannt und trat wieder einen zurück.
„Wir müssen verhindern, daß sie meiner Familie in den Rücken fallen. Mein Onkel...”, der Rest des Satzes verschwand in einem leisen Schluchzen.
Omareth musterten ihn einen Moment lang, dann nahm er ihn beim Arm und führte ihn ein kleines Stück zurück in den Wald. Dann deutete er ihm dort zu warten.
„Kannst du ihm sagen, daß er auf mein Zeichen warten soll und dann beginnen soll, Bäume auszureißen und auf das Schiff zu werfen?”
„Sicherlich”, Joro tat, wie ihm gesagt worden war und der junge Riese nickte, dann wandte er sich wieder Omareth zu, „Hast du einen Plan?”
„Nein. Ich hoffe nur, die eine Weile ablenken zu können, damit die anderen Riesen ihre Attacke zu Ende führen können. Wo wir schon einmal dabei sind, wie läuft es da hinten?”
„Zuletzt waren sie dabei, die Offensive in die eigenen Hände zu nehmen. Ich habe dreien von ihnen wieder auf die Beine helfen können, aber sein Onkel”, er deutete auf den hinter ihnen kauernden Steinriesen, „ist leider gestorben. Drei Bolzen durch den Kopf...”
„Schaut!”, Alystin klang aufgeregt und besorgt.
Über ihnen hatten sich die Schiffe so sehr genähert, daß sie sich gegenseitig berührten. An den Vorderstegen waren Legionäre damit beschäftigt, dicke, mit Haken und Spitzen versehene Taue von einem Schiff auf das andere zu laden und an etwas zu befestigen, was sich jetzt klar als zwei gigantische Ballisten abzeichnete.
Omareth fluchte.
„Das ist es also. Wenn sie die Riesen zu Fall bringen oder behindern können, haben die Infanteristen jede Zeit der Welt, sie in Stück zu hauen. Wir müssen etwas tun!”
Der junge Steinriese hinter ihnen hatte den Tonfall des Generals gut verstanden und deutete fragend auf einen der Bäume in seiner Nähe.
Omareth sah ein paar Mal zwischen ihm und den Schiffen hin und her und zischte dann das Drowäquivalent von „Scheiß drauf!” und nickte.
Des Generals Einschätzung, daß eine Reihe geworfener Bäume kaum mehr als eine Ablenkung sein könnten bewahrheitete sich schnell, denn erstens flogen sie nicht sonderlich weit und zweitens waren sie einfach zu klein und jung, um beim Aufprall auf die Schiffe irgendwelchen bedeutenden Schaden zu verursachen.
„Wenn die nur ein paar Schritte tiefer fliegen würden könnte ich die mit meiner Axt erreichen”, preßte er zwischen seinen Zähnen hervor.
Joro sah hilfesuchend zu Alystin.
„Ein Blitzschlag oder dergleichen?”
Sie schüttelte den Kopf.
„Unsere Göttin hat eine generelle Abneigung gegenüber solchen Machtdemonstrationen, wie sieht es bei dir aus?”
'Hmmm....'
'Ja?'
'Naja, geht so etwas?'
'Sehe ich wie ein Donnergott aus?'
'Du mußt doch irgendwie ein Mittel haben, die Ungläubigen mit deinem gerechten Zorn niederzustrecken, oder?'
'Kannst du mal aufhören, mich mit irgendwelchen Klischees in eine Schublade zu stecken?'
'Irgendetwas?'
Celestus schwieg und Joro war sich nicht sicher, ob er nicht zu weit gegangen war. Also seufzte er, murmelte im Geiste eine Entschuldigung und dachte angestrengt nach, was er als nächstes tun konnte.
Da setzten sich die beiden Schiffe, gänzlich unbeeindruckt von der Gebüschbetankung langsam aber zielsicher in Bewegung.
Omareth gebot dem Riesen Einhalt und deutete in Richtung des Kampfes. Dieser verstand ohne Worte, griff seine Keule und rannte mit donnernden Schritten in diese Richtung.
„Was auch immer jetzt passiert, Joro, wir müssen den anderen Steinriesen helfen. Vielleicht schaffen sie es ja die beiden Schiffe mit Steinen vom Himmel zu holen.
Als die beiden Schiffe über ihnen passierte, fiel Joro beinahe das Herz in die Hose.
Der Grund, warum sie sich insgesamt langsamer bewegt hatten wurde offenbar: Der Rumpf der Schiffe war mit geschwärztem Metall beschlagen, einige der Bäume hatten immerhin die Farbe abgekratzt. Er deutete nach oben und Alystin nahm die Wahrheit mit einem Stöhnen zur Kenntnis, Omareth fluchte nur ein weiteres Mal.
Wieder an der Senke angekommen sahen sie, daß die Riesen unter den Legionären leider weitaus weniger aufgeräumt hatten, als es Joro gehofft hatte. Irruit und Ghaundar hatten sich ein wenig abseits hinter einem Stein verkrochen, die junge Priesterin verband gerade das Bein ihres Mitstreiters.
Als die anderen drei ankamen, der junge Riese stürzte sich nach kurzem Zögern dennoch mit ohrenbetäubendem Brüllen in den Kampf, sah Ghaundar müde zu ihnen auf.
„Die sind nicht dumm, die Hochelfen. Die lassen die Riesen niemals mehr als einen von ihnen gleichzeitig angreifen. Was ist mit den anderen beiden Schiffen?”
Omareth setze an, es kurz und bündig zu erklären, da kamen die beiden metallbeschlagenen Schiffe bereits über die Bäume gesegelt und mit einem Krachen wirbelte das Tau über die Senke.
Es traf und fesselte drei der Riesen mit einem lauten Schnappen. Sofort sprangen die Legionäre in deren Richtung.
Joro, der immernoch ein wenig erschöpft war fühlte wie schon einige Male zuvor gerechten Zorn in sich aufsteigen. Er nahm seinen Hammer vom Gürtel und den Schild vor sich und rannte wie ein Verrückter brüllend auf das Geschehen zu.
Dabei sagte ein kleiner Teil seines Bewußtseins:
'Es tut mir leid, falls ich mich übernommen habe, ich bin verzweifelt, Celestus.'
'Ich weiß. Mach dir keine Sorgen.'
Omareth und Alystin sprangen hinter ihm her, jeder aus den eigenen Gründen fluchend und nach weniger als zwei Minuten brachen sie in die Menge der auf die Riesen einhackenden Legionäre. Diese hatten nicht damit gerechnet und es gelang sowohl Joro als auch Omareth, mehr als ein Dutzend zu töten, bevor dieser überhaupt bemerkten, was vor sich ging. Die Kommandanten der Legion begannen Befehle zu brüllen und als die Legionäre sahen, wer da angriff erscholl ein Schlachtruf und die stürzten auf die drei Angreifer zu.
Sie befreiten die am Boden liegenden Riesen von den Legionären und Omareth kappte die Taue mit einigen, schnellen Axthieben.
Derweil drehte sich Joro zur anstürmenden Legion um, legte seinen Schild eng vor sich an den Körper und griff seinen Hammer so hart, daß er merkte, daß ihm das Blut aus den Fingern floß.
„Alystin?”
„Ja, mein Joro.” Sie stand auf seiner linken Seite hinter ihm.
„Jeder Einzelne, der an mir vorbeikommt stirbt.”
„Natürlich.” Sie begann zu singen und Joros Körper füllte sich mit Wärme und Kraft. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, daß Omareth auf seiner anderen Seite Stellung bezogen hatte.
Er schloß noch ein letztes Mal die Augen und brüllte dann „CELESTUS!!!” als die ersten Wurfspieße auf seinen Schild prasselten.
Was genau danach geschah konnte er später nur in Bruchstücken zusammensetzen. Eine endlose Explosion von Schmerzen auf seinem linken Arm, ein immer schwerer werdender Hammer in der rechten, Schläge gegen seine Knie und ein Stich in einen seiner Füße, der ihn fast fallen ließ, hätte Alystins Gesang den Schmerz nicht schnell abgemindert.
Er konnte sehen, daß sowohl sie als auch Omareth mehrfach getroffen wurden, aber beide hielten sich ebenfalls auf den Füßen.
Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, daß die drei Riesen, denen sie geholfen hatten mit ihnen in einer Reihe kämpfen und regelmäßig Findlinge anhoben und dann einfach wieder ein Stück weiter fallen ließen. Sie bluteten aus Dutzenden Schnitt- und Stichwunden, aber waren dennoch scheinbar gänzlich unberührt von den Schmerzen.
Innerlich erwartete Joro jede Sekunde daß entweder ein Legionär eine kritische Stelle in seiner Rüstung finden würde oder daß die Riesenballisten auf den beiden gepanzerten Schiffen wieder feuern würden.
Aber mit einem Male riß ihn ein Knall aus der Trance, der laut genug gewesen sein mußte, als daß man ihn in Bargum hörte.
Die Legionäre vor ihm waren für einen Moment vor Schreck wie erstarrt und in diesem Moment sprang Ghaundar über seinen Kopf und begann wie ein Sturm aus Klingen in ihrer Mitte zu wüten. Omareth und Alystin zogen ebenfalls an ihm vorbei und nutzten den Moment der Verwirrung zu ihrem Vorteil.
Es dauerte nicht lange, dann erscholl ein zweites Krachen, dem ersten in Lautstärke in nichts nachstehend und Joro wandte sich verwundert um.
Beide Schiffe hatten mannshohe Löcher in ihren gepanzerten Seiten und in einem der beiden Fahrzeuge vermeinte er eine wage humanoide Gestalt aus purem Feuer erblicken zu können.
Joro drehte sich wieder um und sah, daß die Legionäre begonnen hatten zu flüchten, die Riesen hatten an allen Stellen die Gunst der Stunde genutzt, jeden einzelnen Hochelfen in ihrer Reichweite niederzustrecken.
Was darauf folgte, kann man nur als Gemetzel beschreiben. Es krachte noch drei Mal und am Ende drifteten alle fünf Schiffe in Flammen davon, zwei von ihnen schlugen nicht weit vom Kampfschauplatz in die Erde.
Als der letzte Legionär sein Leben ausgehaucht hatte, war es vollständig Nacht geworden, aber die Senke war überall von hellen Flammen erleuchtet.
Zu Joros Überraschung waren sie alle fünf wieder geschrumpft und als sich dann plötzlich die versammelten Riesen in ihre Richtung bewegten fühlte er zum ersten Mal kalte Angst in sich aufsteigen.
In wenigen Momenten waren sie umringt und die sechs bis sieben Schritte hohen Gestalten blickten nur stumm auf sie herab.
Eine Weile lang geschah nichts, doch dann trat die Riesin zwischen ihren Reihen hervor und beugte zu Joro herab.
„Du bist kleiner, als ich das in Erinnerung habe, Freund.”
„Größe ist oft genug eine Frage der Geisteshaltung, Freundin.”
Ihr Gesicht veränderte sich zu einem strahlenden Lächeln.
„Ich kann mich erinnern, daß du mich „Schwester” genannt hast. Ich denke, daß du es dir verdient hast, mich so zu nennen”, ihr Blick schweifte zu den Drow und für einen Moment überzog ein Schatten ihre Miene, „Und jene sind deine Familie?”
Joro sah zu den anderen herüber. Omareth und Ghaundar hatten beide eine Reihe schmerzhaft aussehender Schnittwunden und Irruit war am Rande des Kollaps. Eine Woge von Mitgefühl durchströmte ihn.
„Ja, diese sind wahrlich meine Familie. Alle vier.”
Die Riesin zögerte einen Moment, dann lachte sie ein erderschütterndes Lachen.
„Ich habe heute mehr unglaubliche Dinge gesehen als in meinem ganzen Leben zuvor. Also warum sollten nicht die Schwarzhäute mit einem Menschen eine Familie bilden dürfen”, sie hob einen Finger an die Stirn, „ich grüße euch, Brüder und Schwestern.”
Omareth und Alystin gaben den Gruß zurück, Irruit stand schwankend, das Rapier auf den Boden gerichtet, den Linkshänder wer weiß wo und Ghaundar versuchte seinen Arm zu heben, aber machte sofort einen Schmerzlaut und fiel auf sein Knie. Alystin sprang sofort zu ihm und legte ihn vorsichtig auf den Boden.
Joro blickte wieder zur Riesin hoch.
„Mein Name ist Joro.”
„Meiner ist Zir. Kümmere dich um deine Familie, ich werde die meine versorgen.”
Einer der Riesen machte einen Laut und alle anderen fuhren herum.
Der Bischof sah in die gleiche Richtung und konnte eine Gruppe vertrauter Formen erkennen, die langsam und sehr vorsichtig auf die Versammlung zumarschiert kam.
Einige der Steinriesen hoben ihre Keulen, aber Joro rief: „Nein! Das sind Verbündete!”
Zir sah ihn zweifelnd an.
„Die Ratten gehören ebenfalls zu deiner Familie?”
„Ähhh, entfernte Cousins...”
Es dauerte ein paar Momente, Zir im Wesentlichen zu erklären, wer da im Anmarsch war und warum es eine Gute Idee war, entgegen ihres Vorschlages Steine auf deren Köpfe zu werfen.
Es überraschte Joro, daß die Steinriesen keineswegs etwas von der etwas dumpfen, langsamen Art der Orcs hatten. Ganz im Gegenteil waren sie ausgesprochen schnell im Denken und auch wenn es der Riesin anzusehen war, daß ihr die Situation nicht gefiel ließ sie sich dazu überreden, ihn erst einmal mit den Duergar zu reden, bevor auch nur ein einziger Stein flog. Stattdessen machten sich die Riesen daran, ihre gefallenen einzusammeln und sich um ihre Verletzten zu kümmern. Wohlgemerkt abseits von Joro und den Duergar.
An der Spitze der Kolonne marschierten Torkum und ein anderer Duergar, der in die dickste Rüstung gehüllt war, die er jemals gesehen hatte. Es schien fast so als liefe dort ein zu klein geratener Festungsturm aus Metall vor den anderen Soldaten.
Die Kolonne hielt, als Joro nur wenige Schritte vor ihnen angekommen war abrupt an, als der Turm seine rechte Hand hob, ein wenig unbeholfen, wie er bemerkte.
Torkum salutierte straff und dann nahm der Turm den Helm ab.
Es war Myelin.
„Oh Götter, was ist nur mit dir geschehen mein Junge?”, sie watschelte auf ihn zu, wobei sie auch ihre gepanzerten Handschuhe von sich warf und legte ihm vorsichtig die Hände auf die Arme. „Ich habe mich ein wenig geprügelt”, gab er mit einem müden Lächeln zurück, „Sehe ich das richtig, daß wir unsere Rettung in höchster Not dir und den Truppen des tapferen Königs zu verdanken haben?”
Sie sah einmal an ihm auf und ab und als sie mit dem Resultat zufrieden war, nickte sie eifrig und zeigte auf eine Gruppe von etwas abseits stehenden Gestalten, die in Roben aus Kettengeflecht mit eisernen Gesichtsmasken gerüstet waren.
„Ich habe mir, wenn man einem gewissen Herren glauben darf, die „Unverschämtheit” geleistet, eine Gruppe von Elementaristen mitzunehmen. Man weiß ja nie, wann man die einmal brauchen kann und mein Leib- und Magengatte hatte sich in den Kopf gesetzt, eine Waffe zu erfinden, mit der diese verfluchten Dinger von Himmel geholt werden können”, sie grinste, „Er ist ja so süß, wenn er sauer ist.”
Joro sah sie fragend an und sie deutete einem der Duergar, nach vorne zu treten. In seinen Händen hielt er ein Rohr, das beinahe doppelt so lang war wie er selbst und ein glockenförmiges Gebilde an einem Ende aufwies. Seine Stimme klang blechern hinter der Maske.
„Eine Elementarschleuder. Man sperrt ein niederes Feuerelementar ein, füttert es, bis es kurz vorm Platzen ist und macht dann das andere Ende auf.”
„Den Rest kann ich mir denken. Genial.”
„Natürlich”, gurrte Myelin, „Mein kleiner, dicker König wurde schon genial geboren.”
Torkum deutete auf die Riesen.
„Problem?”
„Nein, ich glaube, daß wir gerade so etwas wie einen Pakt mit denen geschlossen haben.”
Der Marschall zog eine Augenbraue hoch.
„Was? Mit den zu groß geratenen Stalagmiten da?”
„Richtig und ich erwarte, daß ihr euch benehmt, ich will keinen Zwist aufkommen lassen.”
Der Duergar setzte an, etwas zu sagen, aber Myelin war mit einem Mal vor ihn gehuscht, insoweit der Klumpen Metall an ihrem Körper das zuließ, und hatte ihm den Finger auf den Mund gelegt. Dann wandte sie sich Joro zu.
„Ich bin als Botschafterin nach Bargum berufen und nur allzu bereit, dir so weit zu helfen, wie es in meiner Macht steht, mein Herz. Wir marschieren direkt weiter, wollt ihr uns begleiten?”
Der Bischof sah zu den vier Drow herüber, die immernoch damit beschäftigt waren, sich gegenseitig wieder auf Vordermann zu bringen und dann zu den Riesen, die damit begonnen hatten, einen Haufen Steine aufzuschichten, von dem Joro vermutete, daß sie ihre Toten darunter bestatteten.
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, ich bin hier noch nicht fertig. Wenn du in Bargum ankommst, berichte dem Fürsten bitte alsbald, was hier geschehen ist. Ich werde so schnell ich kann zurückkehren.”
Sie zog ihn zu sich herunter und gab ihm einen Schmatz auf die Wange.
„Gut, dann sehen wir uns in Bargum. Du mußt mir unbedingt dieses Kloster zeigen, von dem ich schon so viel gehört habe, hach, ist das alles aufregend...”
Die Kolonne der Duergar setzte sich klimpert und krachend wieder in Bewegung und Joro ging zurück zu den Drow.
Ghaundar lag immernoch auf dem Boden, jetzt mit einem dicken Verband um seinen linken Arm.
Die anderen drei sahen ein wenig bekümmert zu ihm herunter, er war entweder bewußtlos oder schlief.
„Wie schwer hat es ihn erwischt?”
„Hat ziemlich viel Blut verloren”, preßte Omareth mit schmerzerfüllter Stimmer hervor, „aber er wird es überleben, das war nicht das erste Mal.”
Alystin saß müde dreinblickend neben dem Assassinen auf der Erde, ihre Hände schwarz von getrocknetem Blut. Was man natürlich nicht sehen konnte.
Sie sah zu Joro auf und fragte:
„War es das wert?”
Joro hörte etwas und schaute zu den Riesen herüber. Einer von ihnen kam mit langen Schritten auf sie zugelaufen.
„Das werden wir wohl gleich wissen.”
Es stellte sich heraus, daß es der junge Riese war.
„Ich heiße Nor. Meine Mutter hat mich gebeten, euch zu uns herüberzubitten, ich kann auch diesen dort tragen, wenn es notwendig ist.”
Joro übersetzte und auch wenn Alystin erst dagegen zu sein schien zuckte sie am Ende nur müde mit den Schultern.
Der Griff mit dem Nor Ghaundar anhob war auf so eine seltsame Art zärtlich, daß Joro beinahe gelacht hätte, aber er behielt es bei sich.
Als sie schließlich zu den versammelten Steinriesen hinübergehumpelt waren, wartete Zir bereits mit ernster Miene auf sie.
Sie ging wortlos einen donnernden Schritt auf Joro zu, dann griff sie ihn und hob ihn vorsichtig auf ihre Schulter.
Die anderen Riesen stimmten einen summenden Singsang an.
„Dieser hat mit uns geblutet.”
Das Summern nahm einen kurzen Moment eine höhere Lautstärke an.
„Dieser hat für uns gestritten.”
Es wiederholte sich.
„Dieser hat seine Familie für die unsere riskiert.”
Ein erneutes Aufklingen des Summens und je ein Riese trat auf die restlichen drei Drow zu und ergriff einen von ihnen.
Für einen Moment durchfuhr Joro ein Stich und er fürchtete, daß entweder Alystin oder Omareth sich zur Wehr setzen würden, aber er sah, daß sie beide verstanden, was hier geschah.
Die drei Riesen setzten sich die Drow ebenfalls auf die Schultern während das Singen sich fortsetzte.
„Diese haben uns am Ende unseres Pfades zur Seite gestanden und sollen auf dem kommenden Pfad eine Stimme besitzen”, fuhr Zir fort.
Das Summern wurde um ein weiteres Mal lauter und änderte seine Tonlage. Joro hätte schwören können, daß die Erde unter ihren Füßen vibrierte und nicht nur aufgrund der lauten Stimmen der Steinriesen.
„Sag mir nun, Joro, Kind der Erde, welchen Pfad du gehen willst”, sie wandte ihren Kopf in seine Richtung.
Er klappte sein Visier hoch und sah ihr lange in die Augen, die einen merkwürdigen Glanz annahmen, als sie sein Gesicht erblickte.
Dann klappte er es wieder herunter, zeigte auf einige tote Legionäre und sagte:
„Diese haben uns verfolgt und meine Familie angegriffen.”
Das Summen nahm kurz einen disharmonischen Ton an, dann wurde es wieder homogen.
„Diese haben sich geschworen, alle zu töten, die sich ihnen nicht unterwerfen.”
Wiederum eine Dissonanz, gefolgt von Normalität.
„Ich habe mir selbst geschworen, meine Familie zu verteidigen oder bei dem Versuch zu sterben. Ich bitte euch, mir dabei zu helfen.”
Dieses Mal endete das Summen abrupt und Zir sah einmal in die Runde.
„Wir haben drei weitere unserer Familie verloren. Diese”, sie wies auf einen toten Hochelfen, „sind ums weitere Mal der Grund. Wir gehen diesen Pfad mit dir, Kind der Erde, von jetzt an bis zum Ende des Weges, welches auch immer dieser sein mag.”
Die anderen Riesen stießen einen kurzen, summenden Laut aus, dann herrschte Stille und nun konnte Joro sehen, daß die Erde nicht nur wirklich vibriert hatte, sondern daß nun ein schwaches Licht aus ihr aufstieg. Es sammelte sich um den Steinhaufen, unter dem die Toten lagen und stieg dann gemächlich gen Himmel, um sich dort zu verflüchtigen.
Für einen kurzen Moment konnte er einen bekannten Schemen in der Mitte der Lichtsäule schweben sehen und in seinem Kopf herrschte ein Gefühl von überwältigender Zufriedenheit.
Kapitel 15
Sie überholten schon am frühen Morgen die Dunkelzwergkolonne, wie es schien heilten die Wunden der Steinriesen sehr schnell und sie brauchten auch ausgesprochen wenig Schlaf.
Myelin wurde kurzerhand ebenfalls aufgehoben und mitgenommen, natürlich gegen den schärfsten Protest Torkums, aber nachdem sie ihn vor seinen versammelten Soldaten einen alten Brummbär genannt und ihm in die Wange gekniffen hatte, machte er grummelnd eine Handbewegung, daß sie seinetwegen tun sollte, was sie wollte und fügte noch hinzu, daß er das dem König mitteilen werde, was Myelin zum Anlaß nahm, ihm noch eine ganze Reihe von Liebeserklärungen mit auf den Weg zu geben. Torkum wandte seine persönliche Eskorte um und erteilte dem Rest von Myelins Begleitung den Befehl, im Eilmarsch nach Bargum zu gehen.
Joro war, wie auch die Drow, in Zirs Arm eingenickt und wachte erst auf, als Myelin ihm lachend einen guten Morgen wünschte und sich darüber ausließ, wie doch alles so spannend war.
Er sah müde zu Alystin herüber und sah, daß sie immernoch schlief, genau wie die anderen vier. Umso erstaunter war er, als er Myelin in scheinbar akzentfreier Riesensprache mit dem Steinriesen, der sie trug zu sprechen begann. Dieser war für einen Moment überrumpelt, doch dann ließ er sich auf ein Gespräch mit ihr ein. Das Visier heruntergeklappt mußte Joro feststellen, daß es zwischen Essensbereitung bei den Riesen bis hin zu Stein- und Felsqualität so ziemlich alles umfaßte, das er gerade uninteressant fand, aber er war dem Riesen dankbar, das er Myelin beschäftigte.
Stattdessen nahm er die Gelegenheit zum Anlaß, Zir auszufragen.
Sie erklärte ihm recht schnell, daß die Reputation ihres Volkes teils der Richtigkeit entsprach und teilweise sogar von ihnen gefördert wurde. Die Steinriesen hatten über Jahrtausende mit Konflikten leben müssen, die immer wieder auftraten, weil andere Bergvölker ihnen ihren Lebensraum streitig machten. Ihre Einstellung gegenüber Duergar war besonders negativ, wobei sie es sich nicht verkneifen konnte zu erwähnen, daß sie jemanden wie Myelin niemals erwartet hätte.
Es lief am Ende darauf hinaus, daß sie einfach nur in Ruhe gelassen werden wollten und wenn das hin und wieder einen Stein auf dem einen oder anderen Haupt als Konsequenz nach sich ziehen mußte, dann war das dem guten alten Bild vom Eier zerschlagen zum Kuchen backen zuzuordnen.
Joro erzählte ihr seinerseits in kurzer Form, was ihm alles passiert war und das eine oder andere Mal hob sie eine Augenbraue.
Als er fertig war, schwieg Zir eine Weile, bis sie dann ihren Kopf zu ihm wandte und fragte:
„Das soll ich dir alles glauben?”
Er zuckte mit den Achseln.
„Ich glaube das manchmal selbst nicht. Aber die Rune auf meinem Hals hindert mich am Lügen.”
Sie sah forschend auf seine Kehle und lächelte dann.
„Ein mächtiges Dweomer, das kann ich sogar als Laie erkennen. Du sagst, daß jeder deines Volkes ein solches trägt?”
„Nun ja, nicht jeder Mensch, aber diejenigen, die in diesem Lande geboren werden, zumindest jene in den ländlichen Regionen tragen alle die Rune.”
„Das gefällt mir. Glaubst du, daß diese auch bei uns funktioniert?”
Er drugste einen Moment herum, doch dann sagte er:
„Man müßte wohl ein größeres Brandeisen herstellen, aber ich glaube schon.”
Sie lachte eine dröhnendes Lachen, was bei den anderen Riesen für amüsiert fragenden Blicke sorgte.
„Du hast einen schönen Sinn für Humor, Joro. Vielleicht können wir das ja gemeinsam herausfinden.”
Schon gegen Nachmittag war in der Ferne das Kloster in Sicht und Myelin kommentierte, daß es wohl keine bessere Form des Reisens gäbe, besonders für jemanden der von den Göttern mit so verflucht kurzen Beinen geplagt worden sei, natürlich Verzeihung für die Blasphemie aber die Mühe sei nun einmal eine Wirklichkeit.
„Wenn sie nicht bald die Klappe hält, stopfe ich ihr eine meiner benutzten Socken in die Röhre”, zischte Omareth ein paar dutzend Schritte von Joro entfernt.
„Schön zu sehen, daß deine Lebensgeister zurückkehren, Omareth”, sagte der Bischof mit einem Grinsen.
„Die Geister kannst du aus dem Spiel lassen, keiner von uns wird in der kommenden Woche sonderlich viel Zeit oder Lust haben herumzutollen oder tanzen zu gehen.”
Was vermutlich richtig war, Joro hatte bemerkt, daß schon wenige Stunden nach dem Kampf sein Körper eine Rechnung für den erlittenen Schaden ausgestellt hatte. Es war ein Segen, getragen zu werden, denn er konnte sich vorstellen, er an sämtlichen Gliedern ein interessantes blau/rosa/violettes Mosaik zu erwarten hatte, wenn er endlich seine Rüstung abnahm.
Aber erst standen wichtigere Dinge an.
„Zir, ich muß dir ein paar wichtige Fragen stellen, bevor wir in der Stadt ankommen.”
„Frag nur.”
„Ich muß wissen, was ihr eßt.”
Die Frage verwirrte die Riesin sichtlich.
„Essen.”
„Fleisch, Gemüse, Wurzeln und dergleichen?”
„Ja, natürlich, was dachtest du denn, vielleicht Steine?”
Die anderen Riesen lachten.
„Dann nehme ich auch an, daß ihr einen Riesenappetit habt?”
Der Witz verlief im Sande, denn die Antwort war ein trockenes:
„Das ist treffend ausgedrückt, ja.”
Joro sah sich um und zählte zwanzig. Ein jeder würde vermutlich für zehn Personen essen und die Vorräte der Stadt hätten somit auf kurze Sicht ein Problem. Dennoch, das war es wert und sie würden zur Erntezeit abmarschieren. Es galt also nur, die Zeit bis dahin zu überbrücken.
„Eine zweite Frage: stimmen die Legenden, daß ihr über Jahrhunderte hinweg im Streit mit den Hirtenvölkern gelegen habt? Es gibt da die Geschichte vom Hirten...”
„Die Geschichte kennen wir auch, auch wenn sie von uns aus einer anderen Perspektive erzählt wird und der Riese der Held ist. Wie dem auch sei sind diese Legenden unwahr. Mit einem oder zwei Stämmen der Hirten hat es in der Vergangenheit eine gute und freundschaftliche Handelsbeziehung gegeben, daran kann ich mich sogar noch erinnern. In gewisser Art und Weise sind wir verwandte Seelen, auch wenn keine Seite das zugibt.”
Das erleichterte den Bischof gewaltig. Er beschloß bei Ulfr zu sehen, ob dort jemand die Sprache der Riesen sprach, denn das würde helfen.
„Dann gibt es nur noch eine Frage. Habt ihr euch mit einem Geas belegt?”
Zir sah ihn fragend an, doch dann leuchteten ihre Augen auf.
„Der Pfad ist das, was du Geas nennst. Wir gehen ihn bis ans Ende.”
„Wie viel Zeit habt ihr, um den Pfad zu gehen?”
„Das liegt daran, wie der Pfad beschrieben ist, Kind der Erde.”
„Wie ist er denn beschrieben, du mußt verzeihen, aber ich weiß darüber nichts.”
„Unwissen ist keine Schande. Du hast deinen Wunsch ausgesprochen und wir haben ihn zu unserem eigenen gemacht. Es wird dauern, so lange es dauert, aber wir werden ihn gehen.”
Eine weitere Welle der Erleichterung wallte durch Joro und er merkte, daß er immernoch sehr müde war.
Zir bemerkte dies und ließ ihre Hand vorsichtig über ihn streichen.
„Ich wecke dich auf, wenn wir den Rest deiner Familie treffen.”
Joro wachte in Schlafgemach des Bischofs auf, und der erste Ärger darüber endete in dem Augenblick, in dem er versuchte, eine seiner Gliedmaßen zu bewegen. Die Nerven in seinem Arm schrien nach Erlösung, als er versuchte seine Hand zu heben. Mit einem Ächzen wandte er seinen Kopf nach links und sah, daß Alystin dort, immernoch schlafend, ebenfalls in seinem Bett lag.
Besser als gar nichts.
Er mußte wohl gestöhnt haben, denn vom Stuhl, der unweit des Bettes stand sprang ein besorgt dreinblickender Marinus auf und eilte zu ihm herüber.
„Wie geht es Euch, Eminenz?”
Joro schluckte. Selbst das tat weh.
„Ich kann mich an eine Fülle von Situationen erinnern, in denen meine körperliche Verfassung weitaus besser war, als zu diesem Zeitpunkt.”
„Ihr habt zwei angebrochene Knochen im rechten Bein und eure beiden Arme sind jeweils eine einzige Prellung. Ohne die Rüstung wäret ihr sicherlich heute nicht hier.”
„Wenn ich mich recht erinnere war die am Ende reichlich verbeult, ja.”
„Die Schmiede im Schloß sind gestern Abend noch höchstpersönlich hier erschienen und haben sie abgeholt. Sie haben darauf bestanden, sie augenblicklich zu reparieren und mehrfach betont, daß sie dafür nicht bezahlt werden wollen, was mich ehrlich gesagt ein wenig verwundert hat...”
Joro versuchte zu lachen, aber seine Magenmuskulatur hatte Einwände.
„Niemand Geringeres als ihr König hat sie angefertigt. Das muß für sie eine Ehrenfrage darstellen”, er hielt kurz inne, „Wie geht es den anderen und vor allen Dingen: was ist mit den Riesen?”
Marinus machte eine beruhigende Geste.
„Herr Omareth und Herr Ghaundar liegen im Stadtschloß in ihren Betten und der Fürst hat seinen Leibarzt bereitgestellt. Fräulein Irruit ist nebenan in einem Gästezimmer einquartiert und Bruder Jost kümmert sich um sie, außer einer etwas tieferen Schnittwunde am Arm hat sie von allen am wenigsten ertragen müssen, was sie Herrn Ghaundar hoch anrechnet.”
„Und die Steinriesen?”
Der Totengräber kratzte sich am Kopf.
„Das war eine etwas problematische Situation, in die wir da geraten sind. Die Stadtwache hat Alarm geschlagen, als Eure Entourage in Sichtweite kam und ist mit zwei Kompanien ausgerückt. Als sie vor der Stadt versammelt waren und losmarschieren wollten, kamen mit einem Mal drei- oder vierhundert Hirtenkrieger an und haben ihnen gedroht, daß es zu Ausschreitungen kommen würde, falls auch nur einer seine Waffe gegen die Steinriesen erhebt.”
Joro stöhnte, sowohl aus physischen, als auch psychischen Gründen.
„So haben die beiden Gruppen vor dem Tor gestanden und sich gestritten”, fuhr Marinus fort, „bis die Riesen mit einem Male da waren. Was dann geschah war ein Wortschwall, der vermutlich in die Geschichte eingehen wird.”
„Mit anderen Worten: sie sind auf eine gewisse Botschafterin gestoßen.”
„Richtig. Königin Myelin hat sie derart mit Worten zugedeckt, daß am Ende alle zwangsläufig geschwiegen haben. Die Hirten haben die Riesen dann mit zu sich genommen und Olgerich hat mir berichtet, daß er noch am selben Abend einen Antrag des neuen Hauptmannes für die Einführung eines Waffenscheines für „Mundwerk” auf den Tisch gelegt bekommen zu haben.”
„Die Frau ist eine Waffe...”
Marinus' Gesicht verzog sich.
„Olgerich hat darauf bestanden, daß sie im Kloster einquartiert wird. Heute Morgen gab es zwischen ihr und Franz ein Handgemenge, das mit einer großen Menge blauer Flecken, einem ausgeschlagenen Zahn und zwei überglücklichen Personen in der Küche geendet hat. Zumindest hat sie eine Aufgabe für sich entdeckt und Franz kann sie scheinbar gut leiden.”
„Da haben sich zwei gefunden, was...”
Der Totengräber legte den Kopf schief.
„Wie man es nimmt. Auf der einen Seite haben wir leider wieder größere Mengen an Essen zu erwarten, auf der anderen Seite hat die Königin nicht nur darauf bestanden, für alle Armen in der Stadt zu kochen, sondern hat wie es scheint auch bereits dafür gesorgt, daß ihr Ehemann Essensvorräte nach Bargum schickt. In der Zukunft werden wir wohl eine Menge Pilze essen, wenn ich ihren Ausführungen glauben darf.”
Joro zuckte nur innerlich mit den Achseln, äußerlich wagte er das nicht.
„Besser als nichts, mit den Riesen als Neuzugang können wir nicht einen einzigen Bissen ablehnen.”
Marinus nickte zustimmend.
„Wenn Ihr Euch sonst nicht am Rande des Todes fühlt, würde ich mich jetzt gerne zurückziehen, um meinen Aufgaben nachzugehen, Eminenz.”
„Kein Problem, aber warte einen Moment”, Joro machte eine Kopfbewegung in Richtung Alystin, „Was ist mit ihr?”
„Sie hat sich selbst einen Trank verabreicht, von dem mir der Apotheker versichert hat, daß er sie lange und heilsam schlafen läßt. Zudem hat sie eine Portion davon für Euch bereitgestellt, von der sie sagte, daß Ihr selbst entscheiden sollt, ob Ihr sie trinken wollt.”
Schlafen erschien derzeit die einzig sinnvolle Alternative und mit Marinus' Hilfe schluckte er das dickflüssige, bittere Zeug.
Als Joro erwachte war seine Blase so derart gefüllt, daß er keinen Ausweg sah, als zu versuchen aufzustehen. Zu seiner freudigen Überraschung waren die Schmerzen fast vollständig aus seinen Glieder verschwunden, nur sein Bein gab in seiner Schiene ein widerlich pochendes Gefühl von sich. Er griff einen Gehstock, der neben sein Bett gestellt worden war und humpelte ins Badezimmer, um sich dort zu erleichtern.
Was auch nach einer Phase des Abschwellens irgendwann möglich war.
Er bewegte sich vorsichtig ins Schlafzimmer zurück und zu seiner großen Erleichterung wandte Alystin ihr Gesicht in seine Richtung.
Ihr rechtes Auge war stark geschwollen und auf ihrer Stirn hatte sie eine große Stelle, die vollständig von Schorf bedeckt war, aber sie lächelte.
„Na, mein Invalide? Wie geht es dir?”
„Ich fühle mich wie Albrecht, ohne den Vorteil nicht fühlen zu können oder tot zu sein.”
Sie kicherte leise und deutete mit einer Kopfbewegung auf den Platz neben sich.
„Wir sollten dringend noch mindestens eine ganze Nacht miteinander schlafen.”
Das taten sie, jeder für sich und doch in Geist und Herz vereint.
Als sie schließlich nach einer weiteren Nacht erwachten konnten sie beide zumindest wieder halbwegs auf eigenen Beinen stehen.
Einer der Totengräber kam mit einem Tablett mit Essen vorbei und zum ersten Mal fand Joro die Klingelschnur in diesem Zimmer nicht dekadent. Sie saßen und aßen, während draußen die Sonne langsam über den Horizont kroch.
Alystin hatte immernoch tiefe Ränder unter den Augen, aber hatte gute Laune.
„Das nächste Mal wenn du einen deiner Einfälle hast, darfst du wieder alleine losziehen, Joro.”
Er lächelte.
„Du kommst doch sicherlich sowieso wieder hinter mir her.”
Sie gab ein übertrieben lautes Seufzen von sich.
„Wenn keiner auf dich aufpaßt heiratest du noch irgendwann eine Riesin.”
„Glaubst du, daß Zir...?”
Alystin lachte und verschluckte sich beinahe an dem Schluck Tee, den sie versucht hatte zu trinken.
„Von den rein physischen Problemen, die ihr sicherlich auch klar sind, glaube ich kaum, daß da etwas zu erwarten ist, Joro”, ihre Augen senkten sich ein kleines Wenig zu einem Blick, den Joro nur zu gut kannte, „Außerdem könnte sie das so oder so nur über meine Leiche tun.”
„Dein Blick grenzt an Mißhandel von Kriegsversehrten, Alystin.”
Sie kicherte, „Keine Sorge, es ist nur eine Absichtserklärung, aber mehr als bluffen kann ich derzeit leider nicht mit meiner Kondition vereinbaren.”
Nach einer Weile des gemeinsamen Gackerns aßen sie gut gelaunt ihr Frühstück zu Ende. Beide waren ausgesprochen durstig gewesen und hatten deshalb einen der Totengräber kommen lassen müssen, um einen großen Krug Wasser herbeizuschaffen.
Schließlich ließen sie sich erschöpft beide wieder ins Bett sinken und begannen einzudämmern.
Joro nuschelte noch „Lust hätte ich ja eigentlich schon”, was Alystin mit „Halt die Klappe und schlaf dich aus” quittierte.
Kapitel 16
Nach drei Tagen, in denen es ihnen beiden immer besser ging, waren sie endlich wieder soweit bei Kräften, daß ein Verlassen der vier Wände des Schlafgemaches auf den Plan rückte. Joro humpelte natürlich immernoch, aber mit dem Gehstock ging es und der behandelnde Totengräber mit Namen Jost versprach ihm, noch vor dem Ende der Woche die Schiene abnehmen zu können.
Alystin machte sich sogleich in die Apotheke auf, um nach Brauchbarem zu suchen, daß vor allem ihr Gesicht wieder herstellte, soviel Eitelkeit gab sie offen zu, während Joro sich direkt in den Tempel bewegte, um dort lange und intensiv seine Dankbarkeit gegenüber Celestus auszudrücken, was von höherer Stelle mit einem fröhlichen 'Keine Ursache' kommentiert wurde. Sollte ihm Recht sein.
Nach zwei Stunden kam er dann wieder in den Innenhof und war mit einer Szene konfrontiert, die er nicht erwartet hätte.
Die Kräne waren verschwunden, stattdessen standen vier Steinriesen im Innenhof und schichteten mit einer Geschwindigkeit Steine auf die Mauern, die den Steinmetzen und Maurern Schwierigkeiten bereitete, diese auch entsprechend schnell zu plazieren.
Einer der Riesen nickte ihm freundlich lächelnd zu, während er in jeder Hand drei Steine von der Größe eines Wandschranks vorsichtig auf die Stellen warf, wo sie einmal Zinnen werden sollten.
„Deren Präzision ist umwerfend”, grunzte einer der Steinmetze, der in Joros Nähe stand und wischte sich mit einem durchnäßten Tuch eine weitere Ladung Schweiß von der Stirn.
„Ich glaube, daß sich jeder König ein paar von ihnen zum Burgbau wünschen würde”, gab der Bischof mit einem Lächeln zurück.
„Wohl wahr... wohl wahr...”
Im anderen Hof war das Tageswerk auch im vollen Gange, mit dem Unterschied, daß vor der Klosterküche eine etwa zwanzig Schritte lange Tafel aufgestellt war, vor der eine lange Schlange von Bürgern Bargums stand. Hinter der Tafel wirbelte ein Schemen, der nur knapp über die Kante des Tisches reichte hin und her und trug Essen auf einfache Holzteller auf.
Joro vermied es, auch nur in die Nähe zu kommen. Ein direktes Aufeinandertreffen mit Myelin hätte eventuell zu einer Verschlechterung seiner mentalen Gesundheit geführt.
Stattdessen ging er zurück zum Hauptportal und in die Eingangshalle des Klosters, um nach Marinus zu sehen.
Dieser war wie immer über seinen mittlerweile auf zwei große Eichentische gewachsenen Arbeitsplatz gebeugt und machte eine freundliche Willkommensgeste.
„Wie ich sehe, seid Ihr wieder auf den Beinen, Eminenz.”
„Danke, es geht mir soweit wieder gut. Hat der Fürst nach mir geschickt?”
„Nein, er hat ausdrücklich gesagt, daß er warten wird, bis Ihr euch erholt habt. Gleiches gilt für die Hohepriesterin.”
„Kannst du eine Meldung zu ihm schicken, daß ich beabsichtige, heute Abend im Kabinett beizusitzen?”
„Darum werde ich mich umgehend kümmern. Gibt es sonst noch etwas, mit dem ich Euch helfen kann?”
Joro kratzte sich am Kinn.
„Ich hätte ehrlich gesagt eine Frage.”
„Sicher, was wollt Ihr wissen?”
„Wie zum Henker hast du eigentlich die Kraft für alles das hier?”, er deutete auf Berge von Papierarbeit.
Der Totengräber lächelte verschmitzt.
„Erstens eine gute Organisation, zweitens ein Blick für das Wesentliche und drittens ein Talent fürs Delegieren, gepaart mit einem anderen, das es immer so aussehen läßt als hätte ich alles selbst getan.”
Joro starrte ihn kurz verblüfft an, dann lachten sie beide.
„Gut, dann weiß ich das auch”, sagte der Bischof und ging darauf zu seiner Amtsstube.
Dort angekommen ließ er sich mit einem erleichterten Ächzen auf seinen Sessel nieder und bemerkte, daß trotz der allgemein verbesserten Verfassung dennoch von längeren Fußmärschen abzuraten wahr, wie es aussah. So wenig er es mochte, er würde wohl am Abend eine Kutsche zum Schloß nehmen müssen, aber das konnte Marinus sicherlich auch delegieren.
Er blickte über die erneut gewachsenen Stapel an Papierkram und machte sich dann mit einem Seufzen an die Arbeit.
Am Abend, als er mit Alystin in die Kutsche zum Schloß stieg hatte sich sein Bein wieder stärker gemeldet und sie hatte ihm eine Tinktur aus Weidenrinde gegeben, die den Schmerz auf ein erträgliches Niveau reduzierte.