Die Liebe des Ulanen 2: Napoleons letzte Liebe

Karl May · Kapitel 15 von 16 · Teil 3/3

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Die Liebe des Ulanen 2: Napoleons letzte Liebe

15. Kapitel

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Sie schüttelte missbilligend das schöne Köpfchen. »Ich mache Ihnen keine Vorwürfe«, sagte sie; »aber ich beklage Sie und alle Ihre Standesgenossen, welche von derartigen Anschauungen und Herkömmlichkeiten abhängig sind. Doch sehe ich ein, dass Sie den Vorwurf der Feigheit auf keinen Fall auf sich laden dürfen. Darf ich wissen, auf welche Weise Sie in diesem Falle die Demütigung des Grafen vornehmen würden?«

»Das weiß ich selbst noch nicht; es wird dies durch die gegebenen Umstände bestimmt werden.«

»Wird es durch Schrift oder Wort geschehen?« »Vielleicht.«

»Oder gar durch die Tat?«

»Auch das ist möglich, vielleicht noch eher möglich als das Andere. Sie schwieg und blickte sinnend zum Fenster hinaus. Noch immer hielt er ihre Hand in der seinigen. Da drehte sie sich rasch herum, gab ihm auch die Linke und sagte, indem sie den Kopf näher zu ihm neigte: »Werden Sie mir eine Bitte, eine recht eigentümliche Bitte erfüllen und mir sie auch nicht anders deuten als sie gemeint wird?«

Es war ein höchst unangenehmes Gefühl, welches ihn überschlich. »Ich glaube, diese Bitte erraten zu können«, sagte er. »Aber leider wird es mir unmöglich sein, sie zu erfüllen.«

»Nein, Sie erraten sie nicht, und bei nur einigem guten Willen wird es Ihnen gar nicht schwer werden, mir diese Liebe zu erweisen.« Liebe – dieses Wort hatte sie ausgesprochen. Es wurde ihm so warm, so weit, so eigentümlich und unbeschreiblich im Herzen. »Sie wollen für Ihren Cousin um Schonung bitten?«, fragte er zagend. »Nein, o nein! Wie könnte ich dieses tun! Wie könnte ich einen Wunsch aussprechen, mit dessen Erfüllung Ihre Ehre beleidigt würde!« »So sprechen Sie, Mademoiselle.«

»Ja, ich will wagen, zu sprechen. Bitte, handeln Sie in dieser Angelegenheit so, dass das Bild, welches Sie Ihrer Mama von sich zurückgelassen haben, nicht getrübt werde! Das ist meine Bitte. Und nun sagen Sie mir, ob Sie mir zürnen oder ob Sie mir verzeihen können.«

»Jetzt, nun verstehe ich Sie vollkommen«, antwortete er, und aus seinem halblauten Tone klang es wie Glück und Jubel heraus. »Ich Ihnen zürnen? O nein und tausendmal nein. Ich werde zwar so handeln, wie ich auf alle Fälle gehandelt hätte; aber ich habe von Ihnen ein Geschenk empfangen, so kostbar, so wertvoll, dass ich es gegen Schätze und Reichtümer nicht vertauschen würde.«

»Ein Geschenk?«, fragte sie ahnungslos.

»Ja, ein großes, kostbares Geschenk, welches Sie mir freiwillig darbringen, ohne es zu wissen. Mademoiselle, Sie haben mit Ihrer Bitte aufrichtig zu mir gesprochen; darf ich ebenso aufrichtig gegen Sie sein?« »Ja, Monsieur, sprechen Sie!«

Sie nickte ihm dabei so freundlich und aufmunternd zu, dass er Mut fasste. »Sie haben das Bild meiner Mutter gesehen«, begann er. »Sie ist ein Engel an Schönheit gewesen, aber auch ein Engel an Reinheit und Herzensgüte.« »Ich bin davon überzeugt, Herr von Königsau.« »Mein Vater war ein tüchtiger Offizier, offen, bescheiden, aber kenntnisvoll, schneidig und sogar verwegen. Als diese Beiden sich zum erstenmale sahen, fühlten sie sofort, dass sie sich für das Leben angehörten. Glauben Sie, dass die Liebe so stark, so mächtig und – so schnell sein kann?«

Sie senkte errötend das Köpfchen und antwortete sehr leise: »Fast glaube ich es.«

»Werden Sie auch glauben, dass mein Vater dann beim ersten Beisammensein der Mutter von seiner Liebe gesprochen hat?« »Sie sagen es, und da muss es ja wahr sein.«

»Werden Sie das nicht für eine Verwegenheit von ihm erklären?« »Ich habe keinen Maßstab für solche Vorkommnisse, Herr Leutnant; aber ich denke, wer eine wirkliche und wahre Liebe, die keine Täuschung enthält, im Herzen trägt, der muss auch die Erlaubnis haben, von ihr sprechen zu dürfen.«

»Sie meinen doch die Erlaubnis, zur Geliebten sprechen zu dürfen?«

»Ja. Es ist besser, er erfährt gleich in der ersten Stunde, dass seine Liebe erhört werden kann oder eine vergebliche sei, da ihm in dem letzteren Falle wohl noch die Möglichkeit bleibt, sie zu bekämpfen.« »Da ist aber vorausgesetzt, dass die geliebte Person auch gleich in der ersten Stunde einen Eindruck empfangen hat, der es ihr möglich macht, über ein so großes Glück oder ein so schweres Wehe zu entscheiden.« »Ist dies nicht stets der Fall, Monsieur?«, fragte sie. Diese Frage brachte einen solchen Sturm von Gefühlen in ihm hervor, dass er eine volle Minute schweigend verharrte, ehe er antwortete: »Ich glaube, ja, es ist dies meistenteils der Fall. Und nun will ich Ihnen sagen, dass auch ich die Stimme des Herzens gehört habe, von welcher Sie vorhin sprechen wollten, aber nicht weiter sprachen. Es ist das gekommen so schnell und unerwartet; es hat mich das überfallen so hell und blendend wie ein mächtiger, gewaltiger Sonnenstrahl, der in die Tiefe dringt, und dann regen sich Millionen und aber Millionen unbekannte Triebe, um hinauszustreben und hinauszuwachsen in das Reich des Lichtes und der Wonne.« Er hatte langsam und mit Innigkeit gesprochen. Noch immer hielt er ihre Hände gefasst, die sie ihm noch nicht entzogen hatte. Sie schwieg; aber es war ihm, als ob er diese weichen, warmen Händchen leise, leise beben fühle.

»Und Sie fragen nicht«, fuhr er fort, »wer diese Sonne ist, deren Strahl so mächtig, so schöpferisch in mein Herz gedrungen ist?« »Wie dürfte ich fragen?«, sagte sie nach einer Pause des Zögerns. »Sie dürfen! Ja, Sie sind es, welche es am Ersten und am Meisten darf. Soll ich Ihnen es sagen, Mademoiselle Ida?«

Sie wendete das Köpfchen langsam zur Seite.

»Bitte, bitte! Darf ich?«, wiederholte er mit dringlicher Innigkeit. »Sprechen Sie«, hauchte sie, so dass er es kaum hören konnte. »Es gibt eine Sage, dass Gott immer zwei Seelen zur Erde sende, welche zu einander gehören. Sie nehmen Wohnung in menschlichen Körpern, welche näher oder entfernter von einander wohnen; aber wenn sich diese beiden Menschenkinder begegnen, so erkennen sich die Seelen und bleiben von nun an bei einander für das ganze Erdenleben.« »Welch' eine schöne Sage!«, flüsterte sie.

»Sie fiel mir ein, als ich heute bei Ihnen Zutritt nahm. Ich sah da zwei Augen auf mich gerichtet, zwei Augen von wunderbarer Tiefe und Milde, so rein und innig, wie ich noch keine je gesehen hatte. Aus diesen Augen blickte mir es entgegen wie ein treuer Gruß aus einer anderen Welt; ich fühlte, dass ich hier meine Seele gefunden habe, welche mir ihr Willkommen entgegenstrahlte. Habe ich mich geirrt, Mademoiselle?« Sie war von einer tiefen Bewegung ergriffen. Ihr Busen wogte, und ihr Atem wurde hörbar. Sie hatte seine Worte bereitwillig angehört, sie entzog ihm ihre Hände nicht, aber sie wagte nicht eine Antwort zu geben. »Soll ich vergebens fragen?«, fuhr er fort. »O bitte, bitte, sagen Sie mir, ob ich mich geirrt habe oder nicht.«

Er neigte das Ohr zu ihr nieder, um ihre Antwort besser zu vernehmen. Er lauschte längere Zeit vergeblich; da aber klang es endlich, kaum hörbar: »Kann denn ich das wissen?«

»Ja, Sie allein können es wissen, Sie und keine Andere, denn Sie sind es ja, aus deren Augen mir dieser Gruß entgegenFlutete. Sie sind es, zu der mich meine Seele zieht. Sie sind es, die mir vorkommt wie eine fleischgewordene Verheißung unendlichen Glückes und unendlicher Seeligkeit. Ihr Blick ist es gewesen, welcher mir in das Herz gedrungen ist wie ein übermächtiger Sonnenstrahl. Und nun ist jeder Puls meines Herzens, jeder Zug meines Atems und jede Faser meines Innern eine Frage an Sie, ob es so wahr ist, ob Sie mein Licht, mein Sonnenstrahl und meine Seele sind.« »O Gott«, flüsterte sie; »kann ich denn antworten? Darf ich antworten? Was soll ich Ihnen sagen?«

»Nur das, was Sie selbst fühlen, nichts Anderes.« »Und doch kann ich nicht sprechen«, hauchte sie in holder Verwirrung. »Das kommt so schnell, so ungeahnt. Das ist so unbesiegbar, so gewaltig und macht mir doch so bang und bringt mir Angst und Furcht.« Er sah zwei große Tropfen in ihren Augen stehen. Die echte, wahre Liebe ist unüberwindlich. Er zweifelte nicht an seinem Glücke; aber er begriff die gewaltige Aufregung, welche seine Worte in dieser reinen, bisher so ruhigen Mädchenseele hervorbringen mussten. Nicht Leid und Weh, sondern dieser Sturm des Herzens war es, welcher die Tränen emporgetrieben hatte, dass sie nun als Perlen an den Wimpern glänzten, beredte Zeugen einer Gemütstiefe, welche noch andere Schätze bergen musste als nur diese Perlen. Es wurde ihm so wunderbar zu Mute. Es wäre ihm unmöglich gewesen, die Aufregung der Geliebten zu benutzen, um sich einen Beweis der Zärtlichkeit zu erlauben. Die Nähe einer reinen unbefleckten Seele wirkt heiligend.

Er hielt nur immer noch ihre Hände in den seinigen und sagte bittend und in beruhigendem Tone: »Sie können sprechen, Ida! Haben Sie nicht Angst und Furcht! Es ist mir, als stehe meine Mutter neben uns und höre ein jedes meiner Worte. Ich spreche aus der tiefsten Tiefe meines Herzens zu Ihnen, aber ich habe die Kraft, die Pforte dieses Herzens augenblicklich zu schließen, wenn Sie meine Worte nicht hören wollen. Ich würde unendlich traurig von Ihnen scheiden; aber ich würde das Bewusstsein mitnehmen, zwar aufrichtig gewesen zu sein, Sie aber nicht gekränkt zu haben. Nur diese lieben, lieben Händchen will ich halten; nur in Ihr Auge will ich blicken, und Ihre Stimme will ich hören. Können Sie mich lieben, so bin ich selig und unendlich beglückt; aber ich werde nichts, nichts weiter von Ihnen verlangen und erbitten als nur dies eine Wort, welches zwischen uns entscheidet. Ich werde meinem Beruf folgen und in die Fremde gehen; ich werde das Andenken an Sie und meine gute Mutter mitnehmen als das Doppelgestirn, zu dem ich voller Dank und Ehrfurcht emporblicke, und dann, wenn ich zurückkehre und Sie die Überzeugung gewonnen haben, dass ich Ihrer würdig bin, dann erst werde ich mir eine süße Gabe von Ihnen erbitten, eine Gabe, welche mir bisher nur von der Mutter wurde – einen Kuss, den ersten Kuss der Liebe.«

Da plötzlich entzog sie ihm die Hände. Schon glaubte er, sie beleidigt zu haben; aber er sah den eigentümlich seligen Blick, mit welchem sie ihre Augen groß und voll auf sein Antlitz richtete.

»Dann, nach so langer Zeit erbeten Sie den Kuss?«, fragte sie. »Ja«, antwortete er.

»Und jetzt genügt Ihnen das Wort, dass ich die Ihrige bin?« »Genügen? Ida, welch ein Wort! Die Überzeugung, dass Sie mir gehören wollen, wiegt ja alle Schätze der Erde auf.«

Das vorhin so ängstliche Mädchen war plötzlich ganz anders geworden. Die Liebe ist allmächtig. Ein süßer, unwiderstehlicher Drang trieb Ida, die Arme um den Hals des Geliebten zu legen. Sie schlang sie um seinen Nacken, legte das Köpfchen an seine Brust und flüsterte: »Hier hast Du diese Schätze, und hier hast Du auch den Kuss, nicht nach Jahren, sondern bereits heute!«

Und ehe er es sich versah, fühlte er ihren warmen Mund an seinen Lippen. Er legte voller Wonne die beiden Arme um sie, erwiderte den Kuss und fragte: »Ist es wahr, Du Liebe, Du Reine, Du liebst mich wirklich?« »O, wie sehr, wie innig!«, hauchte sie.

»Und kennst mich doch erst nur diese zwei Stunden.« »Sagtest Du nicht selbst, dass die Liebe so mächtig, so unwiderstehlich – so schnell sei?«

»Ja, das sagte ich, denn ich hatte es an mir selbst erfahren. Und Dir ist es ebenso ergangen?«

»Ganz so wie Dir, Geliebter. Die Sage von den beiden Seelen ist wahr.« »Sie ist wahr. Die Seelen haben sich gefunden, und nun sollen sie nicht mehr zwei sondern eine Seele sein.«

So standen sie, innig an einander geschmiegt, am Fenster beisammen, bis Kunz von Goldberg und Hedwig herbeitraten. Wie anders war Ida als Hedwig, und doch waren Beide Schwestern. Und doch fühlte auch Goldberg sich beglückt. Die letzten Worte der schönen »Unbezähmbaren« hatten ihm Hoffnung gemacht, dass sein Herzenswunsch sich doch noch erfüllen werde.

»Ah, Vorstudien!«, sagte er munter.

»Wieso?«, fragte Gebhardt, indem er sich zwang, auf seinem Gesichte nichts von dem Glücke, welches ihn beseligte, merken zu lassen. »Du stehst mit Deiner Dame am Fenster und zählst die Sterne. Das soll in der Wüste noch viel leichter und interessanter sein. Ist nicht der Sirius dort dreimal so groß wie hier bei uns der Mond?«

»Das glaube ich kaum; aber in meinem ersten Briefe, den Du erhältst, werde ich Dir darüber eine ganz genaue Auskunft erteilen.« »Ich hoffe es. Jetzt hätten wir auch keine Zeit zu so himmlischen Betrachtungen, denn da kommt die gnädige Frau zurück.« Die Gräfin trat wieder ein, und gleich darauf wurde gemeldet, dass angerichtet sei. Nun während der Tafel erst brachte die Dame des Hauses das Gespräch auf ihr Lieblingsthema, auf das Reisen und die Erforschung fremder Continente und Länder. Sie war auf diesem Gebiete außerordentlich belesen und hatte sich geographische Kenntnisse angeeignet, welche man nicht gewöhnt ist, bei einer Dame zu finden. Gebhardt konnte ihr treulichst secundieren, was sie in ein wahres Entzücken versetzte. Und als er nun gar sich innig vertraut mit den Erlebnissen von Gérard, dem Löwenjäger, zeigte, da hatte er ihre vollständigste Zuneigung sich erobert.

»Sonst sind die Deutschen große geographische Ignoranten«, meinte sie. »Wie kommt es, dass Sie eine so rühmliche Ausnahme machen?« Gebhardt hütete sich, zu verraten, dass er ihrer Behauptung nicht beipflichte, sondern vollständig anderer Meinung sei. Er antwortete: »Ich interessierte mich schon als Knabe für dieses Fach und habe mir wirkliche Mühe gegeben, mir einige Kenntnisse anzueignen.« »Einige? Sie sind sogar sehr gut bewandert, und ich glaube, dass selbst ich nicht viel vor Ihnen voraus habe. Ihre Sprachkenntnisse besitze ich nicht. Sagen Sie, ob Sie auch Arabisch verstehen. Sie brauchen doch dasselbe bei ihrer Reise durch die Wüste.«

»Ich hatte mich bislang noch nicht mit dieser Sprache beschäftigt; aber sobald ich meine gegenwärtige Bestimmung erhielt, habe ich schleunigst ihr Studium begonnen. Wir werden übrigens gute Dolmetscher haben.« »Besuchen Sie mich täglich. Ich werde Professor Grénaux einladen; er ist Lehrer der arabischen Sprache und wird Ihnen nützlich sein können.« Das war außerordentlich viel. Kunz von Goldberg sprach sich ganz verwundert darüber aus, als sie auf dem Heimwege begriffen waren. »Glückskind!«, sagte er. »Wer hätte das gedacht!« »Ich selbst auch nicht«, antwortete Gebhardt.

»Ich kann Dir aufrichtig sagen, dass ich Dich erst für etwas verrückt hielt.« »Als ich der Gräfin meine Meinung sagte?«

»Ja. Das war mehr als verwegen.«

»Hat aber gewaltig imponiert!«, lachte Königsau vor sich hin. »Und dann dieser Graf Rallion. Ich glaube, dass er sich nicht wieder bei der Tante sehen lässt, sobald wir bei ihr sind.«

»Ich hoffe, dass Du mir morgen zu Diensten sein wirst.« »Gewiss. Ich werde zur angegebenen Zeit bei ihm vorsprechen und Dir das Resultat mitteilen. Wie gefällt Dir die Gräfin?« »Sehr gut.«

»Ah, weil Du Hans im Glücke bei ihr gewesen bist. Siehe zu, dass Du es auch ferner bleibst. Und was sagst Du zu den Nichten?« »Hm. Junge Mädchen.«

»Was?«, fragte Goldberg erstaunt. »Junge Mädchen? Weiter nichts?« »Was weiter?«

»Hübsch.«

»So la la!«

»Geistreich.«

»Aber unbezähmbar.«

»Große Erbschaft zu erwarten.«

»Haben sie aber noch nicht.«

»Erlaube mir, Dich nicht zu begreifen.«

»Ist Dir sehr gern gestattet.«

»Erst branntest Du vor Begierde, die Familie kennen zu lernen, und nun ich Dich eingeführt habe, bist Du die personificirte Gleichgültigkeit.« »Hm, ich bin befriedigt!«, antwortete Gebhardt zweideutig. »So so! Wirst Du wieder hingehen?«

»Das versteht sich. Die Gräfin interessiert mich außerordentlich.« »Aber die Nichten weniger. Mensch, Du hast wirklich Fischblut in den Adern. Sage mir übrigens, welcher von den beiden Mädchen Du den Vorzug geben würdest?«

»Ida. Du ziehst natürlich die Unbezähmbare vor.« »Allerdings.«

»Ihr wart heute verteufelt musikalisch.«

»Bitte, nicht zu sticheln. Wir studierten einfach Partituren und Noten.« »Gab es da vielleicht die Partitur einer gewissen Oper, die Zähmung der Widerspenstigen genannt?«

»Du, ist das nicht vielmehr ein Schau- oder Lustspiel?« »Mir gleich, wenn Dir nur die Zähmung gut gelungen ist.« »Vielleicht.«

»Ah, wirklich?«

»Ja. Weißt Du, lieber Freund, ich glaube, dass ich Hedwig bisher doch falsch behandelt habe. Sie ist munter, übersprudelnd, voller Schnacken und Schnurren; ich aber bin stets furchtbar elegisch gewesen.« »Das ist ein Fehler.«

»Der aber von nun an besser gemacht werden soll.« »Wünsche guten Erfolg.«

Die beiden Freunde trennten sich von einander, Jeder erfüllt von der Gewissheit, dass er von der Geliebten träumen werde. Aber der Traumgott ist ein neckischer, schadenfroher Kerl, es beliebte ihm heute, diesen Wunsch weder Goldberg noch Königsau zu erfüllen.

Am nächsten Abende begaben Beide sich wieder zur Gräfin, bei welcher sie versprochener Maßen den Professor fanden. Beide nahmen Königsau so in Beschlag, dass es ihm unmöglich war, mit Ida ein vertrauliches Wort zu sprechen. Erst als nach der Tafel Hedwig, welche eine gewandte Pianistin war, sich an das Instrument setzte, um eine längere Beethovensche Composition vorzutragen, nahm er neben der Geliebten Platz und flüsterte mit ihr, während Beide sich jedoch den Anschein gaben, als ob sie dem Vortrage mit der größten Aufmerksamkeit folgten. Die erste Frage Idas galt ihrem Cousin, dem Grafen. »War Dein Freund bei ihm?«, erkundigte sie sich. »Ja.«

»Abgewiesen, nicht wahr?«

»Nein; aber er hat ihn gar nicht getroffen.«

»Ah, er hat sich Euch durch einen Spaziergang entzogen?« »Nein, sondern sogar durch eine Reise.«

»Das ist ebenso vorsichtig wie feig. Wo ist er hin?« »Nach Genf und dann weiter.«

»Was beabsichtigst Du nun, gegen ihn zu unternehmen?« »Jetzt gar nichts. Es wurde gesagt, dass er erst nach Monaten wiederkehren werde; dann bin ich längst nicht mehr hier. Ich werde mit dieser Angelegenheit also warten müssen, bis auch ich von meiner Reise zurückkehre.«

»Und dann?«

»Dann sollst Du meine Ratgeberin sein, meine Seele.« »Wirklich? Wirst Du auf mich hören?«

»Gewiss, denn ich bin überzeugt, dass Du nichts wünschen wirst, was die Rücksicht auf meine Ehre Dir abschlagen müsste. Wir besitzen seit gestern nur ein Leben und ein Wollen, also hast Du in dieser Angelegenheit ebenso zu entscheiden wie ich.«

Sie drückte ihm voll innigster Dankbarkeit die Hand. So fand er sich täglich bei der Gräfin ein, oft des Tages zweimal, und obgleich er sich nicht direkte Mühe gab, ihr Wohlwollen zu befestigen, schien dasselbe doch von Tag zu Tag zu wachsen. So lange er sich in Paris befand, schrieb er täglich an die Eltern und erhielt auch täglich eine Antwort. Diese Briefe überließ er der Gräfin zur Durchsicht, wodurch sie immer weitere Einsicht in die Verhältnisse seiner Familie erhielt und ein immer größeres Interesse an den Seinigen gewann.

 

So nahte der Tag seiner Abreise immer weiter heran. Endlich war der Aufbruch für übermorgen bestimmt. Er saß des Abends wieder bei der Gräfin, mit ihr über Jagd- und Reiseabenteuer sprechend, während Kunz mit den beiden jungen Damen das hörende Auditorium bildeten. Da unterbrach sich die Gräfin plötzlich im Redeflusse, indem sie fragte: »Ah, was ich vorhin vergaß! Ist kein Brief von Ihren guten Eltern angekommen?«

»Ja, Madame; der letzte, den ich in Paris zu erwarten habe.« »Ist er discreter Natur?«

»Nein gar nicht. Darf ich ihn Ihnen zur Verfügung stellen?« »Ich bitte darum.«

Er gab ihr das Schreiben. Sie setzte die Brille auf, zog die Astrallampe näher und begann zu lesen. Unterdessen unterhielten die jungen Leute sich halblaut miteinander, wobei jedoch Gebhardt die Gräfin scharf aber verstohlen beobachtete.

Da plötzlich, bei einer Stelle, blickte sie über das Papier scharf zu ihm herüber. Sie fixierte ihn eine ganze Weile, ohne dass er tat, als ob er es bemerkte. Ihr Gesicht hatte dabei nach langer Zeit wieder einmal den alten, harten Ausdruck angenommen. Dann sah sie wieder in den Brief zurück um ihn bis zum Ende zu lesen. Als sie fertig war, gab sie ihm denselben zurück, ohne aber, wie früher gewöhnlich, eine ganze Reihe von Bemerkungen daran zu knüpfen. Aber nach der Tafel machte sie ihm die Mitteilung, dass heute einige geographische Werke angekommen seien. Wenn er Einsicht in dieselben nehmen wolle, möge er in ihr Zimmer folgen. Diese Auszeichnung war ihm noch nicht zu Teil geworden. Er folgte ihr. Durch mehrere Räume, und auch die Bibliothek, welche er kennen gelernt hatte, hindurchschreitend, führte sie ihn in ihr Boudoir. Er kannte dasselbe aus der Beschreibung, welche ihm Kunz davon gegeben hatte. Dort bot sie ihm einen Sessel an, während sie selbst nicht Platz nahm, sondern im Raume hin und her schritt, wie es ihre Angewohnheit war, wenn sie von irgendeinem Gedanken oder einer Angelegenheit mehr als gewöhnlich in Beschlag genommen wurde.

»Junger Mann, Sie erwarten, geographische Werke zu sehen«, begann sie; »aber ich gestehe Ihnen, dass ich keine bekommen habe.« Er hatte das geahnt, machte aber doch ein einigermaßen verwundertes Gesicht, als ob er sich die Ursache ihres Verhaltens gar nicht denken könne. »Es war dies nur ein Behelf, mit Ihnen unter vier Augen sprechen zu können. Es betrifft einen wichtigen Gegenstand. Werden Sie aufrichtig mit sich reden lassen?«

»Ich hoffe, gnädige Frau, dass Sie mich kennen –« »Schon gut! Sie selbst aber sind keineswegs aufrichtig mit mir gewesen.« Er tat, als ob er sie nicht recht verstehe; darum fuhr sie fort: »Darf ich mir den Brief Ihrer Mama nochmals erbitten?«

»Gern! Hier ist er.«

Sie nahm ihn, faltete ihn auseinander und sagte: »Ich werde Ihnen einige Zeilen, welche ich hier fand, vorlesen, obgleich Sie dieselben bereits ebenso gut und noch besser kennen als ich. Hören Sie.« Sie las: »Was nun die so hochwichtige Mitteilung betrifft, welche Du uns in Deinem letzten Schreiben machst, so ist mein Mutterherz voller Freude, dass Du gerade in Paris, meiner Vaterstadt, ein Wesen gefunden hast, welches Deiner so sehr wert zu sein scheint und Dich mit seiner Liebe beglücken will. Unserer Zustimmung bedarfst Du nicht. Wir kennen Dich und wissen, dass Deine Wahl eine gute sein wird. Nimm daher unsern Segen und sei mit dem lieben Kinde, nachdem es Dein Weib geworden ist, ebenso glücklich, wie Deine Eltern es durch einander wurden.« Obgleich der Brief weiter ging, las die Gräfin nur bis hierher. Sie gab ihm das Papier zurück, ging einige Male nachdenklich hin und her und begann dann mit einem sehr ernsten Tone: »Geben Sie zu, nicht aufrichtig mit mir gewesen zu sein?«

»Ah, Madame, Sie meinen, weil ich Ihnen nicht dieselbe Mitteilung gemacht habe, welche ich hier meinen Eltern machte?« »Ja. Ich habe zwar kein direktes Recht, eine solche Aufrichtigkeit zu verlangen; aber es hätte mich doch sehr gefreut, sie zu finden.« »So habe ich Sie allerdings sehr um Verzeihung zu bitten!« »Ich verzeihe Ihnen. Aber seien Sie jetzt aufrichtig! Ich glaubte, dass Sie Ihre Heimat verlassen haben, ohne Ihr Herz dort zurückzulassen?« »So war es auch, wenigstens in dem Sinne, welchen Sie meinen.« »Jetzt aber lieben Sie?«

»Ja.«

»Eine Pariserin?«

»Ja.«

»Ich will nicht weiter in Sie dringen, als unbedingt nötig ist. Ist es ein Mädchen aus anständiger Familie?«

»Ja.«

»Ihnen ebenbürtig?«

»Vollständig.«

»Sie erwidert Ihre Liebe?«

»Herzlich.«

»Es ist also keine Vernunftsheirat, welche Sie beabsichtigen?« »Nein, sondern eine Herzensverbindung.«

»Ich beneide Sie!«

Sie blieb stehen und blickte zum Fenster hinaus, welches sie geöffnet hatte. Der Schein des Lichtes erhellte ihr Profil und Gebhardt meinte, dasselbe noch nie so weich gesehen zu haben. Welche Gedanken mochten jetzt durch ihre Seele gehen.

Da trat sie zurück, öffnete ein Pult und zog eine Mappe hervor. Aus derselben nahm sie ein Aquarellportrait und gab es ihm. »Sehen Sie diesen Mann. Kennen Sie ihn?«

Gebhardt ahnte, wer es sei, doch antwortete er, wenn auch wahrheitsgemäß: »Ich habe ihn nie gesehen.«

»Das weiß ich, und dennoch steht er Ihnen nahe, viel näher, als Sie es denken.«

Sie blieb vor ihm stehen, kreuzte die Arme über die Brust, wie es willenskräftige Frauen gern zu tun pflegen, und fuhr fort: »Auch ich war einmal jung; auch ich liebte – diesen da. Mein Vater war Baron, der seinige jedoch ein einfacher Bürgersmann, dessen Vorfahren auf ihr ›Von‹ verzichtet hatten. Man trennte uns. Es war ein Herzeleid. Ich wurde Gräfin Rallion, und er nahm sich auch ein Weib. Wir sahen uns nicht, aber wir vergaßen uns auch nicht. Er war Banquier und wurde der finanzielle Rat meines Mannes. Nun sahen wir uns öfterer. Die alte Liebe erwachte, aber wir mussten uns fremd bleiben. Eins nur habe ich gerettet außer der Erinnerung – dieses Portrait. Es ist mir mehr wert als manches Juwel, welches ich besitze. Er starb. Auch mein Mann starb, und ich wurde Witwe. Ich war reich gewesen, aber nicht glücklich; ich blieb reich, aber auch unglücklich. Da begegnete mir ein Nachkomme dieses Mannes, und sofort erwachte das alte Gemüt und das alte Herz, welches ich tot und verknöchert wähnte. Raten Sie, wer der Nachkomme ist!«

Gebhardt sah sich gezwungen, eine kleine Unwahrheit zu sagen. »Ich habe keine Ahnung«, antwortete er.

»Nicht?«

»Nein.«

»Sie sind es, Sie selbst.«

»Ich?«, fragte er im Tone des höchsten Erstaunens. »Ja, Sie! Sie sehen hier das Portrait von Ihrem Großvater, dem Banquier Richemonte, dem Vater Ihrer Mutter.«

»Ah! Das wäre er? Das wäre er?«, rief er aus. Er hatte es vorher geahnt und das Bild doch nur oberflächlich betrachtet, da seine Hauptaufmerksamkeit auf die Gräfin gerichtet war. Jetzt aber trat er mit dem Bilde näher zum Lichte.

»Ja, besehen Sie sich ihn«, sagte sie. »Er war ein schöner Mann und ist elend zu Grunde gegangen, wie Sie ja wissen. Ich lernte Sie kennen; ich prüfte Sie und war mit Ihnen zufrieden. Wir hatten die gleichen Liebhabereien und Sympathien. Sie waren es wert, und so beschloss ich, Ihr Glück zu machen.«

»Mein Glück?«, fragte er, ziemlich betreten.

»Ja. Oder meinen Sie, dass ich nichts hätte für Sie tun können?« »Gnädige Frau, Sie haben bereits genug an mir getan.« »Ich hatte noch mehr vor, viel mehr und Besseres. Sie haben es mir aber unmöglich gemacht.«

»Wieso, Madame?«

»Durch – ja, durch Ihre so unerwartete Liebe.« »Durch meine Liebe, gnädige Frau?«

»Ja. Ich will aufrichtig sein. Ich wollte Sie verheiraten.« Das hatte er nicht erwartet; er war so überrascht, dass ihm wirklich der Mund für einige Augenblicke offen stand.

»Sie staunen?«, fragte sie. »Es ist dennoch wahr. Sie wissen, dass ich eine Sympathie für weit gereiste Leute hege. Sie gehen nach der Wüste; Sie besitzen Mut und Kenntnisse; Sie werden ein berühmter Mann werden. Das ist es, was mich im Stillen entzückt. Wenn Sie als Capazität wiederkehrten, wollte ich Ihnen das Kostbarste geben, was ich besitze.«

»Was, Madame?«, fragte er, noch immer wie auf Wolken schreitend. »Eine Frau.«

»Alle Wetter! Wen denn?«

»Ich sagte bereits, das Kostbarste, was ich habe, nämlich meine Nichte.« »Sie haben deren zwei.«

»Ich meine Ida, meine stille, gute Ida, welche ich zärtlich liebe, ohne dass ich es mir so merken ließ.«

Er hätte am Liebsten grad hinausgejubelt. Aber die Situation war eine so glückliche und interessante, dass er sich beherrschte. »Ida?«, fragte er. »Comtesse Ida, sagen Sie?«

»Ja.«

»Wären Sie dieser Dame dann auch sicher gewesen?« »Ich bin überzeugt davon.«

»Wusste Mademoiselle Ida von Ihrem Plane?« »Kein Wort. Ich hoffte, Ihre Herzen sollten sich gegenseitig finden.« »Leider kann dies nicht mehr stattfinden«, sagte er im Tone des innigsten Bedauerns.

»Ja, Sie haben Ihr Herz verschenkt.«

»Ida das Ihrige auch.«

Sie machte eine Bewegung des Erschreckens. »Wie? Was sagen Sie? Ida – Ida liebt?«

»Ja.«

»Wen?«

»Einen Offizier, einen Deutschen.«

»Mon dieu! Sie meinen doch nicht etwa Herrn von Goldberg?« »Madame, Sie wissen, dass Goldberg mein Freund ist. Ich werde niemals das Geheimnis eines Freundes verraten.«

»Ah, er ist's, er ist's! Er ist ja noch da! Er ist ja noch anwesend. Kommen Sie, Herr von Königsau, kommen Sie! Ich werde –« Sie wollte forteilen. Es hatte sich ihrer ein außerordentlicher Zorn bemächtigt. Gebhardt ergriff sie bei der Hand. »Bitte, Madame! Warten Sie noch! Ich muss Ihnen sagen, dass –«

»Nichts will ich hören, nichts, gar nichts! Kommen Sie schnell!« Sie riss sich los und eilte fort. Er folgte ihr, innerlich sich die nun folgende Scene bereits ausmalend.

Die beiden Schwestern saßen mit Goldberg am Tische, als die Gräfin die Tür aufriss und hereingestürmt kam. Bei ihrem Anblicke erhoben sich alle drei. Sie erkannten sofort, dass sie sich im Zustande zorniger Aufregung befand.

»Herr von Goldberg, ich habe mit Ihnen zu sprechen!«, rief sie. »Ich stehe zur Verfügung, gnädige Frau«, antwortete er. »Das erwarte ich. Ich verlange von Ihnen, dass Sie mir die volle Wahrheit sagen!«

»Gewiss!« Er hatte nicht die mindeste Ahnung, worüber er überhaupt die reine Wahrheit sagen solle.

Sie stellte sich mit zornig funkelnden Augen vor ihn hin und fuhr fort: »Sie sind ein Verführer!«

Er war wie aus den Wolken gefallen und fragte: »Ein Verführer? Ich? Madame, ich bitte Sie!«

»Ja, ein Verführer sind Sie. Ich habe die Beweise in den Händen!« »Welche Beweise?«

»Sie leugnen noch? Wollen Sie leugnen, dass Sie lieben?« Er fuhr ganz erstaunt zurück. »Ich lieben? Ich, gnädige Frau?« »Ja, Sie! Sie lieben!«

»Wen denn, gnädige Frau?«

»Meine Nichte!«

Der also Interpellierte wusste in dem ersten Augenblicke nicht, wie er dieser Anklage zu begegnen habe; er blickte verwundert auf die Dame, die wie eine Richterin vor ihm stand.

Goldberg ging ein Licht auf. Die Gräfin war mit Gebhardt allein gewesen. Sie hatten miteinander gesprochen, und jetzt kam sie zurück, von Zorn erfüllt. »Ah, Du hast es verraten?«, fragte er den Freund. »Verraten hat es Niemand«, antwortete die Gräfin; »aber erraten hat es Jemand. Ihr Freund ist verschwiegen; er hat mir Ihren Namen nicht genannt; ich aber habe es dennoch erfahren. Wollen Sie noch leugnen?« Er glaubte sich wirklich verraten; er sah ein, dass kein Leugnen helfen könne; darum antwortete er: »Madame, die Stimme des Herzens ist oft übermächtig; es ist ganz –«

»Schweigen Sie von der Stimme des Herzens! Sprechen Sie lieber von der Stimme der Vernunft und Pflicht. Es wäre Ihre Pflicht gewesen, zuvor mit mir zu sprechen. Von einem Ehrenmanne musste ich das erwarten.«

»Ich war ja der Einwilligung von Mademoiselle noch gar nicht sicher!« »Aber jetzt sind Sie sicher?«

»Leider auch noch nicht ganz!«

»Wie, noch nicht ganz?«

»Ich sage die Wahrheit!«

»Ich werde mich überzeugen!«

Sie trat auf Ida zu und forderte diese im strengsten Tone auf: »Wenn er noch leugnet, so hoffe ich wenigstens von Dir, dass Du die Wahrheit sagst. Ich habe das an Dir verdient. Liebst Du ihn?«

Ida war bereits über das von großem Zorne zeugende Hereintreten der Tante höchst erschrocken gewesen. Die jetzige strenge Frage brachte sie um alle weitere Fassung. Sie unterschied in diesem Augenblicke nicht, wer mit dem »Er« gemeint sei, und antwortete voller Angst: »Liebe Tante, Verzeihung!« »Ich will wissen, ob Du ihn liebst!«, wiederholte die Gräfin. »Ja, beste Tante!«

»Und er Dich?«

»Ja.«

»Ihr habt miteinander darüber gesprochen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Am Schlusse voriger Woche.«

»Er hat Dir also seine Liebe in aller Form gestanden?« »Ja.«

Die Gräfin wollte soeben ihrem Zorne einen erneuten Ausdruck geben, als sie hinter sich ein lautes Schluchzen hörte. Sie drehte sich um und sah, dass es von Hedwig kam, welche bleich wie eine Leiche da stand und das Taschentuch an die Augen hielt. »Was ist's mit Dir?«, fragte sie. »Warum weinst Du?«

»O, der Schreckliche!«, schluchzte die Gefragte. »Wer?«

»Dieser Lügner!«

»Ich frage, wer!«

»Leutnant von Goldberg!«

»Warum nennst Du ihn einen Lügner?«

»Weil er auch zu mir von Liebe gesprochen hat.« »Ah! Wirklich?«, rief die Gräfin, jetzt beinahe außer sich vor Zorn.

»Ja.«

»Und Du? Was hast Du geantwortet?«

»Ich – ich – ich –!«

»Heraus damit! Ich will die Wahrheit hören, die volle Wahrheit!« Goldberg hatte ganz perplex dagestanden. Jetzt endlich gelang es ihm, sich zu fassen und zu Worte zu kommen. Er trat rasch heran und sagte: »Gnädige Frau, das muss ein Irrtum sein!«

»Ein Irrtum? Schweigen Sie! Hedwig wird mich nicht belügen!« »Nein, sie lügt allerdings nicht; sie hat die Wahrheit gestanden.« »Nun, was sprachen Sie da von einem Irrtum?« »Ich meine Mademoiselle Ida.«

»Diese? Nun, die lieben Sie ja auch!«

»Keineswegs! Ich begreife gar nicht, wie –!«

»Schweigen Sie!«, unterbrach sie ihn. »Ida hat mir ganz sicher die Wahrheit gesagt. Sie hat mich noch nie belogen!«

»Und doch ist sie dieses Mal der Wahrheit nicht treu geblieben. »Ja, Tante«, stimmte Ida höchst verlegen bei. »Ich habe mich geirrt!« Da schlug die Gräfin die Hände zusammen und rief: »Geirrt hast Du Dich? Herr von Goldberg hat Dir nicht gesagt, dass er Dich liebt?« »Nein.«

»Das hast Du ja vorhin gestanden!«

»Ah, ich dachte – mein Gott, ich – ich dachte –!« Weiter konnte sie nicht vor Angst. Die Gräfin aber drang in sie: »Was dachtest Du? Ich will die volle Wahrheit hören!« »Ich dachte, du meintest – einen Anderen«, stieß Ida endlich hervor. Frau von Rallion wusste in diesem Augenblicke vor Schreck gar nicht, was sie denken und sagen solle. Erst nach einer Weile rief sie: »Einen Andern? Einen Andern, der Dich liebt?«

»Ja, liebe Tante.«

»Und den Du wieder liebst?«

»Ja, beste Tante.«

»Und der zu Dir von Liebe gesprochen hat?«

»So ist es!«

»Ah, ist es möglich, dass so etwas hinter meinem Rücken vorgeht! Bester Herr von Königsau, entschuldigen Sie! Sie sehen, dass es sich hier um sehr zarte und discrete Angelegenheiten handelt. Sie gestatten wohl, Sie morgen Vormittag zu empfangen.«

Gebhardt machte eine verbindliche Verbeugung und antwortete: »Gewiss, gnädige Frau. Also wünschen Sie, dass ich mich zurückziehe?« »Ich muss Sie leider darum ersuchen!«

»Wenn Sie es wünschen, muss ich gehorchen, obgleich ich glaube, dass gerade meine Gegenwart hier am Notwendigsten ist!« »Die Ihrige? Wieso?«

»Weil ich im Stande bin, Ihnen die nötige Aufklärung zu geben.« »Worüber?«

»Über das gegenwärtige Quiproquo. Ich bin nämlich dieser Andere.« »Welcher Andere?«

»Von welchem Mademoiselle Ida sprach.«

»Was? Der sie liebt?«

»Ja.«

»Und sie ihn wieder?«

»Gott sei Dank, ja!«

Er trat bei diesen Worten zu Ida heran, legte die Hand um ihre Taille, strich ihr mit der anderen Hand beruhigend über das reiche Haar und sagte: »Sei nicht ängstlich, meine Seele! Unsere liebe, gute Tante wird Dir das Missverständnis gern verzeihen.«

Jetzt hätte man das Gesicht der Gräfin studieren müssen. Erstaunen, Ärger, Freude und Zorn stritten sich auf demselben um die Herrschaft. Das Erstaunen behielt zunächst die Oberhand.

»Ihr Beide also liebt Euch?«, fragte sie.

»Ja, und dort die Beiden auch«, antwortete Königsau, indem er auf Hedwig und Goldberg deutete.

»Mit diesen Beiden werde ich nachher sprechen. Jetzt habe ich es mit Ihnen zu tun. Sie sagten doch, dass Sie eine Andere liebten.« »O nein, Madame. Ich habe keinen Namen genannt.« »Dann sagten Sie, dass Herr von Goldberg Ida liebe!« »Auch das nicht. Sie selbst haben ja erst vorhin bestätigt, dass ich ihn gar nicht genannt habe.«

»Mein Gott, da werde ich an mir selbst ganz irre. Was haben Sie denn überhaupt gesagt?«

»Dass ich von ganzem Herzen ein liebes, prächtiges Mädchen liebe. Und sodann habe ich gesagt, dass Ida auch liebt, und zwar einen deutschen Offizier.«

»Aber, warum haben Sie mir denn nicht sofort gesagt, dass Ihre Geliebte und Ida identisch sind?«

»Darf ich Ihnen die volle Wahrheit mitteilen, gnädige Frau?« »Ich bitte sehr energisch darum.«

»Ich bemerkte die Zuneigung, welche mein Freund Goldberg für Mademoiselle Hedwig hegte und sah, dass dieselbe erwidert wurde –« »Sie haben das wirklich bemerkt? Ich nicht!«

»Ich wusste das. Ebenso sah ich, dass sie sich liebten, ohne zur Klarheit, zu einem Resultate zu kommen. Das war Unrecht; das tötet die Liebe. Hier war ein Gewaltstreich nötig, und ich habe es gewagt, ihn auszuführen. Jetzt hat Herr von Goldberg gestanden, dass er Fräulein Hedwig liebt, und diese hat das Geheimnis ihres Herzchens verraten. Mein Zweck ist erfüllt. Ich bitte um gnädige Strafe!«

Die Anderen standen da und blickten einander an. »Garstiger!«, rief endlich Hedwig, die sich noch darüber ärgerte, dass sie über Goldbergs vermeintliche Untreue geweint hatte. »Intrigant!«, flüsterte Ida ihm zu, obgleich es ihr gar nicht wohl zu Mute war. Sie kannte ja den Inhalt des Gespräches nicht, welches er mit der Gräfin geführt hatte.

Diese Letztere wusste wirklich nicht, ob sie zürnen oder über die vorgekommenen Verwechselungen lachen solle. Sie fühlte sich ganz glücklich, dass ihr ursprünglicher Plan doch noch geraten sei, und war doch bös darüber, dass auch Goldberg eine Nichte für sich in Anspruch nahm. In diese Pause hinein erscholl Kunzens an Gebhardt gerichtete Frage: »Geheimniskrämer. Warum hast Du mir das verschwiegen?« »Unglückliche Liebe klagt, glückliche aber schweigt«, antwortete Königsau.

»Seit wann seid Ihr denn einig?«

»Gleich seit dem ersten Tage.«

»Unsinn!«

»Wirklich. Nicht wahr, Ida?«

Sie nickte mit dem Köpfchen. Da fragte auch die Gräfin: »Wirklich seit dem allerersten Tage?«

»Ja, gnädige Frau«, antwortete Gebhardt.

»Mein Gott, wie habt Ihr das denn eigentlich angefangen?« »Das wird Ihnen Ida unter vier Augen erzählen müssen. Wir waren eben für einander bestimmt.«

»Und sagtet Euch das hinter meinem Rücken!« Sie wollte beginnen wieder zornig zu werden; er aber drohte ihr scherzend mit dem Zeigefinger und sagte: »Die Vorherbestimmung war auch hinter unserm Rücken geschehen!«

Da endlich brach sie in ein herzliches Lachen aus. »Diese Jugend ist doch unverbesserlich. Niemand lernt sie durchschauen. Und glaubt man, einmal einen Aufrichtigen gefunden zu haben, so entpuppt er sich ganz unversehens als ein Intrigant comme il faut. Na, ich werde Euch Eure Strafe noch diktieren.«

Da ergriff Gebhardt ihre Hand und zog sie an seine Lippen. »Verzeihung, beste Gräfin!«, bat er. »Ich hatte Ida gesagt, dass ich sie über mein Leben lieb habe, aber ich hatte auch hinzugefügt, dass ich dieser Liebe erlauben werde, nur erst nach meiner Rückkehr von der Reise zu sprechen. Darum schwiegen wir. Ich wollte mir erst Ihre Achtung verdienen. Habe ich daran unrecht getan, so hoffe ich dennoch Gnade zu finden.« Da trat in ihr Auge ein feuchter Glanz, wie ihn selbst die Nichten noch nicht in demselben bemerkt hatten, und mit bewegter Stimme antwortete sie: »Ich verzeihe Euch Beiden. Es mag bei Dem, was Ihr besprochen habt, bleiben. Eure Liebe mag sich bewähren. Tut sie das, so soll sie ihren Lohn finden. Nun aber zu den beiden Andern! Also, Herr von Goldberg, Sie behaupten, meine Nichte Hedwig zu lieben?«

»Von ganzem, ganzem Herzen!«, antwortete er. »Und Du, Hedwig?«

Bei dieser trat sofort das ursprüngliche neckische Wesen hervor. »Ich? O, ich mag ganz und gar nichts von ihm wissen«, antwortete sie schmollend. »Warum nicht?«

»Er hat mich einen Irrwisch genannt.«

»Der bist Du auch!«, bestätigte die Tante.

»Sie aber hat mir versprochen«, fügte Goldberg bei, »dass aus diesem Irrlichte ein Stern werden solle, auf dessen sicheren, treuen Glanz ich mich verlassen könne.«

»Ist das wahr, Hedwig?«

Die Gefragte neigte das Köpfchen verlegen zur Seite, antwortete aber doch: »Ja, liebe Tante, das habe ich ihm versprochen.« »Und Sie glauben an dieses Versprechen, Herr von Goldberg?« »Wie an Gottes Wort, gnädige Frau«, beteuerte der Gefragte. »So sagen Sie mir zunächst, was Sie meiner Nichte zu bieten haben.« »Für jetzt ein Herz voll innigster Liebe und den festen Willen, mir eine Zukunft zu gründen, welche ihrer würdig ist.« »Suchen Sie dieses Ziel zu erreichen; dann wird auch Ihre Liebe nicht vergeblich sein. Wie schade, dass Sie kein Geograph sind!« »Ich kann in meiner gegenwärtigen Stellung ebenso Gutes wirken.« »Aber Sie konnten Herrn von Königsau begleiten. Ihr Name wäre dann mit einem Male berühmt. Das werden Sie doch einsehen.« »Madame mögen Recht haben, doch muss ich mit den Aussichten, welche sich mir bieten, fürlieb nehmen. Ich habe alle Hoffnung, Ihnen beweisen zu können, dass nun, da das Irrlicht verlischt und mein Stern mir aufgegangen ist, auch in Beziehung auf meinen Beruf mir Sterne aufgehen, deren Leitung ich mich anvertrauen kann.« –

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